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Umstätter
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Published in: Bibliotheksdienst 27 (8) S.1180-1191 (1993)
Haben Sie schon mal hinterfragt, wie fragwürdig viele Fragen sind? Wir alle kennen sie, die analytischen, bohrenden, feinsinnigen, gehässigen, geschickten, guten, hinterlistigen, irreführenden, raffinierten, rhetorischen, spitzfindigen, zeitlosen oder auch unbeantwortbaren Fragen, und trotzdem wird im Fernsehen, im Rundfunk und bei vielen allgemeinen Diskussionen wiederholt behauptet, es gäbe keine falschen oder dummen Fragen, es gäbe nur falsche oder dumme Antworten. Dies ist bei genauer Betrachtung natürlich schlichter Unsinn. Es ist lediglich, insbesondere bei Journalisten, eine beliebte Ausrede dafür, alles erfragen zu dürfen. Wobei außer Frage steht, daß man jede Frage stellen kann. Nur viele von ihnen sind eben unzulässig. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Frage: "Schlagen Sie Ihre Frau auch Sonntags?". Unterstellungen dieser Art sind nicht immer so offenbar, die Konsequenz dieser Situation ist aber, daß sich Interviewpartner im Fernsehen z.B. zunehmend darin üben, die eigentliche Frage zu ignorieren und nur so zu tun, als hätten sie eine Antwort darauf.
In Prüfungen finden wir eine ähnliche Situationen ignorierter Fragen, da Prüfungsfragen sich im allgemeinen dadurch auszeichnen, daß die Antwort möglichst unklar sein sollte, was nicht selten zu unklaren Fragen führt. Beispiel: "Wie katalogisiert man?". Die knappe Antwort "Richtig", kann dem Prüfling nicht angeraten werden. Im Gegenteil, so manche prüfungserfahrene Kandidatin hat erfolgreich ihr Heil in der Geschichte des Katalogwesens oder in der Aufzählung der verschiedenen ihr bekannten Kataloge gesucht, um zu zeigen was sie alles gelernt hat. Die Alternative dazu sind Fragen, wie "Was versteht man unter zentraler Katalogisierung?" und Antworten, wie "Unter zentraler Katalogisierung versteht man die Katalogisierung an einer zentralen Stelle".
Eine Frage wird immer in einem bestimmten Zusammenhang gestellt und sie impliziert auch immer eine mehr oder minder begrenzte Anzahl von sinnvollen Antworten.
Auf die Frage: "Haben Sie ein einführendes Buch über Personalcomputer?" Dürfte der Verweis auf ein Werk der Computergeschichte kaum eine Antwort sein. Man könnte auch sagen, daß jede Frage aus einem bestimmten Blickwinkel heraus entsteht. Viele dieser Blickwinkel sind bei Bibliotheksbenutzern bekannt. So der Blick in ferne Länder, in die Geschichte oder vielleicht auch in die Herzen von Romanautoren. Deutlich sehen wir dies bei Fragen wie "Sind 'unsere' Schulden zu hoch - ja oder nein?". Dabei bezieht sich das Wort unsere möglicherweise auf die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1993 und das Ja oder Nein auf die kleinste mögliche Menge an Antworten, auch wenn dies meist, wie auch hier, eine unzulässige Vereinfachung darstellt. Weitaus interessanter und vielfältiger sind allerdings die noch unbekannten Blickwinkel, die wir mit angeborener Neugier alle tagtäglich suchen.
Sehr viel vielfältiger als bei einer Ja-Nein-Entscheidung sind die Erwartungshorizonte bei Fragen wie "Was ist Kunst?". In diesem Fall kommt es noch stärker auf den Zusammenhang an, in dem die Frage gestellt wird. Ist es die Erschaffung des Schönen oder Kafkas "von der Wahrheit Geblendet-Sein". Ist es die Galerie mit einem Joseph Beuys oder der Konzertsaal mit einem Bach, in dem die Frage auftaucht? Entzündet sie sich an ranzigem Fett oder an der Kunst der Fuge? Auch noch aus einer sprachlichen Ellipse heraus das eigentliche Thema zu erkennen ist die Kunst der Frage. Die Antworten ergeben sich dann oft zwangsläufig.
Schwierigkeiten gibt es immer, wenn der Zusammenhang einer Frage z.B. bei Frager und Befragtem bzw. bei Prüfer und Prüfling unterschiedlich gesehen wird. Ein Beispiel hierfür scheint die Beobachtung von U. Schulz (1992) zu sein, die während ihres ersten Jahres als Dozentin am Fachbereich BID der Fachhochschule Hannover hinsichtlich der bibliographischen Kenntnisse der Bibliothekare eine Leistung fand, die "um mindestens 1,5 Noten über der der Dokumentare lag". Hier wurden also die selben Fragen an Bibliothekare und Dokumentare gestellt. Nun scheinen Online-Datenbanken auch in Hannover eher die Domäne der Dokumentare zu sein, während Bibliographien noch immer das stärkere Interesse der Bibliothekare finden. Dieser Tatsache trägt man in Hannover sinnvollerweise auch vom Lehrplan her durchaus Rechnung. Ist es da verwunderlich, wenn beide Gruppen, die Fragen aus ihrer Sicht unterschiedlich beantworten? Es wären also auch hier eher die Fragen, als die sich daraus ergebenden Antworten zu überdenken.
Während es in vielen Fällen nicht besonders schwierig ist, auf die möglichen sinnvollen Antworten bei einer Frage zu achten, gibt der Zusammenhang in dem eine Frage steht, immer wieder Anlaß zu geradezu unglaublichen Mißverständnissen. Man denke nur an die unzähligen Fälle in Fragebogenaktionen, in denen es z.B. heißt "Lesen Sie viel?". Was ist in diesem Zusammenhang lesen (lesen und verstehen, überfliegen, einen Text genau studieren - Romane, Zeitung, Fachbücher, Journale, Flugblätter lesen) und was ist viel (1000 Seiten pro Tag, Monat, Jahr - 5 Stunden pro Tag, Woche, Monat, mehr als der Nachbar, als der Arbeitskollege, mehr als vor 5 Jahren).
