Vorstellung der neuerschienenen Bernsteinzimmer-Bibliographie

von Peter Bruhn am 28. Oktober 2004 in der Buchhandlung "Alexander v. Humboldt" in Potsdam

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

In diesen Tagen ist im Buchhandel meine Bernsteinzimmer-Bibliographie erschienen und die heutige Präsentation des Buches soll dazu dienen, Sie mit dieser Bibliographie bekannt zu machen. Natürlich setzt die Beschäftigung mit einer Bibliographie voraus, dass man zumindest über einige Grundkenntnisse verfügt, was den Gegenstand betrifft, dem die Bibliographie gewidmet ist. Da ich nicht weiß, wie weit Sie mit dem Bernsteinzimmer und seinem verwickelten Schicksal vertraut sind, scheint es mir angebracht, wenn wir eingangs wenigstens einige wichtige Stationen aus der Geschichte des Bernsteinzimmers rekapitulieren, bevor wir uns dann der Bibliographie zuwenden.

 

Zu diesem Zweck müssen wir uns kurz in das 18. Jahrhundert zurückversetzen, in die Zeit als hier der erste preußische König, Friedrich I. regierte. Es ist überliefert, dass er ein prachtliebender und auf Repräsentation bedachter Monarch gewesen sein soll und so verwundert es nicht, dass er schon bald nach seiner Rückkehr aus Königsberg, wo 1701 im Königsberger Schloß seine Krönung stattgefunden hatte, beschloss, sich in seiner Berliner Residenz ein Bernstein-Kabinett bauen zu lassen. Ein erster Auftrag dazu soll noch im Jahre 1701 ergangen sein. So richtig los ging es aber im Jahre 1707, als die beiden Danziger Bernsteinschneider Gottfried Turau und Ernst Schacht beauftragt wurden, ein Eckzimmer des Berliner Stadtschlosses als Bernsteinkabinett zu gestalten. Die Arbeiten, die Unsummen Geldes verschlangen, sollen 1711 weitgehend abgeschlossen worden sein. Das Zimmer war der ganze Stolz des Monarchen. Dies wäre also der Beginn der Geschichte des Bernsteinzimmers.

 

Nach dem Tode Friedrichs I. im Jahre 1713 bestieg sein Sohn Friedrich Wilhelm I. den Thron. Der war seiner Persönlichkeit nach das Gegenteil von seinem Vater: pietistisch geprägt, sparsam, vermied jeden Prunk, seine Liebe gehörte nicht so sehr den Künsten, sondern dem Militär (Soldatenkönig). Als im Jahre 1716 der russische Zar Peter der Große zu einem Staatsbesuch nach Berlin kam, versuchte der König ihn als Bundesgenossen gegen Schweden zu gewinnen. Dabei kam ihm die Begeisterung des Zaren für das Bernsteinzimmer zustatten. Dem spartanischen König fiel es nicht schwer, sich vom Bernsteinkabinett zu trennen und es dem Zar zum Geschenk zu machen. Noch im Jahre 1717 wurde in Berlin alles in 18 Kisten verpackt und auf 8 Fuhrwerke verladen und über Königsberg, Memel, Riga nach St. Petersburg transportiert. Der preußische König hatte damit nicht nur einen Bundesgenossen gegen die Schweden gewonnen, sondern erhielt vom Zaren als Gegengeschenk auch noch eine größere Anzahl hochgewachsener Rekruten für seine Leibgarde, die "langen Kerls", woran ihm sehr gelegen war.

