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Umstätter
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Published in: Auf dem Weg zur Informationskultur. Festschrift für Norbert Henrichs
zum 65. Geburtstag. S. 31-42 Hrsg.: Schröder, T.A.
Reihe: Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Band 32.
(2000)
Henrichs hat 1998 dem bisherigen Marktparadigma das unsere Informationswelt beherrscht, und bei dem der momentane wirtschaftliche Nutzen der Information zu stark in den Mittelpunkt gerückt ist, ein anderes Paradigma gegenübergestellt, das auf Zukunftssicherung ausgerichtet ist und das vor dem zu kurzfristig ausgerichteten Marktnutzen warnt. Es geht um Einsicht, Weitsicht und damit um mögliche Zuversicht.
Er nennt es eine "positive Utopie", in der er die Informationsspezialisten zur Mitgestaltung der Informationsgesellschaft aufruft. Nicht nur der Sport, die Raumfahrt oder das Entertainment braucht Idole. Auch die Medizin, die Physik oder die Biologie kennt sie. Der teilweise verbitterte Kampf um ihre Durchsetzung ist oft nichts anderes als die Personifizierung von Paradigmen. So ist der Kampf um die Anerkennung bzw. die Diskriminierung der Leistungen Darwins, bei den Kreationisten in den USA ein neues Beispiel um diese hohe Bedeutung von Idolen und ihren Visionen. Insofern geht es bei solchen Fragen nicht nur um eine positive oder negative Utopie, sondern auch um die Frage von Idolen.
Hat die Dokumentation Idole? Ist Eugene Garfield, einer der ganz wenigen die mit Hilfe der Dokumentation zum Millionär wurden, für uns ein Idol? Oder ist es nicht eher Henri Lafontaine, den die moderne Dokumentation bereits zu vergessen droht, und an den Henrichs mit Recht erinnert, weil er 1913 den Friedensnobelpreis für seine Idee der Weltbibliographie im Dienste des Weltfriedens erhielt. Im Gegensatz zu Garfield hat Lafontaine für seine positive Utopie viel Geld geopfert. Ein Opfer das nicht umsonst gewesen ist und auch noch in die Zukunft hineinwirken sollte.
Es klingt wie ein Vermächtnis, wenn Henrichs schreibt: "Voraussetzung für den Weltfrieden ist, dass sich die Menschen verstehen. Damit sie sich verstehen, müssen sie wissen, was sie denken und wissen. Was sie denken und wissen, kann man nicht zuletzt in den Büchern und sonstigen Schriften der Menschen nachlesen. Infolgedessen muss man ihre Schriften sammeln, erschließen, nachweisen und zugänglich machen, um das Verstehen der Menschen untereinander voranzubringen."
Die Wissenschaft kennt die wichtige Bedeutung von Idolen und sie hat sie auch gepflegt, solange nicht der schnöde Mammon ins Zentrum aller unserer Betrachtungen trat. Auch die Archiv?, Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationswissenschaft braucht dringend, und hier sei das Wort von den positiven Utopien bzw. Idolen in einem Wort zusammengefasst, sie braucht Ideale. Aber Ideale müssen entökonomisiert sein. Vor dem Reichtum als einzigem Ideal haben Religionen immer gewarnt und es kann nur weiterhin gewarnt werden. Die größte Leistung Garfields ist daher nicht sein Reichtum, es ist und war seine riskante Leistung, die unter anderem die Schaffung eines für die Szientometrie unverzichtbaren dokumentarischen Instruments hervorbrachte, den Science Citation Index. In ihm können wir wissenschaftliche Positionen, Gegenpositionen und die Evolution der Wissenschaft selbst auf einmalige Art und Weise untersuchen. Es ist ein System, mit dem wir die Wirkung von Publikationen in die Zukunft hinein verfolgen. Ohne Zweifel gehört Garfield zu den genialen Köpfen der Dokumentation, aber nicht weil er Information gewinnbringend vermarktet hat, sondern trotzdem er auch pekuniär erfolgreich war.
Wer sollte uns sonst an unsere Ideale erinnern, wenn nicht der mit langjähriger Erfahrung ausgerüstete Professor für philosophische Information und Dokumentation in der Bundesrepublik Deutschland, und wer sollte da nicht genau hinhören, wenn nicht die Gemeinschaft der Bibliothekare, Dokumentare und Informationsspezialisten, und allen voran die DGD (heute DGI), vor der er diesen ermahnenden Aufruf: "Nicht allein des Marktes wegen!" tat.
Sicher ging es ihm dabei auch um die Problematik der "Flut dilettantischer Informationsangebote", die er ebenso verabscheut wie viele andere vor und nach ihm. Aber der zentrale Punkt ist doch das was wir ein Berufsethos nennen. Dazu gehörte schon immer die geforderte strenge Neutralität des Dokumentars, wobei man Neutralität auf keinen Fall mit Gleichgültigkeit verwechseln darf.