Millionen kennen den Ohrwurm der Sesamstraße "Wer, wie, was - wieso, weshalb, warum - wer nicht fragt, bleibt dumm". Und jeder Erwachsene, der dort zugesehen hat, hat seine Lektion: Die Neugier von Kindern darf nicht gebremst werden, sicher auch brav gelernt. Hat er es nicht schon vorher gewußt? Daß aber die eigentliche Kunst der Eltern darin liegt, die prototypisch unbeantwortbare und damit auch unsinnige Frage nach der Zahl der Sterne in vernünftige Bahnen zu lenken, davon ist nur wenig zu erkennen. Sehen wir von der Problematik des funkelnden Punktes in der Finsternis ab, der sich als Milchstraße entpuppen könnte, so bleibt die schier unlösbare Aufgabe einem Kind Größenordnungen vorstellbar zu machen, die über einer Million, geschweige über einer Milliarde liegen. Auch wir Erwachsenen stellen gern und oft Fragen, deren Antwort, so sie vom Fachmann korrekt gegeben wird, wir nicht im mindesten verstehen. Meist liegt es daran, daß wir nicht gelernt haben sinnvoll zu fragen. Ebenso, wie das Kind, das eigentlich gar nicht nach der Zahl der Sterne fragt, sondern nach der Zahl leuchtender Punkte am Himmel.
Wir kennen neben den wißbegierigen Fragen der Kinder, die von Lehrern, solche von Polizisten, von Psychotherapeuten, von Richtern, von Verkäufern und von vielen anderen Berufen. Das vermutlich breiteste Spektrum an Fragen haben allerdings Informationsspezialisten wie Dokumentare und Bibliothekare zu bewältigen. Fragen, die rasch beantwortet werden wollen. So zeigte eine 1973 durchgeführte Untersuchung von 6000 Fragen an 6 Public Libraries in England, daß durchschnittlich 6,23 Minuten pro Frage zur Verfügung standen (Grogan, D. S.100 1992). Dies führt in England und Wales zu etwa 40 Millionen und in den USA zu schätzungsweise 100 Millionen entsprechender Fragen pro Jahr (Grogan, D. S.36 1992). Das Fragenspektrum in Bibliotheken ist so weit gefächert, weil hier das Wissen der Welt gesammelt wird.
Da die Grundeinheit der Information, das Bit, nichts anderes als eine Ja/Nein-Antwort auf eine entsprechend geschickt gestellte Frage ist, kann man die allgemeine Behauptung aufstellen:
Jedwede Information beruht auf nichts anderem als auf der richtig gestellten Frage in einer jeweils vorgegebenen Syntax. Damit gibt es zunächst nur einen Grund für falsch gestellte Fragen, den falschen Zusammenhang.
Auf die seit vielen Jahren mehrfach beobachtete Tatsache hin, daß das Literaturwachstum etwa 5% pro Jahr beträgt wird oft gefragt "Warum verdoppelt sich das Wissen der Menschheit immer rascher?". Hier wird also fraglos Wissen und Literatur gleichgesetzt und ein konstant exponentielles Wachstum mit einer beschleunigten Verdopplung verwechselt. Noch mutiger sind diejenigen, die die Frage gleich in eine Behauptung kleiden. Diese Erkenntnis eines falschen Zusammenhanges ist auch bei Rupert Hacker sehr schön nachzuvollziehen. Hieß es von 1973 bis 1989 "Die jährliche Steigerungsrate für wissenschaftliche Veröffentlichungen liegt zur Zeit bei durchschnittlich 10% ... Das bedeutet, daß sich die Menge der wissenschaftlichen Erkenntnisse gegenwärtig in einem Zeitraum von 7-10 Jahren verdoppelt.", so ist 1992 nur noch von einem ungeheuren Anwachsen der wissenschaftlichen Publikationen die Rede und davon, daß dies nicht gleichzusetzen sei mit der gewonnenen Erkenntnis. (Hacker, R. 1973 und 1992).
Betrachtet man Bibliotheken, Retrievalsysteme oder Archive als großes Arsenale, in denen wir die Waffen gegen unzählige der möglichen Fragen finden können, so sind Bibliothekare, Dokumentare und Archivare Mittler in einem endlosen Frage-Antwort-Spiel. Kataloge, Datenbanken, Klassifikationen und Thesauri sind die Hilfsmittel dieser Frage- bzw. Antwortspezialisten, die im beratenden Gespräch oder im sog. Presearch Interview die Hebammenkunst entwickeln, um die oft unscharfen Fragen ihrer Nutzer sachgerecht zu stellen.
Da müssen in der sog. passiven Information zu weit gesteckte Fragen, wie "Wie kam es zum Dritten Reich?", auf ein überschaubares Maß reduziert werden, indem man den Grund für die Frage herauszufinden versucht. Wenn sich daraus das beliebte Schulthema, "Was geschah am 27.2.1933 wirklich?" ergibt, bleibt noch immer eine ausreichende Literatur.
Zu enge Formulierungen, wie "In welchem Zusammenhang entstand das musikalische Thema B-A-C-H", können auch ohne tiefere Kenntnisse auf die Suche in einem Buch zum Lebenswerk Bachs erweitert werden.
Fragen, deren direkte Antworten sich verbieten, wie "Welche Aktie wird demnächst im Wert steigen?", sind so zu erweitern, daß man aus den vorliegenden Aktienkursen eine wahrscheinliche Trendanalyse gewinnen kann, da eine allgemein anerkannte publizierte Antwort auf diese Frage bereits die Baisse vorprogrammieren würde, bzw. vor einigen Jahren ausgelöst hat.
Undifferenzierte Fragen, wie "Können Hunde lügen?" sind zunächst auf die Frage, "Wie definieren wir die Lüge?" zurückzuführen. Auch wenn Konrad Lorenz diese Frage einmal ohne eine entsprechende Definition zu beantworten versuchte.
Falsche Prämissen, wie "Worin liegt der Grund, daß heutzutage weniger gelesen wird?" sind aufzudecken und in die Frage, "Wird heutzutage weniger gelesen?" überzuführen. Fragen, die eine irreführende Diktion benutzen, wie "Wieso ist das medizinische Ethos beim künstlich verlängerten Leben unmoralisch?" sind zu identifizieren.
Am wohl bekanntesten sind die rhetorischen Fragen, die eigentlich ja keine Fragen sind, auch wenn sie im aristotelischen Verständnis der dialogischen Wahrheitsfindung dienen sollten.
Ein besonders komplexes Thema sind die ungestellten bzw. latenten Fragen. Sie begegnen uns bei der Frage nach bestimmten Genres in der Belletristik, nach Biographien und an vielen anderen Stellen. Bei den meisten Lesern und Leserinnen entstehen sie sicher unbewußt und sind sozusagen Vorbereitungen auf Situationen, in die Menschen unvorhergesehen real oder irreal geraten können. Der Gesellschaftsroman ebenso wie der Science-Fiction-Roman sind Simulationen des so noch nicht Erlebten oder Erträumten. Oft beantworten sie uns auch nur die Frage, ob unsere Phantasie mit der der Anderen übereinstimmt. Im Gegensatz dazu enthalten z.B. Reisebeschreibungen oft Fragen, die zwar vorhersehbar aber noch nicht akut sind. Speziell für die ungestellten Fragen treiben insbesondere Bibliotheken und zeitweise auch Dokumentationsstellen aktive Informationspolitik, indem sie auf Themen aufmerksam machen, die für Ihre Benutzer irgendwann wichtig werden könnten.
