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Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung

von Wilhelm Krabbe und Wilhelm Martin Luther
1953
Hiersemann Verlag Stuttgart
(Eine völlig neu überarbeitete Auflage erfolgte 1997 von Gisela Ewert und Walther Umstätter) 
II. ABSCHNITT: DAS BIBLIOTHEKSGEBÄUDE
 ERSTES KAPITEL: GESCHICHTLICHES

 1. Das Pultsystem. Die Entwicklung des Bibliotheksbaues soll nur gestreift werden. Die einfachste und natürlichste Art, Bücher aufzustellen, war wohl anfangs die, daß man die Wände des zu ihrer Aufnahme bestimmten Raumes mit Schränken oder Regalen bestellte, in denen die Bücher, teils liegend, teils stehend Platz fanden. Gelegentlich gab man auch den Regalen die Form von Arbeitspulten, wodurch das Studium der Bücher in ihrer unmittelbaren Nähe ermöglicht wurde. Diese Aufstellungsart begegnet seit den frühesten Zeiten der Bibliotheksgeschichte; wir finden sie sowohl allein als auch in Verbindung mit anderen Möglichkeiten, die dann zur Ausprägung besonderer Aufstellungsformen geführt haben. Als erster ausgeprägter Typus entwickelt sich im ausgehenden Mittelalter das Pultsystem. Wir sprechen besonders da von Pultbibliotheken, wo einfache, später auch Doppelpulte rechtwinklig zur Fensterwand stehen. Zuerst bei den Bibliotheken der sogenannten Kollegien (den späteren Universitäten) am schärfsten ausgeprägt, bürgert sich dieses System in Klosterbibliotheken und weiterhin auch in den übrigen Bibliotheksarten des ausgehenden Mittelalters ein. Als wichtigste Beispiele von Pultbibliotheken seien genannt: die Bibliothek von Cesena (um 1450), die Kirchenbibliothek in Zutphen (Holland) und die Laurenziana in Florenz (Mitte des 16. Jhs.; Erbauer: Michelangelo. Bemerkenswert ist hier, verglichen mit Cesena, das Fehlen der Säulenreihen, die dort das Gewölbe tragen). Am zähesten hält man in England an dieser Form der Bücheraufstellung fest, für die das System von Doppelpulten der Bodleiana in Oxford (Ende d. 16. Jhs.) lange Zeit hindurch vorbildlich geblieben ist.

2. Die barocke Saalbibliothek. Der Übergang von der Renaissance zum Barock mit seiner Vorliebe für weite, festliche Raumwirkung zeitigt die barocke Saalbibliothek: reichlich vorhandene Wandflächen, mitunter durch eingezogene Galerien in ihrer vollen Höhe nutzbar gemacht, gelegentlich auch noch durch Nischen alkovenartig erweitert, dienen als Stellraum für die

  


13 - Magazin

Bücher, die in Regalen oder auch wieder in Schränken von z. T. prächtiger Arbeit verwahrt werden. Das Saalinnere bietet nicht allein Raum für Arbeitsplätze; zuweilen ist hier, namentlich wo Pfeiler das Gewölbe tragen, durch Einbau weiterer Regale und Schränke um die Pfeiler vermehrter Stellraum geschaffen. Dieser Innenraum dient aber auch nicht selten - und das darf als wichtiges Kennzeichen der barocken Saalbibliothek angesprochen werden zugleich musealen Zwecken, indem er Skulpturen, Globen, mathematischen Instrumenten und anderen Dingen Raum gewährt, die nicht eigentlich zum Bibliotheksinventar gehören. Wenn auch zu den frühesten und zugleich prächtigsten Beispielen von Saalbibliotheken der 1567 geschaffene Bibliothekssaal des berühmten Escorial bei Madrid zu rechnen ist, so findet dieser Typus seine eigentliche Durchbildung doch in Italien, wo die Entwicklung mit der Bibliotheca Vaticana in Rom, 1587 von DOMENICO FONTANA erbaut, ihren Anfang nimmt. Doch gewahrt man hier bereits Mittelpfeiler, die die Einheitlichkeit der Raumgestaltung zwar beeinträchtigen, für die Aufstellung von weiteren Bücherschränken aber geeigneten Platz bieten. Auf die Fassungskraft wird bei der fast zwei Jahrzehnte später erbauten Ambrosiana besonderes Gewicht gelegt.