Ziel der Dokumentation ist es nicht nur Information zu sammeln, zu ordnen und verfügbar zu machen. Es ging von Anfang an darum, mit der Dokumentation die Aufgabe der Bibliothek zu erweitern, indem man über die Bücher hinaus alles was dokumentationswürdig war sammelte. M. Buckland hat 1997 sehr schön die Diskussion nachgezeichnet, die es um die Frage: Was ist ein Dokument, gegeben hat. Er schreibt: "Paul Otlet and other developed a functional view of 'document' and discussed whether, for example, sculpture, museum objects, and live animals, could be considered 'documents'. Suzanne Briet equated 'document' with organized physical evidence." Man beachte, dass sogar die Tiere im Zoo in den Kreis der Betrachtungen gerieten, als lebende Dokumente von Rassen, die fremdländisch, selten, unbekannt, gefährdet oder bereits rückgezüchtet waren. Schürmeyer, W. (1935) hat "jede materielle Unterlage zur Erweiterung unserer Kenntnisse, die einem Studium oder Vergleich zugänglich ist" ein Dokument genannt und machte damit auf den so wichtigen Vergleich aufmerksam, der zur Findung der Wahrheit notwendig ist.
Es ist im Vergleich dazu erschreckend, wenn man in die "Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation, herausgegeben von Buder, M.; Rehfeld, W.; Seeger, T. und Strauch, D., von 1997 , hineinschaut und feststellen muss, wie unklar und gegensätzlich ein so wichtiger Begriff wie Dokument, in einem Lehrbuch der Dokumentation von heute definiert ist. Um so mehr haben wir die Pflicht solche Lehrbücher in den Ausbildungseinrichtungen Punkt für Punkt mit den studierenden kritisch zu hinterfragen. Ist es nicht merkwürdig, dass dadurch die zweifelhaften Bücher am genausten und am meisten gelesen werden müssen? Das ist typisch für den Informationsmarkt, dass minderwertige Qualität die Tendenz zum höchsten Absatz hat - eine Beobachtung, die sich täglich in S-, U- oder Straßenbahn bestätigt findet.
Donker Duyvis (1894 - 1961), wer erinnert sich noch seiner, der dem großen Paul Otlet als zentrale Figur in der Fédération Internationale de l'Information et de la Documentation (FID) folgte, teilte die Ansicht von Otlet "that a document was an expression of human thought" . Aus seiner anthroposophischen Sicht sah er darin einen spirituellen Charakter. Popper nannte diese Sammlung geistigen Ausdrucks, im Gegensatz zur realen Welt I und zu unserer persönlichen Vorstellung, der Welt II, treffend Welt III. Der spirituelle Charakter dieser Welt durfte nach Ansicht Otlets durch die Form und das Layout der Dokumente nicht beeinträchtigt werden. Wir sprechen heute in diesem Zusammenhang immer öfter von der gefährdeten Authentizität der Dokumente. Es ist gut, dass M. Buckland an diese Diskussion erinnert hat, weil es auch ein Teil des Kampfes um Ideale war, um die es damals ging und heute noch immer geht.
Ziel der Dokumentation ist und war es neutral, objektiv und synoptisch alle bekannten Informationen thematisch zusammenzutragen, um sie vergleichbar zu machen, um Widersprüche erkennbar werden zu lassen und um das Verständnis für die verschiedenen Positionen zu erleichtern. Später kam der Kampf gegen Doppelarbeit dazu und noch später trat das Argument um die Einsparungen durch Information soweit in den Vordergrund, dass die Wurzeln unserer Profession heute fast völlig verschüttet erscheinen.
Es wird höchste Zeit wieder daran zu erinnern, weil ein Beruf ohne Berufung ein Job aber keine Lebensaufgabe mit Idealen ist, und Lebensaufgaben brauchen eine Langzeitperspektive, die nicht nur über zwei oder drei Jahre reichen. Sie müssen damit für heute lebende Menschen weitsichtiger sein als in früheren Generationen. Auf unserem Weg in die Zukunft brauchen wir ein Ziel, ein Ideal, eine positive Utopie nach der es sich zu suchen lohnt und die uns Orientierung gibt, unabhängig von den Technologien, den rasanten sozialen und ökonomischen Veränderungen.
Henrichs hat völlig recht, wenn er unausgesprochen davor warnt, als Ziel nur noch das schnelle Geld zu sehen. Auf Dauer verdient man mehr Anerkennung, mehr Einfluss, mehr Befriedigung und oft sogar mehr Geld, wenn man sich als Profession die notwendige Anerkennung erkämpft. Ärzte, Priester oder Rechtsanwälte sind Beispiele für ihren permanenten Kampf um ein gefestigtes Berufsethos. Bei Wissenschaftlern ist die Wahrhaftigkeit ihres Handelns neuerdings sogar zu einer juristischen Kernfrage geworden und die Informationsspezialisten täten sicher gut daran ihren Beitrag bei der Lösung dieser Problematik zu leisten.
Ein großer alter bundesdeutscher Dokumentar, O. Nacke, dem man nicht unberechtigt einmal nachsagte, er hätte die Bibliometrie in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt, hat es neuerdings Veritologie genannt, was wir anstreben müssen. Dokumentation als Kampf um die Wahrhaftigkeit. Das war es und das ist es. Diesem Kampf hat sich allerdings auch schon die Aufklärung und damit die Wissenschaft insgesamt gestellt. Insofern ist Dokumentation ein Schritt auf dem Wege der Wissenschaft zur Veritologie.
An dem zunehmenden Wechsel von dem Wort Information zum Wort Wissen in der informationswissenschaftlichen Literatur, und diese vorliegende Festschrift ist ein Beleg für diesen Übergang, erkennen wir deutlich, dass sich diese Disziplin auf dem richtigen Wege befindet. Ist sie sich dessen aber auch wirklich bewusst? Es geht um mehr als nur um den Wechsel von der Informationsverwaltung zur Wissensverwaltung. Es geht heute um die gestiegene Verantwortung derer, die mit dem mächtigen Instrument der Informatisierung agieren, mit der Potenzierung der Macht durch Massenmedien, der Globalisierung und der Überzeugungskraft multimedialer Verführungskunst.
Wir sind überzeugt vom gesellschaftlichen Nutzen bereitgestellter Informationspotentiale, schreibt Henrichs und warnt mit Recht vor der Missachtung der Menschenwürde. Der einstmals angestrebte free flow of information, ist in vielen Ländern zum balanced flow of information umgewandelt worden, weil diejenigen, die die Macht haben ihre Information überall hin zu tragen, mit dieser Macht diejenigen erdrücken, die ihre Informationen nicht millionenfach zu verstärken vermögen. Die Bildung von Milliarden Redundanzen aus einer einzigen Information, so wie es Rundfunk und Fernsehen sekundenschnell ermöglichen, ist eine wahrlich explosionsartige Informationsverstärkung mit teilweise verheerender Wirkung.
In Abwandlung der Feuerbachthese von Karl Marx: "Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern", die zu DDR-Zeiten das Motto der Humboldt-Universität zu Berlin, um nicht zu sagen der DDR-Wissenschaft insgesamt, war und zur Erinnerung daran noch heute im Foyer des Hauptgebäudes in Gold auf roten Marmor denkmalgeschützt zu finden ist, sei hier eine Antithese gesetzt: Auch die Destruktion dieser Welt ist eine Veränderung, es kommt aber darauf an, durch die richtige Interpretation dieser Welt die Voraussetzung zu schaffen, Fehler zu vermeiden. Das hat die Welt seit der Zeit eines Karl Marx und eines Charles Darwin in bitterer Erfahrung lernen müssen. Im Hinblick auf Henrichs positive Utopie und den dringenden Bedarf einer dokumentarischen Zielsetzung kommen wir daher zu dem Schluss:
Die Informationswissenschaftler sollten sich an der Aufgabe Information und insbesondere Wissen neutral und objektiv zu sammeln, zu ordnen und verfügbar zu machen mit ihrem gesamten wissenschaftlichen Potential beteiligen, so dass alle, die diese Information dringend brauchen, sie zur Bewältigung ihrer Existenzprobleme auch nutzen können. Professionelle Wissensversorgung als Voraussetzung für selbstverantwortliche Fehlervermeidung, mit dem Ziel einer friedlichen freien Welt, muss mehr denn je das Motto der modernen Dokumentation sein.
Menschen sind für ihre Entscheidungen in dieser Gesellschaft nur dann verantwortlich zu machen, wenn man ihnen vorher die Gelegenheit gegeben hat sich ausreichend zu informieren. Das war eine der Lektionen die uns in Deutschland in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg sehr deutlich vor Augen geführt wurde und die uns jeder neue Krieg, in dem wir nach Schuldigen suchen und suchen müssen, neu demonstriert.
Auch wenn die Informationsspezialisten auf den ersten Blick nicht so spektakuläre Handlungs- bzw. Behandlungserfolge vorweisen können, wie es die Götter in Weiß mit ihrem hippokratischen Eid täglich zu tun vermögen, so wird die Diskussion um ein vergleichbares Berufsethos trotzdem seit Jahren immer lauter. Unsere Verantwortung zielt weniger auf den einzelnen Menschen, als vielmehr auf die Wissenschaftsgesellschaft im Informationszeitalter insgesamt. Ist sie aber darum wirklich geringer zu schätzen, als die der Ärzte? Darf man deshalb schon die Vermarktung zum obersten Prinzip erklären?
Der Arzt heilt für Geld, er rettet Leben für Geld und er "vermarktet" seine Leistungen. Nur seine Kollegen heilt er dem Eid gemäß kostenlos. Ärzte gehören mit ihrer Tätigkeit sicher nicht zu den ärmsten unserer Gesellschaft. Trotzdem muss für sie die Ökonomie ihres Handelns zweitrangig sein. Gesundheit als Ware verbietet sich, auch wenn jeder weiß, dass moderne Gesundheitsfürsorge nun wahrlich nicht zum Nulltarif zu haben ist. Darum gibt es Krankenkassen zur gesundheitlichen Versorgung auf der einen Seite und Bibliotheken zur geistigen Versorgung auf der anderen. Dies gedankliche Differenzierung zwischen den verschiedenen Formen einer Wertschätzung ist schwierig, sie ist aber deshalb nicht weniger notwendig.
Eine die Menschenwürde achtende Gesellschaft muss auch im Mittelpunkt der Informationsspezialisten und nicht nur in der der Gesundheitsspezialisten stehen.
Die von Henrichs angesprochene Schere zwischen den information rich und den information poor zeichnet bei genauer Betrachtung das Bild von Hungernden, die auch nach Information Hungern. Im postindustriellen Informationszeitalter, in dem sich die moderne Wissenschaftsgesellschaft etabliert, bedeutet Informationsarmut nicht selten Existenznot, und wenn es eine Krankheit gibt die alle anderen in dieser Welt bei weitem übertrifft, so ist es noch immer der Hunger mit allen seinen Folgen.
Den hungernden Völkern dieser Erde fehlt in erster Linie das, was wir know how nennen, Information die auf relevantem Wissen beruht. Dies ist keine Information die die Menschheit noch nicht besitzt oder die erst für teures Geld erzeugt werden müsste, es ist lediglich eine Information die noch nicht in den Köpfen dieser Menschen angekommen ist, weil sie keine Lehrer, keine Bücher, keine Fernseher, keine Computer oder auch keine Zeit zum lernen haben - weil sie durch hohe Barrieren daran gehindert werden. Sie lernen gewiss nicht weniger als jeder Mensch auf dieser Welt, es sind aber Inhalte, mit denen man um sein Überleben kämpft. Man überlässt sie sich selbst, zur Pflege ihrer eigenen aussterbenden Kultur, lässt sie Verteilungskriege führen, Dinge tun die bestimmte Interessengruppen wünschen oder man beschäftigt sie um der Beschäftigung willen.
Schon Gerhart Hauptmann war dieser Problematik am Beispiel der Weber nachgegangen, indem er zeigte, wie mechanische Webstühle das Wissen von Menschen überflüssig machten, die nichts anderes gelernt hatten als zu weben, und denen keiner eine Chance gab, etwas lukrativeres zu tun. Bis zum Kauf eigener mechanischer Webstühle in Deutschland brauchte man diese bis zum verhungern billiger werdenden Arbeitskräfte. Also musste man sie solange fehlinformieren, bis man sie nicht mehr benötigte. Dass die Maschinenstürmer des letzten Jahrhunderts auch gerne fehlinformiert wurden, in der Hoffnung dass diese Entwicklung nur ein böser Traum sei, muss der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden. Es zeigt aber nur, dass der Mensch nicht alle Informationen gerne empfängt, und dass er erst recht nicht bereit ist immer dafür zu bezahlen, auch dann nicht, wenn er die Information am dringendsten brauch.
Das größte Problem in dieser Welt ist die Unwahrheit, die mit Hilfe der Wissenschaft und der Dokumentation verringert werden sollte und auch weiterhin verringert werden muss. Ihr können wir nur mit Wissen entgegentreten das uns hilft zwischen richtig und falsch, man könnte auch sagen, zwischen gut und böse, zu unterscheiden. Wissen hilft darüber hinaus die große Menge an Information zu komprimieren. Die oft bedauerte Überschwemmung an Information ist aber meist eine Flut an Fehlinformationen, Falschmeldungen, Betrug, Reklame, Redundanz oder auch informationstheoretisch schlichtem Rauschen. Schon das gern gebrauchte Wort vom Informationsmüll macht dies deutlich. Er enthält eigentlich gar keine Information und müsste Nachrichtenmüll heißen.
Die Information die wir wirklich dringend brauchen wird stattdessen mit großem Aufwand verknappt, nur damit ihr Preis steigt und der Markt mehr hergibt. Es gibt keine Ware, die so leicht und beliebig vervielfältigbar ist, so leicht vergiftet werden kann und damit in ihrer Massenwirkung so gefährlich ist wie die moderne Information. Die blutigsten Revolutionen der Geschichte waren und sind Verteilungskämpfe in denen großen Teilen der Menschheit etwas vorenthalten oder entwendet wurde, wovon ihr gesunder Menschenverstand ihnen sagte, dass dies ungerecht ist.
Nahrung, Rohstoffe und Dienstleistungen sind alle begrenzt, dagegen ist Information unendlich, sie kann beliebig in Redundanz verwandelt und mit Lichtgeschwindigkeit über die gesamte Welt verteilt werden. Sie ist inzwischen immer weniger an den Rohstoff Papier gebunden, und elektromagnetische Trägerwellen gibt es auf dieser Welt genug, um uns Millionen von gewünschten und unerwünschten Informationen ins Haus zu schicken.
Henrichs hat Recht: Wir haben die Instrumente, die Welt humaner zu machen. Wir tun es aber nicht in dem Umfang in dem wir es könnten, weil wir noch tief im Denken des letzten Jahrhunderts, in der sogenannten Zeit der little science, verhaftet sind. Wir tun so, als wäre Information in der heutigen Zeit der big science ein Gut, wie Grund und Boden, wie ein Rohstoff oder auch wie ein Nahrungsmittel. Sie alle sind in ihrem Angebot begrenzt, so dass ihre Nachfrage durch den Markt und das Geld das sie kosten gebremst werden muss.
Auch von Nachhaltigkeit ist allenthalben die Rede. So schreibt auch Henrichs: "Voraussetzung für wirkungsvolles und nachhaltiges Handeln ist ... die Verfügbarkeit entsprechender Informationen." Gerade Information zeichnet sich bekanntlich dadurch aus, dass sie rascher nachwächst, als sie der Einzelne überhaupt verkraften kann. Oft ist es Information die wir in ihrer tieferen Bedeutung noch gar nicht verstehen und die uns vor neue Probleme stellt. Sie verdoppelt sich etwa alle zwanzig Jahre und alle beklagen die Informationsflut. Information kennt keine Grenzen des Wachstums. Von einem Mangel kann hier im Grundsatz nicht gesprochen werden, wenn wir von dem Mangel absehen, den wir absichtlich und künstlich erzeugen. Es ist allerdings höchst erstaunlich, wenn man sieht mit welchem Einfallsreichtum wir diesen künstlichen Mangel zu stabilisieren versuchen.
