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Vorträge



Lecture held at the Technical University in Berlin 31.3.2000, at the meeting of the Society for Science Studies (GeWiF - Gesellschaft für Wissenschaftsforschung): Meeting title: Wissenschaft und Innovation (Science and Innovation)

Knowledge Acquisition – Wissenserwerb

Umstätter, W.

Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin

Es gibt nur ein einziges Gut für den Menschen:
Die Wissenschaft.
Und nur ein einziges Übel:
Die Unwissenheit.
Sokrates

Zusammenfassung

Wissen erfordert im Gegensatz zu Information einer Begründung, aus der heraus wir annehmen können, dass es zutreffend, verlässlich oder zumindest wahrscheinlich ist. Diese Begründung kann auf sehr verschiedenen Mechanismen beruhen, so kann es sich aus bereits vorhandenem Wissen logisch ableiten lassen, es kann auf zum Teil langjähriger eigener Erfahrung beruhen und es kann insbesondere in der Wissenschaft darauf beruhen, dass wir das Wissen von Kollegen, die für uns bereits ein gewisses Renommee besitzen, übernehmen. In gewisser Hinsicht hat diese Form des Wissenserwerbs etwas mit dem sogenannten Matthäus-Effekt zu tun. Wobei wir allerdings keinesfalls annehmen können, dass Publikationen, die oft zitiert werden an Glaubwürdigkeit gewinnen. Im Gegenteil, oft zitierte Literatur zeichnet sich nicht selten dadurch aus, dass sie besonders umstritten und damit auch viel diskutiert ist. Der wahre "Matthäus-Effekt" liegt vielmehr darin, dass Autoren mit wachsendem Publikationsaufkommen überproportional häufig zitiert werden. Während eine Publikation, die im Science Citation Index erscheint im Durchschnitt nur 1,2 mal zitiert wird, finden die Publikationen von Autoren, von denen 30 und mehr Aufsätze pro Jahr zitiert werden eine Zitationsrate von etwa 2,2. Wir verdoppeln somit unser Aufmerksamkeit bei diesen produktiven Wissenschaftlern, auch wenn das nicht bedeuten muss, dass wir deren Wissen weniger kritisch begutachten.

Summary

Knowledge requires a reason - in contrast to information - wherefrom we can presume it's reliability or at least possibility. The reason can be founded on several mechanisms: it can be deduced from already gained knowledge, in can be founded - to a certain amount - on personal experience and - especially in science - it can result from adaption of knowledge by colleauges, who a got a competency at the certain field, that we accept. In a way, this kind of knowledge acquisition is connected to the socalled Matthäus-Effect. But it is not sure, that often cited articles gain a bigger plausibility. Often it's quite the contrary: the more often cited literature is not seldom very controversial and therefore more discussed than the averagely cited literature.
The true "Matthäus-Effect" states, that authors with an increasing publishing activity will be cited in a disporproportionate way.
Whereas a publication, which is recorded at the SCI will be averagely cited about 1.2 times, a publication written by an author who publishes 30 or more articles in a year will be cited averagely 2.2 times. The attention paid to such an author is about twice as high as those, who is paid normally.

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Einleitung

Wissenschaftliche Bibliothek waren schon immer die wichtigste Rationalisierungsmaßnahme in der Wissenschaft. Sie wurden durch die moderne Dokumentation, insbesondere durch die Online-Dokumentation, bei der Vermeidung von Doppelarbeit erheblich verbessert und zum Informationsmanagement weiterentwickelt. Dieses hat inzwischen, über die Dokumentation von Fakten- und Volltextbankenbanken, zum Knowledge management mit Wissensbanken geführt, so dass sich zunehmend wissenschaftliche Bibliotheken als Knowledge Management Centers betrachten und auch so bezeichnen.

Dieser Vorgang geht mit dem Wechsel von der Little Science zur Big Science einher, in der sich inzwischen die internationale Fließbandproduktion von Wissen im Internet etabliert (Umstätters, W. 2000). Wissen ist ebenso wie Information unendlich, wenn es unendlich genau sein soll. Da wir aber ein solches unendlich exaktes Wissen nicht erwerben können, ist unser reales Wissen immer mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet, dafür aber endlich. In erster Näherung gilt: Je unschärfer unser Wissen ist, desto schwerer widerlegbar ist es auch. Wissenserwerb ist damit immer an Wahrscheinlichkeiten gebunden.

Knowledge acquisition bedeutet die Einarbeitung eines erworbenen Wissens in das bereits vorhandene Wissen. Entsprechend dem mittleren Informationsgehalt ist der mittlere Gehalt an Wissen grundsätzlich dadurch bestimmt, wie weit Informationen vorhergesagt werden kann. Bei genauer Betrachtung unterscheidet sich Wissenschaft von Forschung darin, dass die Ergebnisse dieser Forschung nicht vorhersehbar sind. Dies gilt insbesondere für die Grundlagenforschung. Dagegen beschäftigt sich Wissenschaft, und speziell die Big Science, mehr und mehr damit Vorhersagen, die die Wissenschaft aus ihrem bereits vorhandenen Wissen abzuleiten vermag, zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.

Angewandte Wissenschaft konzentriert sich soweit als möglich auf Innovationsprozesse, die den gesamten Vorgang von der Entstehung einer Idee bis zu ihrer verbreiteten Anwendung in der Gesellschaft (National Science Foundation) umfassen. Diese Definition der NSF entspricht im Prinzip der von A. Schumpeter (1883-1950): "... that is the process of finding economic application for the inventions...". Zum Vergleich dazu bemüht man sich in Japan, nach Imai, Masaaki, (*1930 - ) weniger um Innovationen im Sinne revolutionärer Neuerungen, als vielmehr um das Kaizen, die kontinuierliche Verbesserung (jap. Kai = Veränderung, Wandel, Zen = zum Besseren) der Weg der kleinen Schritte, die Innovation, der Weg der großen Schritte.

So wie der finanzielle Wert von Informationen nichts mit der Messbarkeit in Bit zu tun hat, wird auch der Marktwert des Wissens durch Angebot und Nachfrage, und damit durch Geld bestimmt, und nicht durch die Menge an Wissen, die im Prinzip einer Informationskompression entspricht. Insofern ist die Nachfrage nach Wissen auch oft unabhängig von dessen Qualität. Warenmärkte sind stark situationsbedingt, wie bereits Shakespeare in seinem Trauerspiel "Richard III" deutlich machte, als er den König ausrufen ließ: "mein Königreich für ein Pferd". Wissenschaft sollte wegen dieser Situationsabhängigkeit dagegen weniger auf Marktwerte achten, als vielmehr auf die Qualität, die nur durch inhaltliche Prüfung feststellbar ist. Außerdem kommt es in der Wissenschaft weitaus mehr darauf an, aus einer Begründung heraus möglichst viel Information möglichst exakt vorhersagen zu können.

Der Science Citation Index gibt bekanntlich keine Auskunft über die Qualität von Publikationen. Er zeigt vielmehr an, was man wissen muss bzw. was in der Fachliteratur diskutiert wird.

Information kann empfangen oder gesendet werden, Wissen dagegen, nur aus sich heraus wachsen. Es kann bei genauer Betrachtung nicht konstruiert, nicht organisiert und auch nicht strukturiert werden. Wissen organisiert sich ebenso wie das Leben aus sich selbst heraus. Hier handelt es sich somit um Selbstorganisation im eigentlichen Sinne, im Gegensatz zu einer Reihe von Erscheinungen, die als Selbstorganisation bezeichnet werden, aber oft nur Musterbildungen sind.

Damit ergibt sich als erstes die Frage, wie wir Wachstum und Selbstorganisation definieren. Wachstum ist eine Erscheinung, in der ein System aus inneren Ursachen heraus eine Größenzunahme oder eine Umgestaltung vornimmt. Die Biologie unterscheidet daher bei lebenden Systemen zwischen Größen‑ und Differenzierungswachstum. Entsprechende Beobachtungen lassen sich aber auch an Kristallen, die wir nicht zu den Lebenden Systemen zählen, bei sozialen Systemen und ebenso beim Wissen machen. Das Wissen der Welt, so wie es in den Bibliotheken gesammelt wird, wächst unaufhaltsam in seinem Umfang (Größenwachstum), aber auch in seiner permanenten Umgestaltung (Differenzierungswachstum), in der fehlerhafte Theorien berichtigt und ergänzt werden.

Selbstorganisation beobachten wir, nicht zufällig, auch nur in lebenden Systemen und bei der Entstehung von Wissen. Die Übertragung solcher Überlegungen auch auf gesellschaftliche Analogien liegt nahe, und ist auch durchaus mehr als nur eine Analogie, weil gesellschaftliche Systeme Erscheinungen wie Irritabilität, Metabolismus, Reproduktion und Wachstum aufweisen - Eigenschaften, die das Leben kennzeichnen. Insofern gibt es nicht nur das individuelle Wissen des Einzelindividuums, sondern auch ein Wissen im Sinne Poppers Welt 3.

Wenn wir Wissen als begründete Information definieren, so übernehmen wir eine althergebrachte Definition. So definiert Platon Wissen als „wahre, mit Begründung versehene Meinung“ (Brockhaus 1994). Heute können wir die Definition allerdings auf das Fundament der Informationstheorie stellen (Umstätter, W. 1992). Information ist hier nicht der Allerweltsbegriff, der teilweise bis zur Inhaltslosigkeit verkommen ist, sie unterscheidet sich eindeutig von Redundanz und Rauschen. Über das Rauschen können wir nichts wissen, weil es gerade dadurch definiert ist, dass es den unverständlichen Teil einer Nachricht enthält. Und Redundanz ist gerade der Teil einer Nachricht, mit dem eine Information begründet werden kann.

Begründung erfordert zwei Eigenschaften:

  1. die Redundanz, die zur jeweiligen Information gehört
  2. die Relationen, die die Informationen und ihre Redundanzen verbinden.

Bei der Akquisition von Wissen bzw. acquisition of knowledge, müssen wir zunächst auf die homonyme Bedeutung des Wortes Erwerb achten.

Wissen kann im Sinne des Goethe-Wortes:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,

Erwirb es, um es zu besitzen.“ (Faust im nächtlichen Gespräch mit Wagner)

erworben werden. Es kann aber auch mit der völlig anderen finanziellen Vorstellung verbunden sein, auf die Papst Innozenz III. (~1160 – 1216) mit den Worten hinwies:

„Des Reichtums Erwerb ist mit Mühe und Arbeit verbunden,

sein Besitz von Furcht und sein Verlust von Schmerzen begleitet.

Immer ermüdet und beschwert er die Seele.

Dazu gehört auch der Erwerb von Büchern, in denen Wissen enthalten ist, dessen Nutzungsrecht wir bezahlt haben, das aber noch nicht in unseren Besitz (im Sinne Goethes) übergegangen sein muss. Im juristischen Sinne erwerben Bibliotheken heute immer häufiger nur noch Nutzungs- bzw. Besitzrechte, ohne ein Eigentumsrecht, was für die Langzeitarchivierung nicht unproblematisch ist.

In Bibliotheken verstehen wir unter dem seit langem eingeführten Begriff Akquisition die Auswahl, Bestellung, Erwerbung und Einarbeitung von Bibliotheksmaterialien in den Bestand. Insofern müssen wir bei der Wissensakquisition auch die Auswahl dessen, was wir erwerben wollen und können berücksichtigen. Hinzu kommt die Einarbeitung eines erworbenen Wissens in das bereits vorhandene Wissen.

In den meisten Fällen, und auch dies muss klar unterschieden werden, erwerben wir Informationen, anstelle von Wissen, die wir in unser bereits vorhandenes Wissen einfügen. Wir folgen damit dem, was Alexander von Humboldt „ein frühes Ahnen“ nannte, das „dem späten Wissen voraus“ geht. Dieses Ahnen besteht bei genauer Betrachtung aus unserem bereits vorhandenen Wissen, das uns eine begrenzte Zahl an Möglichkeiten der Weiterentwicklung dieses Wissens anbietet. Innerhalb dieser Möglichkeiten suchen wir, oft unbewusst, Informationen, die diese Möglichkeiten in ihrer Wahrscheinlichkeit erhöhen oder vermindern. Insofern ist Wissen immer an bedingte Probabilitäten geknüpft.

Einstein ging noch einen Schritt weiter, als er behauptete: „Phantasie ist wichtiger als Wissen.“, wobei wir hinzufügen müssen, beim Erwerb neuen Wissens.

Wissen ist ebenso wie Information unendlich, wenn es unendlich genau sein soll. Da wir aber ein solches unendlich exaktes Wissen nicht erwerben können, ist unser reales Wissen immer mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet, dafür aber endlich. In erster Näherung gilt: Je unschärfer unser Wissen ist, desto schwerer widerlegbar ist es auch.

Bedenkt man, dass sich der mittlere Gehalt an Wissen grundsätzlich dadurch bestimmen lässt, wie weit bestimmte Informationen vorhergesagt werden können (Umstätter, W. 1998), so können diese Informationsmengen groß sein, weil sie eine weiten Bereich abdecken, aber auch deshalb, weil sie einen kleinen Bereich mit sehr hoher Präzision beschreiben.

Abb.1: Hyperbolische Abnahme der Häufigkeit, mit der Aufsätze zitiert werden.

Folgt man den Beobachtungen von de Solla Price (1963), so verteilt sich die Zahl an Publikationen pro Autor in charakteristischer Weise nach Lotkas 1/x2-Funktion. Berücksichtigt man dagegen nur die Publikationen, die jährlich zitiert werden, so zeigt Abb. 1 deutlich, dass dies einer hyperbolischen (1/x) Funktion entspricht. Damit wird deutlich, dass Autoren, die vergleichsweise wenig publizieren, weitaus seltener zitiert werden, als solche, die hohe Publikationszahlen haben. Diese Bevorzugung der Autoren mit zahlreichen Publikationen steigt gegenüber dem Lotkaschen Gesetz linear mit der Zahl an Publikationen an (Abb. 2b).

Abb. 2a: Zunahme der Wahrscheinlichkeit, dass Arbeiten von Autoren mit mehreren Publikationen häufiger zitiert werden.

Abb. 2b: Bei der Multiplikation der Ordinatenwerte von Abb. 2a mit den entsprechenden Abszissenwerten erkennt man sehr schön, dassein Autor die Wahrscheinlichkeit zitiert zu werden mit jeder neuen Publikation linear erhöht.

Wie die Abbildung 2a zeigt, werden die Arbeiten von Autoren, die über dreißig zitierte Publikationen pro Jahr (1999) hatten, doppelt so häufig zitiert, wie die von Autoren, die 1999 nur einen zitierten Aufsatz im Science Citation Index hatten. Dabei wurden immer zehn Werte zusammengefasst, um die Streuung zu dämpfen.

Der lineare Anstieg in Abb. 2b macht deutlich, dass der Matthäus-Effekt sich nicht, wie man annehmen sollte, auf bestimmte Publikationen auswirkt, aber durchaus auf die Autoren. Je bekannter ein Autor im Laufe der Zeit wird, desto wahrscheinlicher werden seine Publikationen zitiert. Das bedeutet aber auch, dass ein Aufsatz, der bekannt wird, dazu führt, dass andere Autoren, die auf dem gleichen Gebiet arbeiten, die Tätigkeit des Autoren, der diesen Aufsatz schrieb, weiter verfolgen. Sie zitieren somit nicht das was sie zitiert finden, wie es der Matthäus-Effekt nahelegt, sondern das was sich daraus wissenschaftlich weiter entwickelt.

Diese Beobachtung deckt sich vermutlich auch mit den Ergebnissen von M. Bonitz (2000), der den "Matthäus-Effekt" für Länder seit 1994 wiederholt zeigen konnte. Dabei werden aber auch nicht bestimmte Publikationen aus den einzelnen Ländern herangezogen, die im Laufe der Zeit immer häufiger zitiert werden, vielmehr spiegelt das Ergebnis von Bonitz das Renommee dieser Länder in den Wissenschaftsdisziplinen wider, die im Science Citation Index eine Rolle spielen

Der eigentliche Matthäus-Effekt, bei dem man annehmen sollte, dass eine bestimmte Publikation mit zunehmender Zitation immer häufiger zitiert wird, weil immer mehr Leser davon Kenntnis bekommen, wird von der Uncitedness III kompensiert (Umstätter, W. 1999), weil allgemein bekannte Ergebnisse, wie z.B. die Evolutionstheorie Darwins, die Bestimmung von Zucker mit der Fehlingschen Lösung oder auch der "Matthäus-Effekt" oft nicht mehr im Original zitiert werden.

Literatur

  • Price, D.J. de Solla: Little Science, Big Science (1963)
  • Umstätter, W.: Die evolutionsstrategische Entstehung von Wissen. In: Fortschritte in der Wissensorganisation Band 2 (FW-2) Hrsg. Deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für Wissensorganisation e.V. S.1-11, Indeks Verl., Frankfurt a.M. (1992)
  • Umstätter, W.: Die Messung von Wissen. Nachr. f. Dok. 49 (4) S.221-224 (1998)
  • Umstätter, W.: Bibliothekswissenschaft als Teil der Wissenschaftswissenschaft - unter dem Aspekt der Interdisziplinarität. S.146-160. In: Interdisziplinarität - Herausforderung an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hrsg. Umstätter, W. und Wessel, K.-F.; Ersch. in Berliner Studien zur Wissenschaftsphilosophie & Humanontogenetik. Kleine Verlag Bielefeld (1999)
  • Umstätters, W. 2000)

Last update: 16.5.2001 © by Walther Umstaetter