Die Bedeutung der Wissensmessung für das
Knowledge Management
Prof. Dr. Walther Umstätter
Einleitung
Er ist allgemein bekannt, der Satz der die Bedeutung des
Knowledge Managements (KM) so klar hervorhebt wie kein anderer: "Wissen
ist Macht." Er stammt, von Francis Bacon, und lautete eigentlich: "Nam
et ipsa scientia potestas est." oder "Denn die Wissenschaft selbst ist
Macht.". Bacon hatte großen Einfluss auf die Aufklärung und
damit auch auf unsere heutige Wissenschaftsgesellschaft, die, und hier
liegt der selbe Übersetzungsfehler von knowledge und science
zu Wissen bzw. Wissenschaft vor, eigentlich keine Wissensgesellschaft
ist. Denn diese Gesellschaft lebt weniger von dem noch immer geringen
Wissen das sie schon hat, als vielmehr von dem Wissen das sie täglich
neu produzieren und erwerben muss. Gerade darum wird das KM, das immer
auf einem Wissenschaftsmanagement beruht, zum zentralen Thema unserer
Gesellschaft. Wir gehen zur Zeit in eine Wissenschaftsgesellschaft hinein,
in der schon heute immer mehr Menschen direkt oder indirekt von der
Wissenschaft leben. Und wir tun dies mit einer Geschwindigkeit, die
immer mehr Menschen, die dafür nicht ausgebildet sind, zwingt,
aus dem Berufsleben auszusteigen.
Trotz der häufigen Wiederholung des Satzes "Wissen
ist Macht", ist die Brisanz dieser zur Phrase gewordenen Aussage vielen
Menschen sicher nicht immer klar. Wie groß die Macht der Wissenschaft
ist, wurde vor einem halben Jahrhundert vielen Physikern schlagartig
bewusst, als die erste Atombombe gezündet worden war. Danach gab
es eine rege Diskussion, die aber heute schon wieder weitgehend vergessen
ist. Es war die Diskussion darüber, dass Wissenschaftler eine Verantwortung
tragen für das was sie tun. Sie haben wie alle Menschen nicht nur
Wissen, sondern auch ein Bewusstsein, in dem sie über ihr Wissen
zu reflektieren vermögen. Aus ihm ergibt sich die Verantwortung
für ihr Handeln. Der Homo sapiens weiß nicht nur was er tut,
er hat auch die Fähigkeit zu analysieren, warum er etwas tut.
Statt dessen bezweifeln zahlreiche Autoren heute, dass
wir überhaupt wissen was Wissen ist. So schreibt D.A. Kemp in "The
Nature of Knowledge", es sei "difficult and probably impossible to find
a definition of knowledge which would be universally accepted by all
philosophers". Und L. Fahey und L. Prosak, gehen im Internet mit ihren
"Eleven Deadliest Sins of Knowledge Management," noch weiter, wenn sie
behaupten, schon der Versuch "to measure knowledge." sei eine Todsünde.
Teile der modernen Konwledge Manager scheinen damit weitgehend auf die
Ergebnisse der Philosophie und der Geschichte zu verzichten.
Dagegen gilt nach F. Bacon: Richtig zu wissen bedeutet
"durch Gründe zu wissen". Ähnlich sah es Hobbes (1588 - 1679),
der feststellte: "Daher ist das Wissen, durch welches wir die Wahrheit
einer Behauptung einsehen, die Kenntnis eines Gegenstandes aus seinen
Ursachen und seiner Entstehung durch richtige Ableitung im Denken."
Auch Descartes (1596 – 1650) verstand Wissen als "Erkenntnis der Wahrheit
aus ihren ersten Ursachen.". Ebenso ist für Popper die eigentliche
Frage des Wissens ob es wahr ist oder nicht. Er betrachtet "Wissen als
eine bestimmte Art des Glaubens, nämlich als eine Art des Glaubens,
die auf zureichenden Gründen beruht" (Popper, K., S.23; 1994).
