Peter Bruhn

 

GLASNOST IM SOWJETISCHEN BIBLIOTHEKSWESEN

 

Aus: ZEITSCHRIFT FÜR BIBLIOTHEKSWESEN UND BIBLIOGRAPHIE.  - Frankfurt am Main, Jg.36.1989, Heft 4, S.360-366.

 

Ein Gesellschaftssystem, in dem die Denkrichtung vorgeschrieben ist und abweichende Meinungen nicht geduldet werden, hat naturgemäß ein besonders wachsames Auge auf das geschriebene, speziell das gedruckte Wort. Die Einrichtung einer umfassend organisierten sowjetischen Zensurbehörde unter Stalin war deshalb nicht verwunderlich. Mit einer solchen Zensur konnte man indessen zunächst nur die im eigenen Machtbereich neuerscheinende Literatur in den Griff bekommen; was aber tat man mit Publikationen aus dem nichtkommunistischen Ausland und mit solchen aus der Vergangenheit, deren Inhalt nicht oder nicht mehr den gerade geforderten Normen entsprach und die deshalb der Lektüre entzogen werden mußten? Hierbei handelte es sich ja keineswegs nur um vorrevolutionäre Literatur oder Schriften aus dem Lager des politischen Gegners. Veröffentlichungen aus den eigenen Reihen von Leuten, die gestern noch tonangebend waren, heute aber schon als Abweichler von der reinen Lehre verfolgt wurden, wurden in der Regel als besonders schädlich empfunden. Die Parteilinie der KPdSU verlief nicht immer geradlinig, streckenweise glich sie eher einer Schlangenlinie, wobei nach jeder Kurve Teile der Vergangenheitsdarstellung revisionsbedürftig wurden. Dies wurde schon zum Problem für jeden, der etwas publizierte, was über den Tag hinaus Bestand haben sollte, wie z.B. für die Mitglieder der sowjetischen Enzyklopädie-Redaktion. Ich erinnere mich sehr deutlich, wie in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre den Abonnenten der zweiten Auflage der Großen Sowjetenzyklopädie (Bol'šaja Sovetskaja Enciklopedija) vom Verlag für längst ausgelieferte Bände einzelne neugedruckte Seiten zugeschickt wurden mit der Aufforderung, die entsprechenden Originalseiten aus den betreffenden Bänden zu entfernen und durch die übersandten Neudrucke, mit einem ideologisch angepaßten Text, zu ersetzen.

 

Bibliotheken als die "Schatzkammern des menschlichen Geistes" sind natürlich von solcher Problematik in einem ganz besonderem Maße betroffen. In den sowjetischen Massenbibliotheken war das Problem noch am ehesten zu lösen, indem man einfach die gesamte verdächtige Literatur vernichtete. Schwieriger war es für die wissenschaftlichen Universalbibliotheken des Landes, die das verbotene Schrifttum für die von autorisierten Stellen zugelassenen oder beauftragten Personen bereithalten mußten, - aber eben nur für diese, während sie gleichzeitig streng dafür Sorge zu tragen hatten, daß kein Unbefugter jemals an solches Schrifttum herankam. Das verlangte u.a. eine entsprechende Differenzierung bei der Bibliotheksorganisation, die einem als Benutzer sowjetischer Bibliotheken nicht verborgen blieb. Ich habe seit dem Ende der fünfziger Jahre mehrfach in sowjetischen Bibliotheken gearbeitet. In der Moskauer Lenin-Bibliothek erhielt man beispielsweise als westlicher Ausländer die Genehmigung zur Benutzung des Lesesaals Nr. 1, der ganz offensichtlich privilegierten Benutzern vorbehalten war, was sich zunächst schon im Hinblick auf die äußeren Umstände bemerkbar machte. Galt für andere zugängliche Bereiche der Lenin-Bibliothek, z.B. für die Eingangshalle mit den Garderoben und den von einem bewaffneten Milizionär kontrollierten Ein- und Ausgang der Bibliothek, daß sich hier ein ständiger Strom von Benutzern ergoß, daß auch die Kataloge und die dem Publikum insgesamt zugänglichen Lesesäle so stark frequentiert waren, daß das Arbeiten dort zumindest für etwas sensiblere Benutzer zu einem Konzentrationsproblem werden konnte, so umfing einen, wenn man die Tür zum Lesesaal Nr. 1 durchschritten und hinter sich geschlossen hatte, wohltuende Ruhe und Beschaulichkeit. Die Plätze dieses Saales waren im Gegensatz zu den sonstigen eher überfüllten Räumlichkeiten der Bibliothek bei meinen dortigen Aufenthalten in der Regel nicht einmal zur Hälfte, manchmal höchstens zu einem Drittel besetzt. Man saß allein und bequem an einem eigentlich für zwei Benutzer vorgesehenen Schreibtisch, mit schönem Blick durch die hohen Fenster auf die Kremlmauern und -türme. Der Raum mit seinem antiquierten Interieur, einer Möblierung, die schon mancher Generation gedient haben mochte, ergab ein recht nostalgisch wirkendes Ambiente. Bei Einbruch der Dunkelheit knipste man die altertümliche grüne Tischlampe an, mit der jeder Arbeitsplatz versehen war und die hinsichtlich ihres altmodischen Designs aus den Tagen der Leninschen Elektrifizierung zu stammen schien. Hier fühlte man sich schon auf Grund der äußeren Umstände privilegiert. Das eigentliche Privileg bestand aber darin, daß man hier auch Literatur zu lesen bekam, die nicht jedem zugänglich war. Ich lernte sehr schnell, daß es nicht sinnvoll war, die gesuchte Literatur selber an den Katalogen zu ermitteln; als Benutzer des Lesesaals Nr. 1 gab man seine Bestellungen vielmehr unsigniert bei der aufsichtführenden Bibliothekarin ab. Sie wurden dann offenbar an den nur Insidern zugänglichen Dienstkatalogen nachgeschlagen, in denen auch Literatur verzeichnet ist, von der die den Benutzern zugänglichen Kataloge längst gesäubert waren. Für wie gefährlich die verbotene Literatur erachtet wurde, kann man daraus ersehen, daß man es nicht allein bei dieser Regelung beließ, sondern (analog zur Aufbewahrung von Giften in Apotheken) die verbotene Literatur mit einem immensen Aufwand von den übrigen Beständen auch räumlich separierte und in geheimen Sondermagazinen (russ. "Specchran") isolierte.

 

Angesichts der Gorbatschowschen Reformbestrebungen  erhebt sich natürlich die Frage, was nun im Rahmen der Perestroika mit diesen Sondermagazinen geschieht. Immerhin ist Gorbatschow bekanntermaßen unter dem in kürzester Frist zu einem internationalen Schlagwort gewordenen Begriff "Glasnost" angetreten, der sich seiner Bedeutung nach mit der Existenz geheimer Sondermagazine für verbotene Literatur so gar nicht vereinbaren lassen will. Überdies sind diese Spezchrany schon deswegen zu einem Anachronismus geworden, weil ein großer Teil dessen, was gegenwärtig tagtäglich in der UdSSR vor allem in bestimmten Teilen der Presse publiziert wird, von dogmatischen Vertretern des Marxismus-Leninismus als sehr viel schlimmer und gravierender empfunden werden muß, als Vieles von dem, was sie bislang in den Sondermagazinen haben verschwinden lassen.

 

 

Einen interessanten Einblick in die gegenwärtige Situation bietet  ein Beitrag des sowjetischen Kollegen A.P. Schikman, den dieser unlängst unter der Überschrift "Soveršenno nesekretno" (Überhaupt nicht geheim) in der auch sonst lesenswerten, in Moskau erscheinenden Fachzeitschrift "Sovetskaja bibliografija" veröffentlicht hat1)) und auf den hier nachfolgend näher eingegangen werden soll.

