Peter Bruhn
GLASNOST IM SOWJETISCHEN BIBLIOTHEKSWESEN
Aus: ZEITSCHRIFT
FÜR BIBLIOTHEKSWESEN UND BIBLIOGRAPHIE.
- Frankfurt am Main, Jg.36.1989, Heft 4, S.360-366.
Ein
Gesellschaftssystem, in dem die Denkrichtung vorgeschrieben ist und abweichende
Meinungen nicht geduldet werden, hat naturgemäß ein besonders wachsames Auge
auf das geschriebene, speziell das gedruckte Wort. Die Einrichtung einer
umfassend organisierten sowjetischen Zensurbehörde unter Stalin war deshalb
nicht verwunderlich. Mit einer solchen Zensur konnte man indessen zunächst nur
die im eigenen Machtbereich neuerscheinende Literatur
in den Griff bekommen; was aber tat man mit Publikationen aus dem
nichtkommunistischen Ausland und mit solchen aus der Vergangenheit, deren
Inhalt nicht oder nicht mehr den gerade geforderten Normen entsprach und die
deshalb der Lektüre entzogen werden mußten? Hierbei
handelte es sich ja keineswegs nur um vorrevolutionäre Literatur oder Schriften
aus dem Lager des politischen Gegners. Veröffentlichungen aus den eigenen
Reihen von Leuten, die gestern noch tonangebend waren, heute aber schon als
Abweichler von der reinen Lehre verfolgt wurden, wurden in der Regel als
besonders schädlich empfunden. Die Parteilinie der KPdSU verlief nicht immer
geradlinig, streckenweise glich sie eher einer Schlangenlinie, wobei nach jeder
Kurve Teile der Vergangenheitsdarstellung revisionsbedürftig wurden. Dies wurde
schon zum Problem für jeden, der etwas publizierte, was über den Tag hinaus
Bestand haben sollte, wie z.B. für die Mitglieder der sowjetischen
Enzyklopädie-Redaktion. Ich erinnere mich sehr deutlich, wie in der zweiten
Hälfte der fünfziger Jahre den Abonnenten der zweiten Auflage der Großen
Sowjetenzyklopädie (Bol'šaja Sovetskaja
Enciklopedija) vom Verlag für längst ausgelieferte
Bände einzelne neugedruckte Seiten zugeschickt wurden
mit der Aufforderung, die entsprechenden Originalseiten aus den betreffenden
Bänden zu entfernen und durch die übersandten Neudrucke, mit einem ideologisch angepaßten Text, zu ersetzen.
Bibliotheken
als die "Schatzkammern des menschlichen Geistes" sind natürlich von
solcher Problematik in einem ganz besonderem Maße
betroffen. In den sowjetischen Massenbibliotheken war das Problem noch am
ehesten zu lösen, indem man einfach die gesamte verdächtige Literatur
vernichtete. Schwieriger war es für die wissenschaftlichen
Universalbibliotheken des Landes, die das verbotene Schrifttum für die von
autorisierten Stellen zugelassenen oder beauftragten Personen bereithalten mußten, - aber eben nur für diese, während sie gleichzeitig
streng dafür Sorge zu tragen hatten, daß kein
Unbefugter jemals an solches Schrifttum herankam. Das verlangte u.a. eine entsprechende Differenzierung bei der
Bibliotheksorganisation, die einem als Benutzer sowjetischer Bibliotheken nicht
verborgen blieb. Ich habe seit dem Ende der fünfziger Jahre mehrfach in
sowjetischen Bibliotheken gearbeitet. In der Moskauer Lenin-Bibliothek erhielt
man beispielsweise als westlicher Ausländer die Genehmigung zur Benutzung des
Lesesaals Nr. 1, der ganz offensichtlich privilegierten Benutzern vorbehalten
war, was sich zunächst schon im Hinblick auf die äußeren Umstände bemerkbar
machte. Galt für andere zugängliche Bereiche der Lenin-Bibliothek, z.B. für die
Eingangshalle mit den Garderoben und den von einem bewaffneten Milizionär
kontrollierten Ein- und Ausgang der Bibliothek, daß