Für ihn, und dass ist zweifellos richtig, gibt es kein absolut
sicheres Wissen. So schreibt er: "Das haben schon die Griechen gewußt
.... »Die Götter haben sicheres Wissen - epistéme, die Menschen
haben nur Meinungen - doxa.«" (Popper, K., S.142; 1994). Dabei bedeutet
das griechische doxei auch so viel wie schließen bzw. Schlüsse
ziehen. Wenn also Aristoteles mit Hilfe der Induktion zu der Auffassung
gelangte, dass auch der Mensch beweisbares Wissen hat, so ist dies nach
unserer heutigen Auffassung eine Frage der Wahrscheinlichkeitstheorie,
die in vielen Fällen die hundert Prozent recht zuverlässig
erreicht. "Die genaue Semantik des Wortes »Wissen« ist, das Wissen sicheres
Wissen ist." (Popper, K., S.142; 1994).
Wissen kann in moderner Diktion also eindeutig als begründete
Information definiert werden. Dabei kann die Begründung in unterschiedlichem
Maße gesichert, wahr oder bewiesen sein. Es kann sich auf wiederholte
Erfahrung (Redundanzen) beziehen und auf logische Schlussfolgerungen.
Während die Qualität einer Begründung nicht messbar ist,
kann die Quantität ihrer Sicherheit durchaus bestimmt werden, indem
man beispielsweise ihre Aussagen mit der Realität vergleicht. Es
ist also nicht besonders schwierig und erst recht nicht unmöglich
für Wissen eine Definition zu finden. Sie liegt seit langem vor.
Seine Messbarkeit ergibt sich geradezu zwangsläufig aus der Informationstheorie.
Die Messbarkeit von Wissen
Wenn wir Wissen messen wollen müssen wir auf
die Informationstheorie der vierziger Jahre zurückgreifen, wie
sie von C. Shannon und W. Weaver aber auch von N. Wiener und anderen
mitbegründet worden ist. Ihr liegt das bekannte Informationsmodell
(Abb. 1) zugrunde, das aus der Nachrichtenübertragungstechnik der
damaligen Zeit heraus entwickelt worden ist. Es war aber schon sehr
bald klar, dass seine grundlegende Bedeutung viel weiter reichte. Sie
erstreckt sich von der molekularen Systemebene, über die bakterielle
bis hin zu der höheren Lebewesen und
zur soziokulturellen Kommunikation des Menschen.

Abb. 1.: Informationsmodell von W. Weaver (S.7) und C.
Shannon (S. 34)
Auf der Basis dieses Modells ließ sich Information
durch die Gleichung
als Einheit dient zwangsläufig
das Bit, als einziges bekanntes Maß für die Information.
Diese Gleichung gilt um so zuverlässiger, je unwahrscheinlicher
und je sicherer eine Vorhersage ist.
Auf den ersten Blick ist diese Erkenntnis
nicht neu, da wir sie bereits anwenden seitdem es Prüfungen gibt.
Dabei werden in solchen Prüfungen schon immer Fragen gestellt,
in denen die Prüflinge die Aufgabe haben, die richtige Antwort
zu geben. Diese Antwort entspricht also einer Vorhersage dessen, was
der Prüfer als richtig erwartet. Damit die Prüflinge nicht
nur auswendig gelerntes wiedergeben, versucht man einerseits auch nach
Erklärungen bzw. Begründungen zu fragen und andererseits die
Fragen so abzuwandeln, dass die Antworten nur aufgrund wirklichen Wissens
rekonstruierbar sind. Trotzdem war es immer schwierig, zwischen Wissen
und der einfach aus dem Gedächtnis abgerufenen Information zu unterscheiden.
Die heutigen digital arbeitenden
Computer bieten uns nun ideale Messinstrumente zur Unterscheidung von
Information, Rauschen und Redundanz. Damit können wir folglich
auch Wissen weitaus exakter messen als wir es bislang vermochten. Die
konventionelle Art dies zu tun war und ist eine Zensurenvergabe mit
einer recht groben Skala. Sie stellt außerdem ein Maß dar,
mit dem sicher nicht immer nur Wissen kalibriert wurde.