Und dann bringt Henrichs noch einen Begriff ins Spiel, den wir wohl ernster nehmen müssen, als dies bisher geschehen ist - das Bildungsmanagement. Nach information und knowledge management sollten wir uns wirklich mehr Gedanken um ein echtes Bildungsmanagement machen. Ich meine hier nicht das sogenannte Bildungsmanagement, das meist ein Aus-, Fort- und Weiterbildungsmanagement ist und der Frage nachgeht, wie man das Lernen, die Lehre oder auch die eigene Karriere ökonomischer gestalten kann. Auch das ist wichtig. Ich meine aber hier das Management von wirklicher Bildung in der Gesellschaft - mit ausgewogener Herzens-, Körper- und Geistesbildung, also der allgemeinen Menschenbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts. Das klingt heute altmodisch. Trotzdem sollten wir durchaus dokumentieren, dass Bildung nicht nur früher ein Ideal war, denn es gibt keinen vernünftigen Grund es heute nicht mehr als solches zu sehen. Schon die Tatsache, dass ein großer Teil der Bevölkerung den Unterschied zwischen echter Bildung und dem was Ausbildung im allgemeinen leistet, entweder nicht kennt oder zumindest nicht wahrnimmt, zeigt, dass es hier einen dringenden Handlungsbedarf gibt.
Dabei sollte das Kulturmanagement dazu eine direkte Beziehung haben, wenn wir Kultur wirklich als das nehmen was sie ist, die Kultivierung dessen, was gebildete Menschen hervorgebracht haben und hervorbringen. Dagegen lässt sich leicht dokumentieren wie unsinnig, schrecklich und obskur so manches sogenannte Kulturgut noch heute ist, das unter diesem teilweise verballhornten Begriff seine Existenz behauptet.
Bereits die Aufklärung hat den Unsitten, die es noch immer in allen Ländern dieser Erde gibt, den Kampf angesagt. Zum Teil ist es der Kampf um die grundlegendsten Menschenrechte, zu denen auch die Informationsfreiheit gehört. Sie ist nur durch eine international abgesicherte Gerichtsbarkeit möglich. Hier spielen die Dokumentationen, die rücksichtslos das Unrecht in dieser Welt verzeichnen, eine entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. Bei ihnen ist der Preis nicht nur zweitrangig, sie dürfen gar nicht erst vom Geld abhängig gemacht werden, weder durch Bestechung noch durch fehlende Finanzierung. Das ihre neutrale Ausübung Geld erfordert hat damit nichts zu tun.
Wenn Henrichs 1997 behauptet: "Information ist Aufklärungsfaktor und bewahrt vor Barbarismen" dann basiert er auf der Grundüberzeugung, "daß Informationshandeln ein verbürgtes Grundrecht des Menschen ist". Bildung hat wenig mit Wirtschaftlichkeit bzw. mit Ökonomie zu tun, obwohl natürlich auch sie, der Kerze gleich, ein stetes Aliment fordert, so wie es Leibniz schon für die Bibliothek verlangte.
Wirkliche Bildung ist unbezahlbar und ihr Wert ist auch nicht sinnvoll in Mark, Euro oder Dollar auszudrücken. Sie ist eine besondere Form der ausgewogenen Information, die in uns wohnt und die es zu entwickeln und zu kultivieren gilt.
Die Preußen waren bekannt dafür Leistungen für Staat und Gesellschaft nicht immer und ausschließlich finanziell zu entlohnen. Es geht bekanntlich auch viel billiger, durch die Verleihung von Orden, Ehrungen und Anerkennungen Leistungen zu entlohnen, wobei das Wort billig hier nicht nur die Bedeutung von Geldeinsparung hat, sondern auch im Sinne einer Billigung zu verstehen ist. Es war recht und billig gedacht.
Wir neigen heute dazu alles in Geld zu bewerten, eine Mentalität die im höchsten Grade inflationär wirkt. In gewisser Hinsicht ist sie auch einfallslos, weil sie andere Möglichkeiten nicht in Betracht zieht. Sie hat allerdings den großen Vorteil berechenbar zu sein und unvergleichbares scheinbar vergleichbar zu machen. Beim Aufbau von Wissensbanken sehen wir diesen großen Vorteil einer wirtschaftlichen Betrachtung wohl am deutlichsten. Wir können den Wert von Arbeitskräften, Birnen, Ferien, Informationen, Molekülen, Pferden, Stimmungen oder Tomaten mit und gegeneinander verrechnen. Wenn wir aber damit fortfahren jedes Bit einzeln bezahlen zu wollen, werden wir bald mit unendlich viel Geld nur unendlich wenig erwerben können.
Das Beispiel ist nicht schön aber einprägsam, wenn wir in diesem Zusammenhang auf die sogenannte käufliche Liebe verweisen, um deutlich zu machen, dass man auch das scheinbar Unbezahlbare in Geldwerten evaluieren kann. Diese sogenannte Liebe entspringt aber selten einer Herzensbildung, die sich ihrerseits durchaus einer finanziellen Einschätzung entzieht. An diesem Beispiel wird deutlich, was mit Geld evaluierbar ist und was nicht.
Man kann Information kaufen und verkaufen. Was kostet aber ein Lächeln, ein freundliches Wort oder ein Verrat? Den Preis für Verrat erfahren wir schon seit vielen Jahren aus zahlreichen amerikanischen Kriminalfilmen, in denen uns immer wieder vorgeführt wird, dass eine Information Geld kostet. Dafür gab es aber schon in der Antike Vorbilder. Es sei nur an die Judas-Silberlinge erinnert, die damals keineswegs so positiv gesehen wurden, wie man das heute zeitweilig tut. Information hat keinen einheitlichen Preis.
Es wird bestochen, geborgt, gekauft, gespendet und geschenkt und die Justiz hat alle Hände voll zu tun die Legitimität zu prüfen. Es wird daher höchste Zeit, dass Informationsspezialisten sich verstärkt der Frage stellen, welche Arten von Informationen es gibt, wie man sie klassifizieren kann, wie sie sich im einzelnen differenziert haben und welche Konsequenzen dies für die Wertschöpfung hat.
