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(Fehler bei der Digitalisierung des Textes bitte ich zu entschuldigen bzw. mir mitzuteilen.) Prof. Dr. Walther Umstätter (W.U.)
Nach all dem Gerede über exponentielles Wachstum und wissenschaftliche Produktivitätsverteilung könnte man denken, daß wissenschaftliche Aufsätze nur produziert würden, um von Dekanen, Administratoren und Historikern gezählt zu werden, und daß ein Wissenschaftler die Zahl seiner Veröffentlichungen zu maximieren trachten müsse. Das ist ganz falsch. Eine instinktive Reaktion gegen den Unsinn des Zählens ist das Gefühl, daß in jeder Veröffentlichung ein Minimum an nützlicher wissenschaftlicher Information steckt und daß eine einzelne Arbeit weit über dem Durchschnitt stehen kann und ihr Autor über hundert mittelmäßige oder sogar über hundert produktive Schreiber hinausragt.
Wir wollen jetzt den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen und die Bedeutung wissenschaftlicher Arbeiten betrachten und nicht bloß Köpfe zählen. Dazu müssen wir zuerst einiges über die sozialen Institutionen der Wissenschaft und die Psychologie des Wissenschaftlers wissen. Das Hauptziel eines Wissenschaftlers ist nicht die Publikation einer Arbeit, und die Publikation hat für ihn nicht einfach und ausschließlich den Sinn von Erkenntnismitteilung.
Die Geschichte der wissenschaftlichen Kurzveröffentlichungen begann, weil es zu viele Bücher gab. Hier ist der Herzensschrei eines Scholaren: »Eine der Krankheiten dieses Jahrhunderts ist die Überzahl an Büchern; so überladen ist die Welt ihnen, daß es unmöglich ist, den Wust an unnützem Zeug zu verdauen, der täglich ausgebrütet und in die Welt geworfen wird.« Diese für uns ernüchternden Worte schrieb der polternde Barnaby Rich 1613, ein halbes Jahrhundert bevor das wissenschaftliche Journal geboren wurde. Die Entstehung
Zunächst berührten sie jedoch keineswegs die Verpflichtung der Forscher, Bücher zu lesen und zu schreiben. Die wissenschaftlichen Zeitschriften hatten ursprünglich weit eher einen sozialen Zweck, nämlich herauszufinden, was geforscht wurde und von wem, als die der Forschung dienende Absicht, neues Wissen zu veröffentlichen.1
Das wissenschaftliche Aufkommen von Zeitschriften
war bereits eine erste Ankündigung der Big Science. Es baute bereits
auf der Vielzahl von Büchern auf, die
durch kürzere und neuere Publikationen ergänzt
wurden. Es war nicht notwendig, jedes mal ein neues Buch zu verfassen,
nur weil ein Wissenschaftler auf einem
Gebiet eine neue Erekenntnis hatte. Diese Entwicklung,
daß die Big Science auf den bereits bestehenden Erkenntnissen weiter
aufbaut, führt heute, im Rahmen eines
World Wide Webs, dazu daß vorhandene Texte
nur noch vernetzt zu werden brauchen. Schon ein einziger Satz kann damit
urheberrechtlich geschützt werden und
vorhandene wissenschaftliche Erkenntniss in einem
neuen Licht erscheinen lassen (W.U.).
Die originale Veröffentlichung kurzer Aufsätze einzelner Autoren war eine Neuerung im Wissenschaftsleben, die wie alle Neuerungen auf beträchtlichen Widerstand stieß. Barber2 wies darauf hin, daß ein solcher Widerstand Teil eines fundamentalen Mechanismus ist, der zu einer ausgeprägten Konservativität innerhalb der Wissenschaft führt. Er ist ein natürliches Gegenstück zur aufgeschlossenen Kreativität, die die Wissenschaft mit manchmal zu vielen neuen Ideen überflutet und so die Objektivität gefährdet, mit der man zwischen falsch und richtig entscheiden will.
Einen solchen Widerstand gegen die neue und scheinbar unerlaubte Praxis, Aufsätze statt anständiger Bücher zu veröffentlichen, sieht man in Newtons Fall. Die Auseinandersetzungen
Erst vor einem Jahrhundert erreichte der wissenschaftliche Aufsatz seine heutige Gestalt. Davor waren die meisten Beiträge wissenschaftliche »Schnipsel«, wie die bloße Mitteilung eines Zwischenergebnisses oder die Besprechung einer Beobachtung, die woanders beschrieben worden war. Viele monographische Publikationen hätten Bücher sein können, wenn profitable Möglichkeiten für Druck und Verteilung existiert hätten. Noch um 1900 gab es angesehene Zeitschriften, die nicht eine wissenschaftliche Arbeit der heutigen Art enthielten. Der Längenunterschied ist nicht so wichtig - kurze »Briefe« und lange »Monographien« gibt es heute wie damals.
Die zunehmende Kürze von Publikationen im
Laufe der Jahrhunderte hat unter anderem auch damit zu tun, daß jede
Wissenschaft zunächst als beschreibende
Wissenschaft beginnt und damit zui narrativer
und ausladender Breite neigt. Mit zunehmender Formalisierung der Wissenschaftssprache
und mit zunehmender
Analytik kommt es zu einer erheblichen Kompression
an Information. Dies gilt für die Mathematik, die Physik, die Chemie
und für zahlreiche andere
Wissenschaftsgebiete (W.U.).
Ich werde lieber die Unterschiede in den Beziehungen der Aufsätze untereinander behandeln, wie eine Arbeit auf vorangegangenen basiert und selbst wieder zum Ausgangspunkt neuer Arbeiten wird. Am augenfälligsten manifestiert sich dieses Verbundsystem in der Zitatenliste. Man kann nicht annehmen, daß alle Autoren sorgfältig und konsequent mit ihren Quellenangaben umgehen. Manche zitieren zu viel, andere zu wenig. Aber es wird bei der Durchsicht der langen Reihe von Jahrgängen jeder alten wissenschaftlichen Zeitschrift offenbar, daß sich um 1850 die bekannte moderne Form expliziter Hinweise auf vorhergehende Arbeiten, auf denen die neue Arbeit als Fortführung basiert, durchzusetzen beginnt. Eine Arbeit zeigt ihr Gewicht erst dadurch, daß sie
In zwei einfühlsamen Artikeln hat Robert Merton analysiert, wie allgegenwärtig Prioritätsansprüche und Streitigkeiten in der Wissenschaft der letzten Jahrhunderte waren. Diese Erscheinung zieht sich als roter Faden durch die Geschichten von Forschern aller Länder. Für den Historiker ist es wichtiger, den sozialen Charakter solcher Streitereien zu verstehen, als spezielle Ansprüche zu klären.