Dagegen können wir heute mit Hilfe einer Datenbank, in der Informationen
auf einem bestimmten Gebiet gespeichert werden, die sich aus dem Wissen
von Personen oder Expertensystemen ergeben, mit der jeweils dazugehörigen
realen Information vergleichen. Wir prüfen also die durch Wissen
vorhergesagte Informationen mit der wirklich empfangenen. Dabei ist
allerdings ein grundsätzlicher Sockelbetrag abzuziehen, der durch
Zufall richtig sein kann, da eine zufällig richtige Antwort in
einer Prüfung auch kein Zeichen für Wissen ist. Auch dieser
Sockelbetrag ist mit Hilfe der Computer recht gut wahrscheinlichkeitstheoretisch
abschätzbar. Wenn wir beispielsweise die Frage haben: Werden die
Verkaufszahlen unserer Firma steigen oder fallen? So haben wir in erster
Näherung mit jeder Antwort eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit
für eine richtige Antwort. Erst durch Wissen erhöht sich diese
Wahrscheinlichkeit sprunghaft, wenn wir Gründe haben anzunehmen,
dass beispielsweise ein Anstieg zu Weihnachten wahrscheinlicher ist.
An diesem Beispiel erkennen wir eine weitere interessante Problematik
in der Messung von Wissen. Es ist die Zuordnung und Klassifikation von
Information. Schon bei der Frage: Werden die Verkaufszahlen unserer
Firma steigen, gleich bleiben oder fallen? Haben wir bei Unwissenheit
nur noch eine dreißigprozentige Wahrscheinlichkeit für eine
richtige Antwort. Je nach Definition dieser drei Klassen verschiebt
sich die Wahrscheinlichkeit noch weiter, wenn wir gleichbleibend mit
einer Toleranzgrenze von nur einem Prozent definieren.
Wissen als Information erhöhter
Qualität
Die Große Macht des Wissens
und seine Qualität ergibt sich zwingend aus der richtigen Begründung
der jeweiligen Informationen.
- weil Wissen uns damit die Entscheidung
von falscher und richtiger Information, beim Empfang der selben, bei
Problemlösungen und bei unserm Handeln erlaubt.
- weil eine solche Begründung
dazu führt, dass wir Millionen von Einzelinformationen mit ein
und der selben Theorie erklären können, ohne uns diese Informationen
im einzelnen merken zu müssen. Damit ist eine geradezu unglaublich
hohe Verdichtung von Information möglich.
- weil Wissen uns die Möglichkeit
gibt Vorhersagen zu machen, die uns damit eine, wenn auch begrenzte,
so doch unverzichtbare Macht über die Zukunft verleiht.
- weil uns Wissenschaft zu Problemlösungen
und damit zu Wissen führt, das ungeahnte Energien freizusetzen
vermag, kaum schätzbare Rohstoffeinsparungen ermöglicht
oder auch ungeahnte Perspektiven und Märkte eröffnet.
Es stehen uns schon heute zahlreiche
unterschiedlich leistungsfähige Computerprogramme zur Verfügung,
um gezielt Probabilitäten und Redundanzen als solche zu erkennen.
Da Redundanzen im Prinzip auch ein Problem der Kategorisierung sind,
bei der ähnliche Informationen zu Äquivalenzklassen zusammengefasst
werden können, kommt es hier teilweise nicht nur zu Datenkompressionen,
sondern in gleichem Maße auch zu Abstraktionen. Entsprechendes
gilt auch für das Rauschen, das durch sogenannte Rauschfilter unterdrückt
werden kann. Auch dies ist eine Datenabstraktion, die je nach Intelligenz
des Programms unterschiedlich leistungsfähig ist. Von besonderem
Interesse sind in diesem Zusammenhang Programme zur Kompression bzw.