sich hier ein ständiger Strom von Benutzern ergoß, daß auch die Kataloge und die dem Publikum insgesamt
zugänglichen Lesesäle so stark frequentiert waren, daß
das Arbeiten dort zumindest für etwas sensiblere Benutzer zu einem
Konzentrationsproblem werden konnte, so umfing einen, wenn man die Tür zum
Lesesaal Nr. 1 durchschritten und hinter sich geschlossen hatte, wohltuende
Ruhe und Beschaulichkeit. Die Plätze dieses Saales waren im Gegensatz zu den
sonstigen eher überfüllten Räumlichkeiten der Bibliothek bei meinen dortigen
Aufenthalten in der Regel nicht einmal zur Hälfte, manchmal höchstens zu einem
Drittel besetzt. Man saß allein und bequem an einem eigentlich für zwei
Benutzer vorgesehenen Schreibtisch, mit schönem Blick durch die hohen Fenster
auf die Kremlmauern und -türme. Der Raum mit seinem antiquierten Interieur,
einer Möblierung, die schon mancher Generation gedient haben mochte, ergab ein
recht nostalgisch wirkendes Ambiente. Bei Einbruch der Dunkelheit knipste man
die altertümliche grüne Tischlampe an, mit der jeder Arbeitsplatz versehen war
und die hinsichtlich ihres altmodischen Designs aus den Tagen der Leninschen
Elektrifizierung zu stammen schien. Hier fühlte man sich schon auf Grund der
äußeren Umstände privilegiert. Das eigentliche Privileg bestand aber darin, daß man hier auch Literatur zu lesen bekam, die nicht jedem
zugänglich war. Ich lernte sehr schnell, daß es nicht
sinnvoll war, die gesuchte Literatur selber an den Katalogen zu ermitteln; als
Benutzer des Lesesaals Nr. 1 gab man seine Bestellungen vielmehr unsigniert bei
der aufsichtführenden Bibliothekarin ab. Sie wurden
dann offenbar an den nur Insidern zugänglichen Dienstkatalogen nachgeschlagen,
in denen auch Literatur verzeichnet ist, von der die den Benutzern zugänglichen
Kataloge längst gesäubert waren. Für wie gefährlich die verbotene Literatur
erachtet wurde, kann man daraus ersehen, daß man es
nicht allein bei dieser Regelung beließ, sondern (analog zur Aufbewahrung von
Giften in Apotheken) die verbotene Literatur mit einem immensen Aufwand von den
übrigen Beständen auch räumlich separierte und in geheimen Sondermagazinen (russ. "Specchran")
isolierte.
Angesichts
der Gorbatschowschen Reformbestrebungen
erhebt sich natürlich die Frage, was nun im Rahmen der Perestroika mit
diesen Sondermagazinen geschieht. Immerhin ist Gorbatschow bekanntermaßen unter
dem in kürzester Frist zu einem internationalen Schlagwort gewordenen Begriff
"Glasnost" angetreten, der sich seiner Bedeutung nach mit der
Existenz geheimer Sondermagazine für verbotene Literatur so gar nicht
vereinbaren lassen will. Überdies sind diese Spezchrany
schon deswegen zu einem Anachronismus geworden, weil ein großer Teil dessen,
was gegenwärtig tagtäglich in der UdSSR vor allem in bestimmten Teilen der
Presse publiziert wird, von dogmatischen Vertretern des Marxismus-Leninismus
als sehr viel schlimmer und gravierender empfunden werden muß,
als Vieles von dem, was sie bislang in den Sondermagazinen haben verschwinden
lassen.
Einen
interessanten Einblick in die gegenwärtige Situation bietet ein Beitrag des sowjetischen Kollegen A.P. Schikman, den dieser unlängst unter der Überschrift
"Soveršenno nesekretno"
(Überhaupt nicht geheim) in der auch sonst lesenswerten, in Moskau
erscheinenden Fachzeitschrift "Sovetskaja bibliografija" veröffentlicht hat1)) und auf den hier nachfolgend näher eingegangen werden soll.
