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Berliner Bibliothekswissenschaftliches Kolloquium

Anmerkungen zu einer modernen

Bibliotheksverwaltung

 W. Umstätter

Wir beginnen diese Vortragsreihe aus gutem Grund mit einem recht klassischen Thema der Bibliothekswissenschaft und gehen damit bis auf Martin Schrettinger zurück. Sein Lehrbuch „Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliothek-Wissenschaft oder Anleitung zur vollkommenen Geschäftsführung eines Bibliothekars“ (1808-1810) definiert die Bibliothekswissenschaft durch systematisch aufgebaute feste Grund- bzw. Lehrsätze, zur zweckmäßigen Einrichtung einer Bibliothek, die auf einen obersten Grundsatz zurückgeführt werden. Wir tun dies ebenso, allerdings mit dem informationstheoretischen Fundament, das während des zweiten Weltkrieges entstand, und das nun die Wissenschaftsgesellschaft prägt, die keinesfalls eine Wissensgesellschaft ist, wie man allerorten hört, denn dann brauchten wir keine Wissenschaftsgesellschaft mehr.

Die hier angerissenen Grund- bzw. Lehrsätze sind Ergebnis längerer, teilweise heftiger Diskussionen und erfordern zweifellos eine eingehende Beschäftigung mit der Thematik. Sie sind zum größten Teil dem "Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung" von Ewert, G. und Umstätter, W. entnommen und werden damit zur allgemeinen Diskussion gestellt.

In der bisherigen Diskussion hat sich deutlich gezeigt, daß manche Probleme nur in schriftlicher Form sinnvoll diskutierbar sind. Insofern ist dies auch eine Aufforderung an die gesamte Fachwelt zur weiteren Diskussion dieser wirklich fundamentalen bibliothekswissenschaftlichen Inhalte. Die Hinweise auf die Quellen im Internet lassen sich durch eine Suche in Altavista leicht eruieren. Der andere Zugang über die Homepage des Instituts für Bibliothekswissenschaft http://hub.ib.hu-berlin.de/~wumsta bietet die Möglichkeit des bekannten Browsings.

Das Zugeständnis von Irrtümern schreckt mich dabei in keiner Weise, da diese Form der Bibliothekswissenschaft noch an ihrem Anfang steht und somit geradezu zwangsläufig unerlaubten Vereinfachungen und Irrtümern unterliegen muß. Insofern kann nur eine breite Fachwelt genügend Licht in diese Finsternis bringen.

Als im Jahre 1953 der Krabbe/Luther erschien, der inzwischen  als Volltext im Internet verfügbar ist, war unter anderem zu lesen:

„in den USA ist man der Auffassung, eine Bibliothek verdoppele sich ungefähr innerhalb von 25 Jahren“ (Krabbe/Luther S.16).

Diese Feststellung geht auf Fremont Rider (1944) zurück. Merkwürdigerweise haben die deutschen Bibliothekare diese Lehrbucherkenntnis nicht besonders ernst genommen. In der Dokumentation wurde sie dagegen durch die Untersuchungen von D.J. de Solla Price (1963), der sie für die letzten dreihundert Jahre erhärtet und mit 20 Jahren auch präzisiert hat, sehr viel bekannter. Wenn man diese Verdopplungsrate genauer betrachtet, so zeigt sie ein höchst interessantes und auch stabiles Optimum, in dem sich unsere Wissenschaft seit längerem zu befinden scheint. So erkannte Price (deutsche Übersetzung 1974, S.79) aufgrund von Ergebnissen von Robert K. Merton (1961), daß die Wahrscheinlichkeit gleichzeitiger Entdeckungen einer Poissonverteilung folgt. Auch diese Quelle finden Sie im Internet (Price S. 79).

Diese Beobachtung beinhaltet, wie mir vor einigen Jahren klar wurde, eine höchst interessante Feststellung. Wir erhöhen nicht nur unbewußt, sondern teilweise gegen so manche abwegige Wissenschaftstheorie, die Zahl der Wissenschaftler mit der Zahl der zu lösenden Probleme, die wir haben. Einfacher gesagt, 1.000 Wissenschaftler stürzen sich im Wettbewerb auf 1.000 Probleme, um deren Lösung sie sich bemühen.

