(nach Jaksch / Fischer / Kroller 1992)
Jahrhunderte hindurch war Wien eines des bedeutendsten Zentren der europäischen Geschichte. Die Hofburg war Regierungssitz der österreichischen Landesherren, seit dem 13. Jahrhundert; deit dem 15. Jahrhundert jener der deutschen Könige des "Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation" bis zu dessen Ende (1806) und schließlich Sitz der österreichischen Kaiser bis zum letzten Habsburger Karl I. und zur Ausrufung der Republik (1918).
Der Gebäudekomplex der Hofburg, 1279 erstmals urkundlich erwähnt (jedoch wohl vor 1220 entstanden) hat mit dem nahezu quadratischen "Schweizer Hof" einen gotischen Kern, um den sich die mittelaterliche Wehrburg mit vier Türmen an den Ecken und mit einer gotischen Kapelle (die noch besteht) gebildet hat. Im 3. Viertel des 16. Jhs. kamen im Südosten die Stallburg (1558) hinzu und im Nordwesten der Amalienhof (1575). Sie wurden erst in der Barockzeit durch zwei Quertrakte verbunden: den Leopoldinischen Trakt (1660), an den später Louis Joseph Montoyer (1749-1811) den Zeremoniensaal anbaute (1802), und den gegenüberliegenden Reichskanzleitrakt von Fischer v. Erlach d. J.- Dazwischen liegt der Innere Burghof (mit dem späteren Denkmal Kaiser Franz I.). Westlich der Alten Burg entstand 1723-1726 die Hofbibliothek, fast zugleich der Trakt der Winterreitschule an der Augustinerstraße. Später kam die Verbindung der Hofburg mit der Albertin durch einen Trakt des aufgelassenen Augustinerklosters hinzu.
Ein großzügig angelegtes Projekt des Baumeisters Gottfried Semper (1803-1879) im letzten Drittel des 19. Jhs., als Kaiserforum geplant, sollte von der Alten Burg bis über das äusserer Burgtor 1821 von Peter v. Nobile (1774-1854) erbaut, zur 1865 eröffneten Ringstraße reichen, wurde aber nur im südöstlichen Teil (Neue Burg und Corps de Logis) realisiert und 1913 durch Kaiser Franz Joseph eröffnet. Diesem mißfiel jedoch die Neue Hofburg und er wohte lieber in Schloß Schönbrunn. Seit 1966 liegen in der Neuen Hofburg die Publikumsräume der ÖNB.
(nach LGB 1 Bd. 3, 1937, S. 577ff.; ELIS 1969; Weltgebäude 1987; ergänzt durch die in der Datei WIENLIT aufgeführte Literatur)
Die Geschichte der frühen Bestände ist eng mit dem Bücherbesitz der österreichischen Habsburger verknüpft, der sich bis in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts verfolgen läßt. Die Bibliothek ist damit eine der ältesten der Welt. UnterHzg. Albrecht III. (1365-1395) wurde die Evangelienharmonie des Johannes von Troppau (Cod. Vindob. 1182, 1368 für ihn vollendet) erworben. Die Bibliothek war im unteren Sagrar (der Sakristei) im südlichen Eckturm der Burgkapelle der Herzogsburg untergebracht.Hzg. Albrecht V. von Österreich (1397-1439, als König Albrecht II 1438) erbte einen Teil der luxemburgischen Handschriften von König Wenzel IV. (1361-1419, Kg. 1376) mit den Hauptwerken der Prager Wenzelswerkstatt. DurchHzg. Friedrich V. (* 1415, reg. 1440-1493, als Kaiser Friedrich III.) kam der Besitz der steirischen Linie hinzu. In Wien beschäftigte er mehere Hofminiatoren.Kaiser Maximilian I. (1493-1526) vermehrte die Bestände, auch durch seine Heiraten mit Maria von Burgund (1457-1487) und Bianca Maria Sforza aus Mailand (oo 1493), und brachte sie in Innsbruck zusammen mit den Büchern, welche die Hzge. Friedrich VI. (1382-1439) und Sigismund von Tirol (1427-1496, Hzg. 1477) erworben hatten. Unter Maximilian I. wurden die illustrierten Fraktur-Prachtdrucke des "Gebetbuchs" (1513), des "Theuerdank" (1515) und des "Weißkunig" (1517) veröffentlicht; er erlaubte die Benutzung durch die Humanisten wie Conrad Celtis (1459-1508), der in Wien sein Bibliothekar wurde, und Johannes Cuspinianus (1473-1529), an der Wiener Universität Celtis' Nachfolger. Aus den Tiroler Beständen entstand die Bibliothek in Schloß Ambras.Eine neue eigentliche Hofbibliothek in Wien gründete Ferdinand I (1505-1564, 1521 Kg. der österreichischen Erblande, 1526 Kg. von Böhmen und Ungarn, 1556 Kaiser) um 1526, z.T. aus Klosterbeständen und indem er Bibliotheken der Nebenresidenzen (Wiener Neustadt, Innsbruck, Prag, Graz) z. T. zusammenführte. Urkundlich belegt ist sie ab 1558. Die Humanistenbibliothek des kaiserlichen Historiographen und Professors für Medizin an der Wiener Universität Wolfgang Lazius (1504-1555) ist eine der bedeutenderen Erwerbungen (1565) dieser Zeit. Eine dritte Hofbibliothek, neben Innsbruck und Wien, entstand 1564 in Graz als Schloßbibliothek der steirischen Linie.
Die Wiener Bibliothek nimmt ihren eigentlichen Aufschwung unter Maximilian II. (1527-1576; Kg. v. Böhmen 1562, Kaiser 1564), der 1575 den in Delft geborenen Straßburger Rechtsgelehrten Hugo Blotius (im Amt 1575-1608) zum Leiter machte und ihm als erstem den Titel "Bibliothekar" verlieh. Blotius hatte in Löwen, Toledo und Orleans studiert, war Lehrer für Ethik in Straßburg gewesen und kannte Italien alsbegleiter der Bildungsreisen adeliger Herren. Die Bibliothek wurde unter ihm teilweise öffentlich; oft ohne Wissen des Kaisers, dessen schriftliche Erlaubnis für jede Entleihung notwendig war (Blotius: "Eine Bibliothek, die niemandem offensteht, ist wie eine Kerze, die zwar brennt, aber unter einem Gefäß verborgen bleibt und niemandem leuchtet"). Die Bibliothek ist aber im Minoritenkloster unzureichend untergebracht: die Nähe des Kloster-Brunnenhauses verursacht Feuchtigkeit, die Lüftung ist mangelhaft. 1579 wird eine Verordnung über die Ablieferung von Pflichtexemplaren jener Drucke erlassen, die mit dem Privileg des Herrschers erscheinen. (Seit 1624 ist jeweils ein Exemplar der auf der Frankfurter Messe angebotenen neuen Bücher abzuliefern; auf diese Weise gelangen Neuerscheinungen aus ganz Europa in die Wiener Hofbibliothek: diese Verordnung ist bis zum Ende des Alten Reiches 1806 gültig). Unter Blotius' Verwaltung wächst die Bibliothek aus österreichischen Klosterbeständen und durch Wiener Gelehrtenbibliotheken, wie der des Arztes und kaiserlichen Hofhistoriographen Johannes Sambucus (1531-1584), der aus finazieller Notlage heraus gezwungen war, seine Handschriften zu verkaufen: 384 griechische und 113 lateinische, darunter den ersten griechischen Papyrus der Sammlung. Augerius Ghislain von Busbeck (1522-1592), Gesandter Maximilians II. Beim Sultan, der 1563 der Hofbibliothek vorgestanden hatte und 1564 Erzieher der Erzherzöge geworden war, schenkte der Hofbibliothek 262 griechische Kodizes, einen weiteren Grundstock des heutigen griechischen Handschriftenfonds. Darunter ist der "Wiener Dioscorides" (eine um 510 in Byzanz entstandene bebilderte Abschrift der Arzneimittellehre des im 1.Jh. n.Chr wirkenden griech. Arztes und Pharmakologen Pedanios Dioscorides). Eine erste Benutzungsordnung wird 1580 erlassen.
Der Bestand beträgt 1597 rund 9000 Bde. In 30 Gruppen, darunter 1600 Hss., die Blotius noch nicht von den Drucken trennte. Nach Gesners Vorbild gliederte er die Bibliothek in 24 Sachgruppen, zu denen es jeweils einen mit lateinischen Maiuskeln bezeichneter Zettelkasten (theca) gab.Dazu gabe es einen zweibändigen alphabetischen Index. Die Signaturen wurden nun (in der Regel) auf dem Rücken angebracht. Blotius legte auch 1597 einen besonderen Katalog der Handschriften nach Schlagworten an. In einer Denkschrift von 1579 zeigt er ausgeprägtes Standesbewußtsein: unter Hinweis auf die Vatikana in Rom, der ein Kardinal vorstehe, verlangt er für den Bibliothekar die Würde des Kaiserlichen Rates (d.i. Ministerrang!) und die Erhebung in den Adelsstand. Der Fachbibliothekar, den er bereits fordert, müsse vielsprachig, arbeitssam, wissenschaftlich und nicht abergläubisch sein (unter Naudé und Leibnitz wird dies später aufgenommen). Blotius verfolgte auch die Gedanken, am Sitz des Reichstags in Frankfurt a.M. ein Museum generis humani Europaeum, und in Speyer, dem Sitz des Reichskammergerichts, eine Bibliotheca generis humani zu schaffen, also sowohl einerstes zentrales Museum wie eine erste zentrale Bibliothek des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Bibliothek wird, in Erinnerung an die Palatin-Bibliothek unter Kaiser Augustus in Rom "Palatina Vindobonensis" genannt. Noch im 16. Jahrhundert war sie zum Mittelpunkt philologisch-historischer Forschung und zum Reiseziel der europäischen Gelehrten geworden, wozu auch beitrug, daß die Bibliothek nie zum exponierten Instrument des Glaubenskampfes wurde (Buzàs, Bd. 2 S. 18).
Bei der Bestandsrevision unter seinem Nachfolger Sebastian Tengnagel (im Amt 1608-1633, gest. 1636) fehlen 203 Handschriften, wohl wegen der übertriebenen Liberalität von Blotius Ausleihgebaren. Unter Tengnagel zieht die Bibliothek vom Minoritenkloster in die Hofburg um, ein alphabetischer und ein Standortkatalog werden angelegt und er legt weiter den Grund zur Sammlung orientalischer und hebräischer Hss., indem er testamentarisch seine 4000 Bände umfassende Privatbibliothek für den niedrigen Preis von 4000 Gulden der Hofbibliothek überlässt. Tengnagel beherrschte außer den alten und neuen europäischen Sprachen noch die orientalischen und als erster Gelehrter das Äthiopische. Für den Ankauf arabischer und türkischer Bücher sorgte ein Dolmetscher am Hof des Sultans. Ein türkischer Sklave wurde der Bibliothek 1613 zum Abschreiben orientalischer Handschriften zugewiesen.
Ein geeigneter Nachfolger findet sich zunächst nicht. Unter dem Kanonikus von St. Stephan, Matthaeus Mauchter (im Amt 1650-1663) folgen wieder bedeutende Erwerbungen,so für 15.000 Gulden (gepackt in 52 Fässern und 12 Kisten)
Neuen Aufschwung erfährt die Sammlung unter Leopold I. (1658-1705) und dessen Bibliothekar, den weitgereisten, in Rom zum Katholizismus konvertierten Hamburger Historiker Peter Lambeck (1662-1680), von dessen eigener reichen Bibliothek ein zweibändiger Katalog in der ÖNB Zeugnis ablegt. In seine Amtszeit fällt:
Der Bestand erreicht 80 000 Bände. Lambeck ordnete ihn neu und begann den Druck der Kataloge (Commentarii de augustissima bibliotheca Caesarea Vindobonensi). Von den vorgesehenen 25 Bänden erschienen die ersten acht mit einer Geschichte der Bibliothek und einer Beschreibung des Großteils der griechischen Handschriften (1665-1679). Der neunte Band, bei Lambecks Tod (1680) in seiner Handschrift fertiggestellt, wurde von seinem (wenig geeigneten) Nachfolger Daniel Nessel (im Amt 1680-1700) herausgegeben (Breviarium et supplementum Commentariorum Lambecianorum, 1690).
1681 Plan für einen Kombinationsbau Reithalle / Bibliothek auf dem Reittummelplatz. Kurz vor der Fertigstellung aber bei der 2. Belagerung Wiens durch die Türken sosehr beschädigt, daß das Projekt aufgegeben wurde.
Weitere Erwerbungen:
Die von Lambeck begonnenen Katalogunternehmen wurde vom weiteren Nachfolger Johann Benedikt Gentilotti von Engelsbrunn (im Amt 1704-23, späterer Bischof von Trient, +1725) mustergültig in 15 nicht gedruckten Manuskriptbänden fortgesetzt. In seiner Amtszeit gelangen folgende Erwerbungen:
Als Gentilotti 1723 als Auditor an die Rota Romana ging, wurde die Leitung der Bibliothek geteilt: Kaiser Karl VI. berief den spanischen Ratsregenten Alexander Riccardi und seinen Leibarzt Nikolaus Pius Garelli (+1739).
Die Kataloge wurden auch unter dem Niederländer Gerard van Swieten (im Amt bis 1772), Univ.-Prof. aus Leiden, dem Bildungsreformer und zudem Leibarzt Maria Theresias, fortgesetzt, der im Auftrag der Kaiserin die Hofbibliothek reorganisierte. Mehrere andere Bibliotheken wurden von ihm in die Kaiserliche Bibliothek eingegliedert. Der Personalstand wird großzügig ausgebaut: im Jahr 1781 neben dem Präfekten als Leiter acht Bibliothekare als Kustoden, Skriptoren und sechs Hilfskräfte.
1737 kommt gegen eine jährliche Rente von 10.000 fl. An die Erbin die Sammlung des Prinzen Eugen von Savoyen (+1736) selbst hinzu: mit 237 Hss. und 15.000 Drucken, reich an kostbaren Einbänden, gleichartig gebunden (dunkelrot für Geschichte und Literatur, dunkelblau für Theologie und Recht, gelb für Naturwissenschaften, heute im Prunksaal untergebracht). Unter den Zimelien der Sammlung waren die prachtvollen Zeugnisse burgundischer Buchmalerei, die "Tabula Peutingeriana" (die älteste Romreise-Karte, eine im 12. Jh. entstandene Kopie einer römischen Reisekarte aus dem 4. Jh. ), der Atlas Blaeu-Van der Hem (das teuerste Buch des 17. Jhs.. in 50 Folio-Bänden mit mehr als 2000 Tafeln) und die prächtige Handschrift von Herzog René d' Anjou's Roman "Livre du Cuer d'Amours Espris". Des Prinzen Kupferstiche in 290 Bänden bildeten den Grundstock der heutigen Kupferstichsamlung (die 1921 an die Staatliche Graphische Sammlung Albertina abgetreten wurde, seit 1934 als selbständiges Kunstinstitut der Nationalbibliothek angegliedert).
Der Bestand bezifferte sich jetzt auf 80 000 Bände, war jedoch, mit Ausnahme der Handschriften, unzulänglich katalogisiert. Die Klagen darüber hörten nicht auf.
*1727 war inzwischen der Neubau der Fischer von Erlach bezogen. Bauzeit 1722-26. Er ist der glänzendste deutsche Saalbau, der bis heute schönste Bibliothekssaal der Welt. Eine Mischung aus Schausaal und Arbeitsraum.
Pläne: Johann Bernhard Fischer von Erlach (Vater, 1665-1723)
Bau: Josef Emanuel Fischer von Erlach (Sohn, 1693-1724). Längsoval mit 13 Fensterachsen und einem 15 m hohen kassettierten Tonnengewölbe, in der Mitte von einem kurzen Queroval (29x17 m) durchschnitten, darüber die 29 m hohe Kuppel (Achse 26 m). In der Kuppelschale 8 hochovale "Ochsenaugen". Die Statue im Zentrum der Kuppel stellt den Auftraggeber, Kaiser Karl VI. als röm. Imperator dar. Der Hauptraum ist 77.74 m lang, 14.22 m breit, vom Fußboden bis zum Tonnengewölbe 15.39 m hoch. Eine (aus Walnußholz) geschnitzte Galerie, über vier Wendeltreppen zugänglich, gliedert die hohen Bücherwände. Daniel Grans Fresko-Deckengemälde von 1730 stellen die Apotheose Kaiser Karls VI. Als Hercules der Wissenschaften dar und sind nach Winckelmann "das großartigste Heldengedicht auf des Kaisers Sorgfalt für die Wissenschaften". - Den praktischen Zweck des Saales veranschaulichen die Schnitte im Kupferwerk von Salomon Kleiner (1703-1761) und Jeremias Jakob Sedelmayer (1704-1761), veröffentlicht 1737. Aber schon in den 60er Jahren erzwang eine Fundament-Absenkung der Reitschule unterhalb der Bibliothek die Sanierung durch Niccolo Pacassi (...). Dieser fügte in der Regierungszeit Maria Theresias der Fassade zwei Seitenflügel an und formte so den Josephsplatz, den schönsten Platz Wiens.
Der Hauptraum, lange Zeit der schönste Bibliothekssaal der Welt, heute Schausaal, war nicht als Benutzungsraum gedacht. Links und rechts vom Vorsaal war je ein Studienkabinett eingerichtet, von denen das größere mit 4 Fenstern 30 Personen Platz bot, bis 1838 aber auch der Hauptarbeitsraum für die Bibliothekare war. Eine Besonderheit des Schausaales: alle Fensternischen sind mit Bücherregalen überbaut. Die dadurch entstandenen kleinen Kammern sind durch drehbare Regaltüren zugänglich (ein frühes Beispiel von Studienkabinetten, "Carrels"). Der Prunksaal faßt mit den Emporen 190.000 Bände.
Magazin-Erweiterungen datieren von 1830, 1856, 1903-06, 1928-30 im Südflügel und neue Lesesäle, wobei 1906 der Bibliothekssaal des ehemal. Augustinerklosters mit den barocken Deckengemälden (1773) von Johann Wenzel Bergl (um 1752-1783) mit 102 Plätzen einbezogen wurde. Er dient heute als Lesesaal für Rara. 1966 wurde ein benachbarter Teil der "Neuen Hofburg" in die Bibliothek einbezogen und damit ein neuer Flügel für die Benutzung geschaffen: Hauptlesesaal mit 260 Plätzen und ein Zeitschriftenlesesaal. Verbindung zwischen beiden Bauteilen stellt ein Tunnel mit Buchtransportanlage her. Der Bau von unterirdischen Magazinen für 5 Millionen Bände war 1969 in Planung. Im Frühjahr 1986 folgten Baumaßnahmen im Pacassi-Trakt, dem linken Seitenflügel am Josephsplatz), in dem heute die Handschriften- und Inkunabelsammlung, die kartensammlung und das Globenmuseum (eine der größten Globensammlungen der Welt) untergebracht sind.
(Ende Einschub Bau)
Mit dem Neubau wurde die Bibliothek 1727 öffentlich. Kaiser Karl VI. (1685-1740, Kaiser 1711) erließ eine Bibliotheksordnung, in der es u.a. heißt: "Das gewünschte Buch soll man verlangen, benützen und dabei rein bewahren, es also nicht durch Riß oder Stich beschädigen, noch mit Notizen bekritzeln ... - Man soll sich auch nicht auf das Buch stützen, noch beim Schreiben das Papier auf dieses legen. Tinte und Streusand möge man weit entfernt halten. Unwissende, Diener, Faule, Schwätzer und Herumspazierer mögen fernbleiben" - und "der Benützer hat nichts zu bezahlen, er soll bereichert weggehen und öfter wiederkehren (Weltgebäude ... S. 12f). In der Praxis war aber die Benutzung auf Gelehrte beschränkt. Ein von Garelli schon 1723 gefordertes heizbares Lesezimmer wurde erst 1769 eingerichtet, bis dahin blieb die Bibliothek im Winter geschlossen! - Ausnahmsweise wurden Handschriften in den Privatwohnungen der Bibliothekare benutzt. Auch die Schreibtische der Kustoden standen im Lesesaal. Vergebens hatte Gottfried Frh. van Swieten (Sohn Gerard v. S.s, Freund und Gönner Mozarts und Beethovens, gest. 1803) 1779 für sie ein besonderes Kabinett gewünscht. (Erst nach 1860 wurde aber die Bibliothek für die größere Allgemeinheit geöffnet).
Weitere Erwerbungen nach 1727:
1756 die Starhembergsche Bibl. und die Privatbibl. der Kaiser Karl VI. (1685-1740, Kaiser 1711) und Franz I. (1708-1765, Kaiser 1745), sowie die Reste der alten Wiener Universitätsbibliothek
Dabei kam das Gebetbuch Kaiser Maximilians I. in die Bibliothek, aus dem Damenstift Hall, von woher wahrscheinlich auch das "Schwarze Gebetbuch" des Galeazzo Maria Sforza kam (1444-76, Hzg. v. Mailand, in der Verschwörung des C. Montano ermordet).
Gottfried van Swietens Übernahmen aus anderen Bibliotheken dienten später als Vorbild für die bestandsverlagerungen nach der französischen Revolution und bei der Säkularisation in Bayern. Die sich formierende Bibliothekswissenschaft war in Wien durch den ehemaligen Jesuiten Michael Denis (1729-1800) vertreten, seine Einleitung in die Bücherkunde (1777, 2. Ausg. 1795) ist eine Bibliotheksgeschichte im Rahmen er Buchgeschichte ( Weimann 1975, S. 153; Buzàs 1976 S. 121).
Um 1800 war die Hofbibliothek Wien die an Kostbarkeiten und Sammlungen reichste deutsche Bibliothek; sie wurde aber kurz darauf von der Hofbibliothek München eingeholt. Die Benutzung war elitär, die Raumnot grotesk. Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert und das ganze 19. Jahrhundert hindurch wurde über das 1764 eingerichtete zu kleine Lesezimmer geklagt. Nach einem Bericht des Jahres 1818 wurde es von bis zu 100 Personen täglich besucht, von denen aber nur 40 an einem langen Tisch sitzen konnten; die übrigen mußten an den Fenstern oder vor den Schreibtischen der Bibliothekare stehen. Diese konnten wiederum bestimmte Arbeiten nur an den Sonntagen oder während der Ferien im August erledigen. Unter dem Präfekten Moritz Graf Dietrichstein (im Amt 1826-1845), dem Nachfolger des polnischen Grafen Joseph Maximilian Ossolinski (1809-1826, des Mäzens und Begründers des polnischen Ossolieums), mußten 64 Büchergestelle mitten in den Prunksaal gestellt werden (die erst 1856 wieder entfernt wurden). Erst 1843 kam ein Raum des benachbarten Naturalienkabinetts hinzu, der sodann als Handschriftenleseraum für acht Benutzer und die Kustoden diente. Als Magazin konnte Dietrichstein 1830 den Bibliothekssaal der Augustiner hinzugewinnen; dieser war aber 1839 schon so überfüllt, daß keine neuen Monographien außer den Fortsetzungswerken angeschafft werden konnten. Für politische Flugblätter und Zeitungen war kein Platz. Ein von Dietrichstein beantragter Neubau, wie soeben in München erstellt, wurde nicht genehmigt, ja es bestand sogar der Plan, den Prunksaal für Hoffeste zu verwenden. Die Hofbibliothek stand so hinter den Museumsneubauten weit zurück. Die Öffnungszeiten, unter Maria Theresia auf die Zeit von 8-12 Uhr im Sommer und 9-12 Uhr im Winter beschränkt, wurden auf die nachmittagsstunden von 3-6 Uhr erweitert. Entleihungen waren nur innerhalb Wiens möglich und mußten vom Präfekten genehmigt werden.
Angegliedert wurden jetzt die
Der Bestand im Jahr 1841 belief sich auf 235 000 Bände, zu denen noch Tausende von Sammelbänden kamen, Der Zuwachs betrug mit den Pflichtstücken jährlich etwa 3000 Bände. Bedeutende Gelehrte waren unter den Kustoden, die mit Gelehrten in ganz Europa in Verbindung standen. Unter ihnen waren Kenner der slawischen und orientalischen Sprachen, des Italienischen und Spanischen bis hin zu den skandinavischen Sprachen.
Es war nun höchste Zeit für eine Reorganisation der Kataloge, die nach Münchener Muster während der Amtsleitung von Eligius Frh. Von Münch-Bellinghausen (1845-1871) unter dem Kustos Ernst Birk in den Jahren 1847.-1874 vorgenommen wurde: mit Standortrepertorien und alphabetischen Zettelkatalogen. Für die Druckwerke wurde diese Arbeit erst 1875 abgeschlossen. Der handschriftliche Katalog der Inkunabeln war 1844 von Theodor Ritter von Karajan begonnen worden. Die Vorarbeiten zum neuen Katalog der abendländischen Handschriften begannen 1856, dessen 10 Bände von 1864 bis 1899 publiziert wurden (Tabulae codicum manu scriptorum praeter graecos et orientales). Hoffmann von Fallersleben verfaßte 1841 ein Verzeichnis der altdeutschen Handschriften der k.k. Hofbibliothek.
Im Revolutionsjahr 1848, bei der Beschießung durch Alfred Fürst zu Windischgrätz (1787-1862) Brand im Dach des linken Seitenflügels der Bibl.: rasch gelöscht, nur ca. 1000 Bde durch Wasser beschädigt, mußten neu gebunden werden. Das Kuppelfresko, durch Rauch und eingedrungenes Wasser beschädigt, konnte erst 1955 restauriert werden.
Haupterwerbungen in der 2. Hälfte des 19. Jhs.:
Noch immer aber herrschte extremer Platzmangel: vor 1886 waren im Handschriften-Lesezimmer auch der Alphabetische Hauptkatalog untergebracht, die Einbandstelle und die Verwaltung, im allgemeinen Lesezimmer die Leitung der Kupferstichsammlung und die Erwerbungsabteilung.
Erst der Nachfolger Birks, der Homerforscher und spätere Unterrichtsminister Wilhelm Hartel (im Amt 1891-1896), kann erstmals eine Handbibliothek im Lesesaal und im Handschriftenzimmer einrichten, seit 1896 durften endlich auch die Professoren der Wiener Hochschulen entleihen; auch Handschriften wurden verschickt. Eine Revision der Bestände ergibt bei 20% falsche Signaturen. Rarissima im Direktorenzimmer waren nicht katalogisiert.
Unter dem Präfekten Heinrich Ritter v. Zeißberg (*1839, Dir. 1896-99), Vorstand des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, wächst der Bestand auf 600 000 Druckschriften und 23 600 Handschriften., trotz anhaltenen Geldmangels.
Erst unter dem Direktor und Orientalisten Josef Ritter von Karabacek (1845-1918, Dir. 1899-1917) erhielt die Bibliothek ausreichendere Mittel und den seit langem dringend nötigen Ausbau. Der Bibliothekssaal des Augustinerklosters, seit 1830 Büchermagazin, wurde zum Lesesaal mit 100 Plätzen mit einer Handbibliothek von 12.000 Bänden und 1740 laufenden Zeitschriften. Die Sondersammlungen erhielten neue Räumlichkeiten, Keller wurden zu modernen Magazinen umgebaut, waren aber schon drei Jahre später überfüllt.
* 1899 kam die berühmte 1884 erworbene Papyrus-Sammlung in die Bibliothek, die Erzherzog Rainer (1827-1913) nach den Funden im oberägyptischen Fayum durch Th. Graf 1884 erworben hatte. (Nach dem auch von Österreich verlorenen 1. Weltkrieg mußten daraus wertvolle Stücke an Italien abgegeben werden).
Neuerungen in der Organisation:
Erhöhung des Personals von 29 auf 76 (Berlin hatte dreimal soviel)
Glänzende Ausstellungen machten den reichen Bestand an alten Drucken, Buchmalerei, Einbänden und Habsburger Zimelien bekannt, ebenso die Faksimileausgaben des Dioscorides (1906), des Livius (1917), die von Rudolf Beer begründeten Denkmäler der Schreibkunst in Österreich, den Hortulus animae (1911).
Karabacek gelingt es auch, den Ankaufsetat von 37.000 Kronen im Jahr 1900 auf 97.000 Kronen im Jahr 1914 anzuheben (aber dies entsprach dennoch nur dem fünften Teil des Berliner Etats). Zwischen 1891 und 1917 entwickelt sich die alte Fürstenbibliothek zur Zentralbibliothek des Staates.
Im 1. Weltkrieg (1914-1918) werden Mittel und Personal abgebaut. Italien und die Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches erhoben Ansprüche auf alten Handschriftenbesitz. Die Tschechoslowakei verlangte alle zurück, was ehemal in Prag gewesen war, Italien die Handschriften aus neapolitanischen Klöstern, aus dem erzbischöflichen Trient und aus Venedig. Die Wiener Genesis, der Dioscorides, der Hortulus animae wurden als Pfand genommen. Dem Direktor Josef Donabaum (im Amt 1917-1922), der fließend italienisch sprach, und der Verhandlungskunst Ottokar Smitals (+1932) gelang es, den Bestand im großen und ganzen zu retten. Es half hier der Rechtsstandpunkt, daß die Kaiserliche Bibliothek Privateigentum des Kaiserhauses war und bis zuletzt aus der kaiserlichen Privatschatulle finanziert worden war. Der Vertrag vom 4. Mai 1920 erkannte aber auch an, daß die geschlossene Erhaltung im Interesse der Wissenschaft aller Länder liege.
Unter Donabaums Nachfolger, dem Horazkenner Josef Bick (1923-1938, 1945-1949; +1952) Umwandlung in eine moderne Forschungsbibliothek. Bei der Annexion Österreichs wurde Bick von den Nationalsozialisten verhaftet und bis 1945 in den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenhausen festgehalten. An Bicks Stelle (1938-1945) ein NADAP-Parteigenosse, Paul Heigl. Säuberung von unerwünschtem Schrifttum, Kontrolle der ausländischen Erwerbungen. Reglementierung der Benutzer nach rassischer Herkunft und politischer Gesinnung.
Im 2. Weltkrieg keine Schäden (rechtzeitige Verlagerung der wertvollsten Bestände, keine Verschleppungen von ausgelagerten Beständen).
In den 50er und 60er Jahren unter den Gen.-Direktoren Josef Stummvoll (1949-1967) und Josef Fiedler (1968-1977) Reorganisation der Alphabetischen Kataloge: 1.3 Mio. Katalogzettel des Druckschriftenkatalogs (1501-1929) wurden vom Großformat auf IFK-Zettel umgeschrieben; verbunden damit waren Revision, Korrekturen und Vervielfältigung der Haupteintragungen. Seit 1966 sind AK und Sachkat. auch dem Publikum zugänglich, vorher war es nur der (nach PI geführte) Katalog ab 1930. Durch Vergleiche während dieser Arbeiten (in den selben alphabetischen Gruppen) wurde deutlich, daß die Bibliothek des Britischen Museums 100% mehr, die Bibliothèque Nationale Paris 40% mehr Titel der gleichen Periode besitzt, jedoch waren 40% der Gesamttitel nur in der Wiener Nationalbibliothek nachweisbar: viele davon Schriften in slawischen, ungarischer, und orientalischen Sprachen und Pflichtablieferungen aus der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Die Mehrfachzettel machten seit 1967 auch die retrospektive Fortsetzung des 1923 begonnenen Schlagwortkatalogs möglich, der nach und nach die Altbestände ab 1501 erschließen soll.
Projekt eines unterirdischen Zentralspeichermagazins unter der Burggartenstraße für 4 Mio. Bde. mit Benutzerzonen für den Zuwachs der ÖNB und die Altbestände der UBn, erbaut 1988-1992 unter Gen.-Direktorin Magda Strebl (1983-1993)
Seit 1993 Hans Marte Generaldirektor
:
| Bestand | 19971937 | ||
|---|---|---|---|
| Druckschriften | 1.313.000 | 2.700.000 | |
| Zeitschriften | 11.459 | ||
| Flugblätteru. Plakate | 238.840 | ||
| Exlibris | 42.232 | ||
| Handschriften u. Rara | 97.653 | ||
| abendländ. Hss. | 30.200 | 43.000 | |
| oriental. Hss | 4.648 | ||
| griech. Hss. | |||
| slawische Hss | |||
| Autographen | 67.300 | 238.000 | |
| Inkunabeln | 9.000 | 7.934 | |
| (drittgrößte Inkunabelsammlung der Welt) | |||
| Musiksammlung | |||
| Musikhss. | 24.300 | 47.000 | |
| Musikdrucke | 38.000 | 112.444 | |
| Musiklit. u. Textbücher | 15.000 | ||
| Phonogramme | 51.000 | 17.500 | |
| Papyrussammlung, griech. Abtlg. | 201.404 | ||
| Papyri | 33.000 | ||
| Ostraka | 600 | ||
| oriental. Abtlg. | |||
| Papyri | 61.000 | ||
| Ostraka | 1.104 | ||
| Theatersammlung | |||
| Druckschriften | 21.000 | ||
| Autographen | 40.000 | ||
| Szenenbilder | 96.000 | ||
| Bühnenmodelle | 590 | ||
| Filmbilder | 53.000 | ||
| Kartensammlung | |||
| Kartenwerke | 113.000 | ||
| Kartenblätter | 241.821 | ||
| Ansichten | 37.700 | ||
| geogr.-topogr. Bll. | 280.000 | ||
| Globen (eine der bedeut. Slgen. der Welt) | 145 | ||
| Bild- und Porträtsammlung | |||
| Porträts | 272.000 | 728.302 | |
| Grafiken | 104.413 | ||
| Fotos | 248.045 | ||
| Fotonegative | 990.027 |
Einrichtungen und zentrale Aufgaben der ÖNB heute:
Editions- und Veröffentlichungsreihen der ÖNB: