Dr. Richard Polacsek Nachruf von Dr. Margarete Rehm:

Richard Polacsek starb nach kurzer Krankheiter am 25. Juli 1987 in Baltimore, Maryland, USA.

Polacsek wurde am 20. Februar 1917 in Wien geboren, studierte Medizin, legte 1940 sein Staatsexamen ab und promovierte 1942 zum Dr. med.

Nach Tätigkeit als praktizierender Arzt und in der pharmazeutischen Industrie wechselte er 1958 in das Bibliothekswesen über, indem er Fachreferent für Medizin an der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart, wurde. Der Illusion manchen Wissenschaftlers, im Bibliotheksdienst einen ruhigen Beruf zu finden, ist Polacsek von vornherein nicht erlegen. Viel hat das Fachgebiet Medizin der Württembergischen Landesbibliothek, und viel hat die Ärzteschaft im mittleren Neckarraum seiner Initiative zu verdanken. 1963 wurde Dr. Polacsek in den Gründungsausschuß zum Aufbau der Medizinischen Hochschule in Ulm berufen und im Dezember 1964 zum Leiter der Arbeitsstelle für den Aufbau der Bibliothek der Medizinischen Hochschule, der späteren Universitätsbibliothek Ulm, ernannt.

Bis 1964/65 konnte in der Bundesrepublik Deutschland von einem medizinischen Bibliothekswesen, vergleichbar etwa mit dem in den USA, nicht gesprochen werden, da bis zu diesem Zeitpunkt, mit Ausnahme der Zentralbibliothek der Medizinischen Akademie Düsseldorf, keine selbständigen medizinischen Hochschulbibliotheken existierten. Erst mit den Neugründungen Hannover und Ulm änderte sich die Situation, insofern die medizinische Bibliothek als zentraler Dienstleistungsbetrieb der Hochschule geschaffen wurde An dieser Konzeption war Dr. Polacsek wesentlich beteiligt

Polacsek hat sich mit seiner Ulmer Aufgabe - der Gründung und dem Aufbau einer liberalen, am Benutzer orientierten und unter Ausnutzung aller verfügbaren technischen und organisatorischen Möglichkeiten arbeitenden Gebrauchsbibliothek - geistig und praktisch identifiziert: Relativ schnell gelang ihm aufgrund eingehender Bedarfsanalysen und seiner vielfachen Kontakte ins Ausland ein den Bedürfnissen von Forschung und Lehre genügender und ausgewogener Literaturbestandsaufbau. Besonders erwähnenswert war eine von ihm angelegte für Deutschland nahezu einmalige Sammlung psychoanalytischer Literatur durch Ankauf von umfangreichen Privatbibliotheken emigrierter Psychoanalytiker.

Polacseks Denken war stets zukunftsweisend: So führte er in Ulm gleich - im Hinblick auf einen späteren möglichen  Datenaustausch - für die Freihandaufstellung und für die Sacherschließung das System der National Library of Medicine, Bethesda, Md. (für die biomedizinische Literatur) bzw. das System der Library of Congress, Washington, D.C. «für alle anderen Fachgebiete) mit englischen Schlagwörtern ein.

Seine ganze Anstrengung galt dem Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung zur Automatisierung der Bibliotheksfunktionen: Die von Dr. Polacsek eingeführte und größtenteils selbst erarbeitete Katalogmechanisierung zur Herstellung von Zettelkatalogen mit Hilfe programmgesteuerter Schreibautomaten (FRIDEN-Flexowriter-Selecta-Data-System) wird von der Universitätsbibliothek Ulm noch heute, wenn auch inzwischen vollautomatisch, durchgeführt. Benutzungsstatistiken und Zeitschriftenverzeichnisse erstellte er schon sehr früh mittels EDV.

Eines seiner Hauptziele war die Teilnahme der deutschen Bibliotheken an computerisierten Informationssystemen. Spezielle biomedizinische Literaturanfragen der Ulmer Wissenschaftler bearbeitete er offline über MEDLARS- Zentralen in Schweden und England. Nicht von ungefähr dürfte es deshalb sein, daß die Universitätsbibliothek Ulm die erste Hochschulbibliothek der Bundesrepublik Deutschland war, in der Anfang 1976 eine Online-Informationsvermittlungsstelle in Betrieb genommen wurde. Von Weitsicht zeugt sein Memorandum' zur Einrichtung eines Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), das 1969 Wirklichkeit wurde.

Hervorzuheben ist auch Polacseks Aktivität auf vielen an deren Gebieten: er übersetzte und bearbeitete wissenschaftliche Bücher, war lange Schriftführer einer medizinischen Fachzeitschrift, bis zu seinem Tode Mitherausgeber der Springer-Zeitschrift M.D.Computing (früher u.d.T.: EDCOMP. Computers in Medical Practice), und für Verlage, Bibliotheken und andere Institutionen beratend tätig. Er gehörte dem wissenschaftlichen Komitee des Dritten Internationalen Medizinischen Bibliothekskongresses, Amsterdam 1968 an, auf dem er mit Kollegen die Gründung der ,Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen' initiierte, die dann 1970 ins Leben gerufen wurde.

1969 wurde Polacsek Director and Librarian der Welch Medical Library und Professor of Medical Bibliography der Johns Hopkins University in Baltimore, Md., USA. Diese Berufung auf einen der angesehensten Posten, den die amerikanische Medizin zu vergeben hat, stellte für Polacsek und den von ihm erarbeiteten Modellcharakter der Ulmer Universitätsbibliothek eine Anerkennung dar, erhielt er doch den Auftrag, die Welch Medical Library nach seinen für Ulm entwickelten Plänen zu reorganisieren.

Nach Automatisierung sämtlicher Bibliotheksfunktionen optimierte er den Dienstleistungsbetrieb durch Einrichtung eines verzweigten Netzes von Bereichsbibliotheken (satellite libraries), die den Anforderungen der Johns Hopkins Medical Institutions auf dem gesamten Campus der Universität gerecht wurden.

Erst 1984 trat Dr. Polacsek in den Ruhestand. Von seinem Bibliotheksamt zwar entpflichtet, blieb sein Ziel, durch technisches, insbesondere elektronisches Wissen und Anwendungspraxis das Bibliothekswesen in neue Bahnen zu lenken, die er unter dem Stichwort Information Management' bezeichnet wissen wollte.

Polacsek hat an der Technik allgemein von jeher innig gehangen; er war ein kühner Experimentator und zuletzt Experte auf dem Computersektor. Durch sein fruchtbares Talent und seine nahezu kindliche, drängende Neugier und junge Geisteslust sah er eine Welt bunter Möglichkeiten von feinster Intellektualität. Sein Bündnis mit der Technik und sein geistdurchheitertes Wissen, mit der Bereitschaft zu Neuem und Gewagtem auf der rechten Seite zu stehen, machten ihn glücklich. Polacsek, freudvoll, weit offen teilnehmend an allem, was er als kühn, gut, wahrhaftig empfand, zog mit seinem Ideenreichtum und seiner schöpferischen Spontaneität Mitarbeiter, Schüler, Freunde und seine Familie in seinen Bann.

Dr. Polacsek war ein äußerst bescheidener Mensch. Er schrieb einmal aus Amerika: "Ich bin am glücklichsten, wenn ungelobt. Es ist mir ganz ernst, wenn ich sage, daß an meinen bibliothekarischen Leistungen nichts Besonderes ist. Was ich gut gemacht habe, ist Ausdruck von Hausverstand und durchschnittlicher Begabung."

Polacseks Leistungen wurden zuweilen nur unwillig anerkannt. Diesen rührigen und zweifellos nicht immer bequemen Mann, dem die kampflustige, wenn auch in eine liebenswürdige Konzilianz verpackte Direktheit mehr lag als alle Preziositäten, mußten die Schwierigkeiten und Grenzen, die ihm in Deutschland, bedingt durch äußere Umstände, manchmal aber auch selbst ausgelöst, unerbittlich gesetzt wurden, sensitiv wie er war, empfindlich treffen. Hierin liegt ein Schlüssel, daß er dem an ihn ergangenen Ruf nach Baltimore gefolgt ist.

Polacseks klare, sympathische Sprechweise, aus der eine kluge Schalkhaftigkeit und eine feine humoristische Herzensgüte, aber auch eine hohe und sichere Geschmackskultur vortraten, trug bei zu einer heiteren Behaglichkeit seiner Wirkung in gesellschaftlichem Kreise. Polacsek verstand sich, getönt durch die Kulturatmosphäre seiner Geburtsstadt, nicht nur auf das Plaudern über jeden geistigen Gegenstand, sondern, wohl vom Ärztlichen herrührend, auch auf das Zuhören. Die reichen Gespräche und Briefe, die produktiven Kommentare und manch kluger Beistand werden fehlen. Es wird leer um seine Freunde.


Last update: 1. March 1997 © by Walther Umstaetter