Zahlreiche weitere Beispiele sowohl von Klosterbibliotheken als auch von solchen Bibliotheken, die fürstlicher Initiative verdankt werden, ließen sich anführen; es muß aber hier genügen, auf den Neubau der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel hinzuweisen, der, 1706-11 errichtet, als ovaler Barocksaal mit Kuppel und Oberlicht, ausgestattet mit Galerien zur Erhöhung der Fassungskraft, als bewunderungswürdigster Bibliotheksbau der Zeit angesehen wurde (1883 abgebrochen). Das bedeutendste Beispiel der folgenden Zeit ist dann die Kaiserliche Bibliothek in Wien, die von den beiden FISCHER VON ERLACH in den Jahren 1722-1726 erbaut wurde.

  

ZWEITES KAPITEL: DER MODERNE BIBLIOTHEKSBAU

 1. Das Magazin. Zwei Hauptprobleme sind es, die zu lösen dem modernen Bibliotheksbau vorbehalten blieben. An erster Stelle steht die Notwendigkeit, für die immer mehr anwachsenden Büchermassen neue Aufstellungsmöglichkeiten zu schaffen. Diese Bestrebungen führen um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zur Überwindung des Saalsystems. Das wesentliche Kennzeichen dieser weiteren Entwicklung ist, daß jetzt nicht mehr in erster Linie die Wände, sondern mehr und mehr das Rauminnere für die Aufstellung der Bücher nutzbar gemacht wird. Man stellt jetzt die Regale, am vorteilhaftesten paarweise mit der Rückseite aneinander, in den Raum hinein, und zwar senkrecht auf die Wandflächen zwischen den Fenstern, so, daß das Tageslicht

 


 14 - Lipman-Regal

 zwischen zwei Regalpaare einfallen kann. Diese neue Art der Raumausnutzung ist eigentlich im Prinzip nur eine Rückkehr zum Pultsystem, von dem oben die Rede war. Die Höhe des einzelnen Büchergeschosses wird - und das ist ein weiterer wichtiger Fortschritt gegen früher - so bemessen, daß auch die zuoberst stehenden Buchreihen ohne Leiter bequem erreichbar sind; die Höhe der einzelnen Geschosse beträgt demgemäß etwa 2,20 m. Mehrere solcher Geschosse übereinander gelagert, bilden ein Magazinsystem.

2. Die Lipman - Regale. Waren die Bücherräume in früheren Zeiten und noch bis zum Ausgange des 19. Jhs. mit aus Holz gefertigten Regalen ausgestattet, bei denen die Verwendung des Panizzi-Stiftes - der Name stammt von seinem Erfinder, dem hervorragenden Leiter des British Museums - gegenüber dem älteren, in Zahnleisten gelagerten Holzpflock, schon einen wichtigen Fortschritt hinsichtlich der leichteren Verstellbarkeit der einzelnen Bücherbretter bedeutete, so muß die Erfindung eines in seinen wesentlichen Teilen aus Eisen hergestellten Büchergestelles durch den deutschen Kunstschlosser ROBERT LIPMAN am Ausgänge des vorigen Jhs. als eine bahnbrechende Neuerung auf dem Gebiet des Magazinbaues angesehen werden. Die einzelnen Bücherbretter, in der Regel einheitlich 1 Meter (,Büchermeter') lang, hängen vermöge der neuen Konstruktion an zwei eisernen Pfosten oder Stützen in einem Zahngestänge, dessen Zähne nur 1,5 cm Abstand (gegenüber den 3 oder gar 4 cm bei den vorher erwähnten Querpflöcken aus Holz) voneinander haben. Dadurch wird erreicht, daß Verstellungen nach oben oder unten auch im kleinsten Ausmaße vorgenommen werden können. War das Lipman-Gestell zunächst nur Ausstattungsgegenstand im Magazin wie bis dahin die Holzregale (so erstmalig in Straßburg 1889), mit anderen Worten wurde das neue Gestell lediglich in den Raum gestellt und im Fußboden mit Schrauben befestigt, so war der nächstliegende Gedanke, die eisernen Stützen zum Mitträger der baulichen Konstruktion des gesamten Magazins zu machen, in dem diese Stützen nun durch sämtliche übereinandergelagerten Geschosse gezogen wurden. Damit wurde das Regal vom bloßen Ausstattungsgegenstand zu einem festen und unentbehrlichen Bestandteil der statischen Konstruktion des Geschoßbaues. Von nun an also sind die Regale mit den Geschossen fest verbunden, was zur Folge hat, daß die Bücherlast nicht mehr von den einzelnen Zwischenböden getragen werden muß, sondern von den in regelmäßigen Abständen (in der Regel 1 m) eingebauten Stützpfeilern abgefangen wird, die das einzelne Magazinsystem von oben bis unten durchlaufen.

