Prof. Dr. Peter Zahn    /  zur Homepage

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Libri, discipuli, magistri, doctores - Bücher, Studenten, Magister und Doktoren in der Universität des Mittelalters

Vorlesung aus Anlaß der studentischen Aktionen. Feria quinta - Barbarae - oder pridie Nonis Decembris (4.12.) 1997

Meine Damen und Herren Studierende,

Sie haben soeben bei meiner lateinischen praefatiuncula einen Geschmack davon bekommen, wie es in einer Vorlesung alter Schule zuging:

(Bild 1: Lehrender auf dem Lehrstuhl, Katheder, zu seinen Füßen Studierende. Aus: Bible historiale, 15. Jh., Paris Bibliothèque Mazarine ms. 313) - (die Bilder folgen nach!)

Erstens: die Sprache war Latein, die Koiné oder Lingua franca des Mittelalters, die an den Universitäten von Lissabon und Salamanca bis Buda und Krakau, von Salerno bis Uppsala gesprochen und verstanden wurde. - In Ungarn wurden noch im vergangenen Jahrhundert Promotionen auf lateinisch abgehalten, und das (seit 1815) älteste der Langzeit-Unternehmen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die Inscriptiones Graecae, werden nach der soeben ergangenern Empfehlung des Akademie-Präsidenten weiterhin die Edition der antiken griechischen Inschriften in lateinischer Sprache begleiten - weil es zu teuer käme, die kommentiertenden Texte ins englische, französische, spanische, italienische, russische (u.s.w.) zu übersetzen.

Zweitens: es wurde vorgelesen (von daher heißt Vorlesung heute noch die Haupt-Lehrveranstaltung). Dies war, vor der Zeit des Buchdrucks und noch lange nach dessen Erfindung, dieeinzige Möglichkeit, einen Lehrstoff an die Studierenden weiterzugeben (auch ich habe mir als Student meinen Lernstoff in den Vorlesungen zusammengeschrieben). - Den Professoren war sogar bei Strafe verboten, schneller zu sprechen, als die Studenten mitschreiben konnten.

(Bild 2: Der Professor als Büchernarr. Sebastian Brant, Narrenschiff. Basel: Johann Bergmann von Olpe, 1494) - (die Bilder folgen nach!)

Es ging streng zu dabei: der Hochschullehrer saß auf dem Katheder (der Cathedra), die Brille (von Beryllum, die es seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gibt) auf der Nase (seit dem 15. Jahrhundert hat sie Bügel), die Zuchtrute in der Hand - oder ist es ein Staubwedel gegen verstaubte Gedanken?

Im Folgenden will in in sex Abschnitten Belehrendes (und hoffentlich Unterhaltendes) zu den folgenden Quaestiones darlegen:

I. Was wurde gelehrt und studiert ? (heute: Lehr- und Studienpläne der Fakultäten)

II. Wie wurde gelehrt und gelernt ? (Lehrbetrieb, Stundenplan,Raumvergabe)

III. Wie lebten und arbeiteten die Mitglieder der Universitas, die Scholaren (Studierenden), Baccalaurei (Tutoren), Magistri (Dozenten) und Doctores (Professoren) ?

IV. Wie wurde die Universität verwaltet, organisiert, finanziert - und damit auch die Bücherversorgung ? (Präsidium, AS, Verwaltung, Universitätsbibliothek)

V. Worin bestand (und besteht zum Teil noch) das Wesen der Universitas ? (Hochschulstruktur, -Verfassung, -Recht)

und wenn noch Zeit ist:

VI. Wie verlief die "Ur- und Frühgeschichte"  der Universitates ?

(Keine Sorge: falls ich den Stoff wegen langsamen Lesens nicht in einer Stunde schaffe: Sie finden ihn im Internet über die Homepage des Instituts > Mitarbeiter > Zahn(-page) > ganz neu: Aktionen...

(Bild 3: Alma Mater, die Mutter der Weisheit, stillt den Wissensdurst zweier Gelehrter. Hic depingitur ymago Sapienciae. Sapientia, Weisheit, griech. Sophia. Handschrift der Vatikabnischen Bibliothek - Prahl, Die Universität 1981 S. 14) - (die Bilder folgen nach!)

I. Was wurde gelehrt? / Die Studienfächer

1. Artes liberales (z.T. nach Rückbrod S. 15f):

Die (septem) Artes liberales - Die Freien Künste( > Liberal Arts, engl.) waren im späten Altertum die eines freien Mannes würdigen Kenntnisse, im Unterschied zu den handwerklichen Erwerbskünsten; seit Isokrates sind es die Vorstufen der Philosophie. Sie bestehen aus einmal drei und zum anderen vier Fächern:

A. Trivium:

Als trivium (< tres + via = Dreiweg) von Isidor von Sevilla seit dem 7. Jh. formuliert. Das Wortwissen. Im Mittelalter das Grundstudium an der Artistenfakultät.

Abschluß: Baccalaureus (<baca + laureus = Lorbeer) · bachelor (engl.), bachelier (frz.) (Baccalaureatus > baccalauréat (frz.) - Das ist unser Tutor!

B. Quadrivium:

Als quadrivium (quattuor+via-Vierweg) seit Boethius (+ um 525) und Cassiodor (Institutiones um 560) systematisiert. Auch Zahlenwissen genannt, wobei die Arithmetik von den Größen als solche, die Geometrie von den unbeweglichen Größen, die Astronomie von den beweglichen Größen und die Musik(theorie) von den Proportionen zwischen den Größen handelte.

Abschluß: Magister artium (liberalium) (= Lehrberechtigung an der Artistenfakultät) >M.A., Master of Arts, engl. >M.S., Master of Science.

Die Septem Artes waren in der klösterlichen Bildung immer in gewissem (eingeschränktem) Umfang gepflegt worden, wurden jedoch erst wieder mit den ersten Universitätenzu Studienfächern erhoben. Erst nach dem Studium der Artes konnte eines der weiteren Fächer studiert werden.

Etwa ein Viertel bis ein Drittel aller Immatrikulierten verließen die Universität als Baccalarii (Bakkalaurei), kaum 20 Prozent als Magister. Die übrigen 50% gingen also, wie sie gekommen waren: als simple scholares (Rückbrod S. 15 nach Paulsen) - ohne Studienabschluß!.

Auch die meisten Magister verließen spätestens nach dem Erwerb ihres Grades die Universität. Die anderen Magister übernahmen Dozentenstellen an der Artistenfakultät und / oder begannen das eigentliche Wissenschaftsstudium.

2. Die übrigen Fakultäten:

Theologie,    Jurisprudenz,    Medizin

Abschluß: Promotion zur Doktorwürde oder zum Lizentiat (Licentiatus)

Dr. theol(ogiae). Dr. iur(is). Dr. med(icinae). Lic. theol. Lic. iur.

(Zu den akademischenGraden: G. Kaufmann: Zur Geschichte der academischen Grade u. Disputationen.- In: Centralblatt für Bibliothekswesen 11. 1894, 201-225.; Hirsch, E.E.: Über akademische Grade und Würden.- In: Deutsche Universitätszeitung 18. 1963 H. 5 S. 10ff.)

Doktor war (gleichbedeutend mit dem späteren Titel Professor. Den gab es zwar schon an der Staatsuniversität Friedrichs II. In Neapel,er wurde aber erst im 16. Jahrhundert üblich. Doctor heißt der lehrende Wissenschaftler, der Doktortitel ist gleichwertig dem Adelsprädikat, der doctor gewann daher an sozialem Prestige gegenüber dem magister , und der Magistertitel wurde im selben Maße abgewertet. Als ebenfalls seit dem 15. Jahrhundert die Bezeichnung Philosophische Fakultät allmählich die der Artistenfakultät ersetzte, wurde auch der Doctor philosophiae dem Magistertitel vorgezogen. Im 19. Jahrhundert verliehen die Universitäten nur noch den Doktortitel. Der Magister verschwand erst einmal aus der deutschen Universität, und wurde erst an der Reformuniversität der sechziger Jahre wiederbelebt. Mit dem Bakkalaureus geschieht derzeit Ähnliches: er soll den Studienabbruch nach dem Grundstudium versüßen.

(Zeitgenössisches zum damals neueingeführten Magister: Gustav Grüner, Die Magisterprüfung in der Bundesrepublik Deutschland. Hrsg. v. Inst. f. Internat. Pädagogik, Frankfurt a.M. 1971; Berufsqualifikation M.A, Magister Artium zwischen allen Stühlen.- In: Analysen. Zeitschr. zur Wissenschafts- u. Berufspraxis 3. 1973 H. 3, S. 4-7)

Die Inflation in der Anwendung des Doktortitels ist am Beispiel Italiens zu verfolgen: dort sind mittlerweile mehr als 40 % eines Ggeburtsjahrganges Absolventen der Universitäten, ihr Abschluß heißt Laurea (der antike Lorbeer und der Baccalaureus lassen grüßen), er entspricht unserem Magister oder Diplom, die Laureaten dürfen sich aber Dottore, bzw. Dottoressa nennen lassen

Die obengenannte Fächer-Einteilung galt aber nicht überall. Die meisten italienischen Universitäten hatten überhaupt keine theologischen Fakultäten (Bologna erst seit 1360), Wien, Krakau und Rostock anfangs auch nicht. Umgekehrt konnte man in Paris (im Rahmen der theologischen Fakultät) nur Kirchenrecht studieren, nicht weltliches römisches Recht. (Grundmann S. 27). Auch die Medizin war nicht überall in einer eigenen Fakultät: in Bologna war sie mit den Artisten zusammengefasst und mit Chirurgie und Pharmazie in den naturwissenschaftlichen Fächern des Quadriviums organisiert. (Rückbrod S. 25).

II. Wie wurde gelehrt und gelernt?

1. Der Lehrbetrieb (z. T. nach Rückbrod S. 17f.)

Das Studienjahr war lang: es dauerte von Oktober bis zum September des folgenden Jahres. Auch der studentische Tagesablauf war reichlich voll. Die Dauer der Lehrstunden (noch heute 90 bzw. 45 Min.) ist aus dem Dreistundenrhythmus der monastischen Tageseinteilung abgeleitet, durch Halbierung oder Viertelung der Einheiten von 180 Minuten.

Tagesbeginn: Matutin (3h), Prim (6h), Terz (9h), Sext (12h), Non (15h), Vesper (s.u.) (18h), Completurium (nach Sonnenuntergang, 21h),ad mediam noctem (0 h). Hier wirkt noch die römische Einteilung der Nacht in vier Nachtwachen (vigiliae: 6-9, 8-12, 12-3, 3-6) nach (Vgl. Klauser / Meyer: Clavis Mediaevalis).

Es ging also mit den Hauptvorlesungen um 6 Uhr zur Prim los bis zur Terz um 9 Uhr! Von 9-12 Uhr folgten die ausserordentlichen Vorlesungen und Repetitionen zur Hauptvorlesung.

Dauer: 4 x 45 = 2 x 90 = 180 Min.

(Bild 4: Die Schule. Buchmalerei aus der Manesse-Handschrift, um 1320, UB Heidelberg; aus: Prahl, Die Universität 1981 S. 19)

Es folgte von 12-15 Uhr die Mittagspause (Siesta heute noch in den heißen Mittelmeerländern), am Nachmittag bis zur Vesper waren von

Nach der Vesper konnten lectiones in vesperis bis 21 Uhr dauern, abgehalten meist in den Wohnräumen der Magister und Scholaren (Collegium >Kolleg). (Vespera, lat. Abend, liturg. Abendgottesdienst, bestehend aus Hymnus, Psalmen, biblischer Kurzlesung und Fürbittgebet)

LATEIN war ausschließliche Sprache (bis ins 17. Jh.)

Die LEHRE war also reglementiert. Sie war gekennzeichnet durch Dogmatisierung und Verhärtung; es gab keine Lehr- und Lernfreiheit. Dagegen gab es lange Zeit keine Reglementierung für den ORT der Vorlesungen. Als die Universitates noch keine eigenen Gebäude hatten, fanden die Vorlesungen und Übungen in kleinen Räumen statt, vielfach in Wirtshäusern, Kirchen oder Klöstern, gelegentlich in den Bursen, unter freiem Himmel in Höfen oder auf den Gassen und Plätzen. Die Scholaren mußten dabei in der Regel vor dem Magister auf dem Boden sitzen, damit von den jungen Leuten jeder Anlaß zur Überheblichkeit ferne gehalten würde, wie es die Statuten sagen. (Prahl S. 30).

In Bologna wurden im 12. Jahrhundert Disputationen auf der Piazza S. Stefano gehalten, in Paris lehrten die Artisten zuerst auf offener Straße in der Rue du Fouarre (vicus stramineus, Strohgasse), genannt nach dem Stroh, auf das die Studenten sich dort und in den Lehrräumen setzten. (Rückbrod S. 34f., 87f.)

(Bild 5: Vorlesung an der Universität. Die Studenten sitzen auf dem Boden.- Köln, Heinrich Quentell 1595-1500; W. L. Schreiber / Paul Heitz: Die deutschen Accipies u d Magister com Discipulis Holzschnitte. Baden-Baden 1973 Nr. 56; aus Faulstich, Medien 1996 S. 135) - (die Bilder folgen nach!)

Die Prüfungen wurden mündlich abgehalten, auch die Promotion zum Doktor. Neben den Prüfungsgeldern überreichten die Kandidaten den Magistern der Fakultät Geschenke (z.B. Handschuhe, Barette, Bücher). Vor und nach den Zereomien fanden Umzüge durch den Universitätsort statt, an denen die kirchliche und städtische Würdenträger teilnahmen. Der anschließende Doktorschmaus konnte sich als Gelage mehrere Tage hinziehen. Die Graduierung war teuer, vor allem in den oberen Fakultäten. Zahlreiche Scholaren konnten daher auch aus diesem Grund keinen höheren Grad erwerben. (Prahl S. 39)

(Bild 6: Hochschullehrer sitzend am Katheder, vor ihm Studenten mit Büchern. Das Schriftband Accipies / tanti doctoris /dog- / mata sancti. Heißt auf deutsch: Nimm vom Professor die heiligen Lehren an.- Dargestellt ist allerdings, wie am Nimbus kenntlich, Thomas von Aquin.- Hagenau, Heinrich Gran 1492-1498; W. L. Schreiber / Paul Heitz: Die deutschen Accipies u d Magister com Discipulis Holzschnitte. Baden-Baden 1973 Nr. 19¸aus Prahl, Universität, Frontispiz) - (die Bilder folgen im Herbst 1998 nach!)

III. Wie lebten und arbeiteten die Mitglieder der Universitas?

Die Scholaren (Studenten - < studere, etwas eifrig betreiben - die weibliche Form gab es nicht bis zu den ersten Studentinnen kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert).

Die mittelalterliche Universität war jung! - Das Studium begann schon mit 13-14 Jahren: der päpstliche Legat Robert von Courçon wendet sich i.J. 1215 an die Lehrer und Studenten von Paris: Robert, Diener Christi und Kardinallegat des Heiligen Stuhl, wünscht allen Magistern und Studenten von Paris ewiges Heil in Gott ... und verfügt: niemand darf in der Fakultät der Artes Vorlesungen halten, der nicht 21 Jahre als ist und mindestens sechs Jahre lang selbst Vorlesungen gehört hat ... (Cardini S. 23). - Auch Melanchthon bezog die Universität mit zwölf Jahren und machte mit 17 das Magisterexamen. (Prahl S. 36)

Die soziale Herkunft war innerhalb der Universität gleichgültig: es gab keine Vorrechte der Geburt. Jeder konnte zum Rektor oder Dekan gewählt werden. Vergleichbar ist dies nur mit den neuen religiösen Orden seit dem 13. Jahrhundert, den sogg. Bettelorden, der Franziskaner und Dominikaner .. in die von Anfang an Adelige, Kaufmanns-, Handwerker- und Bauernsöhne ohne Unterschied eintraten. (Grundmann S. 19). - Die weitaus größere Zahl der Studenten war bürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft, selten aus dem Adel. Enea Silvio Piccolomini stammte aus verarmtem Sieneser Stadtadel - er gelangte durch das Studium über die kaiserliche Kanzlei bis zum päpstlichen Stuhl als Papst Pius II. In den Stiftungsbrief für die Baseler Universität (1459) schreibt er hinein, daß das Studium der Wissenschaften den niedrig Geborenen emporzubringen und zu adeln vermöge. Auch Nikolaus von Kues, Sohn eines Moselschiffers und -fischers aus Bernkastel, studierte in Heidelberg die Rechte, in Köln Theologie, nahm als Sekretär eines Kardinals am Baseler Konzil teil, brachte es selbst bis zum Kardinal und Bischof von Brixen, damit zum Reichsfürsten. (Grundmann S. 23). Von bedeutenden mittelalterlichen Gelehrten weiß man nichts über ihre Herkunft: Roger Bacon oder Wilhelm von Ockham waren nicht-adeliger Herjunft. (Grundmann S. 24).

Für mittellose Studenten (sie zahlten für die Immatrikulation keine Gebühren, in Köln waren es bis um 1470 etwa 20%, Grundmann S. 22) gab es ein System von Stipendien für Wohnung und Verpflegung, Freitische, Bursen und Kollegien. In Bologna hatten vier ausgewählte Kauflete oderBankiers die Lizenz, Sonderkredite für Scholaren zu vergeben. In Paris lag die Kreditvergabe bei angesehenen Bürgern, den Großen Boten (nuntii maiores); die Kleinen Boten (nuntii minores) hatten den Postdienst zu besorgen und die Reisekostengelder (für die Heim- und Rückreisen der Studenten) zu verwalten. (Rückbrod S. 20).

Die Studenten waren - wie heute - ständig ohne Geld, des Lernens überdrüssig und voll ... Vergnügungssucht (Cardini S. 25). Sie unterstanden nicht der kommunalen Gesetzgebung, hatten weitreichende steuerliche Vorteile, zogen von einer Universität zur anderen, schrieben Gedichte, konsumierten viel und produzierten wenig, hatten keine Vorurteile, demonstrierten ... ihre Verachtung für die Institution der Ehe und priesen die freie Liebe. Sie lebten in den Städten, den schönsten Europas. Ein Student zu Leipzig brauchte dazu im 15. Jahrhundert jährlich etwa 34 fl rh. (Cardini S. 27)

Die Freizügigkeit im Reisen, die Mobilität der Studenten, zeigt sich am Beispiel des Thomas von Aquin: er studierte als Italiener zuerst an der Staatsuniversität Friedrichs II. in Neapel, dann in Köln; noch nicht 30-jährig ist er Professor in Paris ... und beschließt seine Laufbahn als Rektor wieder in Neapel. (Cardini S. 25)

Die Magister der Artisten waren auf die Hörgelder angewiesen. Nur die wenigsten von ihnen hatten Pfründen inne. - (Pfründe, Benefizium: Rechtsinstitut aus Kirchenamt und Vermögensmasse zum Unterhalt eines Klerikers = Benefiziat). - Der Kanzler der Kathedralschule in Paris, Philippe de Thoiry warf 1283 den Artisten vor, sie würden nur aus Geldgier unterrichten .- Jean de Malignes antwortete ihm im Namen aller: daß sie sich bezahlen ließen, sei notwendig, wenn sie am leben und damit in der Lage bleiben wollten, Vorlesungen zu halten (Cardini S. 23)

Die Artisten waren wegen ihrer Armut auch allgemein weniger geschätzt: weil sie weniger als Ärzte und Advokaten verdienten, hielt der Pöbel von Paris die Philosophen für schäbige Professoren, die zu ideologischen Streitereien neigten und deren Schüler zweifellos die undiszipliniertesten von allen seien, ein Volk von Schreiern mit wenig Geld, das die Wirtshäuser bevölkert und an den Straßenkreuzungen mit Würfeln spiele (Cardini S. 21).

(Bild 7: Ein Ständchen der Scholaren. Holzschnitt, 1489; aus Prahl S. 39 - Das Motiv aufgenommen im Holzschnitt Von nachtes hofyeren zur Ausgabe von Sebastian Brant, Narrenschiff, Basel, Johann Bergmann 1494 - (die Bilder folgen nach!)

Jurisprudenz und Medizin galten als scientiae lucrativae, weil sie spätere Einkünfte versprachen, die artes liberales wurden dagegen als brotlose Künste angesehen (Rückbrod S. 17) - Daran hat sich nicht viel geändert! - Auch der Streit zwischen den Fakultäten ist alt: so in Paris zwischen den Philosophen der Artistenfakultät und den Theologen über die Auslegung der Schriften des Aristoteles. (Cardini S. 16).

Das Wohnen war auch im Mittelalter in den Städten nicht billig, auch wenn die Universitates gegen den Mietwucher vorgingen und Kontrollen einführten. Klöster und wohlhabende Bürger richteten Hospize, Bursen und Kollegien ein.

Als 1176 ein päpstlicher Legat nach Bologna kam, wurde er von Klagen bestürmt über Unordnungen und Gewaltthaten, welche durch das Bedürfnis nach geeigneten Wohnungen unter den ... Scholaren entstanden. Die Reichen unter ihnen boten den Hauswirten höhere Preise ... und so wurden arme Scholaren oft wieder aus ihren Wohnungen verdrängt, und zwar mitten im Jahr, vor Ablauf des Termines ... Der Legat bedrohte solche Gewalthtat und Verletzung mit Exkommunikation. (Prahl S. 31 nach Kaufmann Bd. 1 S. 167).

Gegen den Mietwucher bestimmte die Universitas eigene Vermittler, Makler (proxeneta, proxenista)

Das Hospiz(ium) - eine pensionsähnliche Herberge, von Studenten gemeinschaftlich gemietet und verwaltet - entspricht etwa der modernen Wohngemeinschaft.

Die Burse - eine Art Internat mit Unterkunft und Verpflegung für 20-30 Studenten, gegen Zahlung eines wöchentlichen Beitrags (bursa= das wöchentlich zu zahlende Mietgeld), mit strengen Hausregeln. Die Insassen wählten aus ihren Reihen einen Prior, der nach dem Mittagessen mit den Scholaren disputieren mußte. Latein war vorgeschrieben, der gebrauch des Deutschen (auch an deutschen Universitäten) als teutonisare verpönt In Paris bestanden um 1500 etwa 50 Bursen mit rund 1000 Plätzen. - (Prahl S. 30ff.)

Speisenfolge in einer Leipziger Burse im 15. Jahrhundert:

"Wir hatten auch gut zu essen in unserer Burse und zweimal täglich sieben Gerichte, Mittags und Abends. Das erste heißt Semper (immer), auf deutsch Grütze. Das zweite Continue (beständig), eine Supp. Das dritte Quotidie (täglich), das heißt Gemüse; das vierte Frequenter (häufig), Magerfleisch; das fünfte Raro (selten), Gebratenes; das sechste Nunquam (niemals), Käse, das siebente Aliquando (später einmal), Äpfel und Birnen. Und dazu haben wir einen guten Trunk. Der Covent (Dünnbier) heißt. Seht da, ist das nicht genug? Diese Ordnung beobachten wir das ganze Jahr hindurch und sie wird von allen gelobt. "(Prahl S. 38, nach Theod. Hampe, Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit, Leipzig 1902, S. 47).

Das Kollegium war ein klosterähnliches Internat, in der Regel eine Stiftung für Scholaren gleicher Landsmannschaft, die zu halbklösterlichem Leben und u.a. zur Teilnahme an Seelenmessen zum Wohle des Stifters verpflichtet waren. Die ersten Kollegien entstanden seit 1180 in Paris. Ein Kollegien-Rektor, von den Kollegiaten für begrenzte Zeit gewählt leitete das Kollegium zusammen mit Prokuratoren, sie bildeten die Exekutive, der die Vollversammlung gegenüberstand. Hausmeister, Koch und Hausburschen bildeten das bedienstete Personal, Kollegium und Universitas sind strukturell ähnlich, beide demokratisch aufgebaut. (Rückbrod S. 38ff., bes. S. 43f.). Die Regeln waren dennoch strikt: Waffentragen, Lärmen und das Mitbringen weiblicher Personen war in den Bursen und Kollegien durch die Satzungen verboten. In den Kollegien war es besonders den Magistern untersagt, bei Tage oder Nacht zu lärmen und zu singen, mit den Scholaren Gelage zu halten, nach Torschluß ein- und auszugehen und mit dem weiblichen Küchenpersonal unziemlichen Verkehr zu pflegen, Karten und Würfel zu spielen, mit einem Stein oder Becher nach den Scholaren zu werfen ... (Prahl S. 31). Nur vier Wochen durften die Kollegiaten jährlich außer Haus sein, einen längeren Urlaub mußten sie erbitten. Die Magister hatten Disziplinargewalt über die Scholaren und auch das körperliche Züchtigungsrecht (daher die Rute oder der Stock in der Hand derMagister auf den Holzschnitt-Darstellungen).

Berühmtestes Kollegium: dieSorbonne in Paris, das von Robert de Sorbon 1257 für 16 arme Theologiestudenten gegründet, die als Magister das Artes-Studium abgeschlossen hatten (Graduiertenkollegium und -stipendium). Durch weitere Schenkungen auf 36 Stipendiatenstellen erhöht, 1271 ein Kollegium für Artes-Studenten angeschlossen, für die die Magister Vorlesungen hielten. Die Sorbonne wurde bald Zentrum der theologischen Fakultät, seit Anfang des 16. Jhs. Zentrales Lehrsaalgebäude der Universität Paris. (Rückbrod S. 44ff.)

Die Fürsorge für die Lebenskosten der Studenten bestimme auch die späteren Universitätsgründungen: Als Wilhelm von Oranien Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Gymnasium in Lingen (Emsland) eine reformierte Universität machen wolte, wurden mit als erstes Studentenwohnheime gebaut und als in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts die Universität Göttingen entstand, galt eines der ersten Edike den Freitischen für Studenten. In dieser Tradition liegt die Gründung des Studentenwerks 1918, des Honnefer Modells von 1951 und - das Bundesausbildungsförderungsgesetz. (Ellwein S. 12).

IV. Wie wurde die Universität verwaltet?

Die Organisation der Universität / Die Organisation der Buchversorgung

Universität ist ursprünglich die universitas magistrorum et scholarium oder studentium, d.h. die Gesamtheit, Gemeinschaft, Genossenschaft der Lehrer und Schüler, der Professoren und Studenten, ... zusammengeschlossen und organisiert zur Wahrung gemeinsamer Interessen am Studium. (Grundmann, 2. Aufl. 1976 S. 16).

Die Universitates gaben sich von Beginn an die Selbstverwaltung; die Namen daraus sind heute noch lebendig:

Bedellus, Bidellus = Pedell, Universitäts-Hausmeister, - Polizist, Karzer-Verwalter; cancellarius = Kanzler; cathedra = Katheder, Lehrstuhl (Lehrkanzel in Österreich); collegium = Kolleg (>engl. college, franz. collège); decanus = Dekan; examen; Facultas = Fakultät; lectio = Lektion, Vorlesung, Kurs; librarius (>engl. librarian, frz. libraire); licentia = Lizenz, Grad, Diplom; magister; matricula = Matrikel; practicare = den Arztberuf ausüben; rector = Rektor - und vieles mehr !

(Bild 8: Graphik - Universitäten im Mittelalter: Organisation der Buchversorgung) - (die Bilder folgen im Herbst 1998 nach!)

Der Rektor war, vergleichbar dem Bürgermeister einer freien Reichsstadt, wie dieser in fürstlichem Rang. Ihm zur Seite stand als Rechtsberater der Notarius (Syndikus), dem auch mit dem Petiarius (meist waren es mehrere petiarii < petia, pecia = Stück > ital. pezzo, frz. pièce, engl. piece), der (in Bologna) die Korrektheit der abgeschriebenen und vom Stationarius vorgelegten Text-Kopien (petiae = Textstücke von festgelegter Länge nach Anzahl der Seiten, Spalten, Zeilen und Worte innerhalb der Zeile) zu überprüfen hatte (in Paris war auch der stationarius für die Richtigkeit der Texte verantwortlich). Der Pedell (Bidellus) vertrat die Exekutive, hatte innerhalb der universitas Polizeigewalt, besorgte die Umläufe, Aufrufe, führte die Matrikellisten, die Verkaufslisten der Lehrbücher, stellte Studienbescheinigungen aus und Exeamensurkunden.

Der Generalpedell entsprach also dem Verwaltungsdirektor oder Kanzler einer heutigen Universität. Ihn unterstand der Stationarius (meist waren es mehrere stationarii) der für den materiellen Teil der Buchversorgung zuständig war: er kaufte und besorgte die Texte, beschäftigte für deren Herstellung Schreiber (Kopisten), Buchmaler, Buchbinder.

(Bild 9: Schreiber und Kopisten: oben Papst Gregor d. Gr. - der hl. Gregor - am Schreibpult; unten drei Kopisten, die nach Diktat schreiben: mit Buchrolle, Schreibbrett und Kodex. Elfenbein-Einband, 10. Jh.)  (Bild folgt nach)

Auch die Pergamenthersteller und später die Papiermacher unterstanden der Aufsicht der Universität. Der Librarius, ebenfalls über den Stationarius mittelbar dem Pedell unterstellt, war Buchhändler und Makler, der zwischen Anbietern und Käufern von Büchern vermittelte (im frz. wurde daraus der heutige libraire = Buchhändler).

(Bild 10: Bücherkiste, 15. Jh. - aus Faulstich Abb. 41) - (die Bilder folgen im Herbst 1998 nach!)

Kosten für Bücher

Bücher waren eine kostbare Ware: um die Summa theologica des Thomas von Aquin zu kopieren, brauchte man Pergament aus 75 Schafhäuten (Cardini 10); ein Gesetzbuch kostete in der Lombardei im 15. Jahrhundert ebensoviel wie der Lebensunterhalt einer Person für ein Jahr und vier Monate.

(Über Handschriftenhandel, Taxationen und Preise mit umfangreichen Listen vgl. Albrecht Kirchhoff: Die Handschriftenhändler des Mittelalters, 1853, Beilage S. 145ff.; ders., Weitere Beiträge zur Geschichte des Handschriftenhandels im Mittelalter, 1855.-. Beides Neudr. Osnabrück 1966.).- Hieraus einige Beispiele aus der Zeit der Universitäten (ab ca. 1150):

Bücherpreise im Spätmittelalter (nach Kirchhoff, s.o., Beilage S. 145ff.,Auswahl )
Jahr  Autor / Text  Zeit  Umf. Mat.  Format  Ort  Preis 1  Preis 2
1246 Missale romanum Perg. Fol. Bologna 14,5 lire
13.Jh. Decretum Gratiani 360 Bl. Perg. Fol. Florenz 19 lire
1275 Infortiatum Bologna 22 lire
1289 Authenticum, institutiones et 3 libri codicum Perg. Bologna 25 lire
1300 Thom. Aquinas.:tertia pars summae 13. Jh. 191 Bl. Perg. Fol. Florenz 3 fl.
1300 Decretum Gratiani 320 Bl. Perg. Fol. Florenz 43 duc.
1317 Gregorii IX, decretales 13.Jh. 316 Bl. Perg. Qu. Italien 6 fl.
1328 Ovide: Metamorphoses, trad. par Phil. De Vitry 374 Bl. Perg. Fol. Paris 50 livres
1353 Guil. Durandus, repert. 87 Bl. Perg. Fol. Florenz 5 fl.
14.Jh. Ockham, logica + Burley 213 Bl. Perg. Qu. Cortona 5 fl.
1371 Isidor, etymologiae et alia 11.Jh. 204 Bl. Perg. Fol. Florenz 6 fl.
1377 Durandus, speculum iuris Perg. Fol. 17 fl.
1384 Freculf, chronicon et al. 177 Bl. Perg. Fol. Lucca 8 fl.
1390ca Digestum vetus c. glossis Accursii 233 Bl. Perg. Fol. Oxford 16 sh.
1390 Petri Philargi quaestiones in I .lib. sententiarum 96 Bl. Pap./ Perg Fol. Siena 6 duc.
1398 Barthol. de S. Concordio, summa 163 Bl. Perg. Qu. Florenz 5 fl.
1400ca Petri Trecensis: historia scolastica 13.Jh. 215 Bl. Perg. Qu. Deutschl. 5 fl.
1400ca Justin, Sallust, Sueton 115 Bl. Perg. Fol. Florenz 16 duc.
1400 Barth. Brixiensis: casus Decretorum 134 Bl. Perg. Fol. 8 fl.
1406 Tabula sup. Moralibus Gregorii papae 13.Jh. 226 Bl. Perg. Okt. Florenz 4 fl.
1424 Benv. de Rambaldis comm. in Dantis infernum 139 Bl. Pap. Fol. Padua 2 duc.
1425 Liber Iob c. glossis Walafridi Strabonis 14.Jh. 147 Bl. Perg. Fol. Venedig 4 duc.
1429 Thomae de Capua summa 14.Jh. 164 Bl. Perg. Qu. Würzburg 2,25 fl.
1430ca Quintiliani instit. oratoriae 373 Bl. Pap. Qu. 8 duc.
1430 Franc. Mayronis comm. in I. libr. Sententiarum 191 Bl. Perg. Fol. Oxford 4 Mark
1434 Liber decretalium Cambridge 3 sh 4 p.
1444 Thom. De Hibernia manipulus florum 14.Jh. 112 Bl. Perg. Fol. Florenz 3,5 duc.
1449 Aegidius Rom. sup. libb. rhet. Aristotelis 14.Jh. 118 Bl. Perg. Fol. Florenz 2 duc.
1450ca Servii comm. in Virgilium 11.Jh. 227 Bl. Perg. Fol. Frankreich 15 fl.
1450ca Virgilii opera 195 Bl. Perg. Qu. Florenz 10 duc.
1450ca Virgilii Aeneis 144 Bl. Pap. Qu. Florenz 1 duc., 2 sol., 17 den
1451 Demosthenis orationes 1413 Fol. Constantin. 10,5 Jul.
1451 Valerius Maximus 1449 Pap. Fol. Florenz 5 fl.
1451 Corpus Juris Perg. Fol. Florenz 14,5 duc.
1451 Biblia latina, 2 Bde. 15.Jh. 781 Bl. Pap. Fol. Deutschl. 7 fl.
1453 S. Augustini varia opera 249 Bl. Perg. Fol. Venedig 22 duc.
1453 Taciti histor. libri 1453 221 Bl. Perg. Qu. Bologna 14 duc.
1453 Rei rusticae scriptores 326 Bl. Perg. Fol. Venedig 45 duc.
1453 Repertorium juris universi 529 Bl. Pap Fol. Deutschl. 18 fl.
1460ca Leon. Arretini varia, 2 Bde. 210 Bl. Fol. Würzburg 4 fl.
1460ca Isidori de imago mundi libri 3 12.Jh. 49 Bl. Perg. Fol. Florenz 1 duc.
1462 Thomae Aquini comm. In I. Lib. sententiarum 14.Jh. 104 Bl. Perg. Fol. Florenz 5 duc.
1462 Ejusd. commentum super metaph. Aristotelis 15.Jh. 129 Bl. Perg. Fol. Florenz 4 duc.
1465 Servii comm. In Virgilium 196 Bl. Perg. Fol. Florenz 17 fl.
1466 Avicennae canonis libri III 14. Jh. 114 Bl. Perg. Fol. Venedig 10 duc.

(Kirchhoff bietet ausserdem zahlreiche Preisvermerke (aa.a.O. S. 150 f.), Taxationen (Schätzpreise) nach Petien und Quinternionen (a.a.O. S. 155-157), Taxationen der Werke des Rechtslehrers Bartolus de Saxoferrato (a.a.O. S. 159f., aus Bandini, Katalog der Biblioteca Laurenziana codd. Lat. Tom. III, 721) und Taxpreise aus der Pariser Büchertaxe von 1303 (a.a.O. S. 171f., aus Chevillier p. 315-317). Zu einem dringend notwendigen Inventar der Bücherpreise wären alle diese Nachrichten in eine Datenbank einzugeben und durch die Preis- und Taxvermerke zu ergänzen, die in den set 1960 von der DFG geförderten und publizierten Handschriften- (und Inkunabel) Katalogen zu finden sind.

Es gab, wegen ihrer Kostbarkeit, genügend Gründe, Bücher nicht zu verleihen. Das Mahnwesen in unserer heutigen Bibliotheken hat seine Vorläufer: Viele sind ... eifrig im Bitten und erstatten das Geliehene erst nach vielem mühsamen Drängen, unter Murren und ohne ein Wort des Dankes zurück. - schreibt Bonaventura de Bagnoregio, Universitätslehrer, Franziskaner und Heiliger in seinen eigens zu dieser Frage verfaßten Quaestiones. (Cardini, S. 10)

(Bild 11: Bücher am Arbeitspult. 1.H. 15. Jh., Ausschnitt aus einer Tafel des Colantonio, der Hl. Hieronymus mit dem Löwen. - Aus Cardini S. 6) - (die Bilder folgen nach!)

Die Finanzierung der Universität

Die mittelalterliche Universität finanzierte sich durch Besaßen die Magister kein Vermögen, waren sie auf die Zahlungen der Studenten angewiesen: Magister Odofredo, ein angesehener Rechtsgelehrter in Bologna in der Mitte des 13. Jahrhunderts, klagte, Scholaren seien schlechte Zahler, lernen wollten alle, aber niemand wolle zahlen.

Die klerikalen Magister, vor allem die Theologen, bezogen Einkünfte aus Kanonikaten (< canones = Regeln des Kanonischen Rechts, die Kanoniker waren Mitglieder von Kollegiatkapiteln, Stifts- oder Domkapiteln). Die meisten Laien-Magister hatten deshalb die niedrigen Weihen erworben (Rückbrod S. 21) und damit Anrecht auf Bezüge aus Benefizien und Pfründen.

Die niedrigen Weihegrade, ordines minores, waren in vier Stufen aufgeteilt: 1. Ostiarius (Türhüter), 2. Lektor (Vorleser), 3. Exorzist (Dämonenaustreiber) und Akoluth (Helfer der Diakone). Diese Weihegrade wurden erst 1972 abgeschafft. -

Die Magister, vor allem die der armen pfründenlosen Artistenfakultät, suchten Einkünfte auch als Aufseher von Studentenherbergen (Bursen), entweder in eigener Regie, oder von der Universitas eingesetzt in einer Art Internaten oder Colleges. Das vom Studenten zu hinterlegende Lehrgeld schloß dann Kost und Logis ein.

V. Worin bestand das Wesen der Universitates?

Struktur, Verfassung, Rechte: gemeinsame Merkmale

(nach Rückbrod S. 9ff., Grundmann S. 18f.)

Rechte und Freiheiten:

(Prüfungs- und Promotionsrecht, Recht auf Überprüfung der Mieten f+ür Unterkünfte in der Stadt)

Genossenschaft

Die um 1200 entstandenen Universitates waren als genossenschaftliche Zweckverbände gegründet worden, mit demokratischer Selbsverwaltung: zum Schutz gegen Rechtlosigkeit in Bologna, gegen die bevormundungdes Kanzlers der Kathedralschule in Paris.

Universitas = im Mittelalter: Gesamtheit im Sinne einer Genossenschaft, Gilde oder Zunft (hier der Scholaren und Magister).

Hierin unterscheiden sich die Universitates von Bologna und Paris von den Akademien und Gymnasien Griechenlands, von den Hochschulen des Römischen Reichs, den islamischen Hochschulen, den christlichen Kloster- und Kathedralschulen, den Medizinschulen von Montpellier und Salerno, und der autoritär geführten Staatsuniversität Neapel (1224).

Die Universitates sind also autonome Körperschaften, demokratischer Struktur, der Professoren und der Studenten, bei denen das mittelalterliche Ständewesen aufgehoben war: soziale Herkunft, gesellschaftlicher Rang, wirtschaftliche Stellung, nationale Abstammung spielten keine, oder geringe Rolle.

Internationalität

Die Universitas gliederte sich zwar in Nationes, aber in einem anderen Begriff als dem der heutigen Nation: als landsmannschaftliche Gruppe, in großzügiger geographischer Definition, meistens nach den vier Himmelsrichtungen. (Grundmann S. 18).

In Paris ... gehörten die Deutschen und ihre östlichen und nördlichen Nachbarn mit den Engländern zur natio Anglicorum, neben der es je eine natio Normannorum (aus der Normandie), Picardorum (aus der Picardie) und Gallicorum (der Franzosen, d.h. keineswegs aus ganz Frankreich) gab. (Grundmann S. 18).

In eine dieser vier Nationen mußte sich jeder Student (und jeder Magister der Artisten-Fakultät) einreihen (auch wenn er z.B. aus Italien oder Spanien stammte). In Prag bestand neben der Nation der einheimischen Böhmen (gleich ob Tschechen oder Deutschen), zu der auch die Ungarn und Südslawen gehörten, eine Nation der Polen (mit ... den Deutschen aus den Ostländern), eine der Bayern (samt Schwaben und Franken, Hessen, Rheinlänern und Westfalen), und eine der Sachsen (zu der neben den Norddeutschen auch Dänen, Schweden und Finnen gehörten). (Grundmann S. 18)

Selbst für die Wahl zum Rektor spielte die nationale Herkunft keine Rolle: Marsilius von Padua wurde Rektor der Pariser Universität. In Bologna mußte sogar (spätestens seit 1265) alle fünf Jahre ein Mitglied der deutschen Nation Rektor werden. Auch die Magister waren verschiedenster Herkunft: in paris lehrten gleicherweise Italiener, Engländer, Deutsche wie Franzosen. (Grundmann S. 19)

Mobilität

Zu Beginn: kein baulicher Besitz. Die Universitas war an keine feste Örtlichkeit gebunden. Auswanderung konnte Druckmittel und Waffe sein gegen die Einmischung lokaler weltlicher oder geistlicher Mächte.

Von Bologna (um 1150) wird > Padua 1222 gegründet und  > Siena 1247.

Von Paris (um 1160) wird > Oxford (um 1170) gegründet, von Oxford aus Cambridge (um 1230)

Die Leipziger Universität (1409) ist aus Streitigkeiten in Prag hervorgegangen, die dort zum Auszug vonStudenten und Professoren führten (Ellwein S. 31).

Kirchlicher Einfluß

Zuerst haben die Universitäten starken Rückhalt bei Kaiser und Papst zur Sicherung ihrer Selbständigkeit. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wächst jedoch der kirchliche Einfluß, der vom kirchlich autorisierten Kanzleramt ausging, zuerst in Paris, dann auch in Bologna. Der kirchliche Einfluß setzte sich durch die Bettelorden fort. (Rückbrod S. 14).

VI. Kurzer Überblick zur Geschichte der Universität im Mittelalter

Universitätsgründungen

Mitte 12. Jh.: älteste medizinische Hochschule Europas: Salerno

Mitte 12. Jh.: Bologna, um 1150. hat bald 3 Fakultäten:

als vierte ab 1356 Diese vier klassischen Fakultäten sind bis heute z.T. bestimmend für die Organisation der Universitäten.

Mitte 12. Jh.: Paris, um 1160 (< aus der Domschule von Nôtre Dame). Kollegien um 1180. (1257: Robert de Sorbon: Collegium Sorbonianum)

Ende 12. Jh.: Oxford, um 1170 (< Studenten aus Paris)

Anfg. 13..Jh..: Cambridge, um 1230 (< Studenten aus Oxford). An beiden: Colleges nach Pariser Muster.

Universitäten auf dem Boden des Römischen Reiches Deutscher Nation:

14. Jh. Prag, 1348 (Gründung Kaiser Karls IV. Karlsuniversität, 1366 Collegium Carolinum. 12 Kollegien zu Beginn, mit reichen Bibliotheken)

14. Jh. Wien, 1365 (Stiftung des Habsburgers Herzog Rudolf IV.)

Ende 14. Jh.: Heidelberg, 1386 (Gründung d. Kurfürsten Ruprecht I. von der Pfalz)

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