 

Unmittelbarer Aufhänger für seinen Beitrag waren offenbar Meldungen in den sowjetischen Medien, wie: "Spezchran: Wir lesen Bücher, die in Ungnade gefallen waren", "Das Etikett 'GEHEIM' wird entfernt", "Die Sondermagazine öffnen ihre Türen", "Zurückgekehrt aus den Sondermagazinen" usw. usf., wie auch ein Bericht in der Nachrichtensendung "Wremja" des sowjetischen Fernsehens über die feierliche Eröffnung einer Buchausstellung unter dem Titel "Aus Sondermagazinen in die offenen Bestände der Lenin-Bibliothek zurückgekehrte Publikationen". Diese Buchausstellung in Moskau scheint ihre Besucher überaus berührt zu haben. Schikman schildert, was er nach Schließung der Ausstellung im dort ausliegenden Besucherbuch an Meinungsäußerungen gefunden hat: "Dieses 'Buch' ist nicht weniger interessant", schreibt er, "als die ausgestellten.  Welch ein Sturm von Emotionen!  Begeisterung: 'Es scheint mir wie ein Traum' -  'Wie richtig, wie notwendig!' -  'Weiter so! Weiter so! Weiter so!'  Erstaunen: 'Unverständlich, was hier eigentlich geheim sein soll?'  Empörung:  '800 Werke von vielen tausend - ein Tropfen auf den heißen Stein. Das ruft Zorn und Entrüstung hervor.'  Unzufriedenheit: 'Ich glaube, daß bislang nur ein kleiner Teil dessen dem Leser wieder zugänglich ist, was zugänglich sein müßte. Zu berücksichtigen ist, daß man im Sondermagazin nicht nach dem greift, was man möchte und die Literatur nicht findet, denn zu den Katalogen hat man dort keinen Zugang.'  Doch mehr noch gibt es Fragen: 'Und wo ist Trotzki?' -  'Warum fürchten wir Trotzki?  Ist er etwa stärker als Lenin?  So, wie man seine Arbeiten versteckt, sieht es danach aus.' -  'Wie lange noch wird man bei uns so tun, als ob es einen Alexander Solschenizyn nicht gibt?' -  'Ein bemerkenswerter Anfang ist gemacht. Aber wo sind denn die Bücher aus dem Auslands-Spezchran? Wo sind die Publikationen der Schriftsteller und Gelehrten, die unter L.I. Breschnjew die UdSSR verlassen mußten?' -   'Gab es objektive Kriterien für die Überführung der Bücher in ein Sondermagazin, oder war alles blanker Subjektivismus der "Führer"?'"

Nach dieser Ausstellung, die in der Sowjetunion ein wichtiges Ereignis war, und nach der umfänglichen Berichterstattung darüber in den sowjetischen Medien "könnte es scheinen", schreibt Schikman, "daß man unter dieses Thema einen Strich ziehen kann. Das Problem ist gelöst, was denn noch?"  Daß dem nicht so ist und daß der Autor mit der Wahl dieser Thematik keineswegs offene Türen einrennt, erweist sich bei der Lektüre seines engagierten Artikels.

 

Nach der Devise, daß man zum Verständnis eines Phänomens seine Geschichte kennen muß, schildert Schikman zunächst seine Bemühungen, herauszufinden, auf wessen Veranlassung und zu welchem Zeitpunkt die Sondermagazine in der Sowjetunion eingerichtet wurden. Die Jahresangaben (1923 bzw. 1925), die er von verantwortlichen Mitarbeitern der Leninbibliothek erhält, erweisen sich als widersprüchlich und deren Berufung auf Lenin bei genauer Prüfung des entsprechenden Textes als an den Haaren herbeigezogen. Schikman kommt auf Grund eigener Recherchen zu dem Schluß, daß die Einrichtung von Sondermagazinen im Unionsmaßstab mit den Stalinschen Säuberungen im Zusammenhang stand und daß sich die Anfänge auf das Jahr 1935 festlegen lassen. Er schildert dann die Entwicklung bis zum Ende der Stalin-Ära und wie nach dem Sturz Chruschtschows die Stalinschen Zensurmaßnahmen während der Breschnjew-Ära  sogar noch erweitert wurden. Dabei geht er auf viele Details der Handhabung ein, erwähnt aber auch das mutige Beispiel einer sowjetischen Bibliothekarin, welche den Zensurbestimmungen bewußt zuwiderhandelte. Als schlimmste Auswirkung der Sondermagazine bezeichnet er den Umstand, daß dem Leser bereits die Kenntnis von der Existenz der dort sekretierten Literatur vorenthalten wurde: "Der Leser wußte nicht und konnte nicht wissen, was ihm vorenthalten wurde. Im Sondermagazin gibt es für die ausgesonderte Literatur lediglich einen alphabetischen Katalog. Aber dieses Kataloges bedienen sich nur die Beschäftigten des Sondermagazins, den Lesern ist er nicht zugänglich. Und nur vom guten Willen des Bibliothekars hängt der Umfang an Information ab, die der Forscher selbst bei Vorlage eines entsprechenden Schreibens erhalten kann. Dank der Jesuiten-Regeln des Sondermagazins litt in erster Linie die Bibliographie. So durften keine genauen bibliographischen Hinweise auf ausländische Veröffentlichungen gemacht werden. Sondermagazinliteratur wurde weder in Katalogen, noch in bibliographischen Verzeichnissen nachgewiesen."

