Als schlagwortartige Bezeichnung der Thematik, der das hier
publizierte Verzeichnis gewidmet ist, hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch
weithin der Begriff "Beutekunst" eingebürgert, obwohl das Wort von
seiner inhaltlichen Bedeutung her viel zu kurz gefaßt ist und das weite Feld,
das damit in der Regel angesprochen wird, nicht entfernt abzudecken in der Lage
ist. Hier ist vor allem an die umfangreichen Bibliotheksbestände zu denken, die
von der sowjetischen Besatzungsmacht nach 1945 aus Deutschland in die UdSSR
verbracht wurden und die hinsichtlich ihres Wertes und ihrer Bedeutung den
verlagerten Kunstgegenständen wohl in nichts nachstehen. Sprachlich exakter
formuliert, geht es um die Gesamtheit deutschen Kulturgutes, das im Anschluß an
den Zweiten Weltkrieg als Beute der sowjetischen Siegermacht anheimfiel und das
war nicht wenig
1. Es scheint so, als ob seine enormen
Ausmaße erst relativ spät einer breiteren Öffentlichkeit in unserem Lande
bekannt und in ihrer Bedeutung bewußt geworden sind.
Als
1945 nach einem gegen die osteuropäischen Völker grausam geführten
Vernichtungskrieg mit der Niederlage der totale staatliche Zusammenbruch und
das Chaos namentlich über die Ost- und Mitteldeutschen hereinbrach, waren diese
zunächst einmal mit kaum etwas anderem als dem nackten Überleben beschäftigt.
Daß die sowjetische Besatzungsmacht daranging, sich mittels umfangreicher
Konfiszierungen und Demontagen schadlos zu halten, überraschte kaum, hatte man
es doch selber zuvor bei der Invasion der Sowjetunion nicht viel anders
gehalten. Das immense Ausmaß aber der von sowjetischer Seite ganz systematisch
und planmäßig betriebenen Abtransporte wertvollster deutscher Kulturgüter fiel
trotz deren Größenordnung um so weniger auf, als sie in der Regel nicht von
ihren angestammten Plätzen aus erfolgte, sondern von Ausweichlagern in Bunkern,
in abgelegenen Schlössern und Burgen oder stillgelegten Bergwerksstollen, wohin
gerade das Wertvollste wegen der Luftangriffe in Sicherheit gebracht worden
war. Entgegen mancherlei Rechtfertigungsversuchen aus jüngerer Zeit scheint man
allerdings sowjetischerseits bei dieser Aktion kein reines Gewissen gehabt zu
haben. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, daß der größte und wertvollste
Teil der von der Roten Armee in Deutschland auf diese Weise erbeuteten und in
die UdSSR verbrachten Kulturgüter dort unter strengster Geheimhaltung in
Kellern, Magazinen und sonstigen (oft recht ungeeigneten) Lagerräumen versteckt
wurde und daß die mit ihrer Verwaltung bzw. Aufbewahrung betrauten Personen
jahrzehntelang deren Existenz kategorisch abzustreiten hatten. Nichts durfte
über dieses Tabu-Thema gesagt oder geschrieben werden und das galt auch
außerhalb der Grenzen der Sowjetunion in ihrem Einflußbereich, also auch in der
SBZ bzw. DDR. Erst allmählich wurde in der Nachkriegszeit bei den betroffenen
deutschen Bibliotheken, Museen und Archiven offenbar, was verloren gegangen
war. Nach Rückführung der ausgelagerten Bestände und nach erfolgter Inventur
wußte man zwar in etwa, was fehlte, doch war in vielen Fällen nicht bekannt, ob
es sich um zerstörte oder geraubte Bestände handelte. Was die von der Roten
Armee erbeuteten und in die Sowjetunion verbrachten deutschen Kulturgüter
betrifft, so wurde erste Kunde darüber erst mit der Öffnung und Liberalisierung
der Sowjetunion unter Gorbatschow bekannt. Die Existenz geheimgehaltener
Beutekunst-Bestände vertrug sich schlecht mit der dort nun allseits propagierten
Glasnost. Das ganze Ausmaß wurde indes erst mit dem Zusammenbruch der
Sowjetunion offenbar. Seitdem beschäftigt es in zunehmendem Maße sowohl die
Experten, wie die Politiker und droht leider auch die deutsch-russischen
Beziehungen zu trüben.
Die
Fülle der Fakten, die man den in dieser Zusammenstellung nachgewiesenen
Publikationen entnehmen kann und mit deren Hilfe man sich ein Bild machen kann
vom Gang der Ereignisse, ist beeindruckend; nicht minder informativ ist die dem
Material zu entnehmende Darstellung der Argumentationen, die von den
verschiedenen Seiten beim Streit um das künftige Schicksal der Beutekunst
vorgetragen werden. Interessant ist auch, zu beobachten, wie unterschiedlich
die Behandlung der diffizielen Themen ist auf der politischen Ebene einerseits,
und andererseits auf der Ebene der Experten. Man kann sich bei der Lektüre des
Eindrucks nicht erwehren, daß auch die Charaktere mancher der handelnden
Personen den Gang der Ereignisse nicht unwesentlich beeinflußt haben. Darauf
mag auch zurückzuführen sein, wie unterschiedlich streckenweise der
deutsch-russische Dialog unter den Museumsdirektoren verlief im Vergleich zu
dem der Bibliothekare. Der Unterzeichnete, selber ein altgedienter
Bibliothekar, dessen Leben vom Ost-West-Konflikt stark geprägt wurde, hat
jedenfalls die gemeinsamen Bemühungen der deutschen Bibliothekare und ihrer
russischen Kollegen mit großer Sympathie und Anteilnahme verfolgt und war
beispielsweise seinerzeit bei der Lektüre des von Klaus-Dieter Lehmann herausgebrachten
Tagungsbandes zum "Runden Tisch" in Moskau stellenweise sehr
bewegt
2.
Wie
sehr die Thematik der "Beutekunst" und das Auf und Ab ihrer
Behandlung auf russischer Seite auch die Öffentlichkeit verständlicherweise bewegt,
zeigt die bemerkenswert große Anzahl der dazu ermittelten Veröffentlichungen.
Dabei kann und will diese Bibliographie keinerlei Anspruch auf
Vollständigkeit
3 erheben; sie soll lediglich im Rahmen des
deutsch-russischen Dialoges zur Frage der Restitution allen daran
Interessierten möglichst aktuell den Weg zu einschlägigen Publikationen weisen,
mit deren Hilfe man sich einen Eindruck vom Stand und bisherigen Verlauf der
Dinge verschaffen kann.
Bundeskanzler Kohl hat 1997 nach einem Besuch in Moskau bei Präsident Jelzin die Überzeugung geäußert, daß das Problem der Beutekunst noch im gleichen Jahre gelöst werden würde. Das war einer seiner gravierenden Irrtümer und es steht zu befürchten, daß die leidige Problematik Deutsche und Russen noch auf sehr lange Zeit beschäftigen wird. Bleibt zu hoffen, daß es den Gutwilligen auf beiden Seiten vereint gelingen möge, einen gangbaren Ausweg aus der schwierigen Situation zu finden, die zu der Hinterlassenschaft einer barbarischen Vergangenheit gehört.
Abschließend möchte ich mich
bei allen bedanken, die mich bei der Arbeit an diesem Projekt unterstützt haben.
Für Zuspruch und Ermutigung danke ich Wolfgang Eichwede, Michael Franz, Wolfgang
Kasack, Ingo Kolasa, Klaus-Dieter Lehmann und Horst Röhling.
Den Kolleginnen und Kollegen vom Dokumentationszentrum für das
Schrifttum aus und über Rußland/UdSSR/GUS verdanke ich wertvolle
Literaturnachweise aus der vorzüglichen Internet-Datenbank RussGUS. Viel
Material erhielt ich darüberhinaus von Dr. Klaus Goldmann, Oberkustos am Museum
für Vor- und Frühgeschichte zu Berlin, der mir sein reichhaltiges Archiv
freigebig zur Verfügung stellte, wie auch von Dr. Waldemar Ritter,
Ministerialdirigent i.R beim BMI. Herrn Dr. Jürgen Plähn (Berlin) gebührt Dank
für Hilfestellung bei der adäquaten deutschen Übersetzung einiger sprachlich
kniffliger Stellen in den Titelformulierungen russischer Presseartikel und
Herrn Andrej Gorljak (Moskau) für die Beschaffung wichtiger Quellen. Mein Dank
gilt ferner der Staatsbibliothek zu Berlin, wo sowohl ihr Generaldirektor Dr.
Antonius Jammers, wie auch der Direktor der Osteuropa-Abteilung Dr. Walter
Andreesen und sein Amtsvorgänger Dr. Franz Görner das Projekt in vielfältiger
Weise förderten. Zu danken ist der Staatsbibliothek auch für die Aufnahme der Print-Version
dieser Bibliographie in die Veröffentlichungen
4
der Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek, wo sie inzwischen in Buchform
bereits in vierter Auflage erschienen ist, so wie für das Einverständnis zur
Publizierung des Materials auch hier im Internet. Die Bereitstellung der
Bibliographie im Internet geht zurück auf eine freundliche Anregung von Michael
Maack (MDR); sie wurde ermöglicht durch das Entgegenkommen seitens des
Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin, wo
dankenswerterweise Herr Diplommathematiker Michael Heinz mit viel Geschick ihre
edv-gerechte Betreuung übernahm. - Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben,
daß ohne die verständnisvolle Unterstützung seitens meiner Frau Hanne Bruhn das
Projekt gar nicht erst zustande gekommen wäre.
Peter Bruhn
1
Nach Erkenntnissen der Bundesregierung lagerten in den Staaten der GUS ca.
200.000 Museumsgüter, 2 Millionen Bücher und mehrere Regalkilometer Archivgut,
die nach dem Krieg in die UdSSR geschafft worden sind. Waldemar Ritter
beziffert die derzeit (Juli 2002) noch in den Depots Russlands lagernde
Beutekunst auf 1.124.529 Kunst- und Museumsgegenstände, 4,6 Millionen Bücher
und 174.000 Archiveinheiten. Die russischen Behörden sind offenbar seit einiger
Zeit darum bemüht, sich endlich selber einen genaueren Überblick zu
verschaffen, was und wieviel sich wo bei ihnen befindet, doch kann - wie zu
hören ist - das Ergebnis u.U. noch Jahre auf sich warten lassen.
2
Die Veröffentlichungen von Klaus-Dieter Lehmann und Ingo Kolasa sind für den
Bereich der "Beutebücher" zweifellos die bei weitem
informativsten, für den Bereich der "Beutekunst" (im engeren
Sinne) sind es die Bücher von Konstantin Akinscha [Akinša] und Grigori
Koslow [Kozlov], für den musealen Bereich (Goldschatz von Troja) die
Publikationen von Klaus Goldmann. Das ganze Ausmaß der dem Beutekunstproblem
innewohnenden politischen Dimension kommt am besten in den zahlreichen
Publikationen und Äußerungen von Wolfgang Eichwede zum Ausdruck. Empfehlenswert
ist generell die Beachtung der derzeit in Magdeburg beheimateten internationale
Zeitschrift "Spoils of War", die bisher in unregelmäßigen Abständen
erschien und neben der Publikation einschlägiger Beiträge auch über den Stand
der aktuellen Entwicklungen berichtet.
3
Vor allem im Bereich der Presse-Artikel würde es auch wenig Sinn machen,
Vollständigkeit anzustreben, weil zum Beispiel im Gegensatz zu eigenständigen Artikeln
in den überregionalen Tageszeitungen die Meldungen in den Provinz- und
Lokalblättern sich häufig inhaltlich wiederholen und in der Regel neue
Informationen kaum enthalten. Die nicht geringe Anzahl solcher trotzdem in
dieses Verzeichnis aufgenommener Beiträge aus der örtlichen Presse reicht bei
weitem aus, um einen repräsentativen Eindruck zu vermitteln und namentlich dem
ausländischen Benutzer dieses Verzeichnisses deutlich zu machen, wie sehr und
in welcher Breite die öffentliche Meinung in Deutschland mit der Thematik der
"Beutekunst" befaßt ist.
4
Das Material für diese "Beutekunst"-Bibliographie wurde in Buchform
bei der Staatsbibliothek zu Berlin veröffentlicht. Die genaue TA lautet:
"BEUTEKUNST" / Materialien zu einer Bibliographie des neueren
Schrifttums über das Schicksal des im Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee in
Deutschland erbeuteten Kulturgutes (Museums-, Archiv- und Bibliotheksbestände),
zusammengestellt von Peter Bruhn. - Berlin 1997. VI,146 S. (=Literaturnachweise
zu aktuellen Russland-Themen. 1.) (=Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer
Kulturbesitz, Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung. 21.)
Inzwischen erschien: "BEUTEKUNST" / Bibliographie des internationalen
Schrifttums über das Schicksal des im Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee in
Deutschland erbeuteten Kulturgutes (Museums-, Archiv- und Bibliotheksbestände),
zusammengestellt von Peter Bruhn. - Vierte, völlig neu bearbeitete Auflage mit
umfangreichen Registerteil; Band 1: 1990-1999, 494 S.; Band 2: 2000-2002, 294
S.; - München: Verlag Otto Sagner, 2003. (=Literaturnachweise zu aktuellen
Rußland-Themen. 4,1-2.) (=Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer
Kulturbesitz, Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung. 30/1-2.)