Published in: Humboldt-Spektrum 2 (4) 36-41 (1995)
Die Rolle der Bibliothek im modernen Wissenschaftsmanagement
Prof. Dr Walther Umstätter, Institut für
Bibliothekswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
Die moderne Wissenschaft ist durch drei neue wesentliche
Eigenschaften gekennzeichnet, die sich aus dem Wechsel von der Little
Science zur Big Science ergeben haben. Sie realisiert erstens Ergebnisse,
die sich aus der Theorie vorhersagen lassen und die von gesellschaftlichen
Gruppen gefordert werden. Sie zwingt zweitens zu immer stärkerer
Zusammenarbeit bis hin zum Workgroup Computing. Sie komprimiert drittens
Informationen verstärkt durch Wissen und archiviert in digitalen
Bibliotheken. Mit dem Wechsel von der Little Science zur Big Science
wird ein Wissenschaftsmanagement immer wichtiger, in dem Bibliothek
und Rechenzentrum Strukturen schaffen, die die digitale Wissenserzeugung,
die Wissensverwaltung und die Wissensarchivierung ermöglichen.
The modern kind of scientific activity is signified by three specific
properties, which are a consequence of the change from little science
to big science. The first property is a type of research-results
that can be predicted from theory and is demanded by certain social
groups. As the second property, there is a necessity for forced cooperation
up to Workgroup Computing. As the third property, this kind of
scientific shows up an intense activity in informationcompression as
knowledge, that will be archived in digital libraries. The change from
little science to big science increases the importance
of knowledge management, wherein libraries and data processing centers
built up structures, that allow the digital generation, management and
archiving of knowledge.
Online-Literaturdokumentation als Einstieg
in die Digitale Bibliothek
Der Begriff Dokumentation reicht auf eine Entwicklung
am Beginn dieses Jahrhunderts zurück und definiert sich als Sammlung,
Ordnung und Verfügbarmachung von Information. Durch die dritte
Computergeneration, die IBM Anfang der sechziger Jahre ausgerufen hat,
bestand erstmals die Möglichkeit, Bibliographien zu digitalisieren
und in der Folge retrievalfähig zu machen.
Obwohl dieser Aufwand damals erheblich war, sah man sich
in den USA - ausgelöst durch den Sputnik-Schock 1957 - gezwungen,
die Wissenschaft mit Hilfe dieser modernen digitalisierten Dokumentation,
die bald darauf in die Online-Dokumentation mündete, effektiver
zu machen. Man war sich zu dieser Zeit bewußt geworden, daß
der Vorsprung der UdSSR nicht zuletzt in einer äußerst effektiven
Informationsversorgung zu sehen ist. Zentrale Ziele einer neuen amerikanischen
Informationspolitik zur Zeit der Regierung von J.F. Kennedy waren daher:
Vermeidung überflüssiger Doppelarbeit, raschere Auffindung
bereits vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Kontrolle
staatlich geförderter Projektergebnisse.
Ohne Zweifel wurde diese Informationspolitik der USA noch
erfolgreicher als die klassische Form der Dokumentation im Zentralinstitut
für wissenschaftliche und technische Information in Moskau (VINITI).
Sie ermöglichte nicht nur den Sieg im Wettrennen um die erste bemannte
Mondlandung, sie brachte auch bis heute weltweit führende Literaturdokumentationssysteme
hervor, darunter:
- Biological Abstracts,
- CAIN (Cataloging and Indexing System) - später
AGRICOLA (Agricultural On-line Access) genannt,
- Chemical Abstracts,
- ERIC (Educational Resources Information Center),
- MEDLARS (Medical Literature and Retrieval System),
- NTIS (National Technical Information Service)
- SCIsearch (Science Citation Index ) und den
- Online-Katalog der Library of Congress.
Darüber hinaus entsprangen aus dieser Entwicklung
die Online-Hosts, wie LIS (Lockheed Information System - später
DIALOG), SDC (System Development Corporation), BRS (Bibliographic Retrieval
Services) und Netzwerke wie Arpanet, Tymnet oder Telenet, die als frühe
Vorläufer des heutigen INTERNET zu sehen sind.
Das konstant beschleunigte Informationsmanagement
Einer der wesentlichen Gründe für die damaligen
dokumentarischen Anstrengungen in Ost und West war die Erkenntnis, daß
die Wissenschaft in ihrer Informationsspeicherung immer rascher voranschritt.
Während man sich noch um die Höhe der Verdopplungsrate der
Literatur stritt, die seit etwa drei Jahrhunderten bei etwa 15 Jahren
liegt, erkannte man, daß die Zeit zwischen der Entdeckung und
der Anwendung einer Erfindung immer kürzer wurde und etwa Mitte
dieses Jahrhunderts gegen Null ging. Doppel-, Dreifach- und Mehrfachentdeckungen
sind nach Untersuchungen von Merton, R.K. (1961)
in ihrer Häufigkeit der Poissonverteilung zuzuordnen und können
nicht als statistische Ausreißer gewertet werden.
Dies stand im Einklang mit der Feststellung, daß
die Zahl der Wissenschaftler rascher wächst als die der Menschheit
insgesamt - ebenfalls mit einer Verdopplungsrate von rund 15 Jahren.
Damit sind fast 90 % aller Wissenschaftler, die jemals gelebt haben,
unsere Zeitgenossen. Sie alle arbeiten gleichzeitig an der Lösung
von Problemen und erfahren vom Wissen anderer, die sie nicht gerade
zufällig auf einer Tagung gesehen, getroffen oder gehört haben,
meist nur über die Literatur mit ihrer typischen zeitlichen Verzögerung.
Wobei diese erst die zitierfähige Grundlage der Wissenschaft bildet.
Betrachtet man die Beobachtungen der sechziger Jahre
hinsichtlich der Verkürzung von Entwicklungszeiten
genauer, so kommt man in Abb. 1. zu einem erstaunlichen Ergebnis (Umstätter,
W. 1984). Die Relation von Entdeckung und Anwendung folgt zwei Geraden
mit den Steigungen -1 und -2. Auch wenn die Streuung dieser Beziehung
naturgemäß sehr groß ist, reicht sie entsprechend weit
zurück. Sie läßt somit den zeitweilig suggerierten exponentiellen
Zusammenhang nicht zu. Betrachtet man beispielsweise die Entstehung
der Schrift, so war in der damaligen Welt die Kommunikation nicht nur
durch die geringe Bevölkerungsdichte und damit durch die geringe
Zahl an Multiplikatoren gebremst, auch die Zeit, mit der eine Nachricht
zwischen den Schriftgelehrten übertragen werden konnte, war groß.
Erkenntnisse ließen sich insbesondere nur deshalb langsam perfektionieren,
weil das Wissen insgesamt gering war. Während heute in einem weitgehend
synergetischen Forschungsprozeß Millionen von Wissenschaftlern
sich gegenseitig fördern, fehlten damals fast alle Voraussetzungen
dazu.
In diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, daß
de Solla Price (1981) zu dem Ergebnis kam, daß
Wissenschaftler über die Jahrzehnte hinweg weder mehr noch weniger
publizierten. Sie publizieren aber immer häufiger gemeinsam. Ihr
Anteil liegt somit durchschnittlich weiter bei etwa einem Aufsatz pro
Jahr. Auch hier beobachten wir also eine Linearität. Während
es einerseits immer schwieriger wird, eine neue Erkenntnis zu publizieren
(es gibt Wissenschaftler die glauben, es sei schon alles entdeckt.),
ergeben sich aus der Vielzahl der Erkenntnisse immer mehr Ansatzpunkte
für neue Untersuchungen, notwendige Berichtigungen und Klarstellungen.
Das "Law of constant citation for scientific literature"
von Gomperts, M. C. (1968) macht deutlich, daß
durch die Verdopplungsrate der Literatur sowohl das klassische Wissen
als auch das neu hinzukommende in ausgewogenem Verhältnis verwaltet
wird. Während die Informationsansammlung mit rund 5%/J Beschleunigung
wächst, haben wir eine annähernde Konstanz der Arbeitsgebiete
aller Wissenschaftler. Lediglich durch den zunehmenden Einfluß
fachfremder Entdeckungen, die auf das eigene Fach vermehrt Einfluß
nehmen, sind wir gezwungen, unser jeweiliges Spezialgebiet auf Kosten
einer Vertiefung einzuengen.
Der Wechsel von der Little Science zur Big
Science
Es gab natürlich immer wieder Fälle, in denen
wie z.B. beim Schneider von Ulm, eine Erfindung so früh kam, daß
sie wieder in Vergessenheit geriet. Seine durchaus erfolgreichen Flugversuche
brachten ihm das Interesse hoher Würdenträger ein - bekanntlich
aber auch die Prügel von sich blamiert fühlenden Bürgern,
als er infolge von Turbulenzen an der Adler Bastei bei einer offiziellen
Vorführung über der Donau abstürzte. Dagegen war die
Entwicklung nach Gustav Lilienthal (der durch einen Sturz behindert
blieb) und seinem Bruder Otto Lilienthal (der nach einem Absturz 1896
in der Charité verstarb), nicht mehr aufzuhalten. Die Industriegesellschaft
wollte fliegen und scheute ab 1896 auch keine Toten bei der Realisierung
dieses Traums.
Das wohl interessanteste Beispiel für eine wieder
in Vergessenheit gefallene Entdeckung sind Mendels Vererbungsgesetze.
Von diesen meinte man, sie seien nur nicht bekannt geworden. In Wirklichkeit
war die Zeit erst um 1900 bei Correns, Tschermak und de Vries reif für
diese Entdeckung. Mendels Zeitgenossen erschien das Gesetz zu einfach.
Sein Wissen war daher in der Informationsflut der Abnormitäten,
Monströsitäten und der Modifikationen untergegangen.
So absurd der Gedanke erscheint, daß wir seit etwa
1950 Erfindungen anwenden, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben,
so einsichtig wird diese Feststellung, wenn wir erkennen, daß
Wissenschaftler immer mehr zuverlässige Vorhersagen liefern, die
allerdings noch einer Realisierung bedürfen. Die Wissenschaft macht
damit Zukunft in bestimmten Bereichen berechenbar. Sie bringt aber auch
Wissenschaftler in die schwierige Situation, beispielsweise atomare
Teilchen mit Milliarden Mark verschlingenden Projekten nachzuweisen,
deren Existenz sie vorhergesagt haben.
Der Wechsel von der Little
Science zur Big Science, wie de Solla Price (1974)
es nennt, ist im eigentlichen Sinne ein Wechsel vom genialen Einzelwissenschaftler
- der auf eigene Faust, mit viel Arbeit und etwas Spürsinn, seiner
Zeit vorauseilte - zum Team, das nach allen Regeln der Kunst und mit
hohem technischem Aufwand das erforscht, was die Gesellschaft bereit
ist, zu finanzieren. Es wäre ein großer Fehler, wenn wir
uns die Little Science nicht auch heute noch leisten würden. Die
große und entscheidende Wissenschaft findet aber natürlich
im Big Science Bereich statt.
Mit der Big Science ist nicht nur das Publizieren in zunehmender
Autorenschaft über Netzwerke entstanden, sie fordert auch das moderne
Wissenschaftsmanagement, das Probleme, die heute wissenschaftlich lösbar
sind, als solche erkennt, die dazu notwendigen Fachkräfte herausfindet
und deren Zusammenarbeit zeitgemäß organisiert.
Das Manhattan Projekt kann als typisches Beispiel für
den »erfolgreichen« Wechsel zur Big Science gewertet werden.
Nachdem die Wissenschaft die Möglichkeit einer Atombombe vorhergesagt
hatte, waren die USA bereit, 150.000 Menschen für 2 Milliarden
Dollar zu beschäftigen, um 1945 dieses Ziel zu erreichen. Auch
das Apollo Projekt war etwas später mit der Mondlandung von Erfolg
gekrönt. Daß damit nicht jedes Problem lösbar wurde,
zeigte sich allerdings rasch an der Bekämpfung der Krebskrankheiten,
der Waldschäden und der Klimakatastrophen.
Ebenso wie die sechziger Jahre eine digitale Dokumentation
erforderlich machten, um die Big Science überhaupt zu ermöglichen,
erfordert unsere Zeit die Fortentwicklung zur Digitalen Bibliothek,
um das internationale Workgroup Computing zu realisieren. Die weiter
zunehmende Zahl an Wissenschaftlern mit ihrer Wissensproduktion erzeugt
bekanntlich einen immer rascheren Zuwachs an Information, der in der
Spitzenforschung seit einiger Zeit nicht mehr mit den alten Publikationsformen
bewältigt werden kann.
Haben wir eine moralische Verpflichtung zur
Wissenschaft?
Den Geraden in Abb. 1 zufolge erzeugt
die Gesellschaft doppelt so rasch ihre Probleme, nach deren Beseitigung
sie ruft, wie die Wissenschaftler diese zu lösen vermögen.
Dabei entsteht allerdings der Eindruck, daß die Wissenschaft selbst
diese Probleme erzeugt. In Wirklichkeit ergeben sich aus dem verzweigten
Baum wissenschaftlicher Erkenntnis lediglich die Lösungen, die
immer mehr Wünsche offenbaren. Mit anderen Worten, jedes Problem,
das wir lösen, zieht mit seinen Erkenntnissen ein doppelt so großes
nach sich.
Damit ist der nächstliegende Gedanke, auf weitere
Forschungen, Entdeckungen und Erkenntnisse zu verzichten. Der Ruf nach
der Rückkehr zur Natur und nach dem Verzicht auf High Tech ist
immer wieder entsprechend laut. Er ist allerdings moralisch schwer durchsetzbar,
weil uns die Wissenschaft Werkzeuge an die Hand gibt, Millionen Menschenleben
für Stunden, Tage oder Jahre nicht nur am Leben zu erhalten, sondern
auch für viele die Lebensqualität zu erhöhen.
Daß mit jedem Leben, das die Geschlechtsreife erreicht,
ein neues Leben wahrscheinlich wird, ist eine Konsequenz, die Malthus
in seiner Deutlichkeit als erster erkannte, und die, durch Darwin, Wallace,
Spencer sowie Marx, Engels und viele andere ausgelöst, bekanntlich
Generationen im Denken beeinflußte. Das »Survival of the
fittest« als Regulativ eines exponentiellen Wachstums ist martialisch.
Dagegen tritt ein großer Teil der Wissenschaft an, soweit es in
ihrer Macht steht, indirekt oder direkt nicht nur die »Fittesten«
zu retten. Sie tut dies durchaus mit dem Bewußtsein, daß
gerade deshalb heute mehr Menschen sterben als je zuvor. Dies ist die
wahre und unausweichliche Erbsünde des menschlichen Erkenntnisstrebens.
Solange wir allerdings die Auffassung vertreten, daß es keine
Begründung ist, einen Menschen heute sterben zu lassen, weil er
morgen ohnehin sterben muß, hat Wissenschaft die Pflicht, die
Erkenntnisse, die sich aus ihrer Logik heraus ergeben, auch einzusetzen.
Gefahren der Zukunft zu bannen, ist, so betrachtet, die Hauptaufgabe
der Wissenschaft.
Damit muß die Wissenschaft alle Anstrengungen unternehmen,
um effektiver und leistungsfähiger zu werden. Sie muß das
exponentielle Wachstum der Information,
das sich bislang im gleichermaßen gegen unendlich gehenden Aufkommen
an Literatur niederschlug, in ein zumindest nur linear wachsendes Wissen
umwandeln. Wissen als begründete Information, das durch seine extrapolierbaren
Eigenschaften die wohl eleganteste Informationskompression darstellt,
die wir überhaupt kennen, kann im Gegensatz zur Information durchaus
endlich sein. Darüber hinaus enthält Wissen den optimalen
Anteil an Redundanz, der notwendig ist, um eine Information als wahr
zu kennzeichnen. Auch wenn uns die Informationstheorie sagt, daß
es keine absolut sichere Information geben kann, Wissen könnte
durchaus eine absolute Sicherheit erreichen.
Für Bibliotheken bedeutet dies, auf dem Fundament
einer informationstheoretischen Basis einer neuen Bilbliothekswissenschaft
zu folgen, die ihrem Anspruch, eine ökonomische und synoptische
Archivierung publizierten Wissens zu betreiben, gerecht wird. Sie kann
dies nur durch Ausnutzung aller möglichen Informationskompressionen
einerseits, und unter der Voraussetzung, daß sie einem modernen
Wissenschaftsmanagement gerecht wird, andererseits.
Wie breitet sich Wissen aus?
Für die Ausbreitung von Wissen gibt es verschiedene
Hypothesen, die oft als Modelle bezeichnet werden, obwohl sie sich selten
an der Realität orientieren:
Alle drei Hypothesen enthalten sehr viel darwinistisches
Gedankengut (W. Umstätter, /M. Rehm 1984) und
sind eher ein statistisches Problem. In gewisser Weise implizieren sie
die sogenannte Ortega Hypothese, die davon ausgeht, daß der durchschnittliche
Wissenschaftler mit seiner Arbeit nur kleine Beiträge leistet,
und daß einige wenige Große auf dieser Pyramide begrenzter
Entdeckungen aufbauen. J. R. Cole und S. Cole (1972)
haben dagegen versucht zu zeigen, daß nur wenige Wissenschaftler
zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen, und daß diese »auf
den Schultern von Giganten« (Isaac Newton, 1676)
stehen.
In Wirklichkeit wird bei all diesen Hypothesen nicht zwischen
Information und Wissen unterschieden. Jede wissenschaftlich publizierte
Seite in einer Bibliothek hat einen durchschnittlichen Informationswert,
einen meist größeren Redundanzgehalt, einen vergleichsweise
geringen Anteil an neuem Wissen und einen wohl kaum gänzlich vermeidbaren
Anteil an informationstheoretischem Noise. Die Informationen werden
von Millionen Autoren zusammengetragen, wobei fast alle mit mehr oder
weniger Erfolg versuchen, eine Theorie zu belegen. Die Informationen
dienen also dazu, sich zwangsläufig ergebende Hypothesen, Theorien
oder Modelle zu verifizieren bzw. zu falsifizieren. Damit komprimiert
sich der Teil erklärbarer Information zu Wissen.
Nun gewinnen wir oft den Eindruck, daß die Genialität
bestimmter Theoretiker zu bestimmten Theorien führt. Entscheidend
ist aber, daß eine geniale Idee als erstes die Versorgung mit
allen dazu notwendigen Informationen erfordert. Insofern sind Paradigmenwechsel
nicht selten die Folge eines echten Spürsinns für Entdeckungen
(Serendipity). Wir stoßen auf eine Information, die uns zum Umdenken
zwingt, und bezeichnen diejenigen als genial, die dazu in der Lage sind.
Viele Wissenschaftler haben nun den Eindruck, solche mehr
oder minder genialen Theorien pflegen und publizieren zu müssen,
damit sie sich ausbreiten und im Kampf ums Dasein überleben. Die
Tatsachen sprechen allerdings eher gegen diese Vorstellung der Wissensausbreitung.
Obwohl alle drei Hypothesen ebenso plausibel erscheinen wie der sogenannte
Matthäus-Effekt, bei dem man davon ausgeht, daß jede Zitierung
eines Aufsatzes weitere Zitierungen nach sich zieht, und sich ein Gedanke
auf diese Weise ausbreitet, sind sie nicht realistisch. Die Untersuchung
dieses Phänomens zeigt vielmehr, daß - von statistischen
Ausreißern abgesehen - Aufsätze von Anfang an oft zitiert
werden oder nie. Dies belegt auch die mehrfach wiederholt festgestellte
Halbwertszeit der zitierten Literatur.
Der Grund hierfür liegt in der einfachen Tatsache,
daß wir nur Ergebnisse tolerieren, die unseren Vorstellungen entsprechen.
Wissensausbreitung folgt damit weniger der Infektion oder der Diffusion,
als vielmehr der Katalyse. Man muß demnach eine Publikation als
einen Katalysator ansehen, der in tausenden von Gehirnen die gleiche
bereits angelegte Vorstellung auslöst. Voraussetzung ist allerdings,
daß diese Gehirne alle die dazu notwendigen Informationen bereits
enthalten. So lassen sich viele wissenschaftliche Erkenntnisse nicht
durch Informationssperren aufhalten. Sie können in beliebig vielen
geschulten Gehirnen auch spontan und gleichzeitig entstehen. Sie verhalten
sich dann wie die Kristallisationspunkte in einer übersättigten
Lösung.
Würde die Ausbreitung eines Paradigmenwechsels wirklich
so ablaufen, wie sich dies viele Wissenschaftler vorstellen, so müßte
die Zitierung der Publikation, die zu einem neuen Paradigma führt,
im Laufe der Zeit langsam zunehmen. Dies ist aber nachweislich nicht
der Fall.
Die Rolle der Digitalen Bibliothek
Wissenschaftliche Bibliotheken sammeln Wissen und Informationen,
die zur Erzeugung dieses Wissens gebraucht werden, nur unter dem Gesichtspunkt
ihrer Publikations- und damit Archivierungswürdigkeit. Sie bemühen
sich demnach um die geistige Essenz unserer Zeit und nicht um die Informationsflut,
in der wir zu versinken drohen.
Daraus ergibt sich für die Informationsversorgung
durch eine Universitätsbibliothek, daß zunächst nur
die neuste Literatur in gedruckter Form vorliegen muß,
denn wir werden auch in absehbarer Zukunft längere Texte nicht
auf dem Bildschirm lesen. Literatur, die älter als ein oder zwei
Jahre ist, wird fast ausschließlich durch Zitation bzw. durch
Dokumentation erschlossen und könnte somit digital gespeichert
werden. Bei Bedarf ist publishing on demand angesagt. Die Zentralbibliothek
alter Prägung wird dadurch zunehmend obsolet. Sie wird nur noch
zur Aufbewahrung alter bzw. noch nicht digitalisierter Bestände
und zur Synopse der gedruckten Neuerscheinungen gebraucht.
Im internationalen Wettbewerb um die rascheste Bewältigung
der heutigen Probleme, entscheidet zunächst das optimale Information
Resources Management. Seine konsequente Fortführung mündet
in das Wissenschaftsmanagement, bei dem nicht nur Informationen gesammelt,
verwaltet und gezielt abrufbar gemacht werden müssen, sondern darüber
hinaus, diese Informationen auch in kausale oder heuristische Zusammenhänge
zu bringen sind. Sowohl die deskriptiven als auch die analytischen Wissenschaften
bedürfen in erster Linie ausgefeilter Volltext-Datenbanken, da
diese der logischen Syntax der natürlichen Sprache am ehesten gerecht
werden. Sie dürfen nicht mit den verbreiteten relationalen Datenbanken
verwechselt werden. Damit sind die digitalen Handbücher, an denen
die Invisible Colleges der Welt gemeinsam arbeiten können, in Form
von Volltext-Datenbanken, nicht nur für die Lehre und Forschung,
sondern auch für die Digitale Bibliothek, als Archiv menschlichen
Wissens, das wichtigste Arbeitsinstrument unserer Zeit. Sie ermöglichen
die massive Reduktion unsinniger Redundanz und den Abbau an informationstheoretischem
Noise in den Bibliotheken, der uns heute viel Geld kostet.
Digitale Bücher müssen zwei wesentlich Eigenschaften
erfüllen, wenn sie mehr sein sollen als nur herkömmliche Bücher,
die man am Computer schreibt.
A. Sie müssen beim Aufbau ein modernes Workgroup
Computing ermöglichen, damit eine sinnvolle Zusammenarbeit der
Teams gewährleistet ist. Das setzt voraus, daß die Rechenzentren
leistungsfähige Datenbanksoftware mit Volltext-Retrieval-Eigenschaften
zur Verfügung stellen.
B. Sie sind in ihrer Anlage so zu planen, daß
die darin enthaltenen Themen in jeweils optimaler Form ausgegeben werden
können.
Das bedeutet, daß bestimmte Teile gezielt ausgedruckt,
andere am Bildschirm ebenso gezielt sichtbar gemacht und wieder andere
auf eine Schautafel projiziert oder über eine 3D-Brille visualisiert
werden können. Selbstverständlich sind auch Hypertext- und
Hypermedia-Datenbanken, relationale, objektorientierte, semantische
oder hierarchische Datenbanken zeitweilig gefragt. Entscheidend ist
jedoch die Verknüpfung wissenschaftlicher Zusammenhänge durch
die Syntax der natürlichen Sprache, die in vielen Bereichen weit
über die der Hierarchien, der Hyperlinks und der relationalen Datenbanken
hinaus gehen.
Durch die CD-ROM steht den Bibliotheken erstmals ein optischer
Speicher mit genügender Laufwerksverbreitung, mit ausreichender
Speicherkapazität, Lesesicherheit, Kopiersicherheit, Fehlerkorrektur
bis auf 10-12, Standardisierung und Robustheit zur archivalischen
Verfügung. Damit gewinnen sie ein Archivmedium, das dem Papier
weit überlegen ist und eine wirtschaftliche Bedeutung, die in den
letzten Jahrzehnten verlorenzugehen drohte. Sie bleiben für Lehre,
Fernunterricht, Forschung und Entwicklung unverzichtbar, nachdem man
in den USA bereits 1988 fragte, ob Bibliotheken noch gebraucht werden
(Blagden, J. 1988). In dieser Zeit schätzten
J.-M. Griffiths und D.W. King (1987) den gesamte
Aufwand der USA für wissenschaftlich-technische Kommunikation -
hinsichtlich veröffentlichter Literatur - auf 20 Milliarden Dollar.
Das schließt das Schreiben, Publizieren, Verbreiten und Lesen
wie auch die Bibliotheksarbeit mit ein. Dieser Aufwand steht den geschätzten
300 Milliarden Dollar pro Jahr gegenüber, die durch das Lesen dieser
Publikationen (bzw. dem damit verbundenen Erkenntnisgewinn) eingespart
wurden.
Literatur:
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information transfer.International Forum on Information and Documentation
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Caws, P.: The structure of discovery.Science 166 S.1375-1380
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Griffiths, J.-M.; King, D.W.:
The contribution of online data-base services to the productivity
of their users.10th Online Information Meeting '86 S.69-76 (1987)
Gomperts, M. C.: The law of constant
citation for scientific literature.Journal of Documentation 24 (2)
S.113-117 (1968)
Kuhn, T. S.: Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen.Frankfurt am Main: (Suhrkamp Taschenbuch. Wissenschaft:
25.) (1973)
Merton, R. K.: Singletons and multiples
in scientific discovery. A chapter in the sociology of science.Proc.
of the American Philosophical Society 105 (5) S.470-486 (1961)
Merton, R. K.: The Matthew effect in science.Science
159 S.56-63 (1968)
Newton, Isaak: Letter to Robert
Hooke,zitiert bei Caws, P. (1969)
Price, D. J. de Solla: Little
science, big science.Frankfurt am Main: Suhrkamp (1974). (Suhrkamp
Taschenbuch. Wissenschaft: 48.)
(s. Price: Von Little Science zu
Big Science)
Price, D. J. de Solla: Multiple
authorship.Science 212 (1981) S.986
Umstätter, W.: Kann die Evolution
in die Zukunft sehen?
Umschau 81 (17) S.534-535 (1981) (Aufsatz
im Volltext)
Umstätter, W.: Ergebnisse
anwenden bevor sie entdeckt sind. Computerunterstützte Dokumentationssysteme
erleichtern Entscheidungen.Umschau 84 (5) S.130-131 (1984)
Umstätter, W.: Die Wissenschaftlichkeit im Darwinismus.Naturw.
Rundsch. 21 (9) Beil.:Biologie Heute S.4-6 (1990) (Aufsatz
im Volltext)
Umstätter, W. und Rehm, M.:
Bibliothek und Evolution.Nachr. f. Dok. 35 (6) S.237-249 (1984)
(Aufsatz im Volltext)
Last update: 24. June1997 © by Walther Umstaetter
change: Ben Kaden 14.08.2002 Ben Kaden
(contextur@aol.com)