Eher bewußt latent gestellte Fragen sind die, die dem Fragenden z.B. peinlich sind. So wird wohl niemand nach Aids-Literatur fragen, wenn er befürchtet, daß man ihm eine Infektion ansehen könnte. Sehr viel häufiger beobachtet man bekanntermaßen dieses Phänomen bei Anspruch und Wirklichkeit der Jugendliteratur. Die Erwartung dessen, was Kinder gern lesen würden und was ihre Eltern gern gelesen haben möchten, führt zu nicht unerheblichen Diskrepanzen zwischen dem guten Kinderbuch und dem Comic. Es gibt auch nur äußerst wenige Kinder, die in die Bibliothek kommen und fragen, "Wie fange ich einen Dieb?". Millionen solcher Kinder und Jugendlicher haben aber über Generationen hinweg die Bücher von Enid Blyton verschlungen.
Nach einer Untersuchung von Harrington, J.N. (1986) kamen 29% der Fragen in einer Kinderbibliothek in Urbana von Erwachsenen. Von den restlichen Kinderfragen betrafen 64% Themen aus dem Schulunterricht. Bedenkt man dabei, daß nach mehreren Untersuchungen in den siebziger Jahren übereinstimmend die Hälfte der Fragen in Public Libraries nicht korrekt beantwortet worden sein soll, so fragt man sich natürlich, welchen Charakter diese Fragen überhaupt hatten.
Sogar in der ganz normalen Grundlagenforschung begegnet uns die latente Frage nach einem nobelpreisträchtigen Thema. Man muß sich darüber im klaren sein, daß ein echter Wissenschaftler in der Grundlagenforschung das Ziel haben muß, eine nobelpreisträchtige Leistung zu zeigen. Andernfalls hat er seinen Beruf zeichnen. Als Wissenschaftler weiß er allerdings auch, daß seine Wahrscheinlichkeit den Nobelpreis zu erlangen, verschwindend gering ist. Um sich daher nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, lassen die meisten dieser Wissenschaftler nach noch unbekannten Themen recherchieren, ohne dies offen zu zuzugeben. Für entsprechende Onliner, die auf dieses Phänomen achten, ist das nicht neu. Die Recherche mit Null Treffern gehört in diesen Bereich, auch wenn sie natürlich nur zeigt, daß man falsch gesucht hat, die falsche Datenbank hatte oder wieder einmal die falsche Frage an die falsche Datenbank richtete.
Wenn wir eingangs feststellten, daß jede Frage eine mehr oder minder begrenzte Anzahl von sinnvollen Antworten beinhaltet, so ist gerade dies die Krux, in der sich Fragesteller befinden. Um möglichst objektiv zu sein, dürfen sie die richtige Antwort auf ihre Frage noch nicht präjudizieren. Sie sind also gezwungen, ihre Frage desto allgemeiner zu stellen, je weniger sie wissen. Dies ist auch der Grund für viele weitaus zu allgemein gestellte Fragen, wie "Wie erzieht man Kinder richtig?". Als gäbe es bei unzählig verschiedenen Charakteren ein Patentrezept. Das Pendant dazu sind Bücher entsprechenden Titels, die dann eine von vielen Theorien hierzu favorisieren. Man kann ohnehin feststellen, daß die meisten Titel von Fachbüchern weitaus mehr zu beantworten versprechen, als sie halten können. Besonders deutlich wird das im Vergleich zu Dissertationsthemen, die nach äußerst speziellen Themen noch mit dem beliebten Zusatz "unter besonderer Berücksichtigung ..." einschränken, um sich nicht der Gefahr des verfehlten Themas auszusetzen. Daher sind Fragen scheinbar selten durch Dissertationen zu beantworten.
Eine besondere Problematik für Informationsspezialisten liegt darin, daß eine Frage nicht nur in äußerst verschiedenen Zusammenhängen entstehen kann, sondern auch in äußerst unterschiedlichen Zusammenhängen beantwortbar ist. So ist die Frage nach der Problematik des Brechtschen Kreidekreises nicht nur Gegenstand der Literatur- sondern ebenso der Rechtswissenschaft. Es ließen sich unzählige Beispiele für Themen in Büchern nennen, die dort völlig unerwartet erscheinen. So dürften wohl auch nur Bibliothekare auf die Idee kommen, Betrachtungen zu Fontanes Briefkunst, in Ackerknechts "Aus der Werkstatt eines Volksbildners" zu suchen.
In solchen Fällen hilft auch keine noch so raffinierte Indexierung. Im Gegenteil, es wäre äußerst merkwürdig, wenn ein Indexer z.B. bei einem Buch der modernen Statistik darauf hinweisen würde, daß dort in einem Beispiel deutlich wird, daß die weitaus meisten Eheschließungen zu sogenannten 5-Monats-Kinder führen. Ähnlich abwegig wäre es in einem Bildband des alten Preußens alle enthaltenen Motive indexieren zu wollen, weil sich unter den Nutzern A für den Alten Fritz, B für die damalige Mode, C für die Architektur, D für die Zäumung der Pferde und E für die Möbel der damaligen Zeit interessieren könnte. Mit anderen Worten, eine allgemeine Erschließung von Büchern oder Zeitschriften ist nicht möglich, da die Fragen, die an einen Buch gestellt werden k,önnen nahezu unzählig sind.
Besonders auffällig ist diese Thematik bei Raum und Zeit. Fast jeder unerfahrene Rechercheur wünscht sich, daß man beliebig Literatur zu bestimmten Regionen oder Zeiträumen suchen und finden kann. Bei der Frage "Was ist über die Verbreitung von AIDS in Deutschland bekannt" hilft z.B. MEDLARS durchaus mit seiner geographischen Indexierung. Sobald man allerdings eine gewisse Erfahrung mit dieser Problematik sammelt, erkennt man die zwangsläufige Unzulänglichkeit dieser Suchhilfe, da natürlich nur Publikationen geographisch geindext werden, die z.B. epidemiologische Untersuchungen enthalten. Kein erfahrener Onliner käme auf die Idee zu glauben, er erhielte auf diesem Wege auch nur annähernd alle Veröffentlichungen von AIDS-Fällen, die z.B. in München oder Wolfsburg behandelt wurden.
In diesem Zusammenhang ist ein Beispiel von Ursula Schulz (Bibliotheksdienst 27 (3) 1993) besonders bemerkenswert, die in der "(rswk-erschlossenen) DNB auf CD-ROM mit Schlagwort 'bibliothek$' UND Schlagwort 'niedersachsen' " sucht und 0 Treffer erhält, um dann festzustellen, daß über die entsprechenden Ländercodes 18 Datensätze zu Wolfenbüttel oder Hannover zu gewinnen sind.
Zunächst fragt man sich, welche Frage wirklich dahinter steht. Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, wenn bei der Frage, "Was ist über das niedersächsische Bibliothekswesen in Büchern publiziert worden?" auch nach Wolfenbüttel oder Hannover gesucht wird, aber daraus den Schluß zu ziehen, daß hier "in weiser Voraussicht für Online-Recherchen" gehandelt wurde, ist gewagt.
Prüft man dieses Beispiel nach, so ergeben sich erstaunliche Sachverhalte.
1.Bibliothek$ im Basic Index erbringt 13375 Treffer, im Feld Schlagwortbegriff (ss=) sind es nur noch 319 Treffer (2,4%) Im Feld Schlagwort (sw=) sind es nur noch 147 Treffer (1,1%) Niedersa$ im Basic Index erbringt 2797 Treffer im Feld Schlagwortbegriff (ss=) sind es nur noch 401 Treffer (14%) Im Feld Schlagwort (sw=) sind es nur noch 368 Treffer (13%) Bibliothe$ UND Niedersa$ erbringen 40 Treffer. Somit ist es kein Wunder, wenn SS=Bibliothek$ UND sw=Niedersa$ nur zu 0 Treffern führt.
2.Bei der CD 11/92 führt
SW=Bibliothek$ UND sw="*bn" ebenfalls zu 0
Treffern.
Erst SS=Bibliothek$ UND sw="*bn" erbringt 22 Treffer
(Schulz
18).
3. ist die schöne Konstruktion "*bn", die Schulz als "Downsearching" bezeichnet, damit aber nichts zu tun hat, da es gar keine Unterbegriffe gibt, beachtenswert, weil das Sonderzeichen an dieser Stelle für einen Online-System besonders pikant ist. Es erfordert die Anführungsstriche.
4. Statt Bibliothek$ bringt Landesb$ UND Niedersa$ zusätzl. 22 Treffer Universitätsb$ UND Niedersa$ zusätzl. 4 Treffer Stadtbib$ UND Niedersa$ zusätzl. 3 Treffer
Über die Relevanz der Titel läßt sich sicher streiten, da Schulz die genaue Frage, die hinter ihrer Suche steht, nicht angibt. Man kann aber getrost davon ausgehen, daß die über 60 Arbeiten, die sich mit dem Bibliothekswesen Niedersachsens beschäftigen, zumindest nicht schlechter sind, als die 21 Arbeiten, die alle nur Wolfenbüttel betreffen. Wie sich aus der Publikation von U. Schulz erkennen läßt, betrifft die (bei Schulz 18te, hier) 22te Arbeit das Ausbildungswesen in Hannover. Alle anderen Orte Niedersachsens, soweit sie überhaupt eine Rolle spielen, entgehen also hier dem Code *bn.
Ohne mich hier wiederholen zu wollen (Umstätter, W. 1991), liegt das Problem der RSWK nicht nur im 'engen SW', es liegt vielmehr im Mangel an Indexierung. Wo nichts ist, kann nichts gefunden werden. Der Vorschlag von U. Schulz "Alle partitiv zu einer größeren geographischen Einheit gehörigen kleinen Einheiten (Teile) erhalten einen Code, der für das Ganze steht. Beispiel ... Wolfenbüttel ...erhält ...Code für Niedersachsen." (Bibliotheksdienst 27 (3) S.319 1993), geht unbewußt davon aus, daß es nur um die Frage nach Niedersachsen geht. Warum sollte bei Wolfenbüttel nicht entsprechend auch Deutschland, Westeuropa, Europa oder Nordhalbkugel geindext werden. Im Gegensatz zur RSWK ist dies der Grund, warum alle Thesauri das Prinzip des "engen Schlagwortes" haben müssen. Nur in der Hierarchie eines Thesaurus kann festgelegt werden, daß z.B. Wolfenbüttel auf der untersten Ebene, engster Deskriptor ist. Damit könnte beliebig von Niedersachsen, Deutschland oder Westeuropa ein echtes "Downsearching" erfolgen. Ebensogut kann man sich natürlich auch eine Liste aller Städte Niedersachsens erstellen (z.B. von einer CD-ROM) und diese geODERt recherchieren. In der RSWK lohnt sich dies z.Z. nicht, weil sie weder eine echte Hierarchie hat, noch ein wirklich enges Schlagwort.
Automatische Indexierung sollten wir nicht mit invertierten Dateien verwechseln, wie Schulz, U. in ABI-Technik 11 (4) (Abb. 7 1991) dies tut. Und man sollte den Einsatz Bool'scher Operatoren auch nicht an einer "Datenbank (<50 Datensätze)" zu erläutern versuchen, wie dies an gleicher Stelle geschieht. Das Beispiel "Anleitung" UND "Erziehung", das zu 0 Treffern führt, hätte in einem "Lernschritt" eher Anleitung ODER Erziehung heißen müssen, wenn man vor der Frage: "Wie erziehe ich richtig?" steht. Die Frage von Frau Schulz, gibt es eine "Anleitung zur Erziehung" ist sicher zu eng. So darf man sich wohl nicht wundern, wenn "viele Studentinnen ... bis zum Schluß UND und ODER" verwechseln. Immerhin gehörte mal die Anleitung zum Kreuzstich durchaus zur Erziehung, um beim Beispiel der Autorin zu bleiben.
Ursula Schulz versteht unter Normdatei, wenn auch unbewußt, ein Instrument redundant zu indexen. So schlägt sie vor, hinter "alle erdenklichen Personen-SWW und zeitgebundenen Sach-SWW ... die herausgeslöste Zeitangabe in Jahreszahlen (und geographische Angabe)" hinzuzufügen (Bibliotheksdienst 27 (1) 1993). Dies widerspräche allerdings jahrzehntelanger dokumentarischer Erschließungserfahrung. Man stelle sich vor, wir würden bei jedem Werk von und über Bach, Händel, Mendelssohn, Schütz, etc. die Lebensdaten, möglicherweise noch "Barock / Musik ... 1600-1790" und die geographischen Angaben Weimar, Leipzig, Sachsen, Deutschland ... hinzufügen. Wenn diese Angaben in einer Normdatei einmalig abgespeichert sind, ist jede wiederholte Hinzufügung bei den einzelnen Werken redundant. Indexierung sollte aber Information über das Dokument und keine überflüssige Redundanz enthalten. Einer rdeundanten Indexierung steht dagegen nichts im Wege, wenn sie als Zusatzinformation hilft, häufig gestellte Fragen zu beantworten, um die Antwortzeit zu verkürzen.
