Zum
Terminus "Wissenschaftsforschung"
Wissenschaftsforschung
- dieser Terminus hat sich zur Bezeichnung der mannigfachen, in der
Regel polydisziplinären Bemühungen, die Wissenschaft selbst
zum Gegenstand systematischer Forschungen zu machen, seit den 70er Jahren
unseres Jahrhunderts mehr und mehr eingebürgert, obwohl er auch
heute weder allgemein üblich noch unumstritten ist. Hoffnungen,
der Wissenschaftsforschung die Konturen einer mehr oder weniger klar
abgegrenzten Disziplin mit akzeptierten Regeln der Gegenstandskonstitution
und einem standardisierten Methodenrepertoire zu verleihen, haben sich
zumindest bisher nicht erfüllt. Es mag sein, daß diese Hoffnungen
nur verfrüht waren, es spricht aber auch manches dafür, daß
sie ganz und gar unberechtigt sind und allein deshalb aufkommen konnten,
weil die kognitive Situation, in der Wissenschaft sich selbst reflektieren
kann, erkenntnistheoretisch unzureichend bedacht worden ist.
Wie dem auch sei,
in ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Wissenschaftsforschung nicht
homogen, und sie wäre wohl auch schlecht beraten, wollte sie das
Streben nach Homogenität an die Spitze ihrer Prioritätenliste
setzen. Sie lebt vom Diskurs des Mannigfaltigen; allein darin, daß
sie ein lockeres Netzwerk bietet, das diesen Diskurs aufrechterhält,
liegt ihre Daseinsberechtigung. Ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt
der Richtungen, in der sich Wissenschaftsforschung heute darstellt,
wird von den Beiträgen dieses Jahrbuches repräsentiert, dessen
ersten Band wir der freundlichen Aufmerksamkeit des Lesers empfehlen.
Manche Richtungen
der Wissenschaftsforschung - so etwa die Scientometrie oder weite Bereiche
der Wissenschaftssoziologie - haben heute deutliche Züge von Spezialdisziplinen
angenommen, sie feilen ihren Methodenapparat aus und entwickeln eigene
Terminologien. Je weiter sie auf diesem Weg vorankommen, je mehr sie
professionell und "technisch" werden, um so mehr laufen sie allerdings
auch Gefahr, sich in Veranstaltungen für Spezialisten zu verwandeln,
die nur noch untereinander kommunizieren und den Wettstreit um fortschreitendes
Raffinement der methodischen Ausstattung als intellektuellen Leistungssport
betreiben. Wenn sie das Gesamtverständnis von Wissenschaft bereichern
wollen, dann müssen sie die unvermeidliche Tendenz spezialistischer
Abschließung durch ihr Gegenstück, die Öffnung über
eine verstehende Deutung ihrer Befunde, bewußt ausbalancieren.
Hinter diesen Schwierigkeiten
steht der Umstand, daß Selbstreflexion ein genuin widersprüchliches
Geschehen ist. Objektive Erkenntnis, die ihren Gegenstand als ein vom
Erkennenden unabhängiges Objekt setzt und gegenüber diesem
die Perspektive des äußeren Beobachters und Analytikers einnimmt,
findet ihre Schranke darin, daß die für sie konstitutive
Unabhängigkeitsannahme stets nur begrenzt durchführbar ist.
Für die Naturerkenntnis läßt sich die Existenz dieser
Schranke weithin vernachlässigen. Freilich hat uns dieses ausklingende
Jahrhundert auch über die Existenz gravierender Fragen belehrt,
die der klassischen Konstellation der Naturerkenntnis als Analyse eines
unabhängigen Objektes durch einen äußeren Beobachter
und Experimentator nicht mehr zugänglich sind; sie erschließen
sich erst einer Haltung, die Naturerkenntnis als Selbstreflexion der
Natur mittels des ihr untrennbar zugehörigen menschlichen Erkenntnisvermögens
konzipiert. Sehr vielalltäglicher und allgegenwärtiger wird
der Widerspruch der Selbstreflexion in der Erkenntnis des Menschen und
seiner Verhältnisse; er wird sinnfällig in der disziplinären
Aufspaltung dieses Erkenntnisunternehmens in dominant objektivierend
(und damit auch zunehmend messend) vorgehende Sozialwissenschaften auf
der einen, dominant verstehend, deutend und teilnehmend operierende
Geisteswissenschaften auf der anderen Seite. Auf die Spitze getrieben
aber ist jener Widerspruch in der Selbsterkenntnis der Wissenschaft.