Ist es nicht höchst erstaunlich, dass gerade Informationsspezialisten so wenig differenziert über den Wert der verschiedenen Informationsarten diskutieren. In der Fachliteratur wird fast immer nur die Marktfähigkeit der Information allgemein und ihr hoher gesellschaftlicher Wert diskutiert. Die Tatsache, dass es Informationen gibt, die mit ihrer Verbreitung an Wert gewinnen und andere, die mit ihrer Verbreitung an Wert verlieren, wird kaum beachtet . Dass es Informationen gibt, deren Besitz uns Geld kostet und solche die uns Geld einbringen, wird in dieser Diskussion ebenfalls vernachlässigt. Und dass Wissen als begründete Information eine ganz andere Qualität hat als eine Information, von der wir nichts wissen, als dass es sie gibt, ist nicht einmal im Knowledge Management allgemein bekannt.
Da ist es durchaus begrüßenswert, wenn Henrichs fordert, dass unsere Profession gezielter darauf hinwirken sollte, die Gewinnung bzw. Einsparung von Rohstoffen oder auch den Schutz von Tier- und Pflanzenarten, kurzum das "Controlling des Ressourcenverbrauchs" durch ein Informationsmanagement zu erreichen. Hier lässt sich vergleichsweise einfach der Wert einer Information als Tauschwert einschätzen. Wir treiben heute keinesfalls Umweltschutz aus Weitsicht, wir treiben ihn voran, weil wir sehen, dass die Preise steigen. Sterbende Wälder, Ölpest und das Risiko von Kernkraftwerken sind inzwischen vergleichsweise gut kalkulierte Ereignisse. Vor etwa zwanzig Jahren hat es eine Untersuchung in den USA gegeben, in der sinngemäß gefragt wurde, war die Recherche in MEDLARS für sie wichtig? Eine Antwort lautete: Wenn der Patient XY wichtig ist, ja! Aber gerade dieses Beispiel macht deutlich, dass Information ein Äquivalent für alles sein kann, was wir bezeichnen können. Sie ist als Teil der Geistesbildung von ganz anderer Art, als beispielsweise eine Börsennachricht, eine Tankerkatastrophe oder ein Menschenleben.
Information als Teil der Macht unseres Wissens aus dem ungeahnte Rohstoffeinsparungen entspringen und dessen Energiefreisetzungen beim Abwurf der ersten beiden Atombomben einen weltweiten Schock auslöste, vermag nicht nur Leben zu beseitigen und zu retten, es vermag sogar neues Leben zu schaffen. Wissen als begründete Information ist erhöht zuverlässig, gesichert, lässt uns in die Zukunft sehen, diese bewusst beeinflussen und stellt damit eine Art Qualitätsmanagement der Information dar.
Die Wissenschaft hat heute bereits eine Macht in unserer Gesellschaft erreicht, so dass viele Menschen sich vor ihr nur noch fürchten. Darum ist die Forderung nach einer umfangreichen Technologiefolgenabschätzung zweifellos berechtigt, und dieses ist ein Problem der Informationsversorgung, des knowledge managements und nicht zuletzt eine Frage des Wissenschaftsmanagements. Wobei es nicht schaden kann darauf hinzuweisen, dass es kein geringerer als Friedrich Schiller war, der mit den Zeilen:
"den schlechten Mann muß man verachten,
der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist´s ja was den Menschen zieret,
und dazu ward ihm der Verstand,
daß er im innern Herzen spüret,
was er erschafft mit seiner Hand."
auf die Verbindung von Herzens- und Geistesbildung, hinsichtlich dessen was wir heute Technologiefolgenabschätzung nennen, hinwies. Es war gewissermaßen die quinta essentia seiner Dissertation, die er als Kandidat der Medizin mit dem Titel: "Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" (1780) ablegte. Neun Jahre Später sagte Schiller in seiner Antrittsrede als Professor der Geschichte: "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht."
Der Mensch handelt in einer Vorausschau, die ihn verantwortlich macht für sein Tun. Er weiß, dass er richtige und falsche Entscheidungen treffen kann, und dass er die Konsequenzen zu tragen hat. Sein Wissen gibt ihm Informationen, die mit den wirklich eintretenden Informationen übereinstimmen können, aber nicht müssen. Auf diesem Wege des Vergleichs können wir wahrscheinlichkeitstheoretisch das Wissen von Menschen, Tieren oder Expertensystemen messen. Eine absolute Gewissheit über die Zuverlässigkeit unseres Wissens haben wir somit nie. Trotzdem kann der Mensch aus einer gesunden Geistesbildung heraus auch mit mangelhaftem Wissen moralisch und ethisch richtig oder falsch handeln. Gerade darum ist es so wichtig sich auf eine entsprechend moralische bzw. ethische Grundlage zu beziehen.
Es ist eines der wichtigsten Desiderate der Menschheit im Informationszeitalter eine Art Monitoring einzurichten, in dem wir frühzeitig genug vor den Gefahren der Zukunft gewarnt werden. In dieser globalen Herausforderung hat die moderne Dokumentation zweifellos eine große Aufgabe, auf die Henrichs aufmerksam macht. Die Dokumentation muss dabei neutral und objektiv sein, so dass alle wichtigen Informationen synoptisch, authentisch und für einen ökonomisch vertretbaren Preis denen zugänglich sind, die sie brauchen.