Auch das Bibliothekswesen funktioniert bei genauer Betrachtung recht optimal, obwohl man leicht erkennt, das die bisherige Bibliothekswissenschaft nicht verstanden hat, warum. So finden wir im Krabbe/Luther beispielsweise die Erwerbungsetats der drei Universitätsbibliotheken Bonn, Freiburg und Göttingen. Wenn wir diese über die letzten 80 Jahre verfolgen, so zeigt sich, von den Währungsreformen abgesehen, in den letzten  5 Jahrzehnten eine erstaunlich konstante Verdopplungsrate von 7 - 8 Jahren (+10 % / Jahr).


Anstieg der gemittelten Vermehrungsetats dreier Universitätsbibliotheken in logarithmischer Darstellung.
(siehe dazu Krabbe / Luther S. 22)(Bild aus Ewert, G. und Umstätter, W.: Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung)

Ein großer Teil davon ist schlichte Geldentwertung, ein zweiter Teil betrifft das Problem, daß wissenschaftliche Bücher im Preis stärker wachsen als der allgemeine Warenkorb und ein dritter Teil betrifft die steigende Buch- und Zeitschriftenproduktion. Diese wird von den bereits existierenden Bibliotheken allerdings nur zur Hälfte abgefangen, was wir im allgemeinen sehr bedauern. Andererseits ist es allerdings viel sinnvoller, die zweite Hälfte des Literaturwachstums über neu gegründete Bibliotheken auszugleichen und damit die Verteilung der Bücher  zu optimieren. Damit im Zusammenhang stehen auch die Bemühungen der Bibliothekare im letzten Jahrhundert, mit dem sogenannten einschichtigen Bibliothekssystem einer Entwicklung entgegenzuwirken, die sie allerdings nicht aufhalten können – die veränderte Informationslogistik, auf die ich noch zurückkommen werde.

Zum weit verbreiteten Thema Bibliothekssterben sei nur am Rande angemerkt, wir hatten  in Deutschland:
1973
1984
1991
1992
1995
Universitätsbibliotheken: 
42
57
73
74
79
Darin tätiges Personal: 
4.464
5.878
7.352
7.566
7.895

Bei den Öffentlichen Bibliotheken sah es noch besser aus:
1971
1981
1991
1992
Bibliotheken
1.702
2.672
2.943
4.700
Medienbestand in Mio.
28,3
54,4
75,2
110,7
Personal
5.384
8.892
9.883
14.346

Ich möchte damit nur deutlich machen, daß die wissenschaftliche Analyse eines Systems im allgemeinen dazu führt, daß man es versteht, daß man seine Situation damit auch begründen kann und daß Widerspruch zu einer scheinbaren Misere noch keine tiefere Einsicht signalisiert, sondern eher Unverständnis in der eigentlichen Wortbedeutung.

Zum Schluß dieses Teils sei noch kurz auf ein interessantes Problem eingegangen, das die Erwerbung betrifft. Wir haben in unserer Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin das gleiche Problem wie alle andern UB‘s auch, die Frage nach der Etatverteilung. Ich habe mich vor kurzem speziell mit dieser Problematik im Zusammenhang mit der UB Oldenburg beschäftigt. Das Ergebnis finden Sie ebenfalls im Internet. Ich kann hier nur auf zwei Details verweisen.

Die meisten Etatverteilungsmodelle gehen heute nicht mehr, wie zur Zeit des Krabbe/Luther, davon aus,  das eine Universitätsbibliothek möglichst die gesamte Wissenschaft als Einheit sieht und sie so auch abdeckt. Wir haben zunehmend Universitäten mit Spezialisierungsrichtungen, die große Fachgebiete komplett aussparen. Trotzdem müssen ihre UB‘s, dem Bradford‘s Law of Scattering entsprechend (Bradford war Dokumentar und schrieb 1950 ein interessantes Buch, das merkwürdigerweise in den „Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation“ keine Erwähnung findet), gewisse Grundbestände erwerben. Dies zu begründen fällt vielen Bibliothekaren allerdings äußerst schwer, da sie die Bedeutung dieses Gesetzes, das eigentlich nur eine Regelhaftigkeit darstellt, nicht kennen.
 
