Am 16. Juni 1953 streikten in Berlin die Arbeiter von den Baustellen an der Stalin-Allee und zogen spontan in einem eindrucksvollen Demonstrationszug quer durch die Innenstadt zum Sitz der Regierung der DDR, um gegen die Erhöhung ihrer Arbeitsnormen zu protestieren. Auf dem Platz vor dem Haus der Ministerien in der Leipziger Straße standen die Demonstranten lange Zeit, ohne daß etwas Wesentliches geschah. Hin und wieder versuchte zwar jemand das Wort zu ergreifen, doch was da gesagt wurde, erreichte meist nur die Umstehenden und war auch vom Inhalt her nicht geeignet, die Massen zu ergreifen. Ich erinnere mich auch heute noch meiner damaligen Gefühle, vor allem meiner Befürchtung, die Demonstration, die für die damaligen Verhältnisse in der DDR so gänzlich außergewöhnlich war, könnte, nachdem sie so kühn und so erstaunlich erfolgreich begonnen worden war, sehr schnell wieder auseinanderlaufen, weil niemand da zu sein schien, der das zu artikulieren vermochte, wonach die Situation verlangte. Endlich, der DDR-Minister Selbmann versuchte gerade zu den Demonstranten zu sprechen, erklomm ein älterer Bauarbeiter den Tisch, auf dem der Minister stand, schob ihn beiseite und formulierte die erlösenden Worte. Die von ihm erhobenen Forderungen, nun nicht mehr nur nach Senkung der Arbeitsnormen, sondern nach Freilassung der politischen Gefangenen, nach freien Wahlen und Einheit Deutschlands sprachen den Demonstranten aus der Seele und wurden von ihnen entsprechend bejubelt. Es war zu spüren, wie der spontan begonnene Streik in diesem Augenblick seine politische Dimension erhielt und begann, sich zu einem Volksaufstand zu entwickeln. Noch heute bin ich davon überzeugt, daß ohne das Auftreten dieses Menschen die Geschichte einen völlig anderen Verlauf hätte nehmen können. Natürlich hat mich die Gestalt dieses Arbeiters seitdem nicht losgelassen. Aber merkwürdigerweise fand ich nirgendwo einen konkreten Hinweis auf ihn, in keiner Rundfunksendung, in keinem Vortrag und auch nicht in der umfangreichen Literatur über den siebzehnten Juni. Es dauerte Jahrzehnte bis ich in einer hektographierten, eher peripheren Schrift auf seinen Namen stieß:
Viel habe ich über ihn leider nicht in Erfahrung bringen können
und ich weiß nicht einmal, ob Fritz Hahn heute noch lebt. Vieles spricht
dagegen; wer ein arbeitsreiches Leben als Bauarbeiter hinter sich hat und
dazu noch fünf Jahre nationalsozialistisches Konzentrationslager und
(wegen seiner Teilnahme am Aufstand des 17. Juni) eineinhalb Jahre DDR-Zuchthaus,
der pflegt kein biblisches Alter zu erreichen. - Ich widme diese Veröffentlichung
Fritz Hahn.