Wichtige Etappen der Entwicklung der Beutekunst-Problematik
Chronologische Übersicht
1945 - 2002
1945-1947
Mit der Besetzung deutschen Staatsgebietes durch sowjetische Truppen
werden durch den lange geplanten und vorbereiteten Einsatz sogenannter
Trophäenkommissionen eine Vielzahl deutscher Kulturgüter, darunter
viele Spitzenwerte, beschlagnahmt und in die UdSSR gebracht. Dieser Umstand
unterliegt strengster Geheimhaltung und bleibt außerhalb der Sowjetunion
der Öffentlichkeit lange Zeit weitgehend verborgen.
1955
Die 1945 sowjetischerseits "geretteten" und in die Sowjetunion verbrachten
Bilder der Dresdener Gemäldegalerie werden an die DDR zurückgegeben.
1990
Mit dem Niedergang der Sowjetunion werden erste Stimmen laut, die von
umfangreichen, bis dahin streng geheimgehaltenen Beständen von Kulturgut
berichten, das im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg aus Deutschland in
die UdSSR verbracht worden sei und dort in geheimen Magazinen und Lagern
verborgen gehalten würde.
1991
Die Hinweise auf aus Deutschland in die Sowjetunion verlagertes und
dort verborgenes Kulturgut verdichten und konkretisieren sich. Ihre Offenlegung
ist insbesondere Mitarbeitern sowjetischer Kulturinstitutionen zu verdanken:
Alexander Rastorgujew, Jewgeni Kusmin, so wie Konstantin Akinscha und Grigori
Koslow.
1992
Auf Grund dieser Indiskretionen sieht sich die russische Regierung
genötigt, die aus der Sowjetzeit zunächst beibehaltene Geheimhaltung
der Beutekunst-Bestände wenn auch zögerlich aufzugeben. Deutscherseits
erhobene Ansprüche auf Rückgabe der entführten Kulturgüter
zeitigen russischerseits unterschiedliche Reaktionen. Es ergeben sich zum
Teil aber hoffnungsvolle Ansätze, besonders für den Bereich der
Bibliotheken, die eine Rückgabe als zunächst wahrscheinlich erscheinen
lassen. Es kommt zu einer ersten Ausstellung von Beutekunst in der Eremitage.
Im deutsch-russischen Vertrag wird vereinbart, "daß unrechtmäßig
verbrachte Kulturgüter an den Eigentümer" zurückzugeben
sind.
1993
Es werden immer weitere Einzelheiten bekannt über unterschiedlichste
Arten aus Deutschland entführter Kulturgüter in russischem Gewahrsam.
Anfang des Jahres beginnen erste deutsch-russische Verhandlungen auf Regierungsebene
über das weitere Schicksal der Beutekunst, die nach zunächst
positivem Beginn schon bald zu stagnieren drohen.
1994
Das Problem der Beutekunst beginnt zum Gegenstand heftiger innenpolitischer
Auseinandersetzung in Russland zu werden zwischen der rückgabewilligen
russischen Regierung und der von Nationalisten und Kommunisten geprägten
Mehrheit der Duma. - Weitere Ausstellungen von Beutekunst in Petersburg
und Moskau.
1995
Wesentliche Verhärtung der russischen Ablehnung einer Rückgabe
der Beutekunst. Ergebnislose Gespräche auf Regierungsebene. Der Föderationsrat
leitet der Duma eine Gesetzesvorlage zu, derzufolge die Beutekunst als
Teilentschädigung für Kriegsschäden an russischen Kulturgütern
gelten soll. Die Duma beschließt im April einen vorläufigen
Rückgabestop für die gesamte Beutekunst. Weitere Beutekunst-Ausstellungen
in Russland.
1996
Georgien und die Ukraine geben Beutekunst an Deutschland zurück.
- Weitere Beutekunst-Ausstellungen in Russland; seit Mitte April wird der
"Schatz des Priamos" in Moskau gezeigt. Deutsch-russische Beutekunst-Gespräche
auf Regierungsebene bleiben ergebnislos. Die Duma erklärt am 1. Juli
1996 die Beutekunst per Gesetz zum Eigentum Russlands. Vom Föderationsrat
wird das Beutekunst-Gesetz aber am 17. Juli abgelehnt und an die Duma zurückverwiesen.