 

            Bild aus Umstätter: Bibliothekswissenschaft als Teil der Wissenschaftswissenschaft)

Ein noch größeres Problem sehe ich allerdings darin, daß viele Etatverteilungsmodelle einen linearen Bezug zwischen der Zahl der Studierenden, der Dozenten oder auch der Lehrstühle zum Erwerbungsetat herstellen wollen, der in fundamentaler Weise der eigentlichen Bibliotheksidee, Bücher und Zeitschriften gemeinsam zu nutzen, widerspricht. Die statistisch analysierte Praxis belegt auch hier, daß das Bibliothekswesen, trotz dieser abwegigen „Theorie“, bibliothekarisch funktioniert.
 
 

Es schien uns daher dringend notwendig, Bibliotheken präziser als bisher zu definieren. Die Feststellung, eine Bibliothek sei eine „Buchablage“, ein Buchbehälter“ bzw. ein „Bücherhaus“, das nicht nur die räumlichen, sondern auch die Einrichtungsbedingungen betrifft, ist für die Digitale Bibliothek sicher unzureichend. Wir haben daher vorgeschlagen:

Die Bibliothek ist eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht.

Es ist klar, daß wir damit die klassische Dokumentation, soweit sie sich mit Publikationen befaßt, bewußt  mit eingeschlossen haben, womit wir auch den Bemühungen um gemeinsame Ausbildungsziele Rechnung tragen. Es sei hier nur an das sogenannte Kölner Modell der achtziger Jahre und das Potsdamer Modell der neunziger Jahre erinnert, die beide um eine Integration von Biliothek und Dokumentation bemüht waren.

Dokumentation ist definiert als: „the collection and storage, classification and selection, dissemination and utilisation of all types of information“ (FID, 1960, S.9).

In diesem Zusammenhang muß natürlich auf den Begriff Information eingegangen werden, der damit zur Grundlage moderner Bibliotheksverwaltung wird.

Als im Jahre 1963 im Weinberg Report die Informationsmenge der Library of Congress (LC) mit 1013 Bit bestimmt wurde, war dies für die Bibliotheksverwaltung zweifellos eine völlig neue Betrachtungsweise, die auf der zwanzig Jahre früher entwickelten Informationstheorie beruhte. Es war der wohl erste Versuch, die relativ grobe informetrische Einheit Buch- und Zeitschriftenbände etwas präziser zu bestimmen. Genaugenommen enthält die LC aber natürlich nicht nur die darin überschlagsmäßig  berechneten Textzeichen, sie enthält mindestens ebenso viele Bits an Bildern, Filmen, Tonaufzeichungen, chemischen bzw. physikalischen Informationen etc. Der wissenschaftlich noch größere Fehler dieser Informationsmessung war allerdings, daß hier nicht nur Information gemessen wurde, sondern auch informationstheoretisches Rauschen, Redundanz und Wissen. Wobei wir annehmen müssen, daß dies dem Mathematiker John W. Tukey klar war, der 1946 das Bit als Speichereinheit in Computern einführte (Siehe dazu auch Rehm, M. Zur Diskussion standen damals noch Binit und Bigit), und der am Weinberg Report beteiligt war.

Damit wurde der Computer im eigentlichen Sinne ein „Message Meter“.

Er ist inzwischen ein Instrument zur Messung von Nachrichten d.h. Information, Rauschen, Redundanz und Wissen.

Da wir heute in der Lage sind, in Computern Rauschfilterungen und Redundanzabschätzungen vorzunehmen, haben wir durchaus die Möglichkeit, unsere Computer als wirkliche Informationsmeßgeräte einzusetzen. Damit eröffnet sich die höchst interessante Frage, ob und wie wir bei gereinigter Information Wissen messen können. Eine Frage, die zunächst abenteuerlich erscheint. Sie ist auch sicher nicht nur bibliothekswissenschaftlich bedeutungsvoll.

Wenn wir Wissen weiterhin als begründete Information verstehen, d.h. als eine Information die wir aus Erfahrung oder aus einer Kausalität heraus im voraus bestimmen können,

dann läßt sich Wissen dadurch messen, daß wir eine erwartete Information mit der wirklich eintreffenden Information Bit für Bit vergleichen.

Dagegen enthält eintreffende Redundanz natürlich noch kein Wissen, da sie lediglich einen Datenabgleich erfordert. Und Rauschen ist per definitionem nicht vorhersagbar. In gewisser Hinsicht bemühen wir uns schon seit langem in Prüfungen, Klausuren oder Tests Wissen zu messen. Aus der dortigen Erfahrung heraus wissen wir auch, daß eine zufällig richtige Antwort noch kein Wissen beinhaltet. Wir müssen daher informationstheoretisch noch die Wahrscheinlichkeit bestimmen, mit dem eine Vorhersage nur zufällig richtig ist. Ich kann und will im Rahmen dieses Vortrags nicht weiter auf diese Möglichkeiten eingehen, glaube aber, daß es leicht einsichtig ist, was es für die Digitale Bibliothek bedeutet, wenn wir die immense Informationskompression des Wissens gezielter und klarer bestimmbar machen können.

Zumindest hoffe ich, daß Sie damit verstehen, warum wir die Bibliotheksverwaltung auf ein grundsätzlich informationstheoretisch ausgerichtetes Fundament gestellt haben.

Information:

H = -S pi x ld pi

H - der mittlere Informationsgehalt einer Nachricht
S - die Summe des nachfolgenden Ausdrucks
pi - die Wahrscheinlichkeit mit der die jeweiligen Zeichen dieser Nachricht eintreffen
ld - der Logarithmus zur Basis 2

Diese äußerst objektive Definition gilt nur unter der hochgradig subjektiven Bedingung, daß Kommunikation nur zwischen einer festgelegten Beziehung:
 
 

 Sender   ---------------->   Übertragungskanal   ---------------->   Empfänger


mit gemeinsamem Zeichensatz besteht. Dies gilt allerdings für Moleküle, für Planeten, für lebende Individuen und für ganze Gesellschaftsbeziehungen. Und es gilt entsprechend auch für Wissen.

Auch Zeitschriften, Bücher oder CD-ROMs sind Übertragungskanäle zwischen Sender (z.B. Autor) und Empfänger (z.B. Leser). Wir nennen sie Medien, im Sinne von Mittlern bzw. von Kommunikationsmitteln. Dabei muß bei genauer Betrachtung unterschieden werden zwischen dem Zeichenträger (Papier und Druckerschwärze) und dem immateriellen Zeichen, mit dem die Information codiert ist.

Unter Publikationsmedien verstehen wir im allgemeinen die Gesamtheit von Zeichenträger und Codierung zur Publikmachung von Nachrichten.

Wir unterscheiden dabei zahlreiche Formen, wie Zeitung, Zeitschrift, Video, Radio, Flugblatt, Fernsehen, Buch, Broschüre,  etc. Aus bibliothekarischer Sicht ist es wichtig darauf hinzuweisen, daß sie nicht alle geeignet sind, als Publikation, im Sinne einer jederzeit überprüfbaren Information, zu gelten. Insofern ist es notwendig, nicht nur zwischen einer angepaßten Versorgung mit Massenmedien und individueller orientierten Medien zu unterscheiden, sondern auch zwischen ephemeren und archivierbaren Medien.

Durch die allgemein beobachtbare digitale Konvergenz, in der die verschiedenartigen Codierungen auf einen einzigen Binärcode zurückgeführt werden, erhalten wir ein multimediales System, daß nicht, wie oft irrtümlich angenommen, aus mehreren Medien besteht, sondern sich gerade dadurch auszeichnet, viele Medien in sich zu einen.

Bibliotheken sind entsprechend ihrer Definition nur an archivierbaren Medien interessiert. Gerade durch diese möglichst authentische Archvierung schaffen sie die Voraussetzung zu echten Publikationen, deren Inhalte von privaten Interessen nicht geändert, verfälscht bzw. im Urheberrecht verletzt werden können.

Innerhalb des umfassenden Auftrages der Bibliotheken, Informationsquellen zu verwalten, im Sinne eines wirklichen Information Resources Managements, sammeln Wissenschaftliche Bibliotheken gezielt begründete Information (Wissen) und die Information bzw. Redundanz, die zur Begründung dieses Wissens notwendig ist.

Die Bibliothekare in diesen Einrichtungen sind damit als Wissensverwalter tätig. Sie betreiben Knowledge Management, das auf die Dauer gesehen nicht ohne entsprechende Kenntnisse über Expertensysteme möglich sein wird.

Expertensysteme enthalten in Wissensbanken gespeichertes, auf bestimmte Themenbereiche begrenztes Expertenwissen, das sowohl unscharf als auch präzise sein kann und aus dem sie mit Hilfe von Inferenzmaschinen entsprechende Schlußfolgerungen zu ziehen vermögen.