In dieser Form ist das Lipman-Regal in Deutschland erstmalig 1897 beim Neubau der UB Marburg zur Anwendung gekommen. Es ist klar, daß durch diese Bauweise eine beträchtliche Verringerung der Stärke bei den einzelnen Zwischenböden (von etwa 30 cm auf 5-6 cm) ermöglicht und damit zugleich

  


15 - Lipman-Regal

erheblicher Raumgewinn erzielt wird. Der Abstand zwischen den einzelnen Pfeilerreihen wird als Achsenweite bezeichnet. Während man zunächst glaubte, eine Achsenweite von mindestens 2 Metern zu benötigen, ist man jetzt längst zu der Überzeugung gekommen, daß schon eine weit geringere Achsenweite ausreicht, um zwischen den Regalen die erforderliche Bewegungsfreiheit vor allem auch bei Benutzung eines Bücherwagens zu gewährleisten: 1,25 m dürften vollauf genügen, um zwischen den Regalen alle anfallenden Arbeiten ausführen zu können. Die Pfeiler sind, wie schon erwähnt, nach beiden Seiten mit Zahnstangen versehen, in die die einzelnen Bücherböden eingehängt werden. Letztere können, vermöge LIPMANS sinnreicher Konstruktion, durch leichtes Anheben mit der vollen Bücherlast unschwer auf- und abbewegt werden. Die Herstellung der ganzen Regalanlage aus Eisen ermöglicht ferner den Verzicht auf Zwischenwände bei den einzelnen Regalpaaren sowie auf Seitenteile und fördert dadurch den Zutritt von Licht und Luft zu den Büchern, ein Vorteil, der für deren Erhaltung keinesfalls unterschätzt werden darf. Zudem wird beträchtliches Material gespart.

Die Vorzüge des Lipman-Gestelles, das im Laufe der Jahre im einzelnen noch mancherlei Verbesserungen erhalten hat, können kurz dahin zusammengefaßt werden:

1. Die Gestelle sind nicht mehr Ausstattungsgegenstände, sondern wichtige bauliche Bestandteile der Magazine.

2. Die Stärke der Zwischenböden kann erheblich reduziert werden.

3. Die leichte Verstellbarkeit erleichtert die Arbeit des Umstellens und Rückens der Bücher und erlaubt, da auch geringfügige Verstellungen möglich sind. äußerste Raumausnutzung.

 4. Licht und Luft haben in erhöhtem Maße Zutritt zu den Büchern.

 5. Der Verzicht auf Holz erhöht die Feuersicherheit in den Magazinen.

Abbildung 1 zeigt die Stahlkonstruktion für zwei Magazingeschosse im neuen Erweiterungsbau der Universitätsbibliothek Graz. Die Stahlträger, die Säulen der tragenden Konstruktion, dienen zugleich als Stützen der Bücherregale. Sie sind im Betongrund verankert und haben einen Abstand von einem Meter. Man sieht deutlich, wo die Zwischenböden eingezogen werden. Sie bestehen aus Stahlblech, auf das eine Betonschicht aufgetragen wird.