Mehrfachentdeckungen - d. h. Entdeckungen durch zwei oder mehrere voneinander unabhängig arbeitende Forscher - sind bemerkenswert häufig, sie geben oft Anlaß zu Prioritätsstreitigkeiten zwischen den betroffenen Parteien, die mit äußerster Bitterkeit und Heftigkeit ausgetragen werden können. Daraus kann man wichtige Erkenntnisse über den Ablauf der Forschung gewinnen.
Multiplizität von Entdeckungen kommt in so vielen Fällen vor, daß man zur Überzeugung gelangen könnte, sie sei eher ein weitverbreitetes Geschehen als eine zufällige Seltenheit.
Gerade dies ist charaktersitisch für die Big Science, daß sie die Lösung von Problemen, so wie sie sich aus der Wissenschaft geradezu zwangsläufig ergeben, vorhersagt. Damit wird Wissenschaft in noch nie dagewesenem Maße vorhersagbar und berechenbar. Doppel- und Mehrfachendtdeckungen sind die Folge, die nur durch vorherige Absprache vermieden werden können. Es liegt somit nahe, in der Big Science Datenbanken anzulegen, in denen beabsichtigte Problemlösungen schon im Vorfeld bekannt gegeben werden. Die heutige Projektforschung ist eine merkwürdige Mischung aus den Gegebenheiten der Big Science mit teilweise erstaunlich veralteten Vorstellungen aus der Zeit der Little Science, in der man eine Art Begabtenförderung anstrebte (W.U.).
Die von Merton und Barber5 zitierten Zahlen für historische Beispiele von Doppel- und Mehrfachentdeckungen versetzen uns in die Lage, das »reife Äpfel«-Modell in höchst instruktiver Weise zu testen. Wenn an einem Baum 1.000 reife Äpfel hängen und 1.000 blinde Männer aufs Geratewohl je einen Apfel greifen, wie groß ist die Chance, daß ein Mann einen Apfel für sich erhält, bzw., daß ein oder mehrere andere nach demselben Apfel greifen? Das ist ein simples statistisches Problem. Aus der Poissonverteilung folgt, daß 368 Männer ihren Apfel erhalten und die restlichen 632 Männer sich in 264 umstrittene Ansprüche verwickelt finden (Tabelle 3).
Die Übereinstimmung zwischen Erwartungswerten und Wirklichkeit, mindestens für die Doppel-, 3- und 4-fach-Entdeckungen, ist auffallend, aber man darf ihr nicht zu viel Bedeutung beimessen. Für diese Übereinstimmung haben wir zwei freie Parameter benützt, einmal die Gesamtzahl der Pflücker und zum anderen die Zahl der möglichen Preise. Die erste Annahme - 1.000 Pflücker - ist vernünftig, es ist unvermeidlich, die Daten irgendwie zu normieren. Die zweite Annahme - ein möglicher Preis pro Entdecker - ist schwerer zu rechtfertigen, besonders da sie zur Folge hat, daß
Poisson-Verteilung und Mehrfachentdeckungen
Zahl der gleichzeitigen Mertons Modell der 1000
Entdecker Fälle Äpfel und Männer
386 Apfel überhaupt nicht gepflückt werden, daß mögliche Entdeckungen unterblieben, weil sich die Hände überlappen. Trotzdem können wir als erste Approximation festhalten, daß nur 37% der Sucher unumstrittene Ansprüche stellen können und die übrigen 63% sich zum Teilen gezwungen sehen. Bei den tatsächlichen Entdeckungen liegt die Situation etwas günstiger: 58% der Entdecker sind Alleinentdecker und 42% müssen sich mit einer oder mehreren Parallelentdeckungen abfinden.
Weiterhin zeigen Mertons Daten, daß 5 oder mehr gleichzeitige Entdecker häufiger auftreten, als dem Modell der blinden Pflücker entspricht. Vielleicht üben die größten, reifsten und wohlduftendsten Apfel eine stärkere Anziehung auf die blinden Pflücker aus? Aber das ist nur eine geringfügige Ergänzung des allgemeinen Bildes.
Dieses Beispiel macht interessanterweise deutlich,
daß die Wissenschaft vereinfacht gesagt auf eintausend Probleme eintausen
Wissenschaftler im Freien wettbewerb
um die Lösungen dieser Probleme ansetzt.
Von ihnen stürzen sich etwa ein Drittel auf Probleme, die auch ihre
Kollegen als lösbar erkannt haben. Sie werden damit
doppelt und mehrfach gelöst. Ein Drittel
der Probleme werden von Wissenschaftlern allein erkannt und gelöst,
während ein Drittel zunächst ungelöst bleiben, weil ihre
Lösbarkeit zunächst unerkannt bleibt
(W.U.).
Nicht alle Fälle von Mehrfachentdeckungen enden in heißem Prioritätsstreit. Merton zeigt, daß die Tendenz zum Streit in dem Maße abnahm, in dem sich die Forscher mit dem Gedanken vertraut machten, daß Mehrfachentdeckungen notwendigerweise auftreten. 92% der Mehrfachentdecker stritten im 17. Jh., 72% im 18.Jh., 59% in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und nur 33 % in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.
Diese Zahlen lassen uns die erweckten Leidenschaften nur
Der wissenschaftliche Aufsatz scheint daher zur Anmeldung eines Besitzanspruches entstanden zu sein, als Folge der überlappenden Forschungsanstrengungen. Der soziale Ursprung liegt im Wunsch des Menschen, einen Anspruch registrieren und etwas für sich reservieren zu lassen. Nur nebenbei dient der Aufsatz als Informationsträger, zur Bekanntmachung neuen Wissens, verkündet zum Wohle der Menschheit und zur freien Verfügung für die Konkurrenten. In der Tat war es in den vergangenen Jahrhunderten nichts Ungewöhnliches, wenn ein Galilei, Hooke oder Kepler seine Entdeckungen als Kryptogramm in wirren Briefen bekanntgab, so daß der Prioritätsanspruch gerettet war, ohne daß den Konkurrenten mit Information geholfen wurde. In unseren Tagen zeitigt, wie Reif6 erkannte, der intensive Wettbewerb, »am allerfrühesten und am allermeisten« zu veröffentlichen, eine lange Liste von Mißbräuchen und Emotionen, die von ungenehmigten Veröffentlichungen in der New York Times bis zu seltenen Fällen betrügerischer Ansprüche reichen.
Warum sich der Wissenschaftler so verhält, ist eine andere Frage. Die Antwort darauf, glaube ich, setzt eine ziemlich
Zwei wichtige Folgerungen lassen sich aus dieser Analyse ableiten. Erstens ist und war wissenschaftliche Kommunikation durch veröffentlichte Aufsätze immer ein Mittel, um Prioritätskonflikte durch Anmeldung von Eigentumsansprüchen zu regeln, und weniger, um diese durch Preisgabe von Informationen zu vermeiden. Zweitens sind die Ansprüche auf wissenschaftliches Eigentum für das Ansehen des Wissenschaftlers und seiner Institutionen lebensnotwendig. Aus diesen Gründen haben Wissenschaftler einen starken Drang, Arbeiten zu schreiben, und kaum Interesse, sie zu lesen. Aus diesen Gründen organisieren sich Wissenschaftler, um das gewünschte Prestige und die Prioritäten durch Mittel zu etablieren und zu sichern, die wirksamer sind als das traditionelle Instrument der Zeitschriftenpublikationen.
Wenn man über das Informationsproblem in der Wissenschaft spricht, ist es meiner Meinung nach wichtig, es scharf von der eben betrachteten Angelegenheit zu trennen. Seit drei Jahrhunderten gedeiht die Wissenschaft trotz der hohen Rate an
Mehrfachentdeckungen sind teilweise für die
Absicherung von Ergebnissen zwingend wichtig. Sie sind ein Zeichen für
den hohen Bedarf dieser Problemlösungen und
sie sind in einem freien Wettbewerb um neue Erkenntnisse
unvermeidbar. Bei genauer Betrachtung sind sie natürlich auch ein
typische Zeichen für die noch immer
vorhandene Little Science. Das Ziel der Big Science
muß es allerdings sein, die Doppelarbeit bei den Mehrfachenntdeckungen
verstärkt auf die unentdeckten bzw.
ungelösten, aber lösbaren, Probleme
umzuleiten (W.U.).
Vielleicht ist es nicht nur Ratlosigkeit, wenn wir postulieren, daß die Wissenschaft gesund, wenn auch nicht glücklich, mit der Diät aus Streitigkeiten und Doppelarbeit lebt. Vielleicht ist es sogar wünschenswert, wenn viele der wichtigen Entdeckungen zwei- oder dreimal in etwas verschiedener Weise gemacht werden. Vielleicht muß der Mensch solche Entdeckungen wiederholen, bevor sie nutzvoll und effektiv auf der nächsten Stufe verwendet werden können. Wir scheinen heute weniger über die unverminderte Zahl an Überschneidungen zu trauern. Aber vielleicht haben wir unseren Zorn nur gegen die Institutionen gerichtet, die sich verschworen zu haben scheinen, uns in der schlimmen Situation zu belassen. Wissenschaftlichen Gesellschaften, Verlegern, Bibliothekaren und Herausgebern schreiben wir die indirekte Schuld an der mangelhaften Kommunikation zu. Wir wollen aber fair sein. Wir mögen darüber klagen, daß sie uns diesen Stolperstein nicht aus dem Weg geräumt haben, aber wir können sie nicht verantwortlich dafür machen, daß es so schlimm geworden ist. Es könnte kaum schlimmer sein. Unser Informationsproblem - wenn wir überhaupt eins haben - ist von ganz anderer Natur.
Betrachten wir zunächst das Organisationsproblem der wissenschaftlichen Literatur im Hinblick auf Input und Output bezüglich des einzelnen Wissenschaftlers. Wir haben gesehen, daß der normale Wissenschaftler während seines Lebens eine Anzahl von Arbeiten veröffentlichte, die von eins bis zu einigen Hundert reicht, und daß die Grenze zwischen wenig und viel ungefähr durch das geometrische Mittel gegeben ist. Wieviel muß der Wissenschaftler lesen, bevor er diese Aufsätze produziert? Am Anfang seiner Karriere haben ihn seine
Aber gewöhnlich ist das Leben nicht so. Der Mensch, der sich in die Front der Forschung einreiht, findet andere mit der gleichen Grundausbildung, den gleichen Problemen vor den Augen, Äpfel vom gleichen Baum pflückend. Er wird die Arbeit dieser ihm ähnlichen Individuen, die seine Kollege und Rivalen sind, überwachen wollen. Er wird die Erfolge seiner Kollegen zu übertreffen, aber nicht nachzuahmen suchen. Wie viele Individuen können so überwacht werden? Ich schätze, um die hundert. Sicher kann er einen Aufsatz für jeden, den er schreibt, lesen. Aber sicherlich kann er nicht 10.000 pro eigenem verfolgen, denn dann müßte der gute Mann, der 100 Arbeiten im Leben schreibt, eine Million lesen, das sind mehr als 60 pro Tag.
In diesem Zusammenhang wird häufig Lesen
mit Browsing verwechselt. Ein durchschnittlicher Wissenschaftler sichtet
pro Jahr rund 10.000 Publikationen auf
Relevanz. Wirklich Lesen tut er hingegen etwa
100. Mit diesen Größenordnungen korrespondieren die Fachgebiete
der heutigen Wissenschaftler, die sich einerseits
immer stärker spezialisieren und andererseits
zu einer erhöhten Zusammenarbeit gezwungen werden. Bei etwa dreihundert
Publikationen pro Jahr entsteht eine neue
Zeitschrift. Die Zahl der Zeitschriften wächst
daher in erster Näherung direkt proportional zur Zahl an Publikationen,
und der an Wissenschaftlern (W.U.).
Ein anderer Weg, um das Verhältnis gelesene pro geschriebene Aufsätze abzuleiten, ist die Überlegung, mit wie vielen Leuten ein guter Wissenschaftler Nachdrucke und Vorabdrucke austauschen und Fachkorrespondenz führen kann und mit wie vielen er auf einer vernünftigen und umfassenden Ebene zusammenarbeiten kann. Verleger haben ihre Unterlagen über den Kauf von Nachdrucken, aber ich kenne keine veröffentlichten Zahlen. Nach meiner Schätzung hat jeder Forscher ein paar hundert Kollegen. Wir sprechen natürlich von wirklichen Leuten, nicht von einer aus der Aufsatzzahl abgeleiteten Anzahl effektiver Kollegen. Schließlich lesen wir auch Arbeiten von Leuten, die nicht auf unserer Liste stehen, und ignorieren ebenso einige Ergebnisse unserer Bekannten.
Es gibt eine weitere Möglichkeit, dieses Verhältnis zu betrachten.
Es scheint aber, daß wir kaum mehr als hundertmal so viel wirksam konsumieren können, wie wir produzieren. Vielleicht haben die Wenigschreiber mehr Zeit zum Lesen als die produktiveren, so daß es einen gewissen Ausgleich geben mag. Vielleicht liest der wahre Forscher überhaupt nicht und nimmt seine Informationen anderswo auf, übers Ohr und direkt von Kollegen. Im ganzen gesehen kann man mit einer Gruppe von Kollegen mithalten, die einige 100, keinesfalls aber 10.000 Mitglieder umfaßt.8
Da jedoch alle Aspekte der Wissenschaft exponentiell wachsen, mit der bemerkenswerten Geschwindigkeit, die zur Verzehnfachung in 50 Jahren führt, ist ganz klar, was geschehen muß. Wenn ein Forschungsgebiet das Stadium erreicht hat, daß das erste Dutzend von Kontrahenten beginnt, sich gegenseitig von den eigenen Arbeiten zu nähren und Fortschritte und Prioritäten eifersüchtig zu beobachten, kann es als Einheit schwerlich eine weitere Generation bestehen bleiben. Wenn der Mitgliederstand des Forschungsgebietes im Verlaufe des natürlichen Wachstums die postulierte Zahl von einigen Hundert merklich überschreitet, kann der Forscher sein Gebiet nicht mehr überschauen.
Auf jeder Station dieses Weges kann die angefallene Masse an Aufsätzen in Übersichtsartikeln und in Büchern komprimiert werden. Zum Beispiel kann der Pionier eines Gebietes 10.000 Arbeiten in Form einer kritischen Betrachtung des Standes der
Ein übliches Vorgehen solcher Gruppen ist das Gründen einer neuen wissenschaftlichen Zeitschrift, die ihr als Kommunikationsmedium dient. Eine Mitgliedschaft von einigen hundert kann durch tausend oder mehr Individuen ergänzt werden, die der Gruppe nur teilweise oder am Rande angehören. Wenn man dann Subskriptionen der Bibliotheken hinzuzählt, die entscheiden, daß das Journal für sie nötig ist, und noch die üblichen verschiedenartigsten Subventionen berücksichtigt, erhält man die wirtschaftliche Minimalbasis für ein solches Publikationsunternehmen.
Das gibt uns übrigens eine Kontrolle unseres Quotienten 100. Seit Anfang der Wissenschaft sind etwa 10 Millionen wissenschaftliche Aufsätze publiziert worden, zu denen wir neue mit einer Verdoppelungsperiode von 15 Jahren hinzufügen. Sie vermehren sich um 6% oder 600.000 im Jahr. Diese erscheinen in 30.000 Journalen, die also im Mittel 20 Aufsätze pro Jahr enthalten. Nun haben die 10 Millionen Veröffentlichungen etwa 3 Millionen Autoren, von denen die meisten auf Grund des exponentiellen Wachstums noch leben. Also kommen auf eine Zeitschrift etwa 100 Autoren. Seit dem 17. Jahrhundert war es die Gewohnheitssünde aller Zeitschriftenväter, sich einzubilden, daß gerade ihre Zeitschrift allen anderen auf diesem Gebiet das Lebenslicht ausblasen würde.9 Man muß daran zweifeln, daß eine Gruppe wie die Leserschaft
Dieses Überlappen erzeugt, wie bei den Mehrfachentdeckungen, Hitze - und vermindert den Wirkungsgrad. Gesucht ist die adiabatische Ausdehnung, die man hätte, wenn die Wissenschaft in wasserdichte Untereinheiten teilbar wäre, d. h., wenn ein Forscher eines Gebietes nie seine Lektüre auf andere Gebiete ausdehnen müßte. Aber offensichtlich fürchtet die Wissenschaft eine solche Zersplitterung. Als der Kuchen der Naturphilosophie aufgeteilt wurde, brachte die Trennung der Chemie von der Physik automatisch die Disziplinen physikalische Chemie und chemische Physik hervor, so daß für jedes Teilstück die beständige Überwachung der angrenzenden erforderlich war. Überlappen der Forschungsgebiete ist eine Art Embargo, das die Natur gegen den Drang des Menschen, zu teilen und zu erobern, anwendet.
Erwartungsgemäß werden Zeitschriften nicht in der Art benutzt, daß 10 Leute jeden Artikel jeder Ausgabe lesen. Ein heute klassischer Aufsatz von Urquhart10 analysiert die 53.000 Fernleihanforderungen, die 1956 bei der zentralen Science Library in London eingingen. Diese Bibliothek verfügt über 9.120 verschiedene wissenschaftliche Zeitschriften, von denen mehr als 1.300 nicht mehr erscheinen (Abb. 17). Mehr als 4.800 der laufenden Zeitschriften wurden nicht ein einziges Mal, 2.274 nur einmal im Jahr verlangt. Am anderen Ende der Skala hatte die populärste Zeitschrift 382 Nachfragen,
Diese Verteilung im Rang der Zeitschriften entspricht der, die wir bereits bei der wissenschaftlichen Produktivität angetroffen haben. Es ist die gleiche Pareto-Kurve, die für die Einkommensverteilung und die Größe der Städte gilt, offenbar aus dem gleichen Grund. Zeitschriftenbenutzer sind in der gleichen Weise wie Stadtbewohner verteilt, sie haben die gleiche Tendenz zur Kondensation. Es besteht dasselbe Gleichgewicht zwischen exponentiellem Wachstum der größten Glieder und der zunehmenden Anzahl der kleinsten. Wenn wir die
Intuitiv scheint die Leserzahl einer Zeitschrift ein besserer Qualitätstest zu sein als unser früheres Kriterium der Produktionsquantität. Obwohl wir nun Zahlen für die Nützlichkeit eines Journals gemessen an seiner Benutzungsrate kennen, haben wir keine vergleichbaren Daten für die Einzelarbeit. Qualltative Überlegungen zwingen uns aber unvermeidlich zur Annahme, daß eine Pareto-Verteilung auch die populärsten Arbeiten am oberen Ende der Skala mit den unten rangierenden Gruppen verbindet, zu denen die Aufsätze gehören, die nur zwei- oder einmal oder nie gelesen werden.
Daraus würde folgen, daß Verhältniszahlen von guten Arbeiten übertragen werden Maß für Qualität hätten, zählen. Wir wissen, daß der den beiden Skalen nicht der alle früheren Schlüsse über die zu schlechten Forschern auf die könnten, wenn wir ein richtiges anstatt grob die Quantität zu Rang der einzelnen Forscher auf gleiche ist, aber man könnte mit einiger Berechtigung vermuten, daß es eine Korrelation zwischen der quantitativen und der qualitativen Gewichtigkeit gibt. Da wir jedoch glücklicherweise solche Maße für den Wissenschaftler nicht aufstellen müssen, können wir uns mit dem Wissen begnügen, daß die Statistik der wissenschaftlichen Manpower und Literatur solchen allgemeinen Regeln folgt.11
Die Stabilität und Regelmäßigkeit dieser Verteilungskurven ermöglicht uns nun auch die theoretische Rechtfertigung unseres früheren empirischen Vorgehens, einfach Zahlen von
Nachdem wir festgestellt haben, daß die Häufigkeit der Benutzung ein vernünftiges Maß für die wissenschaftliche Bedeutung einer Zeitschrift oder einer Forschungsarbeit ist, wollen wir das auf wissenschaftliche Aufsätze allgemein anwenden. Wir betrachten den Nutzen einer Arbeit anhand der Häufigkeit, mit der sie zitiert wird. Wir müssen die verbreitete Unsitte mancher Autoren ignorieren, sich selbst, ihre speziellen Freunde oder einflußreiche und wichtige Wissenschaftler ohne Notwendigkeit zu zitieren. Wir müssen auch die rosarote Brille bei der Annahme benutzen, daß die Praxis, erst den Aufsatz zu schreiben, dann zur Dekoration eine schöne Quote von einem Dutzend Referenzen hinzuzufügen - wie griechische Säulen zu einem Gebäude in Washington, D.C., - nicht wesentlich das Gewicht einer Arbeit verfälscht, welches wir darin sehen, daß sie zur Grundlage für weitere Arbeiten wird. Wir nehmen also an, daß ein Forschungsbeitrag auf des Forschers eigener Arbeit beruht, zusätzlich auf einem Fundament von Allgemeinwissen, das keiner speziellen Zitierung bedarf, und auf im Mittel 10 anderen Arbeiten, die zitiert werden. Nehmen wir nun ein Gebiet, auf dem seit seinem Uranfang N Arbeiten erschienen sind. Ein gesundes Forschungsgebiet verdoppelt sich in einem Jahrzehnt; im nächsten Jahr werden also zusätzlich 0,07 N Aufsätze erscheinen, die 0,7 N Referenzen nennen. Im Mittel wird also jede Arbeit der früheren Jahre 0,7 mal im neuen Jahr
Zuerst wollen wir uns ansehen, wie sich das Alter einer Arbeit auf die Häufigkeit ihrer Zitierung auswirkt. Es wurde schon verschiedentlich13 bemerkt, daß die Referenzen, die in einer Ausgabe eines Journals oder in einem ganzen Jahrgang gegeben werden, sich vorwiegend auf neuere Arbeiten beziehen, daß ältere Arbeiten weit seltener zitiert werden. Fussler14 untersuchte physikalische und chemische Zeitschriften verschiedenen Datums und zeigte, daß, obwohl auch 150 Jahre alte Arbeiten zuweilen zitiert wurden, ein starker Abfall mit dem Alter der zitierten Arbeiten zu beobachten ist. Die Hälfte der Referenzen in der Chemie ist weniger als 8 Jahre alt, die Hälfte der zitierten physikalischen Arbeiten ist weniger als 5 Jahre alt. Unglücklicherweise haben Fusslers Daten einen schweren Nachteil, 50% der untersuchten Zeitschriften sind den Nachkriegs-Jahrgängen 1945 und 1946 entnommen.
Bessere Aussagen über die Halbwertzeit der Nützlichkeit von Arbeiten können aus den Untersuchungen der Bibliotheken über den Gebrauch gebundener Bände der erscheinenden Zeitschriften gewonnen werden (Abb. 18). Mehrere große Bibliotheken mit vielen Zeitschriften beobachteten einen
Die Abnahme mit dem Alter ist zwar unverkennbar, wir wollen aber nicht vergessen, daß sich die wissenschaftliche Literatur alle 10 bis 15 Jahre verdoppelt. Deshalb ist in erster Approximation das Verhältnis von bis zu einem Zeitpunkt zitierter und insgesamt verfügbarer Literatur zeitunabhängig. Obwohl also die Hälfte der zitierten Arbeiten jünger als 10 Jahre ist, hat jede einmal publizierte Arbeit eine gleichbleibende Chance, gelesen zu werden.16
Dieses überraschende Ergebnis mag modifiziert werden, wenn wir unsere Approximation verbessern. Auf Gebieten, in denen die Forscher dazu neigen, ihre Pioniere zu ehren, indem sie Gesetze, Konstanten oder Arten nach ihnen benennen, findet man, daß sich gute Arbeiten mit dem Alter verbessern und ihre Chancen, zitiert zu werden, wachsen. Auf Gebieten, die durch eine Überschwemmung an Literatur behindert sind, findet man die Tendenz, die Vergangenheit möglichst zu begraben und ältere Arbeiten weniger zu zitieren, als ihnen statistisch zukommen sollte. Diese Tendenz zeigt sich in den Physical Review Letters, die die größtmögliche Publikationsgeschwindigkeit erreichen.
In diesen Letters blieb das mittlere Alter der Referenzen seit Gründung stabil bei 2 1/2 Jahren; d. h., die Hälfte der Referenzen sind jünger als 2 1/2 Jahre. In dieser kurzen Periode ist nur ein Drittel der Literatur des letzten Jahrzehnts entstanden und im letzten Jahrzehnt nur die Hälfte aller Literatur. Die schnelle Publikation ermöglicht den Leuten, die in diesen Letters publizieren, mit einem Drittel der sonst nötigen Literatur auszukommen. Zum Ausgleich müssen Aufsätze auf diesem
Als nächstes untersuchen wir die die nichtzeitlichen Verteilungen der Referenzen und Zitate. Wenn wir die Arbeiten in einer Hierarchie anordnen, die an der Spitze mit den meist zitierten beginnt und mit den einmal oder nie zitierten endet, sollte man natürlich eine Pareto-Verteilung finden ähnlich wie bei der Nützlichkeit der wissenschaftlichen Zeitschriften. Wenn wir diese Informationen hätten, könnten wir sagen, daß die Hälfte aller Zitate auf eine kleine Gruppe von Arbeiten entfallen würde. Qualitativ vermuten wir, daß sich auf 100 von 10.000 Arbeiten ein Drittel der Referenzen bezieht. Andererseits werden einige 1.000 Arbeiten verloren sein oder so selten zitiert werden, daß sie nicht allgemein bekannt werden. Es ist unmöglich festzustellen, wieviel von diesem Verlust gerecht und verdient ist, aber ein großer Teil der eitlen Autoren wird meinen, daß seine Arbeiten ungerechterweise vom Geist der Vergessenheit verschlungen wurden. Es gibt warnende Geschichten von wiederentdeckten Arbeiten, wie Mendels Aufsatz, die uns folgern lassen, daß der statistische Verlust an Literatur möglichst gering gehalten werden muß.