An dieser Stelle muß kritisch auf  die „Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation“ verwiesen werden, in denen Hennings, R.-D. (S.222) „Wissensbasierte Systeme & Expertensysteme“ nebeneinander betrachtet, obwohl Expertensysteme ohne eine Wissensbasis grundsätzlich nicht denkbar sind.

Die Organisation von Wissen erlebt durch die digitale Konvergenz zur Zeit eine Revolution, die mit dem Beginn des Schriftlichen vergleichbar ist. So wie das Buch damals zu einer neuen Informationslogistik führte, weil man Experten nicht unbedingt an alle Orte schicken mußte, an denen ihr Wissen gefragt war, so können wir heute Experten teilweise durch Expertensysteme ersetzen.

Informationslogistik bedeutet, die richtige Information, in richtiger Form, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, in ausreichender Redundanz zu ökonomisch vertretbaren Kosten verfügbar zu halten.

In Archiven, Bibliotheken und Dokumentationen sind diese Informationen als Dokumente abgelegt. Die Bestimmung des Wortes ‘Dokument’ ist allerdings nicht unproblematisch, zumal in den „Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation“. Hrsg. v. M. Buder, W. Rehfeld, Th. Seeger u. D. Strauch. 4. völlig neugefaßte Ausg. München 1997 widersprüchliche Angaben gemacht werden. Während Th. Seeger (S.15) definiert:

Dokumente sind „die Einheit eines Trägers dokumentarischer Daten und bilden den ‘Rohstoff‘, aus dem dann dokumentarische Daten gewonnen werden, die in Form von Informationsdienstleistungen an den Benutzer weitergegeben werden“,

formulieren im selben Buch H.-J. Manecke und Th. Seeger (S.20)

Ein ‘Dokument’ ist „Eine inhaltlich begrenzbare Einheit von Wissen, welches auf einem materiellen Träger dauerhaft fixiert ist“.

Wir definieren dagegen:

Dokumente sind als Oberbegriff verschiedener Dokumenttypen (Akten, Bilder, Bücher, Briefe oder Tonaufzeichnungen) handhabbare informetrische Einheiten, die sich auf verschiedenen Informationsträgern befinden können und damit sehr unterschiedlichen Umfang und variable Gestalt zeigen.

Als zweifellos wichtigster Dokumenttyp gilt noch immer das Buch, das wir in seiner hohen Flexibilität wie folgt definieren können.

Das Buch im eigentlichen Sinne ist nach seiner Form ein Druckwerk mit meist hundert bis tausend Seiten, die durch Heftung oder Leimung verbunden sind und durch einen Einband oder Umschlag geschützt sind. Trotz erheblicher Schwankungen in Form und Größe nimmt es im Regal meist weniger als 3 x 25 x 25 cm ein. Es ist damit eine handhabbare ‘Informationseinheit’ (informetrische Einheit).

Innerhalb einer Bibliothek läßt sich die Informationslogistik unterschiedlich gestalten. Hier finden wir einen interessanten geschichtlichen Wandel im Laufe dieses Jahrhunderts
 
 

a.  Klassisch zentrierte Form um 1900:
b.  Vereinfachte heutige Form: Segmentierung nach Themen oder Erscheinungsform (z.B. Monographien, Zeitschriften, Karten, Videos etc.).
c.  Zukünftige dezentralisierte Aufstellung um 2000: Leseplatz mit Terminal,
 Drucker, Scanner, Datenkommunikationseinrichtung und Büchern.

A = Auskunftsbereich; B = Bände;  D = Drucker; K = Katalog; L = Leseplätze;
S = Scanner; T = Telekommunikation
(Bild aus Ewert, G. und Umstätter, W.: Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung)

Während wir die Version a. in klassischer Form in Panizzis Reading Room der British Library realisiert finden (so wie er sich auch in der Milkau-Sammlung im Internet darstellt), gibt es für die Version b. zahlreiche Varianten mit mehrgliedrigen, teilweise asymetrischen Sternen, die sich auch auf mehrere Ebenen verteilen können und  sich zweitweilig sogar schon in Einzelelemente auflösen. Dagegen leitet die Version c. zur Digitalen Bibliothek über, die wir wie folgt definieren können.

Die Digitale Bibliothek beinhaltet im Gegensatz zur klassischen Bibliothek nicht nur gedruckte Bücher bzw. andere analog gespeicherte und publizierte Dokumente. Sie ist durch die wesentliche Erweiterung um binäre Informationen gekennzeichnet. Im Gegensatz zur klassischen Dokumentation weist sie die Dokumente nicht nur bibliographisch nach, sondern stellt sie auch im Volltext zur Verfügung. Sie erweist sich damit als eine viergegliederte Bibliothek.

Zwischen den Bibliotheken sind, informationslogistisch gesehen, interessante Regelhaftigkeiten zu beobachten. So nimmt die Attraktion einer Bibliothek in erster Näherung linear mit der Zahl an Neuerwerbungen zu. Das ist insofern erstaunlich, da man nach dem Bradford's Law of scattering eher eine Funktion annehmen sollte, die gegen eine Sättigung geht. So ergibt sich aus der vereinfachten 80:20 Regel, daß man mit 20 Prozent eines Bibliotheksbestandes 80 % der Nachfrage abdecken kann. Mit der Entfernung der Benutzer nimmt die dagegen hyperbolisch ab. In dreidimensionaler Darstellung ergibt sich damit das folgende Bild.

Durch die digitale Verfügbarkeit von Dokumenten im Volltext werden nun allerdings die Hosts immer mehr zu Dokumentlieferanten.

Hosts sind Rechenzentren, die Datenbanken beheimaten, auf die online zugegriffen werden kann.

Dabei ist anzumerken, daß die Rechenzentren der großen Hosts weitläufig vernetzte Systeme sind. So verteilt sich der Host STN (Scientific Technical Network) von den USA über Deutschland bis nach Japan.

Datenbanken schaffen Beziehungen zwischen einer Vielzahl von digital erfaßten Daten, um diese wiederauffindbar (erinnerlich) zu machen, um sie übersichtlicher organisieren bzw. gezielt umorganisieren zu können und um Strukturierungen vorzunehmen, die zur Weiterverarbeitung benötigt werden.

Im Vergleich dazu schaffen Wissensbanken Relationen zwischen all den Informationen, die notwendig sind, damit beispielsweise in Decision Support Systems oder Expertensystemen begründete Entscheidungen auf dieser Grundlage möglich werden.

Viele dieser Entscheidungen werden auf der Basis von Modellen gefällt, die in diesem Zusammenhang von Simulationen unterschieden werden sollten, um Mißverständnisse zu vermeiden.

Modelle sind Abstraktionen von Erscheinungen oder Problemen, die aufgrund ihrer Vereinfachungen für die menschliche Vorstellungskraft überschaubar werden und uns damit die Möglichkeit geben, die wesentlichen Zusammenhänge zu begreifen.

Dagegen streben Simulationen lediglich nach möglichst hoher Realitätsnähe dessen, was sie veranschaulichen, ohne die Grundprinzipien zu nutzen.

Sie erzeugen das, was der Systemtheoretiker L. von Bertalanffy Hoffmans Illusion nannte.

So kann man beispielsweise die Funktion einer Dampfmaschine simulieren, indem man die einzelnen Zustände des Bewegungsablaufes darstellt. Man kann sie aber auch dadurch modellieren, daß man die zugrunde liegenden thermodynamischen Gesetze anwendet, so daß mit diesem Modell unter verschiedenen Versuchsbedingungen experimentiert werden kann.

Wir haben versucht, die Bibliotheksverwaltung im erweiterten Sinne durch ein stark abstrahiertes informetrisches Modell verständlich zu machen. Darunter verstehen wir:

Bibliotheksverwaltung im erweiterten Sinne umfaßt alle Handlungen (Operationen), die zur Leitung und Organisation von bibliotheksspezifischen Arbeits-, Informations- und Kommunikationsprozessen im weltweit strukturierten Bibliothekssystem erforderlich sind, einschließlich der Fragen nach den Gebäuden, Einrichtungen und ihrer Vernetzung untereinander sowie der nach den Qualifikationen des Personals.

Zu dieser Problematik zählen wir auch und insbesondere die Frage der Langzeitarchivierung.