Wer immer sich aufmacht, sie objektiv zu betrachten, sie sich also als
sein Erkenntnisobjekt gegenüberzustellen, bleibt doch zugleich
in sie eingeschlossen, und er bleibt es erklärtermaßen, denn
es sind ja die eigenen Erkenntnismittel der Wissenschaft, die er auf
diese selbst richtet. Der Wechsel in der Beobachterperspektive zur Teilnehmerperspektive
gelingt auf diesem Feld prinzipiell nur unvollständig, und das
gilt selbstverständlich auch umgekehrt.
Dies darf keineswegs
als Aufforderung mißverstanden werden, sich auf eine der Perspektiven
zu beschränken. Im Gegenteil: Es ist ein Plädoyer dafür,
die Komplementarität der Perspektiven und den beständigen
Wechsel zwischen ihnen ausdrücklich zum Prinzip für die Selbsterkenntnis
der Wissenschaft zu machen. Die objektivierende Analyse mit ihren "strengen"
Methoden und ihren "harten" Resultaten erweist erst dann ihren Wert,
wenn sie der Deutung aus der Sicht der Subjektivität der Erkenntnistätigkeit
unterworfen wird; umgekehrt bliebe das Innenbild der wissenschaftlichen
Subjektivität im vagen Ungefähr, könnte es nicht an objektiven
Befunden angreifen. So ist zwar kaum Aussicht, daß es jemals eine
in sich geschlossene, umfassende Theorie der Wissenschaft geben könnte,
aber es zeichnet sich ein unbegrenzter Horizont für die gegenseitige
Anregung der beiden Perspektiven der Wissenschaftsreflexion ab, solange
sie aufeinander bezogen bleiben und keine von ihnen in Selbstgenügsamkeit
erstarrt.
Eben dies könnte
jenes Allgemeine sein, das dem ad hoc eingeführten Terminus "Wissenschaftsforschung"
eine kategoriale Bedeutung verleiht: die Intention, die potentiell unbegrenzt
vielen Arten der Anwendung von Methoden aus dem Arsenal der Wissenschaft
auf die Erforschung der Wissenschaft selbst aufeinander bezogen zu halten
und dabei Reduktionismen und Absolutheitsansprüche abzuwehren.
Zweck der Gesellschaft
für Wissenschaftsforschung, die Anfang des Jahres 1991 gegründet
wurde und sich mit diesem Jahrbuch vorstellt, ist es, sowohl grundlagen-
als auch anwendungsorientierte Untersuchungen von Zusammenhängen
der Wissenschaftsentwicklung in Vergangenheit und Gegenwart zu fördern.
Ein Schwerpunkt ist dabei die Wissenschaftsentwicklung in der Region
Berlin - Brandenburg. Dazu stellt sich der Forschende mit seiner Problemstellung
und mit den Ergebnissen der Problembearbeitung einer Diskussion in den
von der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung öffentlich
durchgeführten wissenschaftlichen Veranstaltungen. Scientometriker,
Methodologen, Wissenschaftssoziologen, Wissenschaftsökonomen und
Wissenschaftshistoriker sehen sich dabei in einer Verbindung, deren
Bestand allein von ihren geleisteten Beiträgen abhängt. Indes
erweist sich gerade die fachlich heterogene Zusammensetzung als eine
Einladung, die eingangs skizzierte Idee polydisziplinärer Wissenschaftsforschung
zu erproben. Das ist kein glatter Weg. Ein Diskurs, der gelegentlich
reizvoll ist, kann auf die Dauer beschwerlich werden. Es ist allemal
leichter und erscheint auf den ersten Blick auch effizienter, wenn die
Scientometriker, die Soziologen oder die Historiker jeweils mit ihresgleichen
kommunizieren. Jedes Mitglied der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung
ist natürlich auch in seine spezifische Fachgemeinschaft integriert,
und die Versuchung ist stets gegenwärtig, sich ganz in diese zurückzuziehen.
