Walther
Umstätter
Was
ist und was kann eine wissenschaftliche Zeitschrift heute und morgen leisten.
Was ist eine Zeitschrift
Eine Zeitschrift, im engl. Journal oder Periodical genannt,
ist eine periodisch erscheinende Publikation, die Informationen (noch nicht
publizierte Nachrichten) zu bestimmten Themen präsentiert. Wenn sie professionell
begründete Informationen anbietet, ist es eine wissenschaftliche Zeitschrift,
da Wissenschaft die Erzeugung von Wissen als begründeter Information ist,
das noch nicht publiziert worden ist. Die jeweilige Thematik, die sich mit
der Evolution der Wissenschaft ändert, macht Zeitschriften für bestimmte
Zielgruppen, die Abonnenten, die Autoren, die Leserschaft und die dazugehörigen
Inserenten attraktiv. Tages- oder Wochenzeitungen, die weitgehend themenunabhängig
Tages- bzw. Wochenneuigkeiten vermitteln, unterscheiden sich von den Zeitschriften
nur graduell. Sie wurden früher als Ephemeriden für weitaus weniger archivierbar
angesehen. Erst ihre Verfilmung bzw. ihre digitale Existenz stellt sie inzwischen
auf eine vergleichbare Stufe mit den Zeitschriften. Zeitung und Zeitschrift
ist seit langem nicht mehr an ein bestimmtes Trägermaterial wie Papier,
Mikrofilm oder Digitalspeicher gebunden.
Es ist eine zum Teil in Vergessenheit geratene Tradition in
der Wissenschaft Tagebücher zu führen. Vermutlich ist diese Arbeitsweise
nur deshalb zunehmend vernachlässigt worden, weil sie so selbstverständlich
war, dass man meinte sie kaum noch erwähnen zu müssen - nicht einmal in
der Lehre. Das hat viel Ähnlichkeit mit der Uncitedness III von E. Garfield [1] , die besagt, dass wir Publikationen, von denen
wir meinen dass sie jeder kennt, nicht mehr zitieren. Zunächst werden sie
Thema der Lehrbücher und später stehen sie oft nur noch in den alten Lehrbüchern.
An Namen, wie „Journal“, „Diary“ oder „Diarium“ erkennt man
aber noch, dass viele Zeitschriften die Aufgabe übernahmen neuste Tagebucheintragungen
der Wissenschaft sozusagen zeitnah einer interessierten Allgemeinheit zur
Kenntnis zu geben. Sie waren und hießen „Mitteilungen“ und „Ergebnisse“,
die dazu dienten möglichst rasch neuste Beobachtungen, Entdeckungen oder
Erkenntnisse schon aus Urheberrechtsgründen sofort anzuzeigen.
Zeitschriften, so heißt es oft, entstanden aus dem Briefwechsel der Wissenschaftler.
Das ist sicher richtig. Wichtiger aber ist, wie de Solla Price erkannte,
dass es um Prioritäten im Wettbewerb der neusten Erkenntnisse ging und geht.
Die Ephemerides erschienen und enthielten in ihrem Titel auch oft Worte
wie „weekly“, „fortnight“, monthly, „bimonthly“, „quarterly“ „semianual“
oder „anual“. Mit dieser zeitlichen Abstufung geht nicht selten auch ein
Reifungsprozess wissenschaftlicher Produktion einher. So werden die „Advances“,
„Fortschritte”, „Procedings“, „Transactions“, etc. nicht selten in den „Yearbooks“,
„Annalen“ oder „Reviews” zusammengefasst bzw. überschaubarer gemacht, bevor
sie sozusagen gefilterten Eingang in die einschlägigen Monografien finden.
Insofern ist die klassische Monografie als das thematisch in sich abgeschlossene
Werk mit einer einheitlichen Thematik anzusehen, das von einem, oder heute
meist mehreren Autoren überschaubar abgehandelt wird.
Als Oberbegriff der verschiedenen Zeitschriften,
im Gegensatz zu den einmalig erscheinenden Monografien sind die Begriffe „Periodical“
und „Serial“ zu sehen, die das regelmäßig wiederholte Erscheinen dieser Druckwerke
deutlich machen.
Da heute fast alle wissenschaftlichen Dokumente in digitaler Form erstellt
werden und diese digital gespeicherten Version durch das WYSIWYG (What You
See Is What You Get) auf dem Bildschirm weitgehend dem Druckbild auf dem
Papier entsprechen, ist es möglich identische Zitationen bei verschiedenen
Angebotsformen zu verwenden. Dies wird zeitweilig als ein Manko
[2] verstanden, weil man damit die multimedialen
öglichkeiten elektronischer Dokumente bei weitem nicht ausnutzt. Es hat
aber den großen Vorteil, dass wir bei den elektronischen Zeitschriften oder
E-Journals und ihren gedruckten Pendants klare Bezugspunkte in der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung behalten. Es ist gleichgültig, ob sich ein Zitat auf
die gedruckte oder elektronische Ausgabe bezieht, solange sie identisch
ist. Dieses Ziel zu erreichen war nicht trivial, und führte u.a. zur Entstehung
von SGML, der Standard Generalized Markup Language und zum SICI-Code (Serial
Item and Contribution Identifier - EAN 128) bzw. zum DOI (Digital Object
Identifier).
Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist auch die Reklame, die in vielen
Zeitschriften den größten Teil der Kosten für Erstellung und Distribution
abdeckt. Sie ist gezielt auf die Leserschaft des jeweiligen Fachgebietes
ausgerichtet und lässt damit auch höchst Interessante Rückschlüsse auf diese
Leser zu. Ohne Zweifel können „Nature“ und „Science“ erhebliche Summen z.B.
für die Reklame biochemischer Geräte verbuchen. Dazu kommen die Einnahmen
aus einer sehr hohen Abonnentenzahl. Im Bibliotheksbereich kennen wir auch
Zeitschriften, die von der Reklame für Bibliothekseinrichtung, Möbel, DV-Zubehör,
Datenbanken, etc. leben. Aus den Abonnements lässt sich aufgrund der vergleichsweise
geringen Leserzahl nur sehr Begrenzt Kapital schlagen. Dagegen gewinnen
fast alle Periodika ihr Geld u.a. aus der Reklame für Verlagsprodukte des
eigenen Hauses. Hier ist es auffällig, wenn die Reklame vorwiegend auf Trivialliteratur
verweist, weil dies ein wichtiges Indiz dafür ist, dass es sich eher um
ein populärwissenschaftliches Periodikum handelt.
Dieser Teil an Fachliteratur, der sich an eine immer größere Leserschaft
wendet, kann von der Wissenschaft nicht ignoriert werden, weil er sie in
nicht unerheblichem Maße durch pseudowissenschaftliche Themen belastet.
Diese zu falsifizieren ist höchst zeitaufwendig. Sie zu ignorieren ist gefährlich,
weil sie sich immer stärker ausbreiten, bis hinein in die klassischen Wissenschaftszeitschriften.
Darin liegt auch der Grund, warum man beispielsweise im medizinischen Bereich
zur evidence based medicine übergegangen ist.
Mit einem wirklichen Zeitschriftensterben ist bei einem so expansiven Markt
in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Im Gegenteil, das Wachstum ist bisher
ungebrochen.
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Was
lässt sich vorhersagen
Über die Zukunft der Zeitschrift lässt sich alles aussagen, so lange man
den Begriff der Zeitschrift nicht definiert. Wir können somit problemlos
vorhersagen, dass der Publikationstyp Zeitschrift in Zukunft in ein multimediales
und interaktives System übergehen wird, solange wir die Definition der Zeitschrift
offen genug fassen. Wissenschaftlich und damit auch falsifizierbar wird
eine Aussage aber erst, wenn ihre Unschärfe in ausreichendem Maße begrenzt
ist.