 

In der noch im Aufbau befindlichen neuen Residenz von St. Petersburg scheint sich aber nicht sogleich ein geeigneter Raum für den Einbau des Bernsteinzimmers gefunden zu haben, so dass es zunächst eingelagert wurde. Nach Peters Tod geriet es etwas in Vergessenheit. Erst im Jahre 1743 wies seine Tochter, die Zarin Elisabeth I., ihren Hofarchitekten Rastrelli an, das Bernsteinzimmer im inzwischen erbauten Winterpalais einzurichten. Der dafür vorgesehenen Raum erwies sich allerdings als viel zu groß, so dass die aus Berlin stammenden Teile durch verschiedene Dekor-Elemente und Spiegelpilaster angereichert werden mussten. Bis zum Jahre 1755 diente das Bernsteinzimmer im Winterpalais vor allem für Gala-Empfänge. Dann wurde Rastrelli beauftragt, es in das neu erbaute Katharinen-Palais in Zarskoje Selo zu überführen. Der dort vorgesehene Raum war aber noch größer und höher, so dass 1758 in Zarskoje Selo zur Vollendung des Bernsteinzimmers eigens eine Bernsteinwerkstatt eingerichtet wurde. Erst 1770 unter der Regentschaft Katharinas der Großen, die sich sehr für den Ausbau des Bernsteinzimmers einsetzte, erhielt es sein endgültiges Aussehen. Soviel zur Entstehungsgeschichte des Bernsteinzimmers, das in dieser Gestalt auch die Oktoberrevolution von 1917 überdauert hat.

 

Im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges wurde Zarskoje Selo, das inzwischen in Puschkin umbenannt worden war, von deutschen Truppen erobert. Die beweglichen Teile waren zuvor von den Russen evakuiert und die Wände durch entsprechende Verkleidungen gesichert worden. Das erbeutete Bernsteinzimmer weckte die Begehrlichkeiten diverser Nazi-Größen (Rosenberg, Göring, Ribbentropp), die versuchten, sich das Bernsteinzimmer anzueignen. Sie scheiterten aber daran, dass Hitler selber davon Besitz ergriff. Bis zur Fertigstellung des von ihm für die Zeit nach dem Krieg geplanten Supermuseums in Linz, sollte es aber in Königsberg untergebracht werden. Am 14. Oktober 1941 wurde es durch die Wehrmacht abtransportiert und kam am 30. Oktober in Königsberg an.

 

Ab März 1942 war das im Königsberger Schloß provisorisch eingebaute Bersteinzimmer dann bis Ende November 1943 dort zu besichtigen. Danach wurde es sicherheitshalber in den Kellergewölben des Schlosses eingelagert. Hier verliert sich mit der Eroberung Königsbergs durch die Sowjetarmee seine Spur, was nach dem Krieg zu zahllosen Spekulationen über sein Verbleiben Anlaß gegeben hat und ein Heer von Bersteinzimmer-Suchern auf den Plan rief. Bis auf den heutigen Tag wurde indessen nichts gefunden. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass im Jahre 1997 in Deutschland zwei Fragmente aus dem Bernsteinzimmer auftauchten, - eines der vier Mosaike und eine Kommode; denn die waren schon vor dem Transport nach Königsberg beiseite geschafft worden.

 

Das Bernsteinzimmer hat im Laufe der letzten Jahrzehnte sowohl in Russland, wie auch in Deutschland die Öffentlichkeit von Jahr zu Jahr in immer stärkerem Maße bewegt und ist inzwischen zu einer Art Mythos geworden. Im Zusammenhang mit der noch immer ungeklärten Frage einer Restitution der sog. Beutekunst hat es auch einen erheblichen Stellenwert als Politikum entwickelt. Das hat natürlich auch seinen Niederschlag gefunden in einschlägigen Publikationen. Es sind sowohl in Russland, wie auch in Deutschland etliche Bücher erschienen, es gibt eine Vielzahl von Darstellungen und Untersuchungen in Form von Zeitschriftenbeiträgen und es gibt Tausende von Presseartikeln über das Bernsteinzimmer. Und damit kommen wir zu dem heute hier vorzustellenden Buch, das genauer besehen, kein Buch über das Bernsteinzimmer ist, sondern ein Buch über die Literatur, die es zum Thema Bernsteinzimmer gibt. Es soll als Bibliographie eine Schlüsselfunktion wahrnehmen für alle, die sich anhand von Schrifttum über das Bernsteinzimmer informieren möchten.

 

Vielleicht vorab einiges zur Entstehungsgeschichte des Buches. Dazu muß ich einige autobiographische Anmerkungen zu meiner Person machen. Ich habe nach dem Zweiten Weltkrieg ein Studium der Slawistik und der Bibliothekswissenschaft absolviert, und anschließend eine bibliothekarische Fachausbildung. Danach habe ich mich mein ganzes Berufsleben hindurch als Bibliothekar und Bibliograph mit auf Russland bezogenen Projekten befasst. Da ich meinen Beruf mit Leidenschaft betrieben habe, sah ich auch als Ruheständler keinen Grund, meine bibliographischen Aktivitäten einzustellen. Eines der Themen, das mir sehr am Herzen lag und dessen ich mich als Ruheständler zunächst annahm, war das Schicksal der sog. "Beutekunst", also der von der Roten Armee gegen Kriegsende in Deutschland erbeuteten Kulturgüter, die sich trotz aller Verhandlungen zum größten Teil immer noch in Russland befinden. Ich glaubte mich vor allem deswegen dieser Thematik widmen zu müssen, weil ich sah, dass es trotz des mit Beginn der 90er Jahre zahlenmäßig weiter steigenden Umfanges an einschlägigen Publikationen keine auch nur halbwegs komplette und verlässliche bibliographische Quelle gab, die es einem ermöglicht hätte, sich einen hinreichenden Überblick über dieses Schrifttum zu verschaffen. Eine solche Quelle gab es weder in Deutschland, noch außerhalb, - auch nicht in Russland. Auch hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die für die Bewältigung des Streites zwischen Russen und Deutschen um die Beutekunst unumgängliche gegenseitige Zurkenntnisnahme der in den Veröffentlichungen beider Seiten enthaltenen Argumente, Vorschläge usw. durch möglichst viele Angehörige beider Nationen nicht oder nur unzureichend stattfand. Dem abzuhelfen, wollte ich mit einer dafür geeigneten Bibliographie beitragen. Meine Beutekunst-Bibliographie erschien in erster Auflage im Jahre 1997 bei der Staatsbibliothek zu Berlin und ist voriges Jahr bereits in vierter Auflage in einem Münchner Verlag herausgekommen. Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung dieser Beutekunst-Bibliographie bin ich gelegentlich gefragt worden, warum ich mich als Bibliograph nur des aus Deutschland verschleppten Kulturgutes angenommen hätte und nicht auch umgekehrt der aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion nach Deutschland verschleppten Kulturgüter, - eine, wie ich fand, an sich durchaus berechtigte Frage. Nur war die Zahl der Veröffentlichungen dazu meinem Eindruck nach nicht so groß, dass es einer eigenständigen, speziellen Bibliographie darüber bedurft hätte, - allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme: nämlich des wirklich überaus umfangreichen und kaum noch überschaubaren Schrifttums über das aus Russland entführte Bernsteinzimmer. Und so habe ich mich dann an die Arbeit gemacht. Die erste, im Umfang noch recht bescheidene Auflage meiner Bernsteinzimmer-Bibliographie erschien im Jahre 1999 und war noch beschränkt auf die Literatur über die Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer, so dass ihre Berichtszeit erst mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Bei der Arbeit an der nunmehr vorliegenden 2. Auflage habe ich dann aufgrund des gesteigerten öffentlichen Interesses diese Beschränkung aufgegeben. Die heute hier vorzustellende Bibliographie stellt vielmehr den Versuch dar, alles zu erfassen, was überhaupt jemals irgendwo auf der Welt zum Thema Bernsteinzimmer geschrieben und veröffentlicht worden ist. Beginnend mit dem Berichtsjahr 1790 enthält sie bis zum Redaktionsschluß im Jahre 2003 die Anzahl von über 3800 Literaturnachweisen.

 

Man kann das in der Bibliographie nachgewiesene Schrifttum grob in drei große Gruppen gliedern: Die erste Gruppe reicht vom 18. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg und betrifft Schriften, die im wesentlichen die künstlerische Beschreibung des Bernsteinzimmers zum Gegenstand haben, wie auch die Modalitäten der Schenkung durch den König von Preußen an den Zar. Eine zweite Gruppe betrifft die Zeit seit der Verlagerung des Bernsteinzimmers durch die Wehrmacht 1941 von Puschkin nach Königsberg, sein spurloses Verschwinden dort bei Kriegsende und die zahlenmäßig besonders umfangreiche Literatur über die bis heute andauernde Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer. Schließlich könnte man als dritte Gruppe das Schrifttum betrachten, das die Wiedererschaffung des Bernsteinzimmers seit Ende der 70er Jahre durch russische Künstler und Restauratoren (seit 1998 mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland) zum Thema hat, mitsamt der Einbettung dieses Themas in die Problematik der zwischen Deutschland und Russland gegenwärtig noch immer umstrittenen Restitution verschleppter Kulturgüter.

 

Vielleicht noch ein paar Worte zur Anlage der Bibliographie. Eine Besonderheit dieser Bibliographie besteht darin, dass ich mich bei vielen der darin enthaltenen Positionen bemüht habe, über die rein bibliographischen Daten hinaus, Angaben und Hinweise zum Inhalt beizufügen. So enthalten die Angaben zu den Monographien grundsätzlich auch das gesamte Inhaltsverzeichnis. In den meisten Fällen habe ich den verzeichneten Titeln auch Annotationen beigefügt und außerdem Zitate aus dem Inhalt. Das gilt besonders für russische Publikationen, bei denen ich mich häufig nicht gescheut habe, auch längere Textzitate anzufügen, wenn sie besonders für deutsche Benutzer der Bibliographie interessante oder hierzulande wenig bekannte Fakten enthielten. Von daher ist das in der Bibliographie dargebotene Material so aussagekräftig, dass der eilige Benutzer des Verzeichnisses vielleicht sogar ohne die jedesmalige Herbeiziehung der nachgewiesenen Schriften selber, also lediglich durch Einsichtname in diese Bibliographie in die Lage versetzt wird, sich zumindest einen gewissen Eindruck von der bisherigen Geschichte des Bernsteinzimmers zu verschaffen. Die über tausend in der Bibliographie nachgewiesenen russischsprachigen Titel sind nicht nur im kyrillischen Original wiedergegeben, - alle wurden von mir zusätzlich in Lateinschrift transliteriert und außerdem noch mit einer Übersetzung ins Deutsche versehen.

Angeordnet sind die verzeichneten Titel zunächst chronologisch nach Erscheinungsjahren. Innerhalb der einzelnen Erscheinungsjahre nach den drei Erscheinungsformen: Bücher, Zeitschriften-Beiträge, Zeitungsartikel. Es war mir aber klar, dass es sicherlich auch Benutzer der Bibliographie geben würde, denen mit der chronologischen Anordnung des Materials nicht gedient wäre, weil sie unter bestimmten formalen oder sachlichen Aspekten nach Literaturhinweisen suchen wollen. Da man das bei einem Werk von über 400 Seiten natürlich niemandem ohne entsprechende Hilfsmittel zumuten kann, habe ich dem Buch auf den Seiten 421 bis 461 eine Reihe von Registern beigefügt, die auf vielerlei Fragen Antwort zu geben vermögen. Es handelt sich neben dem obligatorischen Personenregister um ein Register der Schwerpunkt-Themen, um ein Register der Örtlichkeiten, an denen das verschollene Bernsteinzimmer vermutet worden ist, um ein Register der beteiligten Periodika, und um ein Register der fremdsprachigen Publikationen.

 

So meine Damen und Herren, - nun habe ich Sie mit den wesentlichsten Eigenschaften meiner Bernsteinzimmer-Bibliographie vertraut gemacht und komme zum Schluß: Ich hoffe, dass es mir einigermaßen gelungen ist, Ihnen einen Eindruck von dem neuerschienenen Buch zu verschaffen. Natürlich stehe ich Ihnen jetzt für Fragen jeglicher Art gerne zur Verfügung.

Eine größere Anzahl von Exemplaren des Buches liegt hier in der Buchhandlung aus. Sie können, soweit dies noch nicht geschehen ist, gerne noch Einblick nehmen und es natürlich auch käuflich erwerben.

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