Abstraktion von Filmsequenzen, wie wir sie beispielsweise bei JPEG-Formaten
finden. Unter dem Aspekt der künstlichen Intelligenz können
dabei Systeme mit leistungsfähigen Wissensbanken auch solche Filmsequenzen,
die einer gewissen Gesetzmäßigkeit unterliegen, vorausberechnen.
Das können Flugbahnen und Bewegungsabläufe von Objekten sein,
Helligkeits- und Farbverschiebungen z.B. bei Einbruch der Dunkelheit
etc.
Dieses Beispiel zeigt sehr schön,
dass Wissen eine prinzipiell wahrscheinlichkeitstheoretische Erscheinung
ist. Mit gezielter Programmierung von Computern zur Wissensmessung wird
daher des KM über bedingte Wahrscheinlichkeiten berechenbarer.
Als die wohl interessanteste Strategie zum Erwerb von Wissen kann dabei
die Biogenetische Evolutionsstrategie angesehen werden. Sie ist die
wohl eleganteste und effektivste Form der Informationskompression die
wir kennen. Von der gigantischen Verdichtung von Information durch Wissen
gewinnt man einen ersten Eindruck, wenn man sich ansieht, wie viel Wissen
auf der Erbsubstanz von Lebewesen gespeichert ist und wie mikroskopisch
klein diese in den Zellkernen erscheint. Darüber hinaus wird in
diesen Zellkernen auch die Rolle der Redundanz überdeutlich, wenn
man bedenkt, dass jede der Zellen den weitgehend identischen Informationsgehalt
besitzt und darüber hinaus noch in den DNS-Strängen Redundanzen
enthalten sind.
Es erscheint auf den ersten Blick
durchaus exotisch, um nicht zu sagen absurd, wenn man feststellt, dass
auch Pflanzen ein Wissen über diese ihre Umwelt haben. Natürlich
haben sie kein Bewusstsein, geschweige denn ein menschliches Bewusstsein,
aber ein biochemisch und genetisch gespeichertes Wissen über ihre
Umwelt besitzen sie zweifellos, und sie können in die Zukunft sehen
- ohne dass dies antropomorph verstanden werden darf. Dass man einer
solchen Ansicht nicht sofort Glauben schenkt ist sicher nicht verwunderlich,
um so erfreulicher ist es, dass kein geringerer als Sir Karl Popper
(1994) auch zu dieser Auffassung gelangte, als er in seinem letzten
Buch "Alles Leben ist Problemlösen" auf Seite 135 schrieb: "Also
die Blumen >>wissen<< etwas über allgemeine Regelmäßigkeiten."
Diese Feststellung ist in unserem thematischen Zusammenhang hier deshalb
bemerkenswert, weil man im "Knowledge Management Magazine", im Internet,
die sicher nicht haltbare Meinung vertritt: "Knowledge only exists in
a person's head." Eine solche Auffassung übergeht nicht nur die
biologische Tatsache, dass alle Lebewesen so zuverlässig vorausschauend
auf ihre Umwelt zu reagieren vermögen, dass ihre Art bereits Jahrmillionen
überleben konnte, sie ignoriert auch die bereits existierenden
Expertensysteme. Sie vernachlässigt insbesondere die Entwicklung
verteilter Modelle und Theorien, wie sie zur Zeit auf der Basis von
Computer-Supported-Collaborative-Work-Systems zur Konstruktion verteilter
Wissensbanken und Ontologien entstehen. Die dabei noch offene Frage
ist, mit welchen Lernstrategien man solchen Wissensbanken am günstigsten
vorgeht. Dass sich die schon erwähnte Biogenetische Evolutionsstrategie
anbietet ist insofern klar, weil sie bisher die einzige ist, von der
wir definitiv wissen, dass sie über die Jahrmillionen hinweg erfolgreich
zum menschlichen Wissen geführt hat.
Die Sammlung, Formalisierung und Anwendung von Wissen in Organisationen
erfordert als erstes, dass wir erkennen, dass Wissenselemente im Gegensatz
zu Informationen immer aus drei Komponenten bestehen.
