HEINRICH BÖLL IN DER SOWJETUNION
Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption
und
Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll


Rezensionen u. ähnl.


Aus: THE YEAR'S WORK IN MODERN LANGUAGE STUDIES.
  London, 42.1980.

Peter Bruhn and Henry Glade, H.B.in der Sowjetunion. 1952-1979. Einführung in die sowjetische B.-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über H.B., Berlin, Schmidt, 176 pp., is, as far as can be checked, an excellent piece of scholarship. Various general chapters chronicle the reception of B.'s works - including a stage version of "Ansichten eines Clowns" - and B.'s relationship to the Soviet intelligentsia. Only the reactions to "Gruppenbild mit Dame" are explored in any detail. 100pp. of the book are devoted to the bibliography of primary and secondary material.



[REZ. ÜBER:] Bruhn, Peter   Henry Glade:  Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. - (Berlin): E. Schmidt (1980). 176 S., 4 Taf. 8°
In: BIBLOS. Österreichische Zeitschrift für Buch- und  Bibliothekswesen, Dokumentation, Bibliographie und  Bibliophilie.
Wien, Jg.30.1981, S.356-357.

Die beiden Autoren besitzen optimale fachliche Voraussetzungen zur Lösung der mit vorliegender Publikation gestellten Aufgabe: die Rezeption eines der bekanntesten deutschen Autoren der Gegenwart, des Nobelpreisträgers (1972) Heinrich Böll, in der UdSSR darzustellen und diese Darstellung durch eine möglichst komplette Bibliographie zu untermauern. Henry Glade belegt zunächst die Tatsache, daß Heinrich Böll (der übrigens öfter die Sowjetunion besuchte), dem man eine geistige Verwandtschaft mit Dostojewski zuspricht, gleich nach Hemingway auf der sowjetischen Bestsellerliste aufscheint und konstatiert, daß die positive Beurteilung von "Adam, wo warst du?" (1956) den Beginn der wissenschaftlichen Böll-Rezeption darstellt. Schon 1952 war als erstes Werk Bölls Kurzgeschichte "Mein teures Bein" in der Zeitschrift "V zascitu mira" erschienen. In den acht Kapiteln der Untersuchung Glades werden die einzelnen Stufen der Rezeption bzw. Wirkungsgeschichte des deutschen Autors - seitens des Leserpublikums und seitens der sowjetischen Literaturwissenschaftler und Autoren - klar herausgearbeitet. Unter anderem ist es interessant, etwas über die sowjetische Interpretation von "Ansichten eines Clowns" sowie über die Bühnenfassung dieses Hauptwerkes durch G. Bortnikov und die erfolgreiche Aufführungsserie im Mossovet-Theater zu erfahren. Freilich ist - nach einer Epoche überwiegend positiver Beurteilung und Interpretation der Werke Bölls ab 1956 - in der Zeit zwischen 1967 und 1973 zunehmende Kritik aus dem strukturalistischen Lager zu konstatieren, doch die verfälschte russische Fassung von "Gruppenbild mit Dame" (von L. Cernaja, 1973) ist ein Sonderfall geblieben. Wenn auch Böll in einer 1976 erschienenen Anthologie westdeutscher Prosa nicht - wie ursprünglich geplant - aufscheint, so schätzt man an dem "guten Menschen aus Köln" dennoch weiterhin seine kompromißlose Auffassung vom "Gewissen als sittlicher und ästhetischer Kategorie" (Lev Kopelev, vgl.S.57). Und gerade dieses Urteil scheint auch für die künftige Böll-Rezeption in der Sowjetunion eine nicht ungünstige Voraussetzung zu bieten.

Glades faktenreiche literaturwissenschaftliche Ausführungen gewinnen schließlich durch Bruhns "Bibliographie der 1952-1979 in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll eine ideale Basis. Zunächst wird eine "Chronologische Übersicht der Erstveröffentlichungen von Schriften Heinrich Bölls in russischer Sprache" geboten. Daran fügt sich als Hauptteil ein "Chronologisches Verzeichnis der in russischer Sprache erschienenen Schriften Heinrich Bölls" mit insgesamt 367 sorgfältig recherchierten Eintragungen (88 Nachweise für Veröffentlichungen von Schriften Bölls in russischer Übersetzung, 279 Nachweise für russische Publikationen über den Autor, darunter auch solche, die nur stellenweise auf Böll Bezug nehmen). Die Brauchbarkeit der Bibliographie als Informations- und Arbeitsbehelf wird durch die Titelkonkordanz (deutsch-russisch und russisch-deutsch), ein Register der Periodika und ein Personenregister wesentlich erhöht. Der literaturwissenschaftliche und der bibliographische Teil zusammen ergeben eine aussagekräftige Studie, die - über ihren aktuellen literarischen Stellenwert hinaus - ein Paradigma der völkerverbindenden, humanen Funktion des künstlerischen Menschen und seines Werkes genannt werden darf.
 Dr. Hermann Frodl



(Felix Philipp Ingold)
HEINRICH BÖLL IN DER SOWJETUNION
In: NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.  Nr.128 vom 05.06.1981.

if. Zu den in der UdSSR meistübersetzten (und auch meistgelesenen) ausländischen Gegenwartsautoren gehörte seit den frühen fünfziger Jahren während rund zweier Jahrzehnte neben Hemingway und Greene namentlich Heinrich Böll, dessen Erzähl- und Hörspielwerk in einer russischsprachigen Gesamtauflage von rund 2,5 Millionen Exemplaren verbreitet ist - abgesehen davon, dass zahlreiche Werke Bölls zusätzlich in zwölf weiteren Sprachen der Sowjetunion oder aber als Beiträge zu literarischen Anthologien und sonstigen Sammelbänden erschienen sind. Die bisher höchsten Auflageziffern haben die Romane "Billard um halbzehn" (1961, 190 000 Exemplare), "Ansichten eines Clowns" (1965, 300 000 Exemplare) und "Gruppenbild mit Dame" (1973, 175 000 Exemplare) erreicht. Doch Bölls Rezeption in der UdSSR lässt sich anhand quantitativer Kriterien nicht adäquat bestimmen; wohl ist seine Popularität bei einem breiten sowjetischen Publikum kulturpolitisch von nicht zu unterschätzender Bedeutung, fragt man jedoch nach dem qualitativen Ertrag - und das heisst: nach der literarischen Wirkung des "russischen" Böll (den manche Sowjetleser tatsächlich für einen russischen Autor halten) - . so hat dieser, im Unterschied etwa zu Hemingway oder Salinger, nicht schul- oder stilbildend gewirkt, ist aber für einzelne Schriftsteller der mittleren Generation (für Aksjonow, für Andrei Bitow) zum moralischen Vorbild und damit wiederum zum künstlerischen Anreger geworden. Unter welchen Bedingungen Heinrich Böll in der Sowjetunion durch Kritiker und Schriftstellerkollegen, durch Übersetzer und - nicht zuletzt - durch ein zunehmend enthusiasmiertes millionenfaches Publikum rezipiert worden ist und welchen Peripetien diese seine Rezeption aus ideologischen oder auch tagespolitischen Gründen durchweg ausgesetzt war, bis sie - nach dem öffentlichen Engagement des Nobelpreisträgers für einige führende Vertreter der innersowjetischen Opposition - zu Beginn der siebziger Jahre zu stagnieren begann und schliesslich fast ganz zum Erliegen kam, kann neuerdings anhand einer von Henry Glade verfassten "Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption" nachvollzogen und auf Grund einer von Peter Bruhn kompilierten "Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll" im Detail überprüft werden.* In chronologischer Abfolge weist Bruhn insgesamt 88 Böll-Übersetzungen in russischer Sprache (1952 bis 1973) sowie 279 sowjetische Publikationen über Böll (1955 bis 1979) nach, wobei erkennbar wird, wie radikal und konsequent die sowjetische Kulturbürokratie der Böll-Rezeption seit 1974 Einhalt geboten hat: Waren allein 1964, als Bölls Popularität in der UdSSR ihren Höhepunkt erreicht hatte, 38 Texte (darunter "Ansichten eines Clowns") und noch 1971 immerhin deren sechs in russischer Uebersetzung erschienen, so wurde demgegenüber in den vergangenen sieben Jahren von Böll kein einziger Titel mehr veröffentlicht. Mit der Publikation einer massiv verfälschten, von religiös und sexuell "anstößigen" Episoden weitgehend gesäuberten russischen Fassung des Romans "Gruppenbild mit Dame" (1973) hat die Aufnahme Bölls in der Sowjetunion fürs erste ihren unrühmlichen Abschluss gefunden. Doch scheint sich, wie Glade mitteilt, in Moskau vermehrte Kompromissbereitschaft in Richtung auf eine Lockerung des offiziellen Böll-Boykotts abzuzeichnen: unter sowjetischen Kulturfunktionären wird offenbar mit einem "baldigen Gesinnungswandel Bölls" gerechnet, und man ist guter Hoffnung, dass der Nobelpreisträger "nach ruhigem Ueberdenken" seiner gegen die UdSSR gerichteten Verlautbarungen doch noch "die Wahrheit" erkennen und seine Position revidieren werde. "Wichtiger ist, was er schreibt, und weniger wichtig, was er sagt." Mag sein, dass unter diesem Motto - es stammt von einem hohen Beamten der Sowjetischen Agentur für Urheberrechte - bereits heute die Rehabilitierung Heinrich Bölls eingespurt werden soll.

*Peter Bruhn/Henry Glade: Heinrich Böll in der Sowjetunion (1952-1979). Erich-Schmidt-Verlag, Berlin 1980.



[REZ. ÜBER:] Bruhn, Peter   Henry Glade:  Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. Berlin: Erich Schmidt 1980. 176 S. ISBN 3503016171
In: MITTEILUNGSBLATT. Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen e.V.
    Bonn: 1981, S.356-358.

Seltener begegnet eine Bibliographie, die auch einen Beitrag zu dem Thema enthält, für das sie besonders bestimmt ist, d.h. Bibliographie und ihre Nutzanwendung in einem geliefert wird. Hier ist es der Fall. Auf das Geleitwort (S.7) des Bibliographierten, der mit von der eigenen Person fast abgelösten Spannung seine literarische Eroberung zur Kenntnis genommen hat, folgt ein "Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption 1952-1979" (S.9-64) von H. Glade in folgenden 8 Abschnitten: I. Gleich nach Hemingway auf der sowjetischen Bestsellerliste. - Übersicht über die sowjetische Böll-Rezeption und über die Rezeptionsverhältnisse (S.10 ff.), II. "Auf der Suche nach Wahrheit und Hoffnung" - Die sowjetische Böll-Rezeption der Jahre 1956-1963 in Kritik und Wissenschaften (S.16 ff.), III. Der Clown in Moskau. - Sowjetische Interpretationen von "Ansichten eines Clowns". Die Bühnenfassung und ihre Aufnahme (1964) (S.23 ff.), IV. Böll dreidimensional. - Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk Bölls (1965-1966) (S.30 ff.), V. Gewandelte Ansichten. - Kritik aus dem strukturalistischen Lager (1967-1973) (S.35 ff.) - VI. Gruppenbild mit Übersetzerin. - Die verfälschte russische Fassung, ein Sonderfall (1973) (S.39 ff.), VII. "Lyrisches Epos und literarisches Märchen" - Sowjetische Interpretationen zum "Gruppenbild" (1972-1973) (S.48 ff.), VIII. "Der gute Mensch aus Köln" - Bölls Sonderstellung bei der sowjetischen Intelligenzija. Zunehmende Schwierigkeiten mit der Kulturbürokratie (S.54ff.). Hinzu kommen "Die letzten Jahre. Ein Nachtrag" (S.58ff.), Nachwort (S.61) und Personenregister (S.62 ff.).

Zweifellos ist die überdurchschnittlich dichte Böll-Rezeption in der SU ein Phänomen, das die Böll-Philologie mit besonderer Aufmerksamkeit registrieren muß. Es kann auch kaum zweifelhaft sein, daß diese Rezeption eng mit dem gesellschaftskritischen Inhalt der Böll'schen Dichtung zusammenhängt. Daß dieses jedoch nicht alles, ja m.E. nicht einmal die Hauptsache erklärt, legt die einfache Überlegung nahe, wieso zahlreiche genauso gesellschaftskritische Schriftsteller keineswegs sich der gleichen Aufmerksamkeit erfreuen können. Es muß also noch Anderes, im engeren Sinne Literarisches, Literarisch-Technisches hinzukommen, um die auffällige Aufgeschlossenheit Böll gegenüber zu erklären.

In seiner, durch andere einschlägige Arbeiten (S.61) vorbereiteten Analyse berücksichtigt der Verf. mehrere Aspekte dieses Rezeptionsphänomens. Herausgreifen will der Rez. besonders die Affinität zu Dostoevskij (S.10, 17f., 49, 57) und Cechov (S.15, 38), auch Gogol' (S.49). Damit hängt auch die in erster Linie aufnehmende Intelligenzschicht (S.13) zusammen, die diese literarhistorischen Bezüge am ehesten bewußt aufnimmt. Zu diesen herausgegriffenen Beobachtungen gehören ferner die auffällige Breitenwirkung der Kurzgeschichten (S.15 ff.) und die zustimmende Aufnahme der Hörspiele (S.36). Wie bereits die Inhaltsübersicht anzeigt, wird das Thema auch an Stil- und Methodenfragen (S.18 ff., 24 f., 28 f., 32, 36ff., 32, 36 ff., 51) erörtert. Es liegt auf der Hand, auf Übersetzungsfragen einzugehen, die der Verf., im Wesentlichen auf den "Sonderfall" beschränkt (S.39 ff.), jedoch auch einige darüber hinausgehende Bemerkungen einschließt. Ein weiter zu bearbeitendes Feld philologischer Einzeluntersuchungen bieten sicher die Übersetzungsfragen. Die heutige Ambivalenz gegenüber Böll (S.58 ff.) hat primär nichtliterarische Gründe. Ohne amtliches Verdikt (S.56) zu erfahren, nimmt Böll gegenwärtig eine Sonderstellung ein, die eine mögliche Rückkehr zur alten Zustimmung hoffen läßt (S.60).

Nach Stichproben des sorgfältig gearbeiteten, zweispaltigen Personenregisters (S.62 ff.) kann der Rez. es sich nicht verkneifen, auf einen nicht dimensionslosen, aparten Irrtum aufmerksam zu machen. Entweder es ist von Beckett, S. (S.62, 67) oder von Becket, Th. die Rede. Rez. entscheidet sich für das Letztere. Becket, S. scheidet aus. Intelligencija sollte orthographisch vereinheitlicht werden.

Einmal mehr erweist sich P. Bruhn als der umsichtige, erfahrene Bibliograph, als den auch diese Zeitschrift mehrfach Gelegenheit hatte, ihn zu charakterisieren.1). Den Kern seiner Bibliographie (S.65ff.) bilden die chronologische Übersicht der Erstveröffentlichungen von Schriften Heinrich Bölls in russischer Übersetzung (S.72ff., 116 Titel), das chronologische Verzeichnis der in russischer Sprache erschienenen Schriften Heinrich Bölls (S.76ff., 88 Nummern) und das chronologische Verzeichnis der in russischer Sprache erschienen Schriften über Heinrich Böll (S.97 ff., 279 Nummern). Die gründliche Erschließung der insgesamt 367 Nummern durch eine deutsch-russische (S.155 ff.), eine russisch-deutsche Titelkonkordanz, ein Register der Periodika (S.172 f.) und ein zweispaltiges Personenregister (S.174 ff.) ist mustergültig. Stichproben von allen Registern ließen keine Fehler entdecken. Auf S.155 müßte bei 'Ankunft' 2 durch II ersetzt werden.

In seinem Vorwort (S.66 ff.) legt Bruhn (S.68) das frühere Interesse an Böll etwas zu stark auf die Gesellschaftskritik fest (s.o.). Aus den sehr hilfreichen Benutzungshinweisen (S.69 ff.) greift der Rez. die Berücksichtigung von Zeitungsbeiträgen und Monatsschriften heraus, begrüßt die knapp und präzis formulierten, sachlich nützlichen Annotationen und die Transliteration nach DIN 1460.
Fünfzehn instruktive Abbildungen u.a. von Philologen, Kritikern und Übersetzern wie von der Moskauer Aufführung des "Clown" dienen der willkommenen Anschaulichkeit. Die bisherige Böllbibliographie 2) hat eine notwendige und sachgerechte Ergänzung erfahren, über deren Fortsetzung Bruhn (S.68) das Richtige gesagt hat. Die Veröffentlichung dient in erster Linie der Böll-Philologie. Ihr Nutzen für Komparatisten, Slavisten und Germanisten ist jedoch unbestreitbar. Der Dank an beide Autoren gilt einer soliden und überlegten Arbeit.

  Horst Röhling, Bochum/Witten
____________________________
1)Verband der Bibliotheken des Landes NRW. Mitteilungsblatt. N.F.18.1968, S.234ff. - Ebda. N.F.25.1975, S.292ff. - Ebda. N.F.27.1977, S.313ff. - Ebda. N.F.28.1978, S.74f. - Ebda. N.F.27.1977, S.104f. - Ebda. N.F.28.1978, S.83.

2)Zu nennen sind der bibliothekarische Bibliograph W. Lengning: Der Schriftsteller Heinrich Böll. 3.Aufl., 1972 und W. Martin: Heinrich Böll. Eine Bibliographie seiner Werke, 1975. Hinzuweisen ist auch auf die Bibliographie von H.E. Käufer in: Das Werk H. Bölls, 1949-63 und A. Nobbe: Heinrich Böll. Eine Bibliographie seiner Arbeit. 1961.


[REZ. ÜBER:] HENRY GLADE & PETER BRUHN: HEINRICH BÖLL IN DER SOWJETUNION (1952-1979). Erich-Schmidt-Verlag, Berlin, 1980.
In: LITERATUR UND KRITIK.
     Wien: 157/158.1981, S.499.

Hinter dem lapidaren Titel verbirgt sich mehr als der Untertitel besagt, mehr als "Eine Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption". Auf 60 Textseiten - die übrigen 100 des Buches sind der von Peter Bruhn zusammengestellten umfangreichen Bibliographie vorbehalten - gelingt Henry Glade, dem in den USA tätigen Germanisten und Slawisten, eine überzeugende Rezeptionsstudie.

Dank der geordneten und mit wissenschaftlicher Akribie zusammengefaßten Übersicht über die Böll-Kritik im Lande des immer noch offiziell gepredigten Sozialistischen Realismus, gewinnt der Leser einen, ich möchte sagen faszinierenden Einblick in die gesamte Nomenklatura der beamteten Literaturkritik, und dies anhand von Werken, die dem deutschsprachigen Leser wohlvertraut sind. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Vergleich des Originals von "Gruppenbild mit Dame" mit der russischen "Übersetzung". Was in der Übertragung willentlich weggelassen oder "verbessert" wurde, läßt Schlüsse auf die gesamte Palette der verordneten Tabus zu: Sex natürlich, "Physiologische Details", und selbstredend jede leiseste Kritik an mißliebigen Zuständen in einem Land, wo das Glücklich- und Zufriedensein oberstes Gebot für alle Staatsbürger ist.

Darüberhinaus versucht Henry Glade mit Erfolg, den Ursachen der ungemein großen Beliebtheit Bölls in der Sowjetunion, namentlich bei der Intelligenzija, nachzuspüren. Selbst die von der Kulturbürokratie in den letzten Jahren verordnete Distanzierung hat ja dem Erfolg Bölls nichts anhaben können. Es ist die Böllsche "Ästhetik des Humanen", die den russischen Leser überzeugt und - im Geiste der russischen literarischen Tradition - Bölls Zurückgreifen auf Dostojevskij, seine, wie Lev Kopelev schrieb, "eindeutige, kompromißlose Auffassung vom Gewissen als sittlicher und ästhetischer Kategorie".

Es sind die Stimmen eben dieser, über dem Parteigeist stehenden Kritiker, die den besonderen Blickwinkel erkennen lassen, unter dem ein deutscher Autor im Rußland von heute gelesen wird.
 E.M.



[REZ. ÜBER:] Peter Bruhn, Henry Glade. Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Berlin. Erich Schmidt. 1980. 176 pages, ill.
In: WORLD LITERATURE TODAY.  Jg.1981.

The intense, ambivalent interest that Böll has long expressed in Russia - e.g., his six trips to the Soviet Union that produced among other things a television documentary on Dostoevsky (1969) - is reflected in the Russian reaction to his works, which began as early as 1952 with a translation of the story "Mein teures Bein". The real breakthrough came in 1957 with the translation of the novel "Und sagte kein einziges Wort", in which Russian reviewers noted the affinity to Dostoevsky's problematics. The immense success of "Ansichten eines Clowns" in a 1964 dramatization generated a wave of critical appreciations of Böll. With three million copies of his works in print Böll was second only to Hemingway among foreign writers read in the Soviet Union. But his acceptance of the Nobel Price in 1972, his advocacy of the dissident movement, and Russian indignation at the sex and politics in the bowdlerized translation of "Gruppenbild mit Dame" produced a counterreaction - publically and officially, in any case, if not among intellectuals. Since 1973 there have been no further translations and few scholarly-critical studies.

In part one ("Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption") Henry Glade traces the stages of Böll's popularity and accounts knowledgeably for the vacillations in public reaction. In part two ("Bibliographie der 1952-1979 in der USSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über ihn") Peter Bruhn documents the narrative with his list of eighty-eight translations and 279 publications about Böll. This collaborative effort constitutes a valuable new tool for the study of postwar Russo-German literary relationships.
T. Ziolkowski



BÖLLS WERK IN DER UDSSR.
In: LITERATUR-DIENST. Deutsche Presseagentur. dpa
     Hamburg, Jg.1981, Nr.6.

Das Schaffen Heinrich Bölls ist in der Sowjetunion außerordentlich positiv aufgenommen worden, seine Bücher wurden dort in etwa drei Millionen Exemplaren verbreitet, seine Kurzgeschichten in den verschiedenen Zeitschriften millionenfach abgedruckt. Der Autor selbst, der 1962 erstmals die Sowjetunion besuchte, hat immer wieder sein Interesse an dem Land und seinen Problemen bekundet - allerdings seit 1973 zunehmend in einem Sinne, der den Literatur- und Kulturfunktionären nicht lieb sein konnte, wie Peter Bruhn und Henry Glade in ihrem Buch "Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979" nachwiesen.

Des Autors Sympathie für die sowjetischen Dissidenten, für deren Vertreter Solschenizyn und Kopelew er z.B. zum ersten Anlaufpunkt nach ihrer Ausreise in den Westen wurde, hat die offizielle Literaturpolitik in der UdSSR in den letzten Jahren in charakteristischer Weise verändert: Der Roman "Gruppenbild mit Dame" wurde verfälschend übersetzt, und seit 1974 werden die Werke des Schriftstellers nicht mehr in russischer Sprache herausgebracht (wohl aber in den Sprachen anderer Nationalitäten in der Sowjetunion). Allerdings sind Bölls Bücher nicht auf den Index gesetzt worden, so daß seine Beliebtheit bei den Lesern - soweit man das angesichts fehlender Statistiken überhaupt erschließen kann - wohl so groß wie vor der Trendwende um das Jahr 1973 ist.

Der aufschlußreiche Band, der Einblick in ein wichtiges Kapitel des deutsch-sowjetischen Verhältnisses und - speziell - der russischen Germanistik gewährt, wird durch eine Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll abgerundet, der allerdings nur von Slavisten mit Gewinn zu lesen ist. 
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PETER BRUHN / HENRY GLADE: HEINRICH BÖLL IN DER SOWJETUNION 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 176 S. DM 78,-



[REZ. ÜBER:] Peter Bruhn and Henry Glade. Heinrich Böll in der Sowjetunion: 1952-1979. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1980. Pp.176.
In: GERMANO-SLAVICA. A Canadian Journal of Germanic and  Slavic Comparative Studies.
     Waterloo,Ontario: Jg.4.1982, No.1, S.55-56.

In the volume under review Henry Glade offers in eight brief chapters an introduction to the reception of Böll in the Soviet Union, followed by Peter Bruhn's bibliography of the Russian editions of Böll's works as well as publications about Böll in the USSR.

In the preface to this book Heinrich Böll expressed his pleasure about the apparent "conquest" he had made with his works in the Soviet Union and concluded with the wish that this reciprocal conquest through literature would continue. This conquest, stretching over a period of almost three decades, has now been documented in this slim 176-page volume. It begins with Böll's introduction of his short story "Mein teures Bein" to the Russian readers in 1952, and traces Bölls's reception in the Soviet Union between the years 1952-1979. Although Böll was introduced to the Soviet Union under Stalin, it was not until the period of Thaw that his works began to appear in large editions in the USSR. By 1973 Böll's complete works had been translated into Russian.

In accordance with official restraints of cultural policy-making, works that could be fitted into the mould of either socialist or critical realism fared best. Not an easy task, when, instead of the compulsory positive heroes, Böll's works seemed to abound with anti-heroes, or passive heroes incapable of action. Thus, