Wie weiter mit dem Beutekunst-Problem?

Einige persönliche Gedanken
von
Peter Bruhn

Im deutsch-russischen Meinungsstreit um das künftige Schicksal der Beutekunst gibt es auf beiden Seiten gewichtige und ernstzunehmende Argumente, aber auch solche, die man lieber unterlassen sollte. Von deutscher Seite ist zwar aus verständlichen und guten Gründen immer wieder vor allem auf den juristischen Aspekt des Problems verwiesen worden. Vieles spricht in der Tat dafür, daß die Rechtslage, insbesondere das Völkerrecht, aber auch die deutsch-russischen Verträge die deutschen Ansprüche stützen, doch sind einige Interpretationen von russischer Seite die Rechtslage betreffend nicht einfach vom Tisch zu wischen. Ich will darauf nicht näher eingehen, denn viel, viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Erfahrung, daß das deutscherseits jahrelang geübte kompromißlose Beharren auf Rechtsstandpunkten und auf Maximal-Forderungen die Angelegenheit nicht befördert hat, eher im Gegenteil. Der als Reaktion auf die Verabschiedung des unseeligen russischen Beutekunst-Gesetzes durch die Duma von deutscher Seite glücklicherweise nur vereinzelt geäußerte Vorschlag, das hoch verschuldete Russland durch ökonomischen Druck gefügiger zu machen, wäre wohl auch nicht der richtige Weg und zeugt überdies von wenig diplomatischem Geschick. Als wenig hilfreich ist auch das russischerseits immer wieder geübte Aufrechnen der erlittenen Schäden und Verluste anzusehen, für die man dort das Einbehalten der Beutekunst als gerechte Kompensation betrachtet. Da werden dann groteskerweise sogar Summen in Höhe von so und soviel Billionen oder gar Trillionen Dollar genannt. Sieht man sich die russischen Verlust-Aufstellungen genauer an, so fällt auf, daß häufig offenbar Wiedergutmachung auch für Verluste beansprucht wird, die nicht Rußland erlitten hat, sondern die Weißrussland und die Ukraine betreffen, was wir also gegebenenfalls mit diesen beiden Ländern zu regeln hätten. Manche russische Journalisten und Politiker scheinen noch immer in Kategorien der großen Sowjetunion zu denken. Es ist auch völlig unverständlich, daß das deutsche Kulturgut, das von der Roten Armee als Kompensation z.B. für in Minsk oder Kiew zerstörte Museen aus Deutschland abtransportiert wurde, nun größtenteils in russischen Museen, vorwiegend in Moskau und Petersburg, gelandet ist, nicht aber den im Krieg verwüsteten Kulturstätten der Ukraine und Weißrusslands zu gute gekommen ist. Das geht sogar soweit, daß von den Nazis aus der Ukraine nach Deutschland verschleppte Kulturgüter nach dem Krieg zwar in die UdSSR repatriiert wurden, nicht aber an ihren Ausgangsort in der Ukraine, sondern nach Russland, wo sie sich z.T. noch heute befinden, worüber sich die Ukrainer zu Recht bitter beklagen. Es gibt sogar russische Stimmen, die den Georgiern verübeln, daß sie die seit dem Krieg in georgischen Bibliotheken gelagerten Beutebücher aus Deutschland an die Bundesrepublik zurückgegeben haben, weil es sich dabei doch nicht um georgische Beute gehandelt habe, sondern um sowjetische, zu deren Rückgabe die Georgier nicht berechtigt gewesen seien. Geradezu makaber erscheint mir bei solchen Aufrechnungen das Einbringen der vielen Millionen von Toten, der in die Tausende gehenden zerstörten Städte und Dörfer usw. usw., wobei sich die genannten Zahlen in der Regel wiederum nicht allein auf Russland beziehen, sondern auf die UdSSR insgesamt und wobei die Verluste der deutschen Seite ganz selbstverständlich außer Betracht bleiben, die Toten genau so, wie etwa die jahrzehntelange Aufbauarbeit, die von deutschen Kriegsgefangenen in Russland geleistet wurde, die Demontagen und Reparationen oder der überaus schmerzliche Verlust von Schlesien und Ostpreußen und das schlimme Schicksal der einstmals dort beheimateten Menschen. Natürlich steht die deutsche Schuld außer Frage. Schließlich war es Deutschland, das die Sowjetunion überfallen hat und nicht umgekehrt. Der Faschismus in Gestalt des sogenannten "Nationalsozialismus" war ab ovo böse und menschenverachtend, inbesondere gegenüber den slawischen "Untermenschen", wozu er sich ja auch ganz offen bekannte. Aber die Art, wie die sowjetische Seite dann gegenüber den besiegten Deutschen reagiert hat, entsprach in keiner Weise der so gern und so laut immer wieder gepriesenen hohen moralischen Überlegenheit ihrer eigenen, kommunistischen Ideologie. Das scheinen dort manche russische "Patrioten", wenn sie ständig Gleiches mit Gleichem vergelten wollen, zu übersehen.
So weit, - so schlecht. Was ist also zu tun? Zunächst sollte man sich des Faktums bewußt sein, daß das Beutekunst-Problem, so sehr es uns auch in der Gegenwart noch immer tangiert, das Relikt einer barbarischen Vergangenheit ist. Die Menschen, die jetzt leben, gehören bis auf wenige Alte neuen Generationen an, die am Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen keinen persönlichen Anteil haben. Die gegenwärtig in Deutschland und in Russland lebenden Menschen haben ein ernsthaftes Interesse an friedlichen und gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen ihren beiden Ländern und es sieht so aus, daß das auch für die Regierungen der beiden Länder gilt. Seit dem Amtsantritt der Regierung Schröder scheint sich zudem eine realistischere und letztlich auch effektivere deutsche Politik in der Beutekunstfrage angebahnt zu haben. Auch in Russland hat sich nach den letzten Wahlen die innenpolitische Situation hinsichtlich der Behandlung der Beutekunst eher gebessert. Erkennbar ist gegenwärtig jedenfalls auf beiden Seiten das Bemühen der Verantwortlichen um eine Lösung, die den deutsch-russischen Beziehungen nicht abträglich ist. Von einem friedfertigen, gutnachbarschaftlichen Verhältnis zwischen Deutschen und Russen hängt zu viel ab, als dass man es der Beutekunst wegen leichtfertig aufs Spiel setzen dürfte. Das Schreckliche und Grauenhafte, was der Zweite Weltkrieg angerichtet hat und was nicht wieder gut zu machen ist, muß uns bei allen anstehenden Kontroversen immer vor Augen stehen. Zur Bewältigung des Problems der Beutekunst ist es wichtig, daß nicht nur die Experten die beiderseitigen Argumente und Standpunkte kennen, sondern daß auch in einer breiten Öffentlichkeit in beiden Ländern Verständnis geweckt wird und entsteht für die Gefühle und Beweggründe der Menschen auf der jeweils anderen Seite.
In Deutschland sollte man sich beispielsweise des Umstandes bewußt sein, daß es für viele Russen nicht einfach ist, psychisch damit fertig zu werden, daß sie als Angehörige einer Nation, die im Krieg die größten Opfer hat bringen müssen und die schließlich als Siegermacht aus ihm hervorgegangen ist, unter einem vergleichsweise ärmlichen Lebensstandard zu leiden haben, während wir als Angehörige der Nation, die den Krieg verursacht und ihn verloren hat, uns schon lange eines beachtlichen Wohlstandes erfreuen dürfen. Wenn die Deutschen nun auch noch die komplette Beutekunst, also die Kriegstrophäen, zurückverlangen, so erscheint das Vielen in Russland als der Versuch, ihnen nachträglich noch die letzten Früchte ihres so schwer errungenen Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg" streitig machen zu wollen. Die Russen ihrerseits sollten sich fragen, ob es sich wirklich lohnt, wegen der Einbehaltung der gesamten Kunstbeute aus Deutschland in Kauf zu nehmen, daß Zweifel aufkommen können an der Vertragstreue ihres Landes und an der Zuverlässigkeit Russlands hinsichtlich der Respektierung internationalen Rechts. Auch sollten sie bedenken, wie sehr ein großmütiges Entgegenkommen der wünschenswerten Entwicklung einer engeren deutsch-russischen Partnerschaft in Europa dienlich wäre.
Die Beförderung des Verständnisses für die andere Seite ist sicherlich nicht von heute auf morgen zu erreichen, sondern ein längerer Prozeß. Neben der also zu erbringenden Geduld bei der Lösung des Beutekunst-Problems ist eine zweite Tugend gefragt: Bereitschaft zum Kompromiß. Natürlich ist auch die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen unguten Status quo vorstellbar. Beide Seiten sollten aber erkennen, daß es eine wirklich befriedigende Lösung dieses komplizierten Problems ohne Kompromisse nicht geben wird, daß aber eine durch Kompromißbereitschaft erzielte Regelung der Beutekunst-Problematik denkbar ist, bei der nicht nur keine Seite ihr Gesicht verliert, sondern die letztlich beiden Seiten durchaus zum Vorteil und zum Nutzen gereichen könnte. Einiges von dem, was denkbar wäre, ist bereits angedacht und manches seit dem letzten Regierungswechsel hier wie dort auch schon auf den Weg gebracht worden. So ist beispielsweise zu Recht darauf hingewiesen worden, daß es den Russen nicht allzu schwer fallen dürfte, sich von den in Sibirien lagernden Stadtarchiven schleswig-holsteinischer Städte wieder zu trennen, weil es dafür bei ihnen ohnehin keine Interessenten gibt. Die rührige Direktorin der Rudomino-Bibliothek in Moskau, Frau Genijewa, hat Analoges vorgebracht hinsichtlich großer Bestände von deutschen Beutebüchern, für die sich in den russischen Bibliotheken um so weniger Leser finden, als sie aus Zeiten stammen, als man hierzulande noch in, wie die Russen sagen, gotischer Schrift druckte, womit offenbar die bis zum Krieg in Deutschland gebräuchliche Fraktur-Schrift gemeint ist, die dort kaum einer zu lesen vermag. Uns Deutsche sollte der Umstand, daß wir über keine in Russland erbeuteten Kulturgüter mehr verfügen, die wir den Russen zurückgeben könnten, dazu veranlassen, darüber nachzudenken, wie wir bei der Wiederherstellung von uns zerstörter Kulturstätten in Russland behilflich sein können. Auch hier gibt es ja bereits gute Beispiele, wie die vereinbarte Beteiligung an der Finanzierung der Restaurierung der aus dem 14. Jahrhundert stammenden altrussischen Kirche von Wolotowo bei Nowgorod oder die im Gange befindliche Rekonstruktion des berühmten Bernsteinzimmers, die um so wirkungsvoller ist, als dem Bernsteinzimmer von vielen Russen ein gefühlsmäßig bemerkenswerter Symbolgehalt beigemessen wird. Es bietet sich hier zweifellos ein weites Feld möglicher Aktivitäten an, die überdies dazu beitragen würden, der Polemik von Scharfmachern den Wind aus den Segeln zu nehmen und im Laufe der Zeit eine Atmosphäre des besseren gegenseitigen Verstehens zwischen Russen und Deutschen zu verbreiten. Angesagt ist eine Politik ohne Aufgeregtheiten, eine Politik der kleinen Schritte und Vertrauen weckender Gesten des guten Willens. Es wäre sogar gut denkbar, daß man auf diesem Wege irgendwann einen Punkt erreicht, wo eine endgültige generelle Lösung möglich sein wird, die das vertrackte Beutekunst-Problem ein für alle Mal aus der Welt schafft. Wie sie aussehen könnte, muß sich zeigen. Ein einseitiger deutscher Verzicht, wie er seitens einer seltsamen Phalanx deutscher Politiker von Helmut Schmidt (SPD) bis Peter Gauweiler (CSU) vertreten wird, würde der Lösung des Problems aber nicht gerecht werden. Hier sollte man vielmehr den Doppelcharakter der Beutekunst beachten und unterscheiden zwischen Werken, die eher zum Weltkulturerbe gehören und solchen, bei denen es sich eindeutig um das nationale Kulturerbe der Deutschen handelt. Die Gutenberg-Bibel, die sich bis 1945 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig befand und die zur Zeit in Moskau in einem Tresor der ehemaligen Lenin-Bibliothek liegt, ist Bestandteil der kulturellen Identität der Deutschen und sollte nach Deutschland zurückkehren. Gleiches gilt für die wundervollen Glasmalereien, die bis zum Zweiten Weltkrieg die Fenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder schmückten und deren Rückgabe gottlob bereits beschlossen ist und wohl unmittelbar bevorsteht. Ob aber beispielsweise das Gemälde eines französischen Impressionisten oder das Werk eines Malers aus der Rembrandt-Schule, die sich bis zum Krieg in Besitz Berliner Museen befunden haben, künftig in der Eremitage in Petersburg aufbewahrt werden, ist dagegen von sekundärer Bedeutung, zumal wenn es nach erfolgter Verständigung wieder möglich sein wird, Leihgaben wie üblich von dort nach hier und umgekehrt für Ausstellungen auszutauschen.

Link zur "BEUTEKUNST"-BIBLIOGRAPHIE


Juli 2002