Society for  Science Studies - Germany

Tagung der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung e.V.
Gesellschaft für Wissenschaftsforschung e.V.

 


Society for Science Studies - Germany und Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin
10099 Berlin
Dorotheenstr.26
27. - 28. März 1998

Wissenschaft - Informationszeitalter - Digitale Bibliothek

 

Freitag, den 27. März 1998. Beginn: 13.00 Uhr

Fuchs-Kittowski, Klaus (Linz):

    Digitale Medien und die Zukunft der Wissenschaft
Parthey, Heinrich (Berlin):
    Publikation und Bibliothek in der Wissenschaft
Laitko, Hubert (Berlin):
    Das Buch in der Wissenschaft
Zott, Regine (Berlin):
    Klio und Kalliope. Wissenschaft und Technik des 19. Jahrhunderts in der schöngeistigen Literatur.
Kant, Horst (Berlin):
    Arnold Sommerfeld - Kommunikation und Schulenbildung
Greif, Siegfried (München): (entfällt durch Erkrankung)
    Patentschriften als wissenschaftliche Publikation
Bonitz, Manfred (Dresden):
    Wird der Matthäus-Effekt in der Wissenschaft meßbar bleiben?


Sonnabend, den 28. März 1998. Beginn: 9.00 Uhr
 

Lüdtke, Karlheinz (Jena):

    Entwicklung von Kommunikation und Theorie, dargestellt am Beispiel der Virusforschung
Stock, Wolfgang G. (Köln):
    Was ist eine Publikation?
Wagner-Döbler, Roland (München):
    Was ist eine Bibliothek?
Umstätter, Walther (Berlin):
    Die Rolle der Digitalen Bibliothek in der modernen Wissenschaft
 


 
Kurzbericht zur Tagung:  Wissenschaft - Informationszeitalter - Digitale Bibliothek

Die Arbeitstagung der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung e.V.  (Society for Science Studies - Germany) tagte im Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und hatte das Thema: Wissenschaft - Informationszeitalter - Digitale Bibliothek. Sie setzte so ein Gegengewicht zur Vorjahrstagung, die sich insbesondere mit Fragen patentfähiger Innovationen beschäftigt hatte. Damit sollte und konnte deutlich gemacht werden, daß die Wissenschaft zwei Typen von Information kennt, die die aus der Sicht des Senders mit ihrer Ausbreitung an Wert verliert und somit vom Empfänger bezahlt werden muß, und die die mit ihrer Verbreitung für den Sender an Wert gewinnt und somit in ihrer Ausbreitung vom Sender nicht nur finanziell unterstützt wird.

Zum zweiten Typus gehört, neben der Vielzahl an Reklameformen, der große Teil an schriftlich fixierten wissenschaftlichen Publikationen, ohne die Wissenschaft, verstanden als methodische Problemlösung, objektiv nicht möglich ist (Parthey, H.). Hier spielen die Bibliotheken eine besonders wichtige Rolle, da der Wert einer Theorie nicht nur mit seiner Anwendbarkeit, sondern auch durch seine Verbreitung bzw. seine Akzeptanz bei den Wissenschaftlern wächst. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage nach einer neuen Grundordnung für die Wissenschaftsgesellschaft, die natürlich noch lange keine Wissensgesellschaft ist,  gestellt. Diese Grundordnung der Wissenschaftsgesellschaft kann selbstverständlich nur auf der Basis der Wissenschaftsforschung entstehen. In ihr spielt die Digitale Bibliothek eine zweifellos fundamentale Rolle. Womit insbesondere der virtuelle Teil dieser Bibliothek in den Virtuellen Unternehmen von morgen angesprochen ist (Fuchs-Kittowski, K.).

Eines war an dieser Tagung etwas anders als bei herkömmlichen. Die Beiträge wurden teilweise schon im Vorfeld diskutiert, so daß die Tagung eher dazu beitrug die verschiedenen Positionen zu verifizieren. Außerdem diente die Diskussion am Tagungsort mehr dazu, den Inhalt des Tagungsbandes, dessen Erscheinen in den kommenden Monaten weiter vorbereitet werden soll, zu optimieren.

Nun ist die Wissenschaftsgesellschaft natürlich kein Produkt unserer Zeit. Sie hat sich bereits in der Entstehung des Buchdrucks, in dem Texte erstmals unverfälscht verbreitet werden konnten, angedeutet. Es folgten im 17. Jahrhundert die Zeitschriftenaufsätze mit klarer kurzer Aussage zur jeweiligen Neuentdeckung, mit Nennung des Entdeckers und des Datums der Entdeckung (Laitko, H.). Im 18. Jahrhundert kam es in den Enzyklopädien zu einer noch weiteren Kompression des Wissens. Gerade die Enzyklopädisten waren es, die die Ideen von Francis Bacon  in der wissenschaftlich fundierten Aufklärung verbreiteten. Daraus ergab sich im 19. Jarhundert ein allgemeines Eindringen naturwissenschaftlich-technischen Gedankengutes in das Bewußtsein der Gesellschaft. Dieses kann in großen Teilen der Belletristik sehr schön nachgewiesen werden (Zott, R.).