Zuverlässige Vorhersagen lassen sich auch grundsätzlich nur aufgrund von
vorhandenem Wissen machen. Das ist der eigentliche Gewinn der Wissenschaft.
Sie vermeidet Fehler und hilft Chancen zu nutzen. Es ist aber auch eines
der wichtigsten Elemente des Wissens, abschätzen zu können, wie wenig wir
wissen, bzw. wie zuverlässig oder unzuverlässig unser Wissen in den jeweils
vorgegebenen Grenzen ist. Insofern unterliegt jedes Wissen grundsätzlich
einer Wahrscheinlichkeitsbetrachtung, die z.B. bei Zeitschriften von einer
Reihe von politischen und rechtlichen Unwägbarkeiten beeinflusst werden.
Insofern kann die Bibliothekswissenschaft korrekte Vorhersagen machen die
sich aus der bisherigen Evolution zwanglos ableiten lassen, die gesellschaftlich
und nationalökonomisch höchst positiv wären, die aber beispielsweise von
einer irrationalen Minderheit über eine bestimmte Zeit unterdrückt werden
kann. Solche Fälle von Machtmissbrauch sind in der Geschichte zahlreich,
sind teilweise auch wahrscheinlichkeitstheoretisch abschätzbar, aber nicht
vorhersagbar, da sie in den Bereich dessen fallen, der zwar befürchtet aber
nicht gewusst werden kann. Informationstheoretisch gesprochen fallen sie
in den Bereich des Rauschens bzw. wahrscheinlichkeitstheoretisch unter die
Kategorie der Streuung.Bei mangelhafter terminologischer Kontrolle könnte
das E-Journal gleichzeitig ein elektronisches Buch, eine Daten- oder Wissensbank
bzw. auch ein Edutainment Instrument sein. Bei einer etwas präziseren Terminologie
können wir dagegen eine interessante Differenzierung von der Monografie,
über den Zeitschriftenaufsatz zur multimedialen Daten- hin zur Wissensbank
feststellen. Erst die Dokumentation machte aus Zeitschriftenartikeln Datenbanken.
Ob es bei den zukünftigen Weiterentwicklungen auf diesem Gebiet , die ohne
Zweifel zu erwarten sind, noch sinnvoll ist von Zeitschriften bzw. E-Journals
zu sprechen ist sehr fraglich, wenn diese als multimediale Daten-, Fakten-
oder Wissensbanken erscheinen, in denen neuste Beobachtungen, Entdeckungen
und Erkenntnisse rasch eingespeichert und auch sofort abgerufen werden können.
Gendatenbanken sind hier bereits als bekannte Beispiele anzusehen, in denen
jedes neu entdeckte und entschlüsselte Gen sofort publiziert wird, ohne
dass dafür ein eigener Zeitschriftenaufsatz veröffentlicht werden muss.
Anfangs konnte man die gedruckte Veröffentlichung solcher Gensequenzen in
Zeitschriften durchaus noch sehen. Heute wird ein solcher Abdruck aller
Gensequenzen immer unsinniger. Daneben behält aber der Zeitschriftenaufsatz
in vielen Bereichen seine bisherige Bedeutung, wenn es beispielsweise darum
geht, neuste Beobachtungen, Theorien oder Diskussionsbeiträge vorzutragen.
Weitere Beispiele für Daten- und Faktenbanken sind komplexe Mappings, wie
Karten zur Umweltbelastung, Weltraumdaten oder soziologische und wirtschaftswissenschaftliche
Datensammlungen.
Diese Entwicklung setzt einen Trend fort, der seit langem bekannt ist,
den zu den Autorenkollektiven, in dem nun immer mehr Wissenschaftler am
Aufbau gemeinsamer multimedialer Daten-, Fakten und Wissensbanken beteiligt
sind. Neben diesen modernen multimedialen Entwicklungen sind also die wissenschaftlichen
Zeitschriften auch heute noch ein unverzichtbares Instrument um tagebuchartig
den Fortschritt in einer immer rascher fortschreitenden Wissenschaft zu
dokumentieren. Sie sind Schriften der jeweiligen Zeit.
Präzise Vorhersagen verlangen nicht nur eine entsprechende Terminologie,
d.h. möglichst eindeutige Beziehungen zwischen Worten und ihren Bedeutungen,
die bei genauer Betrachtung nur mit Hilfe eines semiotischen Thesaurus herstellbar
sind [3] , sie erfordern auch Begründungen,
aus denen sich möglichst eindeutige Folgerungen ziehen lassen.
Zur Vorausschau von Entwicklungen haben sich neben Theorien und Modellierungen
seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts auch Delphistudien einen Namen
gemacht. Dabei ist es kein Zufall, dass mit dem Eintritt der Big Science
in der Mitte des letzten Jahrhunderts auch diese Technik ihre Verbreitung
fand, weil die Big Science u.a. dadurch gekennzeichnet ist, dass Experten
verwandter Fachgebiete aus dem bereits vorhandenen Wissen gemeinsam recht
gute Vorhersagen über den weiteren Verlauf der Wissenschaft machen können.
Dagegen war die Little Science vorwiegend durch Wissenschaftler charakterisiert,
die eher zufällig ihre Durchbrüche nach Möglichkeiten eines wissenschaftlichen
Durchbruchs Fortschritts sahen, erzielten. Man kann sagen, dass die Interdisziplinarität
in der Wissenschaft immer stärker den Teamgeist erzwingt und damit auch
das Know How von Expertengruppen.
In der Big Science zeichnete sich, erstmals während des zweiten Weltkriegs,
in der Atomkraft, der Kryptografie, der Luftfahrt, im Raketenbau und vielen
anderen Bereichen klar erkennbar ab, wo bestimmte Ziele in mehr oder minder
kurzer Zeit, mit welchem Aufwand an Personal und Kosten erreichbar waren.
General H.H. Arnold (1886-1950), Kommandant der US Air Forces im II Weltkrieg
und Theodor von Kármán, in der Aerodynamik bekannt durch die Kármánsche Wirbelstraße,
entwickelten daher 1944 "a
blueprint for air research for the next twenty, thirty, perhaps fifty years."
Es folgte Kármáns Report: “Toward New Horizons” (1945) und 1946 das RAND
(Research ANd Development) Projekt mit der RAND Corporation 1948. N.C. Dalkey
bildete 1953 einen Ausschuss von sieben Experten, die auf einer Likert Skala
ihre jeweilige Einschätzung abgeben sollten
[4] . Daraus entstand 1959
[5] bei RAND "The Epistemology of the Inexact Sciences"
Wir können dies heute als den Beginn der inzwischen so modernen Evaluationen
ansehen. Bei der jüngsten Delphi-Anstrengung des Bundesforschungsministeriums
wurden 500 Experten aus allen Disziplinen befragt, wie sich nach ihrer Einschätzung
80 unterschiedliche Wissensgebiete in den nächsten zwei Jahrzehnten entwickeln
werden. Damit wird in der Big Science die Wissenschaft selbst zum Gegenstand
der Forschung – auch wenn dies nicht selten noch mit eher demokratischen,
um nicht zu sagen unzulänglichen Mitteln erfolgt. Jede dritte Delphi-Umfrage
ist erfahrungsgemäß ein Flop, heißt es. Wobei auch eine solche Aussage davon
abhängig ist, wie präzise die Vorhersagen sind und was wir als Flop bezeichnen.
Die Zahl der fehlerhaften vorhersagen war früher
sicher noch größer, wenn wir uns daran erinnern, dass man 1903 bezüglich der
Autoindustrie vermutete: "Das Pferd wird immer bleiben, Automobile hingegen
sind nur eine Modeerscheinung". Andererseits dürfte auf längere Sicht
diese Prognose durchaus richtig sein, wenn wir unter einem Pferd ein Pferd
und unter einem Automobil ein Automobil im Sinne der Benzinkutschen verstehen.