Unmittelbarer
Aufhänger für seinen Beitrag waren offenbar Meldungen in den sowjetischen
Medien, wie: "Spezchran: Wir lesen Bücher, die
in Ungnade gefallen waren", "Das Etikett 'GEHEIM' wird
entfernt", "Die Sondermagazine öffnen ihre Türen",
"Zurückgekehrt aus den Sondermagazinen" usw. usf., wie auch ein
Bericht in der Nachrichtensendung "Wremja"
des sowjetischen Fernsehens über die feierliche Eröffnung einer Buchausstellung
unter dem Titel "Aus Sondermagazinen in die offenen Bestände der
Lenin-Bibliothek zurückgekehrte Publikationen". Diese Buchausstellung in
Moskau scheint ihre Besucher überaus berührt zu haben. Schikman
schildert, was er nach Schließung der Ausstellung im dort ausliegenden
Besucherbuch an Meinungsäußerungen gefunden hat: "Dieses 'Buch' ist nicht
weniger interessant", schreibt er, "als die ausgestellten. Welch ein Sturm von Emotionen! Begeisterung: 'Es scheint mir wie ein Traum'
- 'Wie richtig, wie notwendig!' - 'Weiter so! Weiter so! Weiter so!' Erstaunen: 'Unverständlich, was hier
eigentlich geheim sein soll?'
Empörung: '800 Werke von vielen
tausend - ein Tropfen auf den heißen Stein. Das ruft Zorn und Entrüstung
hervor.' Unzufriedenheit: 'Ich glaube, daß bislang nur ein kleiner Teil dessen dem Leser wieder
zugänglich ist, was zugänglich sein müßte. Zu
berücksichtigen ist, daß man im Sondermagazin nicht
nach dem greift, was man möchte und die Literatur nicht findet, denn zu den
Katalogen hat man dort keinen Zugang.'
Doch mehr noch gibt es Fragen: 'Und wo ist Trotzki?' - 'Warum fürchten wir Trotzki? Ist er etwa stärker als Lenin? So, wie man seine Arbeiten versteckt, sieht
es danach aus.' - 'Wie lange noch wird
man bei uns so tun, als ob es einen Alexander Solschenizyn nicht gibt?' - 'Ein bemerkenswerter Anfang ist gemacht. Aber
wo sind denn die Bücher aus dem Auslands-Spezchran?
Wo sind die Publikationen der Schriftsteller und Gelehrten, die unter L.I. Breschnjew die UdSSR verlassen mußten?'
- 'Gab es objektive Kriterien für die
Überführung der Bücher in ein Sondermagazin, oder war alles blanker
Subjektivismus der "Führer"?'"
Nach
dieser Ausstellung, die in der Sowjetunion ein wichtiges Ereignis war, und nach
der umfänglichen Berichterstattung darüber in den sowjetischen Medien
"könnte es scheinen", schreibt Schikman,
"daß man unter dieses Thema einen Strich ziehen
kann. Das Problem ist gelöst, was denn noch?" Daß dem nicht so
ist und daß der Autor mit der Wahl dieser Thematik
keineswegs offene Türen einrennt, erweist sich bei der Lektüre seines
engagierten Artikels.
Nach
der Devise, daß man zum Verständnis eines Phänomens
seine Geschichte kennen muß, schildert Schikman zunächst seine Bemühungen, herauszufinden, auf
wessen Veranlassung und zu welchem Zeitpunkt die Sondermagazine in der
Sowjetunion eingerichtet wurden. Die Jahresangaben (1923 bzw. 1925), die er von
verantwortlichen Mitarbeitern der Leninbibliothek erhält, erweisen sich als
widersprüchlich und deren Berufung auf Lenin bei genauer Prüfung des
entsprechenden Textes als an den Haaren herbeigezogen. Schikman
kommt auf Grund eigener Recherchen zu dem Schluß, daß die Einrichtung von Sondermagazinen im Unionsmaßstab
mit den Stalinschen Säuberungen im Zusammenhang stand und daß
sich die Anfänge auf das Jahr 1935 festlegen lassen. Er schildert dann die
Entwicklung bis zum Ende der Stalin-Ära und wie nach dem Sturz Chruschtschows
die Stalinschen Zensurmaßnahmen während der Breschnjew-Ära sogar noch erweitert wurden. Dabei geht er
auf viele Details der Handhabung ein, erwähnt aber auch das mutige Beispiel
einer sowjetischen Bibliothekarin, welche den Zensurbestimmungen bewußt zuwiderhandelte. Als schlimmste Auswirkung der
Sondermagazine bezeichnet er den Umstand, daß dem
Leser bereits die Kenntnis von der Existenz der dort sekretierten
Literatur vorenthalten wurde: "Der Leser wußte
nicht und konnte nicht wissen, was ihm vorenthalten wurde. Im Sondermagazin
gibt es für die ausgesonderte Literatur lediglich einen alphabetischen Katalog.
Aber dieses Kataloges bedienen sich nur die Beschäftigten des Sondermagazins,
den Lesern ist er nicht zugänglich. Und nur vom guten Willen des Bibliothekars
hängt der Umfang an Information ab, die der Forscher selbst bei Vorlage eines
entsprechenden Schreibens erhalten kann. Dank der Jesuiten-Regeln des
Sondermagazins litt in erster Linie die Bibliographie. So durften keine genauen
bibliographischen Hinweise auf ausländische Veröffentlichungen gemacht werden.
Sondermagazinliteratur wurde weder in Katalogen, noch in bibliographischen
Verzeichnissen nachgewiesen."
Der
Reiz dieser retrospektiven Darstellung der Geschichte der sowjetischen
Sondermagazine liegt im wesentlichen darin, daß sie
nicht von einem westlichen Kritiker, sondern aus berufenem sowjetischen Munde
kommt und daß sie Fakten schildert und Wertungen
gibt, die in der UdSSR jahrzehntelang bis vor noch gar nicht langer Zeit einem
strengen Tabu unterlagen.
Noch
interessanter und auch wichtiger sind aber die Ausführungen, die der Autor zur
gegenwärtigen Situation macht. Er zitiert zunächst eine Resolution der 19.
Parteikonferenz der KPdSU: "Die Konferenz sieht eine unaufschiebbare
Aufgabe der Partei darin, mit allen Mitteln zur Festigung und Entwicklung der
Grundprinzipien von Glasnost beizutragen: dem unveräußerlichen Recht eines
jeden Bürgers, zu jeder beliebigen Frage des öffentlichen Lebens, sofern es
sich nicht um ein Staats- oder Militärgeheimnis handelt, eine volle und
wahrheitsgetreue Information zu erhalten."
Als Maßnahme zur Erfüllung dieser Resolution wird ausdrücklich
gefordert, "die Zugänglichkeit aller Bibliotheksbestände zu
gewährleisten", - nach Schikman: "eine
deutliche, klare Entscheidung ohne Vorbehalte. Wollen wir sehen", schreibt
er, "wie das heute realisiert wird".
Zunächst
gibt er Teile eines Interviews wieder, das er mit Inna
Wassiljewna Baldina, der
Chefin des Sondermagazins der Leninbibliothek geführt hat; wollte man ihren
Worten glauben, so bedeutet der Beschluß der
Parteikonferenz gar nichts Neues, sondern nur die Feststellung eines Faktums,
das in der Leninbibliothek schon längst gilt: "Sie wissen, was ein
Sondermagazin ist? Das sind 240.000 Publikationen, die pro Jahr erscheinen. Zu unserem
Sondermagazin ist der Zugang ganz einfach. Studenten schreiben bei uns ihre
Semesterarbeiten, Aspiranten... jeder, der will. Es darf nur nicht aus müßiger
Neugier sein. Wenn gesagt wird, daß die Bücher im
Sondermagazin eingekerkert sind, daß sie nicht
zugänglich sind, so ist das absolut falsch. Schauen sie nur, wieviele Wissenschaftler im Saal arbeiten." Schikman schaut
sich um und zählt 42 Plätze. Nicht ohne Ironie meint er, es könne doch wohl
nicht wahr sein, daß der mit der Einrichtung der
Sondermagazine in der UdSSR über Jahrzehnte betriebene gewaltige Aufwand nur
deshalb stattgefunden habe, um zu verhindern, daß
bestimmte Bücher aus purer Neugier gelesen werden. Im weiteren Verlauf seines
Interviews stellt Schikman die Frage, wie vollständig
denn das im Sondermagazin befindliche ausländische Schrifttum in dem für die
Benutzer zugänglichen Katalog für ausländische Literatur nachgewiesen ist und
erregt damit Ärger bei seiner Gesprächspartnerin. Sie vermag überhaupt nicht zu
verstehen, wozu er das braucht: "Sind Sie zu mir gekommen um zu erfahren,
was aus der Sonderverwahrung in die offenen Bestände übergeht, oder geht es
Ihnen um die Regeln der Abteilung Sondermagazine? Über die Sondermagazin-Regeln
sage ich Ihnen das, was ich dem Leser sage. Denn was geht das hier die Presse
an? Das ist unsere interne Hausordnung. Vorläufig bleiben Sondermagazine
Regierungseinrichtung." Basta! Doch
Schikman, um dem spezifischen Interesse der Leser von
"Sovetskaja bibliografija"
zu genügen, will wissen, auf welche Weise man sich im Bereich des in
Sondermagazinen verwahrten Schrifttums eine bibliographische Liste zu einem
Thema zusammenstellen kann. Die Antwort: "Eine Regel, derzufolge
jedem Leser eine Bibliographie zusammenzustellen ist, haben wir nicht. Eine
solche Dienstleistung gibt es bei uns nicht. Aber weil wir Leute haben, welche
die Literatur gut kennen, helfen wir den Lesern sehr oft. Wir schreiben irgend etwas heraus, irgendwo werden bei uns alte Auskünfte
aufbewahrt; denn Leseranfragen wiederholen sich doch. Wenn alte Auskünfte
erhalten geblieben sind, geben wir sie dem Leser zur Durchsicht. Das ist alles,
was wir tun können."
Die
Wiedergabe dieses Interviews mit der Leiterin des Sondermagazins der
Leninbibliothek scheint mir aufschlußreich, nicht nur
wegen der skandalösen Sachaussagen, sondern mehr noch wegen des Bewußtseins, das aus ihnen spricht. Wie in anderen
Bereichen der sowjetischen Gesellschaft scheint mir das Problem darin zu
bestehen, diejenigen, die in mehr oder weniger verantwortlicher Stellung beteiligt
waren an den jetzt zu reformierenden Zuständen, entweder von der Notwendigkeit
einer radikalen Umkehr zu überzeugen, was in der Mehrzahl der Fälle wohl
schwierig sein dürfte oder die Betreffenden von ihren Posten zu entfernen, was
offenbar aber nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen ist. Schikman äußert sich in seinem Artikel zu diesem Problem
folgendermaßen: "Die Menschen, die in den Sondermagazinen Dienst tun, sind
natürlicherweise unterschiedlich. Es wäre naiv zu glauben, daß
alle von den Ereignissen, die heute vor sich gehen, begeistert sind.
Beschäftigte, die man jahrzehntelang gelehrt hat, 'in Verwahrung zu nehmen',
die an der Geheimhaltung, dem 'besonderen Wissen' beteiligt waren, die darin
ihre eigene Bedeutsamkeit erkannten und solcher Art von einer geheimnisvollen
Aureole umgeben waren, werden plötzlich zu einfachen Bibliothekaren verwandelt,
solchen wie in jeder beliebigen Abteilung eines Büchermagazins. Genau dies ist
der Grund für die Gespaltenheit in den heutigen Sondermagazinen. Und es gibt
eine ganze Menge solcher, die überzeugt sind, daß das
nicht für lange sein wird. Die das glauben, sind keineswegs naiv. Sie haben
gute Gründe für ihre Überzeugung."
Welche Gründe das sein könnten, wird deutlich, wenn Schikman
auf jene Kommission zu sprechen kommt, die offenbar dazu ausersehen ist, den
mit den Sondermagazinen betriebenen Mißbrauch aus der
Welt zu schaffen. Er zitiert zunächst eine Pressemeldung: "Seit vorigem
Jahr wird von einer Spezialkommission aus Vertretern der Hauptverwaltung zum
Schutz von Staatsgeheimnissen in der Presse beim Ministerrat der UdSSR, des Goskomisdat, des Kulturministeriums der UdSSR und der
Leninbibliothek eine echte analytische Forschungsarbeit durchgeführt.
Öffentlich zugänglich wurden bereits nicht nur zehntausend Exemplare
inländischer Publikationen, sondern auch hunderttausende aus der ausländischen
Literatur. Zu einer sechsstelligen Zahl summieren sich die Nummern
ausländischer Periodika, achttausend Jahrgänge ausländischer Zeitungen sind
nicht länger verboten." "Da kommt natürlich Freude auf",
kommentiert Schikman diese Meldung, "aber doch
nicht zu sehr. Geriet doch diese ganze Masse von Literatur nicht an einem
einzigen Tage in das Sondermagazin. Wer sie dorthin versteckte? Es waren genau
jene Behörden, die eben jetzt die 'analytische Forschungsarbeit' durchführen.
Beachten Sie, daß in der Kommission nicht ein
einziger Vertreter von wissenschaftlichen Organisationen sitzt, kein Vertreter
der Öffentlichkeit. Offensichtlich ließen sich die Schöpfer dieser Kommission
von dem ehernen Argument leiten: Sollen die, die diese Literatur versteckten,
sie auch wieder hervorholen. Sind es doch nicht die Gelehrten und
Schriftsteller gewesen, die die Befehle ausgaben zur Beschlagnahme der Arbeiten
ihrer Opponenten. Deshalb sind sie auch jetzt nicht gefordert. Das ist doch
wohl logisch", fügt Schikman bitter ironisch
hinzu. Zu Recht hält er auch die geringe Größe der nur aus sieben Personen
bestehenden Kommission für bedenklich, da sie in keinem angemessenen
Größenverhältnis steht zu den von ihr zu bewertenden Literaturmassen in den
Sondermagazinen, so daß ein Abschluß
dieser Arbeit in weiter Ferne liegen könnte. Die völlige Auflösung der
Sondermagazine, was die einfachste und eindeutigste Problemlösung wäre, ist
offenbar nicht vorgesehen, wie aus einer Antwort des Glawlit2)-Mitarbeiters W.A. Solodin hervorgeht,
die von Schikman zitiert wird. Von den auch heute
noch aktiven Fürsprechern der Sondermagazine wird laut Schikman
die Notwendigkeit von deren Fortbestehen
mit der Existenz von Publikationen begründet, "in denen Rezepte
angegeben werden zur Zubereitung von Narkotika oder Sprengstoffen, Bücher über
Karate, nationalistische, faschistische Literatur, Pornographie, Antisowjetika usw. usf." Schikman äußert
seine Bedenken über den Mißbrauch, der bei einer so
definierten Abgrenzung auch künftig erfolgen kann und belegt seine
diesbezüglichen Befürchtungen mit mehreren detailliert geschilderten, grotesk
anmutenden Verbotsfällen aus allerjüngster Zeit (1984-1987).
Abschließend
seien hier die Sätze zitiert, mit denen der sowjetische Kollege seinen
bemerkenswerten Artikel beendet hat; er schreibt: "Im ganzen Verlauf der
Weltgeschichte haben die Versuche, den Menschen Bücher zu entziehen, d.h.
Versuche, ihnen das freie Denken zu verbieten, den Fortschritt zwar behindert,
konnten ihn jedoch nicht aufhalten. Von altersher wußte man: 'Es gibt kein noch so schlechtes Buch, als daß es nicht doch in irgendeiner Weise von Nutzen sein
könnte.' Demokratie läßt sich nicht portionieren.
Entweder es gibt sie, oder es gibt sie nicht. Das ist der Grund, warum mit der
Aktivität der sogenannten Sondermagazine, den
Ausgeburten finsterster Zeiten, endgültig Schluß
gemacht werden muß. Der traurig stimmende Aphorismus
von Hegel: 'Das Einzige, was die Geschichte lehrt, ist, daß
niemals jemand etwas aus ihr gelernt hat', darf nicht von neuem bestätigt
werden."
1)A.P. Šikman: Soveršenno nesekretno. In: Sovetskaja bibliografija. 1988, Heft 6
(231), S.3-12.
Hingewiesen sei außerdem auf einschlägige Zeitungsartikel:
B. Mironow: Die
Sonderarchive öffnen ihre Tore. Jahrzehntealte
"Neuerscheinungen" in der Leninbibliothek. In: Pravda Originalausg. in
dt. Sprache No 254 vom 10.9.1988;
und: JU. Byckov: Iz zapretnych specfondov.
In: Sel'skaja žizn', No 147
vom 26.6.1988.
2)"Glawlit" ist ein russ. Abkürzungswort und bezeichnet die sowjetische Zensurbehörde.
Referat dieses Beitrags von Gabór Nagy ersch. u. d. Titel Glasznoszty a szovjet könyvtárakban in der ungarischen Fachzeitschrift Tudományos és Müszaki Tájékoztatás <tmt>; (Beszámolók + Szemlék + Referátumok).
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