Demnach sind die wesentlichen Probleme von wissenschaftlicher
Das erste bemerkenswerte Phänomen von human engineering ist die Entstehung neuer Gruppierungen von Wissenschaftlern, die aus maximal 100 Kollegen bestehen. Als am Anfang nur diese Anzahl Wissenschaftler in einem Lande existierte, konnte sie sich als Royal Society oder American Philosophical Society zusammenschließen. Später konnten sie sich in Spezialgesellschaften spalten. Heute überschreiten selbst die kleinsten Spezialgebiete diese Größe, und die umfangreicheren Gruppen haben 10.000 oder sogar 100.000 Mitglieder. Bei dieser Gruppengröße entwickeln sich entsprechend unserer früheren Analyse nach aller Wahrscheinlichkeit einige kleine Hundertgruppen, die intern Kontakte aufrechterhalten können. Solche Gruppen entwickeln sich dann, zunächst etwas schamhaft, separat weiter.
Wahrscheinlich zwang uns der Druck der Umstände während des 2. Weltkriegs dazu, solche Vereinigungen von Forschern zu schaffen und nach außen abgeschirmt bei interner Wechselwirkung zu halten. Wir gaben ihnen den Glauben an die Dringlichkeit der Zusammenarbeit in der Kernphysik und später in der Entwicklung des Radars. Solche Gruppen bestehen noch immer, z. B. die paar hundert Leute, die sich zur
Die Organisation ist nicht perfekt; einige der Besten mögen fehlen, einige Teilnehmer würden wir als nicht qualifiziert finden, wenn wir einen objektiven Maßstab hätten. Ganz bewußt möchte man nicht zu exklusiv sein, um den Mann aus Baffinland nicht auszuschließen, der ein hervorragender Elementarteilchenphysiker wäre, wenn er nur könnte. Aber es gibt eine maximale Größe, oberhalb der das Treffen nutzlos ist. Wenn zu viele Einladungen ergangen sind, wird eine Untergruppe der wirklich kenntnisreichen Mitglieder entstehen müssen.
Solche Aktivitäten sind keineswegs auf die zwei erwähnten Gruppen beschränkt. Ähnlich inoffizielle Organisationen existieren in der Molekularbiologie, in Computertheorie, in Radioastronomie und zweifellos in allen Wissenschaftszweigen mit Zehntausenden an Mitarbeitern. Nach unserer Theorie sind solche Gruppenbildungen unvermeidlich und nicht als Produkt des Krieges oder des speziellen Charakters der Disziplin anzusehen. Konferenzen sind nur ein Symptom; es reicht nicht aus, sich als Gesamtheit jedes Jahr zu treffen, und es besteht das Bedürfnis für kontinuierliche Kontakte innerhalb der Hundertergruppe.
So finden die Gruppen Mechanismen für die Alltagskommunikation. Ein ausgeklügelter Apparat zur Versendung nicht nur von Nachdrucken fertiger Arbeiten, sondern von Vorabdrucken und Vorvorabdrucken über laufende Arbeiten und in Kürze zu erwartende Ergebnisse entwickelt sich.18 Die Existenz einer solchen Gruppe kann aus dem Vergleich der Adressenliste eines Forschers mit den Adressenlisten der dort
Zusätzlich zur Versendung von Vorabdrucken werden andere Wege beschnitten, um den persönlichen Kontakt der Gruppenmitglieder zu ermöglichen. Sie scheinen die Kunst erlernt zu haben, Einladungen an sich zu ziehen, sie besuchen Zentren, wo sie mit einigen Mitgliedern der gleichen Gruppe eine kurze Zeit zusammenarbeiten. Dann wandern sie zum nächsten Zentrum mit anderen Mitgliedern. Dann kehren sie zur Heimatbasis zurück, aber ihre Loyalität besteht zur Gruppe und nicht zur Institution, die sie bezahlt, es sei denn, sie ist eine Station auf der Wanderschaft. Für jede Gruppe existiert ein Austauschkreis von Instituten, Forschungszentren und Sommerschulen, die ihren Gliedern die Möglichkeit geben, sich einzeln zu treffen, so daß in einem Zeitraum von ein paar Jahren jeder, der etwas darstellt, einmal mit jedem der gleichen Kategorie gearbeitet hat.
Solche Gruppen bilden ein unsichtbares Kollegium, im gleichen Sinne wie jene inoffiziellen Pioniere, die sich später zusammentaten, um 1660 die Royal Society zu gründen. Ganz genauso wie damals erhält jeder einen Status durch entsprechende Anerkennung durch seinesgleichen, sie übertragen Prestige, und sie entschärfen vor allem die Informationskrise, indem sie die große Gruppe zu einer ausgewählten kleinen reduzieren. Die kleine Gruppe hat die maximale Größe, bei der sie noch durch persönliche Beziehungen gelenkt werden kann. Solche Gruppen sollten ermutigt werden, denn sie lösen Statusprobleme, ohne die Zahl der Arbeiten zu vermehren, die sonst für diesen Zweck geschrieben würden. Ich glaube, man muß zugeben, daß Wissenschaftleraustausch auf hohem Niveau ein wichtiger Kommunikationskanal geworden ist und daß wir seine Weiterentwicklung fördern müssen.
