Published in: Bibliotheksdienst 24 (3) S.337-340 (1990)
Fünfundzwanzig Jahre Universitätsbibliothek
Ulm
- Twentyfive Years University Library Ulm -
Margarete Rehm und Walther Umstätter
Es gibt keine andere Möglichkeit, als aus
Erfahrung zu lernen und somit gehört verdrängte Rückbesinnung
zu den großen Unterlassungssünden derer, die geschichtslos
agieren wollen. Nun ist es allerdings auch ein beliebter Sport, Geschichte
nach Gusto zu interpretieren, zumal wir auch nie wissen, zu welcher
Entwicklung eine andere Entscheidung geführt hätte. Zum anderen
empfiehlt es sich bei unangenehmen Erkenntnissen davon auszugehen, daß
Situationen, vor denen wir heute stehen, nicht mit denen früherer
Zeiten vergleichbar sind. Obwohl also die Identifikation von Kausalketten
nicht ganz so einfach ist, wie sie oft scheint, ist sie meist die einzige
Grundlage vernünftigen Handelns.
Wir haben heute ein Viertel Jahrhundert Datenverarbeitungserfahrungen
in Bibliotheken hinter uns. Erfahrene Männer wie Harro Heim, Günther
Pflug oder Joachim Stoltzenburg u.a. haben sich aus der Distanz ihrer
Pensionierung heraus geäußert und so sollte hier nicht versäumt
werden, einige Aspekte aus der Ulmer Erfahrung hinzuzufügen. Während
Pflug die Projektförderung im Bibliotheksbereich kritisch hinterfragt
(1) und auf die wachsende Diskrepanz zwischen Realität
und technischer Möglichkeit hinweist, unterstreicht Heim die Schwerfälligkeit
der Planungen, die u.a. durch die eingesetzten Projektbegleiter bedingt
ist (2).
Man muß zu diesen Überlegungen anmerken, daß
schon die langwierigen und z.T. überflüssigen Anträge
für manche Projekte tödlich sind, da kreative Ideen nicht
mehr modern, zukunftsweisend oder bahnbrechend sind, wenn sie von ganzen
Gremien - umso größer, desto durchschnittlicher - abgesegnet
werden müssen. Hier wird Verantwortung zunächst zentralisiert,
und weil dies überaus belastend sein kann, wieder verteilt.
Polacsek war kein klassischer Bibliothekar. Er war vielmehr
1958 in die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart eingetreten
und übernahm 1963 die Planung der neuen UB Ulm. So gelang es ihm,
für manchen Bibliothekar unvorstellbar, alle laufenden Zeitschriften
in Freihandaufstellung alphabetisch den Nutzern anzubieten. Damals hatte
ein Universitätsrektor bei der Besetzung der Stelle des Leitenden
Bibliotheksdirektors noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Man kann
geteilter Meinung darüber sein, ob es gut oder schlecht ist, wenn
der Innere Kreis von 20 oder 25 Personen das Althoffsche Bibliothekswesen
zu erhalten versucht, wie Stoltzenburg meint (3). Sicher
ist, daß die Wissenschaftler einen völlig anderen Anspruch
stellen.
Wenn also Stoltzenburg bemerkt, daß das Thema Bibliothekspolitik"
bisher völlig ausgeklammert" wurde, und daß der Innere Kreis
vor allem im Bibliotheksausschuß der DFG, "monopolisiert" ist,
so fragen wir uns, ob dies der Grund für die z.T. eklatanten Fehlentwicklungen
der letzten Jahrzehnte ist. Natürlich half diese Meinungsführerschaft
mit, bestimmte Denkmuster zu etablieren und damit beispielsweise auch
dazu, daß landeseinheitliche EDV-Konzepte wichtige Entwicklungen
blockierten.
Die damit erzwungene Stagnation in der Entwicklung der
UB Ulm, die Anfang der achtziger Jahre unerträglich wurde, sowohl
in den personellen als auch in den baulichen Bereichen und insbesondere
bei der Automatisierung, führte in der Universitätsspitze
zu verständlicher Verstimmung, die sich allerdings aus Unkenntnis
der realen Hintergründe in die völlig falsche Richtung entluden.
Es gab genügend Belege dafür, daß die Bibliothek bis
dahin ein hohes Ansehen bei ihren Nutzern hatte, und daß mancher
Wissenschaftler, der fortzog, noch nach Jahren auf diese UB zurückgriff.