Als eine außergewöhnlich gute Delphistudie im Bereich des Publikationswesens
kann die von Lancaster, F.W. 1980, mit dem Titel: „The Impact of a Paperless
Society on the Research Library of the Future“ angesehen werden. Dieser
Report für die National Science Foundation by the Library Research Center,
University of Illinois, ist zweifellos vom Kenntnisreichtum Lancasters selbst
mit geprägt gewesen.
Insofern sind Delphistudien selbstverständlich stark von der Auswahl der
Experten abhängig. So manche pseudowissenschaftliche Fehlprognose hat dagegen
nicht nur die Entwicklung negativ beeinflusst, so dass weitere Fehleinschätzungen
vorprogrammiert waren, diese Fehleinschätzungen brachten die Wissenschaftsforschung
selbst in Verruf.
Der Club of Rome-Bericht: „Grenzen des Wachstums“
von 1972 hat beispielsweise nicht nur zu interessanten Erkenntnissen geführt,
er hat auch eine Reihe von Folgen gehabt, die teilweise abwegig waren. So
hat man danach für zahllose Bereiche ein Nullwachstum gefordert, bis hin zum
Nullwachstum der Information, was bei der vielbeklagten Informationsflut für
Informationswissenschaftler wie G. Wersig nahe lag. Was haben wir aber unter
einem Nullwachstum in der Informationsproduktion zu verstehen? Einen Stillstand
in Wissenschaft, Lehre und Forschung?
Die Delphi Methode ist im Prinzip hilfreich um eine spezifische Frage unter
mehreren Aspekten zu beantworten. Sie ist eher ungeeignet für sehr Komplexe
Probleme und insbesondere für falsch gestellte Fragen. So kann es leicht
geschehen, dass z.Z. noch nicht beantwortbare Fragen in den Focus des Interesses
treten.
Keller, A.D. hat in ihrer Dissertation, mit dem Titel „Zeitschriften in
der Krise: Entwicklung und Zukunft elektronischer Zeitschriften“ (2001)
kritisiert, dass sich E-journals „weitestgehend am überlieferten Printmodell“
orientieren. Insofern kann ihrer Meinung nach der Grossteil der elektronischen
Zeitschriften heute als „digitalisierte Printzeitschriften" bezeichnet
werden. Wenn sie aufgrund ihrer Delphi-Studie zu dem Schluss kommt, dass
die elektronische Zeitschrift der Zukunft multimediale und interaktive Elemente
annehmen wird und im Vergleich zu den heutigen Zeitschriften einen wesentlichen
Mehrwert bietet, so erweitert sie damit automatisch die Definition der Zeitschrift.
Auch Kuhlen, R. prophezeite 1997
[6] , daß: "sich die Zeitschriften von ihrer primären Funktion der
Publikation und Distribution wissenschaftlicher Arbeiten zu einem allgemeinem
Forum der Fachkommunikation entwickeln werden." Wir sehen damit, dass
er eine ganz ähnlichen Position vertritt, die aber bei genauer Betrachtung
voraussetzt, dass die Zeitschrift in ihrer bisherigen Form verschwindet. Wie
bereits angedeutet, ist davon auf absehbare Zeit kaum auszugehen. Im Gegenteil,
neben dem Publikationstyp Zeitschrift, der in zunehmendem Maße elektronisch
und gedruckt parallel erscheint, wird es neue Angebote geben. Sie alle unter
dem Begriff E-Journals zu subsumieren, wäre höchst irreführend und keineswegs
hilfreich für die Wissenschaft. Der Trend in der Fachwelt geht eindeutig und
notgedrungen in Richtung einer differenzierten Terminologie, wenn man davon
absieht, dass es immer wieder Wirtschaftsunternehmen gibt und geben wird,
die aus Reklamegründen beispielsweise ein einfaches elektronisches Lexikon
als Wissensbank deklarieren. Mit Wissenschaft hat das aber nichts zu tun.
Zur Klärung der Definition von Zeitschriften gibt es Normen, wie die ISO
3297, (DIN 1430), ISO 8:1977 Presentation of periodicals, ISO 18:1981 Contents
list of periodicals, ISO 215:1986 Presentation of contributions to periodicals
and other serials, oder ISO 690 für “bibliographic references to electronic
documents”. Damit sollte man auch elektronische Zeitschriften von elektronischen
Daten-, Fakten- und Wissensbanken möglichst klar trennen.
Gerade durch das Aufkommen der elektronischen Zeitschriften, insbesondere
in den letzten Jahren, wird eine klärende Definition dessen was wir als
Zeitschrift bezeichnen immer dringender, weil es auf dem Wege zu den wachsend
wichtigen Daten-, Fakten-, Informations- und Wissensbanken immer leichter
zu Missverständnissen kommen kann.
Die beste von Menschen erzeugte Vorhersage ist grundsätzlich die, die auf
fundiertem Wissen beruht. Es ist den Abschätzungen, Befragungen oder Evaluationen
mit eher vagem Wissen überlegen, aber auch sehr viel seltener. Auf dem Wege
zum Wissen sind Modelle darum oft hilfreich, weil sie uns die Möglichkeit
geben die Zuverlässigkeit verschiedener interdependenter Informationen zu
bestimmen. Solche Modelle werden in der Big Science immer stärker von Interdisziplinarität
geprägt.
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Interdisziplinarität
Zeitschriften sind in der Wissenschaft nicht nur ein Indikator
für die hohe Dynamik derselben, sie lassen auch Schlüsse über die Diversifikation
der Themen und die Interdisziplinarität der Wissenschaft zu [7] . Insofern zeigt das Bradford’s Law of Scattering die starke
Konzentration von Themen auf einige wenige Kernzeitschriften an. Außerdem
kann man erkennen, dass bei einem Aufkommen von etwa 200 Publikationen pro
Jahr, zu einem neuen Thema, eine neu Zeitschrift entsteht [8] .Im gleichen Zusammenhang konnte festgestellt
werden, dass mit dieser Entstehung eines neuen Spezialgebietes auch eine
Konzentration der Publikationen auf die entsprechenden Kernzeitschriften
einhergeht. Nicht selten werden Zeitschriften zu früh gegründet, also bevor
die Zeit dafür reif ist, so dass diese ihr Erscheinen bald wieder einstellen
müssen. Neben den zahlreichen Neugründungen kommt es so immer auch zur Streichung
von Zeitschriftentiteln. Die Zahl der wissenschaftlichen Zeitschriften in
der Welt ist aber auch ein Indiz für die Zahl der zur Zeit vorhandenen Spezialthemen.
Etwa 150 solcher Spezialthemen in der Biologie, Chemie, Physik, Psychologie
oder Soziologie, d.h. ~150 ± 35 Zeitschriften ergeben eine Disziplin, im
Sinne eines Studienfachs. Auffällig ist, das Fächer wie Medizin (>600)
oder Wirtschaft (~ 370) erheblich davon abweichen, wodurch auch deutlich
wird, dass es sich hier nicht mehr um singuläre Studienfächer handelt, sondern
gewissermaßen um Disziplinäre Zusammenschlüsse, in denen Spezialisierungen,
wie Betriebs- und Volkswirtschaft oder Chirurgie, Gynäkologie, etc., notwendig
werden. Eine solche Verteilung der Zeitschriften ergibt sich aus der Deutschen
Bibliotheksstatistik, und der Analyse der Verteilung von Zeitschriften auf
die einzelnen Fachgebiete in den Universitätsbibliotheken [9] .
