Wie war das mit dem 17. Juni 1953?
Über eine verspätete Publikation derer, die nichts
dazugelernt haben
Spurensicherung / Zeitzeugen zum 17. Juni 1953. Hrsg.:
Unabhängige Autorengemeinschaft "So habe ich das erlebt", 15344
Strausberg 2, postlagernd. - Schkeuditz: Gesellschaft für Nachrichtenerfassung
und Nachrichtenverbreitung, Verlagsgesellschaft für Sachsen/Berlin mbH, 1999.
364 S. - ISSBN 3-932725-80-8
Bei diesem Buch handelt es sich um eine
bemerkenswerte Publikation, nicht so sehr wegen der äußerst einseitigen
politischen Tendenz der darin enthaltenen Beiträge, - einer Tendenz, die
weitgehend dem entspricht, was man bei der Lektüre der frühen
DDR-Veröffentlichungen über den 17. Juni anzutreffen pflegte. Bemerkenswert ist
vor allem der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Hier bemühen sich im Jahre 1999
Zeitzeugen fast ein Jahrzehnt nach dem unrühmlichen Abgang der DDR alle die
alten, hinlänglich bekannten SED-Klischees, -Verdrehungen und -Halbwahrheiten
über die Juni-Ereignisse des Jahres 1953 wiederzubeleben. Daß in den ersten
Jahren nach dem Juni 1953, in jener Hochzeit des kalten Krieges, entsprechende
Pamphlete erschienen, ist ja im Nachhinein zu verstehen. Sie waren damals
Bestandteil der weltweiten Auseinandersetzung der beiden Systeme. Es ging dabei
nicht um Darstellung der Wirklichkeit bzw. realer Fakten oder gar um das
Streben nach Objektivität. Letztere wurde in der DDR, wie der Autor dieser
Zeilen an sich selber erlebt hat, ohnehin nur noch zusammen mit dem Attribut
"bürgerliche" gebraucht und als sog. Objektivismus abgekanzelt. Alles
was damals in der DDR zur Veröffentlichung kommen sollte, wurde vielmehr
zunächst einmal einzig und allein daran gemessen, ob es im Sinne des Systems
nützlich war oder nicht. Was aber mag heute, angesichts einer völlig
veränderten Situation, eine sogenannte Unabhängige Autorengemeinschaft bewogen
haben, ein solches Buch herauszubringen? Schauen wir es uns daraufhin etwas
genauer an.
Das Buch ist, wenn man so will, eine Art Sammelband,
an dem eine Vielzahl von Autoren mitgewirkt hat. Es gliedert sich in zwei Teile
und einen Anhang. Der erste Teil besteht im wesentlichen aus fünfeinhalb Seiten
"Einleitende Bemerkungen" und 176 Seiten
"Zeitzeugenberichte", wobei es sich neben drei aus anderen
Veröffentlichungen übernommenen Texten um insgesamt 75 originäre Berichte von
insgesamt 72 verschiedenen Autoren handelt, von denen drei mit jeweils zwei
Berichten vertreten sind. Von einer Ausnahme abgesehen ist diesen Autoren,
jetzt im Alter zwischen 60 und 88 Jahren, eines gemeinsam: Sie haben alle am
17. Juni 1953 in der DDR gelebt, befanden sich im Einklang mit der Staatsmacht
und trauern der untergegangenen DDR bis heute nach. Bei der Mehrzahl von ihnen
handelt es sich um arrivierte DDR-Bürger, die diesen Staat, als dessen Stützen
sie fungierten, durchaus als den ihren betrachteten. Ein nicht unwesentlicher
Teil dieser Autoren sind Akademiker, die in der DDR Karriere gemacht und
wichtige Funktionen im Staats- und Parteiapparat eingenommen haben. Acht haben
ihren Beitrag sogar mit akademischem Titel unterzeichnet. Am 17. Juni 1953
gehörten diese Zeitzeugen zwar noch zur jungen Generation, befanden sich aber,
wie aus vielen der Berichte zu entnehmen ist, schon auf dem Wege nach oben und
hatten z.T. bereits die ersten Stufen der
Karriereleiter erklommen. Viele übten Funktionen aus in der Partei oder den
angeschlossenen Organisationen (darunter mehr als ein Dutzend Funktionäre
der FDJ und der GST), viele waren Angehörige der
bewaffneten Organe (KVP, NVA), zehn von ihnen damals
bereits im Offiziersrang.