Die Entökonomisierung des Informationsbegriffs kann nicht bedeuten, dass wir Information aus der Ökonomie bzw. der Ökologie dieser Welt herausnehmen. Vermutlich sollten wir ohnehin weniger ökonomisch als ökologisch, im eigentlichen Sinne des Wortes, denken. Geld gibt allen Dingen in dieser Welt, die in der menschlichen Gesellschaft eine Rolle spielen, einen gewissen Wert. Er ergibt sich aus dem Spannungsfeld zwischen Angebot und Nachfrage, das wir in vielen Bereichen gezielt erhöhen und vermindern können. Was wir aber in aller Deutlichkeit erkennen müssen ist die Tatsache, dass dieses Spannungsfeld im Informationsbereich in geradezu beängstigender Weise manipuliert wird und das wir vor der Gefahr stehen, dass der Staudamm, den wir um so manche Information errichtet haben, zu brechen droht, wenn er nicht schon vereinzelt gebrochen ist.
Im Bereich militärischer Informationen ist das Phänomen allgemein bekannt und einsehbar, aber im Bereich der Massenmedien, in Aus-, Fort- und Weiterbildung wird es sicher unterschätzt. Die großen Verlage dieser Welt haben inzwischen Machtpositionen erreicht, die denen der multinationalen Industriegiganten durchaus vergleichbar sind. Sie können fast frei bestimmen, wer, wann, für welchen Preis, an welche Information gelangen darf. Auch wenn die Überwachung noch nicht perfekt ist, sie wird zunehmend perfektioniert und juristisch sanktioniert. Die Monopole sind durch Copyright und Patentrecht geschützt, denn Information ist definitionsgemäß monopolistisch, alles andere ist Redundanz. Gerade darum regelt das Copyright auch die Erzeugung aller Redundanzen, die von einer Information erzeugt und vermarktet werden. Die Information eines Urhebers wird als Monopol geschützt. Das Copyright versucht zu regeln, dass der Urheber frei entscheiden kann, wie viel Redundanz dieser für welchen Preis zulässt. Es war eine der wichtigsten Aufgaben von Bill Clinton und Al Gore, bei ihrem Regierungsantritt diese Copyrights im Internet zu sichern, und es war kein Zufall, dass wenige Jahre nach ihrer Regierungsübernahme Verlagsrechte in Milliardenhöhe ihre Besitzer wechselten. Kein Mensch bezahlt aber Milliarden Dollar für Rechte die nicht gesichert sind.
Mit dieser Kritik an der Macht der Informationsgiganten soll nicht einer Anarchie Tür und Tor geöffnet werden. Im Gegenteil, die Informationswissenschaft soll ganz im Sinne von Henrichs, wenn ich ihn in diesem Punkt richtig verstehe, theoretische Grundlagen schaffen, die uns Helfen die drängenden Probleme für das Informationszeitalter zu lösen. Das Motto, Informationsbesitz ist bedingungslos zu schützen, und der Markt wird es schon richten, ist zu simpel. Die Macht der Wissenschaft, und damit auch die der Länder mit einem hohen Potential an begründeter Information, ist gleichzeitig eine Verpflichtung zur Verantwortung denen gegenüber, die diese Information nicht haben aber brauchen.
Wir dürfen nicht in eine Wissensgesellschaft hineingehen, die ihr Wissen für sich behält und von ihren Zinsen lebt. Wir müssen unsere Rolle einer Wissenschaftsgesellschaft wahrnehmen, die dazu beiträgt, die Probleme dieser Welt, insbesondere die virulenten der unterentwickelten Länder, methodisch und professionell zu lösen. Das gilt auch und insbesondere für die Informationswissenschaft.
Information kann in vielen Fällen als Ware gehandelt werden, sie ist aber keinesfalls eine Ware wie jede andere. Im Gegenteil, sie unterscheidet sich signifikant von den meisten anderen Waren die wir kennen. Sie ist annähend beliebig reproduzierbar, kann leicht gefälscht, gestohlen, versteckt, transportiert und unbrauchbar gemacht werden. Ihr Konsum führt zu keinerlei Verbrauch, und ihre Entstehung ist nicht selten kostenlos. Gerade darum ist der Aufwand sie zu überwachen, ihren Vertrieb zu kontrollieren und sie durch Zugangsbarrieren zu verknappen besonders hoch.
Sogar die Bibliotheken kommen zunehmend in die Gefahr durch Nutzerbeschränkungen, durch Passwortschutz, durch vertragliche Begrenzungen der Nutzerzahl und Nutzungszeit, oder auch durch Geldmangel ihr Angebot immer stärker einzuschränken. Die allgemein verbriefte Informationsfreiheit wird damit ähnlich unterminiert, wie das Verbot einer Zensur, das beispielsweise in den USA wieder zunehmend auf dem Prüfstand steht.
Die Frage ist, was sind Informationen die zu den Grundrechten der Menschheit gehören und wie können sie eingehalten werden. Dazu müssen wir zunächst, um es alimentär auszudrücken, den große Eintopf der Informationswissenschaft in kleineren feineren Menüs zubereiten. Anders formuliert, die Informationswissenschaft braucht dringend saubere Definitionen. Auf welche Informationen gibt es ein Grundrecht, welche müssen wir in welchem Zusammenhang schützen, welche fördern, welche hemmen, welche unterbinden und welche in welcher Form aufbereiten.
Die heute allgemein und durchaus berechtigte Befürchtung dass Patent- und Kopierrechte verletzt werden, darf kein Alibi sein, alle Informationen gleichermaßen beliebig vor denen die sie brauchen zu schützen, um daraus Kapital zu schlagen. Archivare, Bibliothekare und Dokumentare müssen sich speziell der Aufgabe widmen, im Sinne einer gesellschaftlichen Informationslogistik dafür Sorge zu tragen, dass die jeweils richtige Information, in der richtigen Form, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, in ausreichender Redundanz, zu ökonomisch vertretbaren Kosten, und ich füge hinzu, unter Berücksichtigung rechtlicher und humaner Randbedingungen, verfügbar gehalten werden. Dabei ist es Aufgabe der Informationswissenschaft die Arten und Formen dieser Informationen (interessanterweise lässt die deutsche Sprache im Gegensatz zur amerikanischen diesen Plural zu) zu differenzieren. Es ist Aufgabe der Juristen dafür neue rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, und es ist Aufgabe der Archivare, Bibliothekare und Dokumentare in einem Rechtsstaat die Einhaltung dieser Rahmenbedingungen mit zu überwachen. Es geht um ein neues Verständnis vom Fair-use, von dem Rainer Kuhlen berechtigt sagt, er müsse neu definiert werden. Ebenso spricht Oliver Coenen in seinem Beitrag vom Problem der fairen Partizipation aller Menschen am gesellschaftlichen Wohlstand und an der Arbeit, und hier muss betont werden, weil dies hier im Zentrum der Betrachtung steht, an der verfügbaren Information.
Man sollte nicht der Eindruck erwecken, dass dies alles noch nicht geschieht, wir beobachten aber, dass die Theorie der Praxis erheblich hinterherhinkt, und dass deshalb so manche politische Entscheidung aus Mangel an Wissen und aufgrund schlechter Berater in die Irre geht. Selbstverständlich verbergen wir Informationen vor denen, in deren Hände sie nicht gehören. Das gilt für den militärischen Bereich, für das Bankgeheimnis, den Jugendschutz und für viele andere Bereiche auch. Darum ist es auch wichtig, klar und deutlich zu machen, dass wir Bibliotheken mit publizierter Information, von Archiven und von so mancher Dokumentation mit betriebsgeheimer Information unterscheiden müssen . Schon die Tatsache, dass die Fachwelt solche Differenzierungen weitgehend ignoriert, zeigt, dass der Aufruf Henrichs, sich den Herausforderungen des Informationszeitalters zu stellen berechtigt ist.
Wie chaotisch der sogenannte Informationsmarkt ist, weil alle von Vermarktung reden, ohne die dazu notwendige Unterscheidungen zu machen, erkennt man an drei typischen Erscheinungen:
a) Viele sprechen von der Vermarktung von Information obwohl es in diesen Fällen ausschließlich um Dienstleistungen geht - der wohl häufigste Irrtum in diesem Bereich.
b) Es wird behauptet man verkaufe beispielsweise Information in Form eines Buches, Filmes oder einer CD, behält sich allerdings gleichzeitig das Urheberrecht, die Kopierrechte und das Geistige Eigentum vor.
c) Man hält einen Vortrag auf einer Tagung und bekommt beispielsweise ein Honorar von 500,- DM, während man einen durchaus vergleichbar guten Vortrag zu einem anderen Thema auf einer anderen Tagung hält und gebeten wird 500,- DM zu bezahlen. Das entsprechende gilt für Publikationen.
Es ist aus drei Gründen bedauerlich, dass Lehrbücher von den Fachleuten in Bibliotheken und Dokumentationen heute nicht richtig gelesen werden:
Letzteres gilt insbesondere für die Feststellung Henrichs "So benötigen wir heute die Vision einer 'Informationswissenschaft 2000', die sich primär weder von der Technik noch auch vom Markt her definiert, die vielmehr in erster Linie als Kultur- und Entwicklungswissenschaft agiert und sich in Forschung und Lehre umfassend mit Ermöglichung und Verbesserung der als existenziell angesehenen interkulturellen dialogischen Kommunikation auseinandersetzt." Es gibt also im Gegensatz zur obigen Kritik durchaus auch positiv bemerkenswertes im sogenannten LaiLuMU.
Das ist keine Marginalie die man leichtfertig übergehen kann, das ist Programmatik, die eingehend be- und durchdacht werden sollte. Sie ist auf eine sozial- und kulturanthropologisch orientierte Informationswissenschaft ausgerichtet. Sie betrifft insbesondere die Arten von Information, die sich aus ethischen Gründen einer wirtschaftlichen Betrachtung entziehen und damit eine Entökonomisierung erforderlich machen.
Es hat Zeiten gegeben, in denen hat man ernstlich den Versuch unternommen den Geldwert von Menschen zu berechnen. Wir sollten nicht vergessen, dass auch dieser fraglos absurde Wert eine Information darstellt. Ich spreche hier nicht von Sportlern und ihren Ablösesummen, ich spreche hier von den Werten, die sich einer finanziellen Evaluierung grundsätzlich entziehen müssen, aus moralischen, ethischen, sozialen oder auch psychologischen Gründen. Sie alle haben aber durchaus eine Entsprechung im Informationsbereich, die sich damit ebenso einer simplifizierten marktwirtschaftlichen Betrachtung verschließen. Gerade darum sollten wir unser Augenmerk auf diese verschiedenen Informationen besonders lenken, weil ihr Wert meist noch wesentlich höher ist - er ist wie das Leben von Menschen unbezahlbar.