Doch da ist auf der
anderen Seite auch das Wissen um die Notwendigkeit des Perspektivenwechsels
und das Gefühl der Bereicherung, wenn es gelungen ist, sich in
den Geist einer ganz anderen Forschungsrichtung hineinzudenken. Der
Reiz eines so unkonventionellen Gesprächskreises - Bedingung der
Mitgliedschaft ist allein fortdauernde forschende Betätigung auf
irgendeinem Feld der Wissenschaftsforschung ohne jede nähere Festlegung
über den Charakter des Gebietes - war immerhin groß genug,
um Kollegen aus den alten und neuen Bundesländern in unsere Gesellschaft
zu führen.
Die größte
"Fraktion" unter den Mitgliedern der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung
bilden die Scientometriker einschließlich der Patent- und Innovationsanalytiker.
Die Gesellschaft erhält dadurch eine unikale Prägung. Die
Scientometrie, heute bereits selbst ein mannigfach gegliedertes, komplexes
Gebiet, das stürmisch wächst und eine zumindest protodisziplinäre
Struktur aufweist, ist von besonderer Bedeutung für die Zukunft
der Wissenschaftsforschung. Hier wird mit objektiven, quantifizierenden
Methoden ein Massiv unbestreitbarer Kenntnisse über die Beschaffenheit
der Wissenschaft erzeugt, das sich rasant ausdehnt und für die
anderen Richtungen der Wissenschaftsforschung, vor allem für ihren
mehr qualitativ und geisteswissenschaftlich verfahrenden Flügel,
eine fortdauernde Provokation darstellt, weil häufig nicht evident
ist, wie die dort gefundenen quantitativen Regularitäten aus den
qualitativen Eigenarten des wissenschaftlichen Erkennens hervorgehen.
Wie ernst diese Provokation ist, erhellt aus der Tatsache, daß
noch immer nicht sicher ist, warum eigentlich das 1926 formulierte Lotkasche
Gesetz gilt - jener klassische Befund über die funktionale
Abhängigkeit zwischen der Anzahl von Autoren mit einer bestimmten
Publikationsrate und der Publikationsrate selbst, mit dem die Scientometrie
(ohne daß diese Bezeichnung damals gebraucht worden wäre)
vor vielen Jahrzehnten ihr wissenschaftliches Entree gab. Obwohl die
Ausgangspunkte der im wesentlichen aus der Analyse der Struktur und
der Dynamik von Publikationsmassiven und Zitationsnetzen hervorgegangenen
Scientometrie vor dem Einsetzen der Computerära zu finden sind,
liegt doch auf der Hand, daß sich der schnelle Aufschwung des
Gebietes in erster Linie der Verfügbarkeit effizienter Computertechnik
verdankt. Erst so lassen sich die großen Datenmassive, die gesichtet
werden müssen, damit quantitative Regularitäten zuverlässig
festgestellt werden können, in angemessener Art und Weise bearbeiten.
Damit verfügt nun die Wissenschaftsforschung über ein neuartiges
und leistungsfähiges Werkzeug, mit dem sie über ihren hochkomplexen
Gegenstand eine neue Schicht objektiver Befunde erheben kann. Aber was
bedeuten diese Befunde für das Verständnis des Erkennens als
eines subjektiven - denn auch die für geprüfte wissenschaftliche
Aussagen in Anspruch genommene Intersubjektivvität ist immer noch
Subjektivität - Phänomens ? Das ist die beunruhigende und
anregende Frage, die sich immer erhebt, sobald gesicherte Befunde dieser
Art vorliegen. Mit Fragen dieser Art wird sich die Gesellschaft für
Wissenschaftsforschung beschäftigen.
In allgemeiner Form
kann man sich ihnen schwerlich nähern. Wenn aber die scientometrische
Analyse sich direkt temporalen Strukturen der Wissenschaft von historischer
Dimension zuwendet, dann werden die Fragestellungen konkreter und die
Chancen eines Zugriffs größer. Es ist - um eine in diesem
Band enthaltene Analyse als Beispiel zu nennen - ein durchaus erstaunliches
Phänomen, daß das in den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft
geschaffene Publikationsmassiv ein halbes Jahrhundert später eine
intensive und fortdauernde Zitation erfährt, und zwar nicht etwa
in historischen Rückblicken, wo dergleichen zu erwarten gewesen
wäre, sondern in den fachwissenschaftlichen Originalarbeiten, die
die laufende Forschung dokumentieren. Dieser Befund ist ein handfestes
Argument gegen den im Selbstbewußtsein des Forschungspersonals
noch immer gängigen aktualistischen oder modernistischen Mythos,
wonach alle wichtigen Ergebnisse der vorangegangenen Erkenntnistätigkeit
im aktuellen "Stand" der wissenschaftlichen Literatur enthalten seien
und alles Frühere bestenfalls noch den Historiker interessieren
könnte. Aber welche Eigenschaften des Erkenntnisprozesses verbergen
sich hinter der unerwarteten temporalen Zitationstiefe ? Was veranlaßt
Wissenschaftler dazu, regulär im Rahmen ihrer laufenden nichthistorischen
Forschungsarbeit ein halbes Jahrhundert und weiter zurückzugreifen
? Als denkbare Antworten auf diese Frage bieten sich die verschiedensten
Annahmen an. Will man sie prüfen, dann wird man nicht umhin können,
die durch scientometrische Analysen aufgewiesenen Langzeitzitationen
exemplarisch einer inhaltlichen Untersuchung zu unterwerfen und festzustellen,
welche Funktionen diese Rückbezüge im gedanklichen Gewebe
der betreffenden Publikationen tatsächlich ausüben.
Dies ist nur ein
Beispiel für die fruchtbaren Provokationen, die der Einsatz objektivierender
Methoden für den Fortgang der Selbstreflexion der Wissenschaft
ausüben kann. Im Prinzip ist keine Disziplin von vornherein aus
der Reihe der potentiellen Lieferanten von Denkmustern für die
Wissenschaftsforschung ausgeschlossen; man hat die Wissenschaft oder
Teilbereiche von ihr als Organismus, als Population oder als autokatalytischen
Prozeß modelliert, man modelliert sie heute als schöpferisches
Chaos, in dem Selbstorganisationsprozesse ablaufen - in der Regel haben
alle diese Versuche irgendwelche positiven Einsichten geliefert und
die Selbsterkenntnis der Wissenschaft vorangebracht, aber keiner war
imstande, die Hyperkomplexität der Wissenschaft auch nur annähernd
auszuschöpfen. Ein erkenntnistheoretisch bedachtsamer Autor wird
dies auch schwerlich erwartet haben. Zu erwarten ist hingegen, daß
zur Untersuchung der Wissenschaft auch künftig immer neue Mittel
aus ihrem eigenen polydisziplinären Arsenal herangezogen werden.
Für die Wissenschaftsforschung ist es ein sinnvolles Anliegen,
allen solchen Vorstößen Raum zu bieten, sie miteinander zu
vermitteln und keinem von ihnen die Selbsterhebung zum absoluten Kanon
der Wissenschaftsreflexion zu erlauben. Das ist, beiläufig bemerkt,
ein nicht unwesentliches Motiv für die Präsenz von Historikern
im Verbund der Wissenschaftsforschung. Die Geschichte ist eine hervorragende
Auskunftsinstanz dafür, daß die Zeit jede Lehre relativiert
und jeglichen Absolutheitsanspruch ad absurdum führt.
Wissenschaftliches
Erkennen ist ein genuin selbstreflexives Unternehmen. Über Jahrtausende
hinweg blieb aber dieses Moment der Selbstreflexion - etwa in Form von
Methodenbewußtsein oder von Überlegungen über die Gestaltung
des wissenschaftlichen Unterrichts zum Heranführen neuer Generationen
an dieses Feld menschlicher Tätigkeit - im wesentlichen in das
wissenschaftliche Tun an speziellen Gegenständen selbst verwoben,
und was sich davon abheben ließ, das hatte seinen Ort in der Philosophie.
Polydisziplinäre Wissenschaftsforschung mit ihrem mannigfachen
Vermittlungsproblemen ist weitestgehend ein Produkt unseres Jahrhunderts.
Das hat nicht ausschließlich und wohl auch nicht in erster Linie
mit der Aufstockung des Arsenals intellektueller Mittel zu tun, auf
die die Wissenschaft zu ihrer Selbsterkenntnis zurückgreifen kann.
Ergebnisse wissenschaftlichen Erkennens haben wie nie zuvor in das Potential
außerwissenschaftlicher Tätigkeiten des Menschen Eingang
gefunden, mit den bekannten enormen und höchst problematischen
Konsequenzen, und sind damit in das Wirkungsfeld mächtiger wirtschaftlicher,
militärischer, politischer und sozialer Interessen geraten. Dies
vor allem hat - unter affirmativem wie unter kritischem Vorhaltewinkel
- das Bedürfnis stimuliert, mehr, Genaueres und Vielfältigeres
über die Beschaffenheit der Wissenschaft und über ihre Beeinflußbarkeit
zu erfahren. Die Wissenschaftsforschung kann sich nicht darüber
hinwegtäuschen, daß sie ihren Aufschwung weit eher dieser
Interessenlage als einem Impetus "reiner" Erkenntnis verdankt, und auch
ein Scientometriker tut gut daran zu bedenken, daß die Expansion
seines Gebietes mit der Rolle der Wissenschaft als Kosten- und Effektivitätsfaktor
in warenwirtschaftlichen Kalkülen und keineswegs nur mit der Begeisterung
über die grenzenlosen kognitiven Möglichkeiten des Operierens
mit Maß und Zahl zusammenhängt.
Somit sieht sich
die Wissenschaftsforschung konfrontiert mit der folgenreichen und problematischen
Rolle von Wissenschaft in modernen Gesellschaften. In vornehmer Abstraktion
von diesen Kontexten läßt sich moderne Wissenschaft nicht
mehr realistisch begreifen. Der Legitimationsdruck, unter den Wissenschaft
damit gerät, läßt die Intentionen und die Richtungen
ihrer Selbsterkenntnis nicht unberührt. In den neuen Bundesländern,
in denen in wenigen Jahren die institutionellen Verhältnisse des
Wissenschaftsbetriebes radikal umgewälzt worden sind und diese
Umstrukturierung zudem mit einem einschneidenden Potentialabbau und
galoppierender Akademikerarbeitslosigkeit einhergeht, ist dies noch
viel drastischer spürbar als anderswo. Zentrales Problem zur Sicherung
von Arbeit und Demokratie sowohl in den neuen als auch in den alten
Bundesländern ist die angemessen zügige Entwicklung von Forschung
und Innovation. Mehrere Beiträge dieses Jahrbuches belegen, daß
sich die Gesellschaft für Wissenschaftsforschung dieser
Herausforderung stellt. Auch hier tun sich Schwierigkeiten eigener Art
auf. Objektive Wissenschaft darf strenggenommen nicht weitergehen als
bis zur Analyse der Situation und des Fächers der in dieser für
die weitere Entwicklung enthaltenen Möglichkeiten. Zugleich wird
aber von der Wissenschaftsforschung erwartet, daß sie konstruktive
Auswege aus kritischen Lagen konzipiert. Da alle einschlägigen
Handlungsmöglichkeiten politisch bewertet sind, bedeutet das Aussprechen
einer Option für eine bestimmte konstruktive Variante unvermeidlich
zugleich eine politische Präferenz, und von einem Autor kann auch
in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht verlangt werden, daß
er seine Präferenzen verschweigt. Wenn sich Wissenschaftsforschung
auf die praktischen Probleme einläßt, dann befindet sie sich
auf einer Gratwanderung zwischen neutraler Analyse des Gegebenen und
politischer Präferenzentscheidung. Diesen Risiken könnte sie
nur entgehen, würde sie sich solchen Gegenständen entziehen.
Das Vermeiden eines Risikos wäre mit einem sicheren Verlust erkauft;
dieser Preis ist zu hoch. So heißt es auch in der Wissenschaftsforschung
mit den Widersprüchen leben. Nimmt sie diese Lebensform ausdrücklich
an, dann können sich einseitige Standpunkte nicht verfestigen,
und das Erkenntnisunternehmen bleibt im Fluß.
Berlin, im Mai 1995
Hubert Laitko, Heinrich
Parthey, Jutta Petersdorf
Aus: Laitko, H. /
Parthey, H. / Petersdorf, J.: Vorwort. - In: Wissenschaftsforschung.
Jahrbuch 1994/95. Hrsg. v. H. Laitko, H. Parthey u. J. Petersdorf. Marburg:
BdWi-Verlag 1996. S. 9 - 15.
Last update: 30. November
1997 © by Walther
Umstaetter