 

Der Reiz dieser retrospektiven Darstellung der Geschichte der sowjetischen Sondermagazine liegt im wesentlichen darin, daß sie nicht von einem westlichen Kritiker, sondern aus berufenem sowjetischen Munde kommt und daß sie Fakten schildert und Wertungen gibt, die in der UdSSR jahrzehntelang bis vor noch gar nicht langer Zeit einem strengen Tabu unterlagen.

 

Noch interessanter und auch wichtiger sind aber die Ausführungen, die der Autor zur gegenwärtigen Situation macht. Er zitiert zunächst eine Resolution der 19. Parteikonferenz der KPdSU: "Die Konferenz sieht eine unaufschiebbare Aufgabe der Partei darin, mit allen Mitteln zur Festigung und Entwicklung der Grundprinzipien von Glasnost beizutragen: dem unveräußerlichen Recht eines jeden Bürgers, zu jeder beliebigen Frage des öffentlichen Lebens, sofern es sich nicht um ein Staats- oder Militärgeheimnis handelt, eine volle und wahrheitsgetreue Information zu erhalten."  Als Maßnahme zur Erfüllung dieser Resolution wird ausdrücklich gefordert, "die Zugänglichkeit aller Bibliotheksbestände zu gewährleisten", - nach Schikman: "eine deutliche, klare Entscheidung ohne Vorbehalte. Wollen wir sehen", schreibt er, "wie das heute realisiert wird".

 

Zunächst gibt er Teile eines Interviews wieder, das er mit Inna Wassiljewna Baldina, der Chefin des Sondermagazins der Leninbibliothek geführt hat; wollte man ihren Worten glauben, so bedeutet der Beschluß der Parteikonferenz gar nichts Neues, sondern nur die Feststellung eines Faktums, das in der Leninbibliothek schon längst gilt: "Sie wissen, was ein Sondermagazin ist? Das sind 240.000 Publikationen, die pro Jahr erscheinen. Zu unserem Sondermagazin ist der Zugang ganz einfach. Studenten schreiben bei uns ihre Semesterarbeiten, Aspiranten... jeder, der will. Es darf nur nicht aus müßiger Neugier sein. Wenn gesagt wird, daß die Bücher im Sondermagazin eingekerkert sind, daß sie nicht zugänglich sind, so ist das absolut falsch. Schauen sie nur, wieviele Wissenschaftler im Saal arbeiten."  Schikman schaut sich um und zählt 42 Plätze. Nicht ohne Ironie meint er, es könne doch wohl nicht wahr sein, daß der mit der Einrichtung der Sondermagazine in der UdSSR über Jahrzehnte betriebene gewaltige Aufwand nur deshalb stattgefunden habe, um zu verhindern, daß bestimmte Bücher aus purer Neugier gelesen werden. Im weiteren Verlauf seines Interviews stellt Schikman die Frage, wie vollständig denn das im Sondermagazin befindliche ausländische Schrifttum in dem für die Benutzer zugänglichen Katalog für ausländische Literatur nachgewiesen ist und erregt damit Ärger bei seiner Gesprächspartnerin. Sie vermag überhaupt nicht zu verstehen, wozu er das braucht: "Sind Sie zu mir gekommen um zu erfahren, was aus der Sonderverwahrung in die offenen Bestände übergeht, oder geht es Ihnen um die Regeln der Abteilung Sondermagazine? Über die Sondermagazin-Regeln sage ich Ihnen das, was ich dem Leser sage. Denn was geht das hier die Presse an? Das ist unsere interne Hausordnung. Vorläufig bleiben Sondermagazine Regierungseinrichtung."  Basta! Doch Schikman, um dem spezifischen Interesse der Leser von "Sovetskaja bibliografija" zu genügen, will wissen, auf welche Weise man sich im Bereich des in Sondermagazinen verwahrten Schrifttums eine bibliographische Liste zu einem Thema zusammenstellen kann. Die Antwort: "Eine Regel, derzufolge jedem Leser eine Bibliographie zusammenzustellen ist, haben wir nicht. Eine solche Dienstleistung gibt es bei uns nicht. Aber weil wir Leute haben, welche die Literatur gut kennen, helfen wir den Lesern sehr oft. Wir schreiben irgend etwas heraus, irgendwo werden bei uns alte Auskünfte aufbewahrt; denn Leseranfragen wiederholen sich doch. Wenn alte Auskünfte erhalten geblieben sind, geben wir sie dem Leser zur Durchsicht. Das ist alles, was wir tun können."

Die Wiedergabe dieses Interviews mit der Leiterin des Sondermagazins der Leninbibliothek scheint mir aufschlußreich, nicht nur wegen der skandalösen Sachaussagen, sondern mehr noch wegen des Bewußtseins, das aus ihnen spricht. Wie in anderen Bereichen der sowjetischen Gesellschaft scheint mir das Problem darin zu bestehen, diejenigen, die in mehr oder weniger verantwortlicher Stellung beteiligt waren an den jetzt zu reformierenden Zuständen, entweder von der Notwendigkeit einer radikalen Umkehr zu überzeugen, was in der Mehrzahl der Fälle wohl schwierig sein dürfte oder die Betreffenden von ihren Posten zu entfernen, was offenbar aber nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen ist. Schikman äußert sich in seinem Artikel zu diesem Problem folgendermaßen: "Die Menschen, die in den Sondermagazinen Dienst tun, sind natürlicherweise unterschiedlich. Es wäre naiv zu glauben, daß alle von den Ereignissen, die heute vor sich gehen, begeistert sind. Beschäftigte, die man jahrzehntelang gelehrt hat, 'in Verwahrung zu nehmen', die an der Geheimhaltung, dem 'besonderen Wissen' beteiligt waren, die darin ihre eigene Bedeutsamkeit erkannten und solcher Art von einer geheimnisvollen Aureole umgeben waren, werden plötzlich zu einfachen Bibliothekaren verwandelt, solchen wie in jeder beliebigen Abteilung eines Büchermagazins. Genau dies ist der Grund für die Gespaltenheit in den heutigen Sondermagazinen. Und es gibt eine ganze Menge solcher, die überzeugt sind, daß das nicht für lange sein wird. Die das glauben, sind keineswegs naiv. Sie haben gute Gründe für ihre Überzeugung."  Welche Gründe das sein könnten, wird deutlich, wenn Schikman auf jene Kommission zu sprechen kommt, die offenbar dazu ausersehen ist, den mit den Sondermagazinen betriebenen Mißbrauch aus der Welt zu schaffen. Er zitiert zunächst eine Pressemeldung: "Seit vorigem Jahr wird von einer Spezialkommission aus Vertretern der Hauptverwaltung zum Schutz von Staatsgeheimnissen in der Presse beim Ministerrat der UdSSR, des Goskomisdat, des Kulturministeriums der UdSSR und der Leninbibliothek eine echte analytische Forschungsarbeit durchgeführt. Öffentlich zugänglich wurden bereits nicht nur zehntausend Exemplare inländischer Publikationen, sondern auch hunderttausende aus der ausländischen Literatur. Zu einer sechsstelligen Zahl summieren sich die Nummern ausländischer Periodika, achttausend Jahrgänge ausländischer Zeitungen sind nicht länger verboten." "Da kommt natürlich Freude auf", kommentiert Schikman diese Meldung, "aber doch nicht zu sehr. Geriet doch diese ganze Masse von Literatur nicht an einem einzigen Tage in das Sondermagazin. Wer sie dorthin versteckte? Es waren genau jene Behörden, die eben jetzt die 'analytische Forschungsarbeit' durchführen. Beachten Sie, daß in der Kommission nicht ein einziger Vertreter von wissenschaftlichen Organisationen sitzt, kein Vertreter der Öffentlichkeit. Offensichtlich ließen sich die Schöpfer dieser Kommission von dem ehernen Argument leiten: Sollen die, die diese Literatur versteckten, sie auch wieder hervorholen. Sind es doch nicht die Gelehrten und Schriftsteller gewesen, die die Befehle ausgaben zur Beschlagnahme der Arbeiten ihrer Opponenten. Deshalb sind sie auch jetzt nicht gefordert. Das ist doch wohl logisch", fügt Schikman bitter ironisch hinzu. Zu Recht hält er auch die geringe Größe der nur aus sieben Personen bestehenden Kommission für bedenklich, da sie in keinem angemessenen Größenverhältnis steht zu den von ihr zu bewertenden Literaturmassen in den Sondermagazinen, so daß ein Abschluß dieser Arbeit in weiter Ferne liegen könnte. Die völlige Auflösung der Sondermagazine, was die einfachste und eindeutigste Problemlösung wäre, ist offenbar nicht vorgesehen, wie aus einer Antwort des Glawlit2)-Mitarbeiters W.A. Solodin hervorgeht, die von Schikman zitiert wird. Von den auch heute noch aktiven Fürsprechern der Sondermagazine wird laut Schikman die Notwendigkeit von deren Fortbestehen  mit der Existenz von Publikationen begründet, "in denen Rezepte angegeben werden zur Zubereitung von Narkotika oder Sprengstoffen, Bücher über Karate, nationalistische, faschistische Literatur, Pornographie, Antisowjetika usw. usf."  Schikman äußert seine Bedenken über den Mißbrauch, der bei einer so definierten Abgrenzung auch künftig erfolgen kann und belegt seine diesbezüglichen Befürchtungen mit mehreren detailliert geschilderten, grotesk anmutenden Verbotsfällen aus allerjüngster Zeit (1984-1987).

 

Abschließend seien hier die Sätze zitiert, mit denen der sowjetische Kollege seinen bemerkenswerten Artikel beendet hat; er schreibt: "Im ganzen Verlauf der Weltgeschichte haben die Versuche, den Menschen Bücher zu entziehen, d.h. Versuche, ihnen das freie Denken zu verbieten, den Fortschritt zwar behindert, konnten ihn jedoch nicht aufhalten. Von altersher wußte man: 'Es gibt kein noch so schlechtes Buch, als daß es nicht doch in irgendeiner Weise von Nutzen sein könnte.' Demokratie läßt sich nicht portionieren. Entweder es gibt sie, oder es gibt sie nicht. Das ist der Grund, warum mit der Aktivität der sogenannten Sondermagazine, den Ausgeburten finsterster Zeiten, endgültig Schluß gemacht werden muß. Der traurig stimmende Aphorismus von Hegel: 'Das Einzige, was die Geschichte lehrt, ist, daß niemals jemand etwas aus ihr gelernt hat', darf nicht von neuem bestätigt werden."

 

 

1)A.P. Šikman: Soveršenno nesekretno.  In: Sovetskaja bibliografija. 1988, Heft 6 (231), S.3-12.

 Hingewiesen sei außerdem auf einschlägige Zeitungsartikel:

  B. Mironow: Die Sonderarchive öffnen ihre Tore. Jahrzehntealte "Neuerscheinungen" in der Leninbibliothek. In: Pravda    Originalausg. in dt. Sprache No 254 vom 10.9.1988;

 und: JU. Byckov: Iz zapretnych specfondov. In: Sel'skaja žizn', No 147 vom 26.6.1988.       

2)"Glawlit" ist ein russ. Abkürzungswort und bezeichnet die sowjetische Zensurbehörde.

 

Referat dieses Beitrags von Gabór Nagy ersch. u. d. Titel Glasznoszty a szovjet könyvtárakban in der ungarischen Fachzeitschrift Tudományos és Müszaki Tájékoztatás <tmt>; (Beszámolók + Szemlék + Referátumok).

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