- Aus der Information die im Zentrum
des Wissenselementes steht.
- Aus der Begründung dieser
Information.
- Aus der darin enthaltenen Aussage,
die immer eine gewisse Vorhersage darstellt.
Diese Vorhersage kann zeitlich rückbezüglich
sein, und damit auch historisch bisher noch nicht bekannte Ereignisse
erklären, sie kann interpolierend Vorgänge beschreiben, die
bisher noch nicht bekannt oder verstanden waren und sie kann auch zeitlich
vorauseilend zukünftige Ereignisse vorausbestimmen.
Nun sollte man annehmen, dass eine
Information, die immer erst begründet werden muss um als Wissenselement
zu dienen, nie zu einer Informationskompression führen kann. Da
aber eine solche Begründung nicht nur eine Information, sondern
eine Vielzahl von Informationen erklärt, kann sie durchaus zu einer
fast unendlich starken Kompression führen.
Als Beispiel diene hier eine einfache
Geradengleichung der Form y = x. Diese drei Byte umfassende Information
vermag Tausend einzelne Bildpunkte auf einem Bildschirm darzustellen.
Da diese Gleichung im eigentlichen Sinne eine unendlich lange Gerade
beschreibt, enthält sie sogar die Information für unendlich
viele solche Pixel. Die Gleichung in unserem Beispiel begründet
sozusagen jeden y-Wert der Gerade aus dem dazugehörigen x-Wert.
Sie macht somit aus vielen Einzelpunkten eine hochredundante Information,
in der nur festgelegt ist: Gehe bei jedem Schritt nach rechts einen
ebenso großen Schritt nach oben.
Darum kann es auch nicht sein, dass
Wissen, als komprimierte Information, ebenso rasch wächst wie die
Information, deren Zunahme wir recht genau kennen. Ein Blick in die
Bibliotheken dieser Welt macht deutlich, dass die wissenschaftlichen
Publikationen, zumindest seit dreihundert Jahren, etwa alle zwanzig
Jahre den doppelten Umfang einnehmen. Am bekanntesten in diesem Zusammenhang
ist die viel zitierte Untersuchung von de Solla Price und die ihr vorausgegangene
Beobachtung von F. Rider. Die wissenschaftlichen Publikationen dieser
Welt werden in erster Näherung von einer entsprechend wachsenden
Zahl von Autoren produziert, die allerdings immer stärker zusammenarbeiten.
So ist die Einzelautorschaft in der Biologie von rund 80% in den dreißiger
Jahren unseres Jahrhunderts auf weniger als 10% in den neunziger Jahren
gesunken. Das KM auf dem Gebiet wissenschaftlicher Publikationen verdoppelt
sich also durchaus im Personal und im Platzbedarf der Bibliotheken,
aber keinesfalls in der Menge an Wissen. Die Bibliotheken verzeichnen
ja nicht nur das Wissen unserer Zeit, sie archivieren auch die Evolution
dieses Wissens und darüber hinaus viele Informationen über
die wir bis heute noch kein genaueres Wissen entwickeln konnten.
Nun ist die Verdopplungsrate der
Literatur noch keine Garantie dafür, dass auch die Information
in gleichem Maße wächst. Auch die Tatsache, dass seit langem
in erster Näherung ein Mannjahr an wissenschaftlicher Arbeit in
einer Publikation steckt, ist dafür noch kein Beweis. Trotzdem
muss man zumindest statistisch davon ausgehen, dass eine durchschnittliche
wissenschaftliche Publikation, in ihren zehn Seiten, mit etwa zehn Zitaten
einen gewissen Anteil an Neuigkeit (Information), an Redundanz (Wiederholung)
und auch an Rauschen (Unverständlichem) enthält. Ohne den
informativen Teil wird er normalerweise vom Verlag nicht angenommen,
ohne den Teil an Redundanz in den Zitaten und in der Diskussion kann
er vor der Fachwelt ebenfalls nicht bestehen und ohne das unvermeidliche
informationstheoretische Rauschen ist er bei unserem begrenzten Wissen
sicher auch nicht produzierbar.
Ziel wirklich wissenschaftlicher
Publikationen ist es allerdings Aussagen zu finden, die unsere Welt
verständlicher machen, die sie entweder besser, exakter oder im
Sinne Occams razor einfacher begründen. Besonders bemerkenswert
ist dabei, dass das Maß an Wissen mit jeder richtig vorhergesagten
Information steigt und wir dieses somit zu maximieren versuchen, dass
aber die Menge an Information, die wir brauchen um unser Wissen zu speichern
möglichst minimiert wird. Damit haben wir über die Jahrtausende
hinweg erreicht, dass wir die Abläufe in unserer Umwelt, in Natur,
Gesellschaft und Wirtschaft immer weiter gezielt beeinflussen können.
Dabei haben heutige Generationen in bestimmten Bereichen weitaus tiefere
Einblicke in die Zusammenhänge dieser unserer Umwelt, ohne dass
wir so sehr viel mehr lernen als unsere Vorfahren. Dies gelingt uns,
indem wir nicht wie unsere Vorfahren große Informationsmengen
auswendig lernen, sondern indem wir uns zunehmend auf den Erwerb von
Wissen konzentrieren. Auch darin macht sich die große Bedeutung
der Informationskompression durch Wissen deutlich.
Es gibt zwei Gründe anzunehmen,
dass das Wissen in dieser Welt endlich ist, auch wenn die Information
unendlich ist. Der erste Grund liegt in der bereits angesprochenen Informationskompression,
die allerdings noch nichts darüber aussagt, ob sich unser Wissen
nur langsam verdoppelt, linear ansteigt oder gegen eine Sättigung
strebt. Der zweite Grund liegt in der Informationsabstraktion. Unser
Wissen kann unmöglich die gesamte Information, die wir in dieser
Welt finden verständlich machen. Es vermag immer nur den Teil zu
erklären, der auch erklärbar ist und damit gewissen Regelhaftigkeiten
unterliegt. Alles andere ist und bleibt Risiko. Dieses Risiko muss nicht
immer Gefahr bedeuten, es ist auch eine Chance. Außerdem erfordert
Wissen, wie wir bereits sahen, immer eine Klassifikation der Information,
die auch eine Abstraktion bedeutet.
Im Extrem können wir diese
Welt mit einem Bit beschreiben: Es gibt das Sein und das Nichtsein.
Damit werden alle Informationen die wir erhalten diesen beiden Kategorien
zugeordnet. Ein solches Wissen über diese Welt ist aber im höchsten
Maße unscharf. Wir können daher den Schluss ziehen, dass
unser Wissen in Abhängigkeit der Abstraktion und der damit verbundenen
Kategorienbildung endlich ist. Zusammenfassend lässt sich sagen:
Wissen zeichnet sich gegenüber unbegründeter Information durch
seine erhöhte Qualität in der Informationsdichte, in seiner
Berechenbarkeit, in der Zuverlässigkeit und im damit verbundenen
Machtpotential aus.
Information Management versus Knowledge
Management
In der Qualität der Information
liegt ein wichtiger Grund dafür, warum Wissen auch Finanziell meist
viel mehr Wert ist als unbegründete Information. Das heute so viel
diskutierte Qualitätsmanagement verwandelt damit das herkömmliche
Information Management (IM) zum eigentlichen KM.
KM ist allerdings ein Modewort bzw.
eine sogenannte "buzz phrase" geworden, die in Managementzeitschriften,
in Computerbüchern und auch in Bibliothekskreisen seit einigen
Jahren die Runde macht. Sie ist der Versuch einen neuen Ansatz zu finden,
dem sogenannten information overload einerseits zu begegnen und damit
andererseits das IM, das meist ein Information Recources Management
ist, weiter zu entwickeln.