Diese Zahlen korrespondieren in interessanter Weise mit der Feststellung,
dass ein Wissenschaftler grob geschätzt etwa 10.000 Aufsätze pro Jahr, d.h.
etwa 100 Zeitschriften mit je rund 100 Beiträgen, auf Relevanz prüft. In
einem Institut befinden sich mehrere Spezialisten, die entsprechend dem
Bradford’s Law of Scattering nahe verwandte Kernzeitschriftenbereiche haben,
die aber andererseits sich gezielt gegeneinander absetzen, damit ein möglichst
breites Themenspektrum an der jeweiligen Universität abgedeckt ist. Frühere
Untersuchungen von Umstätter, W. und Rehm, M. (1984) haben dies bereits
deutlich werden lassen. Damals konnte gezeigt werden, dass vereinfacht gesagt,
jeder Spezialist an einer Universität eine eigene Kernzeitschrift hat, die
außer ihm kaum jemand braucht (außer seinen Studierenden, die sich im Rahmen
einer Diplom-, Magisterarbeit oder Dissertation auf das selbe Spezialgebiet
einarbeiten). Es wäre auch ökonomisch absurd, wenn sich eine Universität,
zur besseren Auslastung ihrer Zeitschriften, mehrere Spezialisten auf dem
selben Spezialgebiet leisten würde. Die Personalkosten liegen etwa um den
Faktor 100 – 1.000 höher als die einer Zeitschrift. Stattdessen strebt die
Universität sinnvollerweise eine möglichst hohe Zusammenarbeit und Flexibilität
durch Arbeitsteilung an.
Das Ziel einer wissenschaftlichen Einrichtung muss im Rahmen der Big Science
sein, sich mit wechselnden Teams möglichst rasch auf neue Probleme einstellen
zu können. Die Adaptation an neu ausgeschriebene Projekte, an sich plötzlich
offenbarende Fragestellungen und an sich ändernde Gegebenheiten macht dies
notwendig.
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Die
Verallgemeinerung des Bradford’s law of Scattering
Als der Bibliothekar S.C. Bradford
[10] 1948 ein Buch über Dokumentation schrieb und darin das unter seinem
Namen bekannt gewordene „Gesetz“ [11] publizierte, war diese Regelhaftigkeit der
Verteilung von Themen auf verschiedene Zeitschriften zunächst nur interessant
für die Feststellung, wie viel Zeitschriften ein Wissenschaftler durchsehen
muss, um beispielsweise 30%, 50% oder 70% dessen zu finden, was er zur Bearbeitung
eines Themas benötigt. Später, bei der Verfügbarkeit von Datenbanken, konnte
die Richtigkeit dieser Beobachtung Bradfords immer wieder in groben Zügen
bestätigt werden, und zeigte einerseits die Notwendigkeit des Einsatzes
von Datenbankrecherchen zur Ermittlung der wichtigsten Publikationen zu
einem Topic, andererseits wurde immer deutlicher, dass das Bradford’s Law
of Scattering eine Funktionsbeschreibung der viel diskutierten Interdisziplinarität
in der Wissenschaft ist. Damit besitzt die Bibliothekswissenschaft, von
der Allgemeinheit der Wissenschaftler unbemerkt, ein Gesetz von recht fundamentaler
Bedeutung.
Wendet man diese Relation zwischen Publikation pro
Zeitschrift und Rangordnung auf das Zitierverhalten in verschiedenen Zeitschriften
an, so erhält man zunächst eine Kurvenschar, die bei logarithmischer Auftragung
der Publikationen pro Zeitschrift eine Linearisierung erfährt (Abb. 1). In
diesem Zusammenhang muss man sich vor Augen halten, dass die Beobachtung Bradfords,
eine bestimmte Zahl P an Publikationen verteilt sich auf die Zeitschriften
im Verhältnis Z0 : Z1 : Z2 : Z3
... (z.B. 1. Zeitschrift 50 Publikationen, 30 Zeitschriften weitere 50 Publikationen,
900 bzw. 27.000 jeweils wieder 50 Publikationen, wobei in diesen Zeitschriften
die Wahrscheinlichkeit einen relevanten Aufsatz pro Jahr zu finden jeweils
weit unter eins liegt.) nur eine grobe formale Beschreibung eines Publikationsphänomens
darstellt. Diese Feststellung macht zunächst zwei Dinge sichtbar:
1.
Dass es sich weder um eine einfache logarithmische Beziehung, auch nicht um
die hyperbolische Beziehung 1 / x und ebenso wenig um Lotka’s Law 1/x2
handelt, sondern um eine Abnahme der Wahrscheinlichkeit mit steigender Potenz.
2.
Dass die Funktion durch zwei Parameter festgelegt ist. Durch die Zahl P
der relevanten Publikationen in der Kernzeitschrift und durch Z.
Abb.: 1: Vergleich des Bradford’s Law of Scattering
für das Zitierverhalten in der Zeitschrift Planta mit der typischen Verteilung
eines Themas auf verschiedene Zeitschriften [12] . Durch die Logarithmierung
des Verhältnisses von Publikationen pro Zeitschrift wird eine Linearisierung
erreicht.
Wiederholte Versuche dafür eine Präzisere Funktion,
als die von Bradford vorgeschlagene zu entwickeln erinnern oft an die Feststellung
von C.F. Gauss: „Der Mangel an mathematischer Bildung gibt sich durch nichts
so auffallend zu erkennen, wie durch maßlose Schärfe im Zahlenrechnen.“
Verallgemeinert man diese Überlegung dahingehend, dass
man für immer breitere bzw. engere Themen entsprechende Verteilungen nach
dem Bradford’s Law of Scattering konstruiert, so ergibt sich Abb. 2. Dabei
sind für beispielsweise 10.000 Publikationen in der Kernzeitschrift nicht
1 sondern 100 „Einheitszeitschriften“ anzunehmen, und entsprechend alle
weiteren folgenden Ränge durch 100 zu teilen.
Vergleicht man damit idealtypisch die Abnahme der Publikationen
pro Zeitschriftentitel im Sinne des Bradford’s Law of Scattering über einen
weiten Bereich, von etwa 8 bis 200.000 Publikationen pro Jahr (gestrichelte
Linien), so zeigt sich, das bei etwa 200 Publikationen/J (hervorgehobenen
Kurve) eine neue Zeitschrift entsteht. Dies entspricht dem beobachteten
Fall, den wir [13] bereits 1984 bei der Entstehung
der Zeitschrift „Origin of Life“ beschrieben haben. Wir können somit zusammenfassen,
dass ein neues Spezialgebiet bei etwa 200 – 300 Publikationen pro Jahr beginnt,
wenn sich damit auch eine neue Zeitschrift bildet. In dieser Zeitschrift
werden zunächst nur etwa 50 Aufsätze zum eigentlichen Kernthema erscheinen,
während 50 weitere dazu beitragen die Leser dieses Fachgebiets auf Entwicklungen
in Randbereichen aufmerksam zu machen. Mit der Durchsicht von etwa 30 Zeitschriften
sind die Wissenschaftler dieses neuen Themas über etwa 50% dessen informiert,
was jährlich insgesamt neu erscheint. Alle weiteren Publikationen müssen
über Datenbankrecherchen, über Zitationen oder über Hinweise von Kollegen
in Erfahrung gebracht werden, und damit meist mit einer gewissen Verzögerung.
Abb. 2: Vergleich der idealtypischen Abnahme der
Publikationen pro Zeitschriftentitel im Sinne des Bradford’s Law of Scattering
über einen weiten Bereich, von etwa 8 bis 200.000 Publikationen pro Jahr
(gestrichelte Linien).Bei etwa 200 Publikationen/J (hervorgehobenen Linie)
entsteht eine neue Zeitschrift.
