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Published in: (in leichter Abwandlung) Spektrum der Wissenschaft - Dossier: Die Welt im Internet 1/98, S.38-43 (1998)

Die Zukunft des Buches und die Rolle der Bibliothek im modernen Wissensmanagement

Walther Umstätter

In der Wissenschaftsgesellschaft ist das Buch nicht mehr das, was es früher war - die optimale Einheit von Archiv- und Informationsmedium; die Bibliothek ist nicht mehr das, was sie früher war – ein Ort an dem man vorwiegend in Buchform publizierte Druckerzeugnisse sammelt; das Wissensmanagement ist nicht mehr das, was es früher war – menschliches Wissen, das man hauptsächlich in Buchform verwaltet, und die Wissenschaft ist nicht mehr das, was sie früher war - die Domäne einzelner genialer Forscher, die mit Versuch und Irrtum neue Erkenntnisse suchen. Gerade darum gewinnen Buch, Bibliothek und Wissen in ihrer modernen Form in der Welt des Internets eine noch größere Bedeutung.


Das wichtigste Eigentum, das der Mensch als Homo sapiens in seiner Geschichte evolutionär erworben hat, war die sapientia, die Einsicht, das Verstehen bzw. die Weisheit. So stehen über dem Rokokoportal der Bibliothek des ehemaligen Klosters Wiblingen bei Ulm die Worte aus dem Brief des Paulus an die Kolosser 2,3: „In quo omnes thesauri sapientiae et scientiae" (In welchem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft enthalten sind). Das war 1762 und ist in übertragenem Sinne bis heute Inhalt Wissenschaftlicher Bibliotheken, nur mit dem Unterschied, daß sich das Wissen heute nicht mehr in den Regalen einer Bibliothek aufbewahren läßt, sondern sich vernetzt über die gesamte Welt verteilt. Denn das geistige Eigentum hat sich mit Zinsen und Zinseszinsen in dem, was der britische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper (1902 bis 1994) Welt 3 nannte (nämlich "die Welt der objektiven Produkte des menschlichen Geistes" - im Unterschied zur Welt 1, der physischen Welt, der belebten und unbelebten Körper" und Welt 2, der "Welt aller bewußten Erlebnisse und, vermutlich auch von unbewußten Erlebnissen") über die Jahrtausende vermehrt und vererbt.


Bild 1: Seit dem 16. Jahrhundert gewachsene kostbare Bücher- und Schriftensammlung in der Rokokobibliothek Wiblingen. Die Schriften waren an den hohen und mehrfach eingerückten Wänden aufgetürmt, der Innenraum war frei für Anschauungsmaterialien, allegorische Gestalten erinnerten an die Gaben des Heiligen Geistes und das Deckengemälde öffnete die Bibliothekswelt hin zur himmlischen Weisheit.


Information und Wissen haben sich in Bau- und Kunstwerken, Hieroglyphen, Höhlenzeichnungen und Dokumenten, in Mären und Märchen, in Theaterstücken, in musealen Objekten und insbesondere in den Bibliotheken erhalten lassen. Das geistige Eigentum vermehrte sich so stark, daß es in den Millionen Öffentlichen, Wissenschaftlichen, Spezial- und Privatbibliotheken dieser Welt nicht mehr gedruckt beherbergt werden kann. Aus diesem Grunde suchte und fand der Mensch in der mikroskopisch kleinen binären Spezialschrift, die ausschließlich aus Jas und Neins (0 / 1, pit / land oder flip / flop) besteht, einen rettenden Ausweg (Bild 2). Diese Binärschrift erlaubt es alle anderen Schriften, Zeichen, Bilder oder Töne zu inkorporieren und damit die Vielzahl von Informationsträgern Film, Papier, Schallplatte, Magnetband und all die anderen Medien „multimedial" zu vereinen. In dieser Einheitsschrift können Informationen in Nanosekunden kopiert, verarbeitet und im Internet transportiert werden.