Die wirkliche Alternative hierzu ist, daß wir für möglichst breit erschlossene Dokumente, bis hin zum Volltext bzw. geindexten Volltext, uns Recherchebäume anlegen. Es ist im Prinzip günstiger, eine hierarchische Liste aller in Frage kommender Begriffe für die Suche einer konkreten Frage zu erstellen, als in jedem Dokument alle möglichen Fragen zu kodieren, die jemals auftreten könnten. Dies gilt natürlich nicht für Dokumentationen mit klar vorhersehbaren Fragen, bei denen so geindext wird, daß diese Fragen auf Wunsch, sozusagen per Knopfdruck, beantwortbar werden. Außerdem muß bei jeder Frage berücksichtigt werden, in welcher Datenbank recherchiert wird. So ist in einer Datenbank, die Bücher nachweist, anders zu suchen als in einer, in der z.B. Fakten nachgewiesen werden, auch wenn das benutzte Vokabular durchaus ähnlich sein kann. Folglich ist es im Prinzip sinnvoller, in einem Buch über die Bibliothekslandschaft Deutschlands nach der Rolle Niedersachsens zu suchen, als dies in einem Buch über die Cimelien Wolfenbüttels zu tun - vorausgesetzt, man sucht nicht nach dem Bibliothekswesen Niedersachsens und freut sich am Evangeliar Heinrichs des Löwen. Ein solches Ergebnis könnte man keinem Endnutzer anbieten, der nach dem Bibliothekswesen Niedersachsens fragt. Dem wäre vermutlich mit der Bibliotheksstatistik oder einem Buch über das deutsche Bibliothekswesen eher geholfen.
Statt der aufwendigen, zu teuren und zum Teil überflüssigen Entwicklung der RSWK und der damit weitgehend irreführenden (aber damit noch immer unausweichlichen) Ausbildung auf diesem Gebiet, brauchen wir eine Didaktik des richtigen Fragens. Aus ihr ergeben sich die zunehmenden Versuche, über Retrieval Systeme mit Künstlicher Intellgenz eine Verbindung zwischen einer Frage und den beantwortenden Dokumenten herzustellen (Kaiser, A. 1993). Dabei wird rasch deutlich, daß solche Expertensysteme, entsprechend dem Auskunftsinterview, eine Fragenreformulierungstechnik brauchen (Gauch, S. and Smith, J.B. 1993).
Man kann es als ein Charakteristikum von Wissensbanken ansehen, daß Informationen nicht mehr fast zusammenhanglos gesammelt werden, wie in den herkömmlichen Informationsbanken, sondern je nach Fragestellung in bestimmte Relationen treten.
Diese Entwicklung erfordert, daß wir uns über unsere wirklichen Fragen bewußt werden und darüber, womit und wie man ihre Beantwortung sinnvoll betreibt. Denis Grogan (1967) hat z.B. 156 Fragen an Bibliotheken zusammengetragen und mehrfach darauf hingewiesen, daß es meist notwendig ist, vergleichend in verschiedenen Nachschlagewerken, Enzyklopädien, Handbüchern, etc. die Antworten zu suchen. Genaugenommen sind Enzyklopädien nichts anderes, als Systeme zur Beantwortung häufig gestellter Fragen. Entsprechend sind nach Untersuchungen von 1941 und 1978 in amerikanischen Public Libraries auch 55% bzw. 59% der Anfragen mit Nachschlagewerken zu beantworten gewesen (Grogan, D. S.29 1992).
Demgegenüber erfordert die Vielzahl der heute verfügbaren Datenbanken, z.B. in CompuServe oder Internet, ein thesaurus- oder hypertextartiges Leitsystem, um mit Hilfe einer Common Command Language, wie sie die amerikanische Z39.50 Norm beinhaltet, sich zurecht zu finden. Dabei können, wie bei CompuServe sich jederzeit Informationsspezialisten helfend im Netz einschalten, wenn bei einer Frage Hilfe benötigt wird. Bei wissensbasierten Systemen mit semantischen Komponenten kann dies teilweise vom Value Added Network geleistet werden.
Daß Thesaurusrelationen bei Wissensbanken hilfreich eingesetzt werden können, hat Jansen, R. (1993) deutlich gemacht. Dabei sollte allerdings ein verbreitetes Mißverständnis, daß auch in den DIN 1463 im Laufe der Zeit eher größer als geringer wurde, beseitigt werden. Die Unterscheidung von generischer und partitiver Relation berücksichtigt nur zwei von zahllosen Aspekten, unter denen Hierarchisierungen vorgenommen werden können. Der Begriff Personenkraftwagen deckt ebenso nur einen Teil des Begriffs Kraftwagen ab (es entspricht sinngemäß der Bool`schen Logik Personen UND Kraftwagen), wie die Kraftwagenkarosserie (Kraftwagen UND Karosserie). Es ist einmal der Aspekt der Transportfunktion und zum anderen der Aspekt der Konstruktion. Dahinter müßte also einmal die Frage stehen, "Welche Transportfunktionen können Kraftwagen haben?" und zum zweiten, "Aus welchen Bauteilen bestehen Kraftwagen?". Mit beliebig vielen weiteren Fragen könnten wir so zu zahlreichen anderen Hierarchien gelangen - z.B. "Aus welchen Funktionselementen bestehen Kraftwagen?", "Aus welchen Werkstoffen bestehen Kraftwagen?", "Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es bei Kraftwagen?", "Aus welchen Vorläufern bestehen heutige Kraftwagen?", etc.
Viele Thesauri sind bis heute wiederholter Kritik ausgesetzt gewesen, in ihren Hierarchien sehr heterogene Begriffe enthalten zu haben. Bei genauer Betrachtung erkennt man immer, daß hier keine klare Fragenformulierung dahinter stand - meist auch nicht dahinter stehen konnte, da einzelne Deskriptoren dies ohne die Syntax der Sprache kaum zuließen.
Nach einer 1989 publizierten Befragung von 554 wissenschaftlichen Bibliotheken in den USA boten damals nur 64% einen Online-Dienst an (Grogan, D. S.60 1992). Trotzdem wächst die Bedeutung der elektronisch gestützten Auskunft durch eigene CD-ROMs, durch Inhouse-Datenbanken, durch internationale Netzwerke oder durch die inzwischen klassischen Online-Datenbanken auch bei uns weiter.
Online-Recherchen werden normalerweise durch ein möglichst ausführliches Presearch Interview, das der Informationsvermittler (IVM) mit dem Endnutzer führt, vorbereitet. Dabei kann ein Thesaurus wahre Wunder wirken, wenn man über seine Hierarchien die Interessen der Endnutzer abprüft.
