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Published in: Password: Sonderheft zur Infobase S.3-6 (1989)

Online war erst der Anfang.

Walther Umstätter

Nicht nur auf der letzten IOLIM, mit ihren knapp 7000 Besuchern, stellte sich die Frage, ob Online noch der richtige Begriff für das ist, was ein sogenannter Onliner eigentlich tut. Auch bei der letzten Frühjahrstagung der Online-Benutzergruppe im Rahmen der INFOBASE drängte sich diese Frage angesichts des zehnjährigen Bestehens der OLBG und der zunehmenden Bedeutung von CD-ROM und Inhousesystemen auf. Die kommende OLBG-Frühjahrstagung wird am 9.-11.5.89 sich wieder verstärkt den Datenbankanbietern- und Produzenten widmen. Die OLBG wird versuchen, ihrer Rolle als Nutzergruppe von Datenbanken - gleichgültig ob online oder über CD-ROM - verstärkt gerecht zu werden. Ob Nutzer, Partner oder Kunde, Onliner brauchen die Anbieter und diese die Diskussion mit dem Verbraucher ihrer Ware - auch wenn man Information nur schlecht verbrauchen kann. Neben diesem ureigensten Schwerpunkt einer OLBG-Tagung und dem obligatorischen Einsteigerforum sowie den Product Reviews sind freud- und leidvolle Erfahrungsberichte aus dem Datendschungel Gegenstand der Diskussion. Online an Hochschulen eröffnet nicht nur die Frage der Nutzung und des Einsatzes in den Aussbildungs- und Forschungseinrichtungen, es gibt auch zu der Diskussion Anlaß, wieweit der fachinformatorische Nachwuchs in diese neuen Entwicklungen mit eingebunden ist. So bietet die DGD-OLBG Studenten, die sich in Gruppen anmelden, erheblich preiswertere Teilnahmebedingungen. Natürlich dürfen auch Themen wie Hypertext, Document Delivery oder die Anwendung von WORM nicht übergangen werden. Eine Tagung von Fachleuten und solchen, die es werden wollen, lebt aus dem geistigen Tauschgeschäft und  daraus, daß man den anderen zeigt, daß man mehr weiß - das profiliert.

Noch vor wenigen Jahren war Online ein junger dynamischer Begriff, der zeigte, daß man dabei war. Nun setzt er Patina an, erinnert schon fast an offline und zerfasert sich in ein dunkles unübersehbares Gespinst. Da wird gemailboxt, gegatewayt oder emuliert und auf manchem Micro ein Host simuliert. Kurzum, es ist Zeit, auf der OLBG-Tagung die Frage zu stellen, welche Rolle der Onliner von heute im Informationsmanagement von morgen spielen will und welche ihm die Fachinformation zuzuordnen gedenkt. Dazu ein paar besinnliche Worte.

Es war einmal ein Weinberg Report, der nahm die sogenannte dritte Computergeneration von IBM 1963 zum Anlaß, die Dokumentation zu modernisieren, wenn nicht gar auf einer neuen Ebene zu begründen und dazu einige Datenbankproduzenten und deren Produkte staatlich zu fördern. Daraus entstanden bekannte Datenbanken wie MEDLINE, CAS, ERIC, NTIS, SciSearch oder LC MARC, die auf Hosts wie ORBIT (1965), DIALOG (1966) und vielen anderen ihren Weltrum erlangten. Nur wenig mehr als ein Dezennium später eiferte man diesem guten Beispiel in der Bundesrepublik nach und bewies mit dem IuD - Programm '74 - '77, daß man die Beratergruppe von John F. Kennedy, die sich um Weinberg geschart hatte, in dem Punkt: Es gibt eine Informationsflut, bei deren Bewältigung der Staat helfen muß, um Doppelarbeit zu verhindern, durchaus verstand. Der Rest schien wohl nicht so wichtig. Vater Staat half somit, nach lähmender großer Koalition, ganz sozial bei dem Aufbau an zwanzig geplanten Informationszentren. Er erfreute sich an einer zunehmenden Zahl von Recherchen und staunte, als deutsche Nutzer nicht in Begeisterung ausbrachen, wenn sie statt ihrer Literatur meist nur die der Amerikaner fanden. Flugs kam es zu Untersuchungen, die nachwiesen, daß die wichtigsten deutschen Zeitschriften im internationalen Onlineangebot vertreten sind. Nur so mancher Endnutzer fand sich trotzdem nicht wieder, zumal sein Aufsatz nicht die hohe Priorität hatte, wie der vergleichbare amerikanische oder englische. War da nicht der Münchner Professor, der in INSPEC mit 0 Hits und in den ehemals Physikalischen Berichten über zwanzig mal auftauchte?

Gern wurde daher 1984 bei den Deutschen vom mangelnden Informationsbewußtsein geplaudert und die große Abhängigkeit von CAS und anderen Produzenten sprach sich inzwischen auch herum. Weinberg selbst hatte das zwanzig Jahre früher schon sehr schön bildlich dargestellt, wie es ist, wenn man von Wasser oder von Information abhängig wird und diejenigen, die an den Schleusen sitzen, zu Königen werden.