Bild 2: Vereinheitlichung und Mikrominimierung der Schrift im Laufe der Menschheit. Von den Bildschriften, über die Hieroglyphen, die ägyptische Monumentalschrift, zu den zahlreichen Schreibschriften aus Geschichte und Gegenwart, bis hin zu den im Laufe der Zeit immer kleineren und präziseren Drucktypen hat sich die „Literatur" immer stärker komprimieren lassen. Der Sprung in den Mikrometerbereich, in dem eine einzige Einheitsschrift, die Binärschrift herrscht, und die nur noch von Computern auf lesbare Größe hervorgehoben werden kann, ist eine einzigartige Revolution unserer Zeit.


Nun ist natürlich nicht alles, was die Menschheit zu Papier brachte, publizierte und archivierte von Weisheit gekennzeichnet. Im Gegenteil, im bibliothekarischen Literaturmeer von Zeichen, Symbolen, Signalen, Nachrichten, Metaphern oder Bildern verbergen sich Behauptungen, Beobachtungen, Erfahrungen, Gedanken, Ideen, Irreführungen, logische Schlußfolgerungen, Vermutungen und Visionen, von denen, neben den Fakten, nur ein sehr geringer Teil, begründete Information, das heißt Wissen, enthält. Dieses Wissen als „quinta essentia" aus der großen Literaturflut herauszudestillieren ist Aufgabe einer jeden Generation. Es ist eine Informationskompression ungeahnten Ausmaßes.

Dabei ist das große Problem der Bibliotheken, daß jeder Versuch, das bisherige Wissen neu zu kompilieren, nur dazu beiträgt, neue Regale zu füllen.

Information ist, wie Norbert Wiener feststellte, weder Energie noch Materie. Damit machte der große Mathematiker und Begründer der Kybernetik die fundamentale Bedeutung der Informationstheorie deutlich. Wahrscheinlich ist Information sogar die fundamentalste dieser drei Größen, da sich in ihr nicht nur die naturwissenschaftliche Welt mit Energie und Materie abbilden läßt, sondern auch die gesamte Geisteswissenschaft. Information als Veränderung an sich, als kleinste denkbare Entscheidung, im Bit als Maß der Information manifestiert, kennzeichnet die wichtigste Eigenschaft des Daseins – den permanenten Wandel in Raum und Zeit. Nach dieser Informationstheorie, auf der unsere gesamte Computertechnik bis hin zum Internet beruht und mit deren Hilfe wir heute, erstmals in der Geschichte der Menschheit, auch den Informationsgehalt von Büchern und Bibliotheken informetrisch abschätzen können, müssen wir zwischen Information, Redundanz, Rauschen und Wissen unterscheiden. Sie alle werden nicht ganz glücklich unter dem Begriff Nachrichten zusammengefaßt. Alle vier Elemente der Nachricht werden interessanterweise in der selben Einheit, dem Bit, gemessen, weil sie ineinander übergehen können. Während uns aber nur die Information Neuigkeiten vermittelt, bietet uns die Redundanz eine Wiederholung und damit eine Sicherung der Information. Dagegen ist das Rauschen eine Störung und erzeugt Unschärfe und Unsicherheit. Je unwahrscheinlicher uns eine Information erscheint, desto höher ist ihr Informationsgehalt und desto stärker fordern wir als Empfänger ihre Absicherung durch Redundanz. Durch diese Absicherung versuchen wir Information in Wissen umzuwandeln, um uns auf sie verlassen zu können. Insofern kann man Wissen als probabilistisch bezeichnen, da es mit der Höhe seiner Wahrscheinlichkeit wächst. Je besser wir eine Aussage absichern können, desto eher sprechen wir von Wissen. Im Gegensatz dazu ist der Informationsgehalt am höchsten, wenn eine Nachricht möglich, aber höchst unwahrscheinlich ist. Sie müssen wir als possibilistisch bezeichnen.

Es ist die wichtigsten Aufgabe des Bibliothekswesens, möglichst viel Information in Form von Wissen durch die Vielzahl sich gegenseitig ergänzender oder auch widersprechender Nachrichten abzusichern. Damit wird die Voraussetzung geschaffen, Hypothesen zu Theorien zu verfizieren bzw. sie zu falsifizieren. Das Wissen in Bibliotheken kann in seiner Begründung Erfahrungswissen, logisch gefolgertes Wissen oder auch kausal begründetes Wissen sein. Alle drei Formen ließen sich bislang im Buch am besten darstellen, indem man in Texten, Formeln, Grafiken oder Bildern reale und irreale Welten widerspiegelte und sie zu erklären versuchte. Sogar die Bewegtbild- und Tontechnik hat in ihren Anfängen auf diese Vormachtstellung des Buches wenig Einfluß nehmen können.