Langzeitarchivierung bedeutet eine Wechselbeziehung zwischen Haltbarkeit des Speichermediums, seiner Speicherkapazität, Speicherkosten, Zugriffszeit, Zugriffsmethodik, Zugriffskosten und Konversion bzw. Migration, durch die in bestimmten Zeitabständen fast fehlerfreie Kopien für einen möglichst geringen Preis erzeugt werden können.

Damit soll deutlich gemacht werden, daß die verbreitete Vorstellung falsch ist, daß wir in Zukunft archivieren könnten, indem wir Bücher über Jahrtausende in den Regalen lagern.

Dazu müssen wir zunächst grundsätzlich zwischen der herkömmlichen Konversion:

Unter Konversion verstehen wir die Umwandlung von einem Informationsmedium auf einen geeigneten anderen, möglichst stabileren Träger.

und der zunehmend bedeutsamen Migration:

Unter Migration (Wanderung) ist hier die Sammelbezeichnung für einen Maßnahmenkomplex zu verstehen, der die periodische Übertragung digital gespeicherterer Inhalte von einer Hardware/Software-Konfiguration auf eine andere bzw. von einer Computergeneration auf die nächste gewährleisten soll.

unterscheiden. Die hohe Kopiergeschwindigkeit, Kopiersicherheit und der geringe Preis bei der Migration machen schon heute die Überlegenheit dieser Möglichkeit deutlich.

Bisherige Schätzungen zum Papierzerfall, zur -abnutzung und zu anderweitigen -schädigungen unterschätzen meist die Kosten und den Umfang, der für eine weitere Erhaltung notwendig wäre.
 
 

 Geschätzter Verlust an Bibliotheksmaterialien
(Bild aus Ewert, G. und Umstätter, W.: Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung)

Die Grafik macht deutlich, daß der prozentuale Anteil des zerfallenden Papiers von 1850 bis heute bei einer grob geschätzten Halbwertszeit von 100 Jahren zwar kontinuierlich abnimmt, daß aber die absolute Menge des geschädigten Papiers durch die rasch zunehmende Gesamtproduktion bis zu einem Maximum ansteigt. Dieser Anstieg ist jedoch höchst unauffällig, da er im Gesamtaufkommen kaum sichtbar wird. Größte Schwierigkeiten bei der Rettung dieser Bestände wird uns dabei die Tatsache bereiten, daß verschiedene Papiersorten in den einzelnen Bänden unterschiedlich rasch altern.

Aus ähnlichen Beweggründen hat die LC daher schon vor einiger Zeit ihre Bemühungen zur Rettung der geschädigten bzw. gefährdeten Bände reduziert (Wächter, W. 1997) und die Anstrengungen zur Archivierung in digitaler Form verstärkt. Wir müssen daher auf die dringende Notwendigkeit der digitalen Archivierung und auf die fundamentale Bedeutung der Digitalen Bibliothek aufmerksam machen.

Eine solche Archivierung erfolgt heute in optimaler Form mit Hilfe der SGML (Standard Generalized Markup Language) deren bekannteste Document Type Definition zweifellos die HTML (Hypertext Markup Language) des Internets mit ihren Metadaten ist, auf Festplatten bzw. auf CD-ROMs – je nach Nutzung.


  1. Bradford, S.C.: Documentation. Public Affairs Press Washington DC. (1950)
  2. Ewert, G. und Umstätter, W.Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung. Stuttgart, Hiersemann Verl. (1997)
  3. Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Hrsg. v. M. Buder, W. Rehfeld, Th. Seeger u. D. Strauch. 4. völlig neugefaßte Ausg. München (1997).
  4. Krabbe, W.; Luther, W.M.: Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung. Stuttgart, Hiersemann Verl. (1953)
  5. Merton, R.K.: Singletons and multiples in scientific discovery; a chapter in the sociology of science. Proc. Am. Philos. Soc. S.470 (1961)
  6. Price, D. J. de Solla: Little science, big science. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch. Wissenschaft: 48. (1974) Übersetzung des 1963 erschienenen Originals.
  7. Rider, F.: The Scholar and the Future of the Research Library. Hadham Press, New York (1944)
  8. Wächter, W.: Bücher erhalten, pflegen und restaurieren. Stuttgart, Hiersemann Verl. (1997)
  9. Weinberg, Alvin M.: "Report of The President's Science Advisory Commitee USA" mit dem Titel: Science, Government, and Information" erschienen am 10.1.(1963)

Last update: 9. February 2000 / © by Walther Umstaetter