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Verabschiedung der Studierenden vom postgradualen Fernstudium

der 7. Matrikel am 13.12.2003

Prof. Dr. Walther Umstätter.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen

oder besser gesagt,

liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

 

Dass ich es für eine aus meiner Sicht absurde Überlegung halte, das Institut für Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität zu schließen, muss ich sicher nicht betonen, und Präsident Mlynek wird sich überlegen müssen, ob er in die Geschichte damit eingehen will, am Beginn des 21. Jahrhunderts die Bibliothekswissenschaft in Deutschland so massiv zu schädigen. Sicher hat sein Vorgänger schon damit begonnen, und andere, die das Deutsche Bibliotheksinstitut (DBI) abwickelten waren nicht weniger schuldig, aber das entlässt ihn nicht aus seiner Verantwortung

 

Lassen Sie mich aber heute über Sie, aus meiner Perspektive heraus sprechen.

 

Im Leben eines Dozenten gibt es zwei Höhepunkte und einen Tiefpunkt.

Der erste Höhepunkt ist der Moment, in dem Menschen Erscheinen um Bibliothekswissenschaft zu studieren. Das ist für unser Institut ein wahrer Quell der Freude.

 

Da strahlt man Begeisterung, Frohsinn, Idealismus und insbesondere Zuversicht aus, und beleuchtet die lichten Höhen des Bibliothekswesens am Horizont. Das ist nicht schwierig, weil die Entstehung von 28 Öffentlichen Bibliotheken in drei Jahrhunderten römischen Reiches, bis zu der halben Million Bibliotheken heute, eine eindeutige Erfolgsstory ist. Wie Sie wissen, war die sogenannte Alexandrinische Bibliothek nach unserer Definition eigentlich noch keine Bibliothek sondern ein Staatsarchiv. Erst die Römer entwickelten ein reges Publikationswesen mit zahlreichen Öffentlichen und Privatbibliotheken. Dieses Bibliothekswesen wuchs seitdem weltweit. Daran gibt es keinen wirklichen oder begründbaren Zweifel, und man könnte versucht sein zu sagen, es wuchs unaufhaltsam.

 

Allerdings darf man nicht übersehen, dass es dazwischen auch herbe Rückschläge, wie im sogenannten finsteren Mittelalter gab, und da herrschte wirklich viel geistige Finsternis. Ich kann hier nicht auf den damaligen Mangel an Papyrus und Pergament eingehen, darauf dass damit Klosterbibliotheken etwas viel zu seltenes und zu kostbares wurden, die Zahl der Analphabeten zunahm, und auch nicht darauf, dass eigentlich die alten Chinesen an allem Schuld waren, weil sie rund tausend Jahre die Papierproduktion geheim hielten. Mit ihrer Begabung so etwas schönes zu produzieren hatten sie auch die moralische Pflicht, es nicht für sich zu behalten. Beim Schießpulver kann man das anders sehen, aber hier bin ich ihnen sozusagen knapp tausendneunhundert Jahre zu spät noch immer böse, denn sie haben sich und dem Rest der Welt erheblichen Schaden zugefügt.

 

Ich kann hier auch nicht darauf eingehen, wie wichtig es also ist, Wissen zu publizieren, und damit ein Urheber- und ein Patentrecht mit Hilfe der Bibliotheken zu schützen. Ich will nur sagen, dass die Hochkultur der Römer, der Tiefpunkt des Mittelalters und auch der spätere Aufschwung in der Aufklärung immer etwas mit dem Bibliothekswesen  zu tun hatten. Erst nach der Aufklärung trat ein stetiges Wachstum von jährlich 3,5 Prozent auf, dass seit über drei Jahrhunderten, wie Sie alle wissen, konstant ist und dafür gesorgt hat, dass im letzten Jahrhundert 97% aller Bibliotheken in dieser Welt entstanden.

 

Wir wissen aber natürlich nicht, wie viel geistige Umnachtung in der einen oder anderen Machtpolitik heute noch steckt. Oder besser gesagt, wir wissen es schon, es ist ja unübersehbar, aber wir wissen nicht wie virulent sie werden kann. Insofern brauchen wir dringend Mitstreiter, die eine neue mittelalterliche Verfinsterung vermeiden helfen.

 

Der Krieg gegen die Dummheit, ist vermutlich der einzige Krieg, der keine Pazifisten duldet. Er ist aber auch kein Krieg, den man mit Waffengewalt sondern eben mit Bibliotheken und Bibliothekarinnen führt. Sie kennen das lateinische Wortspiel: Claustrum sine armario sicut castra sine armamentario: Ein Kloster ohne Bücherei ist wie eine Burg ohne Waffenkammer.

 

Sie haben nun nicht nur das Recht, sich Bibliothekwissenschaftler zu nennen, Sie haben nun auch die Pflicht dieses Wissen sachgerecht einzusetzen. Ob Sie sich darüber freuen können, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Bekanntlich machen Niederlagen, die man immer wieder hinnehmen muss, wenig Spaß, aber der Sieg um so mehr. Viel Feind viel Ehr ist damit die Losung heutiger Bibliothekswissenschaftlerinnen. Dafür verringert sich langsam die Gefahr von Leitern zu stürzen oder von Folianten erschlagen zu werden. Sie haben, zumindest wünsche ich Ihnen dies, eine hohe Lebenserwartung, aber darauf komme ich noch zurück.

 

Der Tiefpunkt, von dem ich vorhin sprach, und den ein Dozent durchlebt, wird bei den Prüfungen durchschritten. Da leidet man, wenn auch nicht in dem Maße wie die einzelnen Prüflinge, so doch immer wieder neu, bei jeder Frage, die nicht richtig oder auch nur unzulänglich beantwortet wird. Ununterbrochen hat man Angst, es könnten Mängel zutage treten, die einen zwingen ein Mangelhaft auszusprechen. Man wird von Selbstzweifeln gepeinigt, weil man nicht weiß, ob man sich so undeutlich ausgedrückt hat, unpädagogisch war oder ob es wirklich so kompliziert ist, was man da im Semester zu vermitteln versuchte bzw. publiziert hat.

 

Sicher merken die Prüflinge oft nicht was an ihren Antworten alles falsch ist, weil wir das nicht selten übergehen, denn wir wollen gar nicht wissen, was Sie alles nicht wissen, das ist wie bei uns selbst annähernd unendlich viel. Wir haben die Aufgabe herauszufinden, was Sie wissen. Dazu kommt, dass so manche Unkenntnis, nichts anderes ist, als das was wir state of the art nennen können, die Unkenntnis der Fachwelt. Denken Sie nur an die zahllosen „Virtuellen Bibliotheken“ die oft nichts anderes als online Kataloge sind, oder an den Mangel an Kenntnissen über die Informationstheorie, aus dem heraus immer wieder betont wird, das es Bibliotheks- und Informationswissenschaft heißen muss. Eigentlich ist das tautologisch, denn Bibliothekswissenschaft kann nichts anderes sein, als eine Informations- und (Informations)Medienwissenschaft. Im Kampf um ein modernes Bibliothekswesen müssen wir es aber immer und immer wieder wiederholen. Genauso, wie wir deutlich machen müssen, dass die postindustrielle Gesellschaft nichts dringender braucht als ein zeitgemäßes Wissenschaftsmanagement mit einem entsprechenden Wissensmanagement, und das geht nicht ohne Bibliotheken.

 

Ich habe früher nicht gewusst, wie viel Ärzte, Tierärzte oder auch Psychologen, wenn sie approbiert sind bzw. ihr Studium abgeschlossen haben, merken, dass sie im nachhinein betrachtet eigentlich ihre Prüfung nicht hätten bestehen dürfen. Oder anders gesagt, dass ihre Ausbildung unzureichend war. Das hat mein Selbstbewusstsein wieder sehr gestärkt, weil ich sah, dass man nicht nur bei mir nichts lernt. Schätzungsweise jede dritte Behandlung eines Arztes ist falsch, und es gibt auch keinen direkten Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung eines Landes und der dort beschäftigten Zahl an Ärzten. Die Korrelation zwischen der sogenannten literacy oder Belesenheit und der Lebenserwartung in einem Land ist eindeutig höher. Sie haben also gute Chancen so manche Dummheit zu überleben

 

Das wir vermutlich zu viele Menschen in Prüfungen durchlassen, könnte man als einen Fehler ansehen, der  bei Bibliothekaren und Bibliothekswissenschaftlern aber sicher nicht höher ist, als bei Ärzten oder anderen Absolventen. Nun werden Sie verschmitzt denken, bei der Ernennung von Professuren kann man das auch feststellen – ich widerspreche Ihnen in diesem Punkt keineswegs, weil ich es nicht kann. Ich mache lediglich darauf aufmerksam, dass es vermutlich und erfahrungsgemäß ein noch größerer Fehler wäre, mehr Prüflinge oder auch Habilitanden durchfallen zu lassen. Wir haben nicht nur zu wenig Bibliothekare und viel zu wenig Bibliothekswissenschaftler in Deutschland, wir haben ohnehin schon zu wenig Professoren in diesem Bereich. Und bedenken Sie, was Ihnen entgangen wäre, wenn man mich gehindert hätte in den letzten Jahren vor Ihnen zu stehen. Zumindest ist mir nicht entgangen, wie oft Sie sich amüsiert haben:

 

Man darf die Dinge nicht genauer nehmen als sie sind. Auch darum bestanden viele von Ihnen. Der Hauptgrund ist aber ein anderer, Sie bewiesen die Fähigkeit der Ausdauer. Darum haben Sie sich diesen Abschluss redlich verdient. Unterschätzen Sie nicht die Bedeutung der Ausdauer in jeder menschlichen Ausbildung, sie ist meist wesentlich wichtiger als die viel gepriesene Intelligenz, Begabung, Genialität oder wie man jetzt zu sagen pflegt, die Exzellenz. Schon bei denen die gern und viel von Exzellenz sprechen, sucht man sie nicht selten am längsten. Wiederholt haben hochbegabte Genies darauf hingewiesen, dass 99 Prozent ihrer Leistung aus Arbeit und Ausdauer bestand.

 

Ich füge diesen Wermutstropfen, dass Sie vermutlich nicht alle nur exzellente Prüfungen abgelegt haben, dem Glas der Freude, das Sie heute trinken, nur hinzu, um Ihnen zu sagen, werden Sie nicht müde weiteres Wissen in  der Bibliothekswissenschaft zu tragen. Erwerben Sie es für sich und für die Allgemeinheit, wir brauchen es in Deutschland dringender denn je. Sie haben ein Zertifikat erworben, das Sie berechtigt nun endlich erfolgreich zu arbeiten.

 

Und dies ist nun der zweite Höhepunkt im Leben eines Dozenten, wenn Sie, die Sie uns regelmäßig besucht haben, nicht mehr kommen. Sie feiern also, wenn ich das richtig sehe, dass Sie, bzw. die meisten von Ihnen, uns nicht mehr zu sehen brauchen. Das ist zwar unhöflich aber verständlich.

 

Und ehrlich gesagt, fällt es uns auch gar nicht schwer diese Freude mit Ihnen zu teilen, denn das war ja wohl unser gemeinsames Ziel, und das ist nun erreicht. Außerdem hoffen wir einige von Ihnen bei der Absicht zu promovieren weiter unterstützen zu können.

 

Wir haben z.Z. über vierzig Promovenden, was eigentlich viel zu viel ist. Diese sind aber auch recht unterschiedlich aktiv und werden voraussichtlich auch nicht alle zu einem erfolgreichen Abschluss kommen. Trotzdem begrüßen wir jede Absicht, diese neue Arbeit nun als nächstes auf sich zu nehmen, weil das deutsche Bibliothekswesen das dringend braucht. Ich könnte nun zwar sagen, wir tun das nur, weil wir so gerne sehen, wie andere Leute Arbeiten, das ist aber nicht die ganze Wahrheit, wir tun das auch, um uns mit fremden Federn zu schmücken. Nämlich mit den schönen Federn, mit denen Sie die Digitale Bibliothek hoffentlich erfolgreich beflügeln, damit die Nationalökonomie des Geistes, wie es Harnack 1921 nannte, siegt. Darum denke ich, dass Sie sich darüber bewusst sein sollten, Mitstreiter in einem nicht ganz unwichtigen Kampf zu sein. Er ist vermutlich wichtiger, als der, den die Mediziner gegen Krankheiten und Landwirte gegen den Hunger in dieser Welt kämpfen. Bei den Ärzten ist es meist spektakulärer und teurer, aber deshalb noch lange nicht so effektiv.

 

Als die Vereinigten Staaten 1957 ihren Sputnik Schock hatten (und ich weiß, dass dieses Stichwort von mir als centerum censeo hier von Ihnen erwartet wird), nahmen sie 1963 den Beginn der Digitalen Bibliothek in Angriff. Die Digitale Bibliothek feiert somit ihr 40 jähriges Bestehen. Damals haben die USA sich schrittweise eine Machtposition geschaffen, die sie heute ohne Zweifel zum gefürchtetsten Land der Welt gemacht hat. A. Weinberg hat die damaligen Entscheidungen später durchaus berechtigt mit denen der Könige im Zweistromland Euphrat und Tigris verglichen. Sie gewannen ihre Macht daraus, dass sie entschieden, wer Wasser bzw. heute Information bekommt und wer nicht. Die folgenden drei Thesen zu falsi- bzw. verifizieren ist nur ein kleiner, aber nicht unwichtiger, Bereich der Bibliothekswissenschaft.

 

Sie sollten meine Meinung nicht ungeprüft teilen, dass das Bibliothekswesen, auf der Basis der Informationstheorie, und als Nationalökonomie des Geistes, einer der wichtigsten Faktoren in unserer Wissenschaftsgesellschaft von heute ist, und ich betone immer wieder, dies ist keine Wissensgesellschaft, wie viele meinen, weil sie einen gravierenden Mangel an Wissen hat. Sie braucht dringend neues Wissen und lebt immer mehr von ihrer Wissenschaft, so wie sie früher vom Sammeln und Jagen, später von der Landwirtschaft und danach von der Industrie lebte.

 

Ich bin ganz sicher, dass Sie zwangsläufig zum selben Ergebnis kommen, wenn Sie lange genug darüber nachdenken, und ich gebe ehrlich zu, dass ich selbst sehr lange gebraucht habe, bis mir diese eminente Bedeutung des Bibliothekswesens in dieser Klarheit sichtbar wurde. Wenn ich mich aber irren sollte, lassen Sie es mich bitte wissen. Wir kämpfen gemeinsam um mehr Wissen im Bibliotheksbereich, nicht darum Halbwissen zu verteidigen. 

 

Insofern gratulier ich allen die es geschafft haben, wünsche eine frohe Feier und ab Montag gilt, was „Papa“ Heuss bei der Gründung der Bundeswehr sagte:

„Dann kämpft mal schön.“

 

 

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