Die Wurzeln des IM liegen zweifellos
im Bibliothekswesen bzw. in der Dokumentation. Sie steuert schon seit
Jahrzehnten Informationsflüsse, indem Dokumente mit Indexierungen
versehen werden. Damit haben diese Dokumente einerseits Adressaten und
sind andererseits bei bestimmten Problemlösungen gezielt abrufbar.
Soweit es sich um publizierte Dokumente handelt, und nur solches Wissen
ist urheberrechtlich bzw. patentrechtlich geschützt, spielen auch
heute noch die Bibliotheken die zentrale Rolle in der Informationslogistik.
Sie sorgt dafür, dass die richtige Information, in der richtigen
Form, am richtigen Ort, in ausreichender Redundanz zu ökonomisch
vertretbaren Kosten verfügbar gehalten wird. In dieser wichtigen
Informationslogistik hatten die Bibliotheken seit Jahrhunderten eine
zentrale Aufgabe. Speziell die Wissenschaftlichen Bibliotheken betrieben
bewusst oder unbewusst ein eigenes KM. Dass man dies bislang nicht so
nannte, hat zwei einfache Gründe.
- Gab es nur eine dominante Dokumentenform,
das Buch.
- Gab es für diese Form der
Informationsspeicherung nur eine optimale Logistik, in der möglichst
alle Bücher dieser Welt um ein zentrales Nachweissystem, den
Katalog mit seinen Indices gruppiert wurden.
Diese klassische Informationslogistik
verliert heute weitgehend ihre Bedeutung durch die digitale Konvergenz,
in der das Buch zwar als Ausgabemedium seine Bedeutung behält,
aber als Archivmedium schon weitgehend verloren hat. Die Digitale Bibliothek
gewinnt damit an Einfluss auf das moderne KM. Dabei bildet interessanterweise
beim Department of Defense die XML Technologie neuerdings die Basis
für die Logistics eXtensible Mark-up Language (LXML). Das Ziel
dieses Programms ist zu zeigen, dass die Informationslogistik durch
XML verbessert werden kann.
Das IM der achtziger Jahre reichte
von der Nutzung einfacher Datenbanken in Bibliotheken über das
records management der Onlinedokumentationen bis hin zum InfoMap
von Burk und Horton, in dem eine möglichst vollständige Verfügbarkeit
aller corporate information resources angestrebt wurde. Auch
das sich daraus entwickelnde knowledge mapping bezieht sich meist
auf die Verteilung der Information in einer Organisation. Andererseits
wird es auch oft gebraucht im Zusammenhang mit der Strukturierung bzw.
der Darstellung von Wissen.
Den großen Aufschwung erlebte
das IM durch den Paperwork Reduction Act (PRA) der amerikanischen Regierung
1980, der die Einführung von Information Resources Managern festlegte,
und damit auch die Bedeutung der digitalen Archivierung erhöhte.
Im selben Jahr rief die englische Premierministerin Margaret Thatcher
das year of information aus. Dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland,
Helmut Schmidt, warf das europäische Ausland damals einen gewissen
Mangel an Interesse an der modernen Informationsgesellschaft vor. Dagegen
mündete die Entwicklung in den USA der späten achtziger Jahre
in die breite Anwendung der Standard Generalized Markup Language (SGML)
mit der allgemein bekannten und verbreiteten Hypertext Markup Language
(HTML) des Internets und der Extensible Markup Language (XML). Der PRA
wurde 1986 ergänzt und 1995 neu aufgelegt um die 100 Mrd. Dollar
für Druckerzeugnisse der Regierung weiter zu vermindern und die
Nutzung effizienter zu machen.
Mit dem information resources
management etablierte sich auch zunehmend die bereits in den siebziger
Jahren diskutierte Idee, dass Information eine wichtige Resource ist,
was oft irreführend mit dem Wort Rohstoff ins Deutsche übersetzt
wurde. Es war damit rasch klar, dass auch moderne Informationsquellen
einer sorgfältigen Verwaltung unter professioneller Leitung bedürfen.
Das KM ist ebenso wie das IM, in drei Wissenschaftsbereichen etwa gleichzeitig
und unabhängig voneinander entstanden. Damit gehen drei recht unterschiedliche
Aspekte in diesen Begriff ein. So sieht
- das Bibliotheks- und Dokumentationswesen
die Wissensverwaltung in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der
Informationslogistik, Klassifikation und der Organisation von Wissen,
zur Speicherung und zur Wiedergewinnung aller Informationen, die von
Wissenschaft und Technik publiziert werden, was auch zu der Auffassung
des Philosophen John Deweys führte "knowledge is classification."
- die Informatik die Wissensverwaltung
seit der Entdeckung der künstlichen Intelligenz, in der sich
beispielsweise in Expertensystemen Wissen automatisch verarbeiten,
aber in Zukunft auch neu erzeugen lässt. In den Wissensbanken
ist Wissen Information die so organisiert ist, dass Inferenzmaschinen
daraus begründete Schlüsse ziehen können, wie es sonst
nur Experten zu tun vermögen.
- die Wirtschaft die Wissensverwaltung
in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen Nutzbarkeit
von Wissen. Die zunehmende Erfahrung, dass Wissen als Ressource zu
unglaublichen Energiefreisetzungen, zu Rohstoffeinsparungen oder auch
zu neuen Finanzmärkten führen kann, um nur einige Beispiele
zu nennen, hat hier ein entsprechendes Interesse am KM geweckt.
Wir befinden uns im anakolutischen
Informationsdilemma das J. Naisbitt, (1985) mit den Worten: "Wir ertrinken
in Information und hungern nach Wissen." Charakterisierte. Trotzdem
ist in vielen Bereichen das KM eigentlich nichts anderes als der Versuch,
das IM zu verbessern. Wenn beispielsweise T. Davenport von der University
of Texas, das KM als den "systematic process of finding, selecting,
organizing, distilling and presenting information in a way that improves
an employee's comprehension of a specific area of interest." definiert,
so wird dies deutlich. Demgegenüber ist wirkliches Wissen in seiner
messbaren Form weit mehr.
Zur Vermarktung von Wissen und
Information
Dass die Vermarktung von Wissen
weitaus profitabler sein muss, als die von Information liegt nach dem
gesagten auf der Hand. So wahr es schon immer ein Problem, wenn fehlerhafte
oder auch irreführende Information zum Kauf angeboten wurde, dass
sich die Käufer über den Mangel an Qualität beklagten.
Auch die Verwechslung mit Redundanz bzw. Rauschen war höchst ärgerlich,
wenn man beispielsweise eine sogenannte Information erhielt, die man
schon hatte oder eine solche, die weitgehend inhaltsleer war. Hinzu
kommt, dass Verleger immer häufiger behaupten Information zu verkaufen,
aber gleichzeitig darauf bestehen, das Urheberrecht zu behalten. Auch
sie bieten damit Kopie eines Originals in hohen Auflagezahlen an, was
somit einer klassischen Redundanz entspricht.
Berechtigterweise wurde bisher der
Preis für die Menge an Information selten in Bänden, Seiten
oder Bits berechnet. Auch im Bereich der Wissensmessung ist es nicht
sinnvoll den Preis an der Quantität des Wissens zu orientieren.
Hier gelten wie überall, die Evaluationen des freien Marktes. Die
Messung von Wissen hat ebenso wenig mit ihrem Preis zu tun, wie die
Länge, die Höhe oder der Geschwindigkeit eines Autos mit dessen
Preis.
Was wir allerdings durchaus kalkulieren
müssen sind die Produktionskosten. Das gilt sowohl für Autos
wie auch für Wissen. Dabei beginnt die Wissenschaft im Rahmen der
sogenannten Big Science immer stärker Produktionswege der Industrie
zu beschreiten. Sie beginnt ein professionelles Management der Wissenschaft,
das genau genommen vom Management des bereits vorhandenen Wissens unterschieden
werden muss.
Last update: 18.10.1999 © by Walther Umstaetter