Das Presearch Interview hat seine Parallele in der konventionellen Auskunft. Es unterscheidet sich allerdings in drei wesentlichen Merkmalen von diesem:
A. Das Presearch Interview muß auf eine Online-Recherche vorbereiten, bei der jede Minute Geld kostet.
B. Der IVM muß aus der Frage des Endbenutzers nicht nur auf die richtigen Quellen (Bibliografien, CD-ROMs, Nachschlage-, Tabellenwerke, etc.) schließen, und diese dem Endbenutzer nennen, er muß in den verfügbaren Online-Datenbanken auch die Recherche professionell durchführen können. Der alte bibliothekarische Grundsatz, nur soweit zu helfen, bis sich der Fragesteller selbst weiterhelfen kann, verliert hier seine Bedeutung.
C. "Je nach Art der Abrechnung ist er (der IVM) ein Verkaufsberater für Information, bzw. ein Einkäufer mit bestimmten Rechten, der aus dem Interview heraus entscheidet , wieweit eine Recherche adäquat ist." (Umstätter, W. und Huthloff, C.-R. 1985).
Ob eine Online-Recherche in einer bestimmten Datenbank angebracht ist, zeigt sich gegebenenfalls an dem Vorhandensein zutreffender Thesaurusbegriffe oder entsprechender Klassifikationen. Stehen solche Hilfsmittel nicht zur Verfügung, empfiehlt es sich, stichprobenartig im Basic Index der Dateien zu stöbern. Datenbankführer, Bluesheets, Dialindex, Crossfile, etc. sind hilfreiche Instrumente.
Das Presearch Interview sollte, ebenso wie die konventionelle Auskunft, zunächst in einer möglichst gelösten Unterhaltung geführt werden, um aus den notwendigen Fragen heraus, die der IVM stellen muß, keine "Prüfungssituation" entstehen zu lassen. Sieht man davon ab, daß jeder Rechercheur seine eigene persönliche Fragetechnik entwickelt, die darüber hinaus je nach Endnutzer variiert, so gilt doch allgemein, daß er seine Funktion als Informationsspezialist, klar zu erkennen geben sollte. Er macht wie ein Arzt seine persönliche Distanz und Integrität deutlich und konzentriert die Fragen streng auf die Erfordernisse der Suche. Dabei kann und sollte beim IVM durchaus ein persönliches Engagement für die gestellte Frage ersichtlich sein.
Der Umgang mit den verschiedenen Endbenutzern, von den ganz vorsichtig anfragenden, bis hin zu den resolut fordernden, setzt eine gewisse Erfahrung voraus, die durch die genaue Beobachtung gewonnen wird, wie die verschiedenen Endnutzer auf die unterschiedlichen Fragetechniken, wie kurz, knapp, präzise, plaudernd, aus der Position des Dienstleistenden oder mehr aus der des Spezialisten heraus, etc., reagieren.
Mancher Nutzer überwindet die Angstschwelle, um seine Frage vorzutragen, leichter dadurch, daß er seine Frage nicht selbst formuliert, sondern für den Kollegen, die Verwandte oder Bekannte überbringt. Der erfahrene IVM kann dabei Hilfestellung leisten, indem er beispielsweise selbst von solchen interessanten Recherchen berichtet. So beobachtet man zeitweilig, daß ein Nutzer mit der hypothetischen Frage eines Kollegen erscheint, ob eine bestimmte Recherche möglich wäre, um daran anschließend eine eigene zu äußern.
Das Presearch Interview basiert im eigentlichen Sinne auf der Maieutik bzw. der Hebammenkunst des Sokrates. Es erfordert die Erarbeitung der Fragestellung des Endnutzers, der wie Lancaster und Grogan (S.92 1992) richtig vermuten, oft der Meinung ist, daß seine Frage ein noch ungelöstes Problem darstellt und somit keine publizierte Antwort existiert (s.o. nobelpreisträchtiges Thema). Insbesondere bei weniger erfahrenen Endnutzern zeigt sich oft, daß erst die Konfrontation mit der bereits vorhandenen Literatur das Hauptinteresse hervortreten läßt.
Um dies an einem Beispiel deutlich zu machen, betrachten wir den Chemielehrer, der mit der Frage: "Was gibt es an Literatur über Lipide" erscheint. Wir könnten ihm nun rasch klar machen, daß hier eine unüberschaubare Flut an Literatur über alle Fette in dieser Welt dokumentiert ist, und falls er es nicht glaubt, es ihm sogar beweisen. Damit wäre ihm sein Mangel an Professionalität vor Augen geführt und unsere Überlegenheit entsprechend demonstriert. Wir könnten aber ebenso gut davon ausgehen, daß ihm die Literaturflut bekannt ist und ihn bitten, uns mögliche, die Frage präzisierende Begriffe zu nennen, um die große Literaturmenge mit einer UND-Verknüpfung einzuschränken.
Das Presearch Interview sollte möglichst anhand eines Fragebogens durchgeführt werden, den man am besten selbst ausfüllt, um wirklich die treffenden Angaben zu gewinnen und außerdem einen nutzerfreundlichen Service anzubieten.
Der Fragebogen enthält neben den Fragen zur Person, zu den maximal entstehenden Kosten, den Spracheinschränkungen, dem abzusuchenden Zeitraum und dem Kostenträger etc. möglichst auch eindeutig beantwortbare Angaben zur Funktion (z.B. Professor, Dr., Student, Abteilung, etc.), da sich daraus auch gewisse Vorkenntnisse und Intentionen abschätzen lassen.
Ob eine Recurring (auch SDI oder Dauerauftrag genannt) angebracht ist, ergibt sich aus drei Punkten.
1. Aus der Frage, ob der Endnutzer dies wünscht, weil er die gestellte Frage langfristig bearbeitet.
2. Aus der Fülle der laufend publizierten Literatur dazu. - Es hat nicht viel Sinn, einem Endnutzer monatlich mitzuteilen, daß zu seinem Thema wieder nichts erschienen ist.
3. Aus der Belastung der Informationsvermittlungsstelle (IVS) heraus.
Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, daß eine halb- oder vierteljährliche Wiederholung sinnvoller ist, als ein sog. Recherchedauerauftrag, da die meisten Fragen sich im Laufe der Zeit zumindest graduell verschieben.
Fragen, wie "Grund der Suche - Diplom-/Doktorarbeit, Erste Information, geplantes Projekt, Gutachten, Veröffentlichung/Vortrag/Vorlesung, Patent" sind eine weitere Hilfe bei den Entscheidungen während des Retrievals. Während z.B. eine Erste Information schwerpunktmäßig Übersichtsartikel oder Bücher erfordert, sollte bei Diplom-/Doktorarbeiten eher eine umfassende Recherche zum Thema erfolgen. Besonders problematisch sind Anfragen zu Gutachten, bei denen streng darauf geachtet werden muß, mögliche Recherchen zu Gegengutachten in die Überlegungen mit einzubeziehen. Die Erfahrung zeigt, daß Fragesteller hier geradezu absichtlich nur die für sie selbst positiven Hinweise, Fakten und Belege suchen, bei der Konfrontation mit Gegengutachten aber verstimmt sind, aus der Recherche heraus nicht ausreichend vorbereitet worden zu sein.
Die Frage "Wie könnte ein typischer Titel lauten?" bzw. "Können Sie einschlägige Literatur nennen - auch eigene Publikationen?" macht viele Recherchen in Datenbanken mit zuverlässiger Indexierung zum Kinderspiel. In den anderen Fällen kann man sich so sukzessive an das Thema heran tasten. Der explizite Hinweis auf eigene Publikationen ist durch die falsche Bescheidenheit vieler Autoren erfahrungsgemäß notwendig. Bei dieser Frage empfiehlt es sich auch auf die Quellen zu achten, in denen die gewünschten Publikationen erschienen sein könnten. Oft sind internationale Datenbanken in Deutschland zwar thematisch einsetzbar, aber z.B. vom Sprachkreis her irrelevant.
Als recht irreführend erweist sich die oft empfohlene Frage nach Keywords zum gewünschten Thema, da die Endnutzer meist keine Vorstellung davon haben, in welchem Kontext sie gebraucht werden.
Dabei gibt es zwei gegensätzliche Typen von Klienten.
A. Den, der z.B. darauf bestand, daß nur ein Begriff in Frage kommt: Migration - im Nachhinein stellte sich heraus, daß er sich für die Permeabilität bestimmter Moleküle an Membranen interessierte.
B. Den, der nach mehrtägiger Arbeit seitenweise Wortlisten wie Technik, Methode, Analyse, Reinigung, Ausfällung, Präzipitation, ... ablieferte, um eine möglichst umfassende Antwort auf seine Frage "Wie gewinnt man Nitratreduktase?" (ein Enzym) zu erhalten. Hier war die Enttäuschung besonders groß, als der Name Nitratreduktase und der entsprechende Enzym-Code einige wenige Treffer erbrachte und die Recherche damit ihren Abschluß fand.
Nach Brenda Dervin kommen etwa 20% derjenigen, die nach einem Auskunftsgespräch zunächst glauben, ihr Problem sei gelöst, nach 45 Minuten zurück (Grogan, D. S.172 1992). Dies ist vergleichbar mit der Feststellung, daß der durchschnittliche neue Benutzer einer IVS bei seinem ersten Erscheinen, innerhalb kurzer Zeit etwa zwei Online-Recherchen in Auftrag gibt. So stellten rund 25 neue und 50 alte Nutzer pro Monat 100 Suchanfragen (G). In vielen Fällen kann man dabei sehr schön beobachten, wie sich die Erkenntnisse aus der ersten Recherche im zweiten Suchauftrag bemerkbar machen. Insofern kann und sollte man in vielen Presearch Interviews die zur Zeit akute Frage aus den vorhergehenden organisch entwickeln. Damit ist es notwendig, alle durchgeführten Recherchestrategien zu sammeln.
Die Kunst der Frage liegt sicher nicht zuletzt auch im interessierten bzw. im sog. aktiven Zuhören können.
Der Unterschied zwischen Wissen und Kunst liegt nach einem bekannten Bonmot darin, daß Wissen das ist, was wir gut genug verstehen um es einem Computer zu erklären. Alles andere ist Kunst.
So betrachtet wäre es keine Kunst, ein Teil der vielfach investierten Zeit und der Gelder, die die RSWK ebenso wie die RAK bereits verschlungen haben, zu retten, indem man aus den Normdateien Hilfsdateien für die Abfrage von Datenbanken erzeugt. Wir müßten dazu in einer Datei lediglich darauf hinweisen, daß in RAK oder RSWK z.B. Hildegard von Bingen eben auch unter Hildegard <von Bingen> oder unter Hildegardis <Bingensis> gesucht werden muß. Nach Popst, H. (1992) gälte entsprechend für Conrad Ferdinand Meyer auch au=meyer, conrad f bzw. sw=meyer, conrad ferdinand, etc. Dies ist zumindest einfacher, als eine nachträgliche Überarbeitung aller Dokumente, wie es Geißelmann, F. (1992) vorschlug. Er hat zweifellos recht, wenn er von einem relativ großen Vorhaben hinsichtlich eines einheitlichen Regelwerks spricht, wobei er auch durchaus den Unterschied zwischen dem theoretischen Regelwerk und der Praxis sieht. Ich denke allerdings, daß es angesichts steigender Personalkosten sinnvoller wäre, die Phantasie weniger in Richtung Organisation und Finanzierung zu lenken, als vielmehr in Richtung eines sogenannten wissensbasierten Suchsystems.
Wenn die Kunst der Frage in der Syntax liegt - im folgerichtigen Zusammenhang, dann stört zunächst die Tatsache, daß die RSWK nur einen geringen Anteil der Bücher in der DNB erschließen und damit unzählige Zusammenhänge unberücksichtigt lassen. Dort, wo sie Hilfestellung leistet, ist sie eher rudimentär. Greifen wir daher noch einmal den Vorschlag von Schulz, U. hinsichtlich der "expliziten Benennung von Zeit-Aspekten" (Bibliotheksdienst 27 (1) 1993) auf. Auch wenn es sicher sinnvoll wäre, bei einer Briefesammlung von Fontane z.B. 1888 zu indexen und damit über eine Range-Suche auch zeitliche Zusammenhänge lokalisierbar zu machen, so gibt es hier zwei grundsätzliche Probleme.
1. Welche und wieviel Zeitangaben wären anzubringen?
2. Was geschieht mit der gesamten bisherigen Literatur?
Konsequenz dieser Tatsache ist, daß wir heute in der Praxis nur eine Chance haben z.B. Buchtitel zu Bach zu finden, indem wir Bach$ UND (Sebastian ODER Händel ODER ...) suchen. Hinsichtlich dieses Ergebnisses scheint auch die Frage, z.B. nach allen Buchtiteln die im Zusammenhang mit dem Barock stehen, nicht besonders sinnvoll. Was sollte sie in dieser Form, vom bibliothekarischen Interesse abgesehen, beantworten?
Bei realistischer Betrachtung und bei Berücksichtigung sinnvoller Fragen dürfte es heute erheblich vernünftiger sein, einem Buch eine kurze Inhaltsangabe (z.B. Waschzettel, Sachregister oder Buchbesprechung) beizugeben und sich dann über sinnvolle Recherchemöglichkeiten Gedanken zu machen, als weiterhin soviel Geld für eine mehr als dürftige Sacherschließung zu opfern. Was an dieser Entwicklung, in der immer wieder befürchtet wird, daß dies oder jenes "den Katalog an bestimmten Stellen unmäßig aufschwemmen würde" (Heiner-Freiling, M. 1993), schon heute nicht ganz zeitgemäß ist, wird morgen überflüssig und übermorgen schlicht unsinnig sein.
Karteikartensysteme sind heute über weite Strecken nicht mehr professionell und schaden insbesondere dem Ansehen der Öffentlichen Bibliotheken, weil sie bei derzeitigen Personalkosten keine adäquaten Antworten auf die Fragen ihrer Benutzer liefern.
Bei schätzungsweise einer Million Modems in Deutschland mit rasant steigender Tendenz, die es inzwischen zulassen, die eine oder andere Fragen an Präsident Clinton direkt über CompuServe beantworten zu lassen (Der Spiegel 17/1993 S.270-272), sollten die Bibliotheken nicht mit veralteter gedruckter Information in den Wettbewerb treten. Diese Profession muß wissen, wo und von wann ab sie sich möglicherweise der Lächerlichkeit preisgibt. Sie muß sich über die wirklichen Stärken des gedruckten Wortes bewußt werden.
Die von Schulz, U. im Bibliotheksdienst 25 (2) (1991) angesprochene "sinnvolle Schlagwort-Syntax" ist für uns Menschen am sinnvollsten und am vertrautesten in der natürlichen Sprache selbst. Ihrer Nutzungsmöglichkeit trägt modernes Retrieval mit Kontextoperatoren auch zunehmend Rechnung. Gerade diese Syntax ist es, die die Bedeutung von Schlagworten nuancieren oder auch umkehren kann. Wir müssen nur darauf achten, daß unsere Fragen auch präzise gestellt und sinnvoll beantwortbar sind.
Es dürfte heute sowohl die einfachste als auch sinnvollste Möglichkeit sein, für eine Sammlung häufig gestellter sinnvoller Fragen, intelligente Retrievalsysteme anzubieten, die dabei helfen, diese Fragen zu beantworten. Unsere bisherigen Katalogisierungs- bzw. Erschließungssysteme waren, auch wenn sich viele darüber nicht bewußt sind, nichts anderes als Ordnungssysteme, um Fragen in gelenkte Bahnen zu leiten, um sie dann leichter beantwortbar zu machen. Den Bibliotheken, Dokumentationen und Archiven über CD-ROMs, Kommunikationsnetze bzw. Highspeed Modems Hilfsmittel anzubieten, um ihre jeweiligen Fragen rasch und präzise zu beantworten, dürfte schon bald erheblich preiswerter sein, als die Sacherschließung der RSWK es überhaupt zuläßt.
Nur wer falsch fragt, geht leicht in die Irre.
Gauch, S. and Smith, J.B.: An Expert System for
Automatic
Query Reformation
JASIS 44 (3) S.124-136 (1993)
Geißelmann, F.: Probleme der Vereinheitlichung
von
RAK und RSWK
Bibliotheksdienst 26 (11) S.1676-1687 (1992)
Grogan, D.: Case studies in reference work
Clive Bingley, London (1967)
Grogan, D.: Practical reference work. Second
edition
Clive Bingley, London (1992)
Harrington, J.N.: Reference Service in the
Children's
Department: A Case Study
Publ. Libr. Quart. & (3) S.65-75 (1986)
Hacker, R.: Bibliothekarisches Grundwissen. Unter
Mitarbeit
von Hans Popst und Rainer Schöller
UTB, Verlag Dokumentation, Pullach bei München (1973)
Hacker, R.: Bibliothekarisches Grundwissen. 6.
völlig neu bearbeitete Auflage
K.G. Saur, München (1992)
Heiner-Freiling, M.: Beschlagwortung von
Belletristik,
Kinder- und Jugendliteratur und Schulbüchern - ein neues
Dienstleistungsangebot Der Deutschen Bibliothek
Dialog Bibl. 5 (1) S13-18 (1993)
Jansen, R.: Thesaurusrelationen als instrumentelle
Hilfsmittel für Hypertext und Wissensbanken?
Nachr. f. Dok. 44 (1) S.7-14 (1993)
Kaiser, A.: Intelligente Information Retrieval
Systeme
Nachr. f. Dok. 44 (3) S.157-162 (1993)
Popst, H.: Zur Angleichung und Verbesserung der
Ansetzungsbestimmungen der RAK und RSWK
Bibliotheksdienst 26 (9) S.1328-1337 (1992)
Schulz, U.: Einführung in die Grundlagen der
inhaltlichen Erschließung mit BISMAS am Fachbereich BID des FHS
Hannnover
ABI Technik 11 (4) S.289-296 (1991)
Schulz, U.: Was ist sinnvolle Schlagwort-Syntax
(eine
Polemik)
Bibliotheksdienst 25 (2) S.185-195 (1991)
Schulz, U.: Zur Didaktik der inhaltlichen
Erschließung in der Ausbildung von Diplom-Bibliothekaren
Bibliothek Forsch. u. Praxis 16 (2) S.255-263 (1992)
Schulz, U.: Einige Anforderungen an die
Qualität
von Normdateien aus der Sicht der inhaltlichen Erschließung
für
Online-Kataloge. Teil 1: Zeit-Aspekt
Bibliotheksdienst 27 (1) S.9-19 (1993)
Schulz, U.: Einige Forderungen an die Qualität
von Normdateien aus der Sicht der inhaltlichen Erschließung
für
Online-Kataloge. Teil 2: Geographischer Aspekt
Bibliotheksdienst 27 (3) S.315-328 (1993)
Umstätter, W. und Rehm, M.: Die
Universitätsbibliothek als Informationsstelle - Erfahrungen mit
DIMDINET.
Nachr. f. Dok. 31 (4/5) S.172-176 (1980)
(Aufsatz als Volltext)
Umstätter, W. und Huthloff, C.-R.:
Interviewtechnik
In: Blumendorf, P.; Henzler, R.; Huthloff, C.-R.; Ott, G.-A.; Peters,
J.-P.;
Sailer, K.; Schäfer, C.; Skalski, D.; Umstätter, W. und Vogel.
E.: Ausbildung im Online-Retrieval und in der
Online-Informationsvermittlung
an bundes-deutschen BID-Ausbildungseinrichtungen. Teil 2: Grundlagen und
Empfehlungen zu Ausbildungsinhalten, -zielen und -methoden sowie
curriculare
Umsetzung.
Hrsg.: FH Hannover FB BID (1985)
Umstätter, W.: Wäre es nicht langsam
Zeit,
die Informationstechnologie in der bibliothekarischen
Sacherschließung
etwas ernster zu nehmen? Ein Wort zur RSWK
ABI Technik 11 (4) S.277-288 (1991)