Der Tenor der meisten Berichte entspricht der
seinerzeitigen primitiven SED-Propaganda. Natürlich waren die Ereignisse um den
17. Juni vom bösen Westen gesteuert. Da das nicht beweisbar ist, begnügen sich
viele der Autoren damit, in ihren Zeitzeugenberichten lediglich ihren
"Glauben" wiederzugeben: "Wir glaubten nie an einen
Volksaufstand, an eine Demonstration zur Verbesserung des Sozialismus.
Für uns war das ein gut vorbereiteter Putsch zur Beseitigung der DDR. Die späteren
Rechtfertigungsversuche des Westens und seine Verherrlichung des 17.6.1953
bestärken mich bis heute in dieser Ansicht." (S.59).
Oft wird indessen auch der Versuch gemacht, die westliche Urheberschaft
durch eigene Beobachtungen zu belegen. Da werden dann die Westagenten zuerst
schon mal an ihrer Kleidung oder ihrem Dialekt entlarvt: "Es ging so
los: am Morgen kommen Demonstranten gezogen. Die singen Arbeiterlieder. Viele
tragen Bauarbeiterkleidung. ... Mir fällt auf, daß einige von ihnen ganz neue
Bauarbeiterkleidung anhaben, die ist offenbar noch nicht ein einziges Mal
gewaschen worden."(S.41) - "Soweit ich mich erinnere,
wurden wir am 19. Juni in die Kaserne zurückverlegt. Damit war die
Alarmbereitschaft aber nicht aufgehoben, und mein Gewehr lag noch eine ganze
Zeitlang neben mir im Bett. Wir hatten danach auch Betriebe zu sichern, um das
Eindringen unbefugter Personen zu verhindern. In diesem Zusammenhang
informierte man uns darüber, daß am 17. und 18. Juni auf dem Hallenser
Bahnhof von Berlin kommende Leute in Schlosseranzügen und -kombinationen
festgestellt worden waren, die wenig Ähnlichkeit mit Handwerkern hatten, aber
offensichtlich die Situation in Halle anheizen sollten."(S.99) -
"Ein Mann - kein Arbeiter und auch nicht DDR-handelsüblich gekleidet -
betätigte sich als Fassadenkletterer." (S.39/40) - "Ich
war froh, an einem bereits von ca. 12 Personen besetzten Tisch noch einen Platz
zu finden und wurde dadurch überraschenderweise Zeuge einer mündlichen
Instruktion für den 18. Juni 1953. Denn zwei etwa 40jährige, lederbejackte Männer gaben den neben ihnen Sitzenden
Weisungen für den Schichtbeginn im Braunkohlentagebau: die Förder- und
Krananlagen seien zu besetzen und stillzulegen. Beide sprachen Deutsch,
allerdings nicht die Bitterfelder Mundart... Nach alledem besteht für mich kein
Zweifel daran, daß die eigentlichen Organisatoren und Drahtzieher der
Ereignisse und vieler weiterer Aktionen gegen die DDR in westlichen
Agentenzentralen zu suchen sind." (S.69) - "Ich lief in
meine Dienststelle zurück. Dabei geriet ich Unter den Linden/Ecke
Friedrichstraße in eine weitere Diskussionstraube. Mittendrin ein Wortführer
mit Fahrrad und einem für unsere damaligen Begriffe hocheleganten Anzug aus
phantastischem Stoff. Der Mann versuchte mit bemerkenswerter Demagogie zu
erklären, wie schlecht es uns doch allen ginge. Inzwischen hatte ich mich
zu ihm durchgearbeitet und befühlte dauernd seinen Anzug. Er wurde sichtlich
nervös und forderte mich auf, das zu lassen." (S.122). Das
Buch bietet noch mehr Beispiele dieser Art.