Unter dieser Betrachtung hätten wir es heute mit
100.000 Zeitschriften und ebensoviel Spezialgebieten, die von 10 Mio. Wissenschaftlern
betreut werden zu tun. Zum Vergleich schätzte Mittelstraß (1987 p.152) die
Zahl auf 4.000 Subdisziplinen in Deutschland, wobei allerdings offen bleibt,
was er unter einer solchen Subdisziplin versteht. Fassen wir dagegen etwa
100 Zeitschriften zu einem Themenschwerpunkt zusammen, so kommen wir auf
1.000 Fachgebiete. Bei rund 150 Zeitschriften pro Institut sind es 600 –
700 Disziplinen.
Die scheinbar konstante Relation von Zeitschriften und Spezialgebieten
macht deutlich, dass es sich hier um ein vergleichsweise stabiles Gleichgewicht
handelt. Als Wissenschaftler ist dabei eine Person zu verstehen, die wahrscheinlichkeitstheoretisch
eine Publikation pro Jahr, bzw. 3 - 4 Publikationen mit 2 - 3 Koautoren
verfasst.
Geht man von einem jährlichen Zuwachs von 350.000
Wissenschaftlern in der Welt aus, und von rund 120.000 Dissertationen pro
Jahr, so würde das bedeuten, dass etwa 30% dieser Wissenschaftler promoviert
sind. Während Wissenschaftler also rechnerisch eine Publikation pro Jahr selbst
erzeugen und eines von z.Z. etwa 1.000 Themengebieten mit rund 100 dazugehörigen
Zeitschriften durch Screening zu überwachen versuchen, beobachten sie nur
jeweils ein (ihr) Spezialgebiet mit etwa 100 Publikationen pro Jahr genau.
Es ist ein großer Vorzug der Bradford-Verteilung, dass sich diese Verhältnisse
trotz einer Verdopplungsrate von nur 20 Jahren in der Literatur, nur wenig
ändern, weil sich zu jedem neuen Thema auch immer neue Kernzeitschriften bilden.
Das ist sozusagen eine homöostatisch.
Ein Fachgebiet ist damit einerseits definiert, als ein
thematisches Arbeitsfeld, das von einzelnen Wissenschaftlern überschaut
und bearbeitet werden kann, und andererseits durch eine begrenzte Zahl von
etwa 100 – 200 Zeitschriften. Idealtypisch findet der Wissenschaftler etwa
25% seiner Literatur in einigen wenigen Kernzeitschriften, die er regelmäßig
überwacht, weitere 25% in den folgenden 50 bis 100 Zeitschriften, die er
weitgehend auch namentlich kennt, und bei Gelegenheit screent, während er
die restlichen für ihn wichtigen Publikationen mehr durch Spezialrecherchen,
durch Stichproben oder auch durch Diskussionen mit Kollegen gewinnt.
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Lesen und Sichten
Merton [14] war 1968 zu dem Ergebnis gekommen, dass weniger
als 1% der Aufsätze von Chemikern bzw. Psychologen auf ihrem Gebiet jemals
gelesen werden. Wenn wir von nur 15.000 Publikationen pro Disziplin (150
Zeitschriften pro Universität) ausgehen, und davon, dass ein Wissenschaftler
nur etwa 100/J davon liest (genauer studiert), so entspräche das 0,7%. Sichten
tut er dagegen eher 70%. Meadows, A.J.
[15] ging in seinen Schätzungen 1974 etwas weiter, als er feststellte,
dass 2,6% der Aufsätze von Psychologen gelesen werden. Auch hier fehlte
aber die Unterscheidung von lesen und sichten. Die 70% der Lesezeit, die
sich nach Meadows bei den Wissenschaftlern auf Zeitschriften bezieht, macht
diesen Unterschied zwischen lesen und überfliegen ebenso wenig, obwohl wir
nicht wissen, ob in Büchern noch stärker das zu Lesende herausgefiltert
wird als in einem Zeitschriftenaufsatz; das Sichten also eine noch größere
Rolle spielt. Es ist aber sicher abhängig von der Erfahrung, da Anfänger
stärker auf das Studium von Büchern angewiesen sind, während man sich mit
zunehmender Erfahrung auf die neusten Ergebnisse in Zeitschriften konzentriert.
In der Diskrepanz zwischen Lesen und Sichten, die
sowohl vom Verlagswesen als auch von den Bibliotheken nicht ausreichend berücksichtigt
wird, liegt ein großes Problem der E-Journals. Ihre Aufsätze werden, ebenso
wie die der auf Papier ausgedruckten P-Journals, hundert mal gesichtet bevor
sie wirklich gebraucht werden.
Rechnet man für einen Aufsatz im PDF-Format durchschnittlich
600 KB pro Aufsatz und 10 KB/sec Übertragungsrate, so erfordert schon allein
der Abruf 1 Minute Wartezeit. Bei 10.000 Aufsätzen sind das alleine 21 Arbeitstage
und entspricht bereits dem größten Teil dessen an Zeit, den ein Wissenschaftler
bereit ist, für das Sichten insgesamt aufzubringen. So betrachtet ist es kein
Wunder, dass das Angebot an elektronischen Zeitschriften zunächst weitaus
zögerlicher angenommen worden ist, als es theoretisch zu erwarten war. Die
Zeitschriften waren zwar potentiell verfügbar, aber real so stark in der Übertragung
gebremst, dass sie als fast nicht verfügbar zu werten waren.
E-Journals waren unter den genannten Bedingungen
solange nicht geeignet einen Ersatz für die P-Journals zu leisten, bis vertretbare
Übertragungsgeschwindigkeiten vorhanden waren. Das kann sich je nach Netzbelastung
auch heute noch sehr rasch verändern. Erst wenn man genau weiß, welche Aufsätze
relevant sind, lohnt sich der Abruf von FTP-Servern.
Dazu kommt, dass man in der Tendenz des pay-per-view davon ausgeht, dass
der abgerufenen Aufsatz gebraucht und gelesen wird. Die 30 bis 40 tägliche
gesichteten Publikation, die bis auf 1% verworfen werden, bleiben so kalkulatorisch
unberücksichtigt, was bereits zu dramatischen Fehleinschätzungen geführt
hat.
Es ist der große Vorteil einer gedruckten Zeitschrift, im Regal der Bibliothek
oder im Umlauf, dass zehn Benutzer sie rasch durchblättern können, bis einer
von ihnen einen Aufsatz findet, den er wirklich liest. Nur bei den thematisch
engsten Kernzeitschriften lohnt sich ein eigenes Abonnement, weil die Wahrscheinlichkeit
dort so hoch liegt, dass man jeden zweiten oder dritten Aufsatz ohnehin
genau lesen muss.
In dieser Tatsache findet sich auch der Grund, dass Zeitschriften mit hoher
Auflage und Verbreitung sowohl gedruckt als auch elektronisch vorliegen
müssen, während sich der Druck von Zeitschriften mit geringem Verbreitungsgrad
immer weniger lohnt. Sie können sozusagen nur noch elektronisch erscheinen
und bei Bedarf ausgedruckt werden. In gewisser Hinsicht geht die Schere
zwischen Zeitschriften mit hoher Auflage und solchen mit geringer Auflage
immer weiter auseinander, weil die Zahl der Wissenschaftler, die „Nature“
und „Science“ sichten müssen, mit jedem Neuen Wissenschaftler anteilsmäßig
weiter wächst, während Zeitschriften mit einer "Auflage" von nur
500, 200 oder 100 Stück, bzw. als rein elektronisches Angebot, immer leichter
realisierbar werden.
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E-Journals
Die Tatsache, dass vor einem Jahrzehnt von Paul Ginsparg ein elektronisches
Zentralarchiv für die Elementarteilchenphysik am Los Alamos National Laboratory
in New Mexico eingerichtet wurde, und dieses inzwischen auch von anderen
Physikern anderer Fachgebiete genutzt wird, zeigt, dass hier Aufgaben dem
Bibliothekswesens entzogen wurden, und dass diese Entwicklung auf lange
Sicht nicht ungefährlich ist, weil sie eher den Charakter eines amateurenbibliotheksesens
tragen, denn einer professionellen Archivierung bzw. Bibliotheksarbeit.
Bei 800.000 – 900.000 Zugriffen wöchentlich auf diesen Server, und rund
5 Mio. weltweit auf ein Dutzend Spiegelserver, ist die Nachfrage eindeutig.
Monatlich kommen etwa 3.000 neue Beiträge hinzu. Das ist etwa das Doppelte
dessen, was eine deutschen Universitätsbibliothek mit durchschnittlich 150
laufenden Zeitschriften der Physik erwirbt. Bei 20 Mio. Zugriffen auf monatlich
3.000 Veröffentlichungen kämen rein rechnerisch 6 – 7 Tsd. Zugriffe auf
einen Aufsatz.
Das weltweit bedeutendste Projekt dürfte die US-amerikanische
Initiative von Journal Storage (JSTOR) sein. Im Rahmen dessen werden auf nichtkommerzieller
Basis wissenschaftliche Zeitschriften retrospektiv digitalisiert, wobei zur
jeweils aktuellen gedruckten Ausgabe ein Abstand von drei bis vier Jahren
(die sog. "moving wall") eingehalten wird. Der Zugang zu dieser
Datenbank ist kostenpflichtig. Hier rechnet man mit relativ hohen laufenden
Kosten für die Aufrechterhaltung und Verwaltung eines digitalen Zeitschriftenarchivs
(jährlich ca. US$ 25.000 pro Zeitschrift).
Man kann nur hoffen, dass diese Aktivitäten möglichst bald in die Obhut
einer professionellen Betreuung gelangen. Wobei noch fraglich ist, ob sie
sich in dieser Form auf längere Zeit durchsetzen. Das Verlagswesen hat schon
seit dem ADONIS-, RightPages- oder dem TULIP-Projekt einschlägige Erfahrungen
sammeln können. Beunruhigend ist dabei, dass das Verlagswesen einige wichtige
Erfahrungen für sich behält und daraus Nutzen zieht. Denn die allgemeine
Behauptung, es würde zu viel kopiert und zu wenige an Zeitschriften erworben,
erweist sich rasch als übertrieben, wenn man beobachtet, wie viel Zeitschriftenaufsätze
pro Bibliothek jährlich erworben werden und wie viel Kopien im Vergleich
dazu entstehen. Das Wissen die Verlage mit Sicherheit.
Nimmt man beispielsweise eine Bibliothek mit 1.000 laufenden Zeitschriften
und entsprechend 100.000 Aufsätzen pro Jahr und dazu ein Kopieaufkommen
von 1 Mio. Seiten, d.h. rund 100.000 kopierten Aufsätzen, so ergibt sich
rein rechnerisch, das jede der erworbenen Publikationen einmal kopiert wird,
was allein zur Schonung der Zeitschrift notwendig ist, wenn die Wissenschaftler
die wichtigen Sätze sich anstreichen wollen. Es war wohl Schopenhauer, der
geäußert hatte, dass man ein Buch nicht gelesen hat, wenn man den Stift
nicht in der Hand hatte. Selbstverständlich werden einige Aufsätze sehr
häufig und viele gar nicht kopiert, das ändert aber am Verhältnis nichts.
Außerdem betonen ja gerade die Verlage mit Recht, dass wir bisher beim Kauf
eines P-Journals alle Aufsätze übernehmen mussten. Aus diesem Grund versuchen
sie nun auch immer ganze Pakete an E-Journals zu vermarkten. Das führt dazu,
dass bei den Print-Zeitschriften seit Jahrzehnten der Kauf jeder Zeitschrift
evaluiert wird [16] , während nun die dort abbestellten
Titel über die Konsortialverträge als Pakete in elektronischer Form wieder
bezahlt werden müssen. Außerdem zwingen die großen Verlage die Bibliotheken
von ihnen alles abzunehmen, und damit die Angebote der kleinen Verlage zu
ignorieren.
Der Science Citation Index (SCI) hat zweifellos dazu geführt, dass das
Ansehen der in ihm erfassten Zeitschriften angestiegen ist, und dass damit
deren Preise erheblich erhöht werden konnten. Als Gegenoffensive gegen diese
Entwicklung kann die Open Archive Initiative Santa Fee, vom 22.11.1999,
gesehen werden. Nach einem Treffen in den USA veröffentlichten Ginsparg,
P.; Luce, R. und Van de Sompel, H. einen Aufruf, sich der Initiative anzuschließen.
Dieser Aufruf wurde auch vom Council on Library and Information Resources,
von der Digital Library Federation, der Scholarly Publishing & Academic
Resources Coalition, der Association of Research Libraries und dem Los Alamos
National Laboratory unterstützt. Alle Produzenten elektronisch verfügbarer
wissenschaftlicher Literatur sollen demnach das von der OAI (http://www.openarchives.org) entwickelte Metadaten-Harvesting-Protokoll
installieren, um so den weltweiten Zugang zu ihren elektronischen Dokumenten
zu erleichtern. Die Initiative wird von der Digital Library Research Group
an der Cornell University in Ithaca im Staat New York getragen und unterstützt
den Einsatz von XML. In Deutschland unterstützt DINI (Die Deutsche Initiative
für NetzwerkInformation) diese Initiative.
So erfreulich diese Initiative ist, so wenig hat sie bisher am eigentlichen
Problem der wissenschaftlichen Zeitschriften geändert, weil sie die Frage
der Qualitätssicherung im wissenschaftlichen Publikationswesen noch zu stark
vernachlässigt. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass sogar Zeitschriften
wie „Nature“ und „Science“ einer solchen Qualitätssicherung kaum noch gerecht
zu werden brauchen, weil ihre Spitzenreiterposition durch den SCI so weit
gesichert ist, dass sie fast nicht mehr um ihre Existenz zu kämpfen brauchen.
Dagegen sind Publikationen im Internet, die vom SCI unberücksichtigt bleiben,
in ihrer Aufmerksamkeit fast Chancenlos. Diese Entwicklung wird seit einigen
Jahren dadurch verstärkt, dass immer mehr Wissenschaftler nach dem „impact
factor“ einer Zeitschrift fragen, ohne dessen Bedeutung näher zu kennen.
Sie verbinden mit diesem Wert ebenso ein Renommee, wie mit dem sog. peer
reviewing. Das der „impact factor“ zwangsläufig eine Aufnahme im SCI erfordert,
und wovon diese abhängt, ist ihnen meist nicht bekannt.
Die Tatsache, dass die Wissenschaft auf bestimmte Informationsquellen,
wie sie beim SCI, bei CAS, MEDLARS oder auch in der Brandon-Hill-List verzeichnet
sind, nicht verzichten kann, erlaubt den Verlagen, die bei diesen Informationen
ihr Monopol genießen, fast beliebige Preissteigerungen. In der Brandon-Hill-List
beispielsweise, der Empfehlung der wichtigsten Bücher und Zeitschriften
für Krankenhausbibliotheken der USA, sind die Preise der Zeitschriften von
$14 (1965) auf $327 (2001) d.h. um 9,1%/J und bei den Büchern von $15 (1965)
to 123 (2001) um 6%/J gestiegen. Das ist weitaus höher als die Steigerung
des allgemeinen Warenkorbs.
Ein Grund für verstärkte Zitation in Zeitschriften ist auch die Aufnahme
von Reviews. In der Datenbank des Chemical Abstracts Service (CAS) beispielsweise
ist der Anteil von Reviews von 4,5 Prozent im Jahre 1967 auf 8,5 Prozent
im Jahre 1997 angestiegen. Dabei lässt sich nur schwer sagen, ob dies an
der Auswahl der Quellen bei CAS liegt oder an einer realen Zunahme der Reviews
in der Literatur allgemein. Eine Ähnliche Beobachtung beim SCI in den 70er
Jahren war durch die Auswahl bei ISI bedingt. Mit steigender Anzahl an Publikationen
pro Zeitschrift steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Publikationen
auch zitiert werden (Abb. 3) nach der Gleichung.
ZA = 0,094 x Az + 9,7
(ZA = Zitate pro Aufsatz; Az = Aufsätze
pro Zeitschrift)
Im zytologisch-histologischen Themenbereich gilt
die Gleichung
Diese Beobachtung widerspricht zunächst der naheliegenden Annahme, dass
bei immer mehr Publikationen pro Heft die Wahrscheinlichkeit steigt, das
ein wichtiger Aufsatz übersehen wird. Das ist zwar möglich, aber sie macht
auch deutlich, dass die Leser Zeitschriften mit mehreren Publikationen öfter
auf Relevanz prüfen, weil die Wahrscheinlichkeit, ein wichtiges Ergebnis
zu finden, steigt. Erstaunlich ist der vergleichsweise hohe Ausgangswert
von etwa 10 Zitaten pro Aufsatz, wenn man bedenkt, das fast 50% aller vom
SCI erfassten Veröffentlichungen, aus rund 5.700 Zeitschriften des Zeitraums
1981-1985, während der 5 Jahre nach ihrem Erscheinen nicht zitiert wurden.
Abb. 3: Anstieg der Wahrscheinlichkeit zitiert zu
werden, mit der Zahl an Aufsätzen pro Zeitschrift und Jahr. Dies gilt für
Zeitschriften, die im SCI erschlossen sind.
Der Anteil der mehr als einmal zitierten Veröffentlichungen
lag bei etwa 20%. Es handelt sich bei dem hier ermittelten Ausgangswert
um eine rechnerische Größe, die unter Berücksichtigung der Halbwertszeit
von etwa 5 Jahren, mit der sich die Zitate auf die Publikationen der zurückliegenden
Jahre verteilen, bei real eher 2 Zitaten pro Aufsatz liegt.
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Einige Fakten
Bei der Library of Congress in Washington wurden 1987 mehr
als die Hälfte der damals 14 Millionen Buchtitel niemals ausgeliehen. Und
bei der British Lending Library Division (BLLD) wurden zur gleichen Zeit
70% der 45.000 abonnierten Zeitschriften selten oder niemals verlangt. Dagegen
haben 80% aller Ausleihen nur einen Kern von 5.000 Zeitschriften (5.000
/ 45.000 = 11%) betroffen. Beim Institute for Scientific Information in
Philadelphia (ISI), waren in den siebziger Jahren von etwa 1 Mio. Aufsätze,
die im SCI erfasst waren, sogar 950.000 nie bestellt worden, was allerdings
auch an den Kosten der sog. OATS gelegen haben dürfte. Die Tatsache, dass
der Wert bei der BLLD nur etwa halb so hoch liegt, wie es die bekannte 80
: 20-Regel (80% des Bedarfs wird mit 20% des Bestandes abgedeckt) erwarten
lässt, macht deutlich, dass in einer Bibliothek der vorhandene Bestand nach
Durchsicht etwa doppelt so stark genutzt wird, gegenüber einer reinen Bestelleinrichtung.
Dies deckt sich auch mit der Erfahrung, dass Magazinbestände nur halb so
gut genutzt werden wie Freihandbestände [17] .
Trotzdem fand man in der Pittsburgh Study
[18] , dass in einem Freihandbestand nur etwa jedes zweite Buch
innerhalb eines Zeitraums von 7 Jahren eine Chance hatte ausgeliehen zu werden.
Diese Wahrscheinlichkeit fiel natürlich mit zunehmendem Alter der Bücher.
Auch die Nutzung von Zeitschriften erwies sich als niedrig. Dabei sollte man
die Nutzung am Regal nicht unterschätzen: Denn die wahre ökonomische Leistung
einer Bibliothek liegt darin, dass die Benutzer eine Synopse darüber gewinnen,
was sie nicht zu lesen brauchen, weil die Bibliothek daneben noch bessere
Informationen vorhält.
Wurden 1998 nur 26% aller Zeitschriften in Online-Form gewünscht [19] , so waren es ein Jahr später bereits 72%, und 2001 war es
die Ausnahme, wenn ein Professor keine E‑Journals mehr haben mochte.
Dieser Anstieg (Abb. 4) muss allerdings im Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit
des Internets gesehen werden, da eine ausreichend rasche Übertragung der
FTP-Dateien eine wichtige Voraussetzung ist.
Abb. 4: Anstieg der E-Journals in den letzten Jahren
(Quelle: Fußnote 19). Durch den Erwerb der E-Journals als Paket entsteht
der Eindruck, dass die Zahl der erworbenen Zeitschriften von etwa 1.200
(1996) auf 2.000 (2002) steigt. Wie viele davon für die einzelnen Bibliotheken
wenig relevant sind, ist nicht erkennbar.
Interessant ist die damit einhergehende Abnahme der Nutzung
von P-Journals (Abb. 5, weil sie deutlich macht, wie weit die E-Journals
inzwischen durchaus ein Ersatz für die P-Journals sind. Wir müssen davon
ausgehen, dass der Erwerb gedruckter Zeitschriften in Bibliotheken immer
weniger attraktiv ist. In den USA werden jährlich über 500 Mio. Dollar für
Journals ausgegeben. Die großen Bibliotheken wendeten in den letzten Jahren
bereits 20% ihres Budgets für elektronisches Material auf.
Abb. 5: Abnahme der Nutzung von P-Journals um 40%
von 1998 bis 2001 (Quelle: Fußnote 19) Die Nutzung wurde aus dem Gesamtkopiervolumen
abzüglich 25% Monographienkopien dividiert durch 10 Seiten pro Artikel ermittelt.
Nach Tenopir und King [20] hat die Zahl der Leser pro Artikel zugenommen.
Außerdem scheinen Wissenschaftler, deren Arbeiten von den Kollegen zur Kenntnis
genommen werden mehr zu lesen. Als Durchschnittswert für die Kosten pro
gelesenem Artikel bestimmten die beiden Autoren $65 (1977) und $60 (1998).
Ihrer Meinung nach führen die wachsenden Kosten für eine Subskription zu
zwei Tendenzen:
-
Die Zahl der Subskriptionen sinkt (Fig.
1)
-
Die Zahl der E-Journal-Angebote steigt.
Abb. 6: Abnahme der privaten Subskriptionen bei Zeitschriften
nach Tenopir and King.
Die Abnahme ist eindeutig unabhängig vom Aufkommen der
E-Journals.
Unter der Annahme dass ein Wissenschaftler durchschnittlich 3 persönliche
Subskriptionen für etwa 600 €/J unterhält, und dass er 10 Veröffentlichungen
davon liest, nicht nur überfliegt, so hat er 60 € Kosten pro Artikel allein
schon vom Zeitschriftenerwerb aufzubringen. Die Zeit von etwa 2,5 h die
er zum lesen braucht dürfte noch einmal einen Betrag in dieser Höhe erfordern.
Dazu kommt, dass wir davon ausgehen müssen, dass die Durchsicht von etwa
100 Aufsätzen á 1,5 Min. = 2,5 h notwendig sind, also abermals rund 60 €,
um diesen Aufsatz zu finden. Wir kommen also auf insgesamt 180 € pro gelesenem
Artikel. Vergleicht man die 18.000 € an Kosten, die das lesen von 100 solchen
Aufsätzen pro Jahr erfordert, mit den Einsparungen, die damit verbunden
sind, so lohnt sich der Aufwand trotzdem noch, wenn man bedenkt, dass ein
Wissenschaftler ein Mehrfaches dessen pro Jahr kostet um einen dieser Aufsätze
zu schreiben.