Das Buch in Vergangenheit und Zukunft

Das Buch hat in seiner Geschichte eine Reihe von höchst interessanten Facetten entwickelt. Es ist eine äußerst praktische Fortentwicklung des Codex, des Diptychons und der Buchrolle, es beheimatet zahlreiche künstlerische Werke und ist nicht selten selbst Kunstwerk. Über Jahrhunderte hinweg hatte es die wichtigste Archiv-, Informations- und Transportfunktion für geistiges Eigentum übernommen und ist in seiner Vielfalt an Ausstrahlung, Form, Größe und Umfang äußerst schwer definierbar.

Trotzdem läßt sich sagen, daß das Buch im engeren Sinne seiner Form nach ein dem Informationsbedarf entsprechendes und sehr anpassungsfähiges Druckwerk ist. Die meist hundert bis tausend Seiten, die durch Heftung oder Leimung verbunden sind, werden durch einen Einband oder Umschlag geschützt, der ihm auch die notwendige Stabilität zur mehrfachen Benutzung und langjährigen Lagerung in Bücherregalen gibt. Es ist in seiner wichtigsten Eigenschaft eine handhabbare informetrische Einheit, die man wie ein erweitertes Gedächtnis mit sich führen, weitergeben und auf die man sich „schwarz auf weiß" berufen kann. Das „digitale Buch" war anfangs zweifellos nichts anderes als die digital gespeicherte Form herkömmlicher Bücher. Aus ihr entwickelte sich allerdings im Laufe der letzen Jahre eine „multimediale Buchform", die durch zusätzliche Ton- und Bewegtbildeigenschaften, durch Animation und Modellierungsmöglichkeiten völlig neue Charakterzüge gewann.

Für diese Form des multimedialen Buches hat sich auch schon eine Editions-Einheitssprache etabliert, die Standardized General Markup Language (SGML), in der neben dem eigentlichen Text Zusatzinformationen, die Markups, enthalten sind, die sich für Druckanweisungen, für Ausgabemöglichkeiten am Bildschirm oder auch für andere Anmerkungen in den Dokumenten verstecken lassen. Sie können als Volltextindexierung verstanden werden, die bei der Recherche in Volltextretrievalsystemen wichtige Hilfen zur Informationswiedergewinnung darstellen. Eine spezielle Document Type Definition (DTD) im Rahmen der SGML (ISO Standard 8879:1986), die man HTML (Hypertext Markup Language) nennt, ist geeignet, eine höchst komplexe multimediale Buchform zu erzeugen. Ihre Vormachtstellung im Internet ist inzwischen unbestritten und wird unter anderem durch die objektorientierte Programmiersprache JAVA immer weiter ausgebaut. Damit können sogar Texte Bilder und Töne zu eigenem Leben erweckt werden, indem sie mit dem Leser je nach Wunsch in Interaktion treten können.

HTML ist seit 1990 in einer globalen Initiative des World-Wide Web (WWW) in Gebrauch und gab seitdem SGML in seiner Bedeutung einen beeindruckenden Auftrieb, bis hin zur Document Style Semantics and Specification Language (DSSSL - ISO 10179. 1996), in der Publikationen neue hierarchische Strukturen erhalten, die für die digitale Organisation unseres Wissens wichtig sind.

SGML ist eine Metasprache zur Erzeugung von DTD, womit die Voraussetzung geschaffen ist, mit Hilfe der Markups die jeweils vorhandene Basissprache (Texte in englisch oder deutsch) zusätzlich zu strukturieren. Damit bietet sie die ideale Voraussetzung, um Informationen aus Volltexten so zu organisieren, daß aus ihnen Wissensbanken entstehen. Dies sind Datenbanken, in denen die Informationen so vernetzt werden, daß sie von entsprechenden Computerprogrammen interpretiert und zu begründeten Schlüssen herangezogen werden können. Damit entstehen digitale Bücher, deren Wissen nicht nur vom Menschen nachvollziehbar ist, sondern auch vom Computer.

Es ist sicher eine berechtigte Frage, ob man in diesem Zusammenhang noch den Begriff „Buch" verwenden sollte. Dagegen spricht, daß das digitale Buch keine bedruckten Seiten hat, weder Heftung noch Leimung kennt und auf einen Einband verzichtet. Andererseits kann ein digital gespeichertes Buch auf Wunsch jederzeit in Papierform ausgegeben werden und es kann auf den Monitoren von Computern wie ein herkömmliches, nun aber virtuelles Buch erscheinen, seitenweise gelesen, durchblättert und auch genau studiert, analysiert und bildlich betrachtet werden. In seiner wichtigsten Eigenschaft, als handhabbare informetrische Einheit, bleibt das Buch auch in der digitalen Form das, was es immer war, die Quelle des Wissens, das wir über ein bestimmtes Thema von Autoren erworben haben.

Bereits seit Jahren hat sich das Buch als Archiv- und Transportmedium vom Buch als Informations- und Ausgabemedium getrennt. Es begann damit, daß unsere Computer aufhörten, reine Rechner zu sein und zunehmend zur Vorbereitung von Druckerzeugnissen dienten. Heute werden bereits täglich tausende von „Büchern" auf CD-ROM und Festplatten im Internet digital erzeugt, archiviert und um den Globus herum transportiert. Gelesen werden sie trotzdem weiterhin in gedruckter Form.

Während noch immer einige Fachleute erwarten, daß das Buch seine Archivfunktion im Bücherregal beibehält und sie darüber hinaus befürchten, daß wir zunehmend Bücher am Bildschirm lesen werden, beobachten wir in der täglichen Arbeit das Gegenteil. Literatur vom Umfang herkömmlicher Bücher werden weiterhin in Printform gelesen, während die digitalen Archive zum Publishing-on-Demand durchforstet werden.

Die Rolle der Bibliothek

Zur Rolle der Bibliothek läßt sich ebenso kurz wie prägnant feststellen: Die Bibliothek bleibt, was sie schon immer war, das Gedächtnis dieser Gesellschaft und damit die wichtigste Institution, in der menschliches Wissen verwaltet wird. Sie ist allerdings längst nicht mehr der Ort, an dem man fast nur in Buchform publizierte Druckerzeugnisse sammelte. Vor einigen Jahrzehnten waren es die sogenannten neuen Medien, wie Schallplatte, Tonband, Video und nicht zuletzt die verschiedenen Formen von Filmmaterial, die sich ihren Platz in Bibliotheken eroberten, und die die Frage nach der eigentlichen Sammelaufgabe des Bibliothekars aufwarfen. Durch den allgemeinen Vormarsch der Digitalisierung ist diese Diskussion obsolet geworden. Die Digitale Bibliothek schließt die sogenannte virtuelle Bibliothek, in der Bibliotheken nur noch im Computer simuliert erscheinen und die elektronische Bibliothek, so wie sie sich in den USA in den achtziger Jahren entwickelt hat, in der die Bibliotheksmaterialien per EDV verwaltet wurden, ein.

Damit ist die Bibliothek eine in ihrer Funktion unveränderte Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für ihre Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht. Sie unterscheidet sich von den dicht benachbarten Bereichen Archiv und Dokumentation im engeren Sinne, in denen es hauptsächlich um nicht-publizierte und damit oft auch geheimzuhaltende Dokumente geht. Außerdem erfüllt sie ihre ökonomische Rolle nicht wie eine Buchhandlung durch den Verkauf von Büchern und anderen Informationsmedien, sondern, je nach ihrer Trägerschaft, indem sie im Sinne ihrer Benutzer optimale Wirtschaftlichkeit anstrebt. Indem sie für ihre Zielgruppe möglichst alle relevanten Veröffentlichungen aus Geschichte und Gegenwart sammelt, ordnet und möglichst preiswert verfügbar macht, schafft sie eine Übersicht, die nur vom Bibliothekswesen geleistet werden kann. Insofern ist eine Synopsis ohne Archivfunktion auch nicht möglich.

Die weit verbreitete Ansicht, daß Buch sei auch heute noch das ideale Archivmedium, wird bei genauer Betrachtung stark relativiert. So haben fast alle Informationen, die wir aus der Geschichte heraus tradieren konnten, durch Kopien überlebt und nur in äußerst seltenen Ausnahmen durch Aufbewahrung der alten Exemplare. Diese Kopien können heute rascher, fehlerfreier und preiswerter vorgenommen werden, so daß wir nicht mehr wie im Mittelalter Mönche als Kopisten beschäftigen müssen. Anstelle dessen haben wir Computer, die fast ohne Personalkosten tausendmal schneller und millionenmal fehlerfreier Kopien auf CD-ROMs erzeugen können. Bei diesen Verhältnissen ist es schon heute einfacher, eine CD-ROM alle zehn Jahre zu kopieren, als ein Buch alle hundert Jahre.

Das größte Problem, vor dem die Bibliotheken heute stehen, ist die unübersehbare Masse an Druckerzeugnissen, die heute zerfallen bzw. schon weitgehend zerfallen sind und nur in einer weltweiten Kooperation digitalisiert werden können.

Der Bibliothekar als Verwalter menschlichen Wissens ist kein Manager, wie wir ihn aus der Industrie beziehungsweise der freien Wirtschaft kennen, er hat mit einer „Ware" zu tun, die sich in entscheidenden Eigenschaften von anderen Waren fundamental unterscheidet. Dazu gehört, daß Information in unendlicher Menge vorhanden ist, daß sie als Wissen in höchstem Maße komprimiert werden kann, durch ihre Energie- und Materielosigkeit in beliebigen Mengen in Redundanz umwandelbar ist und als Fehlinformation sogar einen negativen Handelswert besitzt. Auch wenn sie immer an Energie oder Materie als Trägermedium gebunden ist, so ist Information im Sinne der Informationstheorie eine dimensionslose Zahl, die den Informationsgehalt beziehungsweise den Ordnungszustand eines Objektes lediglich als Wahrscheinlichkeit beschreibt. In diesem Punkt gleicht sie der Entropie in der physikalischen Welt. Beide sind gleichermaßen ungeeignet Ware zu sein, schrieb daher Norbert Wiener vor über dreißig Jahren, und er fuhr weiter fort: "Der Gedanke, daß Information in einer sich ändernden Welt ohne merkbare Minderung ihres Wertes gestapelt werden kann, ist falsch."

Die Verwaltung menschlichen Wissens

Die Notwendigkeit einer ständig sich erneuernden Informationsversorgung, in der wir auch Vergessenes wieder auffrischen müssen, hat Leibniz dazu geführt, die Bibliothek mit der Metapher einer Kerze zu vergleichen, die ein stetes Aliment fordert, solange ihr Licht leuchtet. Ein solches stetes Aliment erfordert die bibliothekarische Informationslogistik, die dafür Sorge trägt, daß die jeweils richtige Information, in richtiger Form, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, in ausreichender Redundanz zu ökonomisch vertretbaren Kosten verfügbar ist. Diese Versorgung erfolgte bisher durch ein aufeinander abgestimmtes Bibliothekswesen. Es wird heute zunehmend durch die elektronischen Netze ergänzt, in denen allerdings die Kosten und die Besitzverhältnisse nicht immer klar sind.

Unter dem Gesichtspunkt des Schutzes geistigen Eigentums gibt es heute im Internet zwei beobachtbare Bestrebungen zur Einhaltung der internationalen Copyrights:

1. Die Sperrung des Zugangs zu den geschützten Dokumenten und den Verweis auf dieselben durch inhaltliche Erschließung. Erst nach Bezahlung kann in die Originale eingesehen werden. In dieser Form wird das Internet von den Verlagen weniger als eine Digitale Bibliothek gesehen, als vielmehr im Sinne einer höchst leistungsfähigen Buchhandlung.

2. Die Schaffung eines möglichst freien Zugangs zu allen publizierten Dokumenten dieser Welt, im Rahmen eines „fair use", das auf die "Fair copying declaration der Royal Society" vom 12.4.49 zurückgeht. Bei einer kommerziellen Ausbeutung sollte für genutzte Information natürlich bezahlt werden.

Während die erste Variante insbesondere im Rahmen der Kommerzialisierung des Internets von etlichen Verlagen und Informationsanbietern zur Zeit getestet wird, folgt die zweite eher dem klassischen Gedanken des Bibliothekswesens, dem Grundrecht der Informationsfreiheit und auch dem des Patentwesens, dessen Ziel eine rasche Ausbreitung innovativer Ideen war, deren Schutz der Staat gewährleistet. Das Benutzen eines Computerprogramms, das Lesen eines Buches, das Anhören einer Schallplatte, das Betrachten eines Kunstwerkes oder eines Videofilms ist bemerkenswerterweise kein urheberrechtlicher Vorgang und bietet so über die Bibliotheken die Möglichkeit, das verbriefte Recht des Grundgesetzes, sich aus publizierten Quellen zu unterrichten, wahrzunehmen.

An dieser Stelle ist aus Sicht der Informationstheorie interessant, daß das deutsche Urheberrecht ein Informationsrecht darstellt, bei dem es auf das Neue im jeweiligen Gesamtwerk ankommt, während die Copyrights als Redundanzrecht zu betrachten sind. In einem solchen Redundanzrecht ist es entsprechend schwierig, von Diebstahl zu sprechen, wenn von einem Duplikat eine Kopie gemacht wird, ohne daß das Duplikat schaden nimmt. Betrachtet man Bücher als Redundanzen eines Originals - was sie zweifellos sind - so speichern Bibliotheken mit ihrer publizierten Literatur grundsätzlich nur Redundanzen, die sie zur Sicherung des vorhandenen Wissens und zur besseren Versorgung ihrer Leser aufbewahren. Es entspricht durchaus der Informationstheorie, daß Redundanz in Information übergehen kann, wenn der Leser sie erstmals empfängt.

Der italienische Kunstphilosoph und Schriftsteller Umberto Eco hat 1987 in seinem Essay "Die Bibliothek" einen wichtigen Hinweis zur Funktion der Bibliotheken bei der Wissensverwaltung gegeben, als er schrieb: „Eines der Mißverständnisse, die den allgemeinen Begriff der Bibliothek beherrschen, ist die Vorstellung, daß man in eine Bibliothek geht, um sich ein bestimmtes Buch zu besorgen, dessen Titel man kennt. ... Die Hauptfunktion einer Bibliothek ... ist die Möglichkeit zur Entdeckung von Büchern, deren Existenz wir gar nicht vermutet hatten, aber die sich als überaus wichtig für uns erweisen." Zu dieser Entdeckung gehört allerdings, daß ein Wissenschaftler im Durchschnitt 100 Quellen durchforsten muß, bevor er eine für ihn relevante findet. Von etwa 10.000 Quellen pro Jahr, die ein Wissenschaftler sichtet, weil er vermutet,daß sie wichtig sein könnten, werden nur 100 wirklich eingehend studiert. Für diese Synopsis die Basis zu schaffen ist der eigentliche Sinn des Bibliothekswesens, indem wir die vollständigen Publikationen in Büchern und Zeitschriften sichten, bei Bedarf hinterfragen und analysieren, um sie gegebenenfalls zu zitieren.

Bedenkt man, daß ein Aufsatz in einer Wissenschaftlichen Bibliothek durchschnittlich etwa 10 Mark kostet, ein Buch rund 100 Mark und ein Buch in einer Öffentlichen Bibliothek ungefähr 25 Mark, so kann eine Wirtschaftlichkeit dieser gedruckten Quellen nur durch gemeinsame Nutzung von hunderten von Lesern erreicht werden. Durch die Digitalisierung sinken die Kopier-, Transport- und Speicherkosten etwa um den Faktor hundert, so daß eine direkte Versorgung der Endnutzer für 1 Mark pro Buch durchaus möglich ist. Trotzdem verlangen viele Verlage aus der berechtigten Furcht vor Mißbrauch für die digitalen Angebote mehr als für die entsprechenden Printversionen. Erst wenn der Staat, unter Mithilfe der Bibliotheken, wieder Recht und Ordnung auf dem digitalen Informationsmarkt zu gewährleisten vermag, kann eine realistische Preisstruktur Fuß fassen.