Nun ist allerdings Bibliothekswissenschaft auch im Bibliothekswesen
eher ein Stiefkind und selten ein brauchbares Instrumentarium, mit dem
beispielsweise Bibliotheksdirektoren wirkungsvoll arbeiten können.
In der Realität steht der Bibliotheksdirektor im Spannungsfeld
zwischen Anspruch und Notwendigkeit. Seine Aufgabe ist es, die Leistungen
der Bibliothek zu optimieren, um den, in ihrer Macht nicht zu unterschätzenden,
Nutzern, ein leistungsfähiges Arbeitsinstrument an die Hand zu
geben. Auf der anderen Seite ist er verpflichtet, seine Mitarbeiter
vor ungerechtfertigter Über- bzw. noch öfter Unterforderung
zu schützen. Gerade das Verhindern von Motivation und Leistung
führt bei Mitarbeitern oft zu Frustration. Zwei Arten von Führungsschwäche
sind in Bibliotheken häufig zu erkennen.
A. Zu starkes Nachgeben den Nutzern gegenüber.
B. Zu starkes Nachgeben den Mitarbeitern
gegenüber.
Am gefährlichsten dabei sind die Bibliotheken, deren
Leistungsfähigkeit dadurch gemindert ist, daß sie den Einzelwünschen
einflußreicher Professoren zu rasch Folge leisten, und daß
damit reduzierte Leistungsfähigkeit der UB einhergeht. Dies ruiniert
das Bibliothekswesen in zweifacher Form.
1. widerspricht es dem Grundgedanken der
Bibliotheken, das vorhandene Wissen allgemein zugänglich zu machen,
2. reduziert es die Motivation der Mitarbeiter, die meist durch
eine erhöhte Besoldung mit der Gießkanne auszugleichen versucht
wird. Bibliotheken dieser Art kosten seit Jahren die Arbeitsplätze
des Nachwuchses.
Das bundesdeutsche Bibliothekswesen ist international
gesehen sicher nicht auffällig schlecht. Es könnte und müßte
aber einen sehr viel höheren Status haben. Seine Automatisierung
hinkt um über 10 Jahre den technischen Möglichkeiten hinterher.
Seine Online-Katalogisierung basiert auf Vorstellungen der 60er Jahre
und seine Ausbildung ist z.Z. kaum modernisierbar, da die Ausbildungsstellen
der Bibliothekspolitik nicht vorauseilen können. Die UB Ulm hätte
die Chance gehabt, zum Testfall modernen Bibliothekswesens zu werden.
Ob es eine Rolle spielte, daß die Leitung in den Händen einer
Frau lag, oder ob man nur der Utopie einer großen deutschen Vereinheitlichung
des Bibliothekswesens verhaftet war, läßt sich kaum entscheiden.
Tatsache ist nur, daß die Vorstellung, der Innere Kreis sei wirklich
kompetent, entscheidungsfähig und mit ausreichender Autorität
ausgerüstet, trügerisch ist. Was nicht meint, daß dort
keine Autoritäten am Werk seien, oder daß eine Konzentration
der großen Entscheidungen in der Bibliothekspolitik falsch wäre.
Im Gegenteil, die Einrichtung der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände,
zu deren Sprecher am 20.9.1989 Elmar Mittler gewählt wurde, zeigt
den verstärkten Wunsch nach weniger Zersplitterung. Fraglicher
ist allerdings die treibende Kraft dieser Vereinigung und wieweit sie
einflußreich werden kann. Bedenkt man den Einfluß, den die
Library Association in England auf die Modernisierung der Ausbildung
in den letzten Jahren hatte, so sind Zweifel verständlich. Was
uns fehlt, ist die Eigeninitiative der einzelnen UB's, die durch eine
Berufsvereinigung entsprechend gewürdigt wird, und nicht eine Vereinheitlichung
des Bibliothekswesens, die alle Aktivitäten lahm legt.
Eine Episode am Rande sei hier erwähnt: Als 1975
das DIMDI den Bibliotheken erstmals die kostenlose Nutzung seines Rechners
anbot, war Ulm die einzige UB, die die Voraussetzungen aus eigener Kraft
schaffte. Sie stellte einen Informationsvermittler (IVM) für diese
Aufgabe und schuf damit erstmals die Bedingungen, damit eine IVS erfolgreich
aktiv werden konnte. Nachdem sich dies herumsprach, war das Ergebnis
ein unangemeldeter Besuch aus Stuttgart, der zu klären hatte, ob
diese IVS notwendig war, und wenn überhaupt, warum sie nicht in
Stuttgart etabliert sei. Es war ein glücklicher Zufall, daß
zu diesem Zeitpunkt der Prorektor der Universität mit am Terminal
saß und bei der Erläuterung über die gerade genutzte
Datenbank und ihren Umfang in Begeisterung ausbrach und von Unverzichtbarkeit
sprach.
Wenn Bibliothekspolitik von solchen Zufällen abhängig
ist, ist sie reformbedürftig.
Durch die Erkenntnis der Professoren, einen Service zu
haben, der damals einmalig war, wurden zunehmend Besucher der Universität
auch in die Bibliothek geführt, mit dem wiederholten Ergebnis,
in den eigenen Universitäten nachzufragen, wieso es dort eine solche
Stelle nicht gab. Universitäten lagen und liegen im Wettbewerb.Es
gibt keinen Grund, hier die Bibliotheken nicht mit einzuschließen.
Im Gegenteil, die Wirtschaftlichkeit einerUB ist immer nur in universitärer
Gesamtschau möglich. Eine Bibliothek, die für Millionen Wissen
erwirbt, um es dann kostenlos zur Verfügung zu stellen, kann nie
wirtschaftlich arbeiten.
Sollen aber Bibliotheken mit im Wettbewerb stehen, so
müssen sie auch entsprechende Kompetenzen haben. Der Wettbewerb
der Universitäten hat sich bereits spürbar verschärft
(6). Schon die starke Beeinflussung der Besetzung von
Bibliotheksstellen durch die Ministerien hemmt hier die Wettbewerbsbedingungen
in den einzelnen Ländern. In der Folge wird erwartet, daß
über weite Strecken Entscheidungen mit getragen werden, die für
die UB bzw. die Universität teilweise lähmend sind.
Der Bibliotheksleitung werden also Rechte abgesprochen,
deren Pflichten sie voll übernehmen muß. Und das, hat die
Erfahrung in Ulm gezeigt, kann verherende Folgen haben. Ulm hat als
Neugründung unter der Vorherrschaft der UB Konstanz gelitten, da
diese einen Monat früher gegründet wurde und von Anfang an
einen zentralen Neubau erhielt. Ein Wettbewerb wäre auch hier sicher
besser gewesen, als die konsequente Auswanderung eines Fachmannes wie
Polacsek und die übermäßige Belastung seiner Nachfolge.
Daß eine verhinderte Entwicklung das gesamte Bibliothekspersonal
in Spannung versetzt, ist verständlich.
Im November 1985 fand ein internationales Symposium mit
dem Titel "The future of academic libraries" im Gästehaus der Universität
Ulm, auf Schloß Reisensburg statt, bei dem Nina Matheson, die
Nachfolgerin Polacseks an der Welsh Medical Library, über die amerikanischen
Planungen bis zum Jahr 2005 und damit über Projekte wie IAIMS (Integrated
Academic Information Management System) berichtete. Es war eher deprimierend,
zu sehen, wie viele der deutschen Teilnehmer die Hinweise auf die Bibliotheksrelevanz
von Expertensystemen, Entscheidungshilfesystemen, Wissensbanken oder
der Forderung nach einer neuen Art von Thesaurus, wie dem UMLS (Unified
Medical Language System) ignorierten. So mancher Bibliothekar fragte
sich oder seinen Kollegen, was dies alles mit seinem Verständnis
von bibliothekarischer Arbeit zu tun haben soll. Aus dieser Erfahrung
heraus war es verständlich, daß 1987 in Baden-Württemberg
die Trennung von buchzentrierter und elektronischer Information als
Menetekel auftauchte(7).
Eine Expertengruppe "Wissensbanken", die für die
Landesregierung eine Stellungnahme zum Thema "Die mittelfristige Informationsversorgung
für das Land Baden-Württemberg" als Grundlage zur weiteren
Entscheidung erarbeitete, empfahl u.a. Voraussetzungen dafür zu
schaffen, daß die Benutzer die Möglichkeit haben "auf jedes
verfügbare Dokument innerhalb einer Stunde zugreifen zu können."
(8). Die Vehemenz, mit der u.a. Pflug ein solches Ziel
bei der Bielefelder Diskussion am 19.4.89 angriff, machte ebenfalls
deutlich, wie weit der Anspruch von Wissenschaftlern und DV-Kennern
von dem vieler Bibliothekare entfernt ist. "Die Bibliothekare in Bielefeld
reagierten ... erschreckt - sie zeigten die kalte Schulter" wie Saevecke
richtig feststellt (9). Die Folge dieser Entwicklung
ist, wie es heißt: "Auf Initiative des Rechenzentrums an der Universität
Ulm wurde ... zusammen mit der Universitäts-Bibliothek ein Informations-
und Kommunikationszentrum (IKZ) - als gemeinsame Arbeitsstelle von URZ
und UB - gegründet." (8).
Es darf nicht verschwiegen werden, daß dies eine
Entwicklung ist, die aus unserer Sicht mit allen Mitteln hätte
verhindert werden müssen. Die erste IVS einer UB in Deutschland
ist damit nach 13 Jahren bereits zur Hälfte als IKZ ausgegliedert
worden. Trotzdem kann nicht geleugnet werden, daß dieser Schritt
aufgrund deutscher Bibliothekspolitik (und hier spielt sicher auch eine
gewisse Verbundenheit mit den Bibliothekaren der DDR eine Rolle) möglicherweise
unausweichlich war. Ein gefährlicher Schritt für das Bibliothekswesen
ist es auf jeden Fall.
Bereits am 22.10 1982 unternahm die UB Ulm mit dem damaligen
Leiter des Rechenzentrums Theo Hansen den Versuch, auf die notwendige
Zusammenarbeit zwischen den URZ's und den UB's bei einem Treffen des
Arbeitskreises der Leiter Wissenschaftlicher Rechenzentren (ALWR) in
Osnabrück hinzuweisen. Die, wie es scheint, nicht viel weniger
starren Strukturen im Bereich der Rechenzentren begrenzten allerdings
auch hier den Spielraum.
Das URZ Ulm, mit dem die UB über viele Jahre eine
ausgezeichnete Zusammenarbeit hatte, war nicht weniger von der Forschung
abgekoppelt. Der äußerst tragische Suizid des URZ-Leiters
am 11.10.87, dessen Einfluß von Jahr zu Jahr gesunken war, wirft
ein grelles Schlaglicht auf die Dramatik der Umstrukturierung einer
Universität. Der heutige Leiter ist Professor der Universität.
Wir wissen, daß weltweit in den postindustriellen
Staaten der Kampf um das Information Resource Management begonnen hat.
Bibliotheken, Dokumentations- und Rechenzentren, sowie Agenturen, "information
broker" und eine Reihe z.T. fachfremde Wissenschaftler schicken sich
an, diese Aufgabe zu okkupieren.
Was sich in Ulm z.Z. anbahnt, ist eine von mehreren Möglichkeiten.
Auch sie sollte sich im Wettbewerb gegen andere, möglicherweise
bessere Denkmodelle behaupten. Auch gegen die, daß das Rechenzentrum
die Hard- und Softwarevoraussetzungen schafft und die Bibliothek, über
inhaltliche Erschließung, Ordnungssysteme und die Verfügbarkeit
der notwendigen Informationen, ihren Beitrag leistet.
Ulm hat zum Ziel, eine Wissenschaftsstadt zu werden.
Wieweit es hier gelingt, ein entsprechendes Information Resource Management
zu realisieren, bleibt abzuwarten. Gefährlich wäre allerdings,wenn
man die "Wissensbank" Bibliothek unterschätzen würde. Es ist
trügerisch, daß es nicht gelingt, beispielsweise die großen
wissenschaftlichen Leistungen in Göttingen mit der dort 1737 entstandenen
ersten Forschungsbibliothek in Verbindung zu bringen.Der Grund hierfür
dürfte darin liegen, daß wissenschaftliche Leistung auch
heute noch über das sog. "brain drain" aus- und zuwandert. Sie
erstirbt aber leicht, wenn der Nährboden einer guten Wissensversorgung
austrocknet, und hier ist die Bibliothek für den wirklichen Wissenschaftler
ein Grundnahrungsmittel. Die moderne Informationsversorgung arbeitet
nun durch die Elektronik teilweise wie ein Nervennetz, in dem allerdings
weiter die Informationen fließen, die wir bislang in Büchern,
Zeitschriften und Reports vorfanden. Neu ist nur, daß nun zunehmend
Informationen als Wissen organisiert werden müssen.
Bücher enthalten im Gegensatz zur landläufigen
Meinung nicht nur nackte Information, sondern Information in kausaler
Verknüpfung und damit menschliches Wissen (natürlich nicht
als absolutes Wissen). Moderne Informationsversorgung trägt der
Forderung nach Wissensbanken Rechnung. Es geht also vermehrt darum,
Information und Wissen aus der Literatur zu extrahieren und zu organisieren,
u.a. auch in sog. Hypermedia-Systemen. Die Bibliotheken werden diese
Aufgabe nicht allein bewältigen, sie müssen sich aber daran
beteiligen.
Die UB Ulm hat sich die sachliche Erschließung
der NLM und vieler anderer Datenbankproduzenten sobald als möglich
zunutze gemacht. Es kann aber keinen Zweifel darüber geben, daß
die beste inhaltliche Erschließung der Zugriff auf Volltext-Datenbanken
ist. Es darf nur nicht übersehen werden, daß man dazu auch
bessere Retrievalsysteme als die der 60iger Jahre benötigt, und
daß dieser Zugriff eine zusätzliche Aufbereitung der Volltexte
voraussetzt. Die abenteuerliche Vorstellung, man könnte ganze Bücher
elektronisch anbieten, ohne sie vorher bedarfsgerecht partitioniert,
assoziiert und deskribiert zu haben, sollte in Bibliothekskreisen fremd
sein. Wir sind heute nicht nur in der Lage, zunehmend Volltext auf eigenen
Rechnern zu speichern, auf CD-ROM zu erwerben, bzw. über Scanner
einzulesen, wir beobachten bereits ein erhöhtes Interesse, auch
die speicherfressenden Bilder und Layouts der Publikationen elektronisch
verfügbar zu machen.
Dabei sollte aber auch klar sein, daß die inhaltliche
Erschließung mit Hilfe eines Thesaurus (die sog. Deskribierung)
grundsätzlich nach dem jeweiligen Interessenprofil erfolgen muß.
Daß ein Thesaurus einem großen Fragenkatalog gleicht, in
dem alle Fragen gesammelt werden, die an das erschlossene System sinnvoll
gestellt werden können, ist eine leider oft verkannte Tatsache.
Die erste Voraussetzung zur Erstellung eines solchen Systems ist also
die Analyse der Interessenprofile der Nutzer. Diese Interessenprofile
ändern sich nicht unerheblich, wenn Informationsversorgungssysteme
auch Fragen beantworten, die über bisherige Thesauri nicht sinnvoll
waren. Hierin liegt die Bedeutung des amerikanischen UMLS.
Gerade die Erfahrung, die Bibliothekare im Auskunftsdienst
sammeln, können eine wichtige Voraussetzung für diese Arbeit
sein. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Erfahrungen
in einer IVS deutlich machten, daß Bibliotheken in den vorausgehenden
Jahrzehnten Bedürfnisse nicht mehr erkannten, weil ihre Benutzer
sie nicht äußerten. Erst der Zugriff auf internationale Hosts
hat hier neue Erwartungen geweckt.
Wenn Mittler einen Trend "im internationalen Wettkampf
der Wissenschaftsnationen" "vom rein konsumptiven Retrieval bei großen
Datenbankanbietern" hin zum Besitz umfangreicher Datenbanken feststellt,
so kann diese Einschätzung nur bejaht werden (10).
Sie erfordert aber auch völlig neue bibliothekarische Erschließungssysteme,
die bislang durch die verkrustete oligarchische Instanz des Inneren
Kreises zementiert wurde. Dabei muß allerdings Stoltzenburg in
einem wesentlichen Punkt widersprochen werden. Er überschätzt
die Bedeutung des Inneren Kreises, da dort weitgehend Ansichten vertreten
werden, die vermutlich die Mehrheit der Bibliothekare teilen. Die herrschende
"mangelnde Professionalität" (3) durch Überlastung
an Ehren- und Nebenämtern sowie die meist zeitraubende Bibliotheksleitung
lähmt jede wirklich aktive Bewältigung der anstehenden Probleme.
Das Bibliothekswesen leidet nicht an seiner Oligarchie,
es entbehrt eines wirklich wissenschaftlichen Fundamentes.
Um es überspitzt zu sagen: Wir Bibliothekare handeln
oft nicht, weil wir nichts wissen. Insofern war es zeitweilig das Beste,
was wir tun konnten. Die Bibliothek als Dienstleistungsbetrieb kann
keine wirkliche Forschung betreiben, und außerhalb der Bibliothek
herrscht erstens graue Theorie und zweitens hat man dort weder Verantwortung
noch Einfluß. Es ist bezeichnend, daß die unbestrittenen
Leistungen des einzigen Lehrstuhlinhabers für Bibliothekswissenschaft
und das internationale Renommee Kaegbeins nicht ausreichte, um diesen
Lehrstuhl zu erhalten. Betrachtet man die personelle und materielle
Ausstattung dieser Forschungseinrichtung und die Tatsache, daß
sie die einzige in der Bundesrepublik ist, so ist dies beschämend.
Sicher wäre heute Forschung im Informationsversorgunsbereich eher
angebracht als reine Bibliotheksforschung, aber man sollte beides nicht
mit Forschung im Informatikbereich oder mit Informationstheorie verwechseln.
Eher wäre eine Verwandtschaft mit der Wissenschaftsforschung angebracht.
Der gleichnamige Lehrstuhl an der Universität Ulm, der mit Beginn
der 70er Jahre eingerichtet wurde, wirkte zwar befruchtend auf die Bibliotheksarbeit,
konnte aber unter den gegebenen Bedingungen nicht entsprechend, (etwa
in Gemeinschaftsprojekten) genutzt werden.
Fast alle Universitäten erhalten heute ein integratives
intelligentes Netz für ihre Informationsversorgung. Dabei sind
neue Campus-Universitäten im Vorteil gegenüber den alten Universitäten,
die sich z.T. über ganze Großstädte verteilen.
Diese Vernetzung schließt drei Aufgaben ein.
1. Die Lösung der technischen Probleme
2. Die Lösung der theoretischen Probleme.
3. Die Lösung der Verwaltungsprobleme
.
Wenn ein solches System evolutionär und nicht revolutionär
entstehen soll, so muß zunächst die UB und das URZ mit ihren
jeweiligen Aufgaben zusammenarbeiten. Für beide gemeinsam muß
aber, und das ist neu, eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung Voraussetzungen
schaffen, um sich den modernen Anforderungen anzupassen. Dienstleistungsunternehmen
wie UB's und URZ's allein können dies nicht leisten. Der frühere
Leiter des URZ Ulm hat als ein Mann, der seine Verpflichtungen ernst
nahm, diesen Mangel, nicht ausreichend innovativ wirken zu können,
sehr bewußt empfunden. Auch als Bibliothekar fühlt man sich
dieser Unzulänglichkeit immer wieder ausgeliefert. Stoltzenburg
spricht im Zusammenhang mit dem fehlenden Flucht- und Zielpunkt der
Bibliothekare von der individuellen Nörgelei. Sie ist eigentlich
nichts anderes als eine Äußerung dafür, daß jeder
weiß, daß hier etwas falsch ist, aber jede Grundlage fehlt,
es wirklich besser zu machen. Insofern ist die Literatur zu Bibliotheksthemen
voll von Bibliothekspolitik, aber mager an wissenschaftlich fundierten
Untersuchungen.
Ein Teil der Forschung an einer solchen praxisnahen Entwicklungsabteilung
könnte über Projektgelder gefördert werden, aber ständige
Verbesserungen, Effektivitätsüberwachungen und Innovationsfolgeuntersuchungen
müßten in einem Haushalt verankert sein. Auch wenn gerade
in einer solchen Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Wettbewerb
der Universitäten wirksam wäre, so hieße das nicht,
daß Denkanstöße, Untersuchungsergebnisse oder Gemeinschaftsprojekte
z.B. von bzw. mit dem dbi oder der GMD überflüssig wären.
Im Gegenteil, es wäre damit zu rechnen, daß hier ein dringend
notwendiger gemeinsamer Innovationsschub wirksam würde.
Wiederholt haben verschiedene Bibliothekare in diversen
Ländern vorgeschlagen, die Kataloge alle 5, 10 oder 30 Jahre abzubrechen
und neu zu beginnen, da der Fortschritt natürlich auch nicht vor
der Sacherschließung oder der Formalen Erfassung halt macht. Trotzdem
ist dieser Gedanke insofern abwegig, weil wir keine Regelhaftigkeit
kennen, die eine dieser Periodizitäten rechtfertigen würde.
Auf der anderen Seite muß klar gesehen werden, daß das Einfrieren
von Strukturen und Standards auf die Dauer zu teuer wird. In der Diskussion
in Bielefeld ist wiederholt der Ruf nach Standards laut geworden. Es
kann auch eigentlich keinen Zweifel darüber geben, daß ein
großer Teil der Bibliotheksstandards nicht mehr national, nicht
einmal mehr kontinental sondern eindeutig interkontinental sein muß.
Das deutsche Bibliothekswesen droht zu lange der Fatamorgana einer Vereinheitlichung
nachzulaufen. Während man in den USA über METAMARC (11)
nachdenkt, wird hier über die Umsetzung der OCLC-Daten sinniert,
dabei liegt der Sinn einer Verbundkatalogisierung gerade in der sofortigen
Nutzung eines Katalogisates.
Auch die Überlegung, UB-Kataloge auf CD-ROM zu verbreiten,
übersieht, daß sich kaum ein Nutzer für den Katalog
einer UB interessiert, wenn er nicht gleichzeitig erfährt, ob er
das gewünschte Buch auch ausleihen kann. Da aber bekanntlich gerade
die gesuchten Bücher die sind, die am wahrscheinlichsten zur Ausleihe
kamen, kann ein solcher Katalog nur online sinnvoll angeboten werden.
Gerade dies dürfte Bielefeld längst gezeigt haben. Es stimmt
zuversichtlich, wenn man hört, daß sich die Bibliothekare
nun endlich auch für die Entwicklungen in Netzen wie EARN, JANET,
BITNET oder DFN interessieren. Zumindest hat es den Anschein, daß
die DFN-Nutzergruppe, die sich am 9.11.1989 konstituierte, hier engagiert.
Was der direkte Zugriff auf die jeweiligen Bibliotheksrechner an Veränderungen
bringen wird, ließe sich leicht in kleinen Tests zwischen den
UB's klären.
Forschung in der Informationsversorgung sollte möglichst
sachbezogen durchgeführt und, wenn erfolgreich, sofort in der Praxis
getestet werden. Wenn die Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen
in Köln beispielsweise seit Dezember 1987 die Einsatzmöglichkeiten
von CD-ROM oder die Datenbanksoftware von Cuadras STAR testete, seit
dem Frühjahr 1989 die Verwendbarkeit eines Scanners mit Schrifterkennung
für die Online-Nutzung von ganzen Zeitschriften bzw. von Sachregistern
ganzer Bücher oder seit Dezember 1989 den Sinn eines HyperCard-Systems
für Bibliotheken und Dokumentationen, so ist dies zwar interessant
und wichtig, es bleibt aber weitgehend wirkungslos. Das Bibliothekswesen
akzeptiert solche Erfahrungen erst, wenn sich eine breite Mehrheit positiv
geäußert hat, und die UB's, wenn die gleiche Technologie
zu ihrer Verfügung steht. Bis dahin gilt alles als Theorie und
als nicht notwendig, als ob die Zeit kostenlos verstreichen könnte.
Es wird viel von dem hohen Wert gesprochen, den die Information darstellt.
Der wahre Preis, den wir täglich zahlen, indem wir Entwicklungen
verschlafen, bleibt meist unberücksichtigt. So haben die meisten
UB's ebenso wie Ulm erst im Jahre 1989 CD-ROM akzeptiert, obwohl die
Vorteile ganz unzweifelhaft erkennbar waren. Ein Medium wie dieses kann
man nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, erst nach ausreichenden
Pilotstudien, wie z.B. in Konstanz einführen.
Pflug hat darauf hingewiesen, daß die Zahl fachlich
kompetenter Kollegen für die Entwicklung von EDV-Systemen viel
zu klein geblieben ist. Die Frage ist allerdings, welche fachliche Kompetenz
sie mitbringen müssen. Wir leben nicht mehr in der Zeit der inzwischen
klassischen Groß-EDV. Der Bibliothekar von heute muß aus
der Vielzahl an Software für Datenbanken die richtige auswählen
und nicht mehr wie früher dem Programmierer erklären oder
womöglich helfen, solche Programme zu schreiben. Auch hier war
und ist die Zusammenarbeit mit den Rechenzentren angesagt. Was aber
fehlte und fehlt, sind kleine forschende Teams, die die Informationsstrukturen
fortentwickeln. Die Voraussetzung für diese Mitarbeiter ist nicht
Wissenschaft als Abfallprodukt, Überstundentätigkeit oder
begrenzte Freistellung, es muß ihre zentrale Aufgabe sein.
Das Bibliothekswesen ist seit langem erstarrt, weil es
keine wirkliche Forschung betrieb. Das alte Rechenzentrum in Ulm litt
unter dem gleichen Handicap.
Es gibt Planungen in Ulm, Forschungsinstitute mit den
notwendigen Aufgaben zu betreuen (8), und es gibt Veröffentlichungen,
die zeigen, daß Ulmer Wissenschaftler an der Erstellung automatischer
Thesauri mitarbeiten (12). Ob diese Ansätze allerdings
eine reelle Chance haben, im Informationsversorgungsbereich eine Anwendung
zu finden, ist noch fraglich, obwohl dies doch sicher der eigentliche
professionelle Sinn sein sollte.
Fachreferenten sind ausgebildete Wissenschaftler, deren
Fähigkeiten oft weitgehend brach liegen müssen. Ihre Aktivitäten
in Forschung und Lehre wurden sicher nicht nur von den Hochschullehrern
in Ulm mit viel Argwohn und Skepsis betrachtet. Wenn es dem Inneren
Kreis nicht gelingt, politisch die Weichen für eine Freisetzung
dieser Potentiale zu stellen, wenn er nicht die Türen für
Forschung und Innovation in den Bibliotheken aufstößt, wird
der Niedergang des Bibliothekswesens unaufhaltsam sein.
1. Pflug, G.: Fünfundzwanzig Jahre
Datenverarbeitung in deutschen Bibliotheken. Mitteilungsblatt NRW 39
(3) S.227-234 (1989)
2. Heim, H.: Anmerkungen aus Bielefeld. Mitteilungsblatt
NRW 39 (3) S.234-242 (1989)
3. Stoltzenburg, J.: Der Innere Kreis als Zentrum deutscher
Bibliothekspolitik - Strukturen und Prozeduren - Bibliotheksdienst 23
(5) S.481-498 (1989)
4. Stellenausschreibung Die Zeit
5. Dorsch, K.-D.: Adolf von Harnacks Ernennung zum General
direktor der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Bibliothek und Wissenschaft
21 S.160-188 (1987)
6. Der Spiegel
7. Die Informationssysteme der Universitäten in
Baden-Württemberg. ZfBB 34 (4) S.257-275 (1987)
8. Großmann, H.-P.: Technische Möglichkeiten
für künftige Informationssysteme an wissenschaftlichen Hochschulen.
Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.284-290 (1989)
9. Saevecke, R.-D.: 25 Jahre Datenverarbeitung in Bibliotheken
der Bundesrepublik Deutschland. ZfBB 36 (5) S.472-475 (1989)
10. Mittler, E.: Lokale Systeme. Ein Diskussionsbeitrag
aufgrund Heidelberger Erfahrungen. Mitteilungsblatt NRW 39 (3) S.256-262
(1989)
11. Hinnebusch, M.: METAMARC: An Extension of the MARC
Format. Inf. Tech. Libr. 8 (1) S. 20-33 (1989)
12. Güntzer, U., Jüttner, G., Seegmüller,
G. und Sarre, F.: Automatic thesaurus construction by machine learning
from retrieval sessions. Inf. Proc. Man. 25 (3) S. 265-273 (1989)
13. Fabian, B.: Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche
Forschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (1983)
14. Fabian, B.: Libraries and humanistic scholarship.
J. Librarianship 18 (2) S.79-92 (1989)
Last update: 7. February 2000 © by Walther
Umstaetter
change: 27 August 2002 Ben Kaden (contextur@aol.com)