Unsere Abbildungen 2 und 3 zeigen moderne Magazinansichten der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen. Abb. 2 gewährt einen Blick in den Hauptgang des 1952 fertig gestellten Kirchenmagazins, an dem seitlich die einzelnen Regalpaare und ihr Abstand von einander (Achsenweite) erkennbar sind. Die Breite dieser Zwischengänge schwankt zwischen 70 und 85 cm, so daß Bücherwagen bequem hindurch rollen können. Abb. 3

  


16 - Magazin-Anlage

bietet einen Durchblick durch einen Seiten- oder Zwischengang. Die Achsenweite ist hier ebenso gut zu erkennen.

3. Die An1age als Ganzes. Die Schaffung des modernen Magazins ist nicht das einzige wichtige Ergebnis in der Entwicklung des Bibliotheksbaues; Hand in Hand mit dieser Entwicklung geht vielmehr ein weiteres, nämlich die sich allmählich durchsetzende Dreigliederung des Bibliotheksgebäudes in Magazin, Verwaltungs- und Benutzerräume, wobei unter den letzteren dem Lesesaal die beherrschende Rolle zufällt. Der Gedanke einer solchen Gliederung kommt erstmalig in einer Art von Idealgrundriß des Italieners DELLA SANTA vom Jahre 1816 zum Ausdruck (LEYH a. a. 0. S. 33 ff.). Ein Jahr später legt der Frankfurter Stadtarchivar BEYERBACH einen Entwurf für den Neubau der Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. vor, der unserer Vorstellung vom Magazin noch näher kommt. Wichtige Etappen auf diesem Wege sind dann der 1832 bis 1843 durch GÄRTNER errichtete Neubau der Münchener Hofbibliothek (charakteristisch hier die Auflösung des einen Saales in eine Anzahl einzelner Räume von z. T. beträchtlicher Größe), der in den Jahren 1843-50 durch LABROUSTE vorgenommene Neubau der Bibliothek St. Geneviève in Paris, weiter der Umbau des British Museum (1854-56) nach den Plänen des schon genannten PANIZZI (strahlenförmige Anordnung der Magazine um den großen Kuppel-Lesesaal der Bibliothek), der 1859 gleichfalls nach Plänen von LABROUSTE erfolgte Ausbau der Bibliothéque Nationale in Paris (Magazintrakt von 42 : 28 m mit Oberlicht). Deutschland folgt seit den 60er Jahren mit einer Reihe von Neubauten, von denen Rostock, Karlsruhe, Greifswald, Halle und Stuttgart als die bemerkenswertesten Beispiele genannt sein mögen. Alle diese und noch andere deutsche Neubauten bieten zwar für die Entwicklung des Magazins wichtige Beiträge; zu dem Problem einer möglichst vorteilhaften Raumaufteilung dagegen gehen praktische Anregungen von ihnen nicht aus. Erst im Laufe unseres Jahrhunderts sind in dieser Frage weitere Fortschritte zu verzeichnen. Die wichtigsten Beiträge zu einer praktischen Lösung der Raumfrage verdanken wir Amerika und England, die mit zahlreichen Um- und Neubauten Bedeutendes auf dem Gebiete der Raumgliederung geleistet haben.

Die schnelle Zunahme der Bücherbestände und die ständig steigende Benutzung - in den USA ist man der Auffassung, eine Bibliothek verdoppele sich ungefähr innerhalb von 25 Jahren - zwingen die Bibliotheken, ihr Augenmerk besonders auf den Magazinbau zu richten. Das Magazin wurde in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr beherrschender Mittelpunkt des Bibliotheksgebäudes, wie GEORG LEYH sagt, "die Spinne im Netz". Eines seiner architektonischen Kennzeichen ist der Bücherturm, der alle übrigen Gebäudeteile überragt und für den Besucher der Bibliothek schon weithin sichtbar ist.

  


Abb. 1. Stahlkonstruktion zweier Magazingeschosse in der Universitätsbibliothek Graz


Abb. 2 und 3. Magazine in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen


17 Moderner Magazinbau

Ein Musterbeispiel bietet etwa der Bücherturm der 1931 im gotischen Stil erbauten Yale University Library, der Vorbild für zahlreiche europäische Bibliotheken geworden ist. (vgl. Abb. 4). Seine 16 Geschosse fassen 3,5 Millionen Bände. Für seinen Bau wurden allein 2.000 Tonnen Stahl und Eisen verwandt. Auch das Turmmagazin der UB Cambridge in England (1934 erbaut, vgl. Abb. 5) und der neben der St. Pauls Kathedrale das Stadtbild beherrschende Turm der Universität London (erbaut 1938), dessen 15 Stockwerke die Bestände der Universitätsbibliothek bergen, verdienen in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden. In der jüngsten Zeit zählt der Bücherturm immer noch zu den beliebten Magazinbauweisen. Für den zentralen Neubau der UB Madrid hält man sich an das Vorbild von Yale. Bei dem Preisausschreiben für den Bau der Freien Universität Berlin waren in den meisten Entwürfen ein Turmmagazin oder ein hochgezogener Magazintrakt für die Aufbewahrung der Bücherbestände der Bibliothek vorgesehen.

Bisweilen baut man das Magazin unterirdisch. Schon der Neubau der Bodleiana (1940) hat einen Magazintrakt mit 11 Büchergeschossen, von denen 3 unter der Erde liegen. Die Bibliothéque Nationale baute ihr Magazin in den letzten Jahren unter der Erde aus, weil ein Aufstocken aus städtebaulichen Gründen untersagt ist. Die National Diet Library in Japan soll für 10.000.000 Bände ein Magazin mit 3 unterirdischen und 5 Stockwerken über der Erde erhalten. Alle diese Bauten gehen in ihrer Anlage auf die übliche Dreiteilung Benutzungs-, Verwaltungsräume und Magazin zurück. In den USA hat neuerdings das von großen Büro- und Geschäftsbauten her bekannte modular system auch auf den Bibliotheksbau Einfluß gewonnen. Diese Bauweise, schon in den dreißiger Jahren von dem bedeutenden Magazinbauer ANGUS SNEAD MACDONALD empfohlen, zielt auf flexibility, auf Beweglichkeit innerhalb des gesamten Gebäudekomplexes. Ein so angelegter Bau setzt sich aus modules, aus gleichen Raumeinheiten zusammen, die man je nach Bedarf beliebig aneinanderreihen kann. Verwendet man das modular system im Bibliotheksbau, dann fallen die herkömmlichen Grenzen zwischen Benutzungsräumen, Verwaltungsräumen und Magazin. Alle diese Gebäudeteile lassen sich miteinander vertauschen und je nach der örtlichen Gegebenheit ineinander übergehend anlegen. Das Magazin einer nach dem modular system gebauten Bibliothek hat den Charakter des Bücherspeichers ganz verloren; es ist räumlich großzügig und für den Benutzer bequem zugänglich eingerichtet. Es ist kein Zufall, daß diese Bauart oft den open access im Gefolge hat; sind doch für einen solchen freien Zugang alle baulichen Voraussetzungen gegeben. Es bleibt abzuwarten, wieweit das modular system im europäischen Bibliotheksbau Fuß fassen wird.

Ob das Magazin mit den übrigen Gebäudeteilen eng verbunden oder scharf gegen sie abgetrennt ist, es muß mehrere Zugänge haben und durch Personen-

  


18 - Deposit-Library

und Bücheraufzüge bequem zu erreichen sein. Zu seiner Ausstattung gehören moderne Transportmittel, unter denen das Fließband (Book conveyor), die Rohrpost (Pneumatic tubes) und neuerdings die Sprechanlage gern verwendet werden. Die Sprechanlage ermöglicht es, von den Ausleihen aus in die Magazine zu sprechen. Der Magazinbeamte hört seine Anweisungen, ohne die Anlage bedienen zu müssen. Diese Einrichtung findet sich z. B. an der BTH Zürich und an der SuUB Hamburg. Auch Heizungs- und Klimaanlagen müssen den besonderen Erfordernissen eines Büchermagazins angepaßt sein. Die 1951 erbaute Zentralbibliothek in Luzern hat eine Ventilation, die dem Magazin, das durch eine Betonsprossenverglasung (vgl. Abb. 6) nach außen hermetisch abgeschlossen ist, ständig entstaubte und filtrierte Luft zuführt. Sie bildet gleichzeitig die Warmluftheizung, deren Heizschlangen unsichtbar in die Betondekken eingegossen sind. Im Sommer sorgt diese Klimaanlage für kalte Luftzufuhr. Die heutigen großen allgemeinwissenschaftlichen Bibliotheken werden nur durch fortschreitende Mechanisierung ihrer Magazinanlage imstande sein, sich in der Benutzung allmählich auf die Sofortbedienung umzustellen, die in den Bibliotheken der Vereinigten Staaten und fortschrittlicher europäischer Länder längst gang und gäbe ist.