Die wissenschaftliche Elite hat Prestige beim Volk im allgemeinen und bei ihren Dienstherren im besonderen erworben und damit einen gewissen Wohlstand erreicht, und die Möglichkeit umherzureisen. Es ersetzt nebenbei die verlorene Möglichkeit, mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen Ruhm zu sammeln. Wissenschaftliche Veröffentlichungen sind als Währung stark abgewertet. Trotz der Tendenz, Sommerschulen in möglichst angenehmen Erholungsgegenden anzusiedeln und Institutsaufenthalte auch für die Familienmitglieder attraktiv zu machen, gibt es weiteren Bedarf. Man muß einsehen, daß ein Ort wie Brookhaven, zu dem man früher kam, um mit den großen Maschinen und anderen Einrichtungen zu arbeiten, heute eine neue, zunehmend wichtigere Rolle spielt. Er wird eine Hauptstation auf dem Pendelkreis verschiedener unsichtbarer Kollegien. Forscher kommen, um mit anderen zu arbeiten, die gekommen sind, um mit wieder anderen zu arbeiten, die gerade da sind. Wir brauchen viel mehr solche Einrichtungen auf verschiedenen Gebieten in verschiedenen Ländern. Es könnte zum Beispiel sinnvoll für die Regierung der USA sein, die Errichtung von »Fulbright residential buildings« in London, Cambridge und Oxford, Kopenhagen, Genua, Paris und Delhi zu unterstützen, und überall dort, wo sonst noch Wissenschaftler der Vereinigten Staaten in Mengen hinzureisen pflegen.
Soviel zur Elite, was geschieht nun mit den Massen? Die Erwähnung großer Maschinen erinnert sofort an eine spezielle Weise, wie Elitenbildung Organisationsprobleme beim
Eine detaillierte Untersuchung der Häufigkeiten kollektiver Arbeiten zeigt überraschend, daß seit Beginn unseres Jahrhunderts sich dieses Phänomen beständig und immer schneller ausbreitet. (Abb. 19) Es gelingt kaum, eine besondere Beschleunigung in den Kurven zu erkennen, die auf das Auftreten der großen Maschinen zurückzuführen wäre und diese somit als Hauptgründe der Teamarbeit auswiese.
Die Daten von »Chemical Abstracts«20 zeigen, daß im Jahr 1900 mehr als 85% aller Veröffentlichungen einen einzigen Autor hatten, und fast der ganze Rest bestand aus Paaren. Dann signierten meist ein Professor und sein graduierter Student, es gab aber auch einige der Art von Pierre und Marie Curie, Cockroft und Walton, Sherlock Holmes und Dr. Watson.21 Seit damals hat sich das Verhältnis zugunsten der Mehrautor-Arbeiten beständig und kräftig verschoben, und
Man kann diese Hinwendung zur Gemeinschaftsarbeit verstehen, wenn man sie als natürliche Ausdehnung des Wachstums betrachtet, das durch die gleichmäßige Verschiebung der Pareto-Verteilung der wissenschaftlichen Produktivität erzeugt wird. Man beobachtet eine kontinuierliche Erhöhung der Produktivität der produktivsten Autoren und entsprechend eine Zunahme der Anzahl der wenig produktiven Autoren. Wenn wir uns in beiden Richtungen der Grenze nähern, muß klarerweise jemand die Rechnung bezahlen. Die produktivsten Leute erhöhen ihre Produktivität, indem sie ein Team führen, das mehr als ein einzelner erreichen kann. Auch die Minimalwissenschaftler sind knapp, und wir können es uns kaum leisten, sie bis zu der Reife wachsen zu lassen, in der sie eigene bedeutsame Arbeiten produzieren.
Eine optimistischere Ansicht besteht darin, daß mit Hilfe dieser Klasse von Zauberlehrlingen teilweise das Organisationsproblem der Wissenschaftler auf der unteren Ebene gelöst wird, indem sie direkt mit der Forscherexistenz der Elite verbunden wird. Das ist eine logische Fortsetzung des alten Familienprinzips - der große Professor mit seiner Jüngerschaft aus graduierten Studenten - für das zum Beispiel Rutherford und Liebig besonders bekannt waren. Der große Unterschied besteht darin, daß an der Spitze der Pyramide nicht ein einzelnes geliebtes Individuum steht, sondern das unsichtbare Kollegium. Sein Ort ist nicht ein verstaubtes Lehrlaboratoriurn, sondern ein mobiler Austauschkreis von ziemlich teuren Institutionen. R. E. Weston u. a. schlugen vor, man solle solche Teams benennen wie z. B. die Dubna Reds und die Harvard M. I. T. Yankees, und jedem Spieler seinen Rang geben.23
Durch den Übergang von Little Science zu Big Science hat sich folglich insbesondere die Rolle des wissenschaftlichen Aufsatzes drastisch verändert. Die modernen Transportmöglichkeiten und der Wohlstand der wissenschaftlichen Elite haben in vieler Hinsicht ersetzt, was früher durch Veröffentlichungen von Aufsätzen bewirkt wurde. Wir tendieren heute dazu, Informationen von Person zu Person zu übertragen,
All das ruft eine beträchtliche Veränderung in der Motivation eines Wissenschaftlers hervor; es ändert seine gefühlsmäßige Haltung gegenüber seiner Arbeit und seinen Kollegen. Es hat auf verschiedene Weise den wissenschaftlichen Aufsatz zu einer toten oder sterbenden Kunst gemacht. Darüber hinaus ist in die unsichtbaren Kollegien ein Rückkopplungsmechanismus eingebaut, der ihre Stärke und Bedeutung innerhalb der Wissenschaft und gegenüber außerwissenschaftlichen sozialen und politischen Kräften erhöht. Gefährlich ist, daß diese Rückkopplung die Stärke und Wirksamkeit der Forschungsgebiete und Länder unterdrückt, in denen sich der Wissenschaftleraustausch noch nicht entwickelt hat. Jetzt, wo wir eine einigermaßen vollständige Theorie über wissenschaftliche Manpower und Literatur aufgestellt haben, müssen wir die soziale und politische Zukunft betrachten."
1. Veröffentlichungen von Gelehrtenakademien als organisierte Körperschaften, die sich mit Versuchen und Experimenten beschäftigten, für deren Durchführung sie gegründet worden waren, hat es bereits früher gegeben. Die Saggi der Accademia del Cimento, einer Vorläuferin der Gesellschaften in London und Paris, sind ein Band guter Forschungsaufsätze, der als ein vollständiges abgeschlossenes Einzelwerk veröffentlicht worden ist.
2. B. Barber, Resistance by scientists to scientific discovery, in: Scientific Manpower 1960 (National Science Foundation Publication NSF 61-34, Mai 1961), 36-47.
3. Robert K. Merton, Priorities in scientific discovery; a chapter in the sociology of science, in: American Sociological Review 22 (1957), 635; Singletons and multiples in scientific discovery; a chapter in the sociology of science, in: Proceedings of the American Philosophical Society (Oktober 1961), 470.
4. Thomas S. Kuhn, Historical structure of scientific discovery, in: Science (Juni 1962), 760.
5. Zitiert in Merton, Proceedings of the American Philosophical Society 105 (Oktober 1961), 483 links.
6. F. Reif, The competitive world of the pure scientist, Science, 134 (15. Dezember 1961), 1957-62.
7. Ein Anfang für eine derartige Analyse ist von Karl W. Deutsch gemacht worden: Scientific and Humanistic Knowledge in the Growth of Civilization, in: Science and the Creative Spirit, Toronto, Ont. 1958, 3-51.
8. Man kann jedoch eine Gruppe dieser Größenordnung, ja sogar eine noch größere, oberflächlich überblicken, indem man eine Abstractszeitschrift benutzt, um zu der engeren Gruppe zu finden.
9. Man sollte sich die Motivation solcher Gründer genauer ansehen und sie mit der Geschichte vergleichen, in der zwei kleine Mädchen die Kontrolle über den Diskussionsklub ihrer 4. Klasse mit einer Methode übernehmen, die sie beschrieben als »den offenen und ehrlichen Weg, mit dem jede Gruppe einen Klub übernehmen kann - mit der Inbesitznahme der Vervielfältigungsmaschine«.
10. D. J. Urquhart, Use of Scientific Periodicals, International Conference on Scientific Information, National Academy of Sciences-National Research Council, Washington, D. C. 1958, 277-90, Tabellen 11, VII.
11. An diesem Punkt geben die meisten Wissenschaftler ihrer Enttäuschung Ausdruck. Ich habe den Verdacht, daß sie insgeheim die Hoffnung hegen, daß für ihre eigene Qualität und ihren Ruf eine Norm objektiver Beurteilung gefunden werden kann. Dieses Verlangen nach von menschlicher Subjektivität ungetrübter Anerkennung ist in sich selbst ein interessantes psychologisches Phänomen.
12. Aufsätze verhalten sich ähnlich wie die menschliche Bevölkerung, außer daß es eines Quotums von 10 Aufsätzen zu bedürfen scheint, um einen neuen zu produzieren, und nicht eines Paars, bestehend aus Mann und Frau. Wir haben jetzt gezeigt, daß Gebären mit einer konstanten Rate vor sich geht.
13. Siehe zum Beispiel J. H. Westbrook, Identifying significant research in: Science 132, (Oktober 1960), 1229-34. Ebenso Paul Weiss, Knowledge, a growthprocess, in: Science 131 (Juni 1960). S. 1716 sowie die darauffolgende klärende Diskussion von S. J. Goffard und C. D. Windle in: Science 132 (September 1960), 625.
14. Herman H. Fussler, Characteristics of tbe research literature used by chemists and physicists in the United States, in: Library Quarterly 19 (1949), 19-35; ibid. 20 (1950), 119-143.
15. P. L. K. Gross und E. M. Gross, College libraries and chemical education, in: Science 66 (Oktober 1927), 385-89.
16. Tatsächlich stellt eine konstante Rate an Zitierungen sicher, daß das Gebiet mit Zinseszins anwächst und sich somit ein exponentielles Wachstum ergibt.
17. Ich komme daher zu dem Schluß, daß ein Wettrennen um den ersten Platz in der Wissenschaft unwahrscheinlichen Verschleiß mit sich bringt und daß alles gut ist, was die Belohnung für eine solche Leistung verringert. Daher ist es vielleicht eine gute Sache, den Autoren die Chance zu nehmen, daß ihr Name in Verbindung mit einem Aufsatz erscheint. Es könnte als Ehre genug angesehen werden, daß ihnen erlaubt wird, im Team mitzuspielen.
18. Wie Forschungsberichte über Vertragsprojekte der Regierung stellen diese ein obwohl historisch interessantes, dennoch anrüchiges Mittel dar, durch die Hintertür Veröffentlichungen für eine Unmenge von Schreiberei zu erreichen, die besser ungedruckt geblieben wäre.
19. S. A. Goudmit, Physical Review Letters 8, (März 1962), 229. Ein weiteres gutes Beispiel einer ganz anderen Art von Zusammenarbeit ist das Auftreten des größten Mathematikers der Welt unter dem Pseudonym Nicolas Bourbaki. Dieser Franzose mit einem griechischen Namen, Autor einer international berühmten Sammlung von Abhandlungen über moderne höhere Mathematik, besteht in Wirklichkeit aus einer Gruppe von 10-20 Mathematikern, die meisten von ihnen Franzosen, alle auf ihrem Gebiet weithin anerkannt und keiner namentlich als Teil des vielköpfigen Bourbaki zu identifizieren. Siehe Paul R. Halmos, Nicolas Bourbaki, in: ScientificAmerican 196 (Mai 1957),8899.
20. Ergebnisse einer unveröffentlichten Untersuchung von L.Badash, Yale University.
21. L. Kowarski, Team work and individual work in research, in: CERN Courier 2 (Mai 1962) 4-7.
22. Vgl. Dafür Mathematical Reviews
und drei mathematische Zeitschriften.
(Prozent der Aufsätze mit gemeinsamen Autoren)
Math. Revs. Drei U. S. Zeitschriften
1920 2,2 1930 4,1 1940 5,8 19,2 1950 6,5 18,2 1960 10,8 12,7Aus einem Brief von W. R. Utz, in: Americn Mathematical Society Notices 9 (1962) 196-97.
23. Brief in Physics Today (Juni 1962), 79-80.
Abb. 17
Abb. 17. Benutzung von Zeitschriften (d. h. der Benutzungen in einem bestimmten Jahr), angeordnet nach abfallender Häufigkeit ihrer Benutzung.
Laut dieser Studie sind mehr als 3.000 der verfügbaren Gesamtzahl von 9.120 Zeitschriften in der Bibliothek während der untersuchte Zeitspanne überhaupt nicht benutzt worden.
Abb. 18
Abb. 18. Die Halbwertzeit der wissenschaftlichen Literatur.
Zählung der Verteilung aller Zitate nach Ursprungsjahr aus einem Band einer wissenschaftlichen Zeitschrift des Jahres 1926. Mit Ausnahme einer Periode von 5 Jahren, die den 1. Weltkrieg umfaßt, fällt die Zahl der Zitate alle 15 Jahre um einen Faktor 2 ab.
Abb. 19. Häufigkeit von Aufsätzen mit mehr als einem Autor als Funktion der Zeit.
Die Daten stammen aus den Chemical Abstracts, 1910- 1960. Dargestellt sind die prozentualen Anteile der Aufsätze mit einem, zwei, drei und mindestens vier Autoren. Es scheint klar, daß sich die Verhältnisse seit dem Anfang des Jahrhunderts immer schneller geändert haben.