Wissenschaftliche Institute waren in der Geschichte wiederholt Ausgangspunkte von Theorien, wenn es in ihnen Lehrer gab, denen es gelang ihre eigenen Vorstellungen den Schüler so nahezubringen, daß sie dort wichtige neue Denkergebnisse katalysierten. Nicht selten übertrafen die Theorien dieser Schüler später die ihre eigenen Lehrer. Ein solcher Lehrer war zweifellos Arnold Sommerfeld, dessen Leistung H. Kant im einzelnen nachging. Geradezu im Sinne eines Kontrastprogramms machte dann Frau P. Werner den Gegensatz zum patentrechtlich geschützten Wissen deutlich, wie er sich im Patentstreit von 1939 zwischen La Roche und den IG-Farben, bei der Herstellung des Vitamin B2 darstellte. Hier wurde sozusagen kein Bit Information verschenkt.

Anknüpfend an eine Tagung der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung vor zwei Jahren betrachtete K. Lüdtke am Beispiel der Virusforschung die Problematik der sogenannten aktiven und passiven Kopplung im interdisziplinären Forschungsgeschehen. Hier kommt es einerseits zur aktiven Suche nach hilfreichen Ansätzen für die eigene Arbeit und andererseits zu unausweichlichen Ergebnissen, die nicht ignoriert werden können. Durch die sich zunehmend rascher ausbreitende Wissenschaft beobachten wir seit längerem neben der immer stärkeren Diversifizierung der Fachgebiete eine kompensatorische Zunahme der arbeitsteiligen Zusammenarbeit von Spezialisten, die sich in der Bibliometrie eindeutig nachweisen läßt. Ein Problem bleibt dabei allerdings die von Erwin Schrödinger bereits angesprochene Zusammenschau der Dinge, die teilweise schwieriger zu werden scheint. 

Auf internationaler Ebene konnte M. Bonitz schon vor einiger Zeit nachweisen, daß ein gewisser Matthäuseffekt im Science Citation Index berechenbar ist. Im Gegensatz zum weithin bekannten "Matthäuseffekt", den Merton zwar postuliert hatte, der aber im SCI interessanterweise nicht in Erscheinung tritt, da die sogenannte Uncitedness III von Garfield bei viel zitierten Autoren sehr viel wirksamer ist, läßt dieser "Bonitzeffekt" eine Arbeitsteilung der Länder erkennen, die für die Wissenschaftsgesellschaft von besonderem Interesse sein dürfte. Wir erkennen somit eine zunehmende wissenschaftliche Arbeitsteilung in der Wissenschaftsgesellschaft auf allen Ebenen. Sie wird sich allerdings in Zukunft nur erkennen lassen, wenn wir die Vernetzung der Wissenschaft durch Zitate beibehalten. Dies kann bei der Digitalen Bibliothek auch durch Hyperlinks geschehen, fordert aber im Bereich der HTML (Hypertext Markup Language) eine Zitationskultur, die dringend wissenschaftstheoretischer Aufklärung und Pflegen bedarf.

W. Stock machte anschließend die Vielfalt der Probleme deutlich, die wir nicht nur bei der bisherigen Auswahl von Zitationen hatten, sondern auch und insbesondere bei der bibliometrischen Bestimmung dessen, was wir eine Publikation nennen. Seine Schlußfolgerung, daß empirische Wissenschaftsforschung der Wissenschaftstheorie bedarf, knüpfte in gewisser Hinsicht an die am Vortage geforderte Grundordnung der Wissenschaftsgesellschaft auf der Basis der Wissenschaftsforschung an.

Die bereits angesprochene Spezialisierung der zahlreichen Wissenschaftsgebiete führt interessanterweise auch zu einer unausweichlichen Spezialisierung der Bibliotheken, mit deren Rolle sich Roland Wagner-Döbler  auseinandersetzte. Er warnte berechtigterweise vor der Verwechslung von Bibliotheken mit Buchhandlungen und damit vor der Bezeichnung "Kunden" im Zusammenhang von Bibliotheksbenutzern. Daran anschließend kam ein Vorschlag zur Diskussion (Umstätter, W.), die Digitale Bibliothek auch unter dem Aspekt einer großen Wissensbank zu sehen, mit deren Hilfe, auf der Basis der Informationstheorie, Wissen meßbar gemacht werden kann. Eine solche Wissensmessung dürfte erhebliche Folgen für die Wissenschaftsgesellschaft im Informationszeitalter haben und eine moderne dokumentarische Tätigkeit unabdingbar machen.

Walther Umstätter
 


Last update: 30. November 1997 © by Walther Umstaetter