Andere Umstände, an denen man den westlichen Ursprung
der Erhebung festmachen und beweisen zu können glaubt, sind verwandtschaftliche
Beziehungen: "Anschließend forderte unser Werkleiter die Belegschaft
zur offenen Meinungsäußerung auf und versprach, daß keine Repressionen zu
befürchten seien. Da meldete sich ein Betriebshandwerker und verlangte eine
andere Regierung. Es war bekannt, daß er Westverwandtschaft hatte."
(S.40)
Eine Schilderung der direkten Entlarvung von
Westagenten findet sich dagegen kaum; nachfolgend ein wörtlich zitiertes,
eklatantes Ausnahmebeispiel: "Danach herrscht Ausgangssperre. Wir
patrouillieren ums Haus und sehen plötzlich zwei jüngere Frauen mit
prallgefüllten Taschen. Eine von den beiden war doch bei den Randalierern
dabei, sogar in unserem Haus war die, eine ganz Wilde! Der sowjetische Sergeant
stürzt über die Straße. Die Frau will flüchten, wirft ihre Tasche weg. Später
sehe ich, unsere Gardinen hat sie darin, geklaute Gardinen!
Die andere Frau beachten wir nicht, aber diese Furie wird vom Sergeanten
eingeholt. Er stellt ihr ein Bein. Sie stürzt auf die Straßenbahnschiene, nun
überwältigt er sie. Sie schreit hysterisch: 'Erschießt mich doch!' Doch der
Sergeant führt sie in aller Ruhe ab. In der Pförtnerloge ... übergibt er uns die
junge Frau, die dabei hysterisch wiederholt: 'Erschießt mich doch gleich!'
Einer der umstehenden Jugendlichen erwidert: 'Nein, eine Kugel ist zu schade
für dich! Dich hängen wir auf!' ...Aber wer ist diese Frau? Sie hat einen Namen,
heißt Gerda S. und wohnt in Westberlin. Eingeschleust ist sie, eine von denen,
die den 'Volkszorn' anzuheizen hatten. Wir erfahren von ihr auch, daß sie ein
Westberliner Fotomodell ist..." (S.42/43).
Das von der SED-Propaganda seinerzeit bis zum
Überdruß bemühte Mittel, politisch Andersdenkende als Faschisten, Revanchisten,
Militaristen und dergl. zu verunglimpfen, findet sich auch hier in der Mehrzahl
der Berichte wieder: "Wegen der durch Menschenansammlungen verstopften
Straßen konnten sich unsere Fahrzeuge in der Innenstadt von Brandenburg nur im
Schrittempo bewegen. Wir wurden mit Steinen und anderen Gegenständen beworfen
und als 'Ulbrichtknechte' beschimpft. An öffentlichen Gebäuden wurden Fahnen
und Transparente verbrannt und in den Schmutz getreten. Da waren keine
'streikenden Arbeiter' am Werke, sondern der von Westberlin und Westdeutschland
heißgekochte Mob verdeckter Revanchisten und Nazianhänger."
(S.107). Natürlich taucht auch ein Lieblingskind der SED-Propaganda, die
aus einer Haftanstalt befreite angebliche KZ-Kommandeuse
Erna Dorn, in diesen Berichten auf (z.B. S.23, 24, 28, 37, 96, 97, 99 u.a.), die als sog. Rädelsführerin am 17. Juni beteiligt
war. Wie eingehende Untersuchungen ergeben haben, war diese in der DDR
hingerichtete Frau in Wirklichkeit eine psychisch schwer geschädigte Kranke,
bei deren SS-Vergangenheit es sich vorwiegend um ein Stasi-Konstrukt handelt.
Bei einigen am 17. Juni beteiligten Personen wird gesagt, daß sie Mitglied der
NSDAP (S.28), Berufssoldat (S.51), Funktionär des Luftschutzbundes (S.113) oder
etwas ähnliches gewesen seien, woraus dann der faschistische Charakter des 17.
Juni abgeleitet wird: "Am nächsten Tag wurden im Betrieb Flugblätter
verteilt, die uns der Antwort näherbrachten. Den Personalunterlagen zufolge handelte
es sich nämlich bei dem glatzköpfigen Hauptredner um einen ehemaligen
hauptamtlichen Propagandisten der Untergauleitung der NSDAP und bei dem
schneidigen Schwarzhaarigen um einen früheren Offizier der Waffen-SS. Danach
vermuteten wir - und ich bin nach wie vor davon überzeugt - daß von
den Drahtziehern des 17. Juni die noch verfügbaren alten NS-Seilschaften
mobilisiert worden waren." (S.28).
Was den Stil dieser Berichte betrifft, so liegt auch
er ganz auf der alten SED-Linie, als ob es sich um Autoren von damals handelt.
So werden politische Gegner fast durchweg mit diffamierenden Vokabeln
bezeichnet. Selten ist von Aufständischen oder Demonstranten oder Streikenden
die Rede, und wenn, dann natürlich jeweils in Anführungsstrichen. Sonst handelt
es sich in der Regel um Rowdies (S.21, 52, 84, 88), Krakeeler (S.27, 52),
Randalierer (S.42, 49, 70, 82), Chaoten (S.45), kriminelle Elemente (S.48),
Gesindel (S.50), Rädelsführer (S.50, 67, 71), Provokateure (S.61, 132, 136),
gekaufte Subjekte (S.50), Mob (S.107), Banditen (S.189) usw. usw.
Umgekehrt werden auch in diesen Berichten bei der Schilderung von Ereignissen,
an denen eigene Leute beteiligt waren, diese immer mit freundlichen Wörtern
beschrieben. Da gibt es den "Mann unserer Kommilitonin
Erika - ein bärenstarker KVP-Offizier"
(S.28) oder "unseren größten Offiziersschüler (2,04 m)", der "die
Bürschchen übers Knie" legte, bis die 'Revolte' beendet war
(S.27) und andererseits einen sozialdemokratischen Arbeiter, "ein
großer, finsterer Kerl" (S.155). Da gibt es den "Stellvertreter
des Kommandeurs und Leiter der Politabteilung, Oberst Otto Schwab - einen
erfahrenen, gütigen und kampferprobten Kommunisten" (S.137) und
andererseits den "dicken Mann, der mit enormen Pathos auf die
Anwesenden einredete und sich dabei immer wieder mit dem Taschentuch den
Schweiß von seinem feisten Nacken und der Glatze wischte" (S.28).
Besonders liebe und edle Menschen sind grundsätzlich
die Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte: "Laut Ausnahmezustand
durften sich nur bis zu drei Personen 'versammeln'. Wir dagegen blieben beim
Aussteigen am 'Kupferhütchen' - einer Jenaer
Gaststätte - noch wie selbstverständlich als größere Gruppe zusammen. Die
Blicke zwischen uns und den sowjetischen Soldaten, die dort gelassen auf ihrem
Panzer saßen, waren freundlich. Ich glaube, wir winkten uns sogar zu."
(S.31) - "Die nach der Sperrstunde in Zweiergruppen
patrouillierenden Sowjetsoldaten ließen sich gelegentlich sogar in einen
kleinen Plausch verwickeln - vorausgesetzt, man hatte im Russischunterricht
mehr als 'dobrje djen' und
'dobra notsch'
mitbekommen." (S.29) - "An einigen Eckpunkten der Stadt
Wismar standen Sowjetsoldaten, und auch vor dem Werkseingang war ein Panzer
stationiert. Die auf den Schiffen eingesetzten Soldaten wurden nach kurzer Zeit
abgezogen, weil die Werktätigen nicht 'unter Besatzung' arbeiten wollten.
Dessen ungeachtet, kam es trotz Verständigungsschwierigkeiten zu manchem
interessierten Kontakt mit den sowjetischen Sicherheitskräften. Als harmlose
Episode ist mir in Erinnerung geblieben, daß ein außerhalb wohnender
Schiffbauer beim Passieren der Stadtgrenze von Soldaten mit der Aufforderung
angehalten wurde: 'Bitte Dokument mit Gesicht.' " (S.19) -
"Spätabends liegen wir in der Ritterstraße oben auf dem Dach. Die Sowjetsoldaten
haben ein Maschinengewehr aufgebaut. Plötzlich zeigt der Zugführer auf den Turm
der Nikolaikirche. Es scheint, daß von dort Lichtsignale gegeben werden. Er
beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen, und ich begleite ihn. ... Aber
die Sache erweist sich als harmlos... Am nächsten Morgen gehen wir nochmals zur
Kirche hinüber. Während ich draußen bleibe, bittet der sowjetische Genosse bei
einer Flasche Wodka sowie Speck und Brot um Entschuldigung. Erfreulicherweise
nehmen Pfarrer und Turmleute diese an." (S.43) - "Wenige
Minuten nach diesem Anruf traf der sowjetische Militärberater und erfahrene
Grenzer Oberstleutnant Sokolow bei uns ein. Ich erinnere mich, als wäre
es gestern gewesen, wie er mir auf die Schulter klopfte und sagte: 'Keine Panik,
Genossen. Wir sind bei uns schon mit ganz anderen Situationen fertiggeworden.'
Dabei lächelte er, und die von ihm ausstrahlende Ruhe - er war bereits 61
Jahre alt - gab uns tatsächlich die Gewißheit, daß wir diese Situation meistern
würden." (S.24) - "Nachdem in Ostberlin rasch wieder
Ruhe eingekehrt war und sowjetische Panzer mit Ziehharmonika
spielenden Rotarmisten durch die Straßen fuhren, spürte man ein allgemeines
Aufatmen, daß der Spuk ein Ende hatte." (S.151). Die unendliche
Dankbarkeit des DDR-Establishments gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht
kommt in vielen Beiträgen zum Ausdruck und klingt dann so: "Nach allem,
was ich am 17. Juni 1953 an mehreren Brennpunkten des Berliner Geschehens
erlebte, denke ich mit voller Hochachtung an das besonnene und zugleich
entschlossene Handeln der Soldaten der Sowjetarmee zurück. Mit Sicherheit ist
es in erster Linie ihnen zu verdanken, daß die Absicht unserer Gegner, durch
Provozierung blutiger Auseinandersetzungen den Anlaß für eine militärische
Intervention zu schaffen, scheiterte." (S.139).
Das Buch enthält auch eine Reihe von Widersprüchen.
So wird sicherlich zu Recht in vielen Berichten darauf hingewiesen, daß
die Juni-Ereignisse von existenzieller Bedeutung für
die DDR waren, die nur durch die militärische Intervention der Besatzungsmacht
gerettet wurde. Andererseits bemühen sich aber die Herausgeber, die Bedeutung
des 17. Juni dadurch immer wieder herunterzuspielen, daß sie Berichte in den
Band aufgenommen haben, deren Autoren versichern, daß sie damals so gut wie
nichts von den Ereignissen bemerkt hätten (S.26, 58, 60, 64). In einem solchen
Bericht, zehn Zeilen lang, berichtet eine Frau, daß sie während jener Tage in
Thüringen Urlaub gemacht habe und versichert ernsthaft: "Bei meinen
romantisch-einsamen Wanderungen durch blühende Wiesen und stille Wälder habe
ich nichts von einem Aufstand gemerkt" und weiter, nachdem sie sich
einen Fuß verstauchte: "Dies rief bei einigen männlichen Feriengästen
tatsächlich einen kleinen 'Aufstand' hervor, denn sie wetteiferten darum, wer
mir den Fuß massieren durfte." (S.26). Das Buch enthält mehrere
solcher läppischen Texte. Widersprüchliches findet man auch auf den S.21 und
22. Der damalige Stadtfunksprecher von Rostock beginnt seine Ausführungen mit
dem Satz "In Rostock...blieb die Lage im allgemeinen ruhig und
überschaubar."(S.21) während eine Seite weiter der Beitrag eines
ehemaligen Volkspolizisten mit dem Satz beginnt: "Das für mich
nachhaltigste Ereignis während meiner aktiven Dienstzeit in der BDVP Rostock war der 17. Juni 1953. Die Tage um den 17.
Juni und die Zeit danach hinterließen in mir tiefere Spuren, als ich mir
anfangs bewußt war..." (S.22). In einem Bericht über Ereignisse
in Leipzig wird nicht zu Unrecht auf die auch sonst damals überall
anzutreffende spontane Bilderstürmerei der Demonstranten aufmerksam gemacht: "Einer
unserer jüngeren Kommilitonen, der sich wohl gerade mit Lenins
Ausführungen über die Revolution beschäftigt hatte, meinte abschätzig: 'Die
wissen ja nicht mal, daß man bei einer Revolution zuerst die Bahnhöfe und die
Postämter besetzen muß. Als ob man durch Zerstörung der FDJ-Bezirksleitung die
Regierung stürzen könnte'." Dieser einleuchtende Hinweis steht aber im
Widerspruch zu den immer wieder anzutreffenden Äußerungen, wonach der 17. Juni
von westlichen Agentenzentralen professionell vorgeplant gewesen sei. In diesem
Zusammenhang sei der auch in den Berichten angeführte sog. "Tag
X" erwähnt (S.40, 63, 103), für den laut DDR-Propaganda damals schon in
den westlichen Schubläden bzw. Panzerschränken detaillierte Pläne zur Übernahme
der DDR bereit gelegen hätten, während inzwischen alle Welt erlebt hat, daß bei
der sog. Wende 1990 der Westen tatsächlich nichts dergleichen vorzuweisen hatte
und z.T. recht hilflos reagierte. Der völlig daneben
gegangene Versuch mit Hilfe einer schnell aus dem Boden gestampften Einrichtung
wie der "Treuhand" die ökonomische Situation in den Griff zu
bekommen, ist dafür das beste Beispiel.
Teil II des Buches besteht im wesentlichen aus dem
Beitrag "Funkstudio Stalinallee" von Arnold Eisensee. Dabei handelt
es sich um einen "literarischen Report" des Leiters dieses
Funkstudios, in dem dieser vor allem die Entwicklung auf den Baustellen der
Stalinallee in den Wochen bis zum 17. Juni 1953 und kurz danach schildert.
Seine Ausführungen, die mit offensichtlich großem Einsatz an Energie und Fleiß
erstellt wurden, sind mitunter fast minutiös ins Detail gehend und deshalb als
Lektüre für ein breites Publikum kaum geeignet. Insider werden sie aber
vielleicht mit Gewinn lesen. Eisensee ist es gelungen, das Lokalkolorit der
Baustelle Stalinallee einzufangen und auch den damals dort herrschenden
Zeitgeist, so wie er ihn erlebte. Doch muß der Leser wissen, daß auch dieser
Report bewußt parteilich geschrieben worden ist, von einem Autor, der
"mehrfacher Aktivist der sozialistischen Arbeit" war und "Träger
weiterer Auszeichnungen der DDR, welcher er bis zu seinem Tod am 30. Juni 1995
innerlich ebenso treu blieb wie seiner sozialistischen Überzeugung" .(S.196).
Von daher haben die Herausgeber nicht ganz Unrecht, wenn sie meinen, es sei
kein Zufall, "daß seine Aussagen denen der übrigen Autoren dieses
Buches gleichen". Sie tun das zwar nicht in allen Fällen und schon gar
nicht im Stil, aber doch in einigen recht gravierenden Punkten. Das macht sich
vor allem dann bemerkbar, wenn Eisensee Ereignisse beschreibt, an denen er
selber nicht teilgenommen hat, so daß er sie sich von Gewährsleuten berichten
lassen mußte. Ich selber war als Bürger der DDR Zeuge der Ereignisse des 16.
und 17. Juni 1953 an den Brennpunkten des Geschehens in Berlin und weiß was ich
sage, wenn ich feststelle, daß z.B. seine Schilderung des Geschehens am 16.
Juni vor dem Haus der Ministerien (S.261-265) ein völlig falsches Bild ergibt.
Selbst wenn man davon ausgeht, daß zwei Zeugen einunddesselben
Ereignisses bekanntermaßen je nach ihrem eigenen Standpunkt oft sehr
unterschiedliche Wahrnehmungen machen, ist diese Darstellung des 16. Juni so
völlig unhaltbar. Es handelt sich also bei diesem Text von Eisensee nicht um
eine Dokumentation im strengeren Sinn, wie die Herausgeber im Vorspann
suggerieren wollen, sondern um ein Mixtum von
Dokumentation und Fiktion und wäre andernfalls auch nicht so lesbar
ausgefallen. Eigentlich haben das wohl auch die Herausgeber selber erkannt,
weil sie sich "nach Lage der Dinge außerstande sehen, für Namens- oder
andere Detailangaben dieses Manuskripts eine Haftung im juristischen Sinne zu
übernehmen" (S.195).
Im Anhang des Buches findet man u.a. einen
lesenswerten Beitrag "Hintergründe des 17. Juni 1953" von Kurt Gossweiler (S.353-364), in dem der Autor die sowjetische
Teilhabe an den Ursachen für den 17. Juni herausarbeitet.
Das Buch ist zwar der Thematik des 17. Juni 1953
gewidmet, doch kann man nicht nur im Vorwort der Herausgeber, sondern auch in
den Berichten der Zeitzeugen hier und da kurze, durchweg kritische Bezugnahmen
zur politischen Situation der Gegenwart bzw. der Zeit nach dem Ende der DDR
antreffen. Sie sind insofern nicht uninteressant, als sie den aufmerksamen und
nachdenklichen Leser die gewiß nicht einfache psychische Verfassung der meisten
dieser Autoren erahnen lassen, denen ganz plötzlich das gesellschaftliche
System, in dem sie sich zuhause gefühlt und mit dem sie sich identifiziert
hatten, abhanden gekommen ist, - deren Sozialprestige, das sie in ihrer DDR
genossen hatten, sich nun im Staat des "Klassenfeindes" ins Gegenteil
verwandelte; nicht zu vergessen auch die erlittenen ganz banalen materiellen
Einbußen etwa bei der Rentenberechnung, wie sie nach der Wende an bestimmten
Gruppen "systemnaher" Personen praktiziert wurden usw. usw. Das
gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein, - das galt auch für das Leben
dieses Personenkreises damals in der DDR und gilt jetzt hinsichtlich ihres
gesellschaftlichen Seins im vereinigten Deutschland; es erklärt manches an
ihrer Einstellung, was sonst nicht so leicht verständlich wäre.
Es klingt allerdings schon recht grotesk und stellt die Dinge auf
den Kopf, wenn in dem rückseitigen Umschlagtext des Buches behauptet wird, daß
hinsichtlich der historischen Darstellung der Juni-Ereignisse von 1953 "die
Wahrheit bei der gegenwärtigen Rechthaberei der 'Sieger' auf der Strecke
bleiben" mußte. Mit "Sieger" ist hier der Westen gemeint.
Die "Wahrheit" blieb in Wirklichkeit ganz woanders auf der Strecke, -
nämlich bei dem, was das mit Hilfe sowjetischer Panzer zunächst
"siegreiche" SED-Regime in der DDR über den 17. Juni von sich gab und
dem die Herausgeber und die Mehrzahl der Autoren dieses Buches offensichtlich
noch immer verhaftet sind. Unter dem Aspekt, daß nicht sein kann, was nicht
sein darf, wurde fast bis zum Ende der DDR die Tatsache geleugnet, daß -
ausgelöst durch eine Auflehnung ausgerechnet aus den Reihen der
"Arbeiterklasse" - die Bevölkerung der DDR sich gegen den
SED-Staat erhob. Wie man aus dieser Buchveröffentlichung ersieht, versuchen nun
einige von denen, die zumindest mitverantwortlich dafür waren, noch immer bzw.
schon wieder ihre "Wahrheiten" zu verkünden. Es sind die Unverbesserlichen,
von denen selbst André Brie sagt, daß sie ihr antiquiertes Bild vom 17. Juni
nicht ändern können oder wollen und daß sie unfähig seien, sich vom
"vordergründigen und primitiven" offiziellen SED-Geschichtsbild zu
lösen, das selbst bei eingeschränktem Informationsstand als unhaltbar zu
erkennen gewesen sei. Eine Haltung wie die des PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky,
der sich unlängst im Namen seiner Partei öffentlich für das SED-Unrecht bei der
Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 entschuldigt hat, ist von
diesen Kreisen mit Sicherheit auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Peter Bruhn
Erstellt bzw. letztmalig geändert
am 18.07.2003