Um die Jahrhundertwende kam aus den USA die Anregung, für die weniger benutzte oder sogar "tote" Literatur Außenmagazine einzurichten und die zentralen Bücherspeicher auf diese Weise zu entlasten. Der Präsident der Harvard University schlug schon um 1900 vor, in einem Vorort Bostons für Harvard und die benachbarten Universitäten ein Sammelmagazin zu bauen. Im Jahre 1905 erhielt das Britische Museum ein Zeitungsmagazin, 5 km nordwestlich von London. Die Bibliothèque Nationale folgte 1934 und überführte ihre Zeitungen in ein mit 8 Stockwerken ausgestattetes Magazin in Versailles. Die erste wirkliche Cooperative Storage Library entstand erst im Jahre 1941/42 in Boston als Gemeinschaftsspeicher für 7 Bibliotheken. Im Jahre 1951 errichteten die 10 größten Universitätsbibliotheken des Mittelwestens ein 7stöckiges Sammelmagazin in Chicago, das mit einem Fassungsvermögen von 3 Millionen Bänden eine wesentliche räumliche Entlastung brachte und darüber hinaus in der Erwerbung und Benutzung selbständige Aufgaben erhielt (Abb. 7). Es ist mit den angeschlossenen Bibliotheken durch Fernschreiber verbunden und dadurch in der Lage, deren Buchbestellungen innerhalb von 24 Stunden zu erledigen. Für die Benutzer am Ort stehen 20 study cubicles mit Schreibmaschinen und Lesegeräten zur Verfügung. (Frdl. Mittlg. von R. T. Esterquest.) Länder mit intakten Bibliotheken werden auf die Dauer an derartigen Lösungen nicht vorübergehen können. In Deutschland haben die erheblichen Bücherverluste im 2. Weltkrieg dem Gedanken, mit dem JUNTKE deutscherseits zum ersten Male auf dem Erlanger Bibliothekartage im Jahre 1931 an die

  


19 -  Deposit-Library

Öffentlichkeit trat, seine Aktualität genommen. Man darf jedoch annehmen, daß auch hier die Möglichkeit, gemeinsame Magazine auf regionaler Basis anzulegen, in absehbarer Zeit in Erwägung gezogen werden wird.

Lit.: Esterquest, R. T.: The Storage Library and beyond. (Libri 1. 1951, 239 -252); vgl. auch die Beiträge von G. Hofmann, W. Schmidt und E. Zimmermann u. d. T.: Probleme des neuen deutschen Bibliotheksbaus. (Nachr. f. wiss. Bibl. 5. 1952, 148-179); Juntke, F.: Magazinierung der toten Literatur. (ZfB 48. 1931, 394-42 1); Liebers, G.: Der Gedanke der Flexibility im neueren amerikanischen Bibliotheksbau. (Nacht. f. wiss. Bibl. 5. 1952, 225-242); Müller, Alb. A. Die Zentralbibliothek Luzern. (Nachr. d. Vereinig. schweizer. Bibliothekare 28. 1952, 8-17); Seyffert, H.: Die Deposit-Library, ihre Entwicklung in Amerika und ihre Möglichkeiten in Deutschland. (Prüfungsarbeit für den wissenschaftlichen Dienst, Köln 1952. 51 S. [Mschr.] Die Arbeit wurde freundlicherweise vom Bibliothekar-Lehr-Institut in Köln zur Verfügung gestellt.)

  


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