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Schwarz, I. /
Umstätter, W.: nfd Information - Wissenschaft und Praxis 50 (4)
S. 197-203 (1999)
Die vernachlässigten
Aspekte des Thesaurus: dokumentarische,
pragmatische, semantische und syntaktische Einblicke.
Zusammenfassung
- Summary
1. Einleitung
2. Historischer
Exkurs und Thesaurusbegriff
3. Der Thesaurusbegriff
in Information und Dokumentation
4. Die semiotische Auslegung
des Thesaurusbegriffs
Schluss
Literatur
Zusammenfassung
Neuentwicklungen
in der realen Welt ziehen Veränderungen in der Begriffswelt nach
sich. So haben wir es derzeit beispielsweise nicht mehr nur mit Bibliotheken
zu tun; vielmehr hat sich das Anwendungsspektrum des Begriffs in neuer
Zeit so erweitert, daß wir von der elektronischen, der virtuellen
und der digitalen Bibliothek sprechen, wobei diese Bezeichnungen nicht
etwa identisch sind, sondern das jeweils Spezifische zu ihrer Entstehungszeit
kennzeichnen. Die genaue Reflektion und Einordnung der modernen Thesaurusentwicklungen
auf dem Gebiet der Information und Dokumentation zwingt ebenso zu
eindeutigen begrifflichen Abgrenzungen und Benennungen. Bislang hat
dies u.a. zu den Begriffen "Information Retrieval Thesaurus", "Metathesaurus",
"Macrothesaurus" und nicht zuletzt "semantischer Thesaurus" geführt,
die den Begriff des dokumentarischen Thesaurus jeweils spezifizieren.
Mit dem Begriff des semiotischen Thesaurus, der den semantischen,
den syntaktischen und insbesondere auch den pragmatischen Aspekt berücksichtigt,
kennzeichnen wir nun eine neue Entwicklung, die den Thesaurus stärker
auf das Begriffssystem des Endnutzers appliziert und damit einen bisher
völlig vernachlässigten Bereich der Thesaurusforschung in
das Zentrum der Betrachtung rückt. Angeregt von der Bezeichnung
"semantischer Thesaurus" hat uns die Morris’sche Dreistrahligkeit
des Zeichenbegriffs zu dieser Benennung geführt, und wir haben
den Begriff des pragmatischen Thesaurus aus der semiotischen Perspektive
hergeleitet.
Summary
Changing developments
in the real existing world has to be accompanied by a convenient adaptation
in our terminologic imaginations. Accordingly, we have not only classical
libraries in this world - on the contrary, we could observe in the
last years a diversification into electronic, virtual, and digital
libraries. Sometimes used like synonyms these terms have shown evolutionary
grown specifications which have to be distinguished. Also the modern
thesaurus developments in the field of information and documentation
compels us to have clear defined terms. Concepts like "information
retrieval thesaurus", "metathesaurus", "macrothesaurus", and last
but not least "semantic thesaurus" are established terms specifying
the idea of the thesaurus in documentation. The new term semiotic
thesaurus involves the semantic, the syntactic, and especially the
pragmatic aspect, That makes the thesaurus especially applicable for
the endusers interests. The pragmatic aspect of the thesaurus was
totally neglected till now. Stimulated by the term semantic thesaurus,
at one hand, and on the other hand, by the semiotic theory of C.W.
Morris, we found that it is consequent to create the idea of a pragmatic
thesaurus.
1 Einleitung
Das Wort Thesaurus
bedeutet, wie dokumentarisch allgemein bekannt, Schatz. Wobei wir
im Wirtschaftsbereich unter thesaurieren das Horten von Geld
oder Edelmetallen verstehen. Das Interesse eher vergeistigter Menschen,
wie es Dokumentare nun einmal sind, konzentriert sich allerdings mehr
auf das Horten von Wortschätzen. Solche Schätze gibt es
zur Erschließung der Literatur für fast jedes Spezialgebiet
und ebenso in Form von Universalthesauri für das sogenannte Weltwissen.