Online ist so herrlich teuer für Otto Normalverbraucher und damit so wunderbar elitär, für die, die es sich leisten können. Folglich schwärmt man davon, daß Information ihren Preis habe und daß jeder, der Information wirklich brauche, diese auch bezahlen könne. Nur von den großen Mengen Schrott, der auch beim Online verarbeitet werden muß, schweigt man gern. Gemeint ist übrigens der Schrott, den man schon kennt, oder den nur die anderen brauchen.

Je mehr ein Fachmann weiß, desto weniger Fachinformation braucht er auf seinem Fachgebiet. Je weniger ein Fachmann weiß,  desto weniger ist er der Fachmann, der Fachinformation braucht. Fachinformation brauchen also nur die, die auf einem Gebiet kein ‚Fachmann‘ sind, aber rasch werden wollen, und die, die sich zwar heute noch dazu zählen, aber vielleicht schon morgen nicht mehr, weil ihnen der Informationsnachschub fehlt.

War im IuD - Programm noch von der verbesserten Informationsmöglichkeit für den Bürger die Rede, sprach man ab 1983 ganz gezielt vom Fachinformationsprogramm, um nicht zuletzt das damals noch heiß diskutierte BTX mit seinen Trivialinformationen für Familie Jedermann, auszuklammern. Wirtschaftliches Denken breitete sich nun von den USA in alle Teile der Welt aus. Herr Krause war gegangen, Herr Czermak gekommen und Privatisierung angesagt. Nur an der Tatsache, daß zwar ein potenter Online-Nutzerkreis über seine Nachfrage ein adäquates Angebot auslösen kann, aber ein Host noch lange keine Nachfrage, änderte sich nichts. Hatte Herr Krause noch darauf hingewiesen, nicht den Input und Output gleichzeitig subventionieren zu können, als ob das doppelt so teuer wäre, blieb man bei der Subvention der Hosts und rief permanent nach wachsender Kostendeckung. Der Mut zum freien Markt, der vermutlich sofort das produziert hätte, was die Endnutzer zu bezahlen bereit gewesen wären, fehlte. Natürlich hätte man alles von DIALOG, BRS, ESA, TELESYSTEMES u.a. geholt, was dort kostengünstig zu haben gewesen wäre, aber jeder deutsche Verlag und jeder Jungunternehmer hätte seine Chance gesucht, von diesem großen Kuchen etwas abzubekommen und ein deutscher Host hätte gewußt, wieviel er an diesem Markt verdienen kann.

Online ist im Gegensatz zu offline etwas für Leute, die auf Draht sind, aber im allgemeinen eine lange Leitung haben. Um es negativ zu sagen: Es ist nichts für Leute, die Wissen im eigenen Rechner speichern, sondern für solche, die woanders pirschen. Mode wurde dieser Job Ende der 70er Jahre, als Zeitschriften wie Online, On-line Review, Database und als auch "Öffentliche Verwaltung und Datenverarbeitung" den Untertitel "Online/adl" annahmen. Letzterer Verlag zwang dann später die OLBG, ihr Online Info in OLBG-Info umzutaufen. Doch da hatten sich die Onliner auch schon längst mehr und mehr intelligenten Mikrocomputern zugewandt. Sie ‚loadeten‘ up und down und dynamisierten ihre Recherchen. Eigene Datenbanken kamen zunehmend in die Diskussion und CD-ROM schwappte wie eine silberne Welle über den Teich.

Hatte man Ende der 60er Jahre Datenbanken noch offline und Ende der 70er Jahre online, so machen sich Ende der 80er Jahre die Inhouse Datenbanken breit und sicherlich in den 90er Jahren solche mit sehr viel intelligenteren Oberflächen. Das sind die,von denen man sagen könnte, sie verhielten sich wie kleine Experten auf ihrem Gebiet. Es scheint geraten, sich langsam von den Vorstellungen der 3. Computergeneration der 60er Jahre zu trennen, sich zunehmend auf die 4. Computergeneration des Heute einzulassen und den Blick auf die 5. Computergeneration des Morgen zu richten.

Datenbanken mit Bildern und Grafiken, Transputer, Hypercard und Hypertext ergreifen die Macht über den Informationsmarkt nicht nur aufgrund ihrer Faszination sondern vielmehr aus ihrer Notwendigkeit heraus. Die CeBIT '89 führte die Voraussetzungen  für diese neue Informationslandschaft vor. Nun fehlt nur noch die Anwendung, die wenigen Kilo-Mannjahre um das aufzubereiten, was an Information gebraucht wird. Es ist gleichgültig ob die Daten hierzu abgeschrieben, heruntergeladen oder eingescannt werden. Sie müssen verfügbar sein und Zeit ist nicht Geld, aber sie kostet immer mehr.

Informationsmanagement ist die Kunst, dem Kunden die Information zu geben, die er verlangen würde, wenn er wüßte, daß es sie gibt und nicht das Ausleihen eines Buches über das Liebesleben der Ameisen an den Leser, der wissen möchte, was verteilte Intelligenz ist. Online ist und bleibt das Medium für die aktuelle Information und ist damit integraler Bestandteil einer Messe wie der INFOBASE, deren Zielgruppe das Informationsmanagement ist. Es ist aber inzwischen nicht mehr die Rosine im Rosinenkuchen des Informationsgebäcks. Die Dokumentationslandschaft wird von nun an immer schöner und bunter - Grafik ist angesagt.


Last update: 1. July 1997 © by Walther Umstaetter