Dabei sind zwei Formen der Informationsversorgung zu unterscheiden, die allerdings oft so verquickt sind, daß es schwer fällt, sie jeweils zu identifizieren:

Um Reklame zu verstecken, wird mit allen Tricks gearbeitet. Man läßt etwa Empfänger dafür bezahlen, damit sie den Eindruck gewinnen, es handle sich um ihren eigenen Bedarf. Häufig verspricht man auch wichtige Information, obwohl sich diese nachträglich als Fehlinformation, Redundanz oder Rauschen entpuppt. Beliebt ist auch der Trick, reale bzw. fiktive Zwänge zu erzeugen, aus denen heraus die Zielgruppe teure Information erwirbt - gleichgültig ob sie diese will oder nicht. Letzteres gilt für eher unsinnige Spezialausbildungen, für fragwürdige Aufnahmebedingungen in bestimmte Vereinigungen oder auch für gewisse Publikationen, in deren Besitz man sein muß, um mitreden zu können.

Es muß als Indiz für den Beginn des Informationszeitalters gesehen werden, daß wir heute bei einigen Informationsangeboten völlig irrationale Kostenerwartungen beobachten. Während einerseits höchst bedeutsame wissenschaftliche Erkenntnisse, deren Gewinn für die Gesellschaft unermeßlich ist, kostenlos verbreitet werden, erhalten andererseits Fotografen für fast inhaltsleere, unscharfe oder auch gefälschte Fotos von der Sensationspresse Millionenbeträge.

Ohne jede Übertreibung kann hier von geistigem Raubrittertum und von Anarchie im Informationsmarkt gesprochen werden. Bis in die Wissenschaft hinein konnten wir in den letzten Jahrzehnten massive Versuche der politischen und industriellen Einflußnahme beobachten, die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit im Wissenschaftsmanagement gefährden. Hier haben Bibliothekare eine ethisch höchst verantwortungsvolle Aufgabe. Raubkopien, gezielte Fehlinformationen, Schweigegelder und ähnliches mehr erinnern an anarchische Zustände zu Beginn der Industrialisierung, mit der Folge, daß sich Investoren zurückhalten und die Arbeitslosigkeit steigt. Diese moderne Anarchie am Beginn der Wissenschaftsgesellschaft ist nicht zuletzt auch dadurch bedingt, daß wir die Rolle der Bibliotheken in der heutigen Zeit unterschätzen.

In den USA hat man dagegen bereits in den sechziger Jahren bei der National Library of Medicine eine der ersten und erfolgreichsten Datenbanken der Welt, MEDLARS, mit Steuergeldern aufgebaut, um unter anderem die Kontrolle über die öffentlich vergebenen Projektgelder in der medizinischen Forschung und deren Ergebnisse zu behalten. Dies war in gewisser Hinsicht der Beginn eines bibliothekarisch-dokumentarischen Controllings und eines Quality Managements, mit dessen Hilfe auch in der Wissenschaftsgesellschaft wieder Recht und Gesetz einkehren könnte. Das Informationszeitalter wird zweifellos in wirtschaftlicher Anarchie versinken, wenn es uns nicht bald gelingt, die Qualität der Information, für die wir zahlen sollen, durch Wissen zu sichern.

Aus diesem Grunde geht von einer Informationsversorgung, bei der Informationen hauptsächlich vom Sender bezahlt werden, um die Empfänger zu beeinflussen, eine nicht unerhebliche Gefahr des Betrugs aus, die nur durch fachlich kompetente Kontrolle in Grenzen gehalten werden kann. In diesem Bereich behalten Bibliothekare eine wichtige Funktion, indem sie aus ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung heraus die Qualität überwachen helfen. Darüber hinaus können die internationalen Copyrights nur geschützt werden, wenn die Bibliotheken mit ihrem verbrieften Pflichtexemplarrecht sicherstellen, daß eine Publikation authentisch archiviert wird, so daß jedes Plagiat und jede Kopie in Teilen oder als Ganzes eindeutig nachweisbar ist.

