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Die Fragen lauteten:
1. Wie definiert sich Dokumentation?
2. Seit wann gibt es Dokumentation?
3. Welche Rolle spielte der Sputnik-Schock?
4. Worin liegt die Bedeutung der Chemiedokumentation?
5. Welche Rolle spielte die Medizindokumentation?
Dokumentation
ist definiert als: Sammlung und Speicherung, Klassifikation und Selektion, Verbreitung
und Nutzung von Information jedweder Form. ("the collection and storage, classification
and selection, dissemination and utilisation of all types of information", FID,
1960, S.9).
Aus dieser Definition wird allerdings erkennbar, daß sich Dokumentation
schon seit längerem nicht nur mit dem Nachweis von Literatur, von Bild-
und Tondokumenten beschäftigt, sondern auch mit der Archivierung von Sammlungen
vielfältigster Art. Die damit einhergehende Unterscheidung von Dokumentation
der Medien und ihrer Inhalte findet in Bibliotheken ihre Entsprechung in der
formalen und sachlichen Erschließung. Insoweit, als Dokumentation digital
gespeicherte Information auch archiviert, bildet sie eine Klammer zwischen Bibliothek
und Archiv. Ihre Hauptaufgabe, die Erschließung von Objekten, ist für
Archivbestände, Publikationen oder Museumsobjekte gleichermaßen von
Bedeutung. (Ewert, G. und Umstätter, W. 1997)
Die Bestimmung des Wortes 'Dokument' ist nicht unproblematisch, zumal hier irritierende Begriffsbestimmungen existieren. Während Th. SEEGER (Grundlagen... 1997, S.15) definiert: Dokumente sind "die Einheit eines Trägers dokumentarischer Daten und bilden den 'Rohstoff', aus dem dann dokumentarische Daten gewonnen werden, die in Form von Informationsdienstleistungen an den Benutzer weitergegeben werden", formulieren im selben Buch H.-J. MANECKE und Th. SEEGER (Grundlagen ... 1997, S.20) den Begriff 'Dokument' als: "Eine inhaltlich begrenzbare Einheit von Wissen, welches auf einem materiellen Träger dauerhaft fixiert ist". Da die Beziehungen, Dokument als Rohstoff und Daten als Dienstleistung nicht unproblematisch ist und Dokumente nicht immer Wissen (verstanden als begründete Information) enthalten definieren Ewert, G. und Umstätter, W. (Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung. Hiersemann Verlag - Stuttgart (im Druck) 1997):
"Dokumente sind als Oberbegriff verschiedener Dokumenttypen (Akten, Bilder, Bücher, Briefe oder Tonaufzeichnungen) handhabbare informetrische Einheiten, die sich auf verschiedenen Informationsträgern befinden können und damit sehr unterschiedlichen Umfang und variable Gestalt zeigen."
Damit wird die ältere Trennung von Dokumentarischer Bezugseinheit (DBE) und Dokumentationseinheit (DE) vermieden, die den vielfältigen Beziehungen von Dokumenten zueinander nicht gerecht wird und bereits bei der Volltextspeicherung inhaltslos wurde (die DE wurde selbst zur DBE). Diese Unterscheidung konnte sich im Bibliotheksbereich ohnehin nicht durchgesetzt. Die informetrische Bestimmung von Dokumenten ist vom jeweiligen Dokumententyp abhängig, kann aber gerade im digitalen Bereich präzise in Bit angegeben werden.
Der Begriff Dokumentation
stammt von Otlet, P. 1905 - nachzulesen bei Laisiepen, K., Lutterbeck, E. und
Meyer-Uhlenried K.-H.: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation.
Eine Einführung / 2. Auflage; Verl. K. G. Saur, München (1980). Es
war die wohl bekannteste internationale Bemühung eines weltweiten Literaturnachweises
von 1892, die von Otlet und Lafontaine in Brüssel mit vollem privatem Risiko
das "Office International de Bibliographie" (OIB) gestartet worden war. Sie
gründeten das Institut 1895, das die amtliche Anerkennung der belgischen
Regierung erhielt und zum "Institut International de Bibliographie" (IIB) führte.
Bereits 1898 war der verzeichnete Bestand der geplanten Universaldokumentation
auf eineinhalb Millionen gewachsen. Noch weitere zehn Jahre wurde, wie es heißt,
daran mit unglaublichem Idealismus weitergearbeitet, bis auch dieses Unternehmen
1908 als unrealisierbar erkannt, sein Ende fand. Übrig blieb die Auseinandersetzung
mit der Dezimalklassifikation (DK), die nun zum eigentlichen Aufgabengebiet
des IIB wurde.
Diese Dokumentation verbindet sich damit sehr stark mit der Dezimalklassifikation
und folglich auch mit den aufkommenden Lochkartensystemen. Sie kann heute als
"ausgestorben" angesehen werden.
Bezieht man die Dokumentation auf die bibliographischen Erschließungssysteme, in denen sie zweifellos ihre Wurzel haben, so entstand seit den sechziger Jahren eine moderne Dokumentation, die sog. Online-Dokumentation. Sie verbindet sich mit dem Weinberg Report von 1963, in dem empfohlen wurde, wichtige Bibliografien zu digitalisieren. Ihre Wurzel liegt in den Abstractorganen bzw. Referateblättern, wie Price, D. J. (1963, deutsche Übersetzung 1974) vielzitiert in seinem Buch Little, Science Big Science nachweist, indem er das exponentielle Wachstum von Zeitschriften und Referateblättern durch logarithmische Auftragung parallelisiert. Aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß das "Chemisches Zentralblatt" von 1830 (zu Beginn als "Pharmaceutisches Central-Blatt" bezeichnet, mit 400 Abstracts), als erstes großes internationales Dokumentationssystem kein Zufall war, sondern eher als der Beginn einer kontinuierlichen Entwicklung angesehen werden muß, die seitdem ungebrochen anhielt. Das Chemische Zentralblatt mußte 1969 mit 200,000 Abstracts pro Jahr sein Erscheinen einstellen, da immer deutlicher wurde, daß ein Publikationsaufkommen dieser Größenordnung mit konventionellen Methoden nicht mehr wirtschaftlich zu beherrschen war. Inzwischen wurde es daher durch ein anderes großes internationales Dokumentationssystem ersetzt, die amerikanischen computerisierten und damit digitalisierten Chemical Abstracts (CA) - die allerdings zu Beginn noch als CA Condensates ohne Abstracts maschinenlesbar gemacht wurden.
So betrachtet können
wir den Beginn der Dokumentation
1830 mit den Bibliographien
1900 mit der Dezimalklassifikation und später mit Mikroverfilmung
1963 mit der dritten Computergeneration und mit der Digitalisierung
gleichberechtigt ansetzen.
Computergenerationen:
1. Relais - K. Zuse - 40er Jahre
2. Röhren - K. Zuse, (ENIAC 18.000 Röhren) - 50er Jahre
3. 1963 Transistoren und gedruckte Schaltungen - IBM ruft 3. Computerg.
aus. - 60er Jahre
4. ICs (Integrated Circuits - Integrierte Schaltungen) - PCs, intelligente
Netzwerke - 70er Jahre
5. Parallel processing, Neuronale Netze, selbstlernende Systeme - 80/90er
Jahre
Auch die Faktenbanken von heute zeigen, daß Deutschland bis zum zweiten Weltkrieg in der bibliografischen Dokumentation durchaus führend war. "Gmelins Handbuch für theoretische Chemie" erschien erstmals 1817 und 1850 als "Handbuch der anorganischen Chemie" in der fünften Edition, während man den "Beilstein", das "Handbuch der organischen Chemie" 1881 begründete.
Etwa zur gleichen Zeit (1833) entdeckte F.F. Runge die Erzeugung der Teerfarbstoffe, so daß die Entdeckung des "Indanthren" Deutschland eine sehr starke chemische Industrie, mit den großen tragenden Säulen Bayer, Hoechst (1863) and BASF (1865) brachte. Carl Duisberg half diese 1925 als "I.G. Farben" zu vereinigen. Sie wurden damit zum größten chemischen Imperium der Welt mit einer entsprechenden Dokumentation. Mit dem Zusammenbruch 1947 verlor auch die deutsche Dokumentation ihre Spitzenposition und damit den Anschluß an die Entwicklung der Digitalisierung, ein Verlust, der noch Jahrzehnte danach deutlich sichtbar wurde. Dagegen hat man beim Chemical Abstract Service seine Vorreiterstellung ausgebaut, in dem man heute mit weit über 10 Mio. Records die größte Datenbank der Chemie hat und außerdem das erste große System, in dem grafisch recherchiert werden kann (nach chemischen Formeln).
Auch in der Medizin ist das amerikanische Dokumentationswesen zweifellos führend. Es begann mit einer der ersten großen Online-Datenbanken der Welt MEDLINE, die auch eines der ersten CD-ROM-Angebote darstellte, und setzte sich durch die Bestrebungen der NLM (National Library of Medicine) fort, Wissensbanken mit einem semantischen Thesaurus, dem UMLS (Unified Medical Language System) aufzubauen. Die Johns Hopkins University (JHU), deren Ziel seit etwa 1984 "A Knowledge Management Environment" ist, und dort insbesondere die Welch Medical Library, deren Leiter 1969-1984 der deutsche Richard Polacsek war und danach Nina W. Matheson, hat sich insbesondere durch ihre Beteiligung am Integrated Academic Information Management System - IAIMS (heute Integrated Advanced Information Management System) hervorgetan. Das IAIMS-Projekt wurde 1990 von der NLM an 14 Bibliotheken finanziell unterstützt.
Die Begründung
für den hohen finanziellen Bedarf in der Dokumentation lag in den sechziger
Jahren in der Vermeidung zunehmender Doppelarbeit und in dem Wunsch die Big
Science, von der de Solla Price sprach, effektiver zu machen. Auslöser
war der Sputnik-Schock von 1957, der den USA deutlich machte, daß die
UdSSR ein erstaunlich leistungsfähiges Wissenschaftssystem entwickelt hatte.
Dobrov: Verdopplungsrate der Wissenschaftler der UdSSR 6-7 J, USA 10 J,
Westeuropa 15 J. UdSSR 770.000 Wissenschaftler, 3 Mio. weltweit (Schätzung
der sechziger Jahre).
Hosts: USA - 1972 LIS (Lockheed Information System - Dialog), 1973 SDC ORBIT,
1977 BRS, Deutschland 1974 DIMDI
| 1970 in Deutschland | 4.000 Terminals |
| 1979 in Deutschland | 175.000 |
Netzwerkentwicklung:
- ISO/OSI (Open System Interconection), X.25
- Euronet, Datex-P, BTX (Datex-J, T-Online) Compuserve, AOL
- Arpanet, EARN, INTERNET (TCP/IP)
- ISDN
- Satelliten- und Breitbandkommunikation (1013 Bit/sec.)
- CD-ROM (~500 MB Speicherkapazität bei 10-12 Fehlerrate)
Inhaltliche Erschließung
in der Dokumentation war immer von den Voraussetzungen abhängig. Dies galt
für die Bibliographien, die Steilkarteien, die DK, die Rand-, Schlitz-
und Sichtlochkarteien und auch für das Online Retrieval.
Schon die aufwendigen Cranfield-Studien haben vor 30 Jahren deutlich gezeigt,
daß unkontrollierte Einzelwörter für das Online-Retrieval nicht
weniger geeignet sind, als Indexierungen mit raffinierten Thesauri oder Klassifikationen.
Wenn sich diese heute leicht nachvollziehbare Tatsache, trotz des wiederholten
Hinweises bei Lancaster (1979), im allgemeinen Bewußtsein nicht stärker
verbreitet hat, so sicher nur deswegen, weil die meisten On-line-Systeme bislang
immer noch an gedruckten Ausgaben orientiert waren.
Untersucht man Datenbanken mit festen Thesauri, wie MEDLARS und solche, die eine freie Verschlagwortung zulassen, so zeigt sich bei wiederholten Vergleichen: Die Indexierung mit einem guten Thesaurus bringt in einem Online-System nicht mehr oder weniger relevante Literatur als eine freie Verschlagwortung, sondern lediglich einen konstanteren Durchschnitt. Ein Ergebnis, das nicht verwundern kann, wenn man bedenkt, daß die Reduktion des Vokabulars unserer natürlichen Sprache auf eine vereinheitlichte Abfragesprache zurückgeführt wird.
Fachinformationsprogramme. Letztes "Fachinformationsprogramm" 1994. Danach Programm der Bundesregierung 1996-2000 "Information als Rohstoff für Innovation".
Vergleich: USA - Weinberg Report -> BIOSIS, CAIN, ChemAbs, ERIC, LibCon, MEDLARS, NTIS
Der Paperwork Reduction Act von 1980 führte zum Information Resources Management und in den 90er Jahren zum Knowledge Management.
Großbritannien
1980 Year of Information
Doomsday Book auf optische Platte gebracht und an Bibliotheken verteilt
UdSSR
VINITI
Informationsquellen:
LISA (Library and Information Science Abstracts, GB), ISA (Information
Science Abstracts, USA) , Gale Directory of Databases, das jährlich erscheint
und aus zwei von Martha E. Williams und Carlos Cuadra begründeten Vorläufern
hervorgegangen ist.
Zeitschriften: NfD, Cogito, Pasword, JASIS, J. Doc. Electronic Libr., Online,
Online Rev.,
Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen siehe Gaus, W.: Berufe im Archiv-, Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationswesen. Ein Wegweiser zur Ausbildung. 2. Auflage Springer-Verlag (1992)
Vereinigungen:
| DGD | (Deutsche Gesellschaft für Dokumentation) 1944 gegründet. Neugründung 1948. |
| OLBG | (Online Benutzergruppe in der DGD) Ende der 70er Jahre außerhalb der DGD gegründet. |
| GBDL | (Gesellschaft der Bibliothekare und Dokumentare des Landbaus) |
| GMDS |
(Deutsche Gesellschaft für Medizinische Dokumentation, Biometrie und Epidemologie, Bonn). Bis Ende der 70er Jahre in der DGD angesiedelt. (bis 1991 Deutsche Gesellschaft für Medizinische Dokumentation, Informatik und Statistik) |
| DVMD | (Deutscher Verein Medizinischer Dokumentare) |
| MRA | (Medical Record Assistant) |
| ASLIB | (Association for Information Managers - früher Association for Special Libraries) |
| FID | (Fédération Internationale d'Information et de Documentation) |
Last update: 26.
January 1998 © by Walther Umstaetter
modified: 07.01.2002 Ben Kaden (contextur@aol.com)