Modellierungen
als Hilfsmittel der Vorhersage
Was haben wir an Informationen über den heutigen Zeitschriftenmarkt
um entsprechende Modelle zu konstruieren? Einiges wurde schon erwähnt, was
die grob geschätzte Zahl von heute 100.000 laufenden Zeitschriftentiteln
wahrscheinlich erscheinen lässt. Zum Vergleich hat die Library of Congress
etwa 65.000 laufende Zeitschriften. Bei einer Verdopplungsrate von etwa
20 Jahren, bzw. einem Wachstum von 3,5% jährlich, dass seit über 300 Jahren
etwa konstant ist, haben wir z.Z. einen Zuwachs von 3.500 neuen Titeln.
Da bei weitem nicht alle Neuerscheinungen sich auf dem Markt behaupten können,
ist eher von 7.000 jährlich neu erscheinenden Titeln auszugehen, von denen
aber nur die Hälfte überlebt. Daraus erklärt sich auch das oft beklagte
scheinbare Zeitschriftensterben.
Berücksichtigt man zusätzlich etwa 30% jährlichen
Namenswechsel, so erscheint die Zahl von 990.202 Titeln (1999) in der Zeitschriftendatenbank
(ZDB) plausibel. Das vielbeschworenen Zeitschriftensterben ist somit eher
ein Zeichen der hohen Dynamik und keinesfalls das einer Krise.
Die Vernetzung dieser Zahlen unter verschiedenen Perspektiven macht deutlich,
dass der Spielraum mehrfach begrenzt ist. Dies gilt sowohl für die geistige
Fassbarkeit der einzelnen Wissenschaftler als auch für den zeitlichen und
insbesondere finanziellen Rahmen in dem die prognostizierten Entwicklungen
ablaufen. So kann eine Zeitschrift mit einer Auflage von weniger als 100
Exemplaren kaum auf Dauer produziert werden. Wenn eine Auflagenhöhe von
1.000 erreicht werden soll, muss es sich aber um ein Themengebiet handeln,
dass von mindestens 1.000 Wissenschaftlern bearbeitet wird.
Nun lässt sich natürlich leicht abschätzen, dass bei 10 Mio. Wissenschaftlern,
die durchschnittlich 100 Zeitschriften screenen, 1 Mrd. Sichtungsvorgänge
anfallen. Verteilt auf 100.000 Zeitschriften sind das 10.000 Benutzungen
pro Zeitschrift. Das entspräche bei einer Auflage von 1.000 Stück 10 Benutzungen
pro Heft. Wie wir bei Ginsparg in der Physik gesehen haben, entfallen inzwischen
schon allein auf die dort angebotenen Publikationen 2/3 dieses Nutzungsbedarfs.
Wir müssen also davon ausgehen, dass in manchen Bereichen die gedruckten
Angebote nur noch einen Anteil von 1/3 haben könnten. Durch die verbesserter
bzw. erleichterter Benutzung insgesamt liegt der Anteil aber eher bei 50%.
Wenn wir von etwa 25% der Arbeitszeit für das Literaturstudium
ausgehen, so sind das etwa 250 Stunden für das Sichten pro Jahr bzw. 1,5 Min.
pro Aufsatz und weitere 250 Stunden für das genauere Studium bzw. 2,5 h pro
Aufsatz – aber auch 25% der Kosten für einen Wissenschaftler.
Wenn wir allerdings von weltweit 3,5 Mio. Buchtiteln pro Jahr mit knapp
300 Seiten, also rund 1 Mrd. Seiten ausgehen, und diese mit den 100 Mio.
Seiten der Aufsätze vergleichen, so erfordert der zeitliche Aufwand von
nur 30% für das Studium von Büchern eine massive Reduktion der Aufmerksamkeit
in diesem Bereich. Das hat im Prinzip einen sehr einfachen Grund. Bücher
enthalten für den erfahrenen Wissenschaftler vieles, was er aus Zeitschriften
und anderen Büchern bereits kennt. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass
viele der neuen Bücher auch keine Neuerscheinungen sind.
Ohne Zweifel stehen in Millionen Bibliotheken und Haushalten Milliarden
von Büchern, die noch nie gelesen wurden, weil wir sehr viele Bücher als
Erweiterung unseres Gedächtnisses erwerben und keinesfalls um sie von Anfang
bis Ende gelesen zu haben. Wir können in unserem Zusammenhang die Durchsicht
eines Buches und einer Zeitschrift etwa gleichwertig betrachten und erhalten
dann eine Erweiterung der Zeitschriftentitel um zunächst 3,5 Mio. Buchtitel,
die allerdings nur zu etwa 20% der Wissenschaft zuzuordnen sind und sich
außerdem auf die rund 1.000 oben geschätzten Fachgebiete verteilen. Damit
erhöht sich die Zahl an Quellen zur Durchsicht für den einzelnen Wissenschaftler
um etwa 700 pro Jahr. Diese Zahl verringert sich noch einmal bei der Berücksichtigung
der verschiedenen Sprachen. So erscheinen nicht nur Lehrbücher mehrfach
in mehreren Landessprachen.
An dieser Stelle muss auch eine graduelle Unterscheidung zwischen den verschiedenen
Disziplinen, insbesondere zwischen Geistes- und Naturwissenschaften angesprochen
werden. Für narrative Fächer wie die Philosophie, die Sozial-, Sprach- oder
Kunstwissenschaften haben Monografien noch immer einen höheren Stellenwert
als beispielsweise für die Mathematik. Diese Unterschiede sollten aber nicht
überbewertet werden. Da allein schon die Interdisziplinarität inzwischen
alle Wissenschaftsbereiche dazu zwingt, die Fortschritte in den anderen
Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen.
Während Studierende noch weitgehend auf Lehrbücher und Monografien ausgerichtet
sind und es wohl auch sein müssen, gibt es zweifellos mit zunehmender Erfahrung
und Fachkenntnis einen klaren Trend hin zu den Zeitschriften, wodurch sich
die notwendige Kenntnis und der Besitz von Büchern zwar nicht verringert,
aber zweifellos die Notwendigkeit, diese Bücher alle genau zu studieren.
Zum Vergleich dieser Aussage fand man 1979 im Report of the National Enquiry
[21] , dass ein "average scholar scans seven journals and reads
three to five articles a week". Diese Werte fügen sich in unsere Modellvorstellung
recht gut ein, wenn man von angehenden Wissenschaftlern ausgeht, die noch
mehr Zeit zum lesen und weniger zum sichten der neusten Erkenntnisse aufwenden.
Die mit 10 bis 12 Stunden pro Woche ermittelte Zeit für das Literaturstudium
entspricht auch etwa einem Viertel der Arbeitszeit. Browsing ist sicher
eine Eigenschaft, die mit wachsender Erfahrung steigt, da der Fachmann immer
häufiger auf Erkenntnisse trifft die ihm bereits bekannt sind.
Wenn wir bei den Neueinsteigern in einem Fach von eher 40% der Zeit für
das Literaturstudium der Bücher ausgehen, so dürfte bei den Fachkundigen
die Zeit eher nur bei 20% liegen. Untersuchungen von OCLC (Online Computing
Library Centre) aus den 80er Jahren haben im Rahmen des EIDOS-Projekts (Electronic
Information Delivery Online System) gezeigt, dass bei 48% der in Bibliotheken
bestellten Bücher nur 15% oder weniger dieser Bücher gebraucht wurde [22] . Die von immer mehr Autoren
verfassten Monografien ähneln damit in ihrem Aufbau zunehmend den Zeitschriften,
von denen sie sich im Prinzip nur durch das Charakteristikum der Periodizität
unterscheiden. Sogar die eher redundante Eigenschaft einer Monografie, bereits
publizierte Ergebnisse eines bestimmten Themengebietes zusammenzutragen,
ähnelt weitgehend den Annual Reviews, deren Information darin liegt, die
letzten Ergebnisse der Wissenschaft so zusammenzutragen, dass sich daraus
neue Erkenntnisse ergeben.
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