In der Wissenschaftsgesellschaft spielt ein juristisch einwandfreies Wissensmangement und ebenso das Wissenschaftsmangement auf digitaler Ebene die zentrale Rolle. Ohne diese beiden ist eine rechtsstaatliche Ordnung nicht möglich.

Digitale Bibliothek und Wissenschaftsmanagement

In den Schulen sollten junge Menschen im Sinne Humboldts eine Allgemeinbildung erfahren, um so auf ein Studium vorbereitet zu sein, in dem sie sich in ein Spezialgebiet einarbeiten. Die eigentliche wissenschaftliche Arbeit dient dann dazu, Fehler und Lücken im bibliothekarisch gespeicherten Wissen zu erkennen und zu beheben. Im bisherige Publikationswesen bedeutete dies, zunächst immer wieder neue bibliometrische Wissenseinheiten - die Bücher - zu verfassen. Seit dem Aufkommen des Zeitschriftenwesens vor über drei Jahrhunderten kam eine neue erheblich kleinere bibliometrische Einheit hinzu - der Aufsatz mit durchschnittlich zehn Seiten Umfang. Im Rahmen der Digitalen Bibliothek zeichnet sich nun eine noch kleinere bibliometrische Einheit von Wissenselementen ab - die sogenannten Frames - die hypermedial in einer Informations- bzw. Wissensbank abgelegt werden können. Sie erlauben die Beschränkung und Präzisierung des Urheberrechts auf einzelne Fakten oder Aussagen, deren Begründung im Gesamtzusammenhang liegt. Damit können Wissenschaftler in Zukunft bereits vom Beginn ihres Studiums an mit einem großen, permanent wachsenden und sich erneuernden digitalen Lehr- und Handbuch arbeiten, das in bestimmten Abständen wiederholt archiviert und ständig verbessert wird. Die Gesamtheit der untereinander vernetzten digitalen Lehr- und Handbücher, die aus gedruckten Teilausgaben, Animationen, interaktiven Experimenten, Modellen und Simulationen bestehen können, ergeben die Digitale Bibliothek von morgen, in der zweifelsfrei genauer als bisher unterschieden werden muß zwischen publizierten und nicht-publizierten Hypothesen, Fakten, Informationen, Redundanzen und Theorien, und deren Anteil an wahrem Wissen mittels der Wahrscheinlichkeitstheorie zu bestimmen ist.

Als im eigentlichen Sinne publiziert kann nur gelten, was der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich ist und authentisch archiviert wird. Diese Funktion nehmen Bibliotheken durch ihr Pflichtexemplar war.

Die Entwicklung der Bibliotheken in den letzten drei Jahrhunderten belegt eindeutig, daß sich die Zahl der Publikationen, der Wissenschaftler und der Bibliotheken in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren verdoppelt. Dies wird häufig mit einer Verdopplung unser Wissen verwechselt, was schon deshalb unmöglich ist, da Wissen eine unvorstellbare Kompression von Information darstellt. Es ist somit unsere einzige Rettung, die Informationsflut zu bewältigen. Ein immer größerer Anteil der Gesellschaft hat daher zunächst Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, um nun auch das wissenschaftliche Vorgehen, das tiefgründige Verstehen zu erwerben. Damit verschwindet der Wissenschaftler der letzten Jahrhunderte, der als genialer Einzelkämpfer suchte und entdeckte. Er wird durch die sogenannte Big Science ersetzt, in der ein unübersehbares Heer von Millionen von Wissenschaftlern - die heute von rund 100.000 Zeitschriften geistig versorgt werden - im Internet gemeinsam und vernetzt lösbare Projekte abarbeiten. Schon im Publikationswesen der letzten Jahrzehnte hat sich diese interdisziplinär zunehmende Zusammenarbeit in den Bibliotheken deutlich abgezeichnet, in denen Aufsätze und Bücher erworben wurden, an denen immer mehr Autoren beteiligt und koordiniert eingesetzt werden mußten.


Last update: 8. February 1998 © by Walther Umstaetter