Back to the homepage Prof. Dr. Walther Umstätter - / -
Dissertations - / -Back to UmFeld-Home   
Dissertation
Thema:

"Empfehlungen für die Fachinformationspolitik Vietnams unter Zugrundelegung einer Analyse von Stand und Entwicklung der Fachinformation europäischer Staaten"

zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil.
eingereicht am
Institut für Bibliothekswissenschaft
der Philosophischen Fakultät I
der Humboldt-Universität zu Berlin
 
von
Diplom-Bibliothekswissenschaftler

Pham Hong Son

geboren am 8. Juni 1955 in Hanoi/Vietnam
 

Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin: Prof. Dr. Marlis Dürkop

Dekan der philosophischen Fakultät: Prof. Dr. Herbst

Betreuer: Prof. Dr. Steffen Rückl

Gutachter:

  1. Prof. Dr. Steffen Rückl
  2. Prof. Dr. Walther Umstätter
  3. Prof. Dr. Hans-Jürgen Manecke
Berlin, 1996


VORWORT

Die vorliegende Arbeit habe ich mit großer Unterstützung von zahlreichen Personen angefertigt.

An dieser Stelle möchte ich zuerst meinem Betreuer, Prof. Dr. Steffen Rückl, Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin für die entscheidende Unterstützung danken.

Herrn Dr. Karl A. Stroetmann danke ich für die Unterstützung, die ich während meiner Studien in Köln erhalten habe.

Erwähnung verdienen außerdem die wertvollen Gespräche und die Unterstützung, die ich von Frau A. Ilijon, Commission of the European Communities und Herrn Dr. Löhner, Division of the General Information Program der UNESCO Paris, erhalten habe.

Schließlich danke ich allen Bibliotheken, die mir bei der Sammlung von Materialien behilflich waren, wobei ich besonders die Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin und die Bibliothek des Deutschen Bibliotheksinstituts nennen möchte.

Berlin, Juni 1996.     Pham Hong Son


INHALTSVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

1.1. Nationale Fachinformationspolitik

1.1.1. Bedeutung der Fachinformationspolitik
1.1.2. Begriffsdefinitionen Fachinformation und Fachinformationspolitik

1.2. Das Ziel der Arbeit

1.3. Problembeschränkung

1.4. Quellengrundlage

2. GEGENWÄRTIGE SITUATION DER FACHINFORMATION VIETNAMS UND DER FACHINFORMATIONSPOLITIK DER REGIERUNG

2.1. Fachinformationspolitik Vietnams

2.1.1. Fachinformationspolitik als Bestandteil nationaler Gesamtpolitik
2.1.2. Fachinformation und Wirtschaftsentwicklung
2.1.3. Ziele und Strategie
2.1.4. Modell Zentralisierung
2.1.5. Rolle des Staates
2.1.6. Staatliche Finanzierung
2.1.7. Eine umfassende Förderung ohne Schwerpunktsetzung

2.2. Fachinformation Vietnams

2.2.1. Wissenschaftliche Bibliotheken und Literaturversorgung
2.2.2. Fachinformationseinrichtungen und Fachinformationsvermittlung
2.2.3. Publikationswesen
2.2.4. Rahmenbedingungen für die Fachinformation
2.2.5. Internationale Zusammenarbeit

2.3. Die gegenwärtigen erheblichen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Vietnam als Voraussetzung für eine neue Fachinformationspolitik

3. ANALYSE EINIGER ASPEKTE DER FACHINFORMATIONS-SYSTEME UND DER FACHINFORMATIONSPOLITIK EUROPÄISCHER STAATEN IM HINBLICK AUF IHRE ÜBERTRAGBARKEIT AUF VIETNAM

3.1. Systeme der Fachliteraturversorgung

3.1.1. System der Fachliteraturversorgung der Bundesrepublik Deutschland
3.1.2. System der Literaturversorgung in Frankreich
3.1.3. System der Literaturversorgung von Großbritannien

3.2. Fachinformationsvermittlungssysteme

3.2.1. System der Fachinformationsvermittlung der Bundesrepublik Deutschland
3.2.2. Fachinformationsvermittlung in Frankreich
3.2.3. Fachinformationsvermittlung in Großbritannien

3.3. Rahmenbedingungen für die Fachinformation

3.4. Fachinformationsprogramme und Fachinformationspolitik

3.4.1. Fachinformationspolitik der Bundesrepublik Deutschland
3.4.2. Fachinformationsprogramme und Fachinformationspolitik Frankreichs
3.4.3. Fachinformationspolitik in Großbritannien

3.5. Transformationsprozesse des Fachinformationswesens in der ehemaligen DDR

3.5.1. Die Lage vor der Wende
3.5.2. Neue marktwirtschaftliche Strukturen in Ostdeutschland

4. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN FÜR DIE VIETNAMESISCHE FACHINFORMATIONSPOLITIK

4.1. Erhöhung der Investitionen für die Fachinformation durch Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen

4.1.1. Der Fachinformationsmarkt und die Beteiligung der nichtstaatlichen Unternehmen
4.1.2. Stärkung der gesellschaftlichen Finanzierung der Fachinformation

4.2. Intensivierung der Produktion, Sammlung und Nutzung von inländischen Fachinformationen

4.3. Überwindung der unzureichenden Versorgung mit Fachliteratur durch Dezentralisierung

4.4. Schaffung neuer attraktiver Produkte und Dienstleistungen für inländische Nutzer

4.4.1. Verstärkte Bedarfs- und Benutzerorientierung als neuer Gesichtspunkt
4.4.2.Datenbankproduktion
4.4.3. Informationsvermittlungsstellen

4.5. Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen für den Fachinformationsmarkt

4.5.1. Aufbau einer leistungsfähigen Telekommunikationsstruktur
4.5.2. Sicherung des Zugriffs der inländischen Nutzer auf ausländische Fachinformationen
4.5.3. Einrichtung eines Forschungsnetzes
4.5.4. Urheberrecht
4.5.5. Datenschutz
4.5.6. Standardisierung
4.5.7. Aus- und Weiterbildung
4.5.8. Überwindung der Informationsbarrieren von Sprachen

5. EINIGE VORSCHLÄGE ZUR REALISIERUNG DER VIETNAMESISCHEN FACHINFORMATIONSPOLITIK

5.1. Zulassung und Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen am Fachinformationsmarkt

5.2. Dezentralisierung des Literaturversorgungssystems

5.3. Neuorientierung der Informationsvermittlung

5.4. Die Abstimmungs- und Gesetzgebungsprozesse

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS


1. EINFÜHRUNG

1.1. Nationale Fachinformationspolitik

1.1.1. Bedeutung der Fachinformationspolitik
Die Entwicklung neuer Technologien und das Wachstum ökonomischer Dienstleistungen als Gegensatz zur handwerklichen Produktion sind zwei wichtige Kriterien, die zur sozial-ökonomischen Entwicklung der Welt in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts beitrugen (Montviloff 1990, S.7). In diesem Prozeß nahm die Bedeutung des wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wissens, das "eine wichtige Ressource für die Verbesserung von Lebens- und Berufschancen, für die Bewältigung aktueller und zukünftiger Probleme sowie für die internationale Konkurrenzfähigkeit" (BMFT 1985, S.9) jedes Landes ist, immer zu. Information wird als "Produktionsfaktor" der Wirtschaft und "Rohstoff" der Zukunft bezeichnet (Montviloff 1990, S.7).

Die Erkenntnis des Wertes von Informationen ist aber nur sehr langsam in das allgemeine sowie in das politische Bewußtsein gerückt. Erst seit kurzer Zeit wird der Information eigenständiger Wert beigemessen, wird sie als Baustein des Wissens erkannt. Erst Mitte der 70er Jahre wurde von "Informationsgesellschaft" und wenige Jahre später dann von "elektronischer Information" gesprochen (Mehrings 1990, S.15-16).

In der sog. Informationsindustrie (Roth/Schwuchow 1986, S.108) arbeitet heute etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen. Diese bemerkenswerten Veränderungen sind die Ursache dafür, daß sich die Regierungen der Welt stärker für die Informationstätigkeit interessieren. Sie forderten für die Informationstätigkeit eine nationale Priorität und die Etablierung einer entsprechenden nationalen Informationspolitik (NIP).

Die Formulierung einer Informationspolitik ist für die Gestaltung eines effektiven nationalen Fachinformationssystems von entscheidender Bedeutung. Die Fachleute für Informationspolitik, die dafür verantwortlich sind, müssen die "neuen Wege und Instrumente" der Informationserschließung und -versorgung beherrschen, um der nationalen Entwicklungsstrategie zu dienen (Montwiloff 1990, S.7). Sie müssen eine nationale Informationspolitik entwickeln, die Informationsressourcen erschließt und ökonomische, gesellschaftliche und politische Bedürfnisse befriedigt. Eine solche Informationspolitik muß vorausschauend und gründlich geplant sowie durch staatliche Programme und geeignete Maßnahmen unterstützt werden.

Die jeweiligen nationalen Informationspolitiken in den entwickelten Industrieländern kann man im allgemeinen in folgende Gruppen unterteilen:

Die Industrieländer formulierten ihre eigene nationale Informationspolitik sehr unterschiedlich und verbesserten und vervollkommneten sie ständig. Die Umsetzung der Informationspolitik führte zur Entstehung von Informationssystemen, die dazu dienen, Entwicklungskonzeptionen und -strategien aufzustellen und zu verwirklichen.

Vietnam begann im Jahre 1972 mit der Formulierung einer nationalen Informationspolitik (HDBT 1972, S.1-3). Von einer richtigen nationalen Informationspolitik im westlichen Sinne und einem funktionierenden Fachinformationssystem in Vietnam konnte und kann man noch nicht sprechen.

Es gibt in der nationalen Informationspolitik eine Reihe von Problemen zu lösen. So müssen verschiedene Prinzipien und Strategien verändert werden, um ein neues und effektives Fachinformationssystem zu gestalten. Hinzu kommt, daß diese nationale Informationspolitik nicht im Einklang mit den seit einiger Zeit in Vietnam und in der ganzen Welt vor sich gehenden Veränderungen steht. Es ist aber die Zeit der Neugestaltung auch der nationalen Informationspolitik Vietnams.

1.1.2. Begriffsdefinitionen Fachinformation und Fachinformationspolitik
Fachinformation
Der Terminus Fachinformation findet vorzugsweise in der Fachliteratur Deutschlands und Österreichs Anwendung. Im engeren Sinne wird Fachinformation als das Wissen definiert, das für die Bewältigung fachlicher Aufgaben in Beruf, in Wissenschaft und in Staat benötigt wird (BMFT 1990, S.4). Fachinformation unterscheidet sich von anderen Arten sozialer Information - populärwissenschaftlichen, publizistischen, ästhetischen, Alltagsinformationen - dadurch, daß das Verständnis ihrer fachlichen Inhalte beim Empfänger Fachkenntnisse voraussetzt, daß sie an Fachleute gerichtet ist und von diesen fachlich genutzt wird. Fachinformationen können statistische, volkswirtschaftliche, Planungs-, Handels-, Rechtsprechungsinformationen, medizinische, wissenschaftlich-technische, politische usw. Informationen sein.

Fachinformation umfaßt neben den Ergebnissen von Wissenschaft und Forschung auch in der Wirtschaft anfallende und im Wirtschaftsprozeß benötigte Informationen (z.B. Geld- und Kreditinformationen, Unternehmens- und Produktionsinformationen, Außenhandelsinformationen). Sie umfaßt auch im staatlichen Bereich (Bund, Länder und Gemeinden) verfügbare Informationen, die zur Erfüllung staatlicher Aufgaben benötigt werden (z.B. Statistik, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Umwelt, Arbeit und Soziales). Sie dient nicht nur staatlichem Handel, sondern stellt auch ein breites Informationsangebot für Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit dar (BMFT 1985, S.10).

Fachinformation wird auch als Tätigkeitsbereich definiert, in dem eine zunehmende Anzahl von Erwerbstätigen arbeitet. Die Fachinformation umfaßt drei typische Tätigkeitsbereiche:

Nicht in allen Ländern der Welt ist der Terminus "Fachinformation" gebräuchlich. Als Fachinformation wird z.B. in der englischsprachigen Fachliteratur der Terminus "scientific and technical information" (STI), in der russischsprachigen der Terminus "naucnaja i techniceskaja informazija", in der französischsprachigen der Terminus "information scientifique et technique" angewendet (Hill 1989, S. 7 ff.).

Als Fachinformation bezeichnete man in Vietnam anfangs nur die wissenschaftlich-technische Information (WTI), seit dem Ende der 80er Jahre auch die wissenschaftliche und technologische Information. Darunter wurden anfangs nur Informationen in Naturwissenschaft und Technik verstanden, am Beginn der 80er Jahre auch Informationen aus Sozialwissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung. Heute versteht man unter Fachinformation den gleichen Inhalt wie in der BRD, betont aber den technologischen Aspekt (HDBT 1972, S.2; Bo chinh tri 1981, S.44; Bo chinh tri 1991, S.2 ff.).

In Vietnam wird Fachinformation gleichzeitig als Tätigkeitsbereich definiert. Fachinformation ist eine organisierte Wissenschaftsaktivität zur Befriedigung von Bedürfnissen an WTI in Verwaltung, Forschung, Lehre, Produktion, nationaler Verteidigung usw., um den technischen Fortschritt anzuregen und die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Sie umfaßt folgende Tätigkeiten:

Fachinformationspolitik
Der Begriff Fachinformationspolitik (FIP) ist ein noch relativ junger Begriff. Seine theoretische Aufarbeitung befindet sich noch in der Diskussion (Montviloff 1990, S. 5).

In dem 1989 von der FID herausgegebenen Buch mit dem Titel "National information policies" wiederholt Michael Hill das Wort von John Martyn in der Eröffnung der FID-Konferenz zum gleichen Thema (1988). "Policy", so John Martyn, "is a statement of a specific goal or goals which are to be achieved, or to be pursued; a statement of the means by which realisation of the goals will be brought about; an assignment of the responsibilities for implementation of the means; and a set of rules or guidelines regulating the activity" (Hill 1989, S.3). Unter Politik versteht man häufig Prinzipien und Strategien, auf denen ein Aktionsprogramm zur Erfüllung der gestellten Ziele basiert. Politik wird auf unterschiedlichen Ebenen entwickelt und formuliert:

Politik ist in den sogenannten Politikinstrumenten dargestellt und verkörpert. Sie kann Formen annehmen als: Politik, die sich auf das Gebiet Fachinformation bezieht, ist Fachinformationspolitik. Sie liefert Leitlinien und Leitgedanken für die Aufstellung und Schaffung von Strategien und Programmen, um Informationsquellen, -dienstleistungen und -systeme zu entwickeln und zu nutzen (Montviloff 1990, S.7). Nationale Fachinformationspolitik ist Politik des Staates zur Gewährleistung optimaler Voraussetzungen und zur Gestaltung günstiger Rahmenbedingungen für die gewünschte Entwicklung der Fachinformation und ihrer Arbeitsgebiete. Sie ist durch jemanden ausgeübte wesentlich interessenorientierte und zielentsprechende Einflußnahme (staatspolitische Regulierung) auf Potential (Fachkräfte, Technik und Fonds), Struktur, Leistungsfähigkeit und Dynamik der Fachinformation als ganzes und ihre einzelnen Gebiete.

1.2. Das Ziel der Arbeit

Die vorliegende Arbeit versteht sich nicht als reine Grundlagendarstellung der Probleme zukünftiger nationaler Informationspolitik Vietnams. In erster Linie stellt sie sich das Ziel, Empfehlungen für die Fachinformationspolitik Vietnams in den kommenden 20 Jahren vorzuschlagen. Weiterhin sollen zur Neugestaltung der nationalen Informationspolitik Vietnams vor allem die mit der Informationspraxis verbundenen Fachleute und die auf dem Gebiet der Informationspolitik erfahrenen Spezialisten beraten werden, um zu gewährleisten, daß die Errungenschaften und die Erfahrungen europäischer Staaten auf diesem Gebiet in der zukünftigen Informationspraxis Vietnams effektiv angewendet werden können.

Grundlagen für diese Empfehlungen waren:

Die Entwicklungsländer und auch Vietnam haben meistens nur geringe Erfahrungen bei der Gestaltung und Realisierung einer nationalen Informationspolitik, die das Ziel hat, eine gewünschte und leistungsfähige Informationsinfrastruktur und ein nationales Informationssystem, das die ständig wachsenden Bedürfnisse zur Problemlösung in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung effektiver befriedigen kann, aufzubauen. Aber in den entwickelten Industrieländern liegen bereits erhebliche Erfahrungen vor, die auch in den Ländern der dritten Welt anwendbar sind.

Um die internationalen Erfahrungen in die nationale Informationspolitik Vietnams einzuführen, ist aber auch der Unterschied des Entwicklungsniveaus zwischen Vietnam und den EU-Staaten (repräsentiert durch BRD, Frankreich und Großbritannien) zu berücksichtigen. Während Deutschland, Frankreich und Großbritannien als führende entwickelte Industrieländer, die über große Potentiale auf vielen Gebieten verfügen, bezeichnet werden, ist Vietnam, wie auch andere Entwicklungsländer, durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

Die Analyse von Fachinformationsprogrammen und -systemen der oben genannten EU-Staaten zur Gewinnung internationaler Erfahrung ist aber nützlich und notwendig, weil man in Vietnam nichts schaffen kann, was z.B. die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands übersteigen würde und weil eine Reihe von Probleme aber auch ähnlich gelagert sind.

Als weitere Argumente dafür sind mindestens zu nennen:

Deutschland begann z.B. 1974 mit einem so großen Organisationskonzept für Information und Dokumentation, daß die Bundesregierung wenige Jahre später "müde" zu sein schien und die Bestrebungen nicht mehr mit gleichbleibender Intensität fortsetzte:

"Innerhalb von weniger als acht Jahren", so Thomas Seeger, "haben sich die Prämissen und Ansatzpunkte für staatliche Förderung erheblich gewandelt. Vom vielleicht recht idealistischen Ansatz, alles Wissen allen ohne Berücksichtigung der Kosten zugänglich machen zu wollen in einem Organisationskonzept, welches als zentralen Ansprechknoten die zuständige IuD-Stelle vorsah und Forschung und Ausbildung an Hochschulen angemessen berücksichtigte, ist nicht viel Übergreifendes übrig geblieben" (Seeger 1990, S.867).

In absehbarer Zeit können noch nicht alle internationalen Erfahrungen auf diesem Gebiet in der Informationspraxis Vietnams mit Erfolg umgesetzt werden. Sie bedarf geeignete und angemessene Voraussetzungen und Bedingungen. Durch die Abschaffung der streng zentral geleiteten Wirtschaft und die seit einiger Zeit in Vietnam stattfindende marktwirtschaftsorientierte Reorganisation und die sich als Folge daraus ergebenden tiefgreifenden und raschen Veränderungen haben sich Möglichkeiten zum Aufbau eines funktionierenden Informationssystems erheblich verbessert. Damit besteht die Hoffnung, daß die z.Z. noch bestehenden Unterschiede in der Effizienz in einem überschaubaren Zeitraum verkleinert bzw. abgebaut und verringert werden können. Unter diesen Bedingungen können die nationalen Erfahrungen in Vietnam auf Dauer gesehen immer besser genutzt werden.

1.3. Problembeschränkung

Ausführliche und allseitige Empfehlungen für eine nationale Informationspolitik sind eine schwierige Sache und übersteigen den Rahmen einer Dissertation, deshalb konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf Empfehlungen zu drei wesentlichen Aspekten der nationalen Informationspolitik: Es wird eine Analyse der nationalen Fachinformation und Informationspolitik Vietnams und eine Analyse von Stand und Entwicklung der ausgewählten EU-Staaten, unter besonderer Beachtung dieser drei Aspekte vorgenommen.

Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Deutschland, Frankreich und Großbritannien, weil dort die Probleme, die mit diesen drei Aspekten verbunden sind, mit Erfolg gelöst wurden und somit gut analysiert werden können.

Während der Analyse der gegenwärtigen Situation der Fachinformation und Informationspolitik Vietnams werden folgende Schwerpunkte besondere Beachtung finden:

Die Analyse konzentriert sich bei der Auswertung von Erfahrungen Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens auf folgende Schwerpunkte: Die Untersuchung von Voraussetzungen und Bedingungen für die Anwendung internationaler Erfahrungen orientiert sich auf die Veränderungen internationaler Beziehungen, insbesondere bei der Abschaffung von sozialistischen Systemen der Kommandowirtschaft (Planwirtschaft) und Tendenzen zur Marktwirtschaft, den Übergang zur Marktwirtschaft in Vietnam, die Schwierigkeiten, Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten.

Abschließend werden folgende Schwerpunkte beachtet:

1.4. Quellengrundlage

Grundlagen für die Analyse von Fachinformation und Fachinformationspolitik Vietnams waren retrospektive Literaturrecherchen, u.a.: Zu den für die Analyse benutzten Literaturquellen gehören: Die Analyse von Stand und Entwicklung der Fachinformation der EU-Staaten basierte auf sechs retrospektiven Literaturrecherchen: Als weitere Quellen wurden benutzt: Dokumentenanalysen, Studienaufenthalte bei der EU-Kommission in Luxemburg und der UNESCO in Paris, Diskussionen und Interviews.

2. GEGENWÄRTIGE SITUATION DER FACHINFORMATION VIETNAMS UND DER FACHINFORMATIONSPOLITIK DER REGIERUNG

2.1. Fachinformationspolitik Vietnams

Bisher gibt es in Vietnam keine einheitliche Definition für den Begriff "Nationale Informationspolitik". In den Diskussionen und in der Fachliteratur der IuD wurde und wird dieser Begriff sehr selten erwähnt bzw. erörtert.

Im Verlaufe der 30 Jahre der Entwicklung der IuD in Vietnam fanden drei nationale Konferenzen der WTI statt, deren Vorschläge und Empfehlungen Aufnahme fanden in verschiedene Anleitungsdokumente der Partei und Regierung für die Fachinformationsaktivität als nationale Fachinformationspolitik. Diese Dokumente bestimmten und regelten Entwicklungstendenzen, Ziele und Maßnahmen vietnamesischer Informationstätigkeit. Alles, was Partei und Regierung bezüglich der IuD getan haben, zeigt deutlich, daß Vietnam eine nationale Fachinformationspolitik hat. Dennoch befriedigte diese Informationspolitik nicht alle Bedürfnisse der Entwicklung des vietnamesischen WTI-Systems. Sie reagierte so langsam und schwach auf die zu lösenden Probleme der IuD, daß viele Fachleute der Meinung sind, daß eine Fachinformationspolitik in Vietnam noch nicht existiert. Es wurde verlangt (etwa auf der dritten vietnamesischen WTI-Konferenz im November 1991), daß die Regierung Vietnams eine nationale Fachinformationspolitik dringend entwickeln sollte (Nguyen Duy Thong 1991, S.47). Es wird die vielleicht recht idealistische Auffassung vertreten, daß eine nationale Informationspolitik, wenn sie erarbeitet wurde und dann existiert, die Lösung für alle Probleme bringt. Die gegenwärtig schon betriebene Fachinformationspolitik wird ignoriert.

Eigentlich würde man leicht akzeptieren, daß Vietnam schon eine Fachinformationspolitik hat, wenn die staatlichen Aufwendungen für WTI-Tätigkeit ausreichen würden. Die staatlichen Ausgaben für die WTI-Tätigkeit sind ganz und gar ungenügend und entsprechen nicht der Anerkennung der Bedeutung und Rolle der WTI, wie sie von vielen Spitzenfunktionären der Partei und Regierung wiederholt dargestellt wurde und sich in zahlreichen Anleitungsdokumenten von Partei und Regierung (Beschlüssen, Resolutionen, Anweisungen usw.) wiederfindet. In letzter Zeit wird immer mehr verstanden, daß eine Fachinformationspolitik aus Grundsätzen und Strategien besteht, die sich in staatlichen Programmen und notwendigen Maßnahmen umsetzen lassen, um ein nationales leistungsfähiges Fachinformations-System zu schaffen, das den Strategien der Wirtschaftsentwicklung erfolgreich dient (Dang Ngoc Dinh 1991, S.14ff.).

2.1.1. Fachinformationspolitik als Bestandteil nationaler Gesamtpolitik
Nach dem Sieg des Befreiungskampfes 1975 wurde das Land Vietnam wiedervereinigt. Überall in Vietnam war von Frieden und Hoffnung auf eine neue Zukunft die Rede. Selbstvertrauen und Optimismus beherrschten das Land. Besonders beim Wiederaufbau des Landes erwartete das Volk eine nahezu unvorstellbar schnelle Entwicklung, wie sie sich in Deutschland und in Japan vollzogen hatte. Beide Länder entwickelten sich nach dem 2. Weltkrieg innerhalb von drei Jahrzehnten von den zerstörten Ländern zu führenden Industriestaaten. Dabei stand Vietnam jedoch vor großen Schwierigkeiten.

Allein der 21 Jahre dauernde Krieg (1954-1975) hatte sehr große Verluste sowohl an Menschen als auch an Gütern für beide Landesteile Vietnams gebracht. Im Bericht des damaligen stellvertretenden Leiters der Plankommission, des ZK-Mitgliedes Nguyen Huu Mai, wurden die Kriegsschäden wie folgt geschätzt: Im Norden waren 6 große Städte von US-Flugzeugen bombardiert worden, davon wurden Vinh, Viettri und Thainguyen fast total zerstört; es waren 28 von 30 Provinzstädten bombardiert worden, von ihnen waren 12 Ruinenstädte. 96 von 116 Kreisstädten waren schwer bombardiert worden, 51 davon völlig zerstört. Über 12 Mio. Quadratmeter Wohnfläche waren zerstört worden. Alle Industriegebiete und Elektrizitätswerke waren schwer angegriffen und zum großen Teil zerstört worden. Das gesamte Eisenbahnnetz, alle Brücken, Häfen und anderen Verkehrseinrichtungen waren wiederholt bombardiert worden. Außerdem war dem Bericht zufolge in Südvietnam über eine Mio. Hektar Ackerland durch chemische Kampfmittel unbrauchbar geworden (insgesamt beträgt die landwirtschaftliche Anbaufläche in Südvietnam ca. 2,5 Mio. ha.). Hunderttausende von Zivilisten waren ums Leben gekommen, 935 000 verletzt, etwa 7 Mio. Menschen (fast ein Drittel der Einwohner Südvietnams) hatten die Kriegsgebiete verlassen und waren in die Großstädte geflüchtet. Bei Kriegsende gab es allein in Südvietnam über 3 Mio. Arbeitslose, das war ein Drittel der Arbeitskräfte im Süden (Nguyen Huu Mai 1977, S.7-24).

Zum Wiederaufbau des Landes brauchte Vietnam vor allem umfangreiche und langfristige Auslandshilfe und eine richtige Entwicklungspolitik, die sorgfältig, vorausschauend und gründlich entwickelt werden sollte. Heute sieht diese Politik ganz anders als am Anfang des Aufbaus von Sozialismus aus. Ein Merkmal der Politik Vietnams liegt darin, daß sie die Politik einer einzigen Partei ist. Staatliche Programme und Pläne waren im wesentlichen die Konkretisierung der KPV-Politik.

Das strategische übergeordnete Ziel der Gesamtpolitik bleibt nach wie vor bei der Verwirklichung des "Traums", eine sozialistische Gesellschaft in ganz Vietnam aufzubauen. Die Entwicklungsstrategie Vietnams wurde nach der Vereinigung des Landes so gewählt, daß das Volk die sozialistische Revolution im ganzen Land bei Überspringen der kapitalistischen Phase realisieren sollte. In der Gesamtpolitik haben Wirtschaftspolitik, Verteidigungspolitik und Außenpolitik jeweils großes Gewicht. In der Wirtschaft wollte Vietnam eine Planwirtschaft nach sowjetischem Muster aufbauen. Die materiellen Grundlagen für den Sozialismus sollten innerhalb von 3 bis 4 Fünfjahrplänen geschafft werden (Bo chinh tri 1981, S.10). Fehler in der praktischen Ausführung und Verwaltung, die unzulängliche Infrastruktur, der Mangel an Fachkräften, der Konflikt mit Nachbarländern, das US-Embargo, die fehlende Auslandshilfe usw. sind Gründe dafür, daß der Aufbau einer Planwirtschaft gescheitert ist. Das Überspringen der kapitalistischen Phase ist für Vietnam nicht möglich und nicht realisierbar. Seit 1986 verfolgt Vietnam eine Marktwirtschaft, in der Partei und Regierung einen Ausweg suchen wollen.

Mit fast einer Million aktiven Soldaten sollte Vietnam geschützt werden. Daneben sollten die Verteidigungskräfte zum Aufbau der Wirtschaft beitragen. Ihre geringe Effektivität und der hohe Aufwand sind für das arme Agrarland eine zu schwere Belastung.

Neben der Balancepolitik zwischen der Sowjetunion und China, die lange erfolgreich geführt wurde, wollte Vietnam eine Art "Westpolitik", vor allem mit den USA, betreiben. Das Ziel war es, das Verhältnis zu den USA zu normalisieren, eine Wiedergutmachung von den USA zu erhalten und das US-Embargo gegen Vietnam zu beseitigen. Als der Konflikt mit China entstand, verfolgte Vietnam eine sogenannte Politik der "Anlehnung an die UdSSR".

Wissenschaftspolitik, Kulturpolitik und Bildungspolitik spielten eine Nebenrolle in der Gesamtpolitik. Obwohl der Wissenschaft z.B. oft eine Schlüsselrolle in den Anleitungsdokumenten zugesprochen wurde, stellte ihr die Regierung nur wenig Mittel zur Verfügung, mit denen sie ihre Schlüsselrolle nicht spielen und ihre Aufgaben nicht erfüllen konnte (Bo chinh tri 1981, S.3-8; Bo chinh tri 1991, S.1-3). Wissenschaftspolitik wird als Bestandteil der Gesamtpolitik gesehen. Sie soll der Gesamtpolitik, vor allem der Erfüllung von Aufgaben der Wirtschaftsentwicklung, dienen. Es fehlte immer an engen Kooperationen zwischen Wirtschafts- und Wissenschaftsplanung (Bo chinh tri 1991, S.2).

Als Bestandteil der Wissenschaftspolitik wurde die Fachinformationspolitik formuliert mit dem Ziel, anfangs der Forschung und Entwicklung (FuE) und später auch der Wirtschaft und Staatsverwaltung zu dienen. Selbstverständlich war und ist sie ein völlig untergeordnetes Umfeld in der Gesamtpolitik des Landes (Bo chinh tri 1981, S.7; Bo chinh tri 1991, S.2 - Bo chinh tri = Politbüro der KPV).

Der Beschluß des KPV-Politbüros vom 30.3.1991 "Zur Wissenschaft und Technologie im Erneuerungswesen" war eine neue Bemühung, um die Wirtschafts- und Wissenschaftsplanungen besser miteinander zu koordinieren.

Als Rückkehr in die kapitalistische Entwicklungsphase baut Vietnam seit 1986 eine Marktwirtschaft auf, die sozialistisch orientiert werden soll. Mit einer solchen Veränderung sind viele Politiken, darunter auch die Informationspolitik, die im Zeitraum "Planwirtschaft" entwickelt wurde, heutzutage nicht mehr lebensfähig (Dang Ngoc Dinh 1991, S.9-10).

2.1.2. Fachinformation und Wirtschaftsentwicklung
Die Bedeutung der Fachinformation für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft werden allgemein anerkannt. Je informierter eine Gesellschaft ist, desto bessere Voraussetzungen hat sie für ihre Entwicklung (Dang Ngoc Dinh 1991, S.13).

In Vietnam sah man in der Fachinformation verhältnismäßig früh einen bedeutenden Faktor, der zur Erhöhung der Effektivität von Wissenschaft und Wirtschaft beitragen kann. In der Staatlichen Kommission für Wissenschaft und Technik (SKWT), ein staatliches Dachorgan, das für alle Fragen der Wissenschaft und Technik verantwortlich ist, behandelte man Anfang der 60er Jahre die Bedeutung der Informationsarbeit. Aufgrund von Empfehlungen der die wissenschaftlich-technische Tätigkeit im Ausland beobachtenden Fachleute traf die SKWT im August 1961 die Entscheidung, eine eigene Informationsabteilung zu gründen (Dang Ngoc Dinh 1991, S.9). Sie sollte Beratungsfunktionen für die SKWT in Informationsfragen wahrnehmen. Im Zeitraum 1961-75 wurde dann zwar die Informationstätigkeit in mehreren Ministerien, Wissenschafts- und Wirtschaftszweigen, in Hochschulen und Produktionsbetrieben organisiert und Schritt für Schritt erweitert, ihre Leistungen, sowohl für die Wirtschaft und die Verteidigung des Landes als auch für das Alltagsleben des Volkes, blieben gering.

Konfrontiert war die Fachinformationstätigkeit in der ersten Hälfte der 70er Jahre mit einer Reihe von Problemen: Zielsetzungen, Bestimmung von Arbeitsmethoden und Planungen, Aufbau eines einheitlichen nationalen WTI-Netzes, Erhöhung der Effektivität der WTI-Arbeit, Aus- und Fortbildung von Fachkräften für IuD usw. (HDBT 1972, S.5). Um Lösungen für diese Probleme zu finden, fand im März 1971 in Hanoi die erste vietnamesische WTI-Konferenz statt, aufgrund deren Empfehlungen der Beschluß der Regierung Vietnams vom 4.5.1972 "Zur Stärkung der WTI-Arbeit" verabschiedet wurde. Mit dem Beschluß wurde deutlich gemacht, daß WTI eine "besondere Bedeutung" hätte und eine staatliche Aufgabe sei.

Als Kernaussagen des Beschlusses sind festzuhalten:

Im Beschluß richtete sich die Aufmerksamkeit noch nicht besonders auf inländische Informationsquellen, sondern hauptsächlich auf die ausländische Fachinformation. Behandelt wurde damals die Information noch nicht als wichtiger Faktor zur Vorbereitung von Entscheidungen der Staatsverwaltung. Fünf Monate später verabschiedete die Regierung dann einen Beschluß, mit dem unter dem Namen "Zentrales Institut für WTI" (ZIWTI), (1990 in "Nationales Informationszentrum für Wissenschaft und Technologie" umbenannt) eine der wichtigsten Einrichtungen der WTI-Infrastruktur gegründet wurde. Diese Institution hatte damals die wesentliche Aufgabe, die Regierung und das ZK der KPV mit WTI, insbesondere mit sozial-ökonomischen Informationen zu versorgen (HDBT 1972, S.2). Dies kennzeichnete einen Fortschritt im Informationsbewußtsein von Partei und Regierung.

Die zweite vietnamesische WTI-Konferenz im Oktober 1977 richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der WTI-Politik (UNESCO 1978, S.7-8). Ihre Empfehlungen forderten, daß Partei und Regierung eine neue WTI-Politik entwickeln sollten, um ein nationales WTI-System, in dem die einzelnen Elemente enger als im vorhandenen Informationsnetz zusammenarbeiten und koordiniert werden, aufzubauen. Wegen der Kriege im Süden mit Kambodscha und im Norden mit China (1978-79) mußte eine solche Politik aufgeschoben werden. Statt dessen hat das Politbüro im April 1981 den Beschluß "Zur Wissenschafts- und Technologiepolitik" gefaßt. Der Beschluß hat die Informationstätigkeit in einem kurzen Abschnitt behandelt. Hierbei ging es um Rolle, Ziel, Aufgaben und Entwicklungsrichtung der Informationsarbeit. WTI wurde als ein besonders wichtiger Bestandteil des wissenschaftlich-technischen Potentials, als ein Hilfsmittel zur Verkürzung des Forschungs-Produktions-Prozesses und als ein Hilfsmittel zur Qualitätserhöhung von Verwaltungsentscheidungen in Staat und Wirtschaft gesehen (Bo chinh tri 1981, S.43). Information wurde aber weder als Produktionsfaktor noch als Rohstoff der Zukunft gesehen.

Erst 1985, d.h. 8 Jahre nach der 2. WTI-Konferenz, hat die SKWT die Anweisung verabschiedet, in der das ZIWTI beauftragt wurde, einen Plan zum Aufbau eines vietnamesischen WTI-Systems zu erarbeiten. Unter den Fachkräften der IuD, insbesondere auf der dritten nationalen WTI-Konferenz im Jahr 1991, wurde die Information als eine strategische Quelle zur Entwicklung des Landes betrachtet und behandelt (Doan Phuong 1991, S.7; Dang Ngoc Dinh 1991, S.13). Eine solche Auffassung findet sich aber nicht in den Anleitungsdokumenten von Partei und Regierung. In der Realität entwickelt sich in Vietnam das gesellschaftliche Informationsbewußtsein noch viel zu langsam. Sogar viele verantwortliche Leiter von Branchen der Wirtschaft und Technik, die direkt entscheiden, in welchem Umfang Fachinformation anzuwenden ist und wieviel Geld für sie ausgegeben werden soll, erkennen den Wert von Wissenschaft und Technik bzw. der Fachinformation nicht (Bo chinh tri 1981, S.7).

Ein Widerspruch und eine Unstimmigkeit beherrscht die Informationslandschaft Vietnams. Einerseits brauchen Gesellschaft und Volkswirtschaft beim Übergang zur Marktwirtschaft mehr Fachinformationen, die für die Lösung von Problemen ihrer Transformation benötigt werden. So z.B. braucht jeder Betrieb qualitativ hochwertige, aktuelle und vollständige Informationen, um wettbewerbsfähig zu sein. Andererseits wird die Fachinformation nicht oder wenig genutzt oder sogar abgelehnt (Dang Ngoc Dinh 1991, S.13).

Zusammenfassend besteht in Vietnam eine Diskrepanz zwischen den wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen an die Fachinformation und dem wenig entwickelten Informationsbewußtsein, vor allem bei den verantwortlichen Leitern in Wirtschaft und Gesellschaft bis hin zu Parteiführung und Regierung.

2.1.3. Ziele und Strategie
Die Gesamtpolitik Vietnams zum Aufbau des Sozialismus hat besonders in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen in der Entwicklungsstrategie erfahren, ohne daß dieser Prozeß bis heute abgeschlossen ist. Dabei sind besonders wichtig die Veränderungen in der Strategie der Wirtschaftsentwicklung.

Die nationale Priorität lag ursprünglich (1960-75) im Umfeld der Schwerindustrie, später (1976-85) aber in der Landwirtschaft und Leichtindustrie. Die Planwirtschaft nach sowjetischem Muster mit großen Projekten, hochgesteckten Zielen und der Kollektivierung der Landwirtschaft konnte Vietnam nach fast 30 Jahren nicht mehr weiter verfolgen. Um einen Ausweg aus der allseitigen und ernsthaften Gesellschaftskrise zu finden, baut man seit 1986 die Marktwirtschaft, die sozialistisch orientiert ist, auf. Dabei verfügen Partei und Regierung aber weder über eine theoretische Basis noch über praktische Erfahrungen.

Die Fachinformationspolitik muß sich, entsprechend den Veränderungen der Gesamtpolitik, ebenfalls ändern, weil sie Bestandteil der Gesamtpolitik ist. In der früheren Entwicklungsstrategie setzte sich die vietnamesische Fachinformationspolitik zum Ziel:

Zur Lösung von Problemen in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung richtete sich die Aufmerksamkeit der Fachinformationspolitik in Vietnam selbstverständlich auf Informationsquellen der sozialistischen Länder, vor allem der UdSSR. Ausnutzung der allseitigen Hilfe und Unterstützung von brüderlichen Ländern war Entwicklungsstrategie der vietnamesischen Fachinformationspolitik. Die geringe finanzielle Fähigkeit und die Knappheit von freien Devisen war Nebengrund dafür, daß man kostspielige Informationsquellen aus den kapitalistischen Ländern fast außer Acht ließ.

Das konkrete Ziel der damaligen Fachinformationspolitik war:

Der Aufbau der Marktwirtschaft im Zusammenhang mit der Weltwirtschaft und die allseitige Rückständigkeit des Landes stellen Vietnam vor Herausforderungen, die in Wirtschaft und Staat in steigendem Maße Entscheidungen verlangen, die auf benötigten Informationen, zuverlässigen Grundlagen und neuen Erkenntnissen aufbauen.

Gegenwärtige Ziele der Gesamtpolitik, die derzeit noch nicht vollständig erarbeitet und nicht stabil sind, sind die Stabilisierung und Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, der Ausweg aus Armut und Rückständigkeit, die Verbesserung der Lebensbedingungen sowie die Stärkung und Verbesserung der Außenbeziehungen, um mehr Entwicklungshilfe zum Wiederaufbau des Landes zu erhalten (Bo chinh tri 1991, S.4).

Die frühere Fachinformationspolitik, die im Zeitraum der "Planwirtschaft" erarbeitet wurde, ist derzeit nicht mehr lebensfähig und hat ihre Führungsfunktion für die WTI-Tätigkeit verloren (Dang Ngoc Dinh 1991, S.9). In der Wartezeit auf eine neue nationale FIP läuft die WTI-Aktivität Vietnams unter den Empfehlungen, die die 3. WTI-Konferenz 1991 gegeben hat.

Das strategische Ziel vietnamesischer Fachinformation, so die dritte WTI-Konferenz, ist eine umfassende Verfügbarkeit von aus- und inländischen Fachinformationen für die Formulierung und Verwirklichung von sozial-ökonomischen Staatsprogrammen, für die Stärkung der Verteidigungskraft und für die FuE-Staatsprogramme, um eine Beschleunigung des technischen Fortschritts, die Entwicklung von Strategien und die Vorbereitung von Entscheidungen in der Verwaltung und Leitung zu gewährleisten (Dang Ngoc Dinh 1991, S.13 ff).

Für die Zeit bis zum Jahr 2000 stellt sich die vietnamesische Fachinformation folgende konkrete Ziele:

     IN für Staatsverwaltung und Entscheidungsvorbereitung,
IN für Industrieentwicklung und Technologietransfer,
     IN für FuE,
     Datenbanken über Literaturquellen,
Datenbanken über fundamentale Untersuchungen der natürlichen und gesellschaftlichen   Bedingungen,
     Datenbanken über Industrieproduktionspotential,
Datenbanken für Außenhandel,
2.1.4. Modell Zentralisierung
Auch das vietnamesische WTI-System wurde nach sowjetischem Muster aufgebaut. Im allgemeinen besteht dies aus den Informationsstellen, wissenschaftlichen Fachbibliotheken und wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken (Abb. 1).

Die vorhandenen Informationsstellen umfassen alle Branchen der Wirtschaft und Wissenschaft. Sie sind flächendeckend von der zentralen Ebene bis zu den Provinzen.

Auf der zentralen Ebene wurden drei IuD-Institutionen gegründet:

Diese drei Institutionen unterstehen der SKWT und haben die allgemeine Aufgabe, den Bedarf an WTI des ganzen Landes, vor allem auf zentraler Ebene zu decken.

Abb. 1: Nationales WTI-System Vietnams

In den jeweiligen Ministerien und Staatskommissionen, also in den Branchen der Wirtschaft und Wissenschaft, wurden Informationsstellen gegründet, die zumeist die Bezeichnung "Informationszentrum" tragen. Sie stehen im Verantwortungsbereich der jeweiligen Ministerien und dienen der Erfüllung von Planungsaufgaben und der FuE des jeweiligen Ministeriums, aber theoretisch auch der anderer Ministerien und Branchen.

Auf regionaler Ebene etablierte jede Provinz ihre Informationsstelle, die in der Provinzkommission für Wissenschaft und Technik angesiedelt ist. Die Provinzinformationsstellen (PIS) dienen der Erfüllung von sozial-ökonomischen Aufgaben, der Abdeckung von WTI-Bedarf und der Erhöhung des Wissensniveaus der Bevölkerung innerhalb der Provinz. Sie werden in Fragen der Planung vom Provinzamt geleitet und von diesem finanziert.

Die Großbetriebe, Forschungsinstitute und Hochschulen haben eigene Informationsabteilungen eingerichtet, die Fachliteratur und -informationen für den internen Bedarf sammeln und der Erfüllung ihrer Forschungs- und Produktionsaufgaben dienen sollen.

In allen Branchen der Wirtschaft und Wissenschaft wurden wissenschaftliche Fachbibliotheken (WFB) etabliert. Sie üben die Funktion aus, das ganze Land, insbesondere ihre jeweiligen Branchen mit Fachliteratur zu versorgen. Sie sollen den Literaturbedarf des ganzen Landes auf ihrem Fachgebiet decken. Die wichtigsten von ihnen sind:

Wissenschaftliche Allgemeinbibliotheken wurden von Provinzen und Bezirken gegründet und den jeweiligen Kultur-Kommunikationsämtern der Provinzen angeschlossen. Sie sind die Zentralbibliotheken der Provinzen und versorgen die Bezirke mit Literatur. Die wichtigste der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken ist die Staatsbibliothek als Dachorgan der Bibliotheken dieser Art.

Zu den wissenschaftlichen Fachbibliotheken gehören Bibliotheken von Universitäten und Hochschulen, Forschungsinstituten und Großbetrieben. Sie werden als "Bibliothek der Basiseinheiten" bezeichnet. Aufgrund ihrer großen Bestände sind viele, z.B. die Universitäts- und Hochschulbibliotheken, von großer Bedeutung. Die Bibliotheken dieser Art richten ihre Tätigkeit hauptsächlich auf die Erfüllung von Aufgaben ihrer Trägerinstitutionen.

Die Problematik des Modells der "Zentralisierung" liegt darin, daß nur Fachinformationsstellen und Fachbibliotheken der zentralen Ebene stark vom Staat finanziert werden. Die Provinzinformationsstellen und -bibliotheken hat man außer Acht gelassen. Sie wurden von den Provinzen (also indirekt vom Staat) zu schwach gefördert und finanziert. Als "Sparlösung" war gedacht, daß die privilegiert vom Staat geförderten Fachinformationsstellen und -bibliotheken Literatur und Fachinformationen schnell und problemlos an die Provinzen liefern können.

Die Folge ist, daß die Ressourcen des nationalen WTI-Systems sehr deproportional territorial verteilt worden sind. So liegen in Hanoi nicht nur die wichtigsten und größten Informationseinrichtungen und Bibliotheken der zentralen Ebene, sondern auch alle zentralen Informationsstellen und Bibliotheken der Fachgebiete Wirtschaft und Wissenschaft, die als die stärksten im nationalen WTI-System bezeichnet werden können. Ein ähnliches Bild kann man für die Universitäts- und Hochschulbibliotheken zeichnen. Allein in den drei Großstädten Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) und Haiphong befinden sich 49 von 109 Universitäts- und Hochschulbibliotheken.

Für das sehr große übrige Territorium müssen - bei einem unentwickelten und rückständigen Postsystem - die 43 Provinzinformationsstellen und -bibliotheken sorgen. Der Mangel an Literatur, Fachpersonal und Technik (siehe Unterpunkt 2.2.1. und 2.2.2.) ist in den Provinzen vorprogrammiert.

2.1.5. Rolle des Staates
Das vietnamesische WTI-System ist staatliches Eigentum. Es gab Projekte internationaler Kooperation, in denen die Fachinformation Vietnams sehr große Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland (aus den früheren sozialistischen Ländern, insbesondere der Sowjetunion, sowie aus Frankreich, Schweden, von der UNESCO usw.) erfahren hat, um die Infrastruktur der IuD zu stärken und Fachpersonal dafür auszubilden. Außer dieser internationalen Unterstützung ist die Fachinformation Vietnams lediglich auf den Staatshaushalt angewiesen. So finanziert der Staat: Die dominierende Rolle des Staates liegt nicht nur darin, daß die Objekte der WTI-Infrastruktur sein Eigentum sind, sondern auch darin, daß die WTI-Stellen und Bibliotheken unter allseitiger Kontrolle des Staats stehen, sowohl bezüglich der Planung, Ausbildung und Ernennung von Fachkräften als auch der Finanzierung und der internationalen Kooperation. Es gibt bislang im nationalen WTI-System keine privatwirtschaftlichen Informationsstellen.

Die Elemente des nationalen WTI-Systems wurden jeweils durch Anweisungen der Regierung oder der von der Regierung beauftragten Institutionen geschaffen. Die Regierung und ihre beauftragten Institutionen bestimmen Ziele, Aufgaben, Arbeitsgebiete, Entwicklungsrichtungen usw. der jeweiligen Bestandteile des nationalen WTI-Systems. Im Auftrag des Staates verwaltet das ZIWTI nach dem Prinzip "zentraler Planung" die WTI-Tätigkeit des ganzen Landes. Das ZIWTI kontrolliert die Erfüllung der jährlichen Aufgaben der WTI-Einrichtungen, die von unten geplant und von oben durch die Regierung genehmigt wurden.

Auch Literaturproduktion und Buchhandel verkörpern die dominierende Rolle des Staates. Während in der Wirtschaft und dem Außen- und Binnenhandel seit einigen Jahren einige vom Staat zugelassene Privatunternehmen bestehen, gibt es noch keine Privatunternehmen und -verlage in der Literaturproduktion. Mit der Auffassung, daß Literatur eine wichtige ideologische Waffe ist und daß die Publikationstätigkeit ein Monopol des Staates sein soll, erlaubt der Staat auf diesem Gebiet keine Privatunternehmen. Vietnams Verlage, die entweder direkt oder indirekt vom Staat finanziert werden, geben jährlich im internationalen Vergleich nur Literatur heraus, die vom Kulturministerium zugestimmt wurde und die zum größten Teil aus Schulbüchern und Veröffentlichungen der Politik besteht (siehe Unterpunkt 2.2.3.). Die Produktion von Fachliteratur wird unzureichend finanziert, so daß derzeit von einem Mangel an inländischen Informationsquellen sprechen muß.

Beim Import ausländischer Fachbücher und Zeitschriften spielte der Staat die Hauptrolle. Wegen der Kostspieligkeit der ausländischen Literatur mußte er nicht nur Erwerbungskosten der Bibliotheken und IuD-Stellen tragen, sondern auch große Subventionen leisten, damit die XUNHASABA, die von ihm beauftragte Organisation für Ex- und Import von Literatur, eine Reihe von ausländischen Büchern und Zeitschriften an das WTI-System liefern konnte.

Der Staat ist in seiner dominierende Rolle "sehr müde" geworden. Der Finanzierungsbedarf aller WTI-Stellen und Bibliotheken insgesamt übersteigt seine Möglichkeit. Die staatlichen Aufwendungen nahmen seit mehreren Jahren immer mehr ab, so daß heutzutage die WTI-Tätigkeit fast stagniert. Besonders lehnt der Staat seit 1989 seine Rolle und die Verantwortung beim Literaturimport dadurch ab, daß er keine Subventionen mehr dafür bereitstellt. Aufgrund des Mangels an finanziellen Quellen und freien Devisen kann das nationale WTI-System kaum Fachliteratur aus dem Ausland importieren.

Deswegen versuchen die IuD-Einrichtungen durch die sogenannte Erneuerung von Methoden der WTI-Tätigkeit sich andere finanzielle Quellen zu schaffen. Informationsservices in Form von Verträgen sind ein Versuch dieser Art.

2.1.6. Staatliche Finanzierung
Finanzierung durch den Staat - eine schwache Quelle
Die staatlichen Aufwendungen für die WTI-Tätigkeit hängen von FuE-Aufwendungen ab, weil die Fachinformationspolitik Bestandteil der Wissenschaftspolitik ist. Es ist notwendig, die staatlichen Aufwendungen für WTI im Bezug auf FuE-Aufwendungen zu analysieren. Internationale Vergleiche in dieser Sache können die Finanzierungserfordernisse für die Fachinformation deutlicher machen.

In vielen Staaten werden Wissenschaft, FuE und Fachinformation als Produktivkraft oder Konkurrenzfaktor bezeichnet. Um weltweit wettbewerbsfähig zu sein, haben z.B. die führenden Industriestaaten der westlichen Welt ihre Aufwendungen für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in den 70er Jahren drastisch erhöht. So lagen die FuE-Aufwendungen im Jahr 1970 in Japan und in Deutschland noch bei etwa 2% und in den USA bei etwa 2,5% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Sie erhöhten sich im Jahr 1989 auf knapp 3%. In absoluten Zahlen bedeuten diese Steigerungen für die USA und Deutschland eine Vervierfachung und für Japan eine Versechsfachung der nationalen FuE-Aufwendungen (BMFT 1990, S.8).

Leider kann man in den offiziellen vietnamesischen Publikationen keine Angaben darüber finden, wieviel Prozent des Bruttosozialproduktes (BSP) jährlich in Vietnam für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aufgewendet werden. Der Anteil der FuE-Aufwendungen liegt vermutlich bis zum Jahr 1981 weit unter 2% des BSP. Obwohl Partei und Regierung diese Situation gründlich und drastisch verbessern wollten, hat der Beschluß des KPV-Politbüros vom 20.4.1981 "Zur Wissenschafts- und Technologiepolitik" die Steigerung der FuE-Aufwendungen auf 2% des BSP vorgeschlagen (Bo chinh tri, 1981, S.42). Gleich nachdem dieser Beschluß verabschiedet wurde, lagen die FuE-Aufwendungen sehr weit hinter dem "Ziel" 2% des BSP zurück (siehe Tab. 1). Mit 0,51% des BSP für FuE-Aufwendungen kann das Jahr 1985 als das Rekordjahr zur Verwirklichung des Beschlusses gesehen werden. Sie lagen in den Jahren 1986-88 0,04-0,07% des BSP, also fast 10 mal niedriger als im Jahr 1985. Im Jahr 1991 verabschiedete die Partei einen neuen Beschluß "Zur Wissenschaft und Technologie im Erneuerungswesen", nach dem Wissenschaft und FuE vom Staat stärker finanziert werden müssen. Das Ziel für die Bemühung ist erneut mit 2% des BSP für FuE-Aufwendungen (Bo chinh tri 1991, S.7) festgeschrieben worden.

Ähnlich ist der Fall bei den WTI-Aufwendungen. Obwohl die SKWT im Auftrag des Staates 5% der FuE-Aufwendungen für die WTI-Tätigkeit vorgesehen hat, betrug die Anzahl der WTI-Aufwendungen in den Jahren 1985-88 nur etwa 2,1-2,7% der FuE-Aufwendungen, das heißt nur ca. 50% des angestrebten Ziels. Im Zeitraum 1989-90 nahmen die WTI-Aufwendungen auf nur etwa 1,2-1,3% der FuE-Aufwendungen ab.

Tab. 1: Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und für WTI-Tätigkeit.

Wenn man die drastisch steigende Inflation in dieser Zeit in Rechnung stellt, sind die Aufwendungen für FuE sowie für WTI in der Tat noch weiter zurückgegangen. So lagen die FuE-Aufwendungen im Jahr 1986 bei etwa 13% der FuE-Aufwendungen des Jahres 1985, 1987 bei 6,3%, 1988 bei 9,2%. Und im Vergleich zum Jahr 1985 gingen die WTI-Aufwendungen im Jahr 1986 auf 14,9%, 1987 auf 7,9% und 1988 auf 11,9% zurück.

Die Mittel, die die Regierung für FuE sowie für WTI ausgegeben hat, blieben einerseits weit hinter dem Ziel zurück und nahmen in der Realität andererseits immer mehr ab. Im internationalen Vergleich sind diese Aufwendungen sowohl für die FuE aber auch für die WTI als unzureichend anzusehen. Bei der drastisch steigenden Inflation reichen sie für das nationale WTI-System, das immer mehr Aufgaben übernehmen muß, nicht aus.

Hauptinstrument: Hilfe aus den sozialistischen Ländern
Vieles, was das nationale WTI-System zur Existenz und Entwicklung braucht, übersteigt die Möglichkeiten des Staates. In der Vergangenheit konnte sich Vietnam auf Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland, vor allem von den sozialistischen Bruderstaaten stützen. Diese halfen bei allen Fragen des nationalen WTI-Systems Vietnams, bei der Aus- und Fortbildung, bei den Methoden der Organisation und Verwaltung des nationalen WTI-Systems, bei der technischen Ausstattung und bei der Literaturversorgung.

Als ein Weg zur Verbesserung der WTI-Tätigkeit hat die Regierung Vietnams zahlreiche Studenten in die Bruderländer geschickt. Nach dem Studium übernahmen diese Absolventen wichtige Funktionen im nationalen WTI-System als Leiter, Abteilungsleiter, Hochschullehrer, Fachkräfte usw.

Seit Mitte der 70er Jahre ist Vietnam selbst in der Lage, Bibliothekare und Dokumentare auszubilden. Die Lehrmaterialien richten sich nach dem sowjetischen Vorbild und treffen zumeist - obwohl sie ergänzt und verbessert wurden - nicht Probleme, mit denen die Fachinformation Vietnams konfrontiert ist.

Wegen der relativ schnellen Herausbildung eines flächendeckenden nationalen WTI-Netzes mußten die Informationsstellen zahlreiche Personen als Arbeitskräfte aufnehmen, die für andere Fachgebiete ausgebildet worden waren. Kurze vierwöchige Informations-Kurse, in denen praxisorientierte Grundlagenkenntnisse der IuD vermittelt wurden, wurden seit Mitte der 70er Jahre durch das ZIWTI in Hanoi wie auch in anderen Provinzen organisiert, um auf diese Situation zu reagieren. In der Anfangszeit basierten solche Kurse auf sowjetischen Lehrmaterialien, die von dem Institut für Qualifikation von Informationsmitarbeitern (IPKIR) in Moskau erarbeitet wurden.

Vietnam hat die höhere Ausbildungsqualität des Auslands erfolgreich genutzt: Neben zahlreichen Informationsmitarbeitern, die in den sozialistischen Staaten ausgebildet wurden, gibt es auch viele Fachkräfte, die durch die Unterstützung der UNESCO und Frankreichs die Chance hatten, sich in kapitalistischen Ländern zu qualifizieren.

Vietnam hat auch technische Ausrüstung für Bibliotheken und WTI-Stellen aus dem Ausland bekommen. Besonders groß war in den letzten Jahren die Hilfe durch die UNESCO. Das ZIWTI wurde durch ein UNDP-Projekt der UNESCO mit von moderner Informationstechnologie ausgestattet. Bezüglich der technischen Ausstattung ist die Auslandshilfe größer als die staatliche Finanzierung zu bewerten.

Sowjetunion als Hauptliteraturlieferant
Die vietnamesische WTI basierte und basiert im wesentlichen auf ausländischen Literatur- und Informationsquellen. Die Abhängigkeit von ausländischen Informationsquellen ist für Vietnam gegenwärtig unvermeidbar.

Gründe dafür sind vor allem das unterentwickelte Niveau des Wissenschaftsbereiches und die unzulängliche Infrastruktur des Publikationswesens. Bis jetzt steht der Wissenschaftsbereich Vietnams am Anfang seiner Entwicklung. FuE fand tatsächlich erst in den letzten 20 Jahren statt. Dazu kommen die geringen staatlichen Aufwendungen, der Mangel an Fachkräften und Forschungsmitteln. Dies konnte selbstverständlich nur zu wenigen Forschungsergebnissen führen.

Die unterentwickelte Publikations-Infrastruktur schränkt die Möglichkeiten der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen ein. Folge ist, daß Vietnam Mangel sowohl an Informationen über wissenschaftlich-technische Errungenschaften der Welt, als auch an Untersuchungsergebnissen von vietnamesischen ökonomischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten hat.

In dieser Situation sind ausländische Fachliteratur und -information dringend erforderlich und in der Tat als Hauptliteraturquellen zu bezeichnen. Die Verträge zur kulturellen Kooperation, die Vietnam und die früheren sozialistischen Staaten abgeschlossen hatten, stellten eine große und starke Unterstützung für Vietnam dar. Vietnam konnte auch mit seiner Währung wissenschaftlich-technische Bücher und Zeitschriften zu einem niedrigen Preis einführen. Durch Tausch und Geschenke erhielt Vietnam ebenfalls eine gewisse Menge von ausländischen Büchern und Zeitschriften.

Nach den statistischen Zahlen des ZIWTI nimmt die ausländische Fachliteratur zur Zeit über 90% des Gesamtbestandes des nationalen WTI-Systems ein. Davon sind mehr als 60% sowjetische Bücher und Zeitschriften, die damit als Hauptliteraturquelle zu betrachten sind.

2.1.7. Eine umfassende Förderung ohne Schwerpunktsetzung
Die staatliche Förderung Vietnams erfolgt durch Planungsprozesse. Nach den Finanzierungsregelungen, die vom Finanzministerium im Jahr 1974 erlassen wurden, sollen die Ministerien und anderen Träger von Bibliotheken und WTI-Stellen in ihren Jahresplänen finanzielle Mittel für die FuE und WTI vorsehen. Im einzelnen sollten folgende Positionen detailliert aufgeschlüsselt werden: Die Jahrespläne sollen bei der SKWT spätestens bis Ende September des Vorjahres vorliegen. Sie werden von der SKWT in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Plankommission und dem Finanzministerium erarbeitet und genehmigt. Finanziert werden die WTI-Einrichtungen und Bibliotheken nicht bezüglich ihrer tatsächlichen Finanzbedürfnisse, sondern sie hängen von den häufig sehr knappen finanziellen Mitteln ab, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden.

Die Fachinformationsstellen und -bibliotheken auf zentraler Ebene werden dabei privilegiert gefördert. Dies erfolgt jedoch ohne Schwerpunktsetzung, weil diese Fachinformationsstellen und Fachbibliotheken gleichmäßig gefördert werden. Außerdem besteht keine regionale Zentralstelle der WTI, die staatlich ausreichend unterstützt wird.

2.2. Fachinformation Vietnams

2.2.1. Wissenschaftliche Bibliotheken und Literaturversorgung
Wissenschaftliche Bibliotheken
In Vietnam besteht bereits ein Netzwerk von wissenschaftlichen Bibliotheken, das sich über das ganze Land erstreckt und das in jeder Provinz mindestens eine zentrale Einrichtung besitzt. Die wissenschaftlichen Bibliotheken dieses Netzwerks übernehmen die Verantwortung, für die Benutzer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Staat den Zugang zu gedruckten Fachinformationen des Landes und der Welt und damit zum Wissen der Welt zu öffnen. Im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Infrastruktur spielen sie damit eine Schlüsselrolle.

Die größten Bibliotheken, die im Mittelpunkt staatlicher Förderung - sowohl bei technischer Ausstattung als auch beim Erwerbungsetat - stehen und die Grundlage für die Literaturversorgung des ganzen Landes sein sollen, sind die Staatsbibliothek, die ZWTB und die Sozialwissenschaftliche Bibliothek.

Die Staatsbibliothek
Die Staatsbibliothek (SB) wurde von der Regierung Frankreichs im Jahr 1919 unter dem Namen "Bibliothèque générale de l´Indochine" gegründet. Nachdem die Demokratische Republik Vietnam am 2.9.1945 entstand, erhielt sie gemäß einer Anweisung der Regierung am 31.1.1946 den heutigen Namen. Sie befindet sich im Verantwortungsbereich des Kulturministeriums und hat den Auftrag, die gesamte vietnamesische Literatur und die fremdsprachige Literatur, die das Land Vietnam betrifft, zu sammeln. Daneben sammelt sie seit 1960 auch ausländische Literatur, die der Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft des Landes und der internationalen Kooperation in der Kultur dient.

Als größte Bibliothek verfügt sie über einen Buchbestand von mehr als 1,2 Mio. Monographien und 300 000 Zeitschriftenbänden, darunter 20 000 Monographien und 40000 Zeitschriftenbände in vietnamesisch. Sie hat etwa 2000 Zeitschriftentitel (200 in vietnamesisch). Der größte Teil ausländischer Literatur kam aus der Sowjetunion und aus Frankreich.

Um eine Übersicht über die vietnamesischen Veröffentlichungen zu geben, werden seit 1955 nationale Bibliographien erarbeitet und publiziert. Die Staatsbibliothek gehört zu den Präsenzbibliotheken. Sie leiht die Bücher nicht nach Hause aus, d.h. man muß die Bücher in der Bibliothek lesen. Dafür stellt sie Leseräume mit insgesamt 195 Leseplätzen zur Verfügung.

Zur Stärkung der Nutzung hat die Staatsbibliothek zahlreiche Bibliographien erarbeitet. Diese richten sich auf aktuelle Themen und dienen der Erfüllung von wichtigen Aufgaben der Wirtschaftsentwicklung. Daneben veröffentlicht sie jährlich eine Bibliographie der Bibliographien.

Die Staatsbibliothek verfügt über ein Mikrofilmlabor, das vor kurzem auch mit Kopiergeräten ausgestattet wurde. Trotz der begrenzten Leistung hat das Labor viel zur Verbreitung von ausländischer Fachliteratur beigetragen.

Im Auftrag des Kulturministeriums verwaltet die Staatsbibliothek die Aktivitäten von wissenschaftlichen Provinzbibliotheken (WPB). Sie berät die WPB in Fragen der Planung, Bibliotheksverwaltung, bezüglich Arbeitsmethoden usw.. Sie soll die Zusammenarbeit zwischen den WPB organisieren.

Die Zentrale wissenschaftliche und technische Bibliothek (ZWTB)
Gemäß einer Anweisung der DRV-Regierung wurde am 6.2.1960 die Zentrale Wissenschaftliche Bibliothek (ZWB) gegründet (1968 in "Zentrale wissenschaftliche und technische Bibliothek" (ZWTB) umbenannt). Sie übernahm vom Fernostforschungsinstitut (L´Ecole Francese d´Extréme-Orient) der kolonialen Regierung Frankreichs die gesamte Literatur, die die Forschungsergebnisse über Indochina, China, Japan und andere Asienländer dokumentiert. Da es sich zum größten Teil um sozialwissenschaftliche Literatur handelte, wurde diese im Jahre 1968 bei der Gründung der sozialwissenschaftlichen Bibliothek (SWB) ausgesondert. Seitdem trägt sie den heutigen Namen und erfüllt den Auftrag, wissenschaftlich-technische Literatur für die Benutzer in Wissenschaft, Wirtschaft und Staat zu sammeln. Sie ist eine Hauptgrundlage der wissenschaftlich-technischen Literaturversorgung des ganzen Landes.

Aufgrund der privilegierten staatlichen Förderung und der Entwicklung internationaler Beziehungen im Literaturaustausch hat die ZWTB eine große Menge wissenschaftlich-technischer Dokumente verschiedener Art gesammelt. Gegenwärtig verfügt sie über einen Literaturbestand von etwa 1 Mio. Bestandseinheiten, davon 300.000 Monographien und knapp 5000 Zeitschriftentitel. 97% des Bestandes kommt aus dem Ausland. Der Anteil sowjetischer Literatur liegt bei etwa 42% der Bücher und 28% der Zeitschriften (Vu Van Son 1991, S.24).

Für die Leser stehen mehrere Lesesäle (für Bücher, für Zeitschriften, für Mikrofilme, für Nachschlagwerke und für Industriekataloge) mit rund 150 Leseplätzen zur Verfügung. Zur Erschließung und Propagierung des Literaturbestandes, der als der größte und wichtigste des Landes gilt, erarbeitete die ZWTB über 800 Spezialbibliographien, die sich auf die Lösung von wichtigen Problemen der Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung orientieren.

Die technische Ausstattung der ZWTB ist besser als die anderer WTB. Seit 1982 besteht ein Lesesaal für Mikrofilme, in dem den Nutzern 8 Mikrofilmgeräte und etwa 630 Zeitschriftentitel in Mikroform zur Verfügung stehen. 1987 wurde die ZWTB mit Mikrocomputern ausgestattet, die für bibliothekarische Prozessen wie Leserverwaltung, Erarbeitung von Bibliographien und Aufbau von Zeitschriftenverbundkatalogen eingesetzt werden (Vgl. Dang Nguyet Nga 1990; Doan Nhu Hoa 1990; Luu Ngoc Dau 1990, Vu Van Son 1990).

Die Sozial-wissenschaftliche Bibliothek (SWB)
Die Sozial-wissenschaftliche Bibliothek (SWB) wurde im Ergebnis der Teilung der ZWB im Jahre 1968 gegründet. Sie gehört zum Verantwortungsbereich der Kommission für Sozialwissenschaften (KSW) und hat die Aufgabe, für die Benutzer des ganzem Landes sozialwissenschaftliche Literatur zu sammeln und dann die Hauptgrundlage für die Literaturversorgung im Bereich der Gesellschaftswissenschaften zu liefern. Sie erhält eine privilegierte staatliche Förderung zur Erwerbung von sozialwissenschaftlicher, insbesondere ausländischer Literatur.

Mit über 250 000 Monographien und etwa 500 Zeitschriftentiteln ist sie das wichtigste Literaturzentrum Vietnams für den Bereich der Gesellschaftswissenschaften. Den Nutzern stellt sie Lesesäle mit 50 Leseplätzen zur Verfügung. Sie war Grundlage der Herausbildung des sozialwissenschaftlichen Informationszentrums, das am 8.5.1975 durch die Anweisung der Regierung gegründet wurde.

Literaturversorgung
Die Effektivität der Literaturversorgung hängt von der Vollständigkeit, der territorialen Verteilung des nationalen Literaturbestandes, der Sicherung des Zugangs zu den Nachweisfonds, der Organisation des Literaturversorgungsnetzes usw. ab. Die wesentlichen Einflußfaktoren der Literaturversorgung sollen hier analysiert und untersucht werden.

Der nationale Literaturbestand (NLB) ist eine der wichtigsten Grundlagen der Literaturversorgung. Je umfangreicher der NLB ist, desto leistungsfähiger kann die Literaturversorgung sein.

Im ganzen Land haben die wissenschaftlichen Bibliotheken eine relativ erhebliche Menge Literatur gesammelt. Darin kommen die großen Bemühungen der wissenschaftlichen Bibliotheken in Anbetracht der Begrenztheit finanzieller Mittel zum Ausdruck. Der Literaturbestand des nationalen WTI-Systems setzte sich 1995 folgendermaßen zusammen:

Der größte Teil dieser Bestände liegt in den Bibliotheken der zentralen Ebene und den wissenschaftlichen Zentralfachbibliotheken sowie Hochschulbibliotheken. Die übrigen Bestände besitzen die WTI-Einrichtungen und die allgemein-wissenschaftlichen Bibliotheken der Provinzen.

Der NLB wird im allgemeinen durch Kauf, Tausch und Schenkungen angesammelt. Der Kauf setzt voraus, daß die zu kaufende Literatur in Buchhandel und Verlagen erhältlich ist und daß genug Geld zur Verfügung gestellt wird. Vietnam weist große Defizite bei beiden Voraussetzungen auf. Einerseits ist das Angebot an vietnamesicher Fachliteratur sehr gering, weil das Publikationswesen Vietnams noch sehr unterentwickelt ist. Andererseits stellt der Staat nur in geringem Umfang freie Devisen für den Literaturimport zur Verfügung.

Grundsätzlich ist die vietnamesische Literatur in Buchhandlungen erhältlich. Der Kauf dieser Literatur ist aber schwierig für diejenigen Bibliotheken, die weit ab von den Großstädten liegen. Obwohl die Werbung für Literatur und die Beziehungen der Bibliotheken zu Buchhandlungen und Verlagen unterentwickelt sind, hält man die diesbezügliche Probleme für lösbar. Ein weiteres Problem besteht darin, daß die vietnamesische Fachliteratur "arm" sowohl an Qualität als auch an Quantität ist. Bei der unzulänglichen Infrastruktur des Publikationswesens veröffentlichen die 48 Verlage des ganzen Landes jährlich nur 270-360 wissenschaftlich-technische Buchtitel - die auch populärwissenschaftliche Bücher einschließen - und über 80 Fachzeitschriften, die sich auf verschiedene Fachgebiete der Wissenschaft, Wirtschaft und Technik, also wenige Buchtitel und Zeitschriften für jedes Fachgebiet, verteilen. Die Forschungsergebnisse von Forschungseinrichtungen und Universitäten bleiben oft im Archiv unveröffentlicht.

Dies führt zu einem geringen Anteil inländischer Literatur am nationalen Literaturbestand, und verursacht einen Mangel an vietnamesischer Fachliteratur. Nach der Untersuchung vom ZIWTI liegt der Anteil der vietnamesischen Literatur bei etwa 10% des NLB. Die ausländische Literatur hat einen Anteil von 90% des NLB, davon 60% sowjetische Bücher und Zeitschriften (Abb. 2).

Abb. 2: Anteile des nationalen Literaturbestandes

Die ausländische Fachliteratur muß durch den Staat importiert und dann in die Bibliotheken, die zuvor bestellt haben, weiter verteilt werden. Das übrige wird in den Buchhandlungen verkauft.

Die XUNHASABA und das Zentralpostamt waren vom Staat beauftragt, ausländische Literatur einzuführen. Die XUNHASABA war dabei für Literatur aus kapitalistischen Ländern verantwortlich, das Zentralpostamt für Literatur aus sozialistischen Ländern.

Der Literaturimport kann folgendermaßen charakterisiert werden:

Die Ursachen für den Rückgang des Literaturimports waren unterschiedlich. Am wichtigsten war die Kürzung der staatlichen WTI-Aufwendungen (siehe Tab. 1). Weiterhin von Bedeutung war der Konflikt mit China, der nicht nur die Einstellung der Lieferung von jährlich über 2000 Zeitschriftentiteln zu einem niedrigen Preis aus China zur Folge hatte, sondern auch durch die Unterbrechung der Schienenverkehrsverbindungen zum Fehlen eines schnellen und billigen Verkehrsmittels für den Literaturimport führte. Nicht zuletzt verbot die Devisensperrpolitik den Kauf und Verkauf von freien Devisen. Die Schwierigkeiten wurden 1987 durch die Abschaffung der staatlichen Subventionen für den Literaturimport vermehrt und erreichten den kritischen Punkt in den darauf folgenden Jahren, als die XUNHASABA und das Zentralpostamt verlangten, alle ausländische Literatur mit freien Devisen zu bezahlen.

Nach den statistischen Angaben der XUNHASABA wurden im Jahr 1991 keine Bücher und Monographien importiert, der Gesamtwert der Zeitschrifteneinfuhr betrug nur 77 000 USD (2147 USD für Zeitschriften aus der GUS).

Trotzdem gibt es einige Bibliotheken und Informationsstellen, die in einer solchen Situation nicht stagnieren wollten. Sie versuchten freie Devisen für den Literaturimport zu beschaffen. Diese Maßnahmen sind aber als Ausnahme anzusehen. Die meisten Bibliotheken sind von dem durch den Staat organisierten Buchhandel abhängig und stehen vor einer Gefahr der Isolierung aus ausländischen Literaturquellen. Diese kritische Situation erscheint in einem Staat als unvorstellbar, in dem WTI-Tätigkeit auf staatlicher Ebene behandelt wird.

Wird über die Sammlung ausländischer Fachliteratur berichtet, darf man den Buchaustausch und die Literaturschenkungen der internationalen Organisationen und der Privatpersonen nicht unberücksichtigt lassen. In der Tat haben diese zwei Wege der Literatursammlung einen großen Beitrag zum Aufbau der Literaturfonds des nationalen WTI-Systems Vietnams geleistet.

Literatursammlungen durch Schenkungen:

In der Zeit des Befreiungskampfes entwickelten sich internationale Bewegungen der Solidarität und Unterstützung für Vietnam. Aus diesen Bewegungen und Organisationen erhielten damals die vietnamesischen Bibliotheken große Mengen Fachliteratur als Geschenk. Allein die ZWTB bekam z.B. zwischen 1970-1975 etwa 10 000 Bücher und 50 000 VE von Zeitschriften pro Jahr. Nach dem Sieg des Befreiungskampfes 1975 nahmen die Literaturschenkungen aber ab. Der Anteil der Literaturschenkung war im nationalen Literaturbestand dennoch von Bedeutung. Zwischen 1978-1990 kamen z.B. jährlich in die ZWTB etwa 110-290 Zeitschriftentitel aus internationalen Hilfsorganisationen. Während diese Bibliothek durch ihre privilegierte staatliche Förderung im Jahr 1990 nur 516 Zeitschriftentitel aus den kapitalistische Ländern kaufen konnte, schenkten ihr die internationalen Organisationen 285 Zeitschriftentitel kapitalistischer Welt. Der Anteil der Zeitschriftengeschenke liegt in dieser Bibliothek bei etwa 35% der importierten Zeitschriften. Neben der von den internationalen Organisationen und Personen geschenkten Literatur kommen in die Bibliotheken Vietnams viele Bücher und Zeitschriften aus folgenden Quellen:

Obwohl die Literaturgeschenke für die vietnamesischen Bibliotheken einen großen Wert darstellen, waren sie oft unplanmäßig und unvollständig. Natürlich kann nicht verlangt werden, daß sich die geschenkten Bücher und Zeitschriften immer auf aktuelle Schwerpunktprobleme der Wirtschaft und Wissenschaft Vietnams Bezug nehmen. Trotzdem versuchen die Bibliotheken das Verständnis von internationalen Organisationen für ihre Literaturbedürfnisse zu verbessern, etwa durch Absprachen, damit die Literaturschenkungen den Bedürfnissen Vietnams gerecht werden können.

Der Literaturaustausch, der seit den letzten 70er Jahren von vietnamesischen Bibliotheken auf zentraler Ebene durchgeführt wird, ist sehr erfolgreich. Auch Zentralbibliotheken der Fachgebiete tauschten später Literatur mit ausländischen Forschungseinrichtungen und Organisationen auf dem gleichen Fachgebiet aus. Im Tausch erhaltene Fachbücher und Fachzeitschriften sind hochwertig. Viele davon kann man in Vietnam, selbst, wenn man freie Devisen hat, durch den internationalen Buchhandel nicht kaufen, weil die Verbindungen des vietnamesischen Buchhandels zum Ausland unterentwickelt sind. Zusammen mit den Literaturschenkungen bringt der Austausch den Bibliotheken immer mehr Bücher und Zeitschriften, insbesondere aus den kapitalistischen Ländern. Zwischen 1979-1990 stieg die Zahl "kapitalistischer" Zeitschriften, die auf beiden Wegen gesammelt wurden, von 316 auf 760 Titel. Seit 1988 wird der Literaturaustausch besonders verstärkt. In der gleichen Zeit ist die Zahl der durch Austausch und durch Schenkungen gesammelten Zeitschriftentitel aus den kapitalistischen Ländern sogar höher als durch den Import. So kamen in das nationale WTI-System nur 650 "kapitalistische" Zeitschriftentitel aus dem Import, aber 739 durch den Austausch und durch Schenkungen.

Untersuchungen der ZWTB in dieser Frage zeigen deutlich, daß sie dabei große Erfolge hatte. Sie schickte den internationalen Austauschpartnern im Jahr 1985 etwa 1000 Bücher und 4179 Zeitschrifteneinheiten (ZE), bekam dagegen 5436 Bücher und 9214 ZE. Im Jahr 1989 kamen in die ZWTB 2710 Bücher und 4350 ZE aus den ausländischen Austauschpartnern, während dagegen 876 Bücher und 3860 ZE von ihr in den Austausch gegeben wurden (Vu Van Son 1990, S.5; Ngo Van Cau 1990, S.19). Die mehr als 120 Verbindungen des Literaturaustausches, die die ZWTB mit großen Anstrengungen organisierte, brachten ihr zahlreiche Bücher und Zeitschriften ein. So stieg zwischen 1979-1990 die Zahl der im Tausch gesammelten Zeitschriften aus den kapitalistischen Ländern von 101 auf 475 Titel. Diese Steigerung bedeutet mehr als eine Vervierfachung der Effektivität des Literaturaustausches. Nach den statistischen Angaben der ZWTB liegt der Anteil der gekauften Bücher bei nur etwa 49% der innerhalb von 30 Jahren (1960-1990) gesammelten Bücher. Die übrigen 51% kamen aus dem Austausch und aus Schenkungen (Abb. 3).Der Literaturaustausch und die Literaturschenkungen brachten der ZWTB im Jahr 1990 760 "kapitalistische" Zeitschriftentitel, also 43,6% der von ihr gesammelten Zeitschriftentitel aus den kapitalistischen Ländern (Abb.4). Genau wie im Falle der Literaturschenkungen ist der Austausch der Bücher und Zeitschriften unplanmäßig und unvollständig.

Abb. 3: Bücher nach Sammlungswegen

Abb. 4: Zeitschriften aus den kapitalistischen Ländern nach Sammlungswegen

Allerdings können nur einige bestimmte Bibliotheken einen Literaturaustausch mit den internationalen Partnern pflegen. Unter ihnen befinden sich vor allem die Staatsbibliothek, die SWB, Zentralfachbibliotheken, UB und Bibliotheken von großen Forschungsinstituten.

Der Literaturaustausch hat in Vietnam einen wichtigen Beitrag zur Verstärkung des nationalen Literaturfonds, besonders in den letzten Jahren, geleistet. Seine Bedeutung wird von den Bibliotheken anerkannt. Der Austausch von Fachliteratur wäre noch fruchtbarer und erfolgreicher, wenn die Bibliotheken mehr wertvolle vietnamesische Publikationen anbieten könnten. Die geringen Leistungen bezüglich der Veröffentlichung vietnamesischer Fachliteratur, wie oben gesagt wurde, führt nicht nur zur Knappheit inländischer Informationsquellen, sondern auch zur Verringerung und Einschränkung der Chancen des Literaturaustausches mit der Welt. Hier könnte der Staat eine größere Rolle spielen. Vor allem geht es um eine nationale Politik zur Entwicklung und zur Stärkung des Publikationswesens, in der die Fachliteraturproduktion besonders berücksichtigt wird.

Territoriale Verteilung des nationalen Literaturbestandes
Die territoriale Verteilung des nationalen Literaturbestandes (NLB) ist ein wichtiger Faktor der Literaturversorgung. Unter den Bedingungen der unterentwickelten Infrastruktur von Verkehrs- und Postwesen Vietnams, die im Unterpunkt 2.2.4. behandelt wird, ist die territoriale Verteilung des NLB für die Vor-Ort-Deckung der Literaturbedürfnisse von Bedeutung. Diese Verteilung ist deswegen hier zu untersuchen und zu analysieren.

Die statistischen Angaben des ZIWTI zeigen, daß sich der größte Teil des nationalen Literaturbestandes in Hanoi konzentriert. Das sehr große restliche Gebiet des ganzen Landes, einschließlich der 44 Provinzen, verfügt dagegen nur über einen kleinen Teil des nationalen Literaturbestandes.

Die Buchbestände aller 44 Provinzen bestanden im Jahr 1994 insgesamt aus:

Für die Fachzeitschriften gibt es noch keine genaue Angaben. Doch besteht hier keine Hoffnung auf eine deutlich bessere Situation als bei den anderen Quellenarten. Im Vergleich zum nationalen Literaturbestand haben die 44 Provinzen nur 56% der Gesamtfachbücher, 8% Gesamtnormen, 9% der Gesamtpatentschriften und 31% der Gesamtforschungsberichte (Abb. 5).

Die Hauptstadt Hanoi, wo sich alle drei Bibliotheken der zentralen Ebene, alle 44 Zentralfachinformationsstellen und -bibliotheken und fast alle Bibliotheken von großen Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen des Landes befinden, verfügt über etwa 80% des nationalen Literaturbestandes.

Eine solche territoriale Literaturverteilung begünstigt einerseits die Literaturversorgung des Gebietes Hanoi und benachteiligt andererseits die Deckung der Vor-Ort-Bedürfnisse an Fachliteratur der anderen Provinzen.

Wenn man in Rechnung stellt, daß

kann die Schlußfolgerung gezogen werden, daß die bestehende territoriale Literaturverteilung sehr deproportional ist.

Die dafür maßgebenden Gründe liegen in:

Aufbau von Nachweisfonds und Organisation der Literaturversorgung
Der negative Einfluß der oben genannten deproportionalen Literaturverteilung auf die Literaturversorgung (LV) würde teilweise behindert, wenn die Literaturversorgung von einem regionalen und überregionalen Nachweissystem und einem Informationsvermittlungsnetz unterstützt würde. Ein solches System und Netzwerk war bereits geplant. Die Umsetzung erfolgte aber zu langsam.

Als eine wichtige Grundlage für die Literaturversorgung und zur Stärkung der Nutzung von Bibliotheken ist seit 1980 von einem nationalen Verbundkatalogsystem die Rede, das die Funktion eines Hilfsmittels besitzen soll, mit dem der Benutzer herausfinden kann, in welcher Bibliothek ein bestimmtes Buch, von dem der Titel oder Verfasser bekannt ist, vorliegt. Aus verschiedenen Gründen, vor allem aus dem Mangel an finanziellen, personellen und organisatorischen Kapazitäten, ist seine Verwirklichung noch nicht erfolgt. Bisher wurde lediglich ein Zeitschriftenverbundkatalog hergestellt, der sich auf den Zeitschriftenfonds aus der kapitalistischen Welt mit Standortangaben der wichtigsten 30 Bibliotheken innerhalb Hanois beschränkt (Vu Van Son 1990, S.4).

Mikrocomputer, die idealen Werkzeuge für die Informationshandhabung, wurden vor kurzem in geringer Zahl und in kleinem Umfang von 3 Großbibliotheken der zentralen Ebene und von 53 Provinz- und Stadtbibliotheken zur Probe angewendet (BVHTT 1995, S.3). Für den Nachweis der gesammelten Literatur stellen die Bibliotheken hauptsächlich traditionelle Kataloge zur Verfügung, die einen schnellen Literaturnachweis nicht erbringen können.

Auf diesen konventionellen Katalogen beruhend entstehen verschiedene Bibliotheksdienstleistungen: Leserservices, Frage-Antwort-Services (retrospektive Recherche), spezifische Bibliographien usw. Trotz der begrenzten Kapazität von Leseplätzen befriedigen die Bibliotheken durch verlängerte Öffnungszeiten bereits zufriedenstellend den Lesebedarf. Um die Fachliteratur von jeweiligen Bibliotheken zu einzelnen sehr allgemeinen oder auch zu sehr spezifischen Themen übersichtlich darzustellen, erarbeiten und veröffentlichen die Bibliotheken zahlreiche Bibliographien, in denen oft auch Standortangaben angeführt werden. Sie könnten für den Fall, daß keine Verbundkataloge existieren, gute Hilfsmittel sein, mit denen Benutzer in den Provinzen erfahren könnten, welche Bücher und Zeitschriftenartikel von den wichtigen Bibliotheken zu einem Thema verfügbar sind, wenn sie von den Provinzbibliotheken systematisch gesammelt und gut in einem Nachweisfonds organisiert würden. Keine Provinzbibliotheken verfügen jedoch über einen solchen ausreichend aufgebauten Nachweisfonds. Ursachen dafür sind die schlechte Zusammenarbeit zwischen den Bibliotheken, die mangelnde Bekanntheit des Angebotes von Bibliographien, die fehlende Qualifikation der Bibliothekare und nicht zuletzt die sehr begrenzte Auflage gedruckter Bibliographien.

In vielen Ländern der Welt, insbesondere in den führenden Industriestaaten, führen die effektiven Aktivitäten der Fachinformationsstellen praktisch zu einem zusätzlichen Anwachsen der Nutzung von Bibliotheken. In Vietnam nutzt bis jetzt jede WTI-Stelle hauptsächlich ihre eigene Fachliteratur, die sie selbst gesammelt hat. Die Kooperation mit den WTB zur Ausnutzung und Erschließung des nationalen Literaturbestandes ist in den Aufgaben der WTI-Stellen fixiert, wird in der Praxis jedoch wenig realisiert (Dang Ngoc Dinh 1991, S.11). Besonders schwach ist die Zusammenarbeit der Fachinformationsstellen mit den Provinzbibliotheken und -informationsstellen. Die unterentwickelte Informationsvermittlung beeinträchtigt daher in hohem Maße die Literaturversorgung.

Der Leihverkehr ist ebenfalls unzureichend organisiert, sogar innerhalb Hanois (Vu Van Son. 1990). Überregionale Literaturlieferung und -versorgung wurde in der Vergangenheit so selten durchgeführt, daß es keine Angaben hierüber gibt. Der Leihverkehr bleibt als Aufgabe der Zukunft vorbehalten.

Landesweit versorgen die Bibliotheken jährlich rund 705 000 Leser (206 000 in Provinzen) mit insgesamt etwa 15 Mio. Entleihungen. Sie liefern jedes Jahr fast 2,5 Mio. Kopierseiten. Während man z.B. in der BRD erfahrungsgemäß 3 Entleihungen pro Medieneinheit (ME) jährlich rechnet, sind es in Vietnam knapp 0,7 Entleihungen pro ME. Die Nutzung der Fachliteratur wird nicht nur auf Landesebene als unbefriedigend betrachtet, sondern auch in den größten und wichtigsten Bibliotheken, die von den Lesern am häufigsten besucht werden.

2.2.2. Fachinformationseinrichtungen und Fachinformationsvermittlung
Fachliteratur und -information ist im allgemeinen in wissenschaftlichen Bibliotheken verfügbar. Ihre fachliche Erschließung und Vermittlung ist Aufgabe der IuD-Stellen. In allen Bereichen der Wissenschaft und Wirtschaft Vietnams entstanden in den 70er Jahren an den Ministerien, Großforschungseinrichtungen und Universitäten Fachinformationsstellen (HDBT 1972, S.1-2; UBKHKTNN 1974, S.4-7). Als Ergänzung dazu dient die Schaffung von Provinzinformationsstellen (PIS). Die WTI-Einrichtungen finanziert direkt oder indirekt der Staat. Sie bilden ein nationales WTI-Netz, das seit den 80er Jahren in zunehmendem Maße mit internationalen Informationssystemen verknüpft wird.
Organisatorische Struktur
Das System von IuD-Stellen besteht derzeit aus: Das ZIWTI, das im Oktober 1972 gegründet wurde, ist der Staatskommision für Wissenschaft und Technik (SKWT) angeschlossen. Es bezeichnet sich als staatliches Anleitungsorgan für das ganze nationale WTI-System und als staatlicher Beauftragter für die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der IuD. Dieses Organ leistet folgende wichtige Funktionen: Eine wesentliche Aufgabe des ZIWTI ist es, der Vorbereitung von Entscheidungen von Partei und Regierung zu dienen, indem das ZIWTI Partei und Regierung mit Fachinformationen über die Errungenschaften in der Staatsverwaltung versorgt. Zu seinen Aufgaben gehören auch die Sammlung, Erschließung, Speicherung und Vermittlung von aus- und inländischen Fachinformationen und die Erforschung und Umsetzung von neuen Methoden im IuD-Wesen.
Aufbau von Datenbanken
Auf der Grundlage des nationalen Literaturbestandes müssen die WTI-Einrichtungen zur Lösung von Problemen in Wirtschaft, Wissenschaft sowie in der Verwaltung und der täglichen Praxis die benötigten Fachinformationen besorgen und vermitteln. Dazu ist es erforderlich, das benötigte Wissen aus den großen Informationsmengen gezielt herauszufiltern. Die Bereitstellung dieser Informationen ist die Voraussetzung, unnötige Kosten und Mehrfacharbeiten zu vermeiden.

Fachinformationen, die durch die Bearbeitung und Auswertung gesammelter Literatur entstehen, werden in Form von bibliographischen, referativen oder faktografischen Daten dargestellt und von WTI-Stellen in ihren Datenbanken bzw. Nachweisfonds gespeichert, die meist noch nicht computergestützt sind.

Das nationale WTI-System besaß im Jahre 1991 57 Datenbanken. Davon wurden 55 Datenbanken von Fachinformationsstellen hergestellt. Die Informationseinrichtungen in den Provinzen besitzen nur zwei Datenbanken, eine in Hanoi und eine in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). So befinden sich in Hanoi 56 Datenbanken, d.h. mehr als 98% der Gesamtdatenbanken des nationalen WTI-Systems. Nach Sachgebieten sind sie wie folgt verteilt: 20 Datenbanken für die Industrieentwicklung, 4 für die Landwirtschaft, 4 für den Innen- und Außenhandel. Die anderen verteilen sich in den Bereichen Soziologie, Umwelt, Naturwissenschaft usw. Von den 57 Datenbanken sind 32 Literaturdatenbanken und 25 Faktendatenbanken.

Zur Ergänzung dieser Datenbanken und der anderen Nachweisfonds erarbeiten die WTI-Einrichtungen jährlich etwa 3,2 Mio. bibliographische Karten, 94 000 Referate und 30 600 Faktenkarten.

Die meisten Datenbanken haben erst einen kleinen Bestand. Gründe dafür sind einerseits der spät begonnene Datenbankaufbau und andererseits die mangelnde Zusammenarbeit der WTI-Stellen mit den wissenschaflichen Bibliotheken bei der Erschließung und Ausnutzung des nationalen Literaturbestandes. In der Tat bearbeiten die jeweiligen WTI-Einrichtungen ausschließlich Fachinformationen aus ihren eigenen Literaturquellen. Sie können deshalb auch nur diese Fachinformationen vermitteln. Nur wenige WTI-Einrichtungen erschließen neben ihren eigenen Literaturbeständen auch Informationsquellen von anderen Bibliotheken und WTI-Stellen.

In absehbarer Zukunft steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der WTI-Aktivität die landesweite Zusammenarbeit beim Aufbau von Datenbanken, insbesondere zu:

Informationsdienstleistungen
Aufgrund des nationalen Literaturbestandes und der vorhandenen Datenbanken entsteht eine Vielzahl von Informationsdienstleistungen, die zur Erhöhung des Wissenniveaus des Volkes und zur Vorbereitung von Entscheidungen von Partei und Regierung und zur Deckung von Informationsbedürfnissen der FuE beitragen. Rund 250 Informationsdienste in Form von Bibliographien und Referaten, die periodisch veröffentlicht werden und vorhandene Literaturquellen betreffen, bieten den Nutzern einen Überblick über Literaturquellen und Nachrichten zu bestimmten Themen.

Jährlich erarbeiten die WTI-Stellen 250-300 Literaturübersichten mit einer Auflage von etwa 10000 VE. Diese entstehen durch die Auswertung von neuen Veröffentlichungen - wie Fachzeitschriften, Bücher, Konferenzberichte und Dissertationen - zu einzelnen Themengebieten. Sie beinhalten Beiträge zu besonders wichtigen Problemen der Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Technologie mit dem Ziel, Grundinformationen für die Vorbereitung von Entscheidungen von Partei und Regierung und der anderen Leitungsgremien der Provinzen bereitzustellen. Für Spitzenfunktionäre wie Politbüromitglieder und Minister stellen die Informationseinrichtungen jährlich rund 50 Magnetbänder her, die sehr sorgfältig erarbeitet werden. In letzter Zeit leisteten sie in zunehmendem Maße einen gewissen Beitrag zur Bewältigung von Problemen der Staatsverwaltung und zum Aufbau von nationalen Strategien.

Neben der Erarbeitung von Informationsdiensten und Literaturübersichten stellen die Fach- und Provinzinformationseinrichtungen Informationsdienste verschiedener Art zur Verfügung und propagieren Wissen und fortschrittliche Erfahrungen. Besonders erfolgreich sind der sogenannte Frage-Antwort-Service (retrospektive Recherchen), die selektive Informationsverbreitung und die Lieferung von Kopien.

Der Frage-Antwort-Service erhält derzeit von Benutzern jedes Jahr etwa 13.500 Fragen. Eigentlich handelt es sich um Informationsrechercheaufträge, die die Benutzer erteilen, nachdem sie selbst keine Lösung finden konnten. Auf der Basis der eigenen Nachweisfonds und Datenbanken können die WTI-Einrichtungen z.Z. davon rund 5300 Anfragen (knapp 40%) erfüllen. Diese neue Form der Informationsvermittlung, die die WTI-Stellen erst seit einigen Jahren betreiben, werden von Benutzern als wertvoller Service angesehen und begrüßt. Sie dienen regelmäßig rund 250 staatlichen Forschungsprojekten und 2000 Nutzergruppen, davon über 200 Produktionsbetrieben der Volkswirtschaft und Kollektiven. Leider sind die Provinzinformationsstellen bei dieser Service-Form nicht ausreichend leistungsfähig. Sie vermitteln hauptsächlich Fachinformationen durch die traditionelle Form der Lieferung von gedruckten Bibliographien. Jährlich liefern die WTI-Einrichtungen des nationalen WTI-System etwa 1500 Veröffentlichungseinheiten von Bibliographien (Dang Ngoc Dinh 1991).

Im allgemeinen läßt Qualität und Quantität der Informationsdienste und -dienstleistungen noch zu wünchen übrig. Von einer befriedigenden Anzahl von Informationsdiensten und -dienstleistungen kann man im Rahmen des ganzen nationalen WTI-Systems noch nicht sprechen. Zahlreiche WTI-Einrichtungen haben zumeist nur wenige Informationsdienste und -dienstleistungen, die wahrscheinlich ihre Leistungen nicht überzeugend vermitteln können. Ihre Informationsdienste, in geringer Summe gedruckt, werden nicht genügend in die Bibliotheken und WTI-Stellen der Provinzen verteilt, um die dortige Informationsvermittlung zu unterstützen. Viele regionale WTI-Stellen und Bibliotheken können z.B. den Benutzern nicht darüber informieren, welche Informationsdienste und -dienstleistungen in einer bestimmten WTI-Einrichtung zur Verfügung stehen, oder wo die Benutzer Fachliteratur und -informationen zu einem bestimmten Thema finden können.

Hinzu kommt, daß die Informationsdienste, was Inhalt und Form anbetrifft, nicht besonders "attraktiv" sind. Sie sind oft leserunfreundlich, auf schlechtem Papier gedruckt und werden mit langer Periode, z.B. 2-4 mal im Jahr veröffentlicht. Sie widerspiegeln nur diejenigen Informationen, die aus dem Literaturbestand einer bestimmten WTI-Einrichtung kommen. Sie umfassen häufig keine Fachinformationen aus anderen WTI-Stellen und Bibliotheken. Die bereits angeführten Lücken in den importierten Literaturquellen führen zusätzlich dazu, daß die Informationsdienste kein umfassendes, richtiges und aktuelles Bild der weltweiten Entwicklung von Wissenschaft und Technologie bieten. Viele Wissenschaftler bringen den vietnamesischen Informationsdiensten kein Vertrauen entgegen und suchen selbst z.B. in den großen ausländischen Referatediensten - wie Chemical Abstrac, Biological Abstrac usw. - Informationen über Stand und Entwicklung der Wissenschaft der Welt (Nguyen Van Dao 1991, S.23). Außerdem sind einige Informationsdienste zwar mit hohem Aufwand an "Geld und Kraft" erarbeitet, sie können aber dennoch die Informationsbedürfnisse der Benutzer nicht befriedigen. Bisweilen nehmen die Benutzer sie gar nicht in Anspruch, weil sie nicht auf einer Untersuchung von Informationsbedürfnissen basieren. Es gibt bislang noch keine vollwertige Informationsbedarfsforschung der vietnamesischen Benutzer. Dies stellt einen noch unzureichenden Aspekt der WTI-Tätigkeit dar, der in den nächsten Jahren zu beseitigen ist (Dang Ngoc Dinh 1991, S.11).

Einen neuen großen Fortschritt in der Entwicklung der Informationsdienstleistungen stellt das Vietnam Scientific Technological and Environmental Information Network (VESTENET) dar, das seit 1994 zur Verfügung steht. Über dieses VESTENET werden derzeit mehr als 20 vietnamesische Datenbanken online angeboten (VTTKHKTTW 1995, S.1-2). Die vietnamesischen Fachinformationseinrichtungen bemühen sich darum, daß die restlichen Datenbanken in nächster Zeit über dieses Netz online recherchiert werden können. Nutzer aus unterschiedlichen Orten Vietnams können außerdem durch VESTENET 12 große ausländische importierte Datenbanken (in CD-ROM Versionen) off-line nutzen. Mit dem VESTENET können sie auch über Gateway TOOLNET Hollands das INTERNET erreichen. Die Nutzung des VESTENET und INTERNET ist nicht sehr intensiv. Sie wird behindert nicht nur durch die hohen Gebühren, die die vietnamesische Post setzt, sondern auch durch das ungenügende Personal, das für die Beratung und Durchführung von Recherchen zur Verfügung steht. Genau hierauf sollten sich die Maßnahmen der zukünftigen Fachinformationspolitik Vietnams konzentrieren.

Berufssituation
Gegenwärtig arbeiten in den WTI-Einrichtungen rund 1900 Beschäftigten, darunter 1200 Personen in WTI-Stellen der zentralen Ebene und der Fachbranche, 200 in den Provinzen und 500 in Forschungseinrichtungen und Produktionsbetrieben. Hinzu kommen rund 16 000 Beschäftigte der wissenschaftlichen Bibliotheken.

Dieser Personalbestand wird in zunehmendem Maße weitergebildet. Allein unter den WTI-Stellen zählte man bis zum Jahr 1991:

Dieser Personalbestand wird von Experten des "United Nations Devolopment Programme" (UNDP) der UNESCO positiv bewertet. So verfügt Vietnam, im Unterschied zu den Ländern der Asien-Pazific-Region, über viele talentierte, gut ausgebildete und ehrgeizige WTI-Mitarbeiter (UNDP 1989,S.35). Der gegenwärtige WTI-Personalbestand ist aber noch nicht ausreichend. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl von knapp 70 Mio. Menschen und bei insgesamt etwa 776000 Wissenschaftlern und Technikern ist dieser Personalbestand zu gering und unzureichend. Dazu kommt, daß unter den Informationsmitarbeitern nur ein kleiner Teil von etwa 100 Personen hochqualifizierte Fachkräfte sind. Die meisten haben nur Mindestkenntnisse der IuD in kurzzeitigen Kursen kennengelernt. Besonders mangelt es an Fachkräften, die die modernen Informationstechnologien bedienen können. Die Berufssituation in den WTI-Stellen der Provinzen ist noch schlechter zu bewerten. So haben z.B. zahlreiche WTI-Stellen der Provinzen einen Personalbestand von 4-5 Beschäftigten, unter ihnen 1-2 Fachleute. Wenn man bedenkt, daß diese WTI-Stellen die ganze Provinz mit Millionen Einwohnern mit Fachinformationen versorgen müssen, erkennt man in dieser Frage die kritische Situation.

Obwohl die Hanoier Universität und die Kulturhochschule große Anstrengungen unternommen haben, können sie Fachkräfte für das nationale WTI-System nicht gewährleisten (Phan Van 1991, S.42). Erst 1986 erreichte Vietnam durch ein von UNDP finanziertes IuD-Projekt eine wesentliche und qualitative Verbesserung der Qualifizierung von IuD-Fachkräften. In den von diesem Projekt organisierten Kursen stehen den Studierenden 720 Stunden zum Kennenlernen mit theoretischen und praktischen Problemen der modernen IuD und 180 Stunden Englischunterricht zur Verfügung. Zum Lehrmaterial hat das Projekt eine Summe von 30 000 USD für die Erwerbung von 800 Büchern und 29 wichtigen Zeitschriften der IuD gegeben. 95 Personen haben bis 1991 diese Kurse abgeschlossen und einen postgraduierten Grad erhalten. Sie sind zu den hochqualifizierten Fachkräften zu zählen.

Bis heute gibt es in Vietnam, im Unterschied zu vielen Ländern, keinen Berufsverband der Mitarbeiter aus IuD-Einrichtungen, der als Diskussionsforum für die Lösung von aktuellen Problemen der IuD dienen könnte.

Eine vom ZIWTI publizierte Berufszeitschrift und die selten organisierten WTI-Konferenzen sind seltene Chancen, in denen die Informationsmitarbeiter Entwicklungsprobleme der IuD diskutieren und lösen können.

Technische Ausstattung
Während sich die Informationstechnologie in der Welt in den letzten Jahren mit hohem Tempo entwickelt und die Anwendung von neuen Informationstechnologien und -verfahren eine tiefgreifende Änderung in der Fachinformation in vielen Ländern bringt, arbeiten die vietnamesischen WTI-Stellen und Bibliotheken hauptsächlich mit traditionellen und handwerklichen Methoden und Verfahren. So sieht man überall in den vietnamesischen Bibliotheken und WTI-Stellen folgendes Bild: ein Informationsmitarbeiter schreibt irgendeine Karte zum Aufbau von Datenbanken und Nachweisfonds nicht etwa mit der Schreibmaschine, sondern mit der Hand, oder ein Wissenschaftler sucht tagelang Literatur zu seinem Thema in den Karteikästen von traditionellen Katalogen. Den WTI-Stellen fehlt es heute nicht nur an Computern und anderen modernen Bild-Schirm-Techniken, die die Datenverarbeitung und Informationsrecherche beschleunigen könnten, sondern auch an Druckmaschinen und anderen Geräten wie Kopier- und Schreibmaschinen, die für Veröffentlichung und Verbreitung von Informationsdiensten erforderlich sind.

Im Jahre 1991 verfügte das nationale WTI-System über 70 Mikrocomputer, 33 Druckmaschinen, 38 Kopiergeräte, 3 Komplexanlagen für Mikrofilme, 70 Mikrofilm-Lesegeräte und 180 Schreibmaschinen.

Bemerkenswert hierbei ist es, daß ein großer Teil von modernen Informationstechnologien, wie Computer, Kopiergeräte und Mikrofilmanlagen vor kurzem durch das vom UNDP finanzierte Projekt ausgestattet wurden. Die UNESCO und das UNDP hatte in den Jahren 1989-1990 einen großen Beitrag zur Einfuhr und Anwendung von neuen modernen Informationstechnologien in Vietnam, insbesondere CD-ROM und Software (z.B. CDS/ISIS) zum Aufbau von Datenbanken geleistet (UNESCO 1989, p.23-24; Torrjos 1991, S.19-20). Die 44 WTI-Stellen der Provinzen besaßen im Jahre 1991 nur 3 Computer, ein Kopiergerät und eine Druckmaschine. Eigentlich gehören diese Techniken den WTI-Stellen von Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt. Viele andere Provinzen verfügen über weder Computer noch Vervielfältigungsgeräte.

In den nächsten Jahren sieht Vietnam vor, daß der Import und die Anwendung von modernen Informationstechnologien zur Beschleunigung des Aufbaus von Datenbanken verschiedener Art und zur schwerpunktmäßigen Erhöhung der Leistungsfähigkeit des nationalen WTI-Systems verstärkt werden. Um hierfür eine Anlauffinanzierung zu erreichen, sollen die WTI-Stellen die Regierung von dieser Notwendigkeit überzeugen. Daneben sollen auch andere finanzielle Quellen als Beitrag von Ministerien, Produktionsbetrieben und Gesellschaften der Wirtschaft und aus der internationalen Hilfe ausgenutzt werden. Moderne Technologien sind zwar von großer Bedeutung, können aber die WTI-Probleme Vietnams allein nicht lösen. Erforderlich sind vor allem Maßnahmen zur Stärkung des Literaturimports. Weiterhin von Bedeutung sind Maßnahmen zur Organisation von Aus- und Weiterbildung, die nicht viel freie Devisen erfordern.

2.2.3. Publikationswesen
In den westlichen Ländern und in der Welt im allgemeinen existieren das Publikationswesen und der Buchhandel vor allem als ein Wirtschaftsbereich. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften sind Waren auf dem freien Markt. Angebot und Nachfrage und Gewinn sind Faktoren, die die Tätigkeit der Verlage und Buchhandlungen beeinflussen.

Wissenschaftliche Fachbücher und Zeitschriften werden oft in kleiner Auflage veröffentlicht. Sie sind deshalb teurer als z.B. Belletristik und werden zumeist von den vom Staat geförderten Bibliotheken gekauft. Das ist die Art und Weise, wie der Staat die Veröffentlichung von Fachliteratur indirekt fördert.

In Vietnam dagegen halten Partei und Regierung Bücher und Zeitungen für wichtige "kulturell-ideologische Waffen", über die nur der Staat zu verfügen hat. Trotzdem verfolgt die Publikationstätigkeit auch wirtschaftliche Ziele. Dabei handelt es sich um keine Haupt- sondern Nebenziele. Dementsprechend sorgt der Staat dafür, daß alle Verlage und Druckereien direkt oder indirekt dem Staat gehören. Ihre Tätigkeit, d.h. was und in welchem Umfang publiziert wird, soll unter der Kontrolle des Staats stehen. Außerdem übt der Staat eine strenge Kontrolle auf den Import von Druckereimaschinen und Vervielfältigungsapparaten sowie Druckmaterialien aus. Ein freier Markt dafür ist unerwünscht und existiert deswegen in Vietnam auch nicht. Weil das Land vor großen Schwierigkeiten steht, wird die Stärkung der Infrastruktur für Publikations- und Informationsarbeit nicht als notwendig erachtet. Die Folge ist, daß das vietnamesische Publikationswesen nicht leistungsfähig ist. Die Druckereien verfügen meistens über rückständige Druckmaschinen. Auch finden im Publikationswesen Privatunternehmen keinen Boden.

Im Auftrag der Regierung kontrolliert das Ministerium für Kultur, Kommunikation und Sport (MKKS) die Publikationstätigkeit. Dieses genehmigt Jahrespläne von Verlagen und Druckereien und gibt die Zustimmung für jede Publikation. Gleichzeitig ist das MKKS Verteiler von Papier, Druckerfarbe usw. Das MKKS hat ein System von Provinzämtern für Kultur, Kommunikation und Sport, die dem MKKS bei der einheitlichen Verwaltung der Publikationstätigkeit helfen.

In Vietnam gibt es zwei Arten von Verlagen: die regionalen Verlage und die Zentralverlage. Die Zentralverlage sind Fachverlage, die auf zentraler Ebene funktionieren. Vietnam verfügt über nur wenige Verlage. Landesweit existieren im Jahr 1992 48 Verlage, davon 29 Fachverlage zentraler Ebene und 19 regionale Verlage.

1991 veröffentlichten die 48 Verlage insgesamt 3429 Buchtitel mit einer Auflagenhöhe von 65 Mio. Veröffentlichungseinheiten (VE), d.h. knapp ein Buch pro Kopf, davon sind 53 Mio. Schulbücher, die eine absolute Anzahl von 85% betragen. Die restlichen 12 Mio. VE verteilen sich auf verschiedene Sachgebiete (Abb. 6).

Abb. 6: Buchproduktion nach Sachgebieten 1991

Im gleichen Jahr erschienen 300 Titel von Zeitungen und Zeitschriften, davon 128 Zeitungen, 150 Zeitschriften und 22 Nachrichten. Sie verteilen sich auf folgende Sachgebiete:

Im internationalen Vergleich ist das vietnamesische Publikations- und Verlagswesen sehr leistungsschwach und unterentwickelt. So erschienen in Deutschland im Jahre 1991 rund 68000 Buchtitel und über 8 000 Zeitschriftentitel (Frankreich 1990: 41 000 und 2 600; Großbritannien 1992: 86 000 und 6 400).

Seit 1986 werden viele vietnamesische Verlage nicht mehr vom Staat finanziert. Der Staat vergibt Subventionen nur noch für die Publikation von politischer Literatur. Die Verlage sind gezwungen, notwendiges Kapital für ihre Weiterexistenz und Aktivität zu suchen.

2.2.4. Rahmenbedingungen für die Fachinformation
Es fehlt in Vietnam an günstigen Entwicklungs- und Rahmenbedingungen für die Fachinformation. Es handelt sich um alle wesentlichen Sektoren und Teilgebiete, von den ungünstigen technischen und wirtschaftlichen Bedingungen bis zu dem unterentwickelten Informationsbewußtsein, der unzureichenden Aus- und Fortbildung und den Sprachbarrieren.

Während viele Staaten der Welt den Aufbau und die Verbesserung des Informationsmarktes für einen wichtigen Faktor der Entwicklung und Stärkung von WTI-Aktivitäten halten, existiert in Vietnam überhaupt kein Informationsmarkt. Obwohl man seit 1986 eine Marktwirtschaft aufbaut, und dies eine unumkehrbare Tendenz ist, kann von der Schaffung eines inländischen Informationsmarktes bis jetzt nicht die Rede sein, dies gilt auch für die dritte WTI-Konferenz 1991, auf der Ziele und Aufgaben der vietnamesischen Fachinformation bis zum Jahr 2000 diskutiert wurden. Nach wie vor zeigt die Informationslandschaft Vietnams folgendes Bild: die WTI-Einrichtungen und Bibliotheken führen ihre Tätigkeiten so durch, wie sie mit den vom Staat und zukünftig auch aus anderen finanziellen Quellen (Beitrag von Produktionsbetrieben, internationale Hilfe) erhaltenen Mitteln möglich ist; sie stellen den Benutzern ihre Informationsdienste und -dienstleistungen fast kostenlos zur Verfügung. Einige der Informationsdienste verkauft man, die meisten WTI-Stellen liefern ihre Informationsdienste zum Nulltarif in Form des sogenannten "Literaturaustausches". Die Deckung der Kosten wurde dabei zwar angestrebt, wird jedoch nicht als erforderliche Maßnahme zur Stärkung und Ergänzung von finanziellen Quellen angesehen. Keine WTI-Stelle hat in ihren Aktivitätsberichten eine Angabe über den von ihr erreichten Kostendeckungsgrad, weil dieser wahrscheinlich sehr niedrig ist. Die Fachinformation Vietnams muß jedoch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten behandelt werden, die die Schaffung eines zukünftigen Marktes erstreben.

Technische Rahmenbedingungen
Das nationale WTI-System Vietnams verfügt derzeit über rückständige Technologien für die Produktion und Nutzung von Fachinformationen und eine unterentwickelte und unzulängliche Telekommunikationsinfrastruktur.

Mit unzulänglichen und rückständigen Maschinen pruduzieren die Verlage jährlich knapp ein Buch pro Kopf, davon 85% Schulbücher. Die Fachliteraturproduktion ist unzureichend und wird vom Staat unzureichend gefördert. Bei der Erarbeitung und Veröffentlichung von Informationsdiensten fehlt es den WTI-Stellen an Schreibmaschinen (Computern), Druckmaschinen und Papier.

Mittel zur Erschließung und Nutzung von Fachinformationen sind überwiegend traditionelle Kataloge und Karteien. Nur ein kleiner Teil von WTI-Stellen hat Kopiergeräte und Mikrofilmgeräte. Anlagen für die Produktion von Mikrofilmen wurden erst vor kurzem in einigen Institutionen zentraler Ebene angeschafft. Der Einsatz von Mikrocomputern und anderen modernen Informationstechnologien zum Aufbau von Datenbanken und zur Verstärkung der Nutzung von Fachinformationen wurde in einigen WTI-Stellen nicht vom Staat, sondern hauptsächlich durch Auslandshilfe initiiert und befindet sich noch in der Probezeit.

Der Import und die Anwendung von neuen Informationstechnologien zur Stärkung der Produktion und Nutzung von Fachinformationen wurden zuvor auf der dritten WTI-Konferenz empfohlen, müssen aber auf die Entscheidung der Regierung warten.

Durch die Unterstützung der ehemaligen UdSSR und Australiens sind die Hauptstadt Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt seit Ende der 80er Jahre durch Telekommunikationsnetze mit der Welt verknüpft. Die Datenendgeräte werden in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt aber in geringem Umfang, besonders für die Fachinformation, eingesetzt. Diese Situation soll sich in Zukunft verbessern.

Wirtschaftliche Entwicklungsbedingungen
Weil sich die Fachliteratur und -information zum größten Teil in Hanoi befindet und die restlichen Regionen und Provinzen Mangel an Fachinformationen haben, ist die Stärkung der Nutzung moderner Informationstechnologien zukünftig die unvermeidbare und notwendige Lösung. Fachinformationen werden in Zukunft zunehmend kopiert und vervielfältigt, um den Informationsbedarf der Benutzer in den Provinzen zu befriedigen. Es besteht aber die Gefahr, daß die Interessen der Urheber mißachtet werden. Vietnam hat bis heute kein Gesetz, das einen rechtlichen Rahmen gibt.

Die Normung und Standardisierung sind für die Wirtschaftlichkeit und Benutzerfreundlichkeit der WTI-Aktivitäten von Bedeutung. Die Erarbeitung von Standards nahm ihren Anfang erst im Jahre 1988 und blieb bei einer Anzahl von 4 Normen stehen. Es gibt z.Z. für die Informationsarbeiten insgesamt 10 methodische Anleitungsmaterialien und Regelwerke sowie 4 Regelungen.

Die Aufwendungen für den Aufbau und die Änderung von Informationsbanken sind hoch. Standards für den Aufbau von Datenbanken sind dringend erforderlich, um unnötige Kosten zu vermeiden.

Sonstige Bedingungen
Das Bewußtsein für den Wert der Fachinformation ist allgemein in der Gesellschaft und selbst bei vielen verantwortlichen Leitern der Bereichen sehr schwach entwickelt. Dies führt nicht nur zu einer gesellschaftlich unzureichenden Finanzierung, sondern auch zur geringen Nutzung von bestehenden Fachinformationen.

Obwohl die Ausbildung von Fachkräften in Vietnam in den letzten Jahren qualitativ und quantitativ verbessert wurde, bleibt sie weit hinter dem Entwicklungsbedarf zurück. Hochqualifizierte Fachkräfte werden in dem ZIWTI in den postgradualen Kursen ausgebildet. Diese Ausbildungsform sollte erhalten bleiben und möglichst noch erweitert werden. Die Hanoier Universität und die Kulturhochschule müssen ihre Ausbildungsqualität erhöhen, um neben den Bibliothekaren in Zukunft auch Fachpersonal für das nationale WTI-System ausbilden zu können.

Die Nutzung ausländischer Fachliteratur und -information wird auch durch Sprachbarrieren behindert. Insbesondere in den Provinzen, wo die Benutzer zum großen Teil kaum Kenntnisse der Fremdsprachen besitzen, hängt die Nutzung der Fachinformation davon ab, daß sie in vietnamesischer Sprache angeboten wird. Zum Abbau von Sprachbarrieren ist die Verbesserung der Ausbildung in Fremdsprachen für Informationsmitarbeiter und Bibliothekare sowie für die Benutzer dringend erforderlich. Die einheitliche Verwaltung von Übersetzungen ist hierbei zu beachten und von praktischer Bedeutung, um Doppelarbeit zu vermeiden und die Nutzung von Übersetzungen effektiver zu gestalten.

2.2.5. Internationale Zusammenarbeit
In der Vergangenheit hatte Vietnam enge und wertvolle Beziehungen in der Fachinformation mit den früheren sozialistischen Ländern wie der UdSSR, Polen, der DDR, Ungarn, der Tschechoslowakei, Bulgarien und Kuba. Vietnam war Mitglied des internationalen WTI-Systems der RGW-Länder (ISWTI) und hatte Vertretungen in allen Zweigsystemen dieser Organisation. Solche Beziehungen brachten der vietnamesischen Fachinformation starke und allseitige Unterstützung in der Ausbildung, in Technologien und der Fachliteratur, besonders aus der UdSSR. Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den letzten 80er Jahren sind diese Beziehungen schwächer geworden.

Unter den kapitalistischen Ländern, mit denen die WTI-Einrichtungen Vietnams seit langer Zeit Fachinformations-Beziehungen haben, sind Frankreich, Schweden, Australien, Großbritannien, Indien und Südkorea zu nennen. Dabei ist die internationale Zusammenarbeit mit Frankreich als bemerkenswert und erfolgreich hervorzuheben. Weiterhin wichtig ist aber auch die Kooperation mit Schweden und Australien.

Vietnam hat auch mit vielen internationalen Organisationen der UNO Beziehungen in der Fachinformation hergestellt. Am wichtigsten ist die Zusammenarbeit mit folgenden Institutionen:

In den letzten Jahren entwickelt sich die Tendenz der Kooperation mit den Ländern der Asien-Pazifik-Region. So nahm z.B. das ZIWTI an einer Reihe von Informationssystemen dieser Region teil, wie an: Neben dem Literatur- und Informationsaustausch richtet die Kooperation ihre Aufmerksamkeit stark auf die Aus- und Weiterbildung vietnamesischer Fachkräfte.

Außerdem führen die WTI-Stellen und Bibliotheken Vietnams Literaturaustausch mit über 300 Großbibliotheken aus mehr als 100 Ländern der Welt durch. Die Effektivität der internationalen Zusammenarbeit wird als hoch bewertet.

2.3. Die gegenwärtigen erheblichen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Vietnam als Voraussetzung für eine neue Fachinformationspolitik

Der 6. Parteitag der KPV im Jahre 1986, der als Parteitag der Erneuerung und Reform in Vietnam bekannt wurde, hat eine wesentliche Änderung in der Strategie der Entwicklung und des Aufbaus des Landes eingeleitet. Die Leitlinien und Strategien dieses Parteitages wurden nach und nach ergänzt und verbessert und führten zu den gegenwärtigen positiven Entwicklungen in Vietnam. Von wesentlicher Bedeutung und als Basis für die Erarbeitung der neuen Entwicklungsstrategien war die Analyse von Fehlern beim Aufbau der sozialistischen Planwirtschaft und bei der Außenpolitik des Zeitraumes 1975-1985, die Vietnam zu katastrophalen Krisen führten. Der Krieg 1978 mit dem Nachbarland Kambodscha, in dem Vietnam den Grenzkonflikt durch militärischen Einsatz lösen wollte, führte 1979 zu einem weiteren Krieg mit der Volksrepublik China. Dies hatte eine Isolierung Vietnams von der internationalen Gemeinschaft zur Folge. Das USA-Handelsembargo ermöglichte Vietnam keine Chance, ausländische Kapitalinvestitionen und Hilfe für seine wirtschaftliche Entwicklung zu erhalten. Die Ausgaben für die Aufrechterhaltung der in Kambodscha stationierten Truppen und für den Krieg mit China konnte das arme Land Vietnam mit einer sehr schwachen Planwirtschaft nicht tragen. Die vietnamesische Planwirtschaft zeigte sehr schnell ihre schwache Seite: Stagnation herrschte in allen Wirtschaftszweigen, die Arbeitsproduktivität nahm rapide ab, Nahrungsmittel und andere dringend notwendige Waren fehlten. Die Bevölkerung war ohne jede Zukunftsperspektive und schutzlos wachsender Bürokratie, Bestechlichkeit und Korruption ausgeliefert. Hunger und "Boat peoples" waren das Symbol für Vietnam, immer, wenn in der Welt von diesem Land gesprochen wurde.

Um Vietnam aus dieser katastrophalen Situation, also aus der Isolierung von der internationalen Gemeinschaft zu befreien und damit weiterzuentwickeln, mußte Vietnam seine Politik grundlegend ändern. Dieser Weg wurde als "Erneuerung" bezeichnet. Genau genommen handelt es sich um tiefgreifende Veränderungen und Reformen auf nahezu allen Bereichen der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Verteidigung und Kultur.

In der Außenpolitik sind vor allem folgende Veränderungen zu verzeichnen:

Deshalb nahm Vietnam an verschiedenen internationalen Konferenzen teil, um die beste Lösung der bestehenden Konflikte zu finden. Durch diese Maßnahmen überzeugte Vietnam Jahr für Jahr immer mehr Länder, insbesondere die Staaten Asiens.

Was die Verteidigung des Landes betrifft hat, hat Vietnam die Zahl der aktiven Truppen herabgesetzt. Militärische Konflikte mit der Volksrepublik China werden weitgehend vermieden. Auch die Ausgaben für die Armee wurden weiter reduziert. Neuartig sind jedoch die Veränderungen in der Wirtschaft und im Verhältnis der KPV zur Regierung.

Bis 1986 lag die absolute Macht in der Hand der KPV. Wie eine Art Staat baute die Partei einen starken Apparat auf, der täglich und unmittelbar die Arbeit aller Organe und Organisationen bestimmte und beeinflußte, von Regierung und Volkskammer bis zu jedem Betrieb, jedem Hochschulbereich, jeder kleinen Produktionseinheit und Schule. Alle 5 Jahre fand der Parteitag als das wichtigste Ereignis des Landes statt, dessen Beschlüsse Lösungsvorschläge für alle wichtigen Probleme und Fragen vorgeben sollten und jede Kennziffer des kommenden Fünfjahrplanes bestimmten. Die Regierung war lediglich Ausführender der Parteibeschlüsse, die häufig auf unzuverlässigen Daten und auf subjektiven Einschätzungen beruhten. Oppositionelle Aussagen waren unerwünscht.

Im Prozeß der Erneuerung schränkte die Partei allmählich ihre führende Rolle ein. Sie bestimmt nicht mehr die Lösungen für die Probleme in allen gesellschaftlichen Bereichen, sondern nur noch die Strategien und Leitlinien der Entwicklung. Die Regierung verwaltet und reguliert die Wirtschaft und Gesellschaft mit Hilfe von Gesetzen mit mehr Rechte auf eigene Initiativen, ohne Einmischung der Partei.

Obwohl in den Jahren 1988-1990 von einem Mehrparteiensystem die Rede war, hält die KPV noch heute an der Alleinherrschaft fest. Sie will die Rolle des "Oberführers" spielen. Parteibeschlüsse und -anweisungen sind immer noch als Anleitungsdokumente anzusehen. Gleichzeitig werden aber demokratische Verhältnisse gefordert. Eine Reihe von demokratischen Reformen wurde und wird sowohl innerhalb der obersten Leitungsorgane als auch in der Wirtschaft und Gesellschaft durchgeführt. Die Medien und sogar die Bürger dürfen z.B. Fehler der Partei offen kritisieren oder Skandale, in die Parteimitglieder verwickelt sind, öffentlich anklagen. Die KPV hat jedoch bisher keine echte Opposition zugelassen. Oppositionelle Meinungen kann man zum Ausdruck bringen, sogar in der Presse, oppositionelle Zeitung existiert aber nicht. Private und oppositionelle Zeitungen werden nicht erlaubt. Ob es sich hier um echte Demokratie handelt oder ob man unter dem Regime einer einzigen Partei Demokratie realisieren kann, bleibt offen. Die Bevölkerung diskutiert selten über die Probleme der Demokratisierung, erkennt aber an, daß hier große Fortschritte gemacht hat und weiterhin an Verbesserungen gearbeitet wird. Viel mehr interessieren sich die Bürger für die Wirtschaftsreformen, die ihr tägliches Leben direkt beeinflussen.

Wie oben festgestellt wurde, war Vietnam planwirtschaftlich orientiert mit hoch gesteckten Zielen und großen Projekten. Aber die Ausgaben für den Verwaltungsapparat waren untragbar hoch. Das in die Wirtschaft investierte Kapital wurde uneffektiv genutzt. Die Volkswirtschaft war stark rückläufig, so daß der Staat überall subventionieren mußte. Die Folge war, daß die Inflation dramatisch anstieg. Die Absicht, die kapitalistischen Phase zu überspringen, war völlig gescheitert. Als "Rückkehr" zur kapitalistischen Phase baut man in Vietnam seit 1986 eine Marktwirtschaft auf, die jedoch sozialistisch orientiert werden soll.

Dabei werden folgende Ziele gestellt:

Statt der früheren sehr ehrgeizigen Ziele stellt sich Vietnam diesmal nur einfache und bescheidene Ziele: Verhinderung von Hunger, Armut und Rückständigkeit; Stabilität und Weiterentwicklung.

Auch die Rolle des Staates wurde geändert. Er beteiligt sich nicht mehr direkt an Leitung und Verwaltung der Gesamtwirtschaft, sondern gibt Unternehmen das Recht auf Selbstverwaltung der Produktionstätigkeit zurück. Das Kapital zu Investitionen in die Produktion wird nicht mehr an die Betriebe verteilt. Die Unternehmen und Produktionseinheiten müssen Kredite bei verschiedenen Banken aufnehmen. Der Staat wird also zum Kreditgeber und der Betriebsleiter muß dafür sorgen, daß sein Unternehmen mit den Krediten möglichst viel Gewinn erwirtschaftet. Dabei entscheidet er selbst, was und in welchem Umfang produziert wird. Nur auf diese Weise ist sein Unternehmen weiter existenzfähig und das Einkommen der Mitarbeiter ausreichend hoch. Auf diese Weise wurden einerseits frühere staatliche Subventionen, die zu ständig steigender Inflation führten, erheblich verringert und andererseits wird Kapital besser und effektiver investiert.

Regierung und Volkskammer bewilligten, ergänzten und verbesserten zahlreiche Gesetze, die die Marktwirtschaft benötigt und fordert. Unter solchen Gesetzen wurde als eines der ersten ein Auslandsinvestitionsgesetz erlassen, das als eines der für die Investoren gewinnversprechendsten Gesetze dieser Art in der Welt angesehen wird. Der ausländische Investor kann in Vietnam Betriebe mit 100% eigenem Grundkapital führen oder mit vietnamesischen Partnern, oder auch mit anderen Privatunternehmen kooperieren (Joint Ventures). Das Ziel des Gesetzes gilt als Anreiz und Ermutigung für ausländische Investoren . Für die Schaffung und Verbesserung der noch unzulänglichen Infrastruktur (Telekommunikation, Verkehr, Stromversorgung u.a.) und für den Import von notwendigen Technologien und Materialien für Industrie, Landwirtschaft und insbesondere Rohstoffgewinnung benötigt Vietnam dringend erhebliche Kapitalzuflüsse. Es folgte das Unternehmensgesetz, nach dem Privatunternehmen in nahezu allen Wirtschaftsbranchen tätig sein dürfen, weiterhin das Bodengesetz, das Einkommensteuergesetz, das Eigentumsgesetz u.a.

Mutig führte und führt die vietnamesische Regierung mehrere Reformprogramme durch. Verschiedene Länder beobachten von Anfang an diese Reformprozesse mit Skepsis. Auch viele Vietnamesen glaubten anfangs nicht an die Erneuerungspolitik und die Reformprozesse der vietnamesischen Regierung. Erst in den 90er Jahren zeigten die Reformen ihre ersten positiven Wirkungen. Diese Tendenz ist ansteigend und unumkehrbar.

Einige der wichtigen Reformergebnisse sind:

Diese Reformergebnisse überzeugen immer mehr Länder der Welt, vor allem die Staaten Asiens. Monat für Monat kommen neue ausländische Unternehmen nach Vietnam um zu investieren oder Investitionen vorzubereiten. Die Investitionsrate nahm schnell zu . So stieg die ausländische Investitionssumme von 360 im Jahr 1988 über 520 (1989) und 590 (1990) auf 1995 Mio. USD (1992). Bis zum 30.6.1993 sind 671 Investitionsprojekte mit einer geplanten Summe von 6,332 Mrd. USD zu verzeichnen. Seit der Abschaffung des USA-Handelsembargos am Jahresanfang 1994 und besonders seit der Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Vietnam im Sommer 1995 wird eine starke Zunahme ausländischer Investitionen in Vietnam festgestellt.

Bis zum 31.12.1995 wurden 1348 ausländische Investitionsprojekte mit einer Kapitalsumme von USD 19,347 Mrd. registriert (Vietnam. N.1590, Friday, 5.1.1996). Diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Vietnam und anderen Ländern, vor allem den Asienstaaten wurden intensiviert und weiterentwickelt. Vietnam kehrt weiter in die internationale Gemeinschaft zurück.

3. ANALYSE EINIGER ASPEKTE DER FACHINFORMATIONS-SYSTEME UND DER FACHINFORMATIONSPOLITIK EUROPÄISCHER STAATEN IM HINBLICK AUF IHRE ÜBERTRAGBARKEIT AUF VIETNAM

3.1. Systeme der Fachliteraturversorgung

3.1.1. System der Fachliteraturversorgung der Bundesrepublik Deutschland
Die Fachinformation, insbesondere in Hinsicht auf Produktion und Angebot gedruckter Literatur und Fachsammlungen, wird in der Bundesrepublik Deutschland überwiegend von privaten Unternehmen getragen. Knapp 2000 Verlage bilden in Deutschland ein national und international leistungsfähiges Verlagswesen. Im bisherigen Rekordjahr 1992 veröffentlichten sie 67 277 Buchtitel (Statistisches Jahrbuch 1994 für die BRD, S.435) - vier mal so viel wie im Jahr 1951. Die Buchproduktion der BRD nimmt international nach den USA und der GUS den dritten Platz ein (Tatsachen über Deutschland 1989, S.367).

Diese auf hohem qualitativen und quantitativen Niveau arbeitenden deutschen Verlage werden ergänzt von einem dichten Vertriebsnetz, insbesondere den Buchhandlungen. Mit einem breiten Angebot an Fachpublikationen bestehen in der BRD kaum Probleme bei der Fachliteraturbeschaffung, soweit sie aktuell ist und keine Selektionsprozesse in bereits früher veröffentlichten Materialien erforderlich sind. Das gleiche gilt für Informationen, die von staatlichen Stellen in gedruckter Form bereitgestellt werden, z.B. amtliche Druckschriften (Vgl. BMFT 1990, S.6).

Zur Lösung von Aufgaben in allen Fachgebieten, in Wissenschaft und Wirtschaft ebenso wie in der Verwaltung und täglichen Praxis, d.h. zur Vorbereitung von einzelnen Entscheidungen und Projekten, braucht man aber Fachinformationen, die aus großen und oft weit in die Vergangenheit reichenden Informationsmengen aus aller Welt gezielt herausgefiltert und selektiert werden. Die Versorgung mit diesen Fachinformationen, die als Forschungsergebnisse u.ä. in Berichten, Büchern, Artikeln in Zeitschriften veröffentlicht werden, wird in der BRD durch Bibliotheken in Zusammenarbeit mit Informationseinrichtungen gewährleistet.

Im allgemeinen tragen die Bibliotheken und Informationseinrichtungen dazu bei, daß die benötigte Fachinformation möglichst vollständig und schnell beim Anforderer vorliegt. Zwischen ihnen besteht in der BRD folgende Arbeitsteilung: Informationseinrichtungen sind dafür verantwortlich, Fachinformationen zu sammeln, aufzubereiten und in Form von Online-Datenbanken oder gedruckten Diensten zur Verfügung zu stellen, die Bibliotheken gewährleisten die Versorgung mit Originalliteratur. Dementsprechend stellen Bibliotheken zum Literaturnachweis Kataloge verschiedener Art zur Verfügung. "Mit den Bibliotheken sollten Informationseinrichtungen so zusammenarbeiten, daß jedes nachgewiesene Dokument mindestens einmal in Deutschland vorhanden ist" (Lankenau 1989, S.79).

Zur Versorgung mit Fachliteratur verfügt die Bundesrepublik über ein vielschichtiges und traditionell leistungsfähiges Bibliothekswesen. Es gab in der BRD 1993 rund 15 700 Bibliotheken unterschiedlicher Art mit einem Gesamtangebot von über 363,7 Mio. Medien aller Art (DBI, 1995). Nahezu ausnahmslos kann man nicht nur Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, sondern auch Schallplatten, Videokassetten, Computerprogramme, Spiele und Bilder nach Hause entleihen. Zu dem nationalen Bibliothekssystem gehörten im Jahre 1993 etwa 2195 wissenschaftliche Bibliotheken mit einem Gesamtbestand von 226,7 Mio. Bänden und 13 474 öffentliche Bibliotheken (Bestand: 137,0 Mio. Bände).

Die wissenschaftlichen Bibliotheken ermöglichen dem Benutzer aus Wissenschaft, Wirtschaft und staatlichen Institutionen den Zugang zur gedruckten und elektronischen Fachinformation der Welt - und damit zum Wissen der Welt. Sie spielen im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Infrastruktur eine "Schlüsselrolle" (BMFT 1990, S.29).

Am wichtigsten sind acht National- und zentrale Fachbibliotheken mit einem Gesamtbestand von 30,6 Mio. Bänden (DBI 1995). Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern besitzt Deutschland keine große, jahrhundertealte Nationalbibliothek. Mit der Gründung der Deutschen Bücherei in Leipzig im Jahre 1912 wurde ein Anfang gemacht. Gegründet wurde diese Bibliothek (1994: 6,76 Mio. Monographien und 63 000 laufende Zeitschriftentitel) nicht vom Staat, sondern auf Initiative des Buchhandels mit dem Auftrag, die gesamte deutschsprachige Literatur zu sammeln. Die Teilung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg erforderte die Gründung einer entsprechenden Institution für den Westteil Deutschlands. Dies ist die Deutsche Bibliothek in Frankfurt (1994: 4,32 Mio. Bände, 67 000 Zeitschriftentitel), die 1946 ebenfalls durch den Buchhandel gegründet wurde. Sie sammelt hauptsächlich die deutschsprachige Literatur seit 1945, aber auch die sogenannte "Emigrantenliteratur", die von den emigrierten deutschen Schriftstellern während der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde. Seit 1969 ist sie Bundesanstalt und wurde nach der Vereinigung Deutschlands im Jahre 1990 mit der Deutschen Bücherei in Leipzig zur "Die Deutsche Bibliothek"vereinigt (DBI, 1995, Teil B, S.15).

Zu den größten Bibliotheken gehören auch die Bayerische Staatsbibliothek in München mit 6,3 Mio. Bänden und die Staatsbibliothek zu Berlin (1994: etwa 6,6 Mio. Monographien, 36 000 laufende Zeitschriftentitel), die ebenso nach der Vereinigung Deutschlands mit der Deutschen Staatsbibliothek in Ostberlin zusammen unter eine Leitung gestellt wurde. Daneben gibt es vier zentrale Fachbibliotheken: die Technische Informationsbibliothek in Hannover (1994: 1,35 Mio. Bände, 14 000 laufende Zeitschriftentitel), die Zentralbibliothek der Medizin in Köln (1994: 860000 Bände), die Zentralbibliothek der Wirtschaftswissenschaft in Kiel (2,32 Mio. Bände) und die Zentralbibliothek der Landbauwissenschaft in Bonn (1994: 355000 Bände) (Vgl. DBI, 1995,Teil B).

Die zentralen Fachbibliotheken bilden das Rückgrat des Systems der überregionalen Literaturversorgung. Dazu zählen z.B. auch überwiegend geisteswissenschaftliche Sondersammelgebiete an gegenwärtig 17 Bibliotheken sowie einige Spezialbibliotheken, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit Mitteln des Bundes und der Länder gefördert werden. Hierbei handelt es sich um ein dezentral organisiertes System fachlicher Sammelschwerpunkte mit dem Ziel, Spezialsammlungen aufzubauen, die die überregionale Literaturversorgung für das betreffende Fachgebiet gewährleisten.

Neben diesen oben genannten Bibliotheken, die überregionale Funktionen ausüben und vom Bund gemeinsam mit den Ländern gefördert werden, gibt es andere wissenschaftliche Bibliotheken (Regional-, Universitäts- und Hochschulbibliotheken), überwiegend in Trägerschaft der Länder, die den Großteil des Literaturbedarfs unmittelbar vor Ort befriedigen. Dies gewährleistet eine effektive Literaturversorgung.

Die örtliche Bedarfsdeckung wird außerdem unterstützt durch die regionale Versorgung und durch das von der DFG geförderte System der überregionalen Literaturversorgung. Für die Fachliteraturversorgung stellten wissenschaftliche Bibliotheken im Jahr 1993 insgesamt einen Bestand von 226,7 Mio. Bänden zur Verfügung. Die Entwicklung dieses Bestandes wird jährlich zunehmend gefördert. 526,8 Mio.DM wurde im Jahr 1993 für die Literaturerwerbung ausgegeben (DBI, 1995, Teil D). Damit wird die Nachfrage nach Literatur immer besser befriedigt.

Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind nicht nur zu einem dichten Netz der nationalen Literaturversorgung miteinander verbunden, sondern zugleich auch international mit den wichtigsten Nationalbibliotheken. Damit wird die Versorgung mit Fachliteratur in der BRD weiter verbessert.

Gegenwärtig gibt es in Deutschland neun Bibliotheksverbundsysteme, die die regionale Literaturversorgung verhältnismäßig gründlich gewährleisten und an denen sich auch die wissenschaftlichen Bibliotheken der neuen Bundesländer beteiligen:

  1. Bibliotheksverbund Bayern (Online-Verbund),
  2. Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg,
  3. Bibliotheksverbund Niedersachsen/Sachsen-Anhalt,
  4. Hessisches Bibliotheksinformationssystem,
  5. Norddeutscher Bibliotheksverbund,
  6. Nordrhein-Westfälischer Bibliotheksverbund,
  7. Südwestdeutscher Bibliotheksverbund,
  8. Verbund der Bibliotheken der obersten Bundesbehörden,
  9. Zeitschriftendatenbanken (DBI, 1994, Teil B).
Zum Nachweis der Literaturbestände stehen sieben regionale Zentralkataloge zur Verfügung, die die Bestände der jeweiligen Regionen erfassen. Da die Ausstattung mit Informations- und Kommunikationstechnik noch nicht ausreichend ist, steht die Entwicklung von Online-Katalogen noch in der Aufbauphase. Die Katalogisierung wird in den sieben Bibliotheksrechenzentren mit unterschiedlicher Hard- und Software realisiert. Dies erschwert die Vernetzung und Zusammenarbeit der regionalen Zentren (BMFT.1990, S.31). Die Zeitschriftendatenbank in Berlin ist ein überregionaler Online-Verbundkatalog, wobei alle Zeitschriftentitel von über 450 großen Bibliotheken der BRD nachgewiesen werden. Der überregionale Verbundkatalog für Monographien befindet sich noch im Aufbau, obwohl seine Anfänge schon im Jahre 1978 liegen. Er berücksichtigt bisher die besonders häufig genutzten Bestände und die alten Bestände aus dem von der DFG geförderten Projekt (BMFT. 1990, S. 32).

Mit Hilfe der Bibliothekskataloge verschiedener Art kann der Benutzer leicht feststellen, wo die gesuchten Bücher bzw. Zeitschriften vorhanden sind. Die überregionale Literaturversorgung erfolgt durch das Fernleihnetz, das die Nutzung eines breiten Spektrums des Gesamtbestandes (226,7 Mio. Bände) in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bibliotheken verstärkt.

Die Technische Informationsbibliothek in Hannover wird als "Star" in der Fernleihe der BRD gesehen. Diese Bibliothek hat im Jahr 1982 rund 344 000 Bestellungen aus der Fernleihe erledigt. Die Zahl der von ihr für den Leihverkehr erledigten Bestellungen ist von 355.500 (1984) über 418 600 (1986) und 445 400 (1988) und 421 800 (1989) auf 544 000 (1993) gestiegen.

Durch die Fernleihe werden die Dokumente in unterschiedlichen Formen geliefert. Soweit die Materialien in Form von Originalen, Kopien oder Mikrofilmen physisch transportiert werden können, werden Autodienste oder die Post genutzt. Auf diesem Weg dauert die Dokumentenlieferung oft lange. Daher besteht derzeit in der Literaturversorgung in der Bundesrepublik noch eine "Diskrepanz" zwischen dem leistungsfähigen Literaturnachweis aus Datenbanken und der häufig langwierigen Literaturbeschaffung. "Dem schnellen Literaturnachweis sollte ein ebenso schneller Standortnachweis, die elektronische Bestellung und in der Zukunft - soweit wie möglich - die elektronische Dokumentenlieferung folgen" (BMFT 1990, S.32). Mit Fördermitteln vom Bund und den Ländern bemühen sich die wissenschaftlichen Bibliotheken darum, durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechniken die Dokumentenlieferung zu verbessern und zu beschleunigen.

Das Tempo der Literaturbereitstellung und -versorgung hängt auch von der Zusammenarbeit zwischen den Bibliotheken und dem Buchhandel ab. Zur Zeit liegt ein Problem darin, daß die Datenformate des Buchhandels (z.B. Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB), Datenbanken des Buchhandels) und der Bibliotheken (z.B. Deutsche Bibliographie mit Magnetbanddiensten, BIBLIO-DATA und CD-ROM, Zeitschriftendatenbank (ZDB) und der Verbundkatalog maschinenlesbarer Katalogdaten (VK)) noch sehr unterschiedlich sind. Dies behindert in starkem Maße den Ablauf der Bereitstellung und Beschaffung von neuen Büchern und Zeitschriften und damit die Literaturversorgung. Hier sind einheitliche Standards und Normen zu erarbeiten und zu entwickeln. Standardisierte und abgestimmte Bestellformate und maschinenlesbare nationalbibliographische Vorabdienste für Neuerscheinungen, um die sich die Bibliotheken und der Buchhandel bemühen, sind für den reibungslosen Ablauf der Bereitstellung von neuen Büchern und Zeitschriften und für die Beschleunigung der Literaturlieferung von großer Bedeutung (BMFT 1990, S.32).

Ein wesentlicher und zuverlässiger Indikator der Literaturversorgung ist die Zahl der entliehenen Medien. Die bundesdeutschen Bibliotheken haben im Jahre 1988 etwa 260 Mio. Entleihungen erledigt. Davon entfielen 46 Mio. Entleihungen auf wissenschaftliche Bibliotheken. Die Zahl der Entleihungen stieg im Jahre 1993 auf 305 Mio. Davon wurden 67,0 Mio. Entleihungen durch die wissenschaftlichen Bibliotheken erledigt (DBI 1995, Teil D). Diese Zahlen sind beeindruckend und sprechen für sich selbst. Viele Bürger nutzen die Informationsmöglichkeiten der wissenschaftlichen Bibliotheken jedoch noch zu wenig, weil sie gewisse Hemmungen daran hindern. Für sie erscheinen Bibliotheken noch fremd und sehr kompliziert. Dies wird dadurch zusätzlich erschwert, da viele Bibliotheken wegen des Personalmangels nicht genug Personal für Auskunftstätigkeit und Beratung zur Verfügung stellen (Broschüre 1).

Die Anforderungen einer wachsenden Zahl von Benutzern bei einem exponentiellen Wachstum der Menge an Fachliteratur übersteigt zunehmend die personellen, finanziellen und räumlichen Fähigkeiten der wissenschaftlichen Bibliotheken. Dies stellt die wissenschaftlichen Bibliotheken vor die immer schwierigere Aufgabe, die Fachliteratur für einzelne Gebiete vollständig zu sammeln.

Angesicht dieser Probleme fördert der Bund zusammen mit den Ländern:

3.1.2. System der Literaturversorgung in Frankreich
Frankreich gehört zu den führenden Industrienationen der Welt. Gleichzeitig ist es das führende europäische Agrarland. Im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland ist die französische staatliche Verwaltung in hohem Maße zentralisiert. Dies hat auch großen Einfluß auf die Struktur und Aktivität der Fachinformation dieses Landes.

International hat Frankreich eine vergleichsweise relativ lange Entwicklungsgeschichte der Literaturproduktion hinter sich. Das Verlagswesen und der Buchhandel sind national und international leistungsfähig. Sie bieten ein so breites Spektrum der Fachpublikationen in Form von Büchern und Zeitschriften an (aber nicht vergleichbar mit der BRD und Großbritannien), daß kaum Probleme der Versorgung mit inländischer aktueller Information bestehen. So gaben die französischen Verlage im Jahre 1991 etwa 43 700 Buchtitel heraus (vgl. Statistisches Jahrbuch 1994 für das Ausland). Der Buchhandel verfügt über ein dichtes nationales Verkaufsnetz und entwickelte Verbindungen zu den internationalen Handelspartnern. Er gewährleistet somit, daß der finanzkräftige Benutzer aktuelle Fachinformationen in Form von Büchern und Zeitschriften problemlos beschaffen kann. Seit 1982 wird das französische Publikationswesen vom Staat besonders gefördert. Die französische Regierung hat deshalb im Jahr 1982 das Fachprogramm "Förderung des Französischen als Wissenschaftssprache und Verbreitung der wissenschaftlichen und technischen Kultur" mit dem Ziel konzipiert (Busowietz/Schmidt-Reindl 1984, S.7):

Zur Realisierung dieses Fachprogramms richteten sich die Maßnahmen auf: Es ist festzustellen, daß die französischen Verleger ihre Fachpublikationen in Form von Büchern und Zeitschriften auf dem nationalen und internationalen Markt nicht als Ergänzung, sondern in Konkurrenz zur ausländischen Literatur anbieten (Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.260-263).

Da kaum Probleme der Versorgung mit aktueller Information in Form von Büchern, Zeitschriften und auch amtlichen Druckschriften in Frankreich bestehen, geht es, wenn die Fachinformationsversorgung behandelt wird, immer mehr um die Versorgung mit Fachinformationen, die für einzelne Entscheidungsprozesse benötigt werden und die in der Vergangenheit veröffentlicht wurden.

Der Großteil der Fachinformationen befindet sich in den französischen Bibliotheken und daher übernehmen diese die Literaturversorgung.

Zur Zeit verfügt Frankreich über ein leistungsfähiges System der Literaturversorgung. Wichtige Bestandteile dieses Systems sind Bibliotheken aus unterschiedlichen ministeriellen Unterstellungsbereichen:

Im Großraum Paris befinden sich 6 Bibliotheken bedeutender wissenschaftlicher Institutionen: Das sind Fachbibliotheken, die fast ausschließlich auf die staatliche Förderung angewiesen sind (92% ihrer jährlichen Haushaltsmittel kommen aus dem Erziehungsministerium). Sie hatten im Jahre 1981 einen Gesamtbestand von rund 3,5 Mio. Bänden, davon waren: Der jährliche Zuwachs beträgt z.Z. etwa 14 000 Bände. Da die genannten Bibliotheken alte, wertvolle Bestände aus mehreren Jahrhunderten besitzen, üben sie die Funktion von Archivbibliotheken aus. Als Präsenzbibliothek stehen sie nicht nur den Mitgliedern der wissenschaftlichen Institutionen, sondern auch außenstehenden Forschern und Wissenschaftlern zur Verfügung. Vom Gesamtbestand von 3,5 Mio. Bänden sind aber nur etwa 85 000 frei zugänglich. Deutlich ist, daß die Nutzung dieser Bibliotheken sehr beschränkt wird. Sie dienen hauptsächlich Forschungsprojekten ihrer Trägerinstitutionen in Paris und Umgebung, haben aber zum Teil auch nationale Aufgabenbereiche, weshalb sie dem nationalen Leihverkehr angeschlossen sind. Auf ihren Fachgebieten befriedigen sie den Literaturbedarf vor Ort. Von Bedeutung für den überregionalen Leihverkehr sind sie aber nicht, obwohl sie hierfür wertvolle Bestände besitzen.

Die bedeutendste Rolle in dem französischen System der Fachliteraturversorgung spielen die zentralen Universitätsbibliotheken und die Fakultätsbibliotheken (Unités d´Enseignement et de Recherche UER).

Universitätsbibliotheken im heutigen Sinn als zentrale Universitätsbibliothek entstanden in Frankreich erst am Ende des 19. Jahrhunderts, während viele französische Universitäten schon eine mehrere Jahrhunderte dauernde Entwicklungsgeschichte hinter sich haben. Die Sammlungen, aus denen die heutigen zentralen Universitätsbibliotheken hervorgegangen sind, existierten oft schon lange vor der Gründung der zentralen Universitätsbibliotheken. Ursprünglich befanden sich die Universitätsbibliotheken in den alten Gebäuden, die oft nicht speziell für Bibliothekszwecke aufgebaut waren und meistens weit entfernt von der Universität lagen. Zwar versuchte man schon im Jahre 1939 dieses Problem zu lösen, aber erst in den 60er Jahren wurde der Bedeutung der Universitätsbibliotheken für die akademische Ausbildung finanziell Rechnung getragen. Seit 1955 sind etwa 120 Neu- und Umbauten von Universitätsbibliotheken oder einzelnen Abteilungen durchgeführt worden (Simon 1986).

1981 gab es in Frankreich 60 zentrale Universitätsbibliotheken und 160 Fakultätsbibliotheken. Von den 60 Universitätsbibliotheken zählte man 20 Bibliothèques interuniversitaires, die mehreren Universitäten dienen. Leicht offenbart sich ein Ungleichgewicht in der territorialen Verteilung der Universitätsbibliotheken. In Paris und Umgebung konzentrieren sich sehr viele Einrichtungen. So befinden sich hier 21 Universitätsbibliotheken, davon 9 Bibliothèques interuniversitaires und 12 Bibliothèques centrales des Universitaires. Diese 9 Bibliothèques interuniversitaires sind gleichzeitig als große Spezialbibliotheken zu betrachten. Die anderen 39 Universitätsbibliotheken verteilen sich auf die Provinzen. Ein ähnliches Bild sieht man unter den Sektionsbibliotheken. Hinzu kommt, daß sich auch die obengenannten 6 Bibliotheken bedeutender wissenschaftlicher Institutionen und die Nationalbibliothek in Paris befinden. So eine hohe Konzentration von großen und leistungsfähigen Universitätsbibliotheken in Paris ist beim Fehlen eines überregionalen Leihverkehrssystems ungünstig. Die Folge ist, daß die Literaturversorgung der Provinzen außerhalb von Paris benachteiligt ist und sehr behindert wurde.

Nach Angaben des Jahrbuches 1993 UNESCO gab es im Jahre 1990 in Frankreich 67 zentrale Universitätsbibliotheken und 195 Sektionsbibliotheken mit einem Bestand von 21,4 Mio. Bänden (Statistical Yearbook 1993 UNESCO).

Besonders in den späten 70er Jahren ist die Fachliterarturversorgung durch die Universitätsbibliotheken dramatisch zurückgegangen. Die französische Regierung stellte den Universitätsbibliotheken unzureichende Literaturerwerbungsmittel zur Verfügung, während die Nachfrage nach wissenschaftlicher Literatur immer mehr zunahm. Damals beherrschte eine mangelhafte Literaturversorgung das Land. Bei einem Gesamtbestand an Monographien von lediglich 15 Mio. Bänden mußten die Universitätsbibliotheken die Zahl der Buchausleihen pro Person beschränken (Gabel 1993, S.176). Es fehlte an einem nationalen Plan zur Koordinierung der Literaturerwerbung und -versorgung für das System der 60 Universitätsbibliotheken, 160 Sektionsbibliotheken und Fachbibliotheken des "Centre National de Recherche Scienfique"(CNRS). Unter dem zunehmenden Druck der internationalen Konkurrenz war die französische Regierung gezwungen, eine nationale Erwerbungspolitik zu entwickeln. 1980 wurde das Programm "Centre d'Acquisition et de Diffusion de l' Information Scienfique et Technique" (CADIST) konzipiert, mit dem das Ministere des Universités den Bibliotheks- und Dokumentationsbereich stark fördern wollte. Eigentlich war dies ein langfristiger Plan zum Aufbau eines Systems von Schwerpunkt-Bibliotheken. Schließlich entschied sich die französische Regierung für ein dezentralisiertes System der Literaturversorgung. Als Vorbild wurde das deutsche Modell der Dezentralisation gewählt, weil das britische Beispiel (Zentralleihbibliotheken in Boston Spa) finanziell untragbar zu sein schien. Das Programm CADIST sah vor, daß am Ende der Aufbauphase etwa 25 bis 30 Fachgebiete von rund 20 Bibliotheken betreut werden sollen.

Auf der Grundlage einer im Februar 1980 durchgeführten Untersuchung der bestehenden Literatursammlung wurden die ersten 11 CADIST ausgewählt, die von 10 Bibliotheken (7 in der Hauptstadt, 3 in den Provinzen Grennoble, Lyon und Strasbourg) betreut wurden. Der Ausbau des CADIST-Netzes verlief langsamer als geplant und selbst im zwölften Jahr ist nicht das gesamte Fächerspektrum abgedeckt. Seit Ende 1991 sind die CADIST-Sondersammlungen in der Lage, die Fachliteraturversorgung für 19 Disziplinen zu gewährleisten. Es fehlen noch zahlreiche Fächer, z.B. Philosophie, Psychologie, Soziologie, Technologie, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Sprach- und Literaturwissenschaft. Trotzdem zeigen sich nach mehr als zehnjähriger Laufzeit die ersten Erfolge dieses nationalen Literaturnetzes. Durch Erwerbungsmittel des CADIST-Programms umfaßten die Sondersammlungen Ende der 80er Jahre etwa 10 Mio. Monographien und 200 000 Zeitschriftentitel. Dies entspricht einem Anteil von fast der Hälfte des Gesamtliteraturbestandes aller französischen Universitätsbibliotheken.

Neben den Universitätsbibliotheken gibt es Spezialbibliotheken (Bibliothèques specialisée) und Fakultätsbibliotheken (Unités d´Enseignement et de Recherche - UER). Diese Sektionsbibliotheken sind sehr leistungsfähig. Eine Untersuchung der Generalinspektion und der Zentralverwaltung stellte fest, daß sich 60% des Gesamtbestandes aller Universitäten in den Sektionsbibliotheken befinden, demgegenüber weisen die Universitätsbibliotheken nur 40% des Gesamtbestandes auf. Die Sektionsbibliotheken erhalten 55% der Gesamtmittel, werden aber nur von 29% Universitätsangehörigen benutzt. 71% der Universitätsangehörigen benutzen die zentralen Universitätsbibliotheken, denen nur 45% der Gesamtmittel zur Verfügung stehen (Vgl. Simon E.,1986) . Genau hier sollte man ansetzen, um eine rationelle Finanzierung zu ermöglichen.

Im Universitätsbereich existieren weiterhin die "Bibliothèques d´Instituts" oder "Bibliothèques de Laboratoires". Sie wurden auf Initiative eines Professors oder einer wissenschaftlichen Gesellschaft gegründet und sind nicht einer bestimmten Fakultät zugeordnet. Etat und Bestand dieser Bibliotheken können aus verschiedenen Quellen kommen, aus Gesellschaften, privaten und öffentlichen Organisationen und Instituten. Ihre Bestände sind oft nicht in den Katalogen der zentralen Universitätsbibliotheken verzeichnet und so können die Bücher auch nicht für den Leihverkehr erfaßt werden.

Von Bedeutung für das französische System der Literaturversorgung ist die Bibliothèque nationale, also die Nationalbibliothek, die im Verantwortungsbereich des Kulturministeriums liegt. Durch das Recht auf Pflichtexemplare (Dépot légal), das sie seit 1537 besitzt, erhält die Nationalbibliothek den größten Teil ihres Bestandes. Nach diesem Gesetz müssen von allen Buchtiteln mindestens 48 Stunden vor dem Verkauf 6 Pflichtexemplare abgegeben werden. An die Nationalbibliothek liefert der Verleger 4 Exemplare, davon geht immer ein Exemplar an das Centre national de Prêt (Nationales Leihzentrum) zum Leihverkehr. Zwei weitere Exemplare erhält die Nationalbibliothek von der Druckerei, wenn diese sich in Paris oder Umgebung befindet. Falls die Druckerei ihr Gewerbe in der Provinz hat, gibt sie diese 2 Exemplare an eine der 18 Stadtbibliotheken als "Dépot légal" ab. Durch das Dépot légal erhält die Bibliothèque Nationale jährlich etwa 40 000 Bücher, 16 000 Broschüren, 17 000 offizielle Veröffentlichungen, 32 000 Zeitschriftentitel, 2000 Karten und Pläne, 2400 Musikwerke, 2000 Kassetten und 1500 Filme (Wedgeworth 1993, S.300-306).

Im Unterschied zur BRD existieren in Frankreich keine großen regionalen Bibliotheksverbundsysteme, die die Literaturversorgung der jeweiligen Regionen relativ gründlich gewährleisten. Frankreich verfügt ebenso über keine regionalen Verbundkataloge, die vergleichbar mit den Regionalen Verbundkatalogen der Bundesrepublik sind.

Die örtliche Nachfrage nach Fachliteratur zu befriedigen, ist Aufgabe lokaler Bibliotheken. Die Universitäts- und Forschungsinstitutsbibliotheken eines Ortes dienen hauptsächlich ihren jeweiligen Trägern, haben aber die gemeinsame Verantwortung, die örtliche Literaturversorgung zu gewährleisten.

Da die örtliche Bedarfsdeckung die effektivste Form der Literaturversorgung ist, wollte die französische Regierung die örtlichen Bibliotheken verstärkt fördern. Im Rahmen einer Organisationsreform wurde 1979 die Dezentralisierung eingeleitet, in der nicht nur Forschungseinrichtungen, sondern auch bibliothekarische Dienstleistungen aus der Hauptstadt Paris in die Provinzen verlagert werden sollten. Gleichzeitig wurden die Bibliotheken in den Provinzen stärker finanziert, so daß sie die Literaturnachfrage vor Ort z.T. besser befriedigen konnten.

Obwohl in den 80er Jahren die Regierung den Bibliotheken in den Provinzen mehr Mittel zur Verfügung gestellt hatte, erreichen die Provinzen noch kein Gleichgewicht zum Großraum Paris. Die örtliche Literaturversorgung war auch Ende der 80er Jahre von den Bibliotheken der Provinzen weiterhin nicht sichergestellt.

Angesicht dieser Situation wurde in den 80er Jahren der Aufbau eines nationalen Fernleihsystems begonnen. Parallel mit dem oben genannten CADIST-Programm, das Sondersammlungen zur Basis der Sicherung eines nationalen Fernleihnetzes schaffen sollte, begann man in Frankreich mit dem Aufbau nationaler Verbundkataloge, ohne die das französische Fernleihnetz nicht leistungsfähig und funktionstüchtig sein kann.

Die lokale Bedarfsdeckung wird in Frankreich nicht durch eine regionale leistungsfähige Literaturversorgung wie das in der Bundesrepublik Deutschland der Fall ist, sondern durch das nationale Fernleihnetz ergänzt.

Nach mehr als zehnjähriger Laufzeit weist das CADIST-Programm seit Ende der 80er Jahre seine ersten Erfolge auf. Die 19 CADIST-Sondersammlungen, die 1989 schon etwa die Hälfte aller Literaturbestände der französischen Universitätsbibliotheken ausmachten und immer mehr vom Staat gefördert werden (Gabel 1993, S.176-180), bilden das Rückgrat des nationalen Systems der Literaturversorgung. Mit Erwerbungsmitteln von über 12 Mio. Francs wuchs im Jahr 1989 die CADIST-Sammlung um rund 30 000 Bände. Von dort haben die Bibliotheken der Provinzen die Möglichkeit, die örtliche Nachfrage nach Literatur erstmals auf 19 Fachgebieten immer besser zu befriedigen. Seit 1992 öffnen sich die CADIST auch für Benutzer in den europäischen Partnerländern. Zugleich wird die nationale französische Literaturversorgung weiter verbessert durch die Kooperationsverträge, die die Prêt entre Bibliothèques (PEB), eine Ausleihe zwischen Bibliotheken, mit den Bibliothekssystemen LASER (GB) und PICA (NL) abgeschlossen haben.

Der Umstand des Fehlens eines funktionierenden französischen Fernleihsystems, das bis zum Anfang der 80er Jahre eine rasche Beschaffung der aufgrund von On-Line-Recherche nachgewiesenen Literatur durch die großen wissenschaftlichen und Universitätsbibliotheken verhinderte (Vgl. Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.263), ist heute schon überwunden. Fernleihbestellungen können einerseits direkt an die gebenden Bibliotheken gesandt, andererseits aber auch von nationalen Zentralstellen für Leihverkehr erledigt werden. In Frankreich existieren zwei nationale Zentralstellen für Leihverkehr:

Als Abteilung der Nationalbibliothek ist das CNP selbst eine Bibliothek, die nur für den nationalen Leihverkehr zur Verfügung steht. Da die CNP ein Pflichtexemplar von der Nationalbibliothek erhält, schickt man die Bestellungen sehr oft dorthin, besonders immer, wenn es sich um französische Literatur handelt. Bei der "Prêt entre Bibliothèques" (PEB) handelt es sich nicht um eine Bibliothek, sondern um eine Zentralstelle für den Leihverkehr zwischen den wissenschaftlichen Bibliotheken. An der PEB beteiligen sich gegenwärtig 73 Bibliotheken. Alle PEB-Mitglieder werden vom Staat gefördert. Etabliert wurde 1984 die PEB mit dem Ziel, den Leihverkehr der innerhalb des Erziehungsministeriums bestehenden wissenschaftlichen Bibliotheken zu organisieren. Bei der Literaturversorgung dient sie nur den 73 Mitgliedern, arbeitet seit 1992 aber auch mit internationalen Bibliotheksverbünden eng zusammen.

Von grundlegender Bedeutung für das Funktionieren des Leihverkehrs sind die Verbundkataloge. In der BRD ermöglicht die föderative Struktur, besonders im Hinblick auf die Finanzierung, daß man die regionalen Verbundsysteme der Literaturversorgung bzw. regionalen Verbundkataloge erfolgreich aufbaut. In Frankreich verfährt man auf andere Weise. Dort ist es erforderlich, auf nationaler Ebene möglichst schnell Verbundkataloge zu schaffen. Vergleichsweise zur BRD hat der Aufbau von französischen Verbundkatalogen erst spät begonnen.

Ein Pendant zur Zeitschriftendatenbank (ZDB) der BRD ist der französische Zeitschriftenverbundkatalog CCN (Catalogue Collectif National des Publication en Serie), der 1983 vom Erziehungsministerium gegründet wurde. Er ging aus drei selbständigen Zeitschriftendatenbanken, AGAPE (Rhóne-Alpe), CPI (Provence Cóte d´Azur) und LIPEC (L´Inventaire permanent des Periodiques Étranger en Cours) hervor. Am CCN beteiligen sich nicht nur alle wissenschaftlichen Bibliotheken des Erziehungsministeriums, alle Fachbibliotheken des Ministeriums für Forschung und Technologie, sondern auch 22 Abteilungen der Nationalbibliothek und 166 Stadtbibliotheken, die als öffentliche Bibliotheken zum Verantwortungsbereich des Kulturministeriums gehören. Der CNN wird heute vom internationalen Netz ISDS und 2768 französischen Bibliotheken gespeichert. Er weist etwa 53 2000 Zeitschriften- und Zeitungstitel sowie 828 000 Reihen nach, von denen rund 203 000 Zeitschriften französischer Herkunft sind. In den Jahren 1990-1991 wurden 10 000 neue Titel aufgenommen. In den nächsten 3 bis 5 Jahren werden etwa 300 neue Teilnehmer am CCN erwartet (NBLC, 1992).

Um das Funktionieren des CCN zu gewährleisten, wird er durch das Erziehungsministerium gefördert. Die CCN-Datenbank wird dem CCN über den französischen Host SUNIS On-Line angeboten. Die Benutzer können durch MINITEL den CCN jederzeit erreichen. Außerdem steht der CCN in den Universitätsbibliotheken in Form von CD-ROM-Versionen zur Verfügung. Das ist eine effektive Form für den Benutzer, der den Zeitschriftenbestandsnachweis von 2768 französischen Bibliotheken abfragen will.

Viel komplizierter und auch schwieriger stellt sich der Aufbau von Verbundkatalogen für Monographien dar. Die französischen Bibliotheken hatten verschiedene Anstrengungen unternommen, um Verbundkataloge für Monographien zu schaffen. Als erster Versuch gilt der SIBIL FRANCE, der im Jahre 1982 auf Initiative des Ministeriums für Hochschulausbildung eingerichtet wurde. Nicht alle Bibliotheken können sich am SIBIL beteiligen, sondern nur jene wissenschaftlichen Bibliotheken, die eine wertvolle oder bedeutende Spezialsammlung besitzen. Der SIBIL hatte im Jahre 1991 insgesamt 25 Mitglieder: 20 Universitätsbibliotheken, 3 Forschungsinstitutsbibliotheken, 1 Stadt- und 1 Archivbibliothek. Damals wies dieser Verbundkatalog den Monographienbestand der 25 Mitglieder überwiegend noch Off-Line nach. Neben 350 000 Titeln in maschinenlesbarer Form blieben noch 2 bis 3 Mio. Titel in Zettelform (NBLC, 1992).

Da der SIBIL nicht sehr leistungsfähig war, bevorzugten zahlreiche französische Bibliotheken eine Beteiligung an internationalen Verbundkatalogen. Bis zum Jahr 1989 haben sich schon 25 große wissenschaftliche Bibliotheken dem internationalen On-Line Computer Library Center OCLC angeschlossen (Wedgeworth 1993, S.304). Dies widerspiegelte das Mißtrauen in die Fähigkeit der französischen Bibliotheken in das nationale System der Literaturversorgung, weshalb sich die Hoffnung nach draußen richtete. Zugleich wird deutlich, daß der Aufbau der Verbundkataloge in Frankreich zu spät begonnen wurde. Der OCLC wies 1991 ca. 24 Mio. Titel nach, die jährlich um 2 Mio. erweitert werden (NBLC,1992). Die elektronische Übermittlung erfolgt von Frankreich zunächst nach England in das europäische OCLC-Zentrum in Birmingham durch das französische Telekommunikationsnetz TRANSPAC und von dort weiter mit PSS nach Dublin in Ohio (USA). Zum Nachweis von Monographien mit Erscheinungsdatum bis 1989 benutzt man oft die CD-ROM-Version des OCLC-Kataloges, um Übertragungskosten zu sparen. Dies hat aber einen Nachteil: ein Titel wird nur dann in die CD-ROM-Version aufgenommen, wenn er mindestens in 5 anderen Bibliotheken vorhanden ist. Die Chance, Werke dort nachweisen zu können, ist nicht sehr hoch. Führt diese Suche bei der CD-ROM-Version nicht zum Erfolg, muß man ebenso wie bei nach 1990 erschienenen Monographien, Online-Recherchen im Verbund durchführen.

Auf Initiative des Ministére de l´Education Nationale wurde im Jahre 1988 der Verbundkatalog "PANCATALOGUE" gegründet. Sein Ziel ist, Monographien aller Universitätsbibliotheken nachzuweisen. Im Jahre 1991 beteiligten sich 70 Universitäts- und Hochschulbibliotheken an diesem Katalog. Da sich Fachmaterialien des nationalen Bestandes zum Großteil in den Universitätsbibliotheken befinden, gewinnt der PANCATALOGUE große Bedeutung. Er dient derzeit nur den Teilnehmern, wird in Zukunft aber auch von außen, vor allem von Benutzern aus dem französischen Forschungsnetz RENATER in Anspruch genommen werden. Er soll sich zu einem wichtigen Teil des nationalen Verbundkataloges, dem Catalogue Collectif de France, entwickeln. Der Online-Zugriff auf PANCATALOGUE wird durch das Datennetz TRANSPAC sichergestellt.

Das Centre Bibliographique National CBN, eine Abteilung der Nationalbibliothek, führt heute auch einen Verbundkatalog für ausländische Monographien, den Catalogue Collectif des Ouvrages Étrangers CCOE, der 1952 gegründet wurde und gegenwärtig Literaturbestände von ca. 400 öffentlichen und privaten Bibliotheken nachweist (Simon 1986, S.47). Der CCOE funktioniert aber unzureichend, weil er über zu wenig Personal verfügt (Sohnle 1991, S.510), und spielt deshalb eine nebensächliche Rolle für den Leihverkehr. Das CBN publiziert auch wöchentlich die Nationalbibliographie "Livre hebdo", die zur Beschaffung und zum Nachweis inländischer Literatur sehr oft benutzt wird. Der Aufbau einer der BIBLIODATA (Datenbank deutscher Literatur) vergleichbaren Datenbank französischer Literatur, die den Online-Nachweis aller französischer Neuerscheinungen von Büchern und Zeitschriften, sowie Hochschulschriften, Kongressberichten, Reports usw. sicherstellen soll und zur schnellen Beschaffung französischer Literatur beitragen könnte, ist noch nicht abzusehen.

3.1.3. System der Literaturversorgung von Großbritannien
Großbritannien im Nordwesten Europas besitzt ein Territorium von 244 000 qkm, d.h. fast die Hälfte der Fläche von Frankreich (544 000 qkm), mit 57 Mio. Einwohnern (1991) aber die gleiche Bevölkerungszahl wie Frankreich. Nach Angaben des statistischen Jahrbuches 1993 der BRD ist die wirtschaftliche Gesamtleistung von Großbritannien, auf das Bruttosozialprodukt oder auf Innen- und Außenhandel bezogen nur etwas geringer als die Frankreichs.

Großbritannien gehört auch zu den führenden Industrienationen der Welt. Die Bedeutung der englischen Sprache und die Beziehungen im Commonwealth schaffen günstige Bedingungen für die Literaturproduktion und auch für die Fachinformation (Datenbankproduktion und Datenbankangebot).

Die britischen Verleger produzieren mehr Literatur für den Export als die aller anderen Länder - über 40% der Produktion gingen in den letzten Jahrzehnten ins Ausland. Deshalb waren, seit das amerikanische Verlagswesen im 19. Jahrhundert aufblühte, Konkurrenzkämpfe zwischen beiden Ländern unvermeidlich. Nach dem zweiten Weltkrieg teilte das "Traditional British Market Argreement" zunächst die Interessensphären von Großbritannien und den USA gütlich auf. Aber seit den 70er Jahren wurde die Lage wieder unübersichtlich: zahlreiche Firmen beider Länder haben Filialen auf der anderen Seite des Ozeans oder kooperieren mit dortigen Verlagen. Sie bringen nicht nur viele gleichzeitige oder zeitlich verschobene Parallelausgaben heraus, sondern stiften zusätzlich Verwirrung dadurch, daß solche Zweigunternehmen auch einige Veröffentlichungen herausbringen, die im Programm des Stammhauses fehlen (so z.B. Oxford University Press in New York). Im Vergleich zur BRD wird in Großbritannien und den USA ein noch größerer Teil des Titelangebots von einer noch kleineren Zahl beherrschender Verlage produziert. Im Jahre 1992 erschienen in Großbritannien 86 000 Buchtitel und 6400 Zeitschriftentitel. Im Vergleich dazu werden in den USA seit den 80er Jahren immerhin mehr als 80 000 Buchtitel jährlich produziert (vgl. Statistisches Jahrbuch für das Ausland 1994).

Unter den anderen Ländern, die englischsprachige Literatur verlegen, steht Kanada an erster Stelle, gefolgt von Indien und mit Abstand von Irland. Darüber hinaus hat sich im wissenschaftlichen Verlagswesen das Englische weltweit durchgesetzt. Viele Fachbücher, die z.B. in der BRD oder Frankreich veröffentlicht werden, werden auch im Englischen in London und New York herausgegeben und angeboten. Das sehr leistungsfähige britische Verlagswesen wird ergänzt durch ein dichtes Verkaufsnetz, das eine lange Tradition hat und durch die Anwendung von neuen Techniken und Verfahren erhalten wird. All dies führt dazu, daß in Großbritannien kaum Probleme bei der Beschaffung von Fachliteratur und Informationen bestehen.

Großbritannien verfügt über ein nationales leistungsfähiges Bibliothekssystem, das mit seinen hochentwickelten "Library Services" in der Lage ist, Literatur für das ganze Land auf allen Gebieten der Gesellschaft und Wissenschaft bereitzustellen. Auch im internationalen Leihverkehr spielen die britischen Bibliotheken eine bedeutende Rolle. Das britische Bibliothekswesen hat die Entwicklung von Bibliothekssystemen in vielen Ländern der Welt beeinflußt.

Das britische Bibliothekswesen wird nicht wie eine Pyramide von den kleinen Dorfbüchereien als Basis bis hin zur Nationalbibliothek "British Library" als Spitze aufgebaut. Nicht nur Bibliotheken einer Region verbinden sich in den sogenannten regionalen Netzen, sondern auch Bibliotheken der jeweiligen Fachgebiete beteiligen sich in den Fachnetzen. Jedes Netz hat eine Bibliothek als Mittelpunkt. Das nationale Netz ist aus den Netzen aufgebaut. Mittelpunkt ("hub") des nationalen Bibliotheksnetzes ist die Nationalbibliothek, die British Library.

Hochschulbibliotheken (Academic libraries)
Zu den Hochschulbibliotheken gehören die Universitätsbibliotheken (University Libraries), die Hochschulbibliotheken (Politechnic Libraries), die örtlichen Hochschulbibliotheken (Libraries of Colleges) und Bibliotheken der Institute für fachliche Ausbildung (Libraries of Institut for further Education). Mit der stürmischen Entwicklung der akademischen Ausbildung in den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Bibliotheken ehemaliger Colleges for further Education zu Bibliotheken der modernen politechnics (Gabel 1993,S.389-390).

Großbritannien hatte im Jahre 1991 insgesamt 52 Universitätsbibliotheken (Wedgeworth 1993, S.835), die in Alter, Größe und Status sehr unterschiedlich sind. Zu den großen alten Universitätsbibliotheken mit einem Bestand von mehr als 1 Mio. Bänden gehören Bibliotheken der Universitäten von Oxford, Cambridge, St. Andrews, Aberdeen, Glasgow, Edinburgh. Das Recht auf Pflichtexemplare haben die Bibliotheken der Universitäten von Oxford, Cambridge und des Trinity Colleges in Dublin, die damit auch die Funktion einer Nationalbibliothek ausüben. Durch das Recht auf Pflichtexemplare (Copyright deposit) hat die Bibliothek der Cambridge University rund 20% der US-amerikanischen Buchproduktion erworben, sie verfügt dadurch über ca. 5 Mio. Bände (Bib.-dienst 2(92), S.198). Es gibt aber auch kleinere Universitätsbibliotheken in den Provinzen, wie in Durham, Exeter, Leicester usw., mit Beständen von 400 000 bis 500 000 Bänden und die Bibliotheken der neuen Universitätsgründungen wie Kent und Ulster mit einem Bestand von 250 000 bis 320 000 Bänden.

Die Finanzierung dieser Bibliotheken erfolgt über die Haushalte der Universitäten. Die Universitätsbibliotheken erhalten staatliche Mittel nicht direkt von der Regierung, sondern unmittelbar von den Universitäten (Mallmann-Biehler 1990,S.198). In den 80er Jahren wurden 75% des Universitätsetats vom Staat gefördert. Der Rest kam aus Gebühren der Studenten und anderen Quellen (z.B. Stiftungen). Zwischen dem Staat als Geldgeber und den Universitäten stand das University Grant Commitee UGC, das als eine unabhängige Körperschaft für die Zuteilung von staatlichen Mitteln an die Universitäten zuständig ist. Dieses Komitee nimmt Einfluß auf die Planung und Entwicklung der Universitäten. Gemäß den Empfehlungen des UGC stellten die Universitäten durchschnittlich etwa 4% ihres Etats für ihre Universitätsbibliotheken zur Verfügung.

Die jährlichen Aufwendungen der britischen Universitäten für ihre Bibliotheken stiegen von 2,8 Mio.Pfund (1961-1962) um 420% auf 14,6 Mio. Pfund (1971-1972). In diesem Zeitraum entwickelte sich der Gesamtbestand aller britischen Universitätsbibliotheken von 17,0 Mio. auf 29,3 Mio. Bände, dies entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von ca. 1,2 Mio. Bänden. In dem vergangenen Jahrzehnt wurde die Finanzierung der britischen Universitäten stark gekürzt (Vgl. Baker 1991, S.1714), und in der Folge hat die Finanzierung der Universitäten ebenfalls eine große Veränderung erfahren. Im Vergleich mit dem Anstieg der Lebenshaltungskosten sind die Erwerbungsetats der Universitätsbibliotheken im Zeitraum 1980-1989 um 28% zurückgegangen, die der Fachhochschulen sogar um 50% (Gabel 1992,S.712). Das ergab eine im März 1992 von der Publisher Association veröffentlichte Etatangabe (Book and Spending, a Report 1978/79- 1988/89). Zwar erhöhten sich die Erwerbungsausgaben der Universitätsbibliotheken von 10,3 Mio. Pfund (1981-1982) um 38% auf 14,4 Mio.Pfund für Monographien und von 10,6 Mio.Pfund um 82% auf 19,2 Mio. Pfund für Zeitschriften (1987-1988), so stiegen in diesem Zeitraum die Preise aber noch schneller, um 59% für Bücher und um 99% für Zeitschriften, so daß die Universitätsbibliotheken von Jahr zu Jahr immer weniger Literatur erwerben konnten. Ähnlich liegt der Fall bei den Hochschulbibliotheken. Sie haben in dieser Zeit 16% mehr für Monographien und 21% mehr für Zeitschriften ausgegeben, das reichte aber nicht für die Erhaltung der vor einem Jahrzehnt erreichten Kaufkraft, weil ihre Bücher um 42% und die von ihnen benötigten Zeitschriften um 50% teuer geworden sind (siehe Tab. 2, Tab. 3).

Wie ernst die Lage war, zeigte D.M. Baker durch den Fall seiner Bibliothek der University of East Anglia. Diese Bibliothek mußte seit 1985 ihre Zeitschriftenabonements um 50% verringern. In den Jahren 1986-1990 wurden 17 000 Bücher weniger erworben als in den 5 Jahren zuvor (Baker 1991, S. 1718).

Seit Ende der 80er Jahre suchen die britischen Universitäten immer mehr nach Einkommen aus nichtstaatlichen Quellen, indem sie ihre Forschungsarbeit stärker auf die spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen der Industrie, des Handels, der privaten Stiftungen und ähnlicher Institutionen richten. Einige Universitäten haben mit Erfolg den Grad der Abhängigkeit von staatlichen Subventionen verringert, sogar bis zu 50%. Ebenso versuchen die Universitätsbibliotheken ihr Einkommen durch nichtstaatliche Quellen zu verbessern. Neben den bekannten Quellen von Photocopierservices und von Bußgeldern für verspätet zurückgegebene Bücher werden andere bibliothekarische Dienste einbezogen: Gebühren für Fernleihbestellungen und Leihgebühren für Nichtangehörige der Universität. Die meisten Universitätsbibliotheken erwarten hieraus eine Einkommensteigerung um 10-15% (Baker 1991, S. 1719).

Die Verknappung der Erwerbungsetats führt einerseits zur Veralterung der UB-Bestände. Der Anteil der Literatur, die vor mehr als 10 Jahren veröffentlicht wurde, nimmt zu, betrug 1989 in einigen Hochschulbibliotheken sogar 68%. Zum anderen hat sie auch negative Auswirkungen auf die Forschungstätigkeit der Universitäten (Gabel 1991, S. 895).

Insgesamt wurden 1987-1988 den britischen Hochschulbibliotheken Erwerbungsmittel von 42,8 Mio.Pfund (etwa 428 Mio. FF umgerechnet) zur Verfügung gestellt. Trotz der Verkürzungen sind die Erwerbungsetats der britischen Hochschulbibliotheken im internationalen Vergleich noch deutlich hoch. Sie haben z.B. 3 mal soviel Erwerbungsmittel wie die französischen (1989: 130 Mio. FF). Damit liegt die Bestandsentwicklung der Hochschulbibliotheken noch bei ca. 1 Mio. Bände pro Jahr. Die örtliche Nachfrage nach Fachliteratur wird größtenteils unmittelbar vor Ort durch die Hochschulbibliotheken, insbesondere die Universitätsbibliotheken abgedeckt, weil die Hochschulbibliotheken über relativ große Bestände verfügen und sich in allen Landesteilen befinden.

Die Nationalbibliotheken
Es gibt in Großbritannien drei Nationalbibliotheken: die National Library of Scotland, die National Library of Wales und die British Library.

Die National Library of Scotland NBS liegt in der Stadt Edinburgh. Seit ihrer Gründung (1925) sammelt sie als Hauptaufgabe die Literatur, die in Schottland publiziert wird und die, die das Land behandelt. Durch das Recht auf Pflichtexemplare (legal deposit) wird ihre große Sammlung immer erweitert. Sie verfügt gegenwärtig über 7 Mio. Bände, darunter zählt man auch große Büchersammlungen des 17. Jahrhunderts, die sie von der Advocat´s Library geerbt hat. In der Literaturversorgung richtet sie die Aufmerksamkeit wesentlich auf ihren Spielraum, d.h. die schottische Region. Sie beteiligt sich auch an dem nationalen britischen Leihverkehr (Wilson 1989, S.100).

Die National Library of Wales in Aberystwyth besitzt auch das Recht auf Pflichtexemplare. In der Literaturversorgung ist sie gefragt, wenn es um die Literatur aus Wales oder über Wales geht. Da Wales keine "National Art Gallery" hat, sammelt sie gemeinsam mit dem National Museum of Wales Plakate, Bilder, Photos, Skulpturen, Audiomaterialien u.a. (Wilson 1989, S.101).

Ganz anders ist der Fall der British Library. Diese Nationalbibliothek wurde erst 1973 etabliert aufgrund der Zusammenlegung von mehreren Institutionen:

Die Funktionen der neuen Nationalbibliothek lassen sich wie folgt zusammenfassen:

A. Grundfunktionen

B. weitere Funktionen
Spezialbibliotheken
Als Spezialbibliotheken bezeichnete man in Großbritannien im 18. Jahrhundert meist Bibliotheken, deren Bestände sich auf ein Fachgebiet beschränken. Die heutigen modernen Spezialbibliotheken sammeln nicht nur Fachliteratur, sondern auch alle Informationen eines Fachgebiets, besonders non-book-material, um speziell der Erfüllung von Aufgaben der Trägerinstitutionen zu dienen. Da die Spezialbibliotheken heute mehr denn je gezwungen sind, sich auf die Geschäftsinteressen der jeweiligen Träger einzustellen, können sie heute mehr als "intelligence service" bzw. "information service" bezeichnet werden. Durch diese Charakteristik unterscheidet sich die Spezialbibliothek von den anderen wissenschaftlichen Fachbibliotheken.

Die Zahl der britischen Spezialbibliotheken liegt zwischen 1600 und 2300, je nachdem, welche Definition bei der Zählung zugrunde gelegt wird. Trägerinstitutionen sind Regierungsbehörden, staatlich geförderte Forschungseinrichtungen und auch private Firmen sowie Forschungsgesellschaften des Handels und der Industrie (Simon 1985, S.49).

Die Spezialbibliotheken, - ob vom Staat oder privat gefördert - leiden keinen Mangel an finanziellen Mitteln. Sie werden wahrscheinlich so gut finanziert, daß Finanzierung nie als Problem auftaucht. Begründung dafür ist, daß die Leistungsfähigkeit der Spezialbibliotheken direkten Einfluß auf die Interessen der Träger haben.

Wie groß der Anteil jeder Bibliotheksart in der Literaturversorgung in den 70er Jahren war, ergab eine von A Allardyce und M.B Line durchgeführte Untersuchung:

Es ist daher deutlich, daß die Bibliotheken der Universitäten und der Regierungsbehörden und Forschungsinstitute eine entscheidende Rolle in der örtlichen Literaturversorgung spielten.
Verbundsysteme und Leihverkehr
Bei einem explodierenden Wachstum der Menge der Fachliteratur kann die Literaturversorgung vor Ort nicht durch eine Bibliothek allein oder durch mehrere Bibliotheken einer Region gemeinsam sichergestellt werden. Hinsichtlich dieser Anforderungen entstanden in Großbritannien unterschiedliche Bibliotheksverbundsysteme (Library Co-operatives), die Leihverkehr vor allem innerhalb der Regionen, später aber auch auf nationaler Ebene zu organisieren hatten. Einige der Verbundsysteme sind dem internationalen Leihverkehr angeschlossen. Das Ziel ist, die Leistung jeder Bibliothek zu verbessern und damit die Nachfrage nach Literatur am Ort durch gemeinsame Bemühungen und Zusammenarbeit der Bibliotheken immer besser befriedigen zu können.

Bereits im Januar 1925 fand eine Konferenz auf Initiative des Hochschullehrerverbandes (association of university teachers) statt. Das Ziel war, den Leihverkehr (interlending) zwischen Universitätsbibliotheken zu organisieren. Danach entwickelte sich der Leihverkehr rasch und die UB haben auf regionaler Ebene des britischen Leihverkehrssystems immer entscheidendere Bedeutung gewonnen. Neben dem Leihverkehr bezog sich die Zusammenarbeit noch auf andere Gebiete: auf die Literaturerwerbung und -bewahrung, Personalfortbildung u.a. (Stirling 1981, S. 210).

Die Library Co-operation wird besonders seit den 50er Jahren entwickelt. Damals hat man (frühzeitig) erkannt, daß sich nur größere Firmen eine eigene Bibliothek mit entsprechendem Fachpersonal leisten können, während die meisten anderen Institutionen stark auf externe Informationsquellen angewiesen sind. Da die einzelne Bibliothek im Verbund ihre Leistungsfähigkeit und ihre Angebote erheblich verbessern kann, schlossen sich mehrere Bibliotheken einer Region zusammen. Meist spielen zwar die Universitätsbibliotheken eine bedeutende Rolle im regionalen Verbundsystem, man zählt aber auch öffentliche Bibliotheken und industrielle Firmen als Mitglieder. Das Verbundsystem legte Schwerpunkte seiner Aufgaben auf die Organisation des regionalen Leihverkehrs und den Aufbau des entsprechenden Verbundkataloges. Gegen einen geringen Jahresbeitrag genießen die Industriefirmen als Mitglieder den Service, der neben den bibliothekarischen Dienstleistungen heute auch Recherchen in nationalen und internationalen Datenbanken sowie Informations- und Dokumentationsbeschaffung umfaßt.

Außerdem entstanden in Großbritannien Kooperationen anderer Art:

Zugleich wurden neue Organisationsformen geschaffen wie "consortia", "networks", "bibliographical Centres and coordinating Commitees", "local and regional Cooperative schemes" (lokale und regionale Verbundsysteme).

Mit der zunehmenden Anzahl und Bedeutung dieser cooperative schemes wird auch die Anforderung nach einer Kooperation auf nationale Ebene gehoben. Einige Verbundsysteme, die vom Anfang an nur für eine Region gegründet und gedacht waren, entwickelten sich zu überregionalen, nationalen und sogar internationalen Institutionen. Hierbei sollen einige Beispiele kurz genannt werden:

Während die oben genannten Verbundsysteme als online union catalogues gelten, wurde LASER (London and south eastern library region) als regionaler Verbund für den Leihverkehr gegründet. Zum LASER gehören heute 60 Mitglieder der Region. Der LASER beteiligt sich an dem nationalen Verbundsystem VISCOUNT, das als bibliographic network 1928 eingerichtet wurde. Unter den Mitgliedern des VISCOUNT sind 43 öffentliche Bibliotheken, 20 Universitäts- und Spezialbibliotheken, 6 regionale Verbundsysteme und eine Nationalbibliothek. Der Verbund weist etwa 60 Mio. Bände (3 Mio. Titel) nach. Der Zuwachs betrug 1990-1991 ca. 120000 Neutitel .

Als Berater hat die British Library zum Aufbau von allen regionalen Verbundsystemen beigetragen. Sie betreibt selbst auch einige Online-Kataloge wie:

Außerdem gibt sie folgende bibliographische Publikationen heraus: Das britische nationale Leihverkehrsnetz ist nicht nur von der British Library geplant und organisiert, sie ist zugleich Mittelpunkt dieses Netzes. Die British Library - Lending Division BLLD, eine Abteilung der BL, ist eine nationale Zentralstelle für Ausleihe ausländischer Literatur. Die BLLD befindet sich nicht in London, sondern in einem kleinen Ort in der Mitte von England, was ihrer Funktion besonders entspricht. Dem Leihverkehr stellt die BLLD insgesamt ca. 5 Mio. Medieneinheiten zur Verfügung, darunter 140 000 Zeitschriftentitel, über 2 Mio. Monographien (Zugang jährlich 78 000), 1,7 Mio. Forschungsberichte aus 90 Ländern ( davon die meisten auf Mikrofiche), 100 000 Konferenzberichte (Zugang pro Jahr 14 000), alle Amtsdruckschriften aus Großbritannien und viele aus anderen Ländern. Hauptkatalog der Division ist der Union catalogue of books. Daneben gibt es den Slavonic union catalogue und den Regional union catalogue. Alle drei stehen online zur Verfügung.

Im Leihverkehr ist die BLLD national, aber auch weltweit berühmt. Sie hat im Jahr ca. 3 Mio. Bestellungen zu bearbeiten, davon 16% aus dem Ausland. Rund 83% der Bestellungen werden aus ihrem eigenen Bestand erledigt, 7% von anderen Quellen. Bei Zeitschriften und Serienwerken werden aus ihrem eigenen Bestand 91% der Anfragen positiv beantwortet. Der Anteil der erledigten Bestellungen liegt bei Monographien in englischer Sprache bei 64% aus eigenem Bestand und 22% aus anderen Quellen. Das sind ganz beeindruckende Zahlen (Simon 1985, S.47). Die BLLD unterhält auch einen internationalen Kopiendienst. Die Kopien müssen in Form von Coupons im voraus bezahlt werden.

3.2. Fachinformationsvermittlungssysteme

3.2.1. System der Fachinformationsvermittlung der Bundesrepublik Deutschland
Informations- und Dokumentationseinrichtungen und Bibliotheken sind "Unternehmen" auf dem Gebiet der Fachinformation. Sie tragen dazu bei, daß benötigte Informationen möglichst vollständig und schnell beim Interessenten zur Verfügung stehen. Sie sorgen auch gemeinsam dafür, daß die nachgewiesenen Dokumente im nationalen Rahmen mindestens einmal zur Verfügung stehen (Lehmann 1981, S.22).

Zur Vermittlung von Fachinformationen entstanden in vielen Bereichen der Wissenschaft und Wirtschaft in der BRD eine Reihe von IuD-Einrichtungen. Sie sind in der Regel nicht den Bibliotheken angegliedert, sondern den Bundesforschungsanstalten und Universitäten. Durch das IuD-Programm 1974-1977 wurden die zunächst weitgehend unkoordinierten IuD-Aktivitäten in Form von Fachinformationssystemen zusammengefaßt (BMFT 1990, S.24). Als Kern eines solchen Systems fungiert ein Fachinformationszentrum (FIZ) mit der Aufgabe der Koordinierung aller IuD-Tätigkeiten des Fachgebietes. Durch die Arbeitsteilung innerhalb eines Fachinformationssystems (FIS) können die beteiligten IuD-Stellen ihre Leistung verbessern und die Nachfrage an Fachinformationen auf dem jeweiligen Fachgebiet besser befriedigen. Ein Beispiel dafür ist das FIS "Ernährung, Land- und Forstwirtschaft" (FIS-ELF). Es wurde durch eine Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern gegründet. Es besteht aus 22 Dokumentationsstellen, die verschiedenen Trägerinstitutionen des Bundes (Bundesanstalten) bzw. der Länder (z.B. Universitäten) zugeordnet sind. Seit Januar 1984 arbeiten diese 22 Dokumentationsstellen nach einheitlichen "Regeln für die Information und Dokumentation des Agrarbereichs". Jede der 22 Stellen ist auf ein Fachgebiet spezialisiert. In jedem dieser Fachgebiete wurden Literaturhinweisbanken und Faktenbanken aufgebaut, die Fachwissen und Fachliteratur erfassen. Jede der 22 Stellen gewährleistet die Zulieferung des Inputs zu den jeweiligen Datenbanken. Informationsanforderungen der Nutzer werden entweder selbst bearbeitet oder an die entsprechende fachlich zuständige Dokumentationsstelle weitergeleitet. Über jede Dokumentationsstelle ist aber auch der Zugang zu den Angeboten des gesamten FIS-ELF möglich. Man kann die 22 Stellen schriftlich, telefonisch, über Telefax, Email und andere Datennetze erreichen. Sie üben die Funktion von Fachinformationsvermittlungsstellen aus. Sie vermitteln Fachinformationen auf der Grundlage der Datenbanken des FIS-ELF und bieten darüber hinaus eigene spezialisierte Informationsdienstleistungen an. In der Regel ist die Nutzung der Informationsdienste entgeldpflichtig.

Kern und Koordinator des FIS-ELF ist die "Zentralstelle für Agrardokumentation und -information" (ZADI). Die Informationen von anderen Stellen werden von der ZADI weiter verarbeitet und in entsprechenden Datenbanken gespeichert. ZADI arbeitet mit verschiedenen internationalen Organisationen und Datenbankanbietern im Agrarbereich zusammen, so z.B. mit der Food and Agricultural Organisation (FAO), der National Agricultural Library (USA), dem Commonwealth Agricultural Bureaux International (Großbritannien), dem International Food Information Service und anderen Einrichtungen der Europäischen Union. Damit wird sichergestellt, daß die neuesten Informationen auf den ZADI-Datenbanken verfügbar sind. Der Online-Zugriff auf ZADI-Datenbanken erfolgt nicht direkt, sondern über einen Host, das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Der Zugriff kann über verschiedene Datennetze erfolgen. Die Online-Nutzung der von der ZADI angebotenen Datenbanken setzt einen Vertrag mit der ZADI voraus, der die allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Preise, Preisnachlässe und andere Konditionen beinhaltet (Vgl. FIS-ELF).

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es gegenwärtig insgesamt 15 Fachinformationssysteme mit ihren jeweiligen Fachinformationszentren, die öffentlich gefördert werden (BMFT 1990, S.24). Diese Einrichtungen richten ihre Aufmerksamkeit auf die Entwicklung und Herstellung von Literaturnachweisbanken und Faktenbanken. Sie haben 1989 insgesamt 283 Datenbanken zur Verfügung gestellt. Vier dieser Fachinformationszentren betreiben einen eigenen Host:

Die übrigen 11 Fachinformationszentren bieten ihre Datenbanken entweder selbst an (z.B. STN International) oder geben ihre Datenbanken anderen Hosts in Lizenz (wie bereits am Beispiel FIS-ELF erwähnt). Die jeweiligen "FIZ" und ihre untergeordneten Fachinformationstellen üben die Funktion von Informationsvermittlungsstellen aus (durch Auftragsrecherchen). Über diese Fachinformationsstellen des jeweiligen Fachinformationssystems ist der Zugriff auf alle Angebote dieses Systems möglich.

Der Schwerpunkt der Tätigkeiten der FIZ liegt auf der Produktion von Datenbanken (BMFT 1990, S.24). Deswegen entstand in der BRD ein dezentrales Netz von Informationsvermittlungsstellen (IVS). Die IVS nehmen eine Agenturfunktion wahr zwischen denjenigen, die Informationen benötigen (Endnutzer) und denjenigen, die Informationen bereithalten (z.B. FIZ, IuD-Stellen, Hosts, Bibliotheken und Experten). Das heißt, sie ermöglichen denjenigen den Zugang zu allen wichtigen Informationsquellen, denen ein eigener Zugang zu kompliziert oder zu aufwendig ist.

Durch die Mittlerfunktion spielen die IVS eine bedeutende Rolle bei der Erschließung des Marktes für Fachinformationen. Sie gewinnen nicht nur neue Nutzer, sondern bewirken auch eine Intensivierung der Inanspruchnahme von Informationsdienstleistungen.

Während sich anfangs das Informationsangebot fast ausschließlich am Bedarf von Forschung und Entwicklung der Großindustrie und der Wissenschaftsinstitutionen ausrichtete, stehen seit dem zweiten Fachinformationsprogramm 1985-1988 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und die Hochschulen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Fachinformationspolitik. Gründe dafür sind:

Deshalb hatte die Bundesregierung in einem Modellversuch den Auf- und Ausbau sowie Betrieb von 134 fachlich, sektoral und regional unterschiedlicher IVS gefördert, um kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zur Online-Fachinformation, vor allem aus Naturwissenschaft und Technik, aber auch aus dem Wirtschaftsbereich zu erleichtern (BMFT 1990, S.16). Durch diesen Modellversuch wurde ein dezentrales Netz von Informationsvermittlungsstellen, die privaten Beratungsunternehmen, Industrie- und Handelskammern sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen angeschlossen wurden, entwickelt. Dieses Netz wurde durch das Fachinformationsprogramm 1990-1994 gefördert, ergänzt und erweitert. Zu diesem Netz zählt man heute Hunderte IVS, die unmittelbar in der Nähe der Endnutzer liegen.

Nutzernähe ist ein Charakteristikum der Informationsvermittlungsstellen, welche die großen Fachinformationszentren kaum erreichen können. Die Nutzernähe ist gleichzeitig eine Voraussetzung für die erfolgreiche Vermittlungstätigkeit der IVS. Dadurch haben sie beste Chancen, den Informationsbedarf ihrer "Kunden" einerseits zu ermitteln und zu analysieren und andererseits können sie auch die Leistungen der Informationsanbieter im Hinblick auf bedarfsgerechte Inhalte der Informationsquellen, deren Struktur, deren Kosten, den technischen Zugang, die Nutzungsmöglichkeiten und die Nutzerfreundlichkeit bewerten, um dann Verbesserungsvorschläge an die Informationsanbieter heranzutragen. Durch das persönliche Gespräch und den unmittelbaren Kontakt mit den Endnutzern tragen die IVS auch dazu bei, Hemmungen der Nutzer gegenüber den Fachinformationseinrichtungen abzubauen.

3.2.2. Fachinformationsvermittlung in Frankreich
Das dokumentierte und veröffentlichte Fachwissen befindet sich überwiegend in den französischen Bibliotheken. Um diese Fachinformationen zu vermitteln, wurden in den Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft zahlreiche IuD-Einrichtungen gegründet. Sie sind nicht wie in der BRD an den Bibliotheken angesiedelt, sondern überwiegend an Forschungsanstalten und Universitäten. Sie sollen Fachinformationen aus den Literaturbeständen herausfiltern, aufbereiten und in elektronische Form umsetzen. Im Unterschied zu dem Bibliotheken verfügen sie zumeist über keine Literaturbestände, sondern betreiben nur Datenbanken.

Da die französischen Bibliotheken nicht so viel Fachliteratur wie in der BRD und Großbritannien zur Verfügung stellen, tragen die Informationseinrichtungen in der Informationsvermittlung bedeutend mehr Verantwortung. Um Informationen möglichst schnell und vollständig zu vermitteln, müssen nicht nur Datenbanken aufgebaut, sondern auch Informationsvermittlungsstellen eingerichtet werden. Dabei spielt der Aufbau von Datenbanken immer mehr die entscheidende Rolle.

Datenbankproduktion
In der Literatur findet man unterschiedliche Angaben über die Zahl der französischen Datenbanken. Beispielsweise verfügte nach Angaben der Vereinigung der französischen Datenbankproduzenten Frankreich im Mai 1983 über insgesamt 81 Datenbanken (Vgl. Abb. 10)

Nach Angaben von M. Henry (Artikel "Les Producteur et la Production de Basis et Banques de Données francaises") wurden aber 150 französische Datenbanken gezählt.

Die Anzahl der in Frankreich hergestellten Datenbanken ist in den 80er Jahren erheblich angestiegen. Waren es 1983 erst 20 Wirtschaftsdatenbanken und 36 wissenschaftlich-technische Datenbanken, so konnten Ende 1989 bereits 130 Datenbanken mit ökonomischen und 73 mit wissenschaftlich-technischen Informationen gezählt werden .

Die Datenbankhersteller lassen sich in Frankreich wie auch in der Bundesrepublik Deutschland in zwei Gruppen einteilen: Zur ersten Gruppe gehören die Datenbankproduzenten der Wirtschaft, die sich im wesentlichen finanziell selbst tragen. Im Jahr 1983 waren 23% der französischen Datenbankhersteller private Firmen, die sich mit Online-Wirtschaftsinformationsdiensten, darunter auch die sogenannten Realtime-Dienste (Börsennachrichten, Unternehmensdaten, Produktinformationen u.a.), beschäftigten. Die Datenbankhersteller der Industrie, die nur z.T. vom Staat gefördert werden, machten 1983 einen Anteil von 19% aller französischen Datenbankproduzenten aus. Von dieser Gruppe werden mehr als die Hälfte der französischen Datenbanken hergestellt. Die größten französischen Datenbankproduzenten im Bereich der Wirtschaft sind Didot-Bottin, Sydoni, Société Merlin Gérin, ISIS , Sphinx, Sofie, Axess und Essor (Müller-Brettel/Schoepflin.1984, S.250). Hier handelt es sich um Firmen, die unabhängig vom Staat agieren. Datenbankhersteller dieser ersten Gruppe arbeiten nicht nur kostendeckend, sondern auch gewinnorientiert, da sie die Nachfrage nach Fachinformationen aus der Wirtschaft und Industrie direkt befriedigen. Wesentlich unterscheidet sich im Vergleich zu dieser Gruppe die Situation der Datenbankproduzenten auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und Technik, der Geistes- und Sozialwissenschaften und der staatlichen Verwaltung. Sie sind mehr oder weniger von staatlichen Mitteln abhängig. Sie dienen entweder strategischen Zwecken oder befriedigen unmittelbar die Informationsbedürfnisse der staatlichen Verwaltung. Am bedeutendsten in dieser zweiten Gruppe von Datenbankherstellern, die vom Staat gefördert werden, sind die Informationseinrichtungen der nationalen Forschungsbehörde CNRS und die der Universitäten.

Das CNRS verfügt über ein leistungsfähiges Informationsinstitut, das Institut für wissenschaftliche und technische Information (L´Institut national de l´information scientifique et technique INIST). Das INIST ist die wichtigste Informationseinrichtung Frankreichs auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik. Es wurde 1988 in Nancy als neues Dokumentationszentrum des CNRS gegründet. Die Basis des heutigen INIST waren die beiden in Paris ansässigen Dokumentationszentren für Technik (Centre de Dokumentation scientifique et technique) und für Geisteswissenschaften (Centre de Dokumentation Sciences Humaines). Im Jahre 1991 hatte das INIST 410 Mitarbeiter und einen Jahresetat von 67 Mio. FF (La Politique de l´information. Paris 1991). Die Bibliothek hatte zu diesem Zeitpunkt einen Bestand von 60 000 Monographien und einen Zeitschriftenbestand von 27 500 Titeln, davon ca. 16 000 im laufenden Abonnement (12 000 naturwissenschaftlich-technische und 4000 geistes- und sozialwissenschaftliche Titel). Erschlossen wird diese Literatursammlung durch zwei Datenbanken PASCAL und FRANCIS, die das CNRS seit 1973 betreibt (Gabel G., 1991, S.1239). PASCAL (Programme Appliqué a la Selection et a la Compilation Automatique de la Literatur) ist eine multidisziplinäre bibliographische Datenbank, die über 8 Mio. bibliographische Datensätze in französischer und englischer Sprache in vier fachlichen Bereichen enthält:

FRANCIS ist ebenfalls eine multidisziplinäre Datenbank, die ca. 1,3 Mio. Datensätze in zwei fachlichen Bereichen speichert: Daneben sind viele der französischen Universitäten auch Datenbankproduzenten. In dem im Jahr 1983 veröffentlichten Buch "Banques de données du CNRS et de l´Université" wurden über 200 Datenbanken verzeichnet, was von einer Dynamisierung der Forschungsstätten bei der Produktion von Datenbanken zeugt (Datenbasen in Frankreich. In: NfD, 1(1984),S.14).

Hier findet man einen Unterschied zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich in der Organistionsstruktur der öffentlich geförderten Informationseinrichtungen. Während in der Bundesrepublik alle IuD-Tätigkeiten (Datenbankproduktion) der jeweiligen Fachgebiete in der Wissenschaft und Staatsverwaltung einheitlich durch die jeweiligen Fachinformationszentren organisiert und koordiniert werden, werden in Frankreich nur die zwei stärksten nationalen Informationszentren, das INIST und das INPI ( Institut national de la Propriété industriell) bevorzugt vom Staat gefördert, um in der Funktion Frankreichs strategisch wichtigste multidisziplinäre Datenbanken auf dem Gebiet Wissenschaft und Technik herzustellen.

Der Unterschied zwischen der BRD und Frankreich bei der Datenbankproduktion und dem Datenbankangebot besteht auch darin, daß viele deutsche Datenbankhersteller ihre Produkte nicht als Alternative, sondern vorwiegend als Ergänzung zu ausländischen Datenbanken anbieten. Die französischen Datenbankproduzenten wollen die französische Fachinformation unabhängig von ausländischen Datenbanken machen. Sie verfolgen das Ziel, neben den französischen möglichst viele ausländische, insbesondere amerikanische, aber auch deutsche und russische Quellen auszuwerten und somit das jeweilige Fachgebiet vollständig abzudecken. Sie bieten ihre Datenbanken auf dem internationalen Markt explizit in Konkurrenz zu den ausländischen Datenbanken an. Die französischen Datenbankhersteller verstehen sich stärker als die deutschen nicht nur als Produzenten, sondern auch als Anbieter (Müller-Brettel/Schoepflin. 1984). Zwei Drittel aller französischen Datenbanken sind Online über das Datennetz TRANSPAC recherchierbar. Das heißt, die Datenbankhersteller, deren Datenbanken noch nicht bei einem Host aufliegen, bieten diese einer breiten Öffentlichkeit als sogenannte "propre serveur" an. Auch wenn ihre Datenbanken schon bei einem oder mehreren Hosts aufliegen, werden sie vom Hersteller weiter angeboten. Die französischen Datenbanken werden in zunehmendem Maße auch über Videotext angeboten. Die Nutzung der Datenbanken ist über diese Netze recht intensiv. Dabei ist es möglich, über Videotext auch Offline-Recherchen zu bestellen.

Ein weiterer Schritt dieser Bemühungen zur Informationsverbreitung ist die Entwicklung von auf Computern implementierten Schulungsprogrammen. Ein solches Programm wurde beispielsweise durch Mitarbeiter des Centre de Dokumentation en Cancerologie erstellt, wobei die Datenbank Cancernet genutzt wird. Mit Hilfe dieses Programms kann der normale Benutzer am Terminal im Dialog in die Kommandosprache eingeführt werden, so daß er in der Regel innerhalb kurzer Zeit in der Lage ist, selbständig einfache Recherchen durchzuführen (Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.250-251).

In Frankreich existiert eine Vielzahl von Hosts (im Jahre 1984 bereits 14). Sie bieten neben französischen Datenbanken auch ausländische Datenbanken an, wobei sie sich meistens auf bestimmte Fachgebiete spezialisiert haben wie GCAM (Wirtschaft und Politik), GSI-ECO (Entwicklungsländer), BNDO (Oceanologie). Der wichtigste ist der multidisziplinäre Datenbankanbieter TELESYSTEM-QUESTEN, der größte nationale Host in Frankreich, der von MIDIST unterstützt wird (Broschüre 2,1992). Dieser Host bietet etwa 70 Datenbanken an, davon überwiegend französische öffentlich und auch privat geförderte Datenbanken. Auf den nächsten Plätzen folgen der Host L´Européenne de Donneés mit einem Angebot von 45 Datenbanken und der vom Erziehungsministerium 1984 gegründete SUNIST. Der SUNIST bietet im wesentlichen von französischen Universitäten hergestellte Datenbanken an, darunter verschiedene Verbundkataloge wie der Zeitschriftenkatalog CCN, die Verbundkataloge für Monographien PANCATALOGUE, für Dissertationen TELETHESIS usw. Auch hier besteht ein Unterschied zur BRD. Versuchte man in Deutschland in den zurückliegenden Jahren Hostfunktionen bei möglichst wenigen Institutionen zu zentralisieren, so ist die französische Hostlandschaft gekennzeichnet durch eine "Koexistenz zwischen Informations-Supermarkt und Fachgeschäft" (Busowietz/ Schmidt-Reindl 1984, S.11).

Informationsvermittlung und Informationsvermittlungsstellen
In Frankreich existieren verschiedene Dokumentationsnetze (Réseaux documentaires), deren Aufbau schon anfangs der 80er Jahre durch das staatliche Programm begann. Die Bezeichnung Netz ist hier nicht im Sinne der Datenverarbeitung zu verstehen, sondern im Hinblick auf die Realisierung der Zusammenarbeit zwischen Dokumentationszentren bei der Vermittlung und Beschaffung von Fachinformationen auf abgegrenzten wissenschaftlichen und/oder technischen Gebieten (Busowietz/Schmidt-Reindl 1984, S.12). Darüber hinaus umfaßt das Aufgabenspektrum dieser Dokumentationsnetze die Kooperation bei der Schaffung von zahlreichen Informationsdienstleistungen: Beim "Frage-Antwort-Service" geht es meist um Online-Literaturrecherchen, die in den Datenbanken im Auftrag von Nutzern durchgeführt werden. Diese Services haben aber auch die Funktion einer Auskunfts- und Beratungsstelle.

Auf jedem Fachgebiet in Frankreich existiert ein entsprechendes Dokumentationsnetz. Die Leistungsfähigkeit dieser Netze ist jedoch noch sehr unterschiedlich. Zu den leistungsfähigsten gehören die Dokumentationsnetze auf den Fachgebieten Energie (Nukleare Energie, Öl-Gas), Gesundheitswesen und Agrarwissenschaft (Busowietz/Schmidt-Reindl 1984, S.9-13)

Informationsvermittlungsstellen (IVS), die eine Agenturfunktion zwischen Nutzern und Informationsanbietern wahrnehmen, entstanden in immer mehr Bereichen von Wirtschaft und Wissenschaft. In den französischen Universitäten und Forschungseinrichtungen wurden sie oft als Abteilung der Bibliothek eingerichtet. Zwar bieten die Bibliotheken die Leistung der Informationsvermittlung an, indem sie über das Vorhandensein von literarischen Informationsquellen, ihre Standorte und bibliographischen Angaben informieren. Dabei beschränken sie sich aber in der Regel auf die konventionellen Methoden (Printmedien, Mikroformen). Im Gegensatz zu den Bibliotheken benutzen die Informationsvermittlungsstellen Computer, um benötigte Informationen für den Benutzer aus externen Datenbanken zu beschaffen. Obwohl die Literaturrecherchen in den Online-Datenbanken von den Nutzern zumeist bezahlt werden, sind die Informationsvermittlungsstellen der Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht in der Lage, kostendeckend zu arbeiten. Um die strategische Entwicklung der Wissenschaft und Technik zu sichern, muß die französische Regierung die Informationsvermittlungsstellen der Universitäten und Forschungseinrichtungen immer noch finanziell unterstützen. Anders ist die Situation der wachsenden Zahl von IVS in der Wirtschaft. Sie vermitteln den Unternehmen der Wirtschaft Informationen, die die Konkurrenzfähigkeit und den Gewinn der Unternehmen direkt beeinflussen. Sie können deswegen kostendeckend und gewinnorientiert arbeiten.

1991 zählte man in Frankreich 162 Informationsvermittlungsstellen. Die französische Fachinformationspolititik (La politique de l´information scientifique et technique), die vom Ministerium für Forschung und Technologie koordiniert wird, richtet sich seit 1992 auf den Aufbau eines Netzes von regionalen Informationsstellen (Agences régionales de l´Information scientifique et technique ARIST). Dieses regionale Netz ist stark auf kleine und mittlere Unternehmen abgestellt (La Politique... 1991, S.13).

Je komplizierter der Zugang zu den Informationsquellen ist, desto wichtiger ist die Existenz von Informationsvermittlungsstellen, die den Informationsmarkt wie erforderlich entwickeln. Noch wichtiger ist die Entwicklung und Verbesserung des Zugangs zu den Informationsquellen, um die Frankreich sehr bemüht ist (La politique... 1991,S.13). In Frankreich scheint man offener mit Informationen umzugehen als in der Bundesrepublik Deutschland. Es gibt kaum Probleme technischer oder juristischer Art, einmal vorhandene Datenbanken einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Gegensatz zur BRD, wo viele Datenbanken aus juristischen, verwaltungsinternen oder technischen Gründen nur einem sehr eingeschränkten Benutzerkreis zugänglich sind, sind in Frankreich institutseigene Datenbanken in der Regel über das Datenbanknetz TRANSPAC von jedem zahlungswilligen Nutzer recherchierbar (Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.362).

Ein weiterer Unterschied besteht darin, daß die französische Computerindustrie von Anfang an die notwendige einheitliche Software und Hardware zur Verfügung gestellt hat. Es ist unkompliziert, auf eine französische Datenbank über das Datennetz TRANSPAC zuzugreifen.

Die französischen Datenbanken werden in wachsendem Maße gleichzeitig über das Videotext-System TELETEL (in Deutschland Bildschirmtext) angeboten, das vom französischen Ministerium für Telekommunikation betrieben wird und als das wichtigste Videotext-System der Welt gesehen wird (Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.362). Ende 1990 gab es in Frankreich ca. 5,6 Mio. Minitels (das waren 90% aller in den EU-Ländern installierten Videotext-Terminals). In Deutschland waren es zu diesem Zeitpunkt lediglich 128 000, in Großbritannien 100 000 Anschlüsse. Bis 1992 wurden in Frankreich insgesamt 6 Mio. Minitels installiert, davon entfielen allein 30% auf Wirtschaftsunternehmen. 1989 nutzten ca. 60% aller EU-Unternehmen und EU-organisationen Online-Informationsdienste (einschließlich Videotext-Dienste). Von diesen ca. 700 000 Institutionen hatten 54% ihren Standort in Frankreich, 16% in Großbritannien, 16% in Deutschland (Schwuchow/Stroetmann 1992, S.7). Das französische Videotext-System wird auch auf dem Gebiet der Wissenschaft genutzt. Ohne das Vorhandensein eines preisgünstigen und einfach zu bedienenden Terminals wie das Minitel, konnte die DBMIST ihr Programm zur Förderung der Fachinformation im Universitätsbereich kaum durchführen (Müller-Brettel/Schoepflin 1984,S.362). Zur Förderung der französischen Informationsvermittlungsstellen im Wissenschaftsbereich wurde Anfang 1991 der Aufbau des Forschungsnetzes RENATER (Reseaux national de telecommunication pour la recherche) begonnen (La politique... 1991). Gefördert wird es durch das Ministerium für Forschung und Technologie, das Ministerium für Telekommunikation und das Erziehungsministerium. An dieses Forschungsnetz werden derzeit alle französischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Labore angeschlossen.

Viele der französischen Datenbanken werden auch in CD-ROM-Versionen herausgeben. CD-ROM ist ein ideales Instrument für die Informationsvermittlung, immer dann, wenn es sich um Massennutzung (häufige Nutzung) oder um Inhalte, die relativ selten aktualisiert werden müssen, handelt. Deshalb wächst die Zahl der CD-ROM-Titel in Frankreich rasch (von 21 im Jahre 1989 auf 72 Titel im Jahr 1990). Noch wichtiger ist die Zahl der installierten CD-ROM-Laufwerke. 1990 gab es in Frankreich 12 800 Laufwerke. Diese Zahl stieg in den folgenden Jahren über 20 000 (1991) auf 45 000 (1992) und beträgt heute einige Millionen (Broschüre 2, 1992). Viele davon befinden sich in den Universitäten.

3.2.3. Fachinformationsvermittlung in Großbritannien
Das System der Fachinformationsvermittlung Großbritanniens hat einen hohen Entwicklungsstand und ist allen anderen EU-Staaten überlegen (Braunleder 1988, S.277).

Großbritannien war das erste europäische Land, in dem Online-Informationsdienste angeboten und systematisch genutzt wurden. Dies resultiert aus den traditionellen Beziehungen mit den USA, insbesondere auf dem Gebiet des Handels, aber auch durch die Weltgeltung der englischen Sprache. Man darf sicherlich nicht vergessen, daß die ersten Online-Datenbanken in englischer Sprache erstellt wurden. Dieses brachte einerseits Großbritannien erhebliche Vorteile und die Briten erkannten und nutzten andererseits diese Chance frühzeitig (NfD, 40(1989), S.175).

Nach wie vor dominiert die englische Sprache bei der Produktion von Datenbanken. Die USA und Großbritannien beherrschen zusammen fast zwei Drittel der Weltproduktion im Datenbankbereich. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die englische Sprache von den Produzenten favorisiert wird: ca. 80% aller Datenbanken sind daher in Englisch zugänglich, nur 8% in Französisch und 6% in Deutsch. Allein Großbritannien produziert rund ein Drittel aller von den EU-Mitglieds-Staaten hergestellten Datenbanken. Von den insgesamt 947 europäischen Online-Datenbanken im Jahre 1989 kamen 325 aus Großbritannien. Gefördert wird das durch eine starke Dokumentationstradition, die Vitalität der wissenschaftlichen Gesellschaften in diesem Land und durch ein leistungsfähiges Verlagswesen, das von der Aufnahmefähigkeit der USA für englischsprachige Produkte profitiert (Bericht der EG. 1990).

Dadurch erhält man leicht den Eindruck, daß die britische Datenbankproduktion sehr stark an internationalen Bedürfnissen ausgerichtet wird. Über ein Drittel der britischen Datenbanken lassen sich über ausländische Hosts (aus den USA, dem englischsprachigen Raum und auch aus anderen europäischen Staaten) erreichen. In einigen Fällen werden sie von Hosts verwertet, die sich außerhalb des Vereinigten Königreichs befinden. Großbritannien allein produzierte drei Viertel aller europäischen Datenbanken, die exportiert wurden (Bericht der EG. 1990, S.6).

Knapp zwei Drittel der britischen Datenbanken richten sich auf die inländische Nutzung. Dafür wurden britische Hosts nicht nur frühzeitig, sondern auch in großer Stückzahl aufgebaut. Auch hierbei wird die dominierende Rolle Großbritanniens in der Europäischen Union noch einmal bewiesen. So ist ein Drittel aller EU-Hosts im Vereinigten Königreich stationiert. Auf Großbritannien entfielen gleichzeitig 75% aller Terminals Europas und die Hälfte aller EU-Umsätze mit elektronischen Informationsdiensten, dabei zwei Drittel bei Finanzinformationen, die Hälfte bei Unternehmensdaten (Bericht der EG. 1990, S.14).

Besonders leistungsfähig ist der Sektor Wirtschaftsinformation. Hier engagierten sich die privaten Anbieter sehr dynamisch und schnell. Sie boten bereits im Jahre 1989 219 Online-Wirtschaftsdatenbanken (im Vergleich BRD: 163, Frankreich: 130) an. Im Jahre 1990 haben sie mittels Online-Wirtschaftsinformationen 1689,4 Mio. USD umgesetzt, d.h. über fünf Mal mehr als in Deutschland (BRD: 306,7 Mio. USD, Frankreich: 268,7 Mio. USD) (Vgl. BMFT 1990, S.65).

Auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Information engagieren sich die britischen privaten Anbieter ebenfalls stärker als in Deutschland bzw. in Frankreich. Neben den vom Staat oder von Regierungsbehörden geförderten Datenbankproduzenten wie British Libarary, the Patent Office, British Standards Institution, Institution of Electrical Engineers, Water Research Centre, treten als private Datenbankhersteller zahlreiche vitale wissenschaftliche Gesellschaften und leistungsfähige Verlagsunternehmen auf. Hierzu zählen vor allem Derwent Publication Ltd., Royal Society of Chemistry, Royal photographic Society, Paint Research Association (PIRA), Pergamon Press Ltd., Pergamon ORBIT InfoLine Ltd., Rapra Technology Ltd. und andere (Spender 1989, S.176).

Wissenschaftlich-technische Datenbanken werden sowohl über die öffentlich geförderten Hosts, als auch über die privatwirtschaftlichen und ausländischen Hosts angeboten. Die wichtigsten Hosts sind BLAISE Line (British Libarary), BLAISE Link (British Library), ORBIT, DATA-STAR und Pergamon finacial Date Services (PFDS).

Wie effektiv eine nationale Fachinformationsvermittlung organisiert werden kann, beweist ein Beispiel aus Großbritannien. Bereits in den 50er Jahren wurden die sogenannten "Informations-Kooperativen" gegründet, deren Mitglieder neben Bibliotheken industrielle und kommerzielle Unternehmen und sonstige Institutionen waren. Gegen einen geringen Kooperativemitgliedsbeitrag genossen diese Unternehmen einen Service, der neben den üblichen bibliographischen Dienstleistungen auch Recherchen in internen, nationalen und internationalen Datenbanken sowie Informations- und Dokumentenbeschaffung einschloß. Einerseits werden die Bibliotheken für die Informationsvermittlung ausgenutzt, andererseits ist das ein gutes Beispiel dafür, wie industrielle und kommerzielle Unternehmen zur Verbesserung der Finanzierung der Bibliotheken beitragen können. Man hat in Großbritannien auch frühzeitiger als in der BRD und in Frankreich erkannt, daß sich nur große Firmen eine Bibliothek bzw. Informationsabteilung mit entsprechendem Fachpersonal leisten können, während kleine und mittlere Firmen um so stärker auf externe Informationsquellen angewiesen sind. Bereits im Jahr 1963 wurde von "The Department of Scientific and Industrial Research" (DISIR) ein Projekt entwickelt, bei dem der Informationsvermittlung für kleine und mittlere Unternehmen Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Die Entwicklung von Informationsvermittlungsstellen (information broker) in Großbritannien wird aus deutscher Sicht als schnell und positiv bewertet. Das zeigt eine deutsch-britische Konferenz, die 1988 in Köln unter dem Namen "Informationen für Handel und Industrie" stattfand (Braunleder 1988, S.277). So hat sich in der Bundesrepublik der Beruf des Informationsvermittlers noch nicht so recht durchgesetzt. In Großbritannien dagegen wurden schon damals etwa 120 selbständige und ca. 40 bei Institutionen beschäftigte (angesiedelte) Vermittler gezählt. Die Tendenz ist steigend, denn diese Vermittler sehen einen Markt gerade in kleinen und mittleren Unternehmen.

Großbritannien verfügt derzeit bei der Informationsvermittlung über ein hoch entwickeltes System von Informationsdiensten, das alle Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft, von der Verwaltung über Produktion, Handel, Forschung und Lehre bis zu Gesundheitswesen, Sozialversicherung und anderen Gebieten reicht.

Während Großbritannien im internationalen Marktsegment Wirtschaftsinformation sehr stark ist, sieht die Situation auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Information anders aus. Obwohl wissenschaftliche Gesellschaften und Verlagsunternehmen sowie öffentlich geförderte Datenbankhersteller sich bemühen, nimmt Großbritannien nach Frankreich, Deutschland und der Schweiz im europäischen Markt der wissenschaftlich-technischer Information nur den vierten Platz ein, da hier nur geringe Förderung seitens der britischen Regierung erfolgt. Mit einer Zahl von 77 wissenschaftlich-technischen Datenbanken (Frankreichs: 73 und Deutschland: 85) konnte Großbritannien im Jahr 1989 einen Umsatz von lediglich 10,7 Mio. USD (Frankreich: 41,6 Mio. USD, BRD: 35,2 Mio. USD), d.h. 4 mal weniger als Frankreich und 3 mal weniger als die BRD, erzielen (BMFT. 1990, S.73).

3.3. Rahmenbedingungen für die Fachinformation

Um das in der Fachinformation enthaltene Wissen über Informationsdienste effizient nutzen zu können, bedarf es bestimmter Rahmenbedingungen für den Fachinformationsmarkt. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören Telekommunikationsinfrastruktur, -services, Datenschutz, Urheberrecht, Fachpersonalausbildung und Standards (in erster Linie jedoch die Telekommunikationsinfrastruktur).

Wir leben gegenwärtig in einer Zeit, in der die Fachinformation als Produktions- und Konkurrenzfaktor angesehen wird. Die Telekommunikation spielt in unserer Gesellschaft die gleiche entscheidende Rolle wie Schiffskanäle und Eisenbahnen in der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts (Moore/Steele 1991, S.6). Aus dieser Einsicht haben die Regierungen der BRD, Frankreichs und Großbritanniens den Aufbau von Telekommunikations-Infrastrukturen stark gefördert. Trotz unterschiedlichen Entwicklungsstandes kann man leicht erkennen, daß diese Länder über hoch entwickelte und zuverlässige Telekommunikationsinfrastrukturen verfügen.

In der BRD betreibt die Deutsche Bundespost Telekommunikationsnetze (z.B. Datex-P, Datex-L), die eine effiziente Nutzung der Fachinformationsdienste möglich machen und die in nächster Zeit noch weiterentwickelt werden. So wird bald neben den vorhandenen Text- und Datendiensten (Teletex, Datex-P und Datex-L), die immer mehr an Bedeutung gewinnen, ein neues Glasfasernetz für Videokonferenzen, Bildtelefon und Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung ausgebaut (Tatsachen über Deutschland 1989, S.239). Die Bundespost wird wegen ihrer Gebührenpolitik stark kritisiert. Sie erhebt für die Benutzung der Datex-P-Leitungen, die von Online-Anbietern am meisten genutzt werden, die höchsten Gebühren in Europa (Henschke 1991, S.270). Dies behindert die Nutzung des Online-Angebots in der BRD erheblich. Zur Förderung der wissenschaftlich-technischen Information wurde das Deutsche Forschungsnetz (WIN) im Jahr 1989 etabliert, an dem sich gegenwärtig die meisten wissenschaftlichen Einrichtungen und viele Firmen beteiligen. Der Verein Deutsches Forschungsnetz hat mit der Deutschen Bundespost einen Vertrag abgeschlossen, durch den die Nutzung dieses Netzes durch die Vereinsmitglieder nicht nur kostengünstiger ist, sondern durch die Nutzungsmöglichkeit eines Mailboxsystems mehr Komfort bei der Kommunikation zwischen den Teilnehmern bringt.

Eine ähnliche Situation findet man in Frankreich und Großbritannien. Beide Länder haben auch ihre eigenen Forschungsnetze aufgebaut. An das französische RENATER sind fast alle Universitäten und Forschungsstätten angeschlossen. RENATER ist ein paketvermitteltes Telekommunikationsnetz, dessen Benutzung durch die wissenschaftlichen Einrichtungen sehr kostengünstig ist (nicht zu vergessen, daß Frankreich über das höchst entwickelte Videotextnetz der Welt verfügt, zu dem derzeit ca. 6 Mio. Minitels gehören, deren Nutzung sehr einfach und mit geringen Gebühren verbunden ist). Dies begründet, warum die Nutzung von Online-Diensten durch Firmen und Unternehmen in Frankreich sehr hoch ist. Das britische Forschungsnetz JANET wurde im Jahre 1984 geschaffen. Anschluß an JANET, das bisher kostenfrei (Förderung durch die Regierung) zur Verfügung steht, haben neben allen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen auch industrielle und kommerzielle Firmen. Durch das JANET wird der Online-Zugriff auf nationale und internationale Datenbanken sichergestellt.

Jedes der drei genannten Länder hat eigene und gemeinsame Probleme bei der Schaffung günstiger Bedingungen für den Informationsmarkt. Frankreich und Deutschland z.B. haben das gemeinsame Problem der Sprachbarriere, da der weltweite Datenbankmarkt sich überwiegend in englischer Sprache entwickelt. Einerseits bilden unzureichende Englischkenntnisse der eigenen Fachleute eine Barriere für die Nutzung englischsprachiger Datenbanken. Andererseits will man deutsche und französische Produkte nach Möglichkeit auch in englischer Sprache verfügbar machen.

In der BRD ist die Standardisierung ein aktuelles Problem, da unterschiedliche Hardware und Software, Schnittstellen usw. eingesetzt sind. Die Übertragung von Daten zwischen verschiedenen Systemen wird dadurch oftmals erschwert und ist manchmal unmöglich. In Frankreich dagegen kennt man solche Probleme nicht, da die Informationsindustrie von Anfang an die benötigte einheitliche, genormte Hardware und Software zur Verfügung gestellt hat (Müller-Brettel/Schoepflin 1984, S.261). Ein gemeinsames Problem wiederum ist die Erarbeitung von Standards, die die Nutzerfreundlichkeit von Produkten verbessern und die Datenübertragung zwischen den Ländern erleichtern.

Weitere zu lösende Probleme sind Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals, Datenschutz und Urheberrecht. Die Aus- und Weiterbildung bezieht sich vor allem auf Mitarbeiter innovationsaktiver kleiner und mittlerer Unternehmen, die häufig Schwierigkeiten bei der Nutzung von Datenbanken haben. Beim Schutz des Urheberrechts muß durch umfassende Abkommen eine unrechtmäßige Nutzung bzw. Vervielfältigung von Fachinformationsprodukten verhindert werden.

Der Lösung einiger dieser genannten Probleme dienen auf EU-Ebene seit mehreren Jahren die Programme IMPACT I und II, die das Ziel verfolgen, günstige Rahmenbedingungen für einen EU-Binnenmarkt für Fachinformationsdienste zu schaffen.

3.4. Fachinformationsprogramme und Fachinformationspolitik

3.4.1. Fachinformationspolitik der Bundesrepublik Deutschland
Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich die BRD von einem nach dem zweiten Weltkrieg zerstörten Land zu einem der führenden Industriestaaten. Im internationalen Vergleich hat Deutschland die kürzeste Arbeitszeit und die höchsten Arbeitskosten. Nicht zu vergessen ist, daß die BRD ein rohstoffarmes Land ist. Trotzdem erzielt die BRD Exporterfolge, die größer sind als die anderer Länder. Eine Ursache dafür ist darin zu sehen, daß die BRD über eine hohe technologische Wettbewerbsfähigkeit, einen relativ stabilen sozialen Frieden, ein gutes Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer und eine hochentwickelte Infrastruktur verfügt. Ein Element dieser Infrastruktur ist das Fachinformationswesen, das einerseits aus privatwirtschaftlichen Unternehmen (Verlage, Buchhandel, Anbieter von elektronischen Informationsdiensten, Datenbanken usw.), und andererseits aus staatlich geförderten Informationseinrichtungen und wissenschaftlichen Bibliotheken besteht.

Diese Unternehmen und Institutionen bieten zahlreiche Informationsdienstleistungen an, die der Schaffung und Aufrechterhaltung eines leistungsfähigen Innovationprozesses in Wirtschaft und Wissenschaft, sowie der Sicherung qualifizierter Entscheidungsprozesse im staatlichen Bereich (Verwaltung und Politik) dienen.

Das Ereignis "Sputnik" im Oktober 1957 war ein Schock für die westliche Welt. Dadurch wurde die strategische Bedeutung von Wissenschaft und Technologieentwicklung für die wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung sowie die Wettbewerbsfähigkeit der Nationen offenkundig. Die zentrale Bedeutung der wissenschaftlichen Information und Dokumentation (Fachinformation) in diesem Prozeß wurde gleichzeitig damit anerkannt (Stroetmann 1990, S.344). Allmählich setzte sich die Notwendigkeit einer nationalen Informationspolitik durch, in der die Förderung der Information und Dokumentation als staatliche Aufgabe erkannt wurde.

In Deutschland ist die Erkenntnis des Wertes von Fachinformationen relativ früh in das politische Bewußtsein gerückt worden. Im Jahre 1962 wurde der Bundesregierung ein Gutachten des Bundesrechnungshofes (Präsident des Bundesrechnungshofes. Untersuchung über..., Bonn, 1962) vorgelegt, in dem Information und Dokumentation als Mittel der Leistungssteigerung in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung gesehen und vom Staat gefördert werden sollte. Dies schloß die Beteiligung der Privatunternehmen nicht aus. Zur Beseitigung der damaligen strukturlosen Informationslandschaft empfahl das Gutachten ein Modell der koordinierten Dezentralisation in Form eines nationalen flächendeckenden Dokumentationsnetzes. Die internationale, arbeitsteilige Kooperation mit anderen Ländern wurde aus ökonomischen Gründen für sinnvoll und notwendig erachtet (Seeger 1990, S.861).

Die nächsten Etappen der Gestaltung der Fachinformationspolitik widerspiegeln sich in den vom damaligen Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung (später BMFT) erarbeiteten Leitlinien. Ab 1964 ging man davon aus, daß der Staat die erforderlichen organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Entwicklung der Information und Dokumentation schaffen müsse. Im Jahre 1967 verkündete die Bundesregierung offiziell ihre Absichten und Vorstellungen zur Entwicklung eines nationalen Informationssystems. Die strukturlose Vielfalt der vorhandenen Dokumentationseinrichtungen sollte zu einem integrierten leistungsfähigen nationalen Informations- und Dokumentationssystem zusammengefaßt und der Aufbau der in den Bereichen der Wissenschaft (insbesondere der Geisteswissenschaft) und der Technik noch fehlenden Dokumentationseinrichtungen sollte beschleunigt werden (Stroetmann 1990, S.344).

Es dauerte aber noch fast 10 Jahre, bis das erste "Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation 1974-1977" vorlag, in dem Ziele, Struktur und geplante Entwicklung eines öffentlich geförderten Fachinformationssystems ausführlich erläutert wurden.

Das erste IuD-Programm setzte sich zum Ziel, durch eine Erweiterung und Verbesserung der Informationsdienstleistungen die Effizienz von Forschung, Entwicklung und Ausbildung zu erhöhen und die Innovation zu beschleunigen. Zugleich sollten die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und Technik gestärkt, die Planungs- und Entscheidungstätigkeit von Parlament, Verwaltung und Rechtsprechung unterstützt und die Informationsmöglichkeiten für den Bürger und für die gesellschaftlichen Gruppen verbessert werden. Mit den staatlichen vorgesehenen Investitionen in einem Umfang von über 600 Mio. DM wollte die Bundesregierung mittel- und langfristig 16 Fachinformationsysteme und 4 Informationseinrichtungen mit besonderen Zweckbestimmungen schaffen, in denen alle IuD-Aktivitäten einzelner Einrichtungen zusammengefaßt werden sollten. Gleichzeitig sollte das gesamte Fachwissen in der BRD unter Einsatz von großen Rechenanlagen gespeichert, aufbereitet und vermittelt werden. (Seeger 1990, S.864). Für jedes Fachinformationssystem bildete man Fachplanungsgruppen, die sich mit methodischen, technischen, rechtlichen und organisatorischen Fragen des Fachgebietes beschäftigten.

Fehlende Mittel des Bundes, aber auch eine Änderung der Ziele in der praktischen Politik waren Gründe dafür, daß die geplante Zahl von 20 Fachinformationsystemen nicht realisiert werden konnte (Henschke 1991, S.272). Von den 20 geplanten Informationssystemen hatten Anfang 1978 (dem Zeitpunkt des Auslaufen des ersten IuD-Programms) nur wenige die formelle Gründung vollzogen: lediglich zehn der zwanzig Planungsberichte lagen zu diesem Zeitpunkt vor. Im Ergebnis des IuD-Programms 1974-1977 wurden 12 Fachinformationszentren geschaffen (Seeger 1991, S.865). Die wichtigsten von ihnen sind das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln, das FIZ Technik in Frankfurt und das FIZ Energie, Physik und Mathematik in Karlsruhe.

Die politische Wende 1982 von der sozial-liberalen zur konservativ-liberalen Koalition führte zu einer erheblichen Änderung der Fachinformationspolitik. Der "flächendeckende Ansatz" (Henschke 1991, S.273) wurde stark revidiert und als "idealistisch" bzw. "ohne Berücksichtigung der Kosten " verworfen (Seeger 1990, S.867).

Der "Leistungsplan 1982-1984" förderte begrenzt nur noch 5 Fachinformationszentren und eine Technische Informationsbibliothek. Er förderte nicht mehr das Angebot, sondern die Nachfrage und die Informationsvermittlungsstellen. So hatten z.B. mehrere Bundesländer ihren Hochschulbibliotheken erhebliche Mittel zugewiesen, um die Nachfrage nach Online-Information durch die Hochschulangehörigen anzuregen. Leider stand nicht genügend Personal für die Beratung und Durchführung von Recherchen zur Verfügung, so daß die so angeregte Nachfrage oft nicht erfüllt wurde (Henschke 1991, S.273).

Die "Wende" in der Fachinformationspolitik wurde weiter verstärkt durch das "Fachinformationsprogramm 1985-1988 der Bundesregierung", das vom BMFT unter der Konsultation der Experten von Verlagen, Informationseinrichtungen, Bibliotheken und anderen Einrichtungen erarbeitet wurde. Im Vergleich zum ersten Programm wurde dem privatwirtschaftlich organisierten Informationsmarkt eine kontinuierlich wachsende Rolle zugewiesen. Der Staat ist nicht mehr für die Informationsversorgung in fast allen Bereichen (Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Privatnutzer usw.) zuständig, sondern nur noch für einige wichtige zu unterstützende Felder. Die übrigen Aufgabenbereiche fallen überwiegend in die Zuständigkeit der Länder (BMFT 1982,S.14-16).

Die strategische Bedeutung der Fachinformation wurde ausdrücklich betont, insbesondere unter ökonomischen Gesichtspunkten. So wurde sie als Produktionsfaktor der Volkswirtschaft und Rohstoff der Zukunft betrachtet. Gleichzeitig ist sie eine wichtige Voraussetzung, um die nationale Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft und die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Forschung zu erhalten und zu verbessern. Mit der Neuorientierung wollte der Staat nur noch schwerpunktmäßig fördern und den privaten Unternehmen mehr Raum lassen. So wurden Produktion und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen als originäre Aufgaben der Privaten gesehen. Sie sollten selbst entscheiden, in welcher Richtung und in welchem Umfang sie Fachinformationen produzieren, anbieten oder vertreiben wollen. Privatwirtschaftliche Initiativen im Fachinformationsmarkt wurde vom Staat gefördert. Der Staat wollte aber Beeinträchtigungen des Wettbewerbs möglichst vermeiden. Sofern zur Erfüllung staatlicher Aufgaben und Informationspflichten der Staat selbst Fachinformationen herstellt oder anbietet, ist im Einzelfall zu entscheiden, für welche Funktionen auch private Anbieter ganz oder teilweise herangezogen werden können. Der Staat ließ Fachinformationen über den Markt bzw. in den oben genannten Ausnahmefällen zumindest gegen eine marktgerechte Vergütung anbieten. Nur so kann eine flexible Anpassung des Angebotes an die Informationsnachfrage dauerhaft gewährleistet werden. Aufgabe des Staates ist es, die Rahmenbedingungen für den Markt zu verbessern und die möglichen Hemmnisse zu beseitigen, damit sich privatwirtschaftliche Initiativen besser entfalten können.

Das Fachinformationsprogramm 1985-1988 verfolgte folgende Ziele:

Das Programm 1985-1988 sah ein Fördervolumen von 939 Mio. DM vor, das sich auf 5 Schwerpunkte orientierte: Das Fachinformationsprogramm 1985-1988 führte zu wichtigen Ergebnissen: Dadurch wurde der Zugriff der deutschen Nutzer auf inländische und internationale Datenbanken, ebenso wie der der Nutzer aus dem Ausland auf deutsche Datenbanken sichergestellt und verbessert. Fachinformations-Dienstleistungen, die durch die staatlich geförderte Infrastruktur sowie durch private Unternehmen erstellt wurden, orientierten sich besser auf den Bedarf. All dieses führte zu einer erheblichen Steigerung der Nutzung von Fachinformationen und einer Verbesserung der deutschen Situation auf dem internationalen Informationsmarkt. Das zeigten auch die statistischen Zahlen (Vgl. Tab. 4,5,6). So steigerte sich der Umsatz der BRD an Online-Information von 93,4 Mio. USD (1986) über 135,9 Mio. USD (1987) und 186,2 Mio. USD (1988) auf 255,8 Mio. USD (1989). Damit entwickelte sich der deutsche Anteil am Gesamtmarkt der Online-Informationsdienste von 2,2% (1986) über 2,6% (1987) und 2,9% (1988) auf 3,1% (1989). Der jährliche Zuwachs lag hier zwischen 37 und 46 Prozent. Beim Marktsegment Wirtschaftsinformation stieg der deutsche Umsatz von 76,4 Mio. USD (1986) über 113,9 Mio. USD (1987) und 158,7 Mio. USD (1988) auf 220,6 Mio. USD (1989), mit einer jährlichen Zuwachsrate von etwa 39% bis 49%. Dies entspricht einer Entwicklung des deutschen Anteils von 2,0% (1986) über 2,4% (1987) und 2,6% (1988) auf 3,0% (1989) an diesem Marktsegment. Und mit den Umsätzen von 17,0 Mio. USD (1986); 22,1 Mio. USD (1987); 27,4 Mio. USD (1988) und 35,2 Mio.USD (1989) entwickelte sich der deutsche Anteil am Marktsegment Wissenschaftliche und Technische Information von 6,0% (1986) über 6,4% (1987) und 6,5% (1988) auf 6,7% (1989). Die Stärkung der deutschen Position am Weltmarkt von Online-Informationsdiensten wird z.T. durch die Entwicklung der Zahl deutscher Datenbanken begründet. Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Information und Dokumentation (GID) gab es im Jahr 1985 in der Bundesrepublik 187 Datenbanken, wovon knapp 70% online recherchierbar waren. Zwei Jahre später gab es nach Scientific Consulting bereits 250 Datenbanken, und Anfang 1988 enthielt das "Verzeichnis deutscher Datenbanken" (der GMD) 283 Datenbanken, von denen ca. 75% online erreichbar waren.
3.4.2. Fachinformationsprogramme und Fachinformationspolitik Frankreichs
Ähnlich wie in vielen westlichen Ländern führte der SPUTNIK-Schock des Jahres 1957 auch in Frankreich zur Anerkennung der Bedeutung der wissenschaftlich-technischen Information für Forschung und Technologieentwicklung (Le Coadic/ Chambaud 1993, S.473).

Die Formulierung französischer nationaler Informationspolitik läßt sich wie folgt chronologisieren:

Das MIDIST-Programm führte zu bemerkenswerten Ergebnissen. In erster Linie wurde die Verbesserung der französischen Position auf dem internationalen Informationsmarkt erreicht. Innerhalb der Europäischen Union nahm Frankreich 1989 beim Umsatz den dritten Platz im Marktsegment Wirtschaftsinformation und den ersten Platz im Marktsegment Wissenschaftlich-technische Information ein. Im Rahmen des MIDIST-Programms wurden weitere Institutionen geschaffen, die den Ministerien unterstehen und für die Informationspolitik des jeweiligen Ministeriumbereiches verantwortlich sind: Das Ministerium für Kommunikation hat im genannten Zeitraum ein Programm zum Aufbau einer französischen Telekommunikationsinfrastruktur entwickelt und sehr erfolgreich realisiert, infolge dessen das TRANSPAC-Netzwerk, das Videotex-System TELETEL und das NUMERIC-Netzwerk entstanden.

Am Ende der Aufbausphase in den Jahren von 1983-1986, in denen sich in der französischen Fachinformation eine rasche Entwicklung vollzog, wurde die Regierung aber auch mit Krisenproblemen in der WTI-Politik konfrontiert. Es entwickelte sich ein Konfliktpotential bezüglich der WTI-Politik und der Politik, deren Ziel die Stärkung der Position der französischen Sprache als Wissenschaftssprache ist. Einerseits wurde die Literatur- und Datenbankproduktion in französischer Sprache stark gefördert, andererseits wurde aber außer Acht gelassen, Literatur und Datenbanken in englischer, spanischer oder deutscher Sprache zu produzieren. Das führte nicht nur zur Behinderung des Verkaufs von französischen Produkten, sondern auch zu Beschränkungen der Entwicklung der französischen Informationsindustrie. Ein zweiter Konflikt betraf das Verhältnis von WTI-Politik und Politik der Popularisierung von Wissenschaft und Technik. Beide bestanden problemlos nebeneinander in einer gemeinsamen Infrastruktur über mehrere Jahre. Plötzlich interessierte sich die Regierung stärker für die Popularisierung der Wissenschaft und Technik und stellte dramatisch weniger Fördermittel für WTI zur Verfügung (Le Coadic/Chambaud 1993,S.473-479). Die Folge war, daß nicht nur zahlreiche WTI-Projekte (z.B. Projekte auf dem Gebiet der Chemie) abgebrochen wurden, sondern auch die MIDIST ihre führende Rolle verloren hat. In dieser Situation hat das Ministerium für Forschung und Technologie die Entscheidung getroffen, der DIST die Verantwortung für beide Sektoren, für die "Information specialisée" und für die Popularisierung der Wissenschaft zu übertragen. Gleichzeitig engagierten sich private Unternehmen immer stärker auf dem Gebiet der WTI, wodurch dieser Bereich zunehmend gefördert wurde.

Schon im Jahr 1989 hatte das Planungsministerium versucht, die Situation der WTI zu bewerten. Es gründete eine Arbeitsgruppe, die für die Regierung Beratungsfunktion im Bereich der WTI leisten sollte. Diese Gruppe konzentrierte sich besonders auf die Online-Industrie und die Abstimmung mit dem Programm IMPACT II der EU. Der Bericht der Gruppe (der sog. Rapport Mayer) wurde dem Premierminister übergeben. Er enthält folgende Kernaussagen, wobei die WTI-Politik auf Marktanalyse, ausgewählten Strategien und der sozialkulturellen Orientierung beruht. Dabei soll die WTI-Politik folgende Ziele verfolgen: Der Bericht empfahl weiterhin ein Programm von 10 Aktionslinien: Schulung für Schüler der Grundschulen als Informationsnutzer, Erarbeitung eines Programms für Fernausbildung, Entwicklung eines speziellen Forschungsprogramms, Vernetzung von Informationsherstellern, Schaffung eines Zentrums für professionelle Information, Schaffung einer Struktur der Bestimmung von WTI-Politik und andere.

Im Jahre 1989, dem 200. Jubiläum der französischen Revolution, wurde in Frankreich eine nationale Konferenz organisiert, unter dem Titel "Etats Généraux de la Culture Scientifique et Technique". Eine Revolution entstand aber weder auf dem Gebiet der Fachinformation noch der Allgemeininformation. Gefördert wurden zu diesem Zeitpunkt lediglich 2 kleine Programme. Das eine war das PARAINFO (Volume: 4 Mio. FF für 2 Jahre). Das andere war das REMUS mit jährlichen Fördermitteln von ca. 1,5 Mio.FF. (Le Coadic/Chambaud 1993, S.473-479).

3.4.3. Fachinformationspolitik in Großbritannien
Eine nationale Informationspolitik als Politik, die die Regierung zur Koordinierung aller Tätigkeiten bei der Organisation und Verbreitung von Fachinformationen betreibt, gibt es in Großbritannien nicht (Malley I, S.89). Obwohl die Formulierung solcher Politik das Thema auf verschiedenen Konferenzen war und in zahlreichen Veröffentlichungen behandelt wurde, wurden in dieser Hinsicht bisher nur wenige Fortschritte verzeichnet (Brown 1991, S.253).

Immerhin wurde in mehreren Regierungsdokumenten die Bedeutung der Information anerkannt. So hielt z.B. der "Minister of the Art by Library and Information Services" (England) die Information für eine "Ressource". Er betonte außerdem die Notwendigkeit der Verbesserung des Zugangs zur Information für Bürger und Gesellschaft im allgemeinen. Nur so könnten Bürger eine vollwertige und effektive Rolle in Gesellschaft, Institutionen, Organisationen, Regierungsbehörden, Industrie und kommerziellen Unternehmen spielen (Brown 1991, S.254). Insgesamt aber hält die Regierung Information nicht für ein nationales Gut und das ist auch der Hauptgrund für das Fehlen einer nationalen Informationspolitik in Großbritannien. Bibliotheken und Informationsdienstleistungen gehören zu einem breiten Kreis von autonomen Körperschaften, darunter haben viele eine lange Tradition und eine eigene konstitutionelle, finanzielle und cliente Basis. Nach Sicht der Regierung ist die Formulierung der nationalen Informationspolitik in dieser Situation auch nicht ganz einfach, weil dies eine umfassende Reform der Verantwortlichkeit auf ministerieller Ebene erfordert. Ein weiterer Grund liegt darin, daß in Großbritannien kein Mechanismus zur Abstimmung einer nationalen Informationspolitik existiert (Brown 1991, S. 254) und auf ministerieller Ebene die Verantwortlichkeiten für die Informationspolitik nur fragmentarisch geregelt sind. Dies begründet, warum mehrere Versuche verschiedener Institutionen zur Schaffung einer nationalen Lösung gescheitert sind. Fachinformation ist daher hinsichtlich ihrer staatlichen Organisation und Förderung nicht als staatliche Aufgabe anerkannt.

Schon im Jahr 1980 schlug das "Education, Science and Arts Commitee of House of Commons" vor, daß die britische Regierung einen Minister mit spezieller Verantwortung für die Information ernennen und eine "Standing Commission" für die Erarbeitung eines nationalen Informationsnetzes gründen sollte. Die Regierung lehnte den Vorschlag aber ab. Aus ihrer Sicht war eine radikale Reorganisation der ministeriellen Verantwortungen unpassend und nicht realistisch. Ein weiterer beachtlicher Versuch war der Bericht "Working together within a national Framwork", der 1982 vom Library Advisory Council of England veröffentlicht wurde. Danach sollten das Bibliothekswesen und das Informationswesen auf staatlicher Ebene integriert werden. Schwerpunkte der Empfehlungen waren die Schaffung neuer Formen der Kooperation auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene und die Stärkung des Einsatzes von neuen Technologien. In dieser Richtung gab es noch mehrere Versuche. Bis jetzt werden jedoch Bibliotheks- und Informationsdienste selten in Zusammenhang gebracht, wenn es um die diesbezügliche Politik geht (Brown 1991, S. 254).

Da die britische Regierung keine nationale Informationspolitik betreiben will, gibt es in Großbritannien kein umfassendes staatliches Fachinformationsprogramm, wie man es in der BRD kennt. Wenn man jedoch auf einzelne Bereiche der Fachinformation, z.B. Bibliotheks- und Informationsservices, Telekommunikations- und Informations-technologie u.a. blickt, sieht man dort einzelne Programme bzw. Projekte, die von Ministerien oder Regierungsbehörden gefördert wurden. Auch findet man dort Informationspolitik für einzelne Bereiche (Brown 1991, S.256; Malley 1990, S.90).

Im Bibliotheksbereich wurde 1965 das OSTI (Office for Scientific and Technical Infomation) beim Department of Education and Science gegründet. Das Ziel war, die Forschung und Entwicklung von technischen Systemen für die Fachinformation zu unterstützen, die Entwicklung von Informationsservices im Bibliothekswesen zu fördern und die Informationstätigkeiten zwischen öffentlichen und privaten Sektoren zu koordinieren. Infolge verschiedener OSTI-Projekte entstanden: das Dokumentation Processing Centre in Manchester (1988), das Computer System im House of Commons (1988), das Netz von Informationsservices in den britischen Bibliotheken (Rowland/Vogel , S.17; Hoare 1981, S.43).

Die Funktion des OSTI übernahm später die British Library. Sie hat die OSTI-Projekte zum Aufbau verschiedener Bibliotheksverbundsysteme (BLCMP, SCOLCAP, SWALCAP, LASER usw.) weiter mit Erfolg unterstützt (Stirling 1981, S.211-219).

Im Telekommunikationsbereich gab es ebenfalls bemerkenswerte Ergebnisse. Mit dem 1981 verabschiedeten "Telecommunication Act" wurde der Markt für Telekommunikationstechnologien liberalisiert. 1982 wurde das Programm zur Installation von Kabelsystemen auf Initiative des "Information Technology Advisory Panel"(ITAP) aufgenommen und mit einem Finanzvolumen von 2,5 Mio. Pfund ein Kabelnetz installiert, das für Videotext, elektronische Post und Hochgeschwindigkeitsdatenübertragungen benutzt werden kann (Report on cable systems, 1982). Das Joint academic network (JANET) steht seit 1.4.1984 allen britischen wissenschaftlichen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen kostenfrei zur Verfügung und wird von der Regierung besonders gefördert. Es handelt sich um ein X.25 Wide Area Network (WAN).

Im Bereich der Datenbankproduktion hat das "Department of Trade and Industrie" (DTI) im Jahre 1984 ein Projekt zur Förderung der Fachinformation unterstützt. Dabei gab das DTI 5 Mio. Pfund zur Förderung von Datenbankproduktion und Informationsservices aus.

Das Library and Information services Council (LISC) gab 1986 den Report "The Future Development of Libraries and Information Servies: Progress Through Planning and Patnership" heraus. Dieser ist ein Fünfjahresplan zur Entwicklung und Erweiterung von Informationsservices auf lokaler und regionaler Ebene. Dieser Plan wurde von lokalen Körperschaften begrüßt und mit erheblichen Fördermitteln unterstützt.

Das Fehlen einer nationalen Informationspolitik führte also dazu, daß ein eher pragmatischer Ansatz favorisiert wurde. Lokale und regionale Entwicklung bei der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen wurden verstärkt gefördert und die traditionelle Beziehung zwischen öffentlichem und privatem Sektor wurde durch neue Formen der Partnerschaft herausgefordert.

Nicht zuletzt ist es das britische Forschungsnetz JANET (Joint academic network), das alle Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen von Großbritannien verbindet. Über dieses Kommunikationsnetz läuft der Online-Zugriff auf die Bibliothekskataloge und die Online-Bestellung aus verschiedenen geographisch verteilten Stellen.

Anfragen werden an die nächste Bibliothek weitergegeben bis hin zur British Library. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei die Schnelligkeit, die die britischen Bibliotheken im Leihverkehr erreicht haben. Durch den Einsatz von modernen Techniken haben sie ihre Arbeitsweise der Industrie angepaßt. Dies erhöht den Stellenwert der Bibliotheken auf dem Informationsmarkt und zieht die Erschließung neuer Benutzerkreise mit sich.

3.5. Transformationsprozesse des Fachinformationswesens in der ehemaligen DDR

3.5.1. Die Lage vor der Wende
Die DDR verfügte über eine entwickelte und leistungsfähige Infrastruktur der Fachinformation. Dieses kleine Land mit einer Bevölkerungszahl von ca. 17 Mio. besaß eine umfassende Literaturproduktion. Seit 1960 betrug die jährliche Buchproduktion immer mehr als 6000 Titel. Analog dazu war die Zeitschriftenproduktion. Im Jahr 1989 wurden 543 Zeitschriftentitel herausgegeben (Statistisches Jahrbuch der DDR,1990). Hinzu kam das dichte Vertriebsnetz, das die Versorgung mit inländischer aktueller Fachliteratur ohne Probleme sicherte.

Die DDR verfügte über ein dichtes, flächendeckendes, nationales Bibliotheksnetz, das im Jahr 1988 einen Gesamtbestand von ca. 102 Mio. Bänden hatte (Statistisches Jahrbuch der DDR, 1990). Zu diesem Netz gehörten staatliche Allgemeinbibliotheken, Gewerkschaftsbibliotheken und wissenschaftliche Bibliotheken. Die beiden ersten Typen waren öffentliche Bibliotheken. Rund 13 000 Bibliotheken dieser Art mit einem Bestand von ca. 62 Mio. Bänden (1989) haben die Bibliotheksversorgung der Bürger in jeder Stadt und in jeder Gemeinde grundsätzlich kostenlos gewährleistet. Die wissenschaftlichen Bibliotheken sicherten die Fachliteraturversorgung für die Wirtschaft und Wissenschaft. Zu dieser Bibliotheksart gehörten 2 Nationalbibliotheken und 33 zentrale Bibliotheken der Universitäten, Hochschulen und wissenschaftlichen Akademien mit insgesamt 505 Zweigbibliotheken (1989). Das Herzstück der Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bibliothekswesen waren die beiden Nationalbibliotheken: die Deutsche Bücherei in Leipzig und die Deutsche Staatsbibliothek in Berlin, die 1989 etwa 14 Mio. Bände (Rückl 1993, S.319) mit einen jährlichen Zuwachs von 185000 Bänden besaßen (UNESCO-Statistik, 1989). Sie nahmen die Leitungs- und Koordinierungsfunktion auf dem Gebiet des Leihverkehrs, der Zentralkataloge, der Zeitschriftenverzeichnisse, der Dokumentenbereitstellung, der Bibliographie und der Archivierung des deutschen Schrifttums wahr. Sie waren dazu verpflichtet, in Kooperation mit anderen Bibliotheken und den fachlichen Bibliotheksnetzen und in enger Abstimmung mit dem Informationssystem Wissenschaft und Technik sowie der Gesellschaftswissenschaften, die Literaturversorgung bei vollständiger Wahrnehmung ihrer zentralen Funktion effektiv und nach neuesten technischen Erkenntnissen zu gestalten. Zur Erfüllung dieser Aufgaben wurden zahlreiche Maßnahmen durchgeführt. In der Deutschen Bücherei wurde z.B. seit Anfang 1980 Computertechnik bei der Herausgabe von Nationalbibliographien eingesetzt. Bei der Deutschen Staatsbibliothek wurde das Institut für Leihverkehr und Zentralkataloge gegründet usw. (Rötzsch 1985, S.16).

Die Bibliotheken der jeweiligen Fachgebiete in Wirtschaft und Wissenschaft bildeten eigene fachliche Bibliotheksnetze. Im Mittelpunkt jedes Netzes stand eine zentrale Fachbibliothek, die als Initiator der Netzarbeit in großem Umfang zentrale Leistungen für das Netz erbringen sollte. Sie hatte außerdem die Mitgliedsbibliotheken in ihrer Arbeit für das Netz anzuleiten und die Realisierung der Arbeitsteilung und wahrzunehmenden Arbeitsaufgaben zu überwachen (Rötzsch 1985, S.15). Schwerpunkte der Zusammenarbeit des fachlichen Bibliotheksnetzes waren Leihverkehr, Zentralkataloge, Literaturerwerbung, Planung, effektive Einsetzung der zur Verfügung stehenden Mittel, technische Ausstattung usw. (Meyer 1992, S.2). Die Aufgaben einer zentralen Fachbibliothek übernahmen oft Bibliotheken der Universitäten oder der wissenschaftlichen Akademien, so beispielsweise die Bibliothek der Bauakademie als zentrale Fachbibliothek (ZFB) für Bauwesen, die der TU Dresden für Elektronik und Elektrotechnik, die der ehemaligen TU Karl-Marx-Stadt für Maschinen-Ingenieurswesen u.a. (Rötzsch 1985, S.15).

Bei der Fachliteraturversorgung stellten wissenschaftliche Bibliotheken der DDR 1989 insgesamt 39 Mio. Bände zur Verfügung, 75% dieser Bestände befanden sich an den Bibliotheken der Universitäten und Akademien. Damit waren die Fachliteraturbestände der DDR zahlenmäßig vergleichbar mit denen Frankreichs. Hier zu beachten ist aber die Herkunft der Fachliteratur. Der Großteil der in der DDR gesammelten Fachliteratur kam aus dem Inland und den damaligen sozialistischen Ländern, da die Erwerbung dieser Literatur finanziell unproblematisch war (Meyer 1992, S.3). Völlig anders war dagegen der Bezug von Fachliteratur aus den nichtsozialistischen Ländern. Für die einzelnen Fachbereiche gab es Kontingentstellen, die für den effektiven Einsatz der zur Verfügung stehenden Devisen verantwortlich waren. Die Bereitstellung der Kontingente und die Kontrolle über deren Einhaltung erfolgte durch das Ministerium für Kultur. Die Devisen standen bei der Literaturerwerbung nicht frei zur Verfügung, sondern nur in sehr eingeschränktem Umfang. Für die Umrechnung gab es Umrechnungsfaktoren, die vom Tageskurs unabhängig waren. So mußten für einen USD 5,77 Mark und für ein englische Pfund 13,75 Mark der DDR gezahlt werden. Dies führte zu außergewöhnlich hohen Erwerbungskosten für die Bibliotheken der ehemaligen DDR (Mayer 1992, S.6). Die Folge war ein Mangel an westlicher Fachliteratur, insbesondere an Monographien westlicher Provenienz.

Konfrontiert mit dieser schwierigen Situation versuchten einerseits die wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken der ehemaligen DDR, mit Partnern im Ausland Literatur zu tauschen. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend, z.B. im Fachgebiet Landwirtschaft kamen von den im Jahre 1989 2248 laufenden Zeitschriften der landwirtschaftlichen Bibliotheken 1347 Titel (60%) aus dem Tauschverkehr. Auch wurde die Zusammenarbeit im fachlichen Netz , besonders bei der Erwerbung und Erschließung der Bestände durch den fachlichen Zentralkatalog und den netzinternen Leihverkehr, gestärkt (Mayer 1992, S.5).

Die technische Ausrüstung ist für die Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Bibliotheken von Bedeutung. Im Vergleich zur BRD wurden die Bibliotheken der DDR selten mit technischen Geräten ausgestattet. Es fehlte an moderner Kommunikationstechnologie, an PCs, an CD-ROM-Geräten, Kopiergeräten, modernen Schreibmaschinen usw.

Dieses behinderte sehr die Leistungsentwicklung der Bibliotheken. Die fachlichen Zentralkataloge der DDR wurden nicht in Online-Form angeboten, die einen Literaturnachweis schnell ermöglicht hätte. Auch waren Online-Literaturbestellungen, die eine schnelle Literaturbeschaffung erlaubt hätten, nicht möglich.

Zur Vermittlung von Fachinformationen, die sich überwiegend in den wissenschaftlichen Bibliotheken befanden, verfügte die DDR über eine Infrastruktur mit einem dichten Netz von IuD-Einrichtungen. Zu diesem Netz gehörten 1989 nahezu 2000 IuD-Stellen, die in allen Branchen der Wirtschaft und Wissenschaft eingerichtet und straff zentral gelenkt und geleitet wurden (Manecke 1992, S.481).

Die Informationsvermittlung wurde in der DDR als gesamtstaatliche Aufgabe verstanden und in Analogie zur Volkswirtschaft strukturiert (Weiz 1985,S.8-12). Die IuD-Einrichtungen der DDR, bei deren Gründung Naturwissenschaft, Technik, Medizin, Landwirtschaft und Industrie stark bedacht wurden, waren durch folgende Hierarchie geprägt:

  1. Zentrale Leitstellen für Information und Dokumentation (ZLID) in den Ministerien und anderen Staatsorganen,
  2. Leitstellen für Information und Dokumentation (LID), die für die Informationsversorgung eines oder mehrerer der rund 200 Industriekombinate verantwortlich waren,
  3. Informationsstellen (IS) in Betriebsteilen bzw. kleinen Betrieben, aber auch in Forschungsinstituten.
Zur Vermeidung von Doppelarbeit und zur Optimierung der Informationsvermittlung wurden in speziellen Verordnungen Beziehungen der Leitung, Koordinierung und Kontrolle festgelegt. Dabei leistete das Zentralinstitut für Information und Dokumentation (ZIID) beim Ministerium für Wissenschaft und Technik in Berlin die Koordinierungsfunktion. In der Praxis der Informationsvermittlung hatte das ZIID starken Einfluß. Zu den Aufgaben der Informationseinrichtungen gehörten in erster Linie: Die Arbeitsinhalte konzentrierten sich im wesentlichen auf die Dokumentation von wissenschaftlich-technischer Literatur. Die Erfassung aller verfügbaren Quellen war vollständig und qualitativ hochwertig, aber auch mit hohem personellem Aufwand verbunden (Einsporn/Lamprecht 1993, S.423).

Im Gegensatz zum hohen Niveau der Aufbereitung stand die relativ unterentwickelte Umsetzung in Informationsleistungen und deren Nutzung. Die wichtigsten Dienstleistungen waren:

Das Abkommen, das 1984 zwischen der DDR und der UdSSR auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Information für den Zeitraum bis 1990 abgeschlossen wurde, sah vor allem den arbeitsteiligen Aufbau und die gemeinsame Nutzung von automatisierten Informationsdiensten und Datenbanken vor, mit denen nicht nur die wissenschaftlich-technische Literatur rationell erschlossen, sondern auch die benötigte Fachinformation für den Nutzer schnell vermittelt werden sollte (Weiz 1985, S.11). Dabei wurden nur veraltete Kommunikations- und Informationstechnologien verwendet, so daß vorgesehene Informationsdienstleistungen nicht wie geplant hergestellt werden konnten. Im Jahr 1990 wird die technische Ausstattung der Informationseinrichtungen der DDR als rückständig bewertet (Manecke 1992, S.485), was sowohl für den Arbeitsplatzbereich als auch für den Aufbau und die Nutzung großer Online-Datenbanken gilt.

Der technologische Rückstand und die Absicht, aus eigener Kraft, ohne Ausnutzung des vorhandenen Know-How der Welt und lediglich in Zusammenarbeit mit der UdSSR und anderen RGW-Ländern mit der internationalen Entwicklung Schritt halten zu wollen, führte dazu, daß trotz großer Anstrengungen vieler Fachkräfte die Informationsvermittlung der DDR immer weniger den Erfordernissen gerecht werden konnte (Einsporn/Lamprecht 1993, S.424).

3.5.2. Neue marktwirtschaftliche Strukturen in Ostdeutschland
Nach der Wiedervereinigung haben sich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Ostteil Deutschland rapide geändert. Die umfassenden Veränderungen sind gekennzeichnet durch: Die Veränderungen führten einmal zu einem starken Rückgang an Informationsanforderungen, schafften andererseits eine schwierige Situation für die Herausbildung neuer Strukturen der Fachinformation der neuen Bundesländer. Das nationale System der Literaturversorgung und Informationsvermittlung der DDR, das über 2 Jahrzehnte analog der Volkswirtschaft strukturiert und straff zentral gelenkt und geleitet wurde, wurde durch die neue föderalistische Struktur völlig unterbrochen und aufgelöst. Die Bibliotheken und Informationseinrichtungen arbeiten nicht mehr in den ehemaligen Fachnetzen, sondern überwiegend im Raum der einzelnen neuen Bundesländer zusammen. Dabei halfen der Bund und die alten Bundesländer.

Die Bibliotheken waren in unterschiedlicher Weise von den Folgen der Vereinigung betroffen. Die Lage der meisten Bibliotheken der neuen Bundesländer war von einer allgemeinen Unsicherheit gekennzeichnet. Die Bibliotheken in kommunaler und privater Trägerschaft (z.B. Krankenhaus- und Firmenbibliotheken) sind in ihrer Existenz besonders gefährdet. Nur einige Bibliotheken besaßen im Jahr 1992 volle Klarheit über ihre weitere Tätigkeit und künftige Entwicklung. Bei der Mehrzahl der Bibliotheken führten ausstehende, fachlich und sachlich unbegründete und teilweise widersprüchliche Entscheidungen der zuständigen Träger oder sogar die fehlende Trägerschaft zu großer Unsicherheit. Dringend erforderliche Entscheidungen wurden verzögert bzw. bisher nicht getroffen (Mayer 1992, S.1).

Obwohl die Kultur- und Wissenschaftsministerien der neuen Bundesländer und die Leitung der Treuhand gebeten wurden, dafür Sorge zu tragen, daß die Bibliotheken in den neuen Bundesländern nicht "ausgeschlachtet" werden, sondern möglichst erhalten und ihre Bestände allgemein zugänglich bleiben, wurden nicht wenige, darunter sehr leistungsfähige Bibliotheken bereits aufgelöst. Bei einigen aufgelösten Bibliotheken wurden die Bestände z.T. an interessierte westdeutsche Einrichtungen weitergegeben, teilweise verkauft oder makuliert. Außerdem sind zahlreiche bedeutende Spezialbibliotheken aus wissenschaftlichen Institutionen und Betrieben bereits verschwunden. Die genannten Buchbestände sind in den fünf regionalen Zentralkatalogen der neuen Bundesländer, dem Institut für Leihverkehr und im Zentralkatalog nachgewiesen. In sehr vielen Fällen handelt es sich um Unikate, die auch in den sieben westdeutschen Verbundkatalogen nicht nachgewiesen sind. Es wurde vorgeschlagen, das DBI in Berlin oder die zuständigen regionalen Zentralkataloge rechtzeitig über drohende Bibliotheksauflösungen zu informieren, um wenigsten die Bestände retten zu können.

Die Aufteilung des DDR-Gebiets in 5 neue Bundesländer führte zum Umbruch des damaligen Systems der Literaturversorgung. Die Bibliotheken der jeweiligen neuen Bundesländer sollten umorganisiert und umstrukturiert werden. Die fachlichen Bibliotheksnetze, die in der damaligen DDR die Literaturversorgung fachlich gewährleisteten, existieren jetzt nicht mehr. Die Bibliotheken verfolgen nicht mehr die Zusammenarbeit im Netz, sondern konzentrieren sich derzeit auf Aufgaben der Träger. Die Zusammenarbeit in bezirklichen Arbeitsgruppen bleibt auf Landesebene erhalten, aber in anderer Form und wird mit anderem Inhalt gestaltet. Auf Landesebene wurden regionale Lireraturversorgungsnetze mit einer Landesbibliothek als Knotenpunkt geschaffen. Dabei tauchte die wesentliche Frage auf, ob neue Bibliotheksverbünde gegründet werden sollten.

Nach Beratungs- und Konsultationsgesprächen, die auf verschiedensten bibliothekarischen Ebenen und unter Beteiligung einer Vielzahl von Personen in den unterschiedlichen Gremien stattgefunden hatten, ergab sich als eine grundlegende Entscheidung, daß es nicht sinnvoll sein könne, in den neuen Bundesländern weitere Bibliotheksverbünde zu gründen. Dies wäre deshalb nicht sinnvoll, weil ein sehr hoher Erstinvestitionsaufwand erforderlich ist und die Mitarbeiter erst einmal die notwendige Erfahrung sammeln müßten - vor allem aber besteht die Sorge, daß durch die Errichtung weiterer Verbünde eine Koordinierung der Verbünde untereinander wegen unterschiedlicher Verfahren und Normen immer schwieriger würde. "Alle Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre im Bibliotheswesen der alten Bundesländer zeigen, daß nach verschiedenen Konventionen erfaßte Datenbestände nachträglich nicht zusammengefügt werden können, sondern nahezu vollständig neu zu erarbeiten sind" (Franken 1991, S.64).

Schließlich wurden folgende Entscheidungen getroffen: Sachsen beteiligt sich am Südwestverbund, Sachsen-Anhalt am Niedersächsischen Verbund, Thüringen am Hessischen, Brandenburg am Berliner Verbund, Berlin-Ost am Berliner Verbund, Mecklenburg-Vorpommern am Nordverbund. Die Beteiligung der wissenschaftlichen Bibliotheken der neuen Bundesländer an den westdeutschen Verbünden bedurfte bestimmter Voraussetzungen (technische Ausstattung, Personalschulung) und vollzog sich unterschiedlich. Während im Jahr 1992 die Universitätsbibliothek Dresden und die Sächsische Landesbibliothek, die Universitätsbibliothek Leipzig, die Akademiebibliothek Freiberg, die Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Zwickau und andere Bibliotheken Sachsens zu aktiven Direkt-Teilnehmern am südwestdeutschen Bibliotheksverbund; die thüringische Universitäts- und Landesbibliothek Jena am Hessischen Bibliotheks-Informationssystem; die Landesbibliothek in Halle, die Universitätsbibliothek Magdeburg am niedersächsischen Bibliotheksverbund; die Universitätsbibliothek Rostock, die Universitätsbibliothek Greifswald am Nordverbund geworden sind, war im Jahre 1992 die Beteiligung der wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Brandenburg und Ostberlins am Berliner Verbund noch in der Planung. Die Beteiligung an einem westdeutschen Verbund ist die einzige Möglichkeit, eine schnelle Verbesserung der Literaturversorgung in den neuen Bundesländern zu erreichen. Zugleich werden dadurch die Bibliotheken des Ostteils modernisiert und rationalisiert (Franken 1991, S.64).

Nicht nur bei der technischen Ausrüstung, sondern auch bei der Erweiterung der Bestände werden die neuen Bundesländer vom Bund und den alten Bundesländern gefördert und unterstützt. Im Rahmen der Fördermaßnahmen, die der Bibliotheksausschuß in einem Memorandum "Überregionale bibliothekarische Sammlungsschwerpunkte in den neuen Bundesländern" vorgeschlagen hat, legte 1993 die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein neues Programm für den Ausbau von Spezialbeständen vor (Degkwitz 1993, S.185-187). Da der Ausbau entsprechender Spezialbestände in den neuen Bundesländern über Jahrzehnte hin nur eingeschränkt möglich war, soll sich die Fördermaßnahme allein auf Bibliotheken der neuen Bundesländer beziehen. Auf dieser Weise werden Spezialressourcen seitens der neuen Bundesländer zügig und effizient in die überregionale Literaturversorgung eingebracht. Die von diesem Programm geförderten Institutionen sind Universitätsbibliotheken, Landesbibliotheken, aber auch Spezialbibliotheken. Die mit DFG-Mitteln geförderten Spezialbestände sollen in den zuständigen regionalen Verbundkatalogen nachgewiesen werden, damit im Rahmen des auswärtigen Leihverkehrs auf diese Bestände zugegriffen werden kann. So z.B. übernahm die Sächsische Landesbibliothek Dresden ab 1. Januar 1993 das Sammelgebiet "Zeitgenössische Kunst ab 1945" (Braun 1993, S.182) .

Gleichzeitig stehen im Rahmen der Förderung nach dem Hochschulbauförderungsgesetz (HBFG) hohe finanzielle Mittel für die Rückergänzung der Grundbestände bei Monographien und Zeitschriften zur Verfügung (Meyer 1992, S.11). Im ersten Jahr des vereinigten Deutschlands wurden bedeutende finanzielle Erwerbungsmittel durch verschiedene Stiftungen, wie z.B. Volkswagenstiftung, Hans-Seidel-Stiftung und Konrad-Adenauer-Stiftung, für die Hochschulbibliotheken der neuen Bundesländer bereitgestellt. Daneben brachten zu diesem schwierigen Zeitpunkt die traditionellen Partnerschaften zwischen Ost-West-Universitäten auch bestimmte Hilfe, um die damaligen finanziellen und materiellen Engpässe zu überwinden (Marwinski 1992, S.17).

Die Situation bei der Bereitstellung von Erwerbungsmitteln ist sehr differenziert. Relativ gut ist die Lage der Hochschulbibliotheken und einiger Bibliotheken, die sich in Einrichtungen befinden, die Forschung im Bereich des Bundes und der Länder betreiben (Mayer 1992, S.11). Allerdings gibt es hier einen bedeutenden Personalabbau. Viele Bibliotheken standen und stehen vor der Situation, daß die Trägerinstitution aufgelöst oder in mehrere kleine Teilbetriebe mit oft unterschiedlichen Eigentumsformen umgewandelt wurde. Dabei sind die Erwerbungsmittel stark eingeschränkt worden oder fehlen ganz. Dies kann zu sehr großen negativen Auswirkungen für die zukünftigen Nutzer führen. Ein Beispiel dafür ist die Landwirtschaftliche Zentralbibliothek, die am 31.12.1991 aufgelöst wurde. Fast 30% der Abonnements dieser Bibliothek konnten für 1992 nicht erneuert werden, darunter 220 Zeitschriften aus Westeuropa, den USA und Übersee. Hier handelt es sich um Kernzeitschriften. Über 40 Zeitschriften dieser Bibliothek kann man in der Zeitschriftendatenbank nicht nachweisen. Man muß also davon ausgehen, daß damit das einzige in Deutschland vorhandene Exemplar jetzt nicht mehr zur Verfügung steht. Viele erfahrene und langjährig tätig gewesene Fachleute der Landwirtschaftlichen Zentralbibliothek, die damals entlassen wurden, werden kurzfristig oder überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen (Mayer 1992, S.10). Das gleiche Bild kann man in zahlreichen Bibliotheken finden.

Unter den Bedingungen der Marktwirtschaft wird verlangt, daß die Bibliotheken immer leistungsfähiger werden müssen. Neben der Verbesserung der technischen Ausrüstung und der Bestandsentwicklung brauchen die Bibliotheken in den neuen Bundesländern entsprechende Räumlichkeiten. In den meisten großen Bibliotheken wird der Platzmangel als erheblich oder sogar katastrophal eingeschätzt. Auch die Qualität der Nutzflächen ist eine dringliche Frage. Nach einer Untersuchung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Bibliothekswesen sind etwa 50% der Hauptnutzflächen der Zentralbibliotheken vor 1900 gebaut worden, weitere 25% von 1900 bis 1949. Diese Bibliotheken haben einen hohen Sanierungsbedarf. Bei den 25% der Hauptnutzfläche, die ab 1950 entstanden sind, ist zu bedenken, daß ein großer Teil dieser Flächen nicht speziell für die Bibliotheksnutzung errichtet wurde und daß diesen 25% ein Anteil von mindestens 90% Neubau in den alten Bundesländern gegenübersteht. Damit die Bibliotheken in den neuen Bundesländern im Interesse von Forschung und Lehre recht bald ihre volle Wirksamkeit entfalten können, stellen Bund und Länder erhebliche Mittel für den Bau und die Sanierung zur Verfügung. Da nicht alle Probleme des Raummangels auf einmal kurzfristig gelöst werden können, konzentriert man sich auf Zwischenlösungen. Dabei wird der Bund nach dem Hochschulbauförderungsgesetz (HBFG) einen Anteil von 50% mitfinanzieren. Der Bund legt aber gleichzeitig die Grenze von 500 000 DM für die Mitfinanzierung fest.

Die Informations- und Dokumentationseinrichtungen in den neuen Bundesländern haben nach der Vereinigung Deutschlands umfangreiche und tiefgreifende Veränderungen erfahren. Diese vollzogen sich sehr schnell.

Mit der Öffnung der Grenze im Herbst 1989 veränderten sich die Arbeitsbedingungen für das Informationssystem Wissenschaft und Technik mit seinem dichten Netz von IuD-Einrichtungen durch den nun verbesserten Zugang zu Informationen der westlichen Welt. Die Fachspezialisten der Informationseinrichtungen waren der Überzeugung, daß die Fachinformation der DDR weiter existieren aber anders organisiert werden sollte. So waren ein neues Informations- und Bibliotheksnetz, ein Datenbankzentrum und der Aufbau von Datenbanken vorgesehen. Die internationale Zusammenarbeit sollte auch völlig neu gestaltet werden, in dem die Kooperation und der Informationstausch mit der BRD an Bedeutung gewinnen sollten (Samulowitz 1990, S.125). Von einer "modernen Fachinformationspolitik" der DDR war Anfang 1990 noch die Rede, in der zahlreiche neue Probleme behandelt wurden: Dezentralisierung der Fachinformation, Entstehung privater und halbstaatlicher Beratungs- und Informationsvermittlungsstellen, Gründung eines Fachverbands für Fachinformation usw. (Hesse 1990,S.2).

Es war damals dringend erforderlich, für die Wirtschaft einen schnellen und leistungsfähigen Transfer von Informationen, Erfahrungen und Know-How zu gewährleisten, um den technologischen Rückstand der DDR-Wirtschaft und die Konkurrenzfähigkeit von Forschung und Entwicklung, Produktion und Umweltschutz zu verbessern. Während der Zugang zur Fachinformation Westeuropas, vor allem der BRD geöffnet wurde, fehlten den Betrieben und wissenschaftlichen Einrichtungen jedoch die technischen und finanziellen Mittel, um eine Beschaffung von Informationen aus dem Westen realisieren zu können. Seitens der IuD-Einrichtungen bestand großes Interesse an der Beschaffung westlicher Informationen und auch am Aufbau von Kooperationen mit Einrichtungen aus dem Altbundesgebiet. In dieser Situation führte Anfang 1990 das FIZ Technik im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft BMWi ein Projekt namens "Förderung der Nutzung von Datenbanken durch Informationsvermittlungsstellen" durch. Bei Bezahlung in Mark der DDR im Verhältnis 1:1 durften im Rahmen des Projekts die IuD- und auch wissenschaftlichen Einrichtungen Online-Recherchen und CD-ROM-Technik und Anschaltzeitguthaben kaufen (Einsporn/Lamprecht 1993, S.424). Innerhalb kurzer Zeit von März bis Juni 1990 konnten insgesamt 90 DDR-Einrichtungen für das Projekt gewonnen werden. Sie erhielten 766 Online-Stationen und 62 CD-ROM-Laufwerke, 48 davon für beide Nutzungsformen.

Die Ausstattung der Informationsstellen mit moderner Technik und Online-Anschaltzeit hat den Grundstein für den notwendigen Strukturwandel in der Fachinformationslandschaft der neuen Bundesländer gelegt und überlebensfähigen Einrichtungen beim Strukturwandel wesentlich geholfen.

Die Einführung der Währungsunion im Juli 1990 und die Vereinigung im Oktober 1990 waren Ereignisse, die zuvor nicht vorausgesehen werden konnten. Durch diese Ereignisse und den Wegfall von finanziellen Fonds wurden der Erhalt und die Weiterexistenz der IuD-Einrichtungen in Frage gestellt. Bereits im zweiten Halbjahr 1990 wurden einige Informationseinrichtungen einzeln oder zusammen mit ihren Trägerinstitutionen aufgelöst. Die Tendenz nahm danach noch verstärkt zu. Im "Kampf ums Überleben" standen Informationseinrichtungen in den neuen Bundesländern einer schwierigen Situation gegenüber. Es fehlte das Geld für Forschung und Entwicklung, was zu einem massiven Nachlassen der Informationsnutzung führte. Die Umbildung vieler FuE-Bereiche in juristisch selbständige Einheiten, die Ausgliederung der einzelnen Kombinatsbetriebe, ihre Anpassung an das zukünftige Marktumfeld, die Unklarheit der Eigentumverhältnisse führten zu einem starken Rückgang des Industrieforschungspotentials und somit zur Verminderung des Informationsbedarfes. Außerdem waren die sich neu formierenden Unternehmen nicht bereit, für die eigentlich notwendigen Informationsleistungen Finanzmittel bereitzustellen. Selbst in den Firmen, bei denen Information als Produktionsfaktor anerkannt wird, fehlen dafür die finanziellen Mittel. In dieser Situation war die geforderte Eigenfinanzierung der Informationsvermittlungsstellen besonders in den Jahren 1991-1992 "mehr als unrealistisch" und führte schon zu diesem Zeitpunkt bei vielen zur Auflösung (Hillebrand 1992, S.494).

Angesichts dieser Probleme führte das FIZ Technik im Auftrag des BMWi noch zwei weitere Projekte durch:

Ende 1991 existierten von den in der ehemaligen DDR hergestellten und angebotenen 70 Online-Datenbanken, die einen großen Teil an Informationen über Mittel- und Osteuropa beinhalten, nur noch 20 und Ende des Jahres 1992 lediglich 3 Datenbanken im Online-Zugriff.

Das Projekt FIDAT war zwar als Sofortmaßnahme zur Gewährleistung der Nutzung von Online-Datenbankinformationen in den unterschiedlichen Unternehmen und Institutionen angelegt, hat jedoch auch Einfluß auf die Existenz der noch verbliebenen IVS gehabt. Mit der Einführung der erforderlichen Hard- und Software und ihrer effizienten Anwendung war nicht nur eine Stärkung der IVS erreicht worden, sondern auch die Voraussetzung für einen zukünftigen Ausbau als Kern eines betrieblichen Informationsmanagements mit wirtschaftlich vertretbarem Anpassungsaufwand geschaffen worden.

Im Rahmen der sich herausbildenden Wirtschaftsstruktur und der Umgestaltung der Unternehmen kann sich kaum ein Unternehmen unter finanziellen Gesichtspunkten weiterhin eine reine IuD-Stelle leisten. Beim Strukturwandel wurde das frühere Informationssystem Wissenschaft und Technik mit Anleitungsverhältnissen der Leitstellen für Information und Dokumentation (LID) aufgelöst. Neben dem radikalen Personalabbau mußten die Informationseinrichtungen in den neuen Bundesländern sowohl ihren Inhalt als auch die Form ihrer Tätigkeit ändern. Sie konzentrierten sich nicht mehr auf die Datenbankherstellung, sondern schränkten ihre Aufgaben auf Funktionen von Agenturen ein. Sie haben sich also überwiegend zu Informationsvermittlungsstellen gewandelt, die zwischen den westdeutschen Datenbankanbietern und den ostdeutschen Informationsbenutzern stehen.

4. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN FÜR DIE VIETNAMESISCHE FACHINFORMATIONSPOLITIK

Fünf Jahre nach ihrem Beginn zeigten die Reformen erste positive Wirkungen. Die Reformanstrengungen werden sicherlich noch ein bis zwei Jahrzehnte andauern, um das Land aus Armut und Rückständigkeit herauszuführen und um eine leistungsfähige marktwirtschaftliche Infrastruktur zu schaffen. Die Empfehlungen dieser Arbeit zielen deswegen auch auf einen Zeitraum von 20 Jahren ab.

Die vietnamesische Fachinformationspolitik muß in dem genannten Zeitraum folgende Ziele verfolgen:

4.1. Erhöhung der Investitionen für die Fachinformation durch Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen

4.1.1. Der Fachinformationsmarkt und die Beteiligung der nichtstaatlichen Unternehmen
Der Verfasser ist der Meinung, daß die bisher beabsichtigte Strategie zur Realisierung dieser Ziele erheblicher Veränderungen bedarf. Auch für die Fachinformation müssen zukünftig in zunehmendem Maße Marktmechanismen gelten. Der Staat subventioniert nicht mehr das ganze nationale Informationssystem, sondern unterstützt es in Form von Investitionen. Bibliotheken und insbesondere Informationseinrichtungen müssen ihre Dienstleistungen und Angebote so attraktiv und effektiv gestalten, daß sie durch diese immer mehr Eigenmittel erwirtschaften und einen steigenden Kostendeckungsgrad erreichen. In diesem Sinne müssen Bibliotheken und Informationseinrichtungen zu Unternehmen der Fachinformationsversorgung und -vermittlung werden. In dem sich entwickelnden zukünftigen Markt für Fachinformation muß der Staat die Beteiligung privatwirtschaftlicher Unternehmen ermöglichen und möglichst fördern. Erfahrungen europäischer Staaten zeigen, daß sich Privatunternehmen bei der Herstellung und dem Austausch von Wirtschaftsinformationen stark engagieren, da diese beiden Bereiche direkt Gewinn bringen. Im Laufe der Zeit kann der Staat seine Rolle in diesen Bereichen Schritt für Schritt verringern. Die Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen für den Fachinformationsmarkt bleibt jedoch die Aufgabe des Staates. Und schon jetzt muß sich der Staat intensiv auf diese Rolle vorbereiten.
4.1.2. Stärkung der gesellschaftlichen Finanzierung der Fachinformation
In den kommenden 20 Jahren muß Vietnam deutlich mehr Mittel als bisher für die Fachinformation ausgeben, wenn die Regierung beabsichtigt, daß die vietnamesische Fachinformation zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums und der Effektivität der Verwaltungsarbeit beitragen soll. Ziel muß es aber auch sein, daß finanzielle Mittel für die Fachinformation nicht nur wie bislang aus staatlichen Aufwendungen kommen, sondern auch aus anderen Quellen.

Die bisherigen staatlichen Aufwendungen für die vietnamesische Fachinformation waren unzureichend (vgl. Kapitel 2) und reichten nicht für alle Aufgaben dieses Bereiches. Obwohl die Bedeutung und der Wert der Fachinformation bereits von der Regierung anerkannt wurde, lagen die staatlichen Fördermittel noch weit hinter der Nachfrage des Bereichs zurück. So wurde z.B. 1992 dem Gesamtgebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften eine Devisensumme von 100000,- USD zur Verfügung gestellt. Diese Summe mußte für Erwerbung von ausländischer Literatur und auch für die Ausrüstung mit Informationstechnik ausreichen. Diese Aufwendungen stellten aber schon eine erhebliche Anstrengung der Regierung und eine deutliche finanzielle Verbesserung im Vergleich zu den Jahren zuvor dar. Sie lagen aber noch weit unter der Nachfrage des Bereiches. Dies galt auch für andere Bereiche der vietnamesischen Fachinformation. Für die Zukunft muß der Staat seine Zuwendungen für die Fachinformation erheblich erhöhen. Aber selbst eine Verdrei- oder sogar Vervierfachung der staatlichen Aufwendungen, die in den nächsten Jahren schon schwerlich zu realisieren ist, würde nicht ausreichend sein für die vietnamesische Fachinformation. Der "arme" Staat steht vor vielen schwierigen und lebenswichtigen Aufgaben, er kann erfahrungsgemäß der Fachinformation nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Deswegen soll und muß die Fachinformation auch aus anderen Quellen finanziert werden: private Geldgeber, ausländische Investitionen und Entwicklungshilfe. Die Frage bleibt jedoch, wie der Staat dieses bewerkstelligen soll. Daher taucht die Frage der Entwicklung eines Informationsmarktes unter Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen auf. Ohne Fachinformationsmarkt kann der Staat das Kapital aus der Bevölkerung für die Fachinformation kaum aktivieren und ermutigen.

Man kann erwarten, daß sich ein Markt für die Fachinformation in Vietnam in den kommenden 20 Jahren herausbilden wird. Die Vorbereitung auf die Herausbildung eines solchen Marktes wurde aber noch nicht einmal behandelt. Mit der positiven Entwicklung der Marktwirtschaft kommt seit einiger Zeit in Vietnam der Aktienmarkt in Frage. Die Marktwirtschaft fordert zukünftig in Vietnam auch einen Markt für Wirtschaftinformationen, der derzeit noch wenig entwickelt ist. Ein Markt der gedruckten Information existiert bereits in Vietnam, ist aber sehr eingeschränkt und hat einen geringen Umsatz. Für die Wirtschaftsinformation und den Markt der gedruckten Information engagieren sich Privatunternehmen in der Regel sehr stark. Das zeigen deutlich die Erfahrungen in der BRD, in Frankreich und in Großbritannien. Die vietnamesische Regierung sollte möglichst schnell die notwendigen Rahmenbedingungen für den Fachinformationsmarkt schaffen. Dazu gehören vor allem Regelungen und Gesetze, wonach nichtstaatliche Unternehmen ihre Geschäfte im Fachinformationsmarkt aufnehmen dürfen. Nur auf diese Weise kann der Staat Kapitalpotentiale aus der Bevölkerung für die Fachinformation erschließen.

4.2. Intensivierung der Produktion, Sammlung und Nutzung von inländischen Fachinformationen

Bislang richtet die vietnamesische Fachinformation ihre Aufmerksamkeit im wesentlichen auf das Sammeln von ausländischen Informationen. Auf der dritten vietnamesischen WTI-Konferenz 1991 war lediglich von der Sammlung von inländischen Informationen die Rede. Man hat also die Produktion von inländischen Informationen völlig außer acht gelassen. So liegt die Publikationstätigkeit auch heute noch nahezu außerhalb des Blickfelds der vietnamesischen Fachinformation.

Ganz im Gegensatz dazu vertritt der Verfasser die Meinung, daß die Publikationstätigkeit Teil der vietnamesischen Fachinformation ist. Viel mehr als bisher muß die Produktion, Sammlung und Nutzung von inländischen Informationen gegenwärtig sowie zukünftig gestärkt werden. Bei der Literaturproduktion ist die Beteiligung nichtstaatlicher Unternehmen von strategischer Bedeutung. Die Stärkung der Produktion von inländischen Fachinformationen und der Publikationstätigkeit erfordert ebenfalls die Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen. Vietnam verfügt derzeit über eine unzulängliche Infrastruktur des Publikationswesens. Die existierenden rund 50 Verlage, die über nur geringe Finanzmittel verfügen, geben jährlich einige wenige Buchtitel in kleinen Auflagen heraus. Je Kopf der Bevölkerung beträgt die Jahresproduktion nur knapp ein Buch. Diese geringe Veröffentlichungstätigkeit begrenzt die Verbreitung und Nutzung von inländischen Fachinformationen. Daher wäre die Beteiligung privatwirtschaftlicher Unternehmen an der Literaturproduktion eine vernünftige Lösung. Die Literaturnachfrage einer Nation von rund 70 Mio. Einwohnern stellt eine gute Grundlage für private Verleger dar. Der Vorzug bestände nicht nur im Anreiz für neue finanzielle Quellen für Fachinformationen, sondern auch in der Stärkung der Produktion und Nutzung von inländischen Fachinformationen.

Die Ausweitung der Publikationstätigkeit ist dringend notwendig. Es muß folgendes erreicht werden:

Die staatlichen und regionalen Verlage allein können dieses Problem nicht lösen, weil sie zu wenig vom Staat unterstützt werden und uneffektiv geleitet werden. Hinzu kommt die strenge staatliche Kontrolle. Die Auffassung, daß Bücher und Zeitungen ideologische "Waffen" sind und straff kontrolliert werden müssen, ist "altmodisch" und rückständig. Das muß geändert werden. Der Staat und die KPV brauchen keine Bedenken zu haben, daß Privatverlage irgendwann Bücher und Zeitungen als Waffe gegen die Partei nutzen könnten. Beabsichtigt man Fehler und Schwächen nicht zu verstecken und zu verbergen, dann erscheinen Bedenken gegenüber Presse und Medien als unbegründet. Bücher mit "giftigen" Inhalten müssen durch wertvolle Bücher zurückgedrängt werden. Die Tür der Literaturproduktion muß bald für Privatunternehmen geöffnet werden. Am Anfang richten Privatverlage die Aufmerksamkeit möglicherweise auf einige Literaturarten, die wenig mit Fachliteratur zu tun haben. In dieser Situation kann der Staat zielgerichhtet Subventionen einsetzen, um die Fachliteraturproduktion zu unterstützen.

Solange die privaten Verlage nicht genügend leistungsfähig sind, um die inländische Literaturproduktion zu übernehmen, muß der Staat (insbesondere am Anfang) die Verlage fördern. Verlage und Druckereien, die nicht rentabel arbeiten, sollten mit dem Ziel der Erhöhung der Produktivität privatisiert werden. Die Zahl der staatlichen Verlage kann entsprechend dem Tempo der Entwicklung der privatwirtschaftlichen Unternehmen allmählich reduziert werden.

Gegenwärtig ist die Wirtschaftsinformation in Vietnam wegen der bestehenden Planwirtschaft noch sehr unterentwickelt. In nächster Zeit wird sie sich durch die wachsende Nachfrage aus der Marktwirtschaft sicher sehr schnell entwickeln, wenn günstige Rahmenbedingungen geschaffen werden. In Zukunft soll dieser Sektor hauptsächlich von Privatunternehmen betrieben werden, wie Erfahrungen europäischer Staaten gezeigt haben (vgl. Tab. 4). In welchem Umfang Wirtschaftsinformation produziert wird, entscheidet der Privatunternehmer selbst. Wichtig hierbei ist, daß der Staat mögliche Hemmungen vorausschauend erkennt und sie durch entsprechende Maßnahmen beseitigt, damit sich der Sektor Wirtschaftsinformation schnell entwickelt.

Tab. 4: Marktsegment Wirtschaftsinformation: Umsätze der Anbieter 1986-1990 in Mio. US-Dollar (amtlicher Jahremittelkurs 1987) und nationale Marktanteile

Quelle: SCIENTIFIC CONSULTING Dr. Schulte-Hillen, Köln

Im Sektor der wissenschaftlich-technischen Information muß der Staat seine führende Rolle beibehalten, weil sich Privatunternehmen wenig engagieren, d.h. der Staat soll die wissenschaftlich-technische Information weiter fördern (vgl. Tab. 5).

Tab. 5: Marktsegment wissenschaftliche und technische Information
Umsätze der Anbieter 1986-1990 in Mio. US-Dollar (amtlicher Jahremittelkurs 1987) und nationale Marktanteile

Quelle: SCIENTIFIC CONSULTING Dr. Schulte-Hillen, Köln

4.3. Überwindung der unzureichenden Versorgung mit Fachliteratur durch Dezentralisierung

Zunächst müssen die Erwerbungsetats beträchtlich erhöht werden, damit die Bibliotheken und die Informationseinrichtungen ihre Literaturbestände deutlich erweitern können, um die gegenwärtig unzureichende Versorgung mit Fachliteratur Schritt für Schritt zu überwinden. (Empfehlung des UNDP-Projektes, der sich der Verfasser anschließt).

Diese Maßnahme ist jedoch durch einige weitere zu ergänzen. Die Erwerbungsetats müssen von anderen finanziellen Mitteln, die den Bibliotheken und Informationsstellen zur Verfügung stehen, getrennt werden. Diese Trennung ist notwendig, da die Mittel sonst möglicherweise zu anderen Zwecken benutzt werden, wie man dies oft in Bibliotheken und Informationseinrichtungen feststellen kann. Auch ist die Überprüfung der Erwerbungsarbeit durch Inspektoren notwendig. Diese Kontrolle fehlt in Vietnam noch völlig. Vom Staat ernannte Inspektoren mit entsprechenden Zuständigkeiten würden dazu beitragen, die Tätigkeiten der Bibliotheken und Informationseinrichtungen, darunter auch die Erwerbungsarbeit, erfolgreicher zu gestalten.

Die Kooperation und Zusammenarbeit bei der Erwerbung ausländischer Literatur ist nach der Meinung vieler vietnamesischen Fachleute dringend erforderlich, da jede Bibliothek wichtige Bücher und Zeitschriften aus dem Ausland im eigenen Bestand haben will. Die Folge ist, daß sich beispielsweise einige Zeitschriftentitel in mehreren Bibliotheken gleichzeitig befinden, während viele andere ebenso wichtige Zeitschriftentitel nirgendwo zur Verfügung stehen.

So lange die Devisenmittel für die Erwerbung noch nicht ausreichend zur Verfügung stehen, um notwendige Fachliteratur aus dem Ausland zu importieren, sollte von jedem Zeitschriftentitel ein Exemplar importiert werden. Andere Bibliotheken, insbesondere regionale Zentralbibliotheken können entsprechend dem Urheberrecht bestellen oder Verträge abschließen, so daß eine Kopie von dem einzigen importierten Zeitschriftentitel regelmäßig geliefert wird. Importierte ausländische Fachliteratur sollte in Verbundkatalogen nachgewiesen werden. Verbundkataloge für ausländische Zeitschriften und Monographien müssen möglichst schnell aufgebaut werden, da sie nicht nur für den Leihverkehr, sondern auch für die Zusammenarbeit bei der Erwerbung wichtig sind.

Ein weiterer Lösungsweg ist der Aufbau einer dezentralen Versorgung mit Fachliteratur. Dafür können nach dem Beispiel der BRD oder Frankreichs drei Bibliotheks-Verbundsysteme und Sondersammlungen aufgebaut werden. Die Ausdehnung des vietnamesischen Staatsgebiets von Norden nach Süden beträgt 1650 km. Dies stellt die Literaturversorgung insbesondere in den südlichen und mittleren Provinzen vor große Probleme, weil sich der nationale Literaturbestand größtenteils in Hanoi konzentriert.

Die empfohlenen drei Bibliotheks-Verbundsysteme sind:

Der Staat sollte gemeinsam mit den Provinzen der jeweiligen Regionen die Verbünde finanzieren. Dabei ist der Staat für 50% der finanziellen Mittel verantwortlich. Der Rest kommt aus den Beiträgen der Provinzen. Sicherlich ist am Anfang der Bestandsaufbau im Süd- und Mittelverbund viel schwieriger als im Norden. Dabei müssen die großen Bibliotheken in Hanoi, insbesondere die Staatsbibliothek und die zentrale wissenschaftlich-technische Bibliothek, helfen und vor allem Fachliteratur zur Verfügung stellen.

Das gegenwärtige vietnamesische System der Literaturversorgung arbeitet uneffektiv, nicht nur weil der nationale Literaturbestand begrenzt ist, sondern auch wegen des Fehlens von Verbundkatalogen und eines Leihverkehrs. Die Nutzung vorhandener Literaturbestände ist deswegen geringer, als es eigentlich möglich wäre. Die regionalen drei Bibliotheksverbundsysteme müssen ihre Verbundkataloge so aufbauen, daß die Zusammenarbeit der Regionen erleichtert wird. Moderne Informationstechnologien sollten so früh und so weitgehend wie möglich unter Beachtung einheitlicher Standards und Normen genutzt werden.

Über den Aufbau von Verbundkatalogen diskutiert man in Vietnam schon lange. Die Absicht konnte jedoch bisher nicht realisiert werden, weil dafür entsprechende Projekte fehlten. Deshalb muß der Aufbau von Verbundkatalogen in Form von Projekten durchgeführt werden. Auf diese Weise kann man dafür finanzielle Mittel vom Staat und den Provinzen erhalten und die Verbundkataloge mit Erfolg realisieren.

Der Zentralverbundkatalog für ausländische Zeitschriften wurde von der Zentralen Wissenschaftlich-Technischen Bibliothek (ZWTB) aufgebaut. Er weist aber bisher nur Zeitschriftentitel einiger wichtiger Bibliotheken nach, die sich meistens in Hanoi befinden. Die importierten Zeitschriften der wichtigsten Bibliotheken des Landes sollen in nächster Zeit in diesem Katalog nachgewiesen werden.

Leihverkehrssysteme existieren in vielen Ländern seit langer Zeit. Es handelt sich dabei um eine Form der Zusammenarbeit der Bibliotheken mit dem Ziel, die Leser besser mit Fachliteratur zu versorgen. Vietnamesische Forscher müssen oft weite Reisen unternehmen, um in einer Bibliothek benötigte Materialien zu lesen oder Kopien anzufertigen. Den Zeitaufwand und die Fahrkosten dafür kann sich nicht jeder leisten. Das Fehlen eines Leihverkehrs führt also in Vietnam zu einer großen gesellschaftlichen Verschwendung, die beseitigt werden muß. Für den Leihverkehr benötigt man sowohl unterschiedliche Nachweismittel, vor allem Verbundkataloge, als auch entsprechende Leihverkehrsordnungen und -regelungen. Inländischer Leihverkehr fordert keine Devisen. Deshalb können ausländische Erfahrungen in diesem Bereich ohne große Schwierigkeiten ausgewertet und praktisch genutzt werden. Deshalb sollten umgehend Ordnungen und Regelungen erarbeitet werden, auf deren Grundlage die Bibliotheken den Leihverkehr vor allem innerhalb der Regionen durchführen können.

Sondersammlungen nach dem deutschen und französischen Dezentralisierungsvorbild sind in Vietnam zu realisieren (Vu Van Son,1991). Anfangs muß deren Gegenstand hauptsächlich die ausländische Fachliteratur sein. Vietnam kann das englische Beispiel nicht zum Vorbild nehmen, in dem sich die Versorgung mit ausländischer Literatur auf einen Punkt wie "Boston Spa" konzentriert. Eine Zentralbibliothek dieser Art benötigt viele Fachleute aller wichtigen Fachbereiche, die sich eine vietnamesische Bibliothek auch in der Zukunft selbst mit größter staatlicher Unterstützung nicht leisten kann. Eine solche Konzentration der überregionalen Literaturversorgung ist unter den Bedingungen der sehr großen Süd-West-Ausdehnung recht schwierig, wie man in Vietnam feststellen muß.

Beim Aufbau von Sondersammlungen muß folgendes beachtet werden: Sondersammelgebiete sind so zu wählen, daß sie den langfristigen Entwicklungsstrategien und den vorrangig zu lösenden Aufgaben entsprechen. Für jedes Sondersammelgebiet ist eine Bibliothek verantwortlich. Bei der Auswahl solcher Bibliotheken muß man die gegenwärtig unzweckmäßige Verteilung des nationalen Literaturbestandes beachten und den bislang nicht genug beachteten Universitätsbibliotheken größte Aufmerksamkeit schenken. Einige dieser Bibliotheken sollten sich im Süden und in der Mitte Vietnams befinden, um ein Gleichgewicht zwischen den drei Regionen herzustellen und die Literaturkonzentration auf Hanoi zu überwinden.

Sondersammlungen können, wie es die französischen Erfahrungen beweisen, nicht in kurzer Zeit geschaffen werden, sie müssen langfristig aufgebaut werden. Sie müssen in Form eines mehrstufigen Programms realisiert werden. Nur so können die gegenwärtig unkoodinierten Erwerbungen überwunden und die Devisen effektiver genutzt werden.

Vietnam sollte möglichst bald mit dem Aufbau der Sondersammlungen beginnen. Es wäre zweckmäßig, einen besonderen Fonds zu schaffen, der aus folgenden Quellen gespeist werden könnte:

Dieser Fonds könnte von der staatlichen Kommission für Wissenschaft und Technik (SKWT) verwaltet werden. Die SKWT bildet dafür ein Gremium aus von ihr zu ernennenden Sachverständigen. Das Gremium ist für die Festlegung der Sondersammelgebiete, deren Abgrenzung und die Verteilung der zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel zuständig. In diesem Gremium sollten folgende Institutionen vertreten sein: Finanzielle Fördermittel sind nicht nur für die Erwerbung, sondern auch für die Katalogisierung und Ausrüstung mit der dazu erforderlichen Technik (Hard- und Software, Kopieranlagen, Mikrofilmanlagen usw.) notwendig. In der ersten Phase des Programms sollten aber nicht alle wichtigen Fachgebiete gleichzeitig gefördert werden. Man sollte mit 8-10 Sondersammelgebieten in der ersten Phase beginnen. Im Laufe der Zeit können auch neue Sammelgebiete ergänzt werden. Im Verlauf von 10 Jahren könnte die Zahl auf 20-22 Gebiete erhöht werden. Sondersammlungen sind von anderen Beständen zu trennen und in Zentralverbundkatalogen nachzuweisen.

4.4. Schaffung neuer attraktiver Produkte und Dienstleistungen für inländische Nutzer

4.4.1. Verstärkte Bedarfs- und Benutzerorientierung als neuer Gesichtspunkt
Strenge Bedarfs- und Benutzerorientierung ist ein neuer Gesichtspunkt, den die vietnamesische Fachinformationsvermittlung zukünftig nicht außer acht lassen darf. Früher haben Informationseinrichtungen ihre Tätigkeit häufig nach subjektivem Willen und ohne Beachtung von Informationsbedarf und Benutzerverhalten gestaltet. Dies führte oft zu negativen Folgen: Diese Situation muß verändert werden. Die vietnamesische Fachinformationspolitik auf dem Gebiet der Informationsvermittlung muß streng bedarfs- und benutzerorientiert auf folgende Schwerpunkte ausgerichtet werden: Auf dem Gebiet der Informationsvermittlung muß sich die staatliche Förderung auf die Schaffung und Stärkung von Infrastrukturen konzentrieren. Die bisherige Praxis der Förderung - wo staatliche finanzielle Mittel proportional zu den Personalbeständen der Informationseinrichtungen verteilt wurden - konnte nur ein nationales, zwar flächendeckendes, aber stagnierendes und uneffektives Informationssystem schaffen.

Künftig muß der Staat einerseits die finanziellen Mittel für Fachinformationseinrichtungen erheblich erhöhen, andererseits die Informationseinrichtungen schwerpunktmäßig fördern. Nur einige besonders wichtige Informationseinrichtungen auf zentraler Ebene und in Regionen sollten vom Staat gefördert werden, damit sie leistungsfähiger werden und effektiver zur Erfüllung von übergeordneten Aufgaben in Wirtschaft und Staatsverwaltung beitragen können. Dies hat die dritte vietnamesische WTI-Konferenz bereits empfohlen. Zwei Ziele sind hier nach der Meinung des Verfassers zu verwirklichen:

Es ist erforderlich, eine oder mehrere nationale Fachinformationsprogramme durchzuführen. Diese Programme sollen nicht nur Informationseinrichtungen in den Schlüsselbereichen der Wirtschaft mit moderner Informationstechnik ausrüsten, sondern auch die Informationstätigkeit in den genannten Bereichen auf die Herstellung von Datenbanken und die Schaffung von attraktiven Produkten und Services orientieren.

Andere Informationseinrichtungen werden hauptsächlich von Ministerien und Provinzen oder gemeinsam mit dem Staat finanziert. Dabei ist nach Meinung des Verfassers eine klare Verteilung der Verantwortung wichtig. Da das Informationsbewußtsein bei vielen Leitern der Wirtschaftszweige und der Provinzen noch ungenügend entwickelt ist, besteht die Gefahr, daß die dortigen Informationseinrichtungen unzureichend finanziert werden. Der Staat soll notwendige Maßnahmen und Anweisungen sicherstellen, daß die Finanzierung dieser Informationseinrichtungen gewährleistet bleibt.

Eine Reihe von Änderungen in der Arbeit der Informationseinrichtungen soll diese vor allem auch auf eine verstärkte Nutzung inländischer Informationsquellen orientieren. Bislang richtete sich die Informationsvermittlung hauptsächlich nach außen, d.h. auf ausländische Fachliteratur und Fachinformation. Die Informationseinrichtungen legten die Schwerpunkte ihrer Arbeit auf die Sammlung, Be- und Verarbeitung, Speicherung und Verbreitung ausländischer Fachinformationen, insbesondere aus den früheren sozialistischen Ländern. Hauptprodukte waren Literaturübersichten, die ausländische Erfahrungen und Errungenschaften in Wissenschaft, Technologieentwicklung und Verwaltung an die Leiter höherer Ebenen oder Nutzer aus der Wissenschaft vermittelten. Die gesammelten ausländischen Fachinformationen wurden auf Karteikarten gespeichert. Erst seit den 90er Jahren wurde mit dem Aufbau rechnergestützter Datenbanken begonnen, aber mit wenig Erfolg, da die finanziellen Mittel dafür fehlten.

Gegenwärtig und zukünftig müssen die Informationseinrichtungen ihre Aufmerksamkeit in starkem Maße auf Fachinformationen aus inländischen Quellen richten. Daten aus der vietnamesischen Wirtschaft, der Industrie, über ausländische Investitionen, über den Privatisierungsprozeß, über den Aktienmarkt, über den Arbeitsmarkt, über den Binnen- und Außenhandel, über die Material- und Energieversorgung sowie aus den Gesellschaftswissenschaften, über das Bevölkerungswachstum, über Forschung, Entwicklung und Ausbildung sind nicht nur für die Entscheidungsprozesse der Regierung wichtig, sondern auch für die Wirtschaftsunternehmen bei der Frage, was und in welchem Umfang sie produzieren wollen. Die Sammlung dieser Daten und Fakten ist eine schwierige Aufgabe für die Informationseinrichtungen, da es sehr wenig dokumentierte Quellen gibt und kaum entsprechende Veröffentlichungen verbreitet werden. Die Ermittlung möglicher inländischen Informationsquellen und die Standardisierung der Statistik insgesamt sind von entscheidender Bedeutung für diese Art der Informationstätigkeit. Der Staat muß gemeinsam mit den Branchen die notwendigen Regelungen und Formulare dafür erarbeiten und realisieren. Für die Statistik müssen einschlägige Gesetze erlassen werden. Nur so können Daten und Fakten aus inländischen Quellen regelmäßig und systematisch gesammelt und dann wieder zur Verfügung gestellt werden.

4.4.2. Datenbankproduktion
Die Produktion von Daten- und Faktenbanken ist als eine übergeordnete Aufgabe der zukünftigen Informationsvermittlung zu sehen. Wie schlecht und uneffektiv die vietnamesischen Informationseinrichtungen ihre Informationsvermittlung ohne Datenbanken durchgeführt haben, wurde bereits dargelegt. Gegenwärtig ist eine schwerpunktmäßige Orientierung auf die Produktion ausgewählter wichtiger Daten- und Faktenbanken erforderlich. Neben den Datenbanken zum Nachweis vorhandener Literaturbestände sind folgende herzustellen: Datenbanken sollen so gestaltet und strukturiert werden, daß verschiedene benutzerfreundliche Produkte und Dienstleistungen daraus entstehen können. Dafür ist aber eine Ausstattung mit entsprechender moderner Informationstechnik erforderlich.

Im Bereich von Wissenschaft und Technik müssen ausländische Datenbanken in CD-ROM-Versionen in einzelnen konkreten Fällen importiert werden. Das ist die ökonomischste Lösung. Man braucht nicht unbedingt eigene Datenbanken herzustellen, wenn diese im Ausland bereits vorhanden sind. Vietnam muß nur entscheiden, welche ausländischen Datenbanken auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik den vietnamesischen Bedürfnissen am besten entsprechen. Die nationale Datenbankproduktion ist auf den Binnenmarkt ausgerichtet und stellt im wesentlichen eine Ergänzung zu den ausländischen Datenbanken dar. Die Konkurrenz mit ausländischen Datenbanken bleibt außer Betracht, weil vietnamesische Fachinformationen im Ausland zur Zeit keine Akzeptanz finden und die vietnamesische Sprache eine entscheidende Barriere darstellt.

Datenbanken sollten online angeboten werden. Da große Rechenzentren sehr teuer sind, sollte Vietnam zunächst einen oder zwei Hosts einrichten, die vietnamesische und auch ausländische Datenbanken multidisziplinär anbieten. Diese Rechenzentren können mit den internationalen Datennetzen kooperieren, um den Zugriff inländischer Nutzer auf ausländische Fachinformationen zu ermöglichen (vgl. Tab. 6). Die vietnamesische Politik müßte ermöglichen, daß ausländische Datenbankanbieter ihre Hosts auch in Vietnam betreiben können.

Tab. 6: Gesamtmarkt Online-Information Umsätze der Anbieter 1986-1990 in Mio. US-Dollar (amtlicher Jahremittelkurs 1987) und nationale Marktanteile

Quelle: SCIENTIFIC CONSULTING Dr. Schulte-Hillen, Köln

Auf der Grundlage von Datenbanken können die Informationseinrichtungen neue effektivere Produkte und Dienstleistungen erarbeiten und anbieten. Dazu gehören in erster Linie Online-Recherche, gedruckte Informationsdienste, Videotext-Dienste und Optical Disc-Dienste (CD-ROM). Die Informationsprodukte und -dienstleistungen müssen benutzerfreundlich sein, d.h. sie müssen aufgrund von Erkenntnissen der Benutzerforschung entwickelt werden.

Informationseinrichtungen können von Anfang an nicht gleich kostendeckend arbeiten. Der Aufwand für die Datenbankproduktion ist in der Startphase in der Regel sehr hoch und dies führt zu hohen Preisen für die Informationsleistungen. Deshalb sollte der Staat das Informationsangebot am Anfang subventionieren. Auf diese Weise könnte innerhalb kurzer Zeit ein großer Fortschritt in der Datenbankproduktion erreicht werden. Als nächster Schritt folgt dann die Subventionierung der Nachfrage. Es geht dabei um die Förderung von Informationsvermittlungsstellen und um die Gebührenpolitik. Solange noch ein unentwickeltes Informationsbewußsein besteht, muß neben Aufklärungsmaßnahmen eine starke Subventionierung von Preisen bestehen bleiben. Für den Bereich der Ausbildung, Forschung und Entwicklung wird das auf Dauer notwendig bleiben, da diese Bereiche keinen direkten Gewinn erwirtschaften.

4.4.3. Informationsvermittlungsstellen
Der Verfasser schlägt auf der Grundlage der Analyse europäischer Erfahrungen vor, daß Vietnam Informationsvermittlungsstellen einrichtet, die bisher noch völlig fehlen. Vietnamesische Nutzer aus der Wirtschaft und auch aus der Wissenschaft sind wenig mit den neuen modernen Informationsleistungen vertraut. Informationsvermittlungsstellen werden ihnen bei Online-Recherchen helfen. Sie sollen vor allem in den Wirtschaftszentren und den Ausbildungs- und Forschungsstätten eingerichtet werden, in denen sich potentielle Nutzer konzentrieren. Informationsvermittlungsstellen können bei den Bibliotheken und Informationseinrichtungen angesiedelt und von gut ausgebildeten Vermittlern geführt werden. Hierbei geht es vor allem um kleine und mittlere Unternehmen als Nutzer. Sie erwirtschaften den größten Teil des Bruttoinlandprodukts, produzieren aber heute noch mit sehr rückständigen Technologien und Verfahren. Gegenwärtig stehen sie vor der schwierigen Aufgabe der Umstellung auf Ausrüstung mit modernen technologischen Produktionsanlagen und -verfahren. Obwohl sie also Bedarf an Informationen haben, nutzen sie diese noch zu wenig oder gar nicht, da sie dabei in der Regel erhebliche Hemmungen und große Schwierigkeiten zu überwinden haben. Eigentlich brauchen sie nicht selbst Fachinformationen, sondern zunächst "echte" Beratung von Sachverständigen, um "Know-How" aus der Fachinformation zur Verbesserung ihrer Produkte oder Verfahren zu nutzen oder um entsprechende Technologien für ihre Betriebe zu importieren. Es gab genügend Beispiele dafür, daß vietnamesische Betriebe viel zu viele Devisen für den Import von rückständiger Technologie ausgaben. Angesichts dieser Situation sollen Informationsvermittlungsstellen soweit wie möglich auch die Funktion "technischer Beratungsstellen" für die kleinen und mittleren Unternehmen übernehmen.

4.5. Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen für den Fachinformationsmarkt

4.5.1. Aufbau einer leistungsfähigen Telekommunikationsstruktur
In Vietnam wurden innerhalb der letzten Jahre große Fortschritte auf dem Gebiet der Telekommunikation gemacht. Durch Investitionen ausländischer Konzerne (z.B. Siemens, BRD; Alcatel, Frankreich; Telstra International, Australien; Dain, Republik Korea) sind wichtige Großstädte von Nord bis Süd durch Satellit und Glasfaserkabel miteinander verbunden. Das vietnamesische Telekommunikationssystem dient zur Zeit vor allem der ausländischen Investitionstätigkeit, steht aber zukünftig auch der Fachinformation zur Verfügung, wenn die Informationseinrichtungen mit entsprechender Technik ausgestattet werden. In absehbarer Zeit ist durch die Investitionen der beiden amerikanischen Konzerne IBM und Digital Equipment Cop. (DEC) eine schnelle und erhebliche Verbesserung der Telekommunikationsnetze und -services zu erwarten. Eine der technischen Voraussetzungen für den Informationsmarkt ist also vorhanden. Das Problem liegt jetzt darin, daß die Ausrüstung der Informationseinrichtungen und Bibliotheken mit Informationstechniken ausreichend gefördert wird. Daher sind Maßnahmen der Fachinformationspolitik so darzustellen, daß dafür möglichst viele finanzielle Mittel aus allen Quellen der Gesellschaft angeregt und ermutigt werden. Der Staat sollte z.B. ausländische Investitionen in diesem Bereich ermöglichen, indem er einerseits hohe Gewinnsätze in Aussicht stellt, andererseits einen Teil der internationalen Entwicklungshilfe für diesen Zweck ausgibt.
4.5.2. Sicherung des Zugriffs der inländischen Nutzer auf ausländische Fachinformationen
Da die vietnamesische Fachinformation noch unterentwickelt ist, kann sie die Abhängigkeit von der ausländischen Fachinformation nicht vermeiden, insbesondere im Bereich von Wissenschaft und Technik. Wenn man daran denkt, daß Vietnam viele Jahre lang wenig ausländische Fachliteratur importierte, versteht man deutlicher, von welcher Bedeutung die Sicherung des Zugriffs der vietnamesischen Nutzer auf die ausländischen Datenbanken ist.

Mit der Entwicklung der Telekommunikation in Vietnam ist der Zugang zu ausländischen Datenbanken erheblich erleichtert. Man kann jedoch noch nicht sagen, daß der Zugriff auf ausländische Datenbanken sichergestellt ist. Es wird empfohlen, Abkommen zwischen Vietnam und dem Ausland abzuschließen und sich gegebenfalls auch an internationalen Projekten zu beteiligen. Auf diese Weise kann der Zugriff der vietnamesischen Nutzer auf ausländische Fachinformation schneller sichergestellt werden.

4.5.3. Einrichtung eines Forschungsnetzes
Forschungs- und Ausbildungstätigkeit bringt, wie oben gesagt, keinen direkten Gewinn, dient aber in starkem Maße und aktiv der Volkswirtschaft, der Gesellschaft und dem Staat. Deshalb richten viele Länder Forschungsnetze ein, damit die Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen subventioniert (z.B. BRD oder Frankreich) oder kostenfrei (Großbritannien) die Telekommunikationsverbindungen nutzen können. Ähnliches sollte in Vietnam realisiert werden.
4.5.4. Urheberrecht
Das Urheberrecht ist für die Entwicklung des vietnamesischen Fachinformationsmarktes von wesentlicher Bedeutung. Rechtliche Regelungen und Gesetze zum Schutz des Urheberrechtes fehlen in Vietnam noch gänzlich. Produkte der Fachinformation werden derzeit in Vietnam sehr oft ohne Genehmigungen vervielfältigt und reproduziert. Daher ist es erforderlich, ein Urheberrechtgesetz zu erarbeiten und zu erlassen, das in Übereinstimmung mit den geltenden internationalen Recht steht. Im Falle der Online-Datenbanken müssen geeignete technische Lösungen zum effektiven Schutz der gespeicherten Informationen gegen unrechtmäßige Nutzung durch Dritte gefunden werden.
4.5.5. Datenschutz
Die wachsende Anwendung von neuen Kommunikations- und Informationstechnologien erfordert auch in Vietnam entsprechende Regelungen und Ordnungen zum Schutz von Daten, die staatliche Geheimnisse darstellen. Mit Hilfe einer Kommission sollte der Staat ausländische Erfahrungen analysieren, um rationelle Regelungen und Ordnungen zu finden. Diese müssen zum einen den Schutz von Geheimnissen gewährleisten, dürfen aber gleichzeitig den freien Datenaustausch nicht behindern.
4.5.6. Standardisierung
Für die vietnamesische Fachinformation wurden bisher nur wenige Normen bzw. Standards erarbeitet und angewendet. Im Rahmen des o.g. UNDP-Projekts (UNDP 1989, S.30) wurde eine nationale Konferenz organisiert, um die Erarbeitung von Normen und Standards auf dem Gebiet der Fachinformation zu beschleunigen. Es besteht derzeit jedoch die Gefahr großer Verschwendung. So wird z.B. unterschiedliche Hard- und Software nahezu ohne Kontrolle und Koordinierung importiert und in verschiedenen Institutionen zur Datenverarbeitung und zur Herstellung von Datenbanken eingesetzt. Normen und Standards sowohl für den Import von Hard- und Software als auch für die Herstellung von Datenbanken, Services und Produkten sind nach der Meinung des Verfassers umgehend zu erarbeiten und anzuwenden, da unterschiedliche Hard- und Software die Vernetzung und die Zusammenarbeit der Zentren erschweren und damit zu unnötigen Kosten führen.
4.5.7.  Aus- und Weiterbildung
In Vietnam fehlen qualifizierte Fachkräfte für die Fachinformation. In den letzten Jahren hat die vietnamesische Informationspraxis deutlich gezeigt, daß die gegenwärtigen Informationsfachkräfte im allgemeinen nur über konventionelle Fachkenntnisse verfügen, die den Anforderungen der derzeit noch in geringem Umfange vor sich gehenden Veränderungen und Neuorientierungen des Bereiches der Fachinformation aber schon nicht mehr genügen. In Zukunft werden sicherlich in größerem Maße moderne Kommunikations- und Informationstechniken zur Verfügung stehen. Neben den konventionellen Verfahren des Recherchierens wird sich der Umgang mit elektronischen Medien immer mehr ausweiten. Dies stellt große Anforderungen an die vietnamesische Aus- und Weiterbildung sowohl für Fachkräfte als auch für Benutzer.

Der Verfasser stimmt mit der Empfehlung des UNDP-Projektes überein, daß Vietnam die Aus- und Weiterbildung intensivieren muß. Politische Maßnahmen müssen sich in nächster Zeit deshalb auf folgendes konzentrieren:

4.5.8. Überwindung der Informationsbarrieren von Sprachen
Im Bereich von Wissenschaft und Technik ist Vietnam zweifellos von ausländischer Fachinformation abhängig. Die Nutzung dieser Informationen ist durch Sprachbarrieren sehr erschwert, da das Niveau der Fremdsprachenausbildung in Vietnam sehr niedrig ist. Bis 1990 war Russisch nahezu die einzige Fremdsprache an den vietnamesischen Hochschulen. Die Intensivierung und Verbesserung der Fremdsprachenausbildung, vor allem in Englisch und Französisch, ist heute und in Zukunft an den Hochschulen und gleichermaßen für die gegenwärtigen Benutzer erforderlich. Weiterhin ist es notwendig, Fremdsprachenkurse in verschiedenen Formen (Abendkurse, Fernkurse) für Informationsmitarbeiter zu organisieren. Dies sollte durch bildungs- und wissenschaftspolitische Maßnahmen angeregt und ermöglicht werden.

5. EINIGE VORSCHLÄGE ZUR REALISIERUNG DER VIETNAMESISCHEN FACHINFORMATIONSPOLITIK

Eine umfassende nationale Fachinformationspolitik kann Vietnam innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes nicht entwickeln und realisieren. Sie muß sich daher nach Meinung des Verfassers auf absehbare Zeit auf die Lösung einiger weniger schwerpunktmäßiger Probleme der vietnamesischen Fachinformation konzentrieren. Erst später kann sie dann Schritt für Schritt verbessert und vervollkommnet werden.

Der Verfasser selbst sieht, daß einige der o.g. Empfehlungen dem gegenwärtigen Entwicklungsniveau Vietnams nicht vollständig gerecht werden. Deswegen erwartet der Verfasser auch nicht, daß alle diese Empfehlungen in den kommenden Jahren in der vietnamesischen Fachinformationspolitik umgesetzt werden. Diese Empfehlungen sollen für einen Zeitraum von 20 Jahren gelten. An dieser Stelle will der Verfasser aber einige konkrete Vorschläge machen, die in der nächsten Zeit in der vietnamesischen Fachinformationspolitik realisiert werden sollten. Es handelt sich um die Schwerpunkte der nationalen Fachinformationspolitik in der Anfangsphase der Neuorientierung und auch um die Abstimmungs- und Gesetzgebungsprozesse dieser Politik.

5.1. Zulassung und Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen am Fachinformationsmarkt

Der Verfasser ist der Überzeugung, daß zukünftig in Vietnam auch für die Fachinformation in zunehmendem Maße Marktmechanismen gelten und die Beteiligung von nichtstaatlichen Unternehmen am Informationsmarkt zugelassen werden muß. Darauf legt der Verfasser in seinen Empfehlungen größten Wert. Bisher werden in Vietnam Bücher, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehfunk immer noch als "ideologische Waffe" angesehen, die nicht in die Hand der oppositionellen Kräfte fallen darf. Eine allgemeine Freiheit für Massenmedien wie in der westlichen Welt könnte unter den konkreten Bedingungen Vietnams zu katastrophalen Ergebnissen oder sogar zum Bürgerkrieg führen. Der Bürger in Vietnam will keine blutige Wende wie z.B. in der GUS erleben. Das Land leidet ohnehin noch sehr unter den katastrophalen Folgen des Krieges und konnte Rückständigkeit und Armut noch nicht überwinden. Deswegen ist es richtig, daß Vietnam in der nächsten Zeit noch vorsichtig und sorgfältig mit der Frage der Pressefreiheit umgehen muß. Während die Massenmedien wie Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen unter der Kontrolle des Staates bleiben, kann Vietnam der Meinung des Verfassers nach schon in absehbarer Zeit die Entwicklung von nichtstaatlichen Unternehmen auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Information und der Literaturproduktion zulassen. Die vietnamesische Wirtschaft befindet sich in der Übergangsphase zu einem Marktwirtschaftssystem. Obwohl die institutionelle marktwirtschaftliche Basis (Bankensystem, Steuerverwaltung, Verbände, rechtliche Rahmenbedingungen) bisher völlig fehlt, erreicht Vietnam ein relativ hohes und stabiles Wirtschaftswachstum (1992: 8,6%, 1993: 8,1%, 1994: 8,7%) (Länderkurzbericht Vietnam, 1995). Die Marktwirtschaft hat zusammen mit den Reformen eine sehr positive Wirkung auf das Leben der Gesellschaft ausgeübt. Dieses überzeugt in zunehmendem Maße die Bevölkerung und auch viele Länder in Asien und in der Welt. Immer mehr ausländische Investoren kommen nach Vietnam und tätigen dort ihre Geschäfte. Auch Kapital wird seitens der Bevölkerung und der im Ausland lebenden Vietnamesen in vielen Branchen der Wirtschaft investiert. Während Privatunternehmen in einigen Branchen der Wirtschaft schon erfolgreich tätig sind, existieren in Vietnam noch immer keine Privatverlage und keine privatwirtschaftlichen Informationsanbieter und -vermittler. Die gegenwärtig unterentwickelten Informationsdienstleistungen bremsen stark die gesamte Marktwirtschaft. Diese Situation muß der Meinung des Verfassers nach geändert werden.

Um die Beteiligung von Privatunternehmen an der inländischen Literaturproduktion und der wirtschaftlichen Fachinformation anzuregen und zu stimulieren, muß die Regierung die gegenwärtig noch sehr strenge staatliche Kontrolle der Publikationstätigkeit lockern. Zum einen sollte der Staat die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Beteiligung der nichtstaatlichen Unternehmen möglichst schnell schaffen, zum anderen sollte er die Beschränkungen für den Import von Druckanlagen, Druckmaterialien und Informationstechnologien lockern oder aufheben. Die staatliche Kontrolle sollte sich nur noch auf politische Publikationen beschränken. Mit der Entwicklung der Demokratie kann sie allmählich ganz abgeschafft werden.

5.2. Dezentralisierung des Literaturversorgungssystems

Die ernorme Nord-Süd-Ausdehnung des vietnamesischen Staatsgebiets stellt das gegenwärtige zentralisierte Literaturversorgungssystem vor größte Probleme. Um die unzureichende Literaturversorgung in den südlichen und mittleren Provinzen zu überwinden, sollte die Dezentralisierung in drei Bibliotheks-Verbundsysteme (Nord-, Mittel- und Südverbund) möglichst schnell durchgesetzt werden. Eine klare Verteilung von Verantwortung zwischen dem Staat und den Regionen in Fragen der Finanzierung ist vorzunehmen. Innerhalb jedes Verbundsystems muß der Leihverkehr, der in Vietnam heute noch völlig fehlt, organisiert werden. Eine enge Zusammenarbeit der drei Regionen bei der Literaturversorgung kann durch regelmäßig stattfindende Konferenzen (Beratungen) der Verbundleiter gesichert werden.

5.3. Neuorientierung der Informationsvermittlung

Die vietnamesische Fachinformationsvermittlung sollte gleichzeitig mit einer Neuorientierung beginnen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr wie früher auf Nutzer des Gebietes Wissenschaft und Technik, sondern vor allem auf die Nachfrage der Wirtschaft und der Staatsverwaltung. Das Ziel muß die Schaffung neuer attraktiver Produkte und Dienstleistungen für inländische Nutzer sein, insbesondere für kleinen und mittlere Unternehmen (KMU). Daher ist das Wichtigste die Stärkung der Datenbankproduktion, die vorrangig in den zukünftigen Aktionsplan aufzunehmen ist und Voraussetzungen für die Informationsprodukte und -services schafft. Ebenfalls wichtig ist die Gründung von Informationsvermittlungsstellen, die zunächst in Wirtschaftszentren und Ausbildungseinrichtungen mit vielen potentiellen Nutzern eingerichtet und von gut ausgebildeten Vermittlern geführt werden. Bei der Datenbankproduktion und der Schaffung neuer Informationsprodukte und -dienstleistungen spielt die technologische Ausrüstung eine entscheidende Rolle. Dafür muß der Staat Programme mit ausreichenden Fördermitteln durchführen. Diese schließen Privatunternehmen nicht aus und fördern deren Aktivitäten, insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaftsinformation.

5.4. Die Abstimmungs- und Gesetzgebungsprozesse

Bisher erfolgte die Vorbereitung und Abstimmung der nationalen Fachinformationspolitik nicht sehr gründlich und sorgfältig. So übernahm z.B. in der Regel eine kleine Gruppe des Zentralen Instituts für wissenschaftlich-technische Information (ZIWTI) die Verantwortung für die Erschließung des nationalen Fünfjahresplanes (Entwurf) der WTI-Tätigkeiten. Der Entwurf wurde zuerst in einem kleinen Kreis der Leiter des ZIWTI und einiger Vertreter der Staatlichen Kommission für Wissenschaft und Technik (SKWT) debattiert und beraten und dann auf der nationalen Konferenz für WTI, die alle 5 Jahre stattfand, diskutiert. Auf Grund der Vorschläge dieser Konferenz hat das Politbüro der KPV über die Fachinformationspolitik Vietnams in Form von Resolutionen bzw. Anweisungen entschieden.

Nach der Meinung des Verfassers soll die vietnamesische Fachinformationspolitik zukünftig sorgfältiger erarbeitet, verbessert und abgestimmt werden. Das Verfahren für eine solche nationale Planung wird schon in einschlägigen UNESCO-Handbüchern dargelegt. Die Verantwortung für die Erarbeitung der Fachinformationspolitik sollte die Staatliche Kommission für Wissenschaft und Technik (SKWT) übernehmen. Sie bildet dafür eine Arbeitsgruppe von Sachverständigen und Experten, die ein staatliches Fachinformationsprogramm vorschlägt. In dieser Gruppe sollten nicht nur die wichtigsten Informationseinrichtungen und Bibliotheken der zentralen und regionalen Ebene, sondern auch Institutionen aus dem Publikationswesen und dem Ministerium für Post und Telekommunikation vertreten sein. Es ist nicht ausgeschlossen, daß einige im Ausland lebende Vietnam-Experten als Berater zur Entwicklung des staatlichen Fachinformationsprogramms eingeladen werden. Sie könnten dafür wertvolle ausländische Erfahrungen einbringen. Der Entwurf wird dann national abgestimmt und von der Regierung verabschiedet oder gebilligt. Die vietnamesische Fachinformationspolitik sollte nicht wie bisher in Form von Fünfjahresplänen, sondern zumindest in der Anfangsphase in einem staatlichen Programm mit mehreren Phasen (oder in einigen aufeinander folgenden Programmen) realisiert werden. Jedes Programm soll aus verschiedenen Projekten bestehen. Einige dieser Projekte z.B. zur Ausrüstung und Vernetzung des Informationssystems im Bankwesen oder in der staatlichen Statistik kann mit den ausländischen Investoren zusammen durchgeführt werden. Einige andere werden vom Staat zusammen mit Regionen oder Provinzen gefördert. Die Erfolge dieser Politik bzw. des Fachinformationsprogramms werden regelmäßig in den Fachzeitschriften analysiert. Die Überprüfung und gegebenenfalls eine Korrektur der Fachinformationspolitik werden durch die jährlich stattfindenden Fachinformationstagungen gesichert.

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

AdW        Akademie der 
Wissenschaften (DDR)
APCTT      Asien and Pacific Center 
for Tranfer of 
Technology
APINMAP    Asien and Pacific Information Network 
of Medical and 
Aromatic Plants
ASTINFO    Regionales Netzwerk für 
Informations- und 
Experimentetausch
ARIST      Agences Regionales de 
l´Information 
Scientifique et Technique
BCM        British Catalogue 
of Music
BE         
Basiseinheit
BEI        British Education 
Index
BIBLIODATA Datenbank deutscher Literatur
BIE        Book in 
English
BIP        
Bruttoinlandsprodukt
BL         British 
Library
BLCMP      Birmingham Libraries 
Co-operative Mechanisation 
Project
BLLD       British Library - 
Lending Devision
BMFT       Bundesministerium 
für Forschung und 
Technologie
BML        British Museum 
Library
BMWi       Bundesministerium 
für Wirtschaft
BN         
Bibliothèque National
BNB        British National 
Bibliography
BNIST      Bureau National 
d´Information Scientifique 
et Technique
BSP        
Bruttosozialprodukt
BUCOP      British Union Catalogue for 
Periodicals
CADIST     Centre d´Acquisition et de 
Diffusion de 
l´Information Scientifique et Technique
CBN        Centre 
Bibliographique National
CCN        Catalogue 
Collectif National des 
Publications en Serié
CCOE       Catalogue Collectif 
des Ouvrages 
Étrangers
CD-ROM     Compact Disc-Read Only 
Memory
CNP        Centre National 
de Prêt
CNRS       Centre National de la 
Recherche 
Scientifique
DATA-STAR  Fachinformationsrecherchenzentrum (Host)in 
London
DATEX-L    Leistungsvermittlungsnetz der 
Deutschen 
Bundespost
DATEX-P    Paketvermittlungsnetz der Deutschen 
Bundespost
DBI        Deutsches 
Bibliotheksinstitut
DBMIST     Direction des 
Bibliothéques, des 
Musées et de l´Information Scientific et Technique, 
France
DBS        Deutsche 
Bibliotheksstatistik
DFG        Deutsche 
Forschungsgemeinschaft
DGRST      Délégation 
Général 
à la Recherchen Scientifique et Technique
DIMDI      Deutsches Institut für 
Medizinische 
Dokumentation und Information
DISIR      Department of Scientific 
and Industrial 
Research, Großbritannien
DIST       Direction de 
l´Information 
Scientifique et Technique, Paris
DTI        Department of 
Trade and Industrie
EG         
Europäische Gemeinschaft
EU         
Europäische Union
FAO        Food and 
Agricultural Organisation of the 
United Nations
FIDAT      Programm zur Förderung 
der 
Informationsbeschaffung aus Datenbanken in den neuen 
Bundesländern,BRD
FID        
Fédération Internationale de 
Documentation
FIP        
Fachinformationspolitik
FIS-ELF    Fachinformationssystem 
Ernährungs-, Land- und 
Forstwirtschaft der BRD
FIZ        
Fachinformationszentrum
FuE        Forschung und 
Entwicklung
GB         
Großbritannien
GMD        Gesellschaft 
für Mathematik und 
Datenverarbeitung mbH
GUS        Gemeinschaft 
Unabhängiger Staaten
HBFG       
Hochschulbauförderungsgesetz der 
BRD
HDBT       Hoi Dong Bo Truong 
(Ministerrat 
Vietnams)
IAN        
Informationsaustauschnetz
ILO        International 
Labour Organization
IMPACT     Information Market Policy 
Actions
INFOTERRA  Internatioles Informationszentrum für 
Umwelt
INIST      Institut National de 
l´Information 
Scientifique et Technique, France
INPI       Institut National de 
la 
Propriété Industriell, France
INRA       Nationales Institut 
für 
Agrarforschung Frankreichs
IS         
Informationsstelle
ITAP       Information Technology 
Advisory Panel 
(GB)
IV         
Informationsvermittlung
IVS        
Informationsvermittlungsstelle
IuD        Information und 
Dokumentation
JANET      Joint Academic Network 
(GB)
JICST      Japan Information Center of 
Science and 
Technologie
JURIS      Juristisches 
Informationssystem für die 
Bundesrepublik Deutschland
KMU        Kleine und 
mittlere Unternehmen
KPV        Kommunistische 
Partei Vietnams
LASER      London and South Eastern 
Library Region
LID        Leitstelle 
für Information und 
Dokumentation
LISC       Library and 
Information Services Council 
(GB)
LV         
Literaturversorgung
ME         
Medieneinheit
MIDIST     Mission Interministerielle 
de 
l´Information Scientifique et Technique
MKKS       Ministerium für 
Kommunikation, Kultur 
und Sport, Vietnam
NIS        Nationales 
Informationssystem
NLB        Nationaler 
Literaturbestand
NLLST      National Lending Library of 
Science and 
Technology, (GB)
NRLSI      National Reference Library 
of Science and 
Invention
OCLC       Online Computer 
Library Center, Ohio
OSTI       Office for Scientific 
and Technical 
Information, (GB)
PANCATALOGUE Der Monographienkatalog französischer 
Hochschulbibliotheken
PASCAL     Programme Applique a la 
Séléction 
et a la Compilation Automatique de la Literature
PEB        Pret Entre 
Bibliotheques
PFDS       Pergamon Financial 
Data Services (GB)
PGI        Programme 
Général 
d´Information (UNESCO)
PIS        
Provinzinformationsstelle
RENATER    Reseaux National de Telecommunication 
pour la 
Recherche
RGW        Rat für 
Gegenseitige 
Wirtschaftshilfe
SB         
Staatsbibliothek
SIV        selektive 
Informationsverbreitung
STI        Scientific and 
Technical Informmation
STN        Scientifical and 
Technical Information 
Network - International
SKWT       Staatliche Kommission 
für 
Wissenschaft und Technik Vietnams
SCOLCAP    Scottish Libraries Co-operative 
Automation 
Project
SCONUL     Standing Conference of National 
and University 
Libraries (GB)
SIBIL      Système 
intégré pour 
bibliothèques
SWALCAP    South West Academic Libraries 
Co-operative 
Automation Project
SWB        
Sozialwissenschaftliche Bibliothek, 
Hanoi
UB         
Universitätsbibliothek
UBKHKTNN   Uy Ban Khoa Hoc Ky Thuat Nha Nuoc 
(Staatliche 
Kommission für Wissenschaft und Technik Vietnams)
UER        Unites 
d´Enseignement et de 
Recherche
UNDP       United Nation 
Devolopment Program
UNESCO     United Nations Educational, 
Scientific and 
Cultural Organisation
USD        United States 
Dollar
VE         
Veröffentlichungseinheit
VLB        Verzeichnis 
lieferbarer Bücher 
(BRD)
WAN        Wide Area 
Network
WFB        Wissenschaftliche 
Fachbibliothek
WHO        World Health 
Organization
WIN        Wissenschaftsnetz 
(Deutsches 
Forschungsnetz)
WPB        Wissenschaftliche 
Provinzbibliothek
XUNHASABA  Xuat nhap khau sach bao (Vietnamesische 
Zentralstelle für Im- und Export von Literatur)
ZADI       Zentralstelle für 
Agrardokumentation 
und Information
ZDB        
Zeitschriftendatenbank
ZE         
Zeitschrifteneinheit
ZFB        Zentrale 
Fachbibliothek
ZIID       Zentralinstitut 
für Information und 
Dokumentation
ZIWTI      Zentralinstitut 
für 
wissenschaftlich-technische Information
ZLID       Zentrale Leitstelle 
für Information 
und Dokumentation
ZWTB       Zentrale 
wissenschaftlich-technische 
Bibliothek Vietnams

LITERATURVERZEICHNIS


Last update: 22. July 1997


Last update: 1. March 1997