1997
Die Duma erklärt am 5. Februar die Beutekunst erneut zum ständigen
Eigentum Russlands. Am 5. März wird das Gesetz dann vom Föderationsrat
bestätigt. Präsident Jelzin, der das Gesetz verhindern will,
sieht sich gezwungen, am 17. März sein Veto gegen das Beutekunst-Gesetz
einzulegen. Sein Veto wird aber Anfang April von der Duma mit der erforderlichen
Zweidrittelmehrheit überstimmt und am 14. Mai auch vom Föderationsrat
abgelehnt. Daraufhin weigert sich Jelzin, das Gesetz durch seine Unterschrift
in Kraft zu setzen, da er es für nicht verfassungskonform hält.
Mitte Oktober beschließt der Föderationsrat, das Verfassungsgericht
anzurufen, um den Präsidenten zur Unterzeichnung des Gesetzes zwingen
zu lassen.
1998
Durch Beschluss des Verfassungsgerichtes vom 6. April wird der
Präsident zur Unterzeichnung des Gesetzes verpflichtet, das
am 21. April mit seiner Veröffentlichung in Kraft tritt. Im Gegenzug
reicht Jelzin beim Verfassungsgericht Beschwerde ein, weil das Gesetz nicht
formgerecht zustande gekommen sei und internationalen Verpflichtungen Russlands
widerspreche. - Weitere Rückgaben von Beutekunst durch die Ukraine
und Armenien.
1999
Der neue Kulturstaatsminister Naumann plädiert für einen
behutsameren Umgang mit dem Problem der Beutekunst. - Am 20. Juli wird
das Beutekunst-Gesetz mit einigen kleineren Änderungen vom russischen
Verfassungsgericht gewissermaßen in letzter Instanz bestätigt.
Danach sollen aber Rückgaben an nichtstaatliche Organisationen und
Privatpersonen, die nicht mit den Nazis paktiert haben, möglich sein.
Zulässig bleibt zudem die Rückgabe von Gegenständen der
Beutekunst, die nicht durch amtliche sowjetische Stellen konfisziert wurden,
sondern die sich sowjetische Militärangehörige privatim angeeignet
haben.
2000
Der "kalte Krieg" um die Beutekunst soll beendet werden. Kulturstaatsminister
Naumann plädiert für eine "Politik der kleinen Schritte" beim
Bemühen um Rückgabe der Beutekunst. - Unter dem neuen russischen
Präsidenten Putin kommt es zu einer ersten offiziellen Rückgabeaktion.
Ende April wird ein in Bremen aufgespürtes Mosaik und eine Kommode
aus dem Bernsteinzimmer an Russland übergeben und die Kunsthalle in
Bremen erhält 101 kostbare Bilder zurück, die ein sowjetischer
Kriegsveteran bei der deutschen Botschaft in Moskau abgeliefert hatte..
- Weitere konstruktive deutsch-russische Verhandlungen auf Regierungsebene.
- Rückgabe von 11000 Beutebüchern durch Armenien.
2001
Intensive Verhandlungen zwischen Kulturminister Schwydkoi und Kulturstaatsminister
Nida-Rümelin. Letzterer verspricht sich Lösung des Beutekunst-Problems
durch seine Einbettung in eine intensive deutsch-russische Kulturkooperation.
Die Verhandlungsposition der russischen Seite läuft bei der Rückgabe
von Beutekunst immer eindeutiger auf Kompensations-Akte hinaus.
2002
Die Ukraine gibt Deutschland Anfang Mai das seit Kriegsende in Kiew
aufbewahrte, mehr als 5000 handschriftliche Notenblätter bedeutender
deutscher Komponisten enthaltende Archiv der Berliner Singakademie zurück.
- Weitere Beutekunst-Ausstellungen in Russland. - Nach langen Verhandlungen
kehren Ende Juni die berühmten mittelalterlichen Glasbilder-Fenster
der Marienkirche aus der Eremitage von Sankt-Petersburg nach Frankfurt/Oder
zurück. Deutschland verpflichtet sich zur Finanzierung der im Krieg
zerstörten altrussischen Kirche von Wolotowo. - Weitere deutsch-russische
Verhandlungen betreffen Projekte, wie etwa die sog. Baldin-Sammlung mit
Werken aus der Kunsthalle Bremen, die Nachlässe von Ferdinand Lasalle
und Walther Rathenau, die Bestände der Gothaer Bibliothek oder die
Rüstkammer der Wartburg.
31.12.2002