Damit gehört die
Erarbeitung und Nutzung von Thesauri dieser Art nicht unbedingt zu
den neuesten Errungenschaften der Dokumentation. Im Gegenteil: ihre
Tage schienen bei zunehmendem Volltextretrieval schon gezählt.
Nach Donna R. Dolan sollte bereits 1981 bei den "full text databases"
kein kontrolliertes Vokabular mehr zwischen den Nutzern und effektivem
Retrieval stehen.
Trotzdem beobachten
wir in den letzten Jahren eine Renaissance der Thesaurusdiskussion,
die allerdings zu mancher Irritation Anlaß gibt. Da findet man
auf der einen Seite Bemühungen um die Wiederbelebung alter Thesauri
und Klassifikationen, bis hin zur Deszimalklassifikation, während
auf der anderen Seite von semantischen Thesauri die Rede ist, bei
denen sich so mancher fragt, was er sich darunter vorstellen soll.
Der Begriff des "semantischen"
Thesaurus hat insbesondere mit dem Unified Medical Language System
(UMLS) der National Library of Medicine (NLM) seinen Einzug in die
Welt der Information und Dokumentation gehalten. Während der
Begriff des Thesaurus in der Dokumentation durch die DIN 1463 relativ
eindeutig definiert ist, stellt sich die Frage nach der speziellen
Bedeutung eines zusätzlich mit dem Attribut semantisch
belegten Thesaurus. Diese Frage führte uns zur Semiotik bzw.
Zeichentheorie, deren Untersuchungsgegenstand die drei Zeichendimensionen
- die syntaktische, semantische und pragmatische - sind. Bemerkenswert
ist, daß die pragmatische Dimension innerhalb der Semiotik,
die nach C.W. Morris (1938) als "relation of signs to interpreters"
definiert ist, bisher in so auffälliger Weise vernachlässigt
wurde. Dagegen finden wir in letzter Zeit starke Bemühungen um
die semantische Dimension, die sich mit den "relations of signs to
the objects to which the signs are applicable" beschäftigt. Theoretisch
am besten fundiert und ausgebaut ist die syntaktische Dimension, die
auf der Informationstheorie von Shannon und Weaver basiert.
Umstätter (1998)
hat den Begriff des pragmatischen Thesaurus im Kontext objektorientierter
Inhaltserschließung und im Sinne von C.W. Morris eingeführt;
gleichzeitig impliziert diese Bezeichnung die semiotische Auslegung
des Thesaurusbegriffs, die in diesem Beitrag untersucht werden soll.
2 Historischer Exkurs und Thesaurusbegriff
Thesauri waren
(und sind auch heute noch) vor allem Produkte lexikographischer Aktivitäten.
Diese erreichten bereits im 4. Jh. v.Chr. bei den alexandrinischen
Philologen eine erste Blüte. Zenodotus von Ephesus (~325 -~234
v.Chr.), ein Schüler des Philetas und der erste Bibliothekar
der alexandrinischen Bibliothek, sammelte beispielsweise in einem
Glossar die schwierigen Wörter bei Homer und stellte damit ein
sog. individual-sprachliches Wörterbuch zusammen (siehe Brockhaus
zum Begriff des Wörterbuchs, 19. Aufl., Bd. 24, S. 348-349).
Aristophanes von Byzanz (~257 - ~180 v.Chr.), ein Schüler des
Zenodotus und ebenfalls Bibliothekar in Alexandria, erstellte das
sogenannte "Lexeis" (von legein:
reden, sagen; lecw:
lesen), von dem unser heutiges Wort Lexikon stammt. Die sogenannten
Onomastica (vom griech. Onoma:
Name, Wort, bzw. Onomastoz:
nennbar) erschienen im 3. Jh. v.Chr. Callimachos von Cyrene (~310
- ~235 v.Chr.) sammelte Namen von Flüssen, Fischen, Winden und
Monaten. Xenocritus und Philinus, beide aus Cos, stellten medizinische
Begriffe zusammen.
Das "Onomasticon" von
Julius Pollux von Naucratis, das auf den lexikographischen Arbeiten
des Aristophanes, des Phrynicus Arabius (im 2. Jh. v.Chr.), des Pamphilos
und Didymus von Chalcentera (~65 v.Chr. - ~10 n.Chr.) beruhte, enthielt
die Wörter der griechischen Sprache einschließlich aller
Synonyme. Es faßte zehn Klassen zusammen: Götter, Mensch
(Medizin), Verwandtschaft, Wissenschaft und Kunst, Jagd, Nahrung,
Handwerk, Gesetz, städtische Organisation, Gerätschaften.
Darin ist ein grob gerastertes Bild der geistigen Welt von damals
zu erkennen. Auch in späteren Jahrhunderten waren Klassifikationssysteme
immer ein gewisses Abbild des Begrifflichen oder Ideologischen ihrer
Zeit.
Laut Michajlov et al.
(1970, S. 374) wurde der Begriff Thesaurus als Bezeichnung
einer systematisierten Enzyklopädie erstmalig um 1265 von dem
Florentiner Brunetto Latini (zw. 1210 und 1220-1294/95) verwendet.
Er nannte seine Enzyklopädie "Li Livres dou Tresor" (etymologisch:
Thesaurus - treasure - Tresor). Diese erste Laien-Enzyklopädie
von Rang (Brockhaus, 19. Aufl., Bd. 6, S. 451) kennzeichnete den Wandel
der mittelalterlichen Enzyklopädie vom ‘Weltbuch' zum Thesaurus.
Ein weiterer Beleg für die interessante Assoziation von weltlichem
und geistigem Schatz ist die Inschrift über dem Rokokoportal
der Bibliothek des ehemaligen Klosters Wiblingen bei Ulm, wo man 1762
die Worte aus dem Brief des Paulus an die Kolosser 2,3 angebracht
hat: "In quo omnes thesauri sapientiae et scientiae" (In welchem alle
Schätze der Weisheit und Wissenschaft enthalten sind).
Als Thesaurus
wurden insbesondere im Mittelalter umfangreiche Werke betitelt, die
möglichst vollständig ganze Wissensgebiete umfaßten.
Am berühmtesten sind die diesen Titel führenden lexikographischen
Werke der beiden Stephanus - Vater und Sohn Estienne - über die
griechische und lateinische Sprache geworden (Bilder-Conversations-Lexikon,
Bd. 4, S. 288, 413): 1531 veröffentlichte Robert Estienne (z.T.
auch Etienne; 1503-1559), ein bedeutender französischer Buchdrucker
seiner Zeit und "Vater der modernen Klassischen Lateinischen und Französischen
Lexikographie", seinen "Latinae linguae Thesaurus" (Brockhaus, 19.
Aufl., Bd. 6, S. 595; Estienne: Dictionarium latinogallicum, 1997).
Dabei handelt es sich um ein etymologisches Wörterbuch der lateinischen
Sprache, das die Stichwörter in alphabetischer Reihenfolge anordnet.
Ein anderes Werk Estienne’s - das "Dictionarium latinogallicum" -
ist in der 3. Ausgabe von 1552 auch im Internet recherchierbar (ARTFL
dictionary collection, 1997). Estienne’s Sohn Henri II. (1528-1598)
publizierte 1572 das 4-bändige etymologische Wörterbuch
"Thesaurus linguae graecae" (Schatzkammer der griechischen Sprache),
das seine Bedeutung als erstes umfassendes Wörterbuch des Altgriechischen
bis heute nicht verloren hat und seit 1955 in neuer Form (hrsg. v.
Snell et al.; Brockhaus, 19. Aufl., Bd. 22, S. 99) erscheint.
Eine völlig neue
lexikographische Aktivität setzte im 18. Jh. bei den sogenannten
Enzyklopädisten ein, die darunter ein umfassendes Bildungsinstrument
und ein auf Vernunft gegründetes Kompendium verstanden, in dem
das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammengetragen sein sollte. Es war
der groß angelegte aufklärerische Versuch, Unwissen, Torheit
und Aberglauben in der Welt zu bekämpfen und damit auch den Beginn
der Wissenschaftsgesellschaft von morgen vorzubereiten. Ein Versuch,
der von der damaligen Kirche bekanntlich mit großer Skepsis
betrachtet wurde, dessen fundamentale Bedeutung aber kaum überschätzt
werden kann. Berühmt wurde die zwischen 1751 und 1772 entstandene
28-bändige Enzyklopädie des Philosophen Denis Diderot, des
Mathematikers Jean Le Rond D‘Alembert und vieler anderer, die in der
Société des Gens de lettres tätig wurden. Diese
ursprüngliche Fassung enthält rd. 72.000 Artikel, wobei
Mehrfacheinträge für viele Bezeichnungen enthalten sind,
die aus ihrer Zuordnung zu mehreren Wissenskategorien - den sogenannten
Siglen - resultieren. Darüber hinaus wird mittels eines Verweisungssystems
verdeutlicht, wie die einzelnen Artikel miteinander verflochten sind,
worauf Diderot besonderen Wert gelegt haben soll. (Brockhaus, 19.
Aufl., Bd. 6, S. 453). Im Rahmen des "Project for American and French
Research on the Treasury of the French Language" (ARTFL) wird die
Online-Version der 1. Ausgabe dieser Enzyklopädie zur Zeit erarbeitet.
Volume 1 ist bereits im Internet recherchierbar (ARTFL Project, University
of Chicago, 1998).
Im 19. Jahrhundert
folgten eine Vielzahl an populärwissenschaftlichen Konversationslexika,
Nachschlagewerken und Lehr- bzw. Handbüchern auf den einzelnen
sich ausweitenden Fachgebieten, die eine weitere Verbreitung der Wissenschaft
- nun auch in der allgemeinen Bevölkerung der Industriestaaten
- ermöglichten.
Als wohl bekanntester
Thesaurus neuerer Zeit, der nach verwandten Begriffen geordnet ist,
gilt "Roget‘s International Thesaurus", der als "Thesaurus of English
Words and Phrases" 1852 von dem Arzt und Sekretär der Royal Society
in London, Peter Mark Roget, publiziert wurde. Dieser Thesaurus ist,
wie es im Vorwort heißt, "classified and arranged so as to facilitate
the expression of ideas and assist in literature composition". Er
ist seither mehr als 90mal von den Nachkommen des Verfassers neu aufgelegt
worden und derzeit mit seinen rund tausend Kategorien auch im Internet
recherchierbar (ROGET'S Thesaurus Search Form, 1997). In seinem eigenen
Vorwort von 1852 schreibt Roget: "I had, in the year 1805, completed
a classed catalog of words on a small scale, but on the same principle,
and nearly in the same form, as the Thesaurus now published." Etwa
zur gleichen Zeit erschien auch der Thesaurus des Sanskrit ("Amera
Sinha, Cosha, or dictionary of the Sanskrit Language"), der 1808 veröffentlicht
wurde und die Wörter zu folgenden Hauptklassen - von denen jede
wiederum Unterklassen enthielt - zusammenfaßte: Himmel, Wetter,
Zeit, Tugenden, Laster, Wissen, Gefühle, Sprache, Musik, Hölle,
Wasser, Erde, Pflanzen, Tiere, Mensch, Familie, Medizin, Kleidung,
Rasse, Stamm, Regierung, Armee, Berufe, Waren, Geräte (Sparck
Jones, 1964, Anhang 1, S. 2).
Im deutschsprachigen
Raum verbindet sich laut Scerba (1940, S. 69) der Begriff des Thesaurus
Anfang des 20. Jh. zumeist mit dem "Thesaurus linguae latinae", einem
Unternehmen, das bereits 1897 begründet wurde und seit 1900 herausgegeben
wird. Es ist an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt
und besteht in der "Erarbeitung des ersten umfassenden wissenschaftlichen
Wörterbuchs der antiken Latinität von den Anfängen
bis 600 n.Chr. Die Grundlage dafür bildet ein Archiv (etwa 10
Millionen Zettel), das alle überlieferten Texte berücksichtigt
- die älteren sind Wort für Wort verzettelt, aus den jüngeren
ist in der Regel nur das lexikographisch Relevante exzerpiert" (Kommission,
1998). War man 1940 erst beim Buchstaben M angelangt (Scerba, 1940,
S. 69), so liegen inzwischen zwei Drittel des Werkes vor (Kommission,
1998). Eine Besonderheit dieses Thesaurus besteht darin, daß
er auch alle sogenannten Hapaxlegomena enthält, also Wörter,
die in der betreffenden Sprache nur einmal aufgetreten sind, und daß
unter jedem Wort sämtliche Zitate aus den in der betreffenden
Sprache vorhandenen Texten angeführt werden.
Historisch betrachtet
wurde der Begriff des Thesaurus also verwendet zur Benennung von Wortsammlungen,
die
a. die Bedeutung von
Wörtern bzw. deren Begriffswelten durch Beispiele aus ihrer konkreten
Verwendung erklären (wie beispielsweise die Thesauri der Estienne
oder der "Thesaurus linguae latinae"), was unter semiotischen Gesichtspunkten
ein pragmatisches Verfahren darstellt.
b. die Bedeutung von
Wörtern bzw. Begriffswelten per definitionem oder über eine
Wortfeldbegrenzung festlegen (wie beispielsweise das Onomastikon oder
Roget’s International Thesaurus); eine in semiotischem Sinne eher
semantische Realisation.
Eine weitere Unterscheidung
ergibt sich unter dem Aspekt der "Rekrutierung" des Vokabulars:
a. Thesauri für
die natürliche Sprache, die mit einer großen Unschärfe
und zeitweiligen Widersprüchlichkeit behaftet ist;
b. Thesauri für
artifizielle oder quasi-artifizielle Sprachen (z.B. Recherchesysteme,
Fachsprachen oder Wissensbasen), die eine möglichst klar definierte
Terminologie zur Vermeidung von Widersprüchlichkeiten bzw. Ambiguitäten
anstreben. Sie enthalten oft systematische Zeichensysteme bzw. Codierungen
zur Relationierung und Hierarchiebildung.
Damit verstehen
wir den Begriff Thesaurus im erweiterten Sinne als thematisch
geordnetes Zeichensystem und im engeren Sinne als thematisch geordneten
Wortschatz, aus dem sich die Bedeutung der jeweiligen Wortfelder syntaktisch
ergibt. Er ist je nach Funktion ein Thesaurus:
- der natürlichen
Sprache,
- der Fachtermini
eines Spezialgebietes,
- der normierten
Sprache einer Wissensbasis, der normierten Sprache eines Dokumentationssystems
zur Literaturerschließung,
- zur Organisation
von materiellen und immateriellen Objekten (Semantik),
- zur Organisation
von empfangenen Zeichenketten mit dem Ziel der Rekonstruktion semantischer
Netze (Pragmatik).
3 Der Thesaurusbegriff in der Information und Dokumentation
Die Geschichte der im IuD-Bereich
gebräuchlichen Thesauri läßt sich im Kern auf die
Mitte unseres Jahrhunderts datieren, als sich zunehmend die Ansicht
durchsetzte, daß konventionelle Retrievalsysteme die aufgrund
des Wachstums von Wissenschaft und Technologie steigenden Informationsbedürfnisse
nicht mehr befriedigen konnten (Roberts, 1984). Dieser Druck führte
in den 50er und 60er Jahren sowohl dazu, verbesserte Retrievalsysteme
zu schaffen, als auch dazu, neue Indexierungsverfahren - z.B. im Rahmen
der Cranfield-Tests - zu erproben. Der erste "Information Retrieval
Thesaurus" wurde laut Roberts (1984) am Engineering Department der
E.I. Du Pont Nemours and Co., Inc. im Jahre 1959 praktisch angewendet.
Der Thesaurus war jedoch schon wesentlich
früher, nämlich bereits 1878, als potentiell nützliche
Hilfe bei der Informationssuche angesehen worden. W.F. Poole vertrat
damals im Rahmen einer Diskussion zu Poole’s Index die Ansicht, daß
zusätzlich zum Index cross references als eigenständige
Publikation erscheinen sollten, ähnlich denen in Roget’s Thesaurus
(Poole, 1878, S. 110). Eine solche separate Publikation würde
einen breiteren Zugriff auf die Sachgebietsklassen des Indexes bieten,
indem sie ein umfangreicheres, in Beziehung zueinander stehendes (inter-connected)
Vokabular enthielte. Obwohl die Poole’sche Idee nicht praktisch umgesetzt
wurde, nahm sie bestimmte Funktionen des ersten, am Du Pont erarbeiteten
Thesaurus vorweg (Roberts, 1984, S. 282).
Im Februar 1947 wies der amerikanische
Mathematiker Calvin Northrup Mooers (1919-1994) auf die Nutzung eines
Thesaurus in Verbindung mit einem mechanisierten Retrievalsystem hin
(Roberts, 1984). Von ihm stammen auch die Bezeichnungen descriptor
und information retrieval, wobei er letztere schon während
seiner Studienzeit am Massachusetts Institute of Technology prägte
(Garfield, 1997). Bereits bei Mooers war der Deskriptor ein Wort oder
eine Wortverbindung zur Bezeichnung eines mehr oder weniger breiten
Begriffs, wobei dessen Bedeutung nicht absolut der Bedeutung entsprechen
mußte, in der das betreffende Wort im natürlichen Sprachgebrauch
benutzt wird. In jedem Falle sollte jeder Deskriptor mit einer erläuternden
Bemerkung versehen werden, aus der seine thesaurusspezifische Bedeutung
hervorging. Die Auswahl der Bedeutungen der Deskriptoren sollte eine
genügend hohe Effektivität bei der Recherche sichern. Es
sei hier am Rande bemerkt, daß Mooers damit von der irreführenden
Vorstellung ausging, daß Indexierer mit Hilfe der Deskriptoren
Dokumente beschreiben, obwohl sie diese im eigentlichen Sinne indizieren
- d.h. sie weisen mit Hilfe der Thesaurusbegriffe darauf hin, in welchem
gedanklichen Kontext die Dokumente relevant sein müßten.
Durch die vom DIN 1976 erstmals
herausgegebene und 1987 novellierte Norm erhielt der Thesaurus im
Bereich der Information und Dokumentation endgültig die Bedeutung
einer "geordneten Zusammenstellung von Begriffen und ihren (vorwiegend
natürlichsprachigen) Bezeichnungen, die in einem Dokumentationsgebiet
zum Indexieren, Speichern und Wiederauffinden dient" (DIN 1463, Teil
1) - also das, was wir oben als Thesaurus im engeren Sinne bezeichnet
haben.
Unter lexikographischen Gesichtspunkten
ist der Thesaurus
- ein Synonymwörterbuch,
indem er unterschiedliche Bezeichnungen mit übereinstimmenden
Definitionen und Quasisynonyme mit sich ähnelnden Definitionen
in Äquivalenzklassen zusammenfaßt und für diese
Vorzugsbenennungen - die sog. Deskriptoren - festlegt. Damit ist
er auch ein
- normatives
bzw. präskriptives Wörterbuch, denn mit den Deskriptoren
schreibt er das für die Indexierung und die Informationsrecherche
zu verwendende Vokabular vor. Ebenso ist er
- ein zweisprachiges
Wörterbuch, in dem die sogenannten Nichtdeskriptoren der natürlichen
Sprache in Deskriptoren zusammengefaßt und "übersetzt"
werden. Die Bedeutung der Deskriptoren kann im Thesaurus verändert
sein, und zwar ist sie in der Regel breiter als die der entsprechenden
Wörter und Wortverbindungen. Damit ist er zugleich
- eine normierte
künstliche Sprache, insofern die Deskriptoren eine eigene,
ihrer Funktion angemessene, Bedeutung gegenüber den entsprechenden
Wörtern oder Wortverbindungen in der natürlichen Sprache
besitzen, und er ist
- ein thematisch
nach der Bedeutung der Deskriptoren geordneter Wortschatz. Dadurch
ist er
- ein Bedeutungswörterbuch,
indem er die geistigen Inhalte der Deskriptoren durch ihren Kontext
bzw. ihr Wortfeld, den sog. Begriffssatz, wiedergibt. In diesem
Sinne werden Deskriptoren von der Syntax in ihrer Bedeutung beschrieben.
Mit anderen Worten: Thesauri definieren im Sinne einer Wortfeldbegrenzung
die Begrifflichkeit, d.h. die Bedeutung einer Benennung, indem sie
alle Nichtdeskriptoren ihren Deskriptoren zuordnen und letztere
zueinander in eine syntaktische Relation setzen. Zur Ergänzung
dieser Definition verdeutlichen sie den Inhalt der Deskriptoren
durch sogenannte scope notes oder auch durch exaktere Begriffsbestimmungen.
Während
der Zugang zum Wortmaterial in den frühen gedruckten Thesauri
aufgrund der Anordnung des Wortschatzes und der Anlage von Registern
bestimmten Einschränkungen unterlag, ergeben sich heute, in Zeiten
der invertierten Volltextspeicherung und -recherche wie auch der höchst
differenzierten und "intelligenten" Visualisierung der Relationen
in einem Thesaurus, derartige Beschränkungen nicht mehr. Dokumentarische
Thesauri erlauben sowohl den Zugriff über Benennungen als auch
über Begriffe, wie im nächsten Abschnitt zu erläutern
sein wird. Ebenso unterliegt der Umfang der Wortsammlung nicht mehr
den restriktiven Bedingungen, wie sie zu den Lochkartenzeiten Mooers
oder zu Zeiten stark begrenzter elektronischer Speicherkapazitäten
gegeben waren.
4 Die semiotische Auslegung des Thesaurusbegriffs
Die Semantik
ist eine Teildisziplin der Zeichentheorie bzw. Semiotik, die als "Lehre
von den Zeichen" insbesondere deren Funktion in der Kommunikation
(bzw. im Kommunikationsprozeß) untersucht. Die heutige Fassung
des Begriffs Semantik geht insofern auf C.W. Morris (1938)
zurück, als er in seiner "Foundation of the theory of signs"
drei unterschiedliche Dimensionen des Zeichenbegriffs begründet
hat: die Semantik als Verhältnis zwischen Zeichen und dem Bezeichneten,
die Syntax als Verhältnis der Zeichen zueinander, sowie die Pragmatik
als Verhältnis zwischen Zeichen und Zeichenbenutzer. Zeichen
werden in der Semantik für etwas gesetzt (für materielle
bzw. immaterielle Objekte), in der Kommunikation in eine Syntax gebracht,
die in gewisser Weise die Relation der Objekte widerspiegelt, und
sie werden in der Pragmatik interpretiert, soweit Ambiguitäten
bestehen. Morris entwickelte seine Theorie im Anschluß an C.S.
Peirce, der in erster Linie die "Zeichensprache", genauer die "Sprache"
schriftlich fixierter Zeichen, untersucht hatte. Unter dem wichtigen
Gesichtspunkt, daß es nur möglich ist, in "Zeichen zu denken"
(Peirce, 1967, S, 186), unterscheidet er hinsichtlich ihres Charakters,
also hinsichtlich dessen, wofür sie stehen oder wie man sie interpretieren
könnte, drei Arten von Zeichen nach ihrer Beziehung zu Objekten: