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Published in: Nachr. f. Dok. 33 (2) S.50 -52 (1982)

Die Halbwertszeit in der naturwissenschaftlichen Literatur

Von Walther Umstätter, Margarete Rehm und Zsuzsánna Dorogi, Ulm

Zusammenfassung

Aus der Benutzung der Universitätsbibliothek Ulm wurde eine Halbwertszeit-Funktion in der naturwissenschaftlichen Literatur von t1/2 = 5 Jahren bestimmt. Eine interessante Abweichung von dieser Halbwertszeit-Funktion ist bei der Bestellung der neusten Zeitschriften zu beobachten. Der Grund hierfür liegt vermutlich darin, daß Wissenschaftlerdas Vierfache an neuster Literatur lesen müssen, um wissenschaftliche Trends zu überschauen. Eine weitere Abweichung ist in der ältesten Literatur festzustellen, bei den sogenannten "citation classies". Übereinstimmung zeigt sich im Zitier- und Kopierverhalten bei Zeitschriftenliteratur, die älter als zwei Jahre ist. Etwa 27% der an die Universitätsbibliothek Ulm gerichteten Literaturanforderungen betreffen Zeitschriftenaufsätze mit einem Alter von über zehn Jahren, da diese Bestände für die Benutzer nur schwer zugänglich sind. Dies zeigt die große Bedeutung einer Freihand-Bibliothek.

Summary

The use of the University Library of Ulm shows a half-life function with tl/2 = 5 years for current scientific literature. An interesting divergency from this half-life function was found in the use of the newest periodicals. The reason is presumably that scientists have to read a fourfold of newest literature in order to screen the scientific trends. Another small deviation was found in the use of the oldest literature: the so called "citation classics". There is a concurrence in the behavior of copying and citing of publications in periodicals older than two years. Nearly 27% of the ordered periodical literature in the University Library of Ulm was for papers older than ten years, because these volumes are hardly accessable to the users. This shows the great importance of open freehand libraries.


Es ist bekannt, daß Literatur, entsprechend der Halbwertszeit von radioaktiven Substanzen, gemäß der Funktion C = C0 * e –pt veraltet. Dabei ist C die Zahl der Publikationen zum Zeitpunkt t in Jahren, C0 die Anzahl der Veröffentlichungen zur Zeit des Untersuchungsbeginns, p eine Konstante, die ein Maß für die sich in Publikationen niederschlagende Progression der Wissenschaft darstellt und e die Basis zum natürlichen Logarithmus (Burton, R. E.; Kebter, R. W., 1960 (1)).

Für die Naturwissenschaften* läßt sich die genannte e-Funktion an Hand des Science Citation Index (SCI)** nachprüfen (Cole, P. F., 1962 (2)), insofern die Halbwertszeit in der Literatur einen Wert dafür angibt, wie rasch eine Veröffentlichung, gemessen an der Abnahme ihrer Zitierungen, veraltet.

Es wurden 597 Zitate aus dem Citation Index 1980 nach ihrem Alter geordnet, ausgezählt und nach o. g. Funktion berechnet (Tab. 1).

Tab. 1: Empirische und theoretische Bestimmung der Halbwertszeit aus dem SCI
Alter Ausgezählte 
Zitate
Berechnete 
Zitate
-1975
269
269
1974-1970
150
135
1969-1965
65
67
1964-1960
50
34
1959-1955
14
17
1954-1951
11
8
< 1950
38
8

Aus der allgemeinen Funktion zur Berechnung der Halbwertszeit und der Tabelle 1 läßt sich die Gleichung C = 269 * e-0,1386*t aufstellen, nach welcher die Halbwertszeit t1/2 für die Naturwissenschaften heute etwa fünf Jahre beträgt. Es ist bemerkenswert, daß dieser Wert sich seit Jahren konstant hält (Brookes, B. C., 1970 (3)).

Die Tabelle 1 zeigt eine gute Übereinstimmung zwischen den ausgezählten und berechneten Werten (Abb. 1). Lediglich bei den Arbeiten mit einem Alter von über 30 Jahren ist eine größere Abweichung festzustellen, die sich aus der überproportional häufigen Nennung von sogenannten "citation classics" (Price, D. J. de Solla, 1965 (4)), im vorliegenden Fall u. a. von Plato, ergibt. Nach Price liegt ihr Anteil bei etwa 4%, was durch unsere kleine Stichprobe mit 5% nahezu bestätigt wird.

Berücksichtigt man die bei dieser Untersuchung auftretenden erheblichen Fehlerquellen - z. B. kann eine Publikation im Laufe der Zeit auch in wachsendem Maße zitiert werden (Garfield, E., 1973 (5)) -, so wäre es verfehlt, eine größere Genauigkeit anstreben zu wollen.

Nach Garfield, E. (1979) (6) liegt die Hälfte aller Zitate für bestimmte Zeitschriften bei

1,2 Jahren für Review of the Electrical Communication Laboratories
1,6 Jahren für Online
5,5 Jahren für Lancet
5,5 Jahren für Nature
6,4 Jahren für Science
> 10 Jahren für Zoologischer Anzeiger.
Vergleicht man mit diesen Ergebnissen die Bestellungen von Kopien aus Zeitschriften, die im Dezember 1980 an die Universitätsbibliothek Ulm gerichtet und erledigt worden sind, so zeigt sich eine interessante Abweichung.

Abb. 1: Logarithmische Auftragung der Halbwertszeitkurven. Abszisse: Alter der Literaturzitate in Jahren; Ordinate: Natürlicher Logarithmus von N = Zahl der Aufsätze; Ausgezogene Gerade: Halbwertszeitkurve im Zitierverhalten der Naturwissenschaftler (nach SCI): t1/2 = 5 Jahre; Unterbrochene Gerade: Halbwertszeitkurve bei Kopieanforderungen von Naturwissenschaftlern der Universitätsbibliothek Ulm mit t1/2 = 5 Jahre; C = 193 * e-0,1386*t. Punktierte Gerade: Halbwertszeitkurve mit tl/2 = 0,4 Jahre; C = 588 . e-1,733 . t. Die Superposition der punktierten und unterbrochenen Geraden ergibt die Kurven der Abbildung 2.

Es wurden 2.647 Anforderungen ebenfalls nach ihrem Alter geordnet, ausgezählt und nach der genannten Funktion berechnet (Tab. 2).

Tab. 2: Empirische und theoretische Bestimmung der Halbwertszeit aus Anforderungen von Kopien aus Zeitschriften
Alter Ausgezählte 
Anforderungen
Berechnete 
Anforderungen
1980
797
193 + 604 = 797
1979
270 
168 + 107 = 275
1978
198
146 +  19 = 165
1977
139
127 +    3 = 130
1976
101
111 + 1 = 112
1975
90
97
1974-1970
327
325
1969-1965
363
162 * 2 = 324
1964-1960
132
81 * 2 = 162
1959-1955
89
41 * 2 = 82
1954-1950
49
20 * 2 = 40
1949-1940
40
15 * 2 = 30
1939-1930
22
4 * 2 = 8
1929-1920
14
1 * 2 = 2
1919-1910
3
1909-1900
3
< 1900
10

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist in den Abbildungen 1 und 2 dargestellt: Die Kurve ist in zwei sich überlagernde Halbwertsfunktionen zerlegbar:

1. in die den Naturwissenschaften allgemein entsprechende mit t1/2 = 5 und

2. eine sehr kurzlebige mit tl/2 = 0,4 Jahre.

Die sprunghafte Verdoppelung vor 1970 ergibt sich bemerkenswerterweise aus der Magazinierung dieser Zeitschriften, während die Periodika ab 1970 in Freihandaufstellung zugänglich sind. Trotzdem stammen dabei (auch in Ulm) 50% aller bestellten Zeitschriftenaufsätze aus den letzten zwei bis drei Jahren. Dies entspricht den Untersuchungen von Cole, P. F., (1963) (7).

Vergleicht man die Tabelle 2 mit einer bereits vor zehn Jahren in Ulm durchgeführten Untersuchung (Tab. 3), so zeigt sich die gleiche Halbwertszeit von fünf Jahren, bei einer entsprechend veränderten Magazinierung und einem noch stark im Aufbau befindlichen Zeitschriften bestand. (Die Zahl der Bestellungen von 1970 war, wie man sieht, noch nicht vollständig erfaßt)

Abb. 2: Zeitliche Verteilung der bestellten Zeitschriftenaufsätze in der Universitätsbibliothek Ulm. Abszisse: Erscheinungsjahr der Publikationen; Ordinate: N = Zahl der Aufsätze; Insertion: Logarithmische Auftragung. Die sprunghafte Verdopplung der Bestellungen von Aufsätzen aus Zeitschriften vor zehn Jahren ergibt sich aus ihrer Magazinierung in der Universitätsbibliothek Ulm.

Tab. 3: Empirische und theoretische Bestimmung der Halbwertszeit aus Anforderungen von Kopien aus Zeitschriften
Alter Ausgezählte 
Anforderungen
Berechnete 
Anforderungen
1970
2179
1850 (+329)
1969
2806
1611 (+1195)
1968
1946
1402 (+544)
1967
1412
1221 (+191)
1966
1068
1063
1965
952
925
1964
815
806
1963
664
701
1962
573
610
1961
458
531
1960
435
463
1955-1959
1347
1324
1950-1954
819
662
1945-1949
329
331
1940-1944
183
165
1930-1939
420
248 (+172)
1920-1929
251
124 (+127)
1910-1919
80
62 (+18)
1900-1909
35
31
< 1900
32
31

Die Unterscheidung von zwei korrespondierenden Halbwertszeiten erscheint insofern sinnvoll, als der Wissenschaftler gerade bei der neusten Literatur stark sondieren muß, welche Veröffentlichungen zitierfähig sind. Nach Garfield, E. (1971) (8) werden 10% oder mehr der Publikationen nie zitiert. Das neuste Schrifttum muß aus der Durchsicht der Periodika, der Current Contents und über Online-Literaturrecherchen gewonnen werden (Rehm, M.; Umstätter, W., 1979 (9). Ältere Literatur dagegen wird meist aus Zitatenanhängen entnommen und folgt möglicherweise schon deswegen dem Zitierverhalten mit einer Halbwertszeit von fünf Jahren.

Auch die Benutzung von 1 433 Zeitschriftenbänden, welche aus den von den Benutzern der Universitätsbibliothek Ulm den Regalen entnommenen und (auf Bitten der Bibliothek) nicht mehr zurückgestellten Bänden registriert wurde, führte zu der Halbwertzeit tl/2 = 5 Jahre (Tab. 4).

Tab. 4: Empirische und theoretische Bestimmung der Halbwertszeit aus der Benutzung von (frei) zugänglichen Zeitschriftenbänden
(1980
48)
1979 163 163
1978 143 142
1977 140 124
1976 103 108
1975
85
94
1974
88
82
1973
64
71
1972
63
62
1971
63
54
1970
52
47
1965-1969 131 157
1960-1964
90
78
1955-1959
51
40
1950-1954
39
29
1940-1949
35
15
1930-1939
17
4
1920-1929
(57)
1
1910-1919
10
1900-1909
15
< 1900
24

Dabei konnten die neu erschienenen Zeitschriftenhefte nicht berücksichtigt werden und störten daher die Gleichung C = 163 * e-0,1386 * t nicht.

Aus dem Tatbestand, daß zum Verständnis einer Publikation oft die Kenntnis der in ihr enthaltenen Literaturzitate notwendig ist, versteht sich der Zusammenhang zwischen der Bestellung von Kopien aus Zeitschriften, der Benutzung des frei zugänglichen Zeitschriftenbestandes und des Zitierverhaltens der Bibliotheksbenutzer.

Bibliotheken haben bei der Bereitstellung von naturwissenschaftlicher Zeitschriftenliteratur zu berücksichtigen, daß die allerneusten Veröffentlichungen viermal so oft studiert werden, als dies theoretisch bei einer Halbwertszeit von fünf Jahren heute zu erwarten wäre.

Da die meisten Zeitschriften der Universtitätsbibliothek Ulm, deren Erscheinen über zehn Jahre zurückliegt, bedingt durch räumliche Zwänge, in weniger gut zugänglichen Magazinen aufgestellt werden mußten, steigt die Zahl der Bestellungen aus diesem Zeitschriftenbestand um das Doppelte an. Aus dieser Feststellung läßt sich die Vermutung ableiten, daß bei frei zugänglichen Zeitschriften die Hälfte der Kopien von den Nutzern lieber selbst angefertigt wird bzw. entfällt. Da für Publikationen mit einem Alter von über zehn Jahren weniger und schlechtere Dokumentationssysteme als zum Nachweis neueren Schrifttums zur Verfügung stehen, ist gerade bei dieser Literatur die Suche besonders schwierig und zeitaufwendig, so daß nicht selten mehrere Jahrgänge bestimmter Zeitschriften einzeln durchsucht werden müssen (siehe Tab. 4: 1920 bis 1929).

Auch bei Monographien liegt nach einer Untersuchung in der Universitätsbibliothek Ulm die Halbwertszeit bei etwa fünf Jahren.

Es wurden 643 ausgeliehene Bücher nach ihrem Alter (Erscheinungsjahr) geordnet, ausgezählt und nach der Funktion C = C0.e-0,1386*t berechnet (Tab. 5).

Berechnet man die Werte von Kilgour, F. G. (1961) (10), so decken sich diese in etwa mit den hier gefundenen. Allerdings zeigt sich eine Verschiebung der Halbwertszeitkurve um etwa ein Jahr, was sich daraus erklärt, daß Monographien durch ihre verspätete Erscheiungsweise und den Geschäftsgang innerhalb von Bibliotheken einer Zeitverzögerung von etwa einem Jahr unterliegen.

Tab. 5: Empirische und theoretische Bestimmung der Halbwertszeit aus der Entleihung von Monographien
Alter Ausgeliehene 
Bücher
Berechnete 
Werte
1980
22
1979
67
1978
66  (308)
309
1977
63
1976
47
1975
43
1970-1974
191
155
1965-1969
77
77
1960-1964
41
38
1955-1959
13
19
1950-1954
5
10
1940-1949
2
7
1930-1939
2
2
1920-1929
2
1910-1919
2
1900-1909
< 1900


* Hier und im folgenden ist "Naturwissenschaften" im Sinne des angloamerikanischen" Science" zu verstehen.

** Philadelphia, Pa.: Institute for Scientifie Information (ISI) 1961 ff.


Literatur

(1) Burton, R. E., Kebler, R. W.: The "half-life" of some scientific and technical literatures.
American Documentation 11 (1960) 18-22

(2) Cole, P. F.: A new look at reference scattering.
Journal of Documentation 18 (2) (1962) 58-64

(3) Brookes, B. C.: Obsolescence of special library periodicals: Sampling errors and utility contours.
Journal of the American Soiety for Information Science 1970, 320-329

(4) Price, D. J. de Solla: Networks of scientifie papers.
Science 149 (1965) 510-515

(5) Garfield, E.: Unicitedness III - The importance of not being cited.
In: Garfield, E.: Essays of an information seientist. Vol. 1 (1962-1973), S. 413-414. Philadelphia, Pa.: ISI Press (1977)

(6) Science Citation Index.
Journal Citation Reports 14 (1979), Journal half-life package, Sect. 2. 1979 Journals ranked by half-life. S. 287-294. Philadelphia, Pa.: ISI (1979)

(7) Cole, P. F.: Journal usage versus age of journal.
Journal of Documentation 19 (1) (1963) 1-11

(8) Garfield, E.: Citation indexing, historio-bibliography and the sociology of science.
In: Garfield, E.: Essays of an information scientist. Vol. 1 (1962-1973), S. 158-174. Philadelpia, Pa.: ISI Press (1977)

(9) Rehm, M., Umstätter, W.: Auswirkungen einer Online-Literaturdokumentation auf eine Hochschulbibliothek. Ein Erfahrungsbericht aus der Universitätsbibliothek Ulm.
DFW. Dokumentation, Information 27 (2) (1979) 43-46

(10) Kilgour, F. G.: Recorded use of books in the Yale Medical Library.
American Documentation 12 (1961) 266-269


Last update: 31. January 2000 © Walther Umstätter