Prof. Dr. Peter Zahn    /  zur Homepage

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Vorlesung: Bedeutende Bibliotheken Europas

5. Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek (mit Literaturauswahl)

Inhalt:

5.1 Die herzogliche Hofbibliothek 1558-1622
5.2 Die kurfürstliche Hofbibliothek 1623-1805
5.3 Die königliche Hofbibliothek 1805-1829
    5.3.1 Der Zuwachs durch die Säkularisation
    5.3.2 Die Neuordnung des Bestandes nach 1806
    5.3.3. Die Erschließung des Bestandes nach 1806
        5.3.3.1 Druckschriften
        5.3.3.2 Ordnung und Katalogisierung der Handschriften
        5.3.3.3 Ordnung und Katalogisierung der Inkunabeln
    5.3.4 Erwerbungen 1805-1829
5.4 Die Hof- und Staatsbibliothek von 1829 bis 1918
5.5 Die Bayerische Staatsbibliothek 1919-1945
5.6 Die Bayerische Staatsbibliothek 1945 bis heute
5.7 Unterbringung und Bau der Bibliothek
    5.7.1 Speicherbibliothek Garching
5.8 München: Bayerische Staatsbibliothek / Literatur-Auswahl
 

Ähnlich wie die in den Kapiteln 1 bis 4 behandelten Bibliotheken in Florenz, Rom, Venedig und Paris, verdanken auch die heutigen Kunst- und Büchersammlungen Münchens ihre Entstehung dem Geist der Renaissance und einem Fürstenhaus. Es ist dies jedoch die späte Renaissance des 16. Jahrhunderts, nördlich der Alpen. Das Herrscherhaus der Wittelsbacher steht aus geographischer und konfessioneller Bedingtheit einem nördlichen Humanismus in dezidiert katholischer Ausprägung nahe; seine Angehörigen, Renaissancefürsten auch sie, sind zugleich leidenschaftliche Sammler. Schon Herzog Wilhelm IV . (1508-1550) stellte in seinen Hofgarten ein Lusthaus mit einer Bildergalerie, der Keimzelle der heutigen Alten Pinakothek.
 

5.1 Die herzogliche Hofbibliothek 1558-1622

Der humanistisch gebildete, kunst- und prachtliebede Herzog Albrecht V . (1550-1579) ließ in München die ersten Sammlungsbauten auf deutschem Boden errichten. Hofbaumeister Egckl baute 1563/67 die Kunstkammer, den ältesten noch erhaltenen Renaissancebau in München, einst herzogl. Marstall, heute Münzhof; für die Antikensammlung folgte 1569/71 das "Antiquarium" in der Residenz, in dessen Obergeschoß die Hofbibliothek zwischen 1571 und 1599 untergebracht war. Der Herzog hob diese 1558 mit dem Ankauf zweier berühmter Büchersammlungen mit einem Schlag in den Rang einer europäischen Bibliothek.

In diesem Jahr 1558 hatte Albrecht V. den Nachlaß und die Bibliothek des österreichischen Juristen und kaiserlichen Kanzlers Albrecht Widmannstetter (1506-1557) erworben. Dieser, ein gelehrer Orientalist, hatte Handschriften und Drucke in orientalischen Sprachen, Ausgaben klassischer Autoren, theologische, philosophische und juristische Werke zusammengetragen. Die Bibliothek Widmannstetter bildet noch heute den Grundstock des Altbestandes der Orientalia in München: sie umfaßte 300 Handschriften (darunter 140 hebräische und 50 arabische) und 500 Bände mit insgesamt 900 Drucken. Erster Bibliothekar wurde 1561 der Nürnberger Aegidius Oertel, der einige Jahre später als Speisemeister der Nürnbergischen Hochschule Altdorf erscheint. Das zweite Standbein der Hofbibliothek wurde die Sammlung des Augsburger Patriziers Johann Jakob Fugger (1516-1575), die der Herzog 1571 erwerben konnte. Fugger hatte über Agenten in Italien, Spanien und den Niederlanden eine Bibliothek von mehr als 10 000 Bänden mit Handschriften und Drucken gesammelt und in Venedig durch griechische und jüdische Schreiber Handschriften kopieren lassen. In die Sammlung Johann Jakob Fuggers war 1552 durch Kauf auch die an Handschriften und Inkunabeln reiche Bibliothek des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514) gelangt, eine der reichsten humanistisch geprägten Privatbibliotheken nördlich der Alpen. Der Fugger-Bibliothekar Samuel Quicchelberg (gest. 1567), ein Arzt aus Antwerpen, wurde Organisator der Sammlungen; auf ihn folgte der Bibliothekar Wolfgang Prommer (1575, +1619), der einen Standortkatalog nebst alphabetischem Index (über 6 der 10 Fächer), alphabetische Kataloge für die einzelnen Fächer und ein Stichwortverzeichnis für die Historici anlegte. Quicchelberg hatte die Aufstellungsordnung der Fugger-Sammlung aus Augsburg für die Hofbibliothek übernommen: Handschriften und Drucke waren nicht getrennt, das Ordnungsprinzip war vielmehr Lateinisch (mit 10 Fächern "regiones") und Nichtlateinisch. Die Bibliothek wurde von Anfang an vorwiegend von den 1559 von Albrecht V. nach München geholten Jesuiten benutzt. Das Jesuitenkolleg, noch 1559 im Augustinerkloster eröffnet, wurde rasch zu einem zentralen Bildungsinstitut: in kürzester Zeit hatte es 500 Schüler (1631 waren es nahezu eineinhalbtausend). Musikalisches Zentrum war die Hofkapelle unter dem Niederländer Orlando di Lasso (Orlandus Lassus, Mons 1532-1594 München), den der Herzog 1556 vom Lateran in Rom, wo er seit 1553 Kapellmeister war, nach München holte; neben Palestrina war er der gefeiertste Komponist jener Zeit.

Herzog Wilhelm V. (1579-1597) führte die Gründungen seines Vaters weiter. Für die Kirche und das Kollegium der Jesuiten wurden 34 Bürgerhäuser abgebrochen. Wie schon Orlandus Lassus gaben in Italien gebildete Niederländer den Ton in der Kunst Münchens an: der Baumeister Friedrich Sustris (um1540-1599), seit 1573 in Diensten Herzog Wilhelms, schuf das Jesuitenkollegium und die Alte Akademie (1585-91), sowie Chor und Querschiff des bedeutendsten Sakralbaus der deutschen Renaissance, der Jesuitenkirche Sankt Michael (1583-97), und den Grottenhof der Residenz; der Maler Peter Candid (eig. Pieter de Wit > Pietro Candido, Brügge um 1548 - 1623 München), Mitarbeiter von Giorgio Vasari (1511-1574) in Florenz, 1586 als Hofmaler nach München berufen; der Bildhauer Hubert Gerhard (Amsterdam um 1550 - 1622/23 München), Schöpfer der Madonna auf der Mariensäule, des Perseusbrunnens in der Residenz, der bronzenen Fassadengruppe von Sankt Michael und der Bavaria auf der Rotunde des Hofgartens.

Für die Bibliothek kaufte Wilhelm V. i.J. 1583 spanische Drucke aus dem Erbe des Tiroler Ritters Anselm Stöckel, i.J. 1585 die an Musikdrucken reiche Sammlung des Augsburger Ratsherrn Johann Heinrich Herwarth von Hohenberg (gest. 1583), i.J. 1592 die Humanistenbibliothek des Augsburger und Eichstätter Domherrn Johann Georg von Werdenstein (1542-1608), der sich einen "unersättlichen Schwelger in Büchern" (librorum fere omnium insatiabilis helluo) nannte und bei seinen Zeitgenossen als "lebende Bibliothek" bekannt war (Buzás, ...Neuzeit S. 98). Ende des 16. Jahrhunderts war ein beachtlicher, von humanistischem Geist geprägter Bestand zusammengekommen. Im Jahr 1600 zählte man etwa 17 000 Bände, die neben den Jesuiten und den Hofbeamten auch Gelehrten zur Verfügung standen, wovon der 1602 unter Mitwirkung von Johann Georg Herwarth von Hohenberg (†1622) und Markus Welser (*1558) im Druck veröffentlichte Katalog der griechischen Handschriften zeugt.

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5.2 Die kurfürstliche Hofbibliothek 1623-1805

Den Katalog der griechischen Handschriften hatte Maximilian I. (1573-1651, Herzog1597, Kurfürst 1623) anlegen lassen. Der bücherliebende Fürst erließ eine Verwaltungsordnung für die Hofbibliothek (1607) und richtete an die bayerischen Klöster die Aufforderung, ein Verzeichnis ihrer Handschriften einzusenden (1610). Die Oberaufsicht über die Bibliothek oblag einem Inspektor; der erste war der bayerische Kanzler und Gelehrte Johann Georg Herwarth von Hohenburg (†1622), der seine Bibliothek den Ingolstädter Jesuiten vermachte. Als die Truppen der katholischen Liga unter dem in bayerischen Diensten stehenden Feldherrn Johann Tserclaes Tilly (1559-1632) Heidelberg erobert hatten (15.9.1622), wurde die Heidelberger Bibliotheca Palatina (mit über 8000 Bänden) auf ihrem Wege nach Rom zuerst nach München verbracht (14.-27.02.1623). Der Kurfürst ließ den Bestand, den er gerne für die eigene Bibliothek gesichert hätte, mit seinen eigens dafür gedruckten Exlibris (in der Auflage von 8800 Stück) versehen. Schweren Herzens mußte er diese Arbeit abbrechen lassen und den Schatz am 26. April unter der Obhut des päpstlichen Gesandten, des aus Chios stammenden griechischen Gelehren Leone Alacci (gest. 1669) nach Rom ziehen lassen, wo er seitdem den bedeutenden Fonds Palatinus bildet. Die politischen Geschäfte des Kurfürsten hemmten den weiteren Ausbau der Münchener Hofbibliothek, vor allem nach 1630. Die Bibliothek zählte in diesem Jahr immerhin 17046 Drucke, 723 lateinische und 273 griechische Handschriften.

König Gustav Adolf II. von Schweden (1594-1632, König seit 1611) raubte bei der Eroberung Münchens 1632 etwa 2000 Bände - der kostbarste Besitz war rechtzeitig auf die herzogliche Burg nach Burghausen verbracht worden, und das kostbarste Stück, das verlorenging, das Turnierbuch Herzog Wilhelms IV., kam später auf Umwegen wieder zurück. Maximilian nahm sich 1635 nach der Erstürmung von Hohentübingen die Bibliothek der Württemberger Herzöge (mit 600 Bänden) und 1644 die Sammlung der Augsburger Suffraganbischofs Sebastian Müller (1584-1644).

Unter Maximilians Nachfolgern gab es für längere Zeit keinen weiteren Ausbau der Bibliothek. Der Etat war zu gering für nennenswerte Ankäufe, die Bibliothek schlecht verwaltet und selbst für Wissenschaftler, wie Mabillon versicherte, kaum zugänglich. An privaten Sammlungen ist nur die Bibliothek der aus Savoyen stammenden Gemahlin des Kurfürsten Ferdinand Maria (1636-1679, Kurfürst 1651) Adelheid (gest. 1671, sie dichtete, malte und komponierte selbst) nennenswert, mit vornehmlich italienischer Literatur. Mit der savoyischen Prinzessin kamen Kunst und Künstler des Barock und des Rokoko über die Alpen. Als Enkelin König Heinrichs IV. Von Frankreich und der Maria von Medici war sie vom Hof Ludwig XIV. inspiriert. Drei Generationen lang, wurde nun der Münchener Hof einer der prächtigsten in Europa. In das 1651-57 am Salvatorplatz von Santurini erbaute Opernhaus (dem ersten selbständigen Theaterbau auf deutschem Boden) zog die italienische Oper ein; auf dem Starnberger See schwamm das nach venezianischem Vorbild -ebenfalls von Santurini- gebaute herzogliche Prunkschiff "Bucentaurus". Die Wissenschaften und damit die Sorge für die Bibliothek fanden da am Hof weniger Interesse. Allein das erste bayerische Gesetz zur Pflichtablieferung , 1661/63 unter Kurfürst Ferdinand Maria erlassen, brachte wenigstens zum Teil die Verlagsproduktion der kurfürstlichen Lande in die Bibliothek, die Ablieferung setzte sich jedoch nicht recht durch. Die bedeutenderen Druckorte wie Augsburg und Nürnberg waren als Reichstädte ohnehin nicht in der Pflicht.

Die Stagnation wurde erst unter dem wissenschaftlich umfassend gebildeten Kurfürsten Max III. Joseph (1727-1777, Kurfürst 1745) überwunden. Als Förderer der Wissenschaft gründete er 1759 die Münchener Akademie der Wissenschaften und ordnete ihr die Hofbibliothek zu, die er nun ausreichend ausstattete. Sein Bibliothekar, der Historiker Felix Andreas von Oefele (1706-1780, 1746-1778 Leiter der Bibliothek), machte die Bestände in seinem ausgedehnten gelehrten Briefwechsel bekannt. Oefele kaufte laufend bei den Buchhändlern in Nürnberg, Augsburg und Salzburg, war mit dem Propst des Augustinerchorherrenstifts Polling, Franz Töpsl (†1796) befreundet, unter dem die Pollinger Bibliothek zur bestgeführten in Bayern wurde; er stand in Verbindung mit dem gelehrten Fürstabt von St. Emmeram, Froben Forster (†1791) und, vor seiner Ernennung, mit dem Benediktbeurer Historiker Franz Meichelbeck (†1734). In seiner Amtszeit wurden die Bibliotheken von Giovanni Ludovico Bianconi (1766), dem Leibarzt und Bibliothekar des Kurfürtsen von Sachsen, und von Paul Finauer (1769) erworben. Oefeles größtes Verdienst ist die Erschließung der Bibliothek durch Kataloge, denen er sich von Anfang an gewidmet hat: er hinterließ einen Fachkatalog in 25 Bänden, einen Nominalkatalog, einen Katalog der Materien und einen Handschriftenkatalog. Nach Oefeles Tod wurde die Bibliothek vernachlässigt. Der Umzug in das 1773 freigewordenen Jesuitenkolleg zog sich bis 1790 hin; 1779 und noch 1784 fanden die Bibliotheksreisenden Philipp Wilhem Gercken (†1791) und Hauntinger die Bibliothek in Unordnung. In diese Übergangszeit fällt das Bibliothekariat des Pollinger Chorherrn Gerhoh Steigenberger (1741-1787), Bibliothekar der Hofbibliothek seit 1781), der vorher im Auftrag seinen Propsts Franz Töpsl für die Pollinger Bibliothek Frankreich und Italien bereist hatte. In der Dienstordnung von 1797 sind als Personal der Bibliothekar, der Adjunkt, der Skriptor, der Offiziant, ein Diener und der Auskehrer mit ihren Aufgaben aufgeführt. 1799 wird sogar noch ein Demonstrateur für die Fremden als Bedürfnis angemeldet, wegen der vielen französischen Emigranten in München.

Inzwischen war unter der Regierung des pfälzischen Wittelsbachers Karl Theodor (1724-1799, Kurfürst 1743) in Mannheim seit 1756 eine stattliche Bibliothek entstanden: reich an französischer Literatur, vornehmlich zeigenössischer, auch an Handschriften aus den säkularisierten elsässischen Klöstern und dem (1773 aufgehobenen) Jesuitenkolleg in Molsheim, besonders reich aber an Literatur zur Geschichte und zu den Naturwissenschaften. Mit der humanistischen Privatbibliothek des Florentiners Petrus Victorius (Pietro Vettorio, 1499-1589) kamen 1778 weitere Werke des 16. Jhs. in die Hofbibliothek. Von besonderem Wert für die Geschichte der Reformation und des Dreissigjährigen Krieges sind die Briefsammlungen aus der fränkischen Gelehrtenfamilie Camerarius -(Kammermeister), des in Bamberg geborenen Humanisten und Tübinger Professors, des Biographen von Melanchthon, Joachim C. (1500-1574) und seines Enkels, des in Nürnberg geborenen pfälzisch-schwedischen Staatsmannes Ludwig C. (1573-1651), der ab 1623 die pfälzische Exilregierung leitete und Gustav II. Adolf beriet. Die Sammlung des jülich-kleveschen Archivars Johann Gottfried von Redinghoven (1628-1704) enthält Quellen zur Geschichte und Genealogie des Niederrheins. Karl Theodor trat 1777 die Nachfolge der ausgestorbenen bayerischen Linie der Wittelsbacher in München an. Mit ihm kam sein Oberhofbibliothekar, der spätere Kardinal Kasimir Frh. von Häffelin (†1827), der das gesamte bayerische Bibliothekswesen reformieren wollte. Er gilt als zweiter Stifter der Bibliothek, die er als Gundpfeiler der Aufklärung und Hauptinstrument der nationalen Bildung verstand.In seinen Vorschlägen tauchten erstmals Idee und Name einer Nationalbibliothek auf; er schlug einen Zentralkatalog öffentlichen Bücherbesitzes vor, die personelle Verbindung der Bibliothek mit der Akademie, eine Eignungsprüfung für die Bibliothekare und forderte deren wissenschaftliche Publikationstätigkeit. Der Kurfürst verhielt sich jedoch ablehnend, die napoleonischen Kriege und der Geldmangel taten ein Übriges.

Im Jahr der Großen Französischen Revolution, 1789 wurde die Hofbibliothek der allgemeinen Benutzung freigegeben (im gleichen Jahr wurde auch der vom englischen Grafen Rumford angelegte Englische Garten geöffnet). Seine eigene Bibliothek ließ Karl Theodor zu Lebzeiten in der pfälzischen Residenz Mannheim. Erst nach seinem Tod (1799), als die rechtsrheinische Pfalz dem Kurfürsten von Baden zugefallen war, holten bayerische Kommissare 1803/04 die Bibliothek nach München: die für sie genannten Bestandszahlen schwanken zwischen 40 000 (Bezzel 1967 S. 11), 50 00 (Buzás, ...Neuzeit S. 21), und 100 000 (Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Aufl. Bd. 5, 1996 S. 253; Homepage BSB April 1997, Bestandsgeschichte "bestand.htm").

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5.3 Die königliche Hofbibliothek1805-1829

5.3.1 Der Zuwachs durch die Säkularisation

Der alte Bestand der Hofbibliothek war im Jahre 1802 fast vollständig geordnet und katalogisiert gewesen. Unterdes waren aber rieseige Büchermassen in die Münchener Hofbibliothek geströmt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 hatte sie die Bibliotheksbestände des Münchener Kollegs (23 000 Bände) übernommen (die des Ingolstädter Kollegs war in die Bibliothek der dortigen Landesuniversität eingegliedert worden). Die kaum weniger umfangreiche Sammlung der Theatiner von Sankt Kajetan kam 1801 hinzu. Ein Jahr später, 1802, wurden in Bayern die Mendikantenköster aufgehoben (Augustinereremiten, Paulaner, Franziskaner, Kapuziner, Karmeliten, Dominikaner), ihre Bibliotheken auf Veranlassung Johann Christoph von Aretins (1772-1824, seit 1802 Leiter der Hofbibliothek) versiegelt, bis die dreiköpfige Bibliothekskommission das für die Hofbibliothek brauchbare herausgesucht hatte. Ihr gehörte neben Aretin der Inkunabelkenner Johann Baptist Bernhard (1759-1821) an. Er wählte aus den Münchener Klosterbibliotheken, allen voran der Augustiner-Eremiten, rund 21 000 und aus den Klöstern des Landes ca. 8900 Inkunabeln aus. Bedeutender war noch der Zuwachs aus den Prälatenklöstern (Benediktiner, Zisterzienser, Augustinerchorherren, Prämonstratenser) und den Domstiften. In vier Bibliotheksreisen wurden für die Hofbibliothek, die Universitätsbibliothek (inwischen in Landshut) und die geplanten Gymnasialbibliotheken ("vaterländische Schulen") mehr als 200 000 Bände ausgewählt.

Aus den insgesamt 150 Bibliotheken der Klöster und Stifte in Ober- und Niederbayern und Teilen Schwabens gewann die Hofbibliothek unter König Maximilian I. Joseph ( 1756-1825, Kurfürst 1799, König 1806) somit mehr als 300 000 Bände und wurde nun (mit der Eingliederung der Mannheimer Hofbibliothek) nach einer Zählung des Jahres 1818 mit etwa 500 000 Bänden Druckschriften (ohne die rund 200 000 Dubletten), rund 16 000 Inkunabeln und 22 600 Handschriften zur größten Bibliothek in Deutschland, die sie bis zum Ende des Jahrhunderts auch blieb. Selbst ausländische Fachleute erkannten der Hof- und Staatsbibliothek, wie sie seit 1829 hieß, nach der Bibliothèque Nationale in Paris den zweiten Platz zu. Die Ordnung, Katalogisierung und Unterbringung der Büchermassen wurde nun zurAufgabe der folgenden Jahrzehnte bis zum Ende des Jahrhunderts.

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5.3.2 Die Neuordnung des Bestandes nach 1806

Die größten Verdienste um die Neuordnung erwarb sich Martin Schrettinger (1772-1851). In seiner 1827 verfaßten Schrift "Kurzer Abriß der Schicksale der K. Hof- und Central-Bibliothek vom Jahre 1802 bis 1826" hat er anschaulich überliefert, wie man bei den Ordnungsarbeiten vorging. Die Büchermassen füllten das Gebäude des Jesuitenkollegiums bis unters Dach und selbst den Dachboden der benachbarten Michaelskirche. In allen Speichern standen die Büchergestelle aus ungehobelten Bretten so dicht, daß man kaum dazwischen herumgehen konnte. - Schrettinger berichtet:

"Dann nahm Baron von Aretin ganze Horden von vazierenden Bedienten, Schreibern, Handwerksburschen, relegirten Studenten und anderen Vagabunden auf, und schickte sie in die Bibliothek mit dem Auftrage, die Kisten auszupacken, die Bücher, wie sie ihnen in die Hände kamen, aufzustellen, mit weißen Papier-Flekchen zu bekleben, zu numeriren und ihre Titel auf einzelne Quartblätter abzuschreiben, mit dem Akkorde, daß für jedes Quartblatt 1 kr. bezahlt werde. Das Kommando über dieses bibliothekarische Freikorps wurde ausschlüssig dem damaligen Bibliotheksdiener Matthias Bernhart übergeben; das angestellte Personale wurde mit Kurrent-Arbeiten beschäftigt und durfte sich um die Diurnisten nicht bekümmern. Nachdem alle Bücher in der größten Unordnung numerirt und fabrikmäßig beschrieben waren, wurden die meisten jener Arbeiter entlassen und ein neuer Schwarm ähnlicher Leute aufgenommen, welche den Auftrag erhielten, die Bücher aus der Reihe der Nummern herauszureißen und nach ihrem Inhalte zu klassifizieren (wodurch der Katalog ganz unbrauchbar wurde), während die Quartblätter Pakweise an verschiedene Leute (sogar an Frauenzimmer) zum Abschreiben ausgetheilt und für jeden beschriebenen Bogen 6 kr. bezahlt wurde. Um aber diesen Katalog auf den möglichsten Grad von Zweckwidrigkeit zu bringen, ließ Baron von Aretin sogar den Katalog der Memminger Stadtbibliothek und einige andere Kataloge, aus denen kein Buch hierhergekommen war, auf Quartblätter abschreiben und dem seinigen einverleiben. Das Schlimmste bei dieser ganzen widersinnigen Bibliotheks-Einrichtungs-Methode war aber der Umstand, daß ungeachtet meiner dringenden Gegenvorstellung auch die bereits gut eingerichtete und katalogierte (!) hiesige, so wie die Mannheimer Bibliothek, durch eben jene ungeschickten Diurnisten mit ihrem künstlichen Chaos amalgamirt wurde, so daß es ein glücklicher Zufall war, wenn man nach tagelangem Suchen ein verlangtes Buch finden konnte." (Zit. nach Handbuch der Bibliothekswissenschaft, 2. Aufl. Bd. 3.2, 1957 Kap. 375 S. 178).

Der erste Versuch einer Neuordnung des Bestandes, noch von Aretin veranlaßt, war gescheitert. In der Verzweiflung über das von diesem "bibliothekarischen Dilettanten hervorgerufene Chaos" (Handbuch, a.a.O. S. 179) wurde auf Vorschlag des Akademiepräsidenten Friedrich Heinrich Jacobi und des Generalsekretärs A. H. F. Schlichtegroll im März 1808 der gothaische Hofrat Julius Wilhelm Hamberger berufen und dem Baron von Aretin mit gleicher Vollmacht beigesellt. Hamberger nahm sich der Aufgabe mit großem Eifer an und arbeitete fast Tag und Nacht in der Bibliothek. 1811 waren bereits 120 00 Bände katalogisiert, in 47 systematische Katalogbänden mit mehr als 20 000 Seiten: der Gesamtumfang des Katalogs wurde auf 180 Bände geschätzt. Hamberger brach jedoch im Dezember 1811 zusammen und mußte in eine Irrenanstalt verbracht werden; Aretin aber wurde an eine hohe Gerichtsstelle in die Provinz versetzt, damit der von ihm entfachte Streit gegen die an die Akademie berufenen "Nordlichter" ein Ende habe; er konnte in der Bibliothek keinen weiteren Schaden mehr anrichten.

Damit endete der Versuch, die Büchermassen nach Göttinger Muster systematisch aufzustellen und danach zu katalogisieren. Er scheiterte wohl aber nicht sosehr wegen des Göttinger Systems, sondern wegen der vielen organisatorischen Fehler, die unter Aretin begangen worden waren.

In ausführlichen Gutachten von 1812 und 1813 entschieden sich nun die Bibliothekare wieder für den alphabetischen Nominalkatalog. Jetzt setzte sich im dritten Versuch der ehemalige Benediktiner Martin Schrettinger (1772-1851) mit seinem Konzept der Fachgruppenaufstellung durch: er teilte den Bestand in 12 Hauptgruppen mit rund 200 Fachgruppen, innerhalb derer die Schriften nach Verfassernamen oder anonymen Titeln eingereiht wurden (in einigen Gruppen wurde auch sachlich aufgestellt). Schon im August 1817 waren alle Bücher in der neuen Ordnung. Schrettinger, der als "Antipode" des Dresdener Bibliothekars Ebert zwar auch ein hervorragender Bibliothekstheoretiker war, sich hier jedoch mehr praktisch ausgerichtet zeigte, schlug sogar vor, die Neuzugänge innerhalb jeder Gruppe mechanisch einzureihen, konnte dies jedoch nicht durchsetzen. Auch die Neuerwerbungen wurden deshalb alphabetisch in die "geschlossene Gruppe" eingegliedert. (Erst ab 1913 wurde innerhalb der Fachgruppen nach numerus currens, als "Offene Gruppenaufstellung" geordnet).

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5.3.3. Die Erschließung des Bestandes nach 1806

5.3.3.1 Druckschriften

Nach der Schrettingerschen Gruppenaufstellung wurde der Druckschriftenbestand in einem ersten Durchgang auf Zettel im Hochquart-Format katalogisiert (in der Hofbibliothek ebenso wie in der Universitätsbibliothek Landshut meist von Anlernkräften, die man aus den beschäftigungslos gewordenen Klosterinsassen rekrutierte, wie das weiter oben anschaulich von Schrettinger beschrieben wurde). Nach der alphabetischen Folge der Zettel wurde später (ab ca. 1830) der Bandkatalog abgeschrieben, der mit allen seinen bis heute erkennbaren Mängeln die Flüchtigkeiten einer unter großem Zeitdruck vorwiegend von Hilfskräften erledigten Arbeit fortsetzte. In kurzer Zeit, zwischen 1814 und 1818 wurden so die alphabetischen Kataloge und die Standortkataloge abgeschlossen. Aus den nach ihrer Abschrift übrigen Zetteln ordnete Schrettinger ab1819 einen Schlagwortkatalog; er bearbeitete 80 der 189 Fächer, das war knapp ein Viertel des Gesamtbestandes (mit über 84 000 Bänden !), nach dem Prinzip des weiten oder Gruppenschlagworts. Nach seinem Tod (1851) wurde dieser Katalog 1856 unter Karl Felix Halm (Bibliotheksdirektor 1856-1882, †1882) abgebrochen und durch einen halbsystematischen, geographisch-historischen Sachkatalog ersetzt. Erst am Ende des 19.Jahrhunderts war die Zeit reif für diese Art der Sacherschließung und die Hof- und Staatsbibliothek begründete 1911 den seither geführten, wenn auch laufend revidierten Schlagwortkatalog.

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5.3.3.2 Ordnung und Katalogisierung der Handschriften

Nach einem vergeblichen Versuch des Niedersachsen Bernhard Josef Docen (1804-1828 an der Hofbibliothek), eines Schülers von Chr. G. Heyne in Göttingen, der die Handschriften systematisch aufstellen wollte, ordnete der Germanist Johann Andreas Schmeller (1785-1852), bekanntgeworden u.a. durch seine Werke "Die Mundarten Bayerns, grammatikalisch dargestellt" (1821) und sein "Bayerisches Wörterbuch" in vier Bänden (1827-37), die Handschriften zunächst nach Sprachen in lateinische und deutsche (codex latinus monacensis=clm und codex germanicus monacensis=cgm). Die lateinischen gliederte er nach den Vorbildern der Bibliothèque Nationale Paris und der Vaticana ab 1829 dann weiter nach ihrer Herkunft (Provenienz), wodurch die ursprüngliche Ordnung nach dem Besitz der einzelnen Klöster wiederhergestellt wurde. Auf die in 23 Jahren von Schmeller verfassten 24 Bände der (handschriftlichen) Kataloge (sie beschreiben 24 000 Handschriften) gehen die unter Karl Felix von Halm 1858-81 gedruckten Handschriftenkataloge der BSB zurück. Mit Schmellers Handschriftenkatalog gleichzeitig enstand ein Initien-Verzeichnis und ein nach Fachgruppen gegliederter Sachkatalog auf 100 000 Blättern, der die Handschriften nach Personen, Orten und Sachen erschließt. Neben dem Katalog der Handschriften und den mundartkundlichen Veröffentlichungen fand Schmeller noch Zeit, seine wichtigsten Handschriften- und Fragmentfunde der althochdeutschen und altsächsischen Sprachdenkmäler zu publizieren: das altsächsische Versepos "Heliand" (1830); das im 9. Jh. im bairischen Sprachraum entstandene "Muspilli", ein Gedicht vom Schicksal der Seele nach dem Tod (1832); den "Ruodlieb", einen um 1040 in Tegernsee entstandenen lateinischen Roman in leoninischen Hexametern (1838), und die 1803 in Benediktbeuern entdeckte Anthologie lateinischer Texte und Lieder des 11. bis 13. Jahrhunderts, nach ihrem Fundort "Carmina Burana" genannt (von der die Orff’sche Tondichtung nur eine Auswahl enthält).
 

5.3.3.3 Ordnung und Katalogisierung der Inkunabeln

Die Drucke des 15. Jahrhunderts wurden in zwei Gruppen geteilt: solche mit Datierung ("cum anno"- Inc.c.a.) und solche ohne ("sine anno"- Inc.s.a.). Die Hofbibliothek war durch die Säkularisation mit einem Schlag die an Inkunabeln reichste Bibliothek der Welt geworden. Der Bibliograph Ludwig Hain (1781-1836) schuf mit seinem "Repertorium bibliographicum..." (4 Teile, 1826-38) auf der Grundlage der Münchener Bestände die bisher einzige Inkunabelbibliographie mit durchgehendem Verfasser-Alphabet. Erst der im Erscheinen begriffene neue Inkunabelkatalog der BSB (BSB-INK) wird das Verzeichnis Hains zum Teil entbehrlich machen.
 

5.3.4 Erwerbungen 1805-1829

Die Oberaufsicht über die Bibliothek hatte von 1812 bis 1822 der Generalsekretär der Akademie der Wissenschaften, der aus Gotha berufene Altertumswissenschaftler Adolf Heinrich Friedrich Schlichtegroll (1765-1822), von 1822 bis 1826 Joseph Scherer (†1829). Der führende Mann blieb aber Schrettinger. Der Etat war mit nicht mehr als jährlich 6 000 fl. gering, das Geld wurde hauptsächlich für Ordnungs- und Katalogarbeiten verbraucht. Aus Säkularisationsgut kamen auch nach 1803 weitere Zuwächse: 1805 die Prachthandschriften des Bamberger Domstifts; nach der Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit Augsburgs (1806) wertvolle Bestände aus den dortigen Klöstern; 1811/12 der reiche Handschriftenbestand des Reichsstifts St. Emmeram; 1815 folgten Salzburger Bestände. In diese Zeit fiel die Erwerbung der 8000 Bände vornehmlich naturwissenschaftlicher Werke des Augsburger Bankiers de Cobres (1808) und eine Schenkung des Königs: die 2000 naturhistorischen Werke des Erlanger Medizinprofessors Johann Christian Daniel Schreber (1739-1810), zu denen ein besonderer alphabetischer und systematischer Katalog angelegt wurde. Der vielgelehrte Theologe Ignaz Döllinger (1799-1890), seit 1826 an der Münchener Universität, konstatierte fast in allen Fächern schwere Lücken: besonders in der neuen englischen, französischen und italienischen Literatur. Als Scherer 1826 abging, auch er gemütskrank geworden (er starb drei Jahre danach), war aber durch Schrettingers Wirken die Bibliothek aus den größten Schwierigkeiten heraus.

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5.4 Die Hof- und Staatsbibliothek von 1829 bis 1918

Da die Etatmittel (wie auch die Kräfte) der Bibliothek, wie vorne gezeigt, weitgehend für die Katalogisierung verbraucht wurden, konnten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nur im alten Stil vorwiegend geschlossene Sammlungen erworben werden. König Ludwig I. (1786-1868, König1825-1848), Sohn von Max I. Joseph, ließ als erstes die Universität von Landshut nach München verlegen (1826) und förderte sie als Zentrum der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Sie erlangte rasch einen hohen Ruf: 1830 waren bereits 2000 Studenten eingeschrieben. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854), seit 1806 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1827 aus Erlangen berufen, wurde Akademie-Präsident und Generalkonservator aller wissenschaftlichen Sammlungen.. Der König richtete sein Augenmerk sogleich auch auf die "Hof- und Staatsbibliothek", wie sie seit 1829 hieß. Als Bibliotheksdirektor setzte er seinen Privatbibliothekar und Prinzenerzieher Philipp Lichtenthaler ein (im Dienst 1826-1855, †1857), den er schon 1827 beauftragt hatte, den Raumbedarf für ein neues Bibliotheksgebäude festzustellen.

Auf Lichtenthaler geht ab etwa 1830 die Umschrift des Nominalkatalogs von den in Kapseln aufbewahrten Quartblättern in einen Bandkatalog zurück. Die im Jesuitenkolleg untergebrachte Bibliothek hatte ein Lesezimmer für nur 25 Personen, es war im Winter nicht heizbar und nur an drei Vormittagen je fünf Stunden geöffnet. Nach der Bibliotheksordnung von 1828 durften nur ausnahmsweise mehrere Bände gleichzeitig ausgegeben werden, für das Studium von Handschriften war eine ministerielle Genehmigung nötig, nur Staatsdiener vom Rat aufwärts konnten in München entleihen; für Entleihungen außerhalb der Stadt war die königliche Genehmigung einzuholen. Die an die Universität berufenen "Nordlichter" beschwerten sich 1829 darüber: die Göttinger Bibliothek sei täglich offen und während der ganzen Amtszeit der Bibliothekare für die Professoren der Universität frei zugänglich (die Bibliotheksordnung von 1828 blieb noch bis 1870 in Kraft).

Eines der ersten Bauprojekte, die der König ausarbeiten ließ, galt daher dem Neubau der Hofbibliothek (1832-1843, siehe unten Kap. 5.6). Im Jahr 1832 wurde die Bibliothek aus derAkademie herausgelöst und als sebständige Behörde dem Innenministerium unterstellt. Der Vermehrungsetat stieg nun stetig: er betrug 1836 schon 17 500 fl. Dazu kamen Sonderbewilligungen des Königs. Bemerkenswert war der Zuwachs der Orientalia. Mit rund 3500 Drucken, die der Münchener Sinologe Karl Friedrich Neumann (1793-1870) von einer Chinareise 1830/31 mitgebracht hatte, wurde die Sinica-Sammlung begonnen.

Ludwigs Nachfolger Maximilian II. Joseph (1811-1864, König seit 1848) setzte die Förderung der Wissenschaften fort. Der König schenkte 1851 zur Neumann’schen Sinica-Sammlung weitere 2700 chinesische Werke hinzu, die aus der Sammlung des Italieners Onorato Martucci (1774-1846) stammten. Von überragender Qualität jedoch war der Ankauf der Bibliothek des französischen Orientalisten Étienne Quatremère (1782-1857) mit 1200 Handschriften und über 45000 Drucken. Um die damals enorme Kaufsumme von 340 000 Fr. auszugleichen, ließ Karl Felix Halm (1809-1882, seit 1857 Direktor der Bibliothek) auf zwei Auktionen in Augsburg und Paris die Dubletten der Sammlung Quatremère und Doppelstücke der bereits katalogisierten Drucke der Hofbibliothek versteigern, dabei ein Exemplar der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel, Blockbücher, Pergamentducke, Inkunabeln und wertvolle Werke aus dem Gründungsbestand der Bibliothek, wie der Bibliothek Hartmann Schedels. Eduard Böcking, Käufer eines der 82 Drucke Ulrich von Huttens, die in die Auktion geraten waren, schickte den seinen kommentarlos nach München zurück: er trug eine eigenhändige Widmung des Humanisten.

Karl Felix Halm, geschäftsbegabter Sohn eines Kunsthändlers, hatte die Verkaufskataloge selbst bearbeitet und mit gelehrten Anmerkungen versehen. Bei aller späteren Kritik an den Dublettenverkäufen muß man doch zugeben, daß ihm mit diesen Mitteln bedeutende Ankäufe gelangen: die große Colmarer Liederhandschrift der deutschen Meistersinger und Teile des Nachlasses von Schmeller. Auch die Musiksammlung wurde durch den Ankauf der Bibliothek des Heidelberger Juristen und Musiktheoretikers Anton Friedrich Justus Thibaut (1772-1840) vermehrt: die Zahl der Musikhandschriften stieg von 600 auf mehr als 5 000.

Insgesamt fiel die Münchener Hof- und Staatsbibliothek am Ende des 19. Jahrhunderts zurück; aus Etatgründen wurden die Naturwissenschaften, die Medizin und die Technik zugunsten der Geisteswissenschaften zurückgestellt. Unter der Leitung von Georg Laubmann (Direktor 1882-1909, †1909), der in Verwaltungsdingen keine sehr glückliche Hand bewies, hatte die Bibliothek um 1900 eine Million Bände erreicht. Laubmann war ein Kenner Italiens und Frankreichs, der deutsche Norden blieb ihm fremd. Berlin hat er nie besucht; auch der im Jahr 1900 gegründete Verband Deutscher Bibliothekare (VDB) und die Redaktion der Vereinszeitschrift "Zentralblatt für Bibliothekswesen" (ZfB) bemühten sich vergeblich um die Mitwirkung des Leiters der zweitgrößten Bibliothek in Deutschland. Wieder einmal mußten (aus Norddeutschland berufene) Gelehrte der Universität auf die Mißstände in der Bibliothek aufmerksam machen, diesmal im Jahr 1894: den 29 wöchentlichen Öffnungsstunden in München stünden 72 in Berlin gegenüber; im Winter sei die Bibliothek an den Nachmittagen überhaupt geschlossen, da die elektrische Beleuchtung fehle; der Lesesaal sei als allgemeiner Durchgangsraum zu unruhig, die Handbibliotheken dürftig, Zeitschriften nur mit besonderer Erlaubnis zugänglich (die neuesten Hefte habe ohnehin der Direktor unter Verschluß), die Kataloge unzugänglich, der Etat (mit 70 000 nur die Hälfte des Berliner Etats) zu gering.

Erst um 1900 wurden die 84 Lesesaalplätze auf 166 vermehrt, eine Handbibliothek von 2 500 Bänden aufgestellt; das Zeitschriftenzimmer erhielt statt bisher 26 jetzt 48 Plätze, der Handschriftenraum wurde mit 30 Plätzen auf das Doppelte erweitert, elektrisches Licht eingeführt und die Öffnungszeiten auf 39 erhöht. Telefon und Schreibmaschine fehlten aber noch immer. Dies waren Klagen gelehrter Benutzer: in der Erschließung der Bestände und in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen ihrer Fachreferenten war die Bibliothek unter Laubmann jedoch vorbildlich. Dem inneren Dienst und der Ausbildung des Nachwuchses dienten der erneuerte "Schematismus" (Regeln für die Ordnung der Bestände), und die Katalogisierungsordnung, beide von 1905, die "Vorschriften für die Benutzung" von 1907 und die Verwaltungsordnung von 1909.

Erst um 1910, unter dem begabten Organisator Hans Schnorr von Carolsfeld (1909-1929, †1933) vollzog das Münchener Haus den Übergang zur modernen Gebrauchsbibliothek. Anzeichen dafür war 1913 der Übergang zur Aufstellung nach numerus currens innerhalb der Fachgruppen, ausreichende Öffnungszeiten und, als Konsequenz der neuen Ausfstellung, 1911 die Einführung eines Schlagwortkataloges. Die Hof- und Staatsbibliothek München war aber bereits von der Königlichen Bibliothek in Berlin in Bestand und Personal überflügelt, die seit 1870 im großen Stil zu einer Ersatz-Nationalbibliothek ausgebaut worden war. Neben ihr war die Hof- und Staatsbibliothek München die zweite tragende Säule des deutschen Bibliothekswesens.

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5.5 Die Bayerische Staatsbibliothek 1919-1945

Seit 1919 trug das Haus die Bezeichnung "Bayerische Staatsbibliothek". Der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise hatten die Beschaffung ausländischer Literatur sehr erschwert. Unter den Oberbibliothekaren bzw. Generaldirektoren Hans Schnorr von Carolsfeld (1909-1929, "1933) und Georg Reismüller (1929-1935, "1936) war die Bibliothek deshalb verstärkt an den Gemeinschaftsunternehmen beteiligt, die den Mangel verwalten halfen: zentrale Katalogisierungsunternehmen und der deutsche Leihverkehr.

In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 wurden die Erwerbungsmöglichkeiten weiter eingeengt, die Verbindungen zum ausländischen Buchhandel rissen im Zweiten Weltkrieg fast ganz ab. Die Bibliothek stand seit 1935 unter der Leitung des Parteigenossen Nr. 4 Rudolf Buttmann (1935-1945, +1947), der trotz niedrigerer Parteinummer als der Adolf Hitlers nach dem 30.1.1933 keinen herausragenden parteipolitischen Einfluß ausübte. Bemerkenswert für seine Amtsführung, die nach jüngeren Forschungen objektiver gesehen werden muß, als Georg Leyh sie (im HandB d. Bib.-W., 2. Aufl. 3. Bd., 2. H. S. 378/379) in scharfer Ablehnung dargestellt hat, war, daß er in Otto Handwerker (1877-1947) von der UB Würzburg einen Stellvertreter einsetzen konnte, der nicht der Partei angehörte (Dressler, Die BSB im Dritten Reich ... S. 67f.). Auch wurden die Schriften der mißliebigen und verbotenen Autoren nicht aus dem Bestand ausgeschieden - dies ein Verstoß gegen die Bestimmungen des Reichserziehungsministeriums - sondern unter einer eigenen Signatur (Remota III) separiert. Auch die Zulassung für Juden wurde unter Buttmann bis zur Einführung des "Judensterns" nicht eingeschränkt, und er nahm von den Nazis politisch verfolgte und inhaftierte Bibliothekare wieder in den Dienst. (Happel, Quellensituation S. 305). Schon zwei Monate nach seinem Amtsantritt ließ er in Absprache mit den Abteilungsleitern die seit 100 Jahren bewährte Fachgruppenordnung zugunsten einer Aufstellung nach der Laufzahl aufgeben. Weitere Reformen im Geschäftsgang wurden eingeleitet, der von Reismüller begonnene Ausbau neuer Magazine jedoch eingestellt. Entlastung dafür sollte ein Anbau hinter dem alten Bibliotheksgebäude mit Kuppel-Lesesaal und Magazinräumen bringen, den Hitler bei seinem Besuch der Bibliothek für die Jahre 1939/40 Buttmann persönlich zugesagt hatte. Er fiel dem Krieg zum Opfer (und wurde erst 1966 verwirklicht). Bei dessen Beginn wurde die Bibliothek sogleich geschlossen und wertvolle Bestände in die Keller überführt, nach Protesten aus der Universität aber mit 42 statt 67 Wochenstunden wieder geöffnet. Im März 1941 begannen die Auslagerungen der Hss. und Zimelien. Für weiteres fehlten Personal, Kisten und Transportraum, auch kamen die Richtlinien zum Schutze der Bibliotheken im September 1942 viel zu spät.

Ein englischer Bombenangriff in der Nacht vom 9./10.3.1943 vernichtete 20% des Bestandes. Zwar waren Handschriften und Inkunabeln bereits in bayerische Klöster verlagert worden, die Druckschriftenbestände vom 16. Jahrhundert an jedoch noch nicht ausgelagert; eine Separierung der Rara und damit einen raschen Zugriff auf die wertvollsten Druckschriften gab es nicht. So trafen die Phosphorbomben mit dem Mittelbau einen empfindlichen Teil des Gebäudes, der Wind breitete das Großfeuer in den Holzregalen aus und etwa ein Viertel des Bestandes, rund 400 000 Bände, verbrannte. Darunter waren der Theologiesaal, das unersetzliche Fach "Biblia" mit den Bibelausgaben vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, der Kunstsaal mit den Bildbänden und der kunstgeschichtlichen Literatur, das historisch-geographische Schrifttum über Südosteuropa und die außereuropäischen Kontinente, die Reiseliteratur, die klassische Philologie, die Werke zur Alten Geschichte und Altertumskunde und die besonders vollständige, aus den Tauschexemplaren der Akademie der Wissenschaften aufgebaute Sammlung der Akademieschriften. Die zum Teil aus dem Brandschutt geborgenen Bücher wurden nun auf 28 oberbayerische Bergungsorte verteilt. Nach weiteren Angriffen wurde ein Jahr später der Betrieb der Bibliothek eingestellt, In der Folge wurde das Gebäude nach und nach zu 85% zerstört.

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5.6 Die Bayerische Staatsbibliothek 1945 bis heute

Der Wiedergeburt der Bibliothek seit 1945 geschah in drei Schwerpunkt-Bereichen: das von Oktober 1943 bis Januar 1945 zu sechs Siebteln zerstörte Gebäude mußte wiedererrichtet werden, die verlagerten Bestände der Forschung wieder zugänglich gemacht werden, die Kriegsverluste waren auszugleichen und dabei die Neuerscheinungen aus aller Welt zu erwerben.

Der Wiederaufbau war, zusammen mit dem 1966 fertiggestellten Erweiterungsbau, mit der Fertigstellung des Osttraktes 1970 beendet (hierzu ausführlicher in Kapitel 5.6).

Die Rückführung der Bestände zog sich bis 1952 hin. Die Bücher wurden im erhalten gebliebenen Nordmagazin und in einem Ausweichmagazin in Planegg, einem ehemaligen Sanitätsdepot, gestapelt. Erst mit dem Ausbau der Magazine ab 1955 konnten die Bücher sortiert und aufgestellt werden. Eine Revision des Gesamtbestandes wurde von 1956 bis 1958 durchgeführt. Erst danach war es möglich, die Kriegsverluste zu ermitteln und im Dienstkatalog und am Standort im Magazin zu kennzeichnen.

Die systematische Ergänzung eines Teils der Kriegsverluste wurde in Eigenleistung betrieben und im Rahmen der Sondersammelgebietsprogramme der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Diese, 1949 neu begründet (seit 1951 Deutsche Forschungsgemeinschaft - DFG) fördert seit 1950 an der bayerischen Staatsbibliothek die Fächer Altertumswissenschaft, Alte Geschichte, Slawische Philologie und -Kulturen (bis 1996), Geschichte und Musikwissenschaft und damit den Kauf der ab 1930 erschienenen Zeitschriften, Serien und Monographien dieser Fächer. Seit 1963 stieg der Etat laufend an und überschritt bald zwei Millionen DM jährlich. Dank der Förderung durch den bayerischen Staat konnte die Bibliothek sowieder an ihre universalen Sammelziele anknüpfen. Bis heute konnte aber nur ein Drittel der im Krieg verbrannten Bücher wiederbeschafft werden.

Die Erschließung der Bestände konnte sich -mit einigem zeitlichem Abstand zu den neugegründeten Universitätsbibliotheken - bald der Datenverarbeitung bedienen. Eine Voraussetzung dazu war, daß der Dienstkatalog 1953 vom seit 1840 verwendeten (Hoch-) Quartformat auf das internationale Kartenformat (IFK) und in den Ansetzungen gleichzeitig von der grammatikalischen Wortfolge auf eine (modifizierte) mechanischen Wortfolge umgestellt worden war. Ein neuer systematischer und gleichzeitig geographischer Katalog wurde zur gleichen Zeit aufgebaut, seine Klasseneinteilung 1966 zugleich für die Neuordnung des Zeitschriftensaals und den Freihandbestand des Allgemeinen Lesesaals verwendet. Jedoch Anfang der 80er Jahre wurde dieser (von Egon Hirschberger begründete Katalog) wieder abgebrochen, obwohl er für die EDV-Erschließung gut geeignet gewesen wäre. Er wird heute nicht mehr benützt: in der Homepage wird er jedenfalls unter den Katalogen verschwiegen, im Gegensatz zu Schrettingers erstem Schlagwortkatalog (1819-1856).

Die EDV-Katalogisierung begann 1972 für Zeitschriften, erst zehn Jahre später (1982) für die Monographien; wiederum zehn Jahre später (1992) wurde der elektronische Benützerkatalog (OPAC) eingeführt. Die Konversion des Altbestandskatalogs 1501-1840 (als Folio-Bände von ca. 1830 bis 1839 geführt) begann 1983, ein Vorausdruck davon erschien seit 1987, die endgültige Ausgabe 1996 als CD-ROM. Die Konversion des Kartenkatalogs 1953-1981 (IFK) wurde 1996/97begonnen. Seit 1993 ist der Benützerkatalog (OPAC) über das Internet zugänglich. Die "Digitale Bibliothek", in der ausgewählte Inhalte von Monographien in vollem Umfang elektronisch dargestellt werden sollen, wird mit Hilfe des neuen Glasfasernetzes ab 1997 betrieben. Die BSB will dabei als eines der beiden deutschen Digitalisierungszentren (das für Norddeutschland entsteht bei der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) vor allem Quellen und Literatur aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften digital im Netz zugänglich machen: in Zusammenarbeit mitder Bayerischen Akademie der Wissenschaften, den Monumenta Germaniae Historica, dem Institut für Zeitgeschichte und mit der universitären Forschung und Lehre.

Als Zeichen der Wiedereingliederung in die internationale bibliothekarische Familie wurde 1958 der damalige Generaldirektor Gustav Hofmann für eine Amtsperiode von 5 Jahren zum Präsidenten der IFLA (International Federation of Library Associations) gewählt. An folgenden Gemeinschaftsaufgaben nimmt die Bibliothek u.a. teil:
 


Die Bibliothek ist eine der vier Sammelstellen für die amtlichen Druckschriften des Bundes und der Länder, sowie Depot-Bibliothek für UN-, UNESCO- und EG-Schrifttum.

Der Buchbestand hat gegenwärtig (Stand 1995) 6 850 000 Bände erreicht, der Jahreszugang liegt bei 176 000 Bänden, der Erwerbungsetat beträgt nahezu 19 Mio DM. Die Zahl der laufend gehaltenen Zeitschriften liegt bei 39 800. Am reichsten unter allen europäischen Bibliotheken ist der Bestand an Handschriften (76 000) und Inkunabeln (18 500). - (Zahlen aus der Homepage der BSB .../bsballg.htm, S.5).

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5.7 Unterbringung und Bau der Bibliothek

Untergebracht war die 1558 gegründete Bibliothek zunächst im Kanzleigewölbe der Alten Hofhaltung, dann zwischen 1571 und 1599 im "Antiquarium" der im Renaissancestil neuerbauten Residenz. Von 1599 an war sie wieder im Alten Hof, in dessen Nordflügel, bis 1778 Kurfürst Karl Theodor die Bestände ins Mauthaus in der Theatinerstraße überführte, in dem 1758 bereits die Akademie der Wissenschaften untergebracht war. Nach der Übernahme der Bibliothek des (1772) aufgelösten Jesuitenkollegs wurde die Hofbibliothek 1783 im ehemaligen Kollegiengebäude neben der Michaelskirche untergebracht. Einer der ersten Baupläne, die der Sohn von Max I. Joseph, König Ludwig I. (1786-1868, König1825-1848) ausarbeiten ließ, galt der Hofbibliothek. Ludwigs Hofarchitekt Friedich von Gärtner (1792-1847) errichtete in den Jahren 1832-1843 im Stil der florentinischen Frührenaissance den langgestreckten Bau an der Ludwigstraße, mit 152 m Länge, 78m Tiefe (bei zwei Innenhöfen) und 24m Höhe der größte Sichtziegelbau Deutschlands. Bei seiner Fertigstellung galt er als der beste deutsche Bibliotheksbau. Er steht als Bautyp zwischen der Saalbibliothek des achzehnten und der Magazinbibliothek des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. An der Freitreppe sitzen die vom Bildhauer Ludwig (seit 1844 "von") Schwanthaler (1802-1848) konzipierten vier Steinfiguren (Homer, Aristoteles, Thukydides und Hippokrates), die an die antike Dichtung, Philosophie, Geschichtsschreibung und Medizin erinnern. Das Treppenhaus im Mittelbau (während seiner Amtszeit benutzte es nur der König) wurde mehrfach nachgebaut. Im Erdgeschoß war das Bayerische Reichsarchiv untergebracht, im Obergeschoß am Ende der großen Treppe die Buchausleihe, auf der Gartenseite der allgemeine Lesesaal, der Katalograum und das "Journalzimmer", in der Südwestecke der Handschriftenlesesaal. Die Bestände wurden in (78) fachlich gegliederte kleinere Bücherräume mit je zwei Galerien und (weiß-blau gestrichenen) Regalen mit nur 2 ½ m Geschoßhöhe untergebracht, nur mit Wandregalen ausgestattet, ohne die freistehenden Virtinenregale früherer Raumkonzeptionen. Die Bücherräume waren von den Arbeitsräumen des Personals getrennt. Die Bibliothek war bald "unbestritten die erste Bibliothek Deutschlands", zumal ihre riesigen Bestände in ungewöhnlich kurzer Zeit geordnet und katalogisiert wurden.

Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde im Nordflügel der erste moderne Magazintrakt mit selbsttragenden Regalsystemen und -Zwischenböden errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch Bombenangriffe zu sechs Siebtel zerstört. Zwanzig Jahre, von 1946 bis 1966, dauerte der Wiederaufbau. 1952 konnte der Allgemeine Lesesaal eröffnet werden und, bis auf die Handschriftenabteliung, alle ausgelagerte Abteilungen wieder in den Hauptbau zurückkehren. 1966 wurde der Osttrakt (auf der Gartenseite) zugleich mit dem Erweiterungsbau (der Architektengemeinschaft Hans Döllgast, Sep Ruf und Helmut Kirsten), bezogen. Er beherbergt (mit 59 x 42 x 22 m) im Untergeschoß den Zeitschriftenlesesaal, die Einbandstelle und Räume für die Bibliothekar-Ausbildung, im Erdgeschoß (dem 1. OG des Ruf-Baus, vom Hochparterre des Gärtner-Baues zugänglich) die Abteilungen Erwerbung und Katalogisierung mit dem Dienstkatalog in der Mitte, im Obergeschoß (dem 2. OG des Ruf-Baus, vom 1. OG des Gärtner-Baus zugänglich) den Lesesaal mit verstellbaren Wänden zum Magazintrakt in der Mitte, mit Anschluß an die Magazine des Ostflügels. Der Lesesaal hatte bis zur Sanierung rund 500 Plätze und einen Freihandbestand von ca. 35 000 Bänden. Im Rahmen der Sanierung des Ruf-Baues seit 1994 wurden bis zum Juni 1997 70,7 Mio DM ausgegeben: für Asbestsanierung, Verbesserungen im Brandschutz, die Erneuerung der Buchförderanlage, Vernetzung des Gebäudes mit Glasfaserkabeln und die Öffnung des Hauptmagazins, durch die jetzt 250 000 Bände zugänglich sind. Der Bestand an Nachschlagewerken und Bibliographien ist auf 60 000 erweitert worden sowie um die laufenden Jahrgänge von mehr als 19 000 Zeitschriften. Der Lesesaal mit 400 "normalen" und 150 PC-Arbeitsplätzen wurde am 18.6.1997 durch Kultusminister Hans Zehetmair eröffnet. Ende 1998 sollen die Sanierungarbeiten mit weiteren 11 Mio DM beendet sein, u.a. mit der Renovierung des Zeitschriftenlesesaals im Untergeschoß.

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5.7.1 Speicherbibliothek Garching

Nach einer Konzeptions- und Bauphase seit den 70er Jahren wurde am 9.10.1989 in Garching (13 km nördlich des Hauptgebäudes) der erste Bauabschnitt einer Speicherbibliothek eröffnet, der erste Neubau dieser Art in Deutschland. Auf rund 7 000 qm Nutzfläche und 35 000 cbm umbautem Raum können mehr als 2 Mio Bände untergebracht werden. Wegen des langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahrens mußten 1994/95 weitere Magazinflächen an anderen Standorten angemietet werden. Bis zur Jahrhundertwende soll der zweite Bauabschnitt mit weiteren 3 Mio Bänden belegt werden.

5.8 München: Bayerische Staatsbibliothek / Literatur-Auswahl

Arnold, Erwin: Die Papyrussammlung der Bayerischen Staatsbibliothek : ein historischer Abriß. - In: Die Papyri der Bayerischen Staatsbibliothek München. Band 1. - Stuttgart, 1986. - S.9-16.

Bayerische Staatsbibliothek - In: Handbuch der bayerischen Bibliotheken. - Wiesbaden, 1966. - S. 48-52.

Bayerische Staatsbibliothek - In: Handbuch der bayerischen Bibliotheken. - 2., neubearb. Aufl. - München, 1983. - S. 125-128.

Bayerische Staatsbibliothek: (BSB). - In: Handbuch der Handschriftenbestände in der Bundesrepublik Deutschland. Teil 1. - Baden-Württemberg, Bayern... - Berlin, 1992. - S. 343-360.

Bayerische Staatsbibliothek <München> - In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Band 10. - Hildesheim, 1996. - S. 27-112.

Bayerische Staatsbibliothek <München>. Homepage [http://www.bsb.badw-muenchen.de] [seit April 1997]. - Darin insbesondere die Abschnitte: "Allgemeine Informationen" (... /bsballg.htm), "Bauliche Entwicklung" (... /bauentw.htm), "Bestandsgeschichte" (.../bestand.htm), "Chronologie" (... /chronol.htm), und "Literatur...Auswahl (... /bsblit.htm).

Die Bayerische Staatsbibliothek in historischen Beschreibungen / [Ausw. und Kommentierung der Texte: Klaus Haller. Ausw. der Abb. und Liste der Zimelien: Karl Dachs. Übers. und Reg.: Claudia Fabian] – München [u.a.]Saur, 1992.

Bezzel, Irmgard: Auf dem Weg zur deutschen Nationalbibliographie des 16. Jahrhunderts. - In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. - 31. 1984. - S. 271-277.

Bezzel, Irmgard: Bayerische Staatsbibliothek München : Bibliotheksführer; Geschichte und Bestände. - München, 1967.

Bibliotheca Palatina : Katalog zur Ausstellung v. 8.7.-2.11.1986 Heiliggeistkirche Heidelberg.- Textband / Bildband. - Heidelberg : Braus, 1986. - (Heidelberger Bibliotheksschriften ; 24) 1. Textband. - XVI, 544 S. - 2. Bildband. - 328 S

Bömer, Aloys; Widmann, Hans: Von der Renaissance bis zum Beginn der Aufklärung. - In: Handbuch der Bibliothekswissenschaft.- 2. Aufl. 1952-1957. - Bd. III.1, S. 499-681 (München S. 605-608)

Das Buch im Orient: Handschriften und kostbare Drucke aus zwei Jahrtausenden. - Wiesbaden, 1982.

Buzás, Ladislaus ; Dressler, Fridolin: Bibliographie zur Geschichte der Bibliotheken in Bayern. - München : Generaldirektion der Bayer. Staatl. Bibliotheken, 1986. - X, 350 S. (Bayer. Staatsbibliothek: S. 67-104 - sehr ausführlich!).

Buttmann, Günther: Randbemerkungen zur Geschichte der Bayer. Staatsbibliothek in den Jahren 1935-1945. Eine Entgegnung. – In: Zeitschr. F. Bibliothekswesen u. Bibliographie. 5. 1958, S. 164-166 (zu Handbuch ... 2. Aufl. Bd. 3 S. 378ff.)

Buttmann, Rudolf: Beiträge zur Baugeschichte der Bayerischen Staatsbibliothek.- In: Festschrift Georg Leyh. Leipzig 19.., S. 193-215 (über den Gärtner-Bau).

Buzás, Ladislaus: Deutsche Bibliotheksgeschichte der Neuzeit (1500-1800). - Wiesbaden : Reichert, 1976. - 203 S.. - (Elemente des Buch- und Bibliothekswesens ; 2

Buzás, Ladislaus: Deutsche Bibliotheksgeschichte der neuesten Zeit (1800-1945). - Wiesbaden : Reichert, 1978. - 215 S.. - (Elemente des Buch- und Bibliothekswesens ; 3

Dachs, Karl: Die schriftlichen Nachlässe in der Bayerischen Staatsbibliothek München. - Wiesbaden, 1970.

Dannhauer, Paul G.: Die Hebraica-Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. - In: Bibliotheksforum Bayern. - 24. 1996. - Heft 1.

Dörr, Marianne: Das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts. - In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. - 43. 1996. - S. 409-421.

Dressler, Fridolin ; Buzás, Ladislaus ; Wiese, Hermann: Zur Geschichte der Pollinger Bibliothek / Hrsg. vom Verein der Freunde des Pollinger Bibliothekssaals. - Murnau : Verl. "Das Werkstattbuch", 1978. - 47 S. Pollinger Druck ; 4

Dressler, Fridolin: Die Bayerische Staatsbibliothek im Dritten Reich: eine historische Skizze. - In: Bibliotheken während des Nationalsozialismus. Teil 1. - Wiesbaden, 1989. - S. 49-89.

Dressler, Fridolin: Bomben auf die Bayerische Staatsbibliothek : eine Dokumentation und kritische Betrachtung der Ereignisse vor 50 Jahren. - In: Bibliotheksforum Bayern. - 21. 1993. - S. 223-249.

Dufey, Alfons Die Japansammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. - In: Japansammlungen in Museen Mitteleuropas: Geschichte, Aufbau und gegenwärtige Probleme. - Bonn, 1981. - S. 121-129.

Erwerbungen aus drei Jahrzehneten. Bayerische Staatsbibliothek 1948-1978. Wiesbaden 1978.

Grönbold, Günter: Die orientalischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek. - In: Bibliotheksforum Bayern. - 9. 1981. - S. 68-84.

Hacker, Rupert: Die Bayerische Staatsbibliothek in der Weimarer Republik. - In: Bibliotheksforum Bayern. - 17. 1989. - S. 281-301.

Hacker, Rupert: Die Münchner Hofbibliothek unter Maximilian I. - In: Wittelsbach und Bayern : Bd. 2,1. Um Glauben und Reich : Kurfürst Maximilian I. - München, 1981. - S. 353-363.

Haller, Klaus: Das Katalogsystem der Bayerischen Staatsbibliothek. - In: Bibliotheksforum Bayern. - 19. 1991. - S. 248-259.

Halm; Hans: Die Schicksale der Bayerischen Staatsbibliothek während des Zweiten Weltkrieges.- München: Wolf, 1949. 8 S., 4 Abb. (Beschreibt den Brand vom 9./10.3.1943)

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