Vom Demonstrationszug der Bauarbeiter der Stalin-Allee am Vormittag des 16. Juni 1953, die ich auf ihrem Wege durch die Linden und die Wilhelmstraße zum Haus der Ministerien begleitete, bis zum frühen Nachmittag des 17. Juni, als ich - über den Potsdamer Platz in die Westsektoren flüchtend - miterlebte, wie Schüsse aus sowjetischen Waffen links und rechts neben mir erste Opfer forderten, war ich Augenzeuge der Ereignisse an den Brennpunkten des Geschehens im Sowjetischen Sektor Berlins.
Von berufswegen als Bibliograph ohnehin mit der Beobachtung neuerscheinender Literatur befaßt, widmete ich seitdem meine Aufmerksamkeit dabei immer auch dem literarischen Niederschlag, den das Geschehen jener erregenden Tage im Schrifttum fand. Das Ergebnis liegt nun in Form dieses bibliographischen Verzeichnisses vor. Der Entschluß zu seiner Veröffentlichung beruht darauf, daß ein nicht unerheblicher Teil der hier verzeichneten Publikationen in anderen zum gleichen Thema veröffentlichten Verzeichnissen nicht enthalten ist, so daß viele der daran Interessierten sonst gar nicht oder doch nur sehr mühsam Kenntnis davon erhalten würden. Ein wesentlicher Teil der Titel erschien nicht selbständig, sondern in Form von Artikeln und Beiträgen und eine Reihe von Monographien gelangte als amtliche Drucksachen oder als Privatdrucke bzw. als sog. graue Literatur nicht in den Buchhandel. Die Jahrzehnte der staatlichen Spaltung Deutschlands brachten es überdies mit sich, daß Schriften - zumal mit dieser Thematik - aus dem einen Teil unseres Landes in dem anderen oft recht wenig Verbreitung fanden und auch nachträglich zu einem großen Teil kaum oder nur unzureichend bekannt geworden sind.
Die Einstellung zum 17. Juni war im geteilten Deutschland analog zur politischen Entwicklung bekanntlich sehr unterschiedlich. Von der offiziellen Sprachregelung in der DDR, wo das Thema "17. Juni" wohl fast bis kurz vor ihrem Ende ein Stück unbewältigte DDR-Vergangenheit bedeutete, das in der Regel gemieden und verdrängt wurde und wo man bis zum Ende des SED-Regimes im November 1989 notfalls vom siebzehnten Juni wider besseres Wissen fast nur als dem Werk faschistischer Provokateure aus Westberlin sprach, reicht sie über das Verhalten einer Mehrzahl der Bundesbürger, die den "Tag der Deutschen Einheit" alljährlich zu einem willkommenen Ausflug ins Grüne nutzte und allenfalls noch am Radio die oft unverbindlichen Bekenntnisse mancher unserer Politiker zur deutschen Einheit über sich ergehen ließ, bis zur extremen Rechten, wo z.B. eine sich "freiheitlich-konservativ" nennende Gruppe bereits in den 60er Jahren den 17. Juni absurderweise zum Anlaß nahm, schon wieder das Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes zu fordern. Im Hinblick auf diese Umstände ist es nicht verwunderlich, daß es sich bei einem nicht geringen Teil der hier verzeichneten Schriften - jedenfalls aus den ersten Jahren nach dem 17. Juni 1953 - um typische Produkte des kalten Krieges handelt, denen Objektivität weitgehend abgeht. Aber bei kritischer Analyse ist ja auch propagandistischen und polemischen Schriften und Pamphleten ein Quellenwert keineswegs abzusprechen. Die Zahl eigenständiger DDR-Publikationen zum Thema „17. Juni" blieb aus verständlichen Gründen gering. Handelte es sich doch um ein Tabu-Thema, dessen Behandlung selbst dann delikat war, wenn es in größeren Zusammenhängen - etwa bei einer Darstellung der Geschichte der DDR - nicht ganz zu umgehen war. In der Bundesrepublik Deutschland nahm mit zunehmendem zeitlichen Abstand die Zahl seriöser Untersuchungen mit wissenschaftlichem Anspruch zu. Nach dem Zusammenbruch der DDR erlebte das Thema generell eine merkliche Wiederbelebung durch die Öffnung dortiger, bis dahin streng verschlossener Archive und weil nunmehr auch kompetente Autoren aus der ehemaligen DDR die endlich erlangte Möglichkeit nutzten, sich zu diesem Thema zu Wort zu melden.
Das vorliegende Verzeichnis enthält ohne Rücksicht auf ihre politische Herkunft oder gar auf ihre Solidität alle mir bekannt gewordenen Schriften zur Thematik des 17. Juni 1953. Im Bereich der unmittelbar dem 16. und 17. Juni gewidmeten Monographien bin ich bei der Erfassung um Vollständigkeit bemüht gewesen, bei der großen Fülle der Zeitungsartikel mußte ich mich dagegen auf typische oder markante Beispiele beschränken. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, die Schriften, die echte Fakten zum Ablauf der Geschehnisse enthalten, einigermaßen komplett zu erfassen. Dagegen ist bei den Nachweisen für Gedenkartikel und ähnl., die namentlich alljährlich zu den Jahrestagen des 17. Juni erschienen, Vollständigkeit nicht angestrebt worden und hätte wohl hinsichtlich des Informationswertes, der der Mehrzahl dieser Schriften beizumessen ist, auch in keinem angemessenem Verhältnis zu dem damit verbundenen enormen Arbeitsaufwand gestanden. Interessantes Material zur Thematik dieser Bibliographie findet sich natürlich häufig auch in Schriften, die nicht speziell dem 17. Juni gewidmet sind, ihn aber doch partiell behandeln, sei es, daß es sich dabei um Publikationen ganz allgemein zur deutschen Geschichte, zur Geschichte der DDR oder zur Lokalgeschichte handelt oder aber um Untersuchungen zur Geschichte bestimmter Gruppierungen, wie z.B. der SED, der FDJ, des FDGB u. ähnl. oder aber um Memoiren von Politikern und anderen Zeitgenossen. Um die Einbeziehung auch dieses Schrifttums habe ich mich bemüht, doch hätte das Erreichen einer annähernden Vollständigkeit auf diesem weiten Feld die Möglichkeiten eines einzelnen, allein arbeitenden Bibliographen bei weitem überfordert.
Soweit es zur Charakterisierung der Schriften nützlich erschien,
wurden nach Möglichkeit außer den im engeren Sinne bibliographischen
Daten jeweils auch das Inhaltsverzeichnis bzw. die Kapitelüberschriften
aufgenommen. Einigen Titeln, bei denen das notwendig erschien, wurden Annotationen
beigefügt. Obwohl die meisten Benutzer dieser Bibliographie vermutlich
unter sachlichen Gesichtspunkten nachschlagen werden, wurde das Hauptverzeichnis
nicht sachlich gegliedert, sondern chronologisch geordnet nach dem Erscheinungstermin
und innerhalb der einzelnen Erscheinungsjahre formal nach Publikationsformen
(Bücher und Broschüren, Beiträge aus Monographien, aus Zeitschriften
und Artikel aus Zeitungen). Das geschah zur Vermeidung unnötiger Redundanzen,
weil das Verzeichnis eine große Anzahl von Titeln enthält, die
aufgrund ihres Inhaltes bei einer sachlichen Anordnung zahlreiche Mehrfachverzeichnungen
erforderlich gemacht hätten. Das Nachschlagen unter sachlichen Aspekten
wird nun durch ein dem Hauptteil vorangestelltes systematisches Themen-Verzeichnis
gewährleistet. Es enthält nicht nur Hinweise auf die jeweilige
Gesamtthematik der im Hauptteil nachgewiesenen Publikationen, sondern in
vielen Fällen, in denen das sinnvoll erschien, auch auf die Thematik
einzelner ihrer Teile oder Kapitel. Von der Möglichkeit der Mehrfachverzeichnung
unter den verschiedensten sachlichen Aspekten konnte hier um so großzügiger
Gebrauch gemacht werden, als die Hinweise in diesem Register lediglich
aus dem oftmals verkürzten Text eines Sachtitels oder einer Kapitelüberschrift
bestehen und sich durchweg auf eine Zeile beschränken ließen,
während alle übrigen, den Umfang einer ordnungsgemäßen
Titelaufnahme ausmachenden bibliographischen Angaben einschließlich
Inhaltsangaben und Annotationen der einmaligen Wiedergabe im Hauptverzeichnis
vorbehalten bleiben, auf dessen fortlaufend numerierte Positionen jeweils
verwiesen wird. Mit der gewählten, nicht ganz einfachen sachlichen
Gliederung dieses Themen-Verzeichnisses hoffe ich, sowohl dem Charakter
des anzuzeigenden Schrifttums, wie auch den Bedürfnissen der Benutzer
einigermaßen gerecht geworden zu sein. Ausdrücklich hinweisen
möchte ich auf den Umstand, daß ich in einer Vielzahl von Fällen
keine Möglichkeit hatte, die in dieser Bibliographie nachgewiesenen
Schriften selber einzusehen. Für die Erstellung des systematischen
Themen-Verzeichnisses bedeutete dieser Umstand ein nicht gerade geringes
Problem. Eine Sachklassifizierung lediglich an Hand knapper bibliographischer
Daten ohne die dafür eigentlich erforderliche De-visu-Bearbeitung
birgt mancherlei Risiken, die man als Bibliograph nur höchst ungern
auf sich nimmt. Die Publizierung des Materials ohne jegliche Sacherschließung
wäre aber natürlich keine vertretbare Alternative gewesen. So
habe ich dann trotz mancherlei Bedenken das Themen-Verzeichnis auf diese
Weise zusammengestellt, wobei lediglich Titel mit einer allzu verschwommenen
Formulierung oder mangelhafter Aussagekraft unberücksichtigt geblieben
sind. Ich hoffe, daß das so erstellte Themen-Verzeichnis ungeachtet
dieses Umstandes dem Benutzer der Bibliographie alles in allem doch einen
brauchbaren sachlichen Einstieg in das Schrifttum über den siebzehnten
Juni ermöglichen wird. Einen nicht unbeträchtlichen Teil des
nachgewiesen Titelmaterials habe ich übrigens durch Recherchen in
Datenbanken von sehr unterschiedlicher Qualität ermittelt. Das erklärt
die gelegentlich ins Auge fallende Heterogenität hinsichtlich der
Vollständigkeit der Titelaufnahme und möglicherweise auch einige
Unstimmigkeiten, wofür ich um Nachsicht bitte.
Der 17. Juni 1953 liegt nun schon ein halbes Jahrhundert zurück
und ist längst in die Geschichte unseres Landes eingegangen. Aufgrund
des massiven Eingreifens der sowjetischen Besatzungsmacht ist der 17. Juni
aber nicht nur Teil der deutschen Geschichte, sondern hat als eine nicht
unwichtige Wegmarke in den deutsch-sowjetischen Beziehungen seinen Platz
auch in der russischen Geschichte, so dass die auf den ersten Blick möglicherweise
nicht gleich einleuchtende Aufnahme dieser Bibliographie als Band 3 in
die von mir publizierte Serie "Literaturnachweise zu aktuellen Russland-Themen"
doch gerechtfertigt ist. Was die Aktualität des Themas betrifft, so
schien sie mir allein schon angesichts des öffentlichen Interesses
gegeben zu sein, dessen sich das Thema seit dem Ende der Deutschen Demokratischen
Republik und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten in zunehmendem
Maße erfreut.
Allen, die mich bei meiner Arbeit für diese Bibliographie unterstützt haben, sei an dieser Stelle freundlichst gedankt. Mein Dank gilt auch Dr. Ulrich Mählert für mancherlei Hinweise und für die hilfreiche Besorgung wichtiger Quellen. Ohne die Hilfe meiner Frau, Hanne Bruhn, die schon seit den Junitagen von 1953 mein emotionales Interesse an der Thematik des siebzehnten Juni mit mir teilt, wäre diese Publikation kaum zustande gekommen.
Berlin-Kladow, im Frühling 2003
Peter Bruhn
Mail an Peter Bruhn
Erstellt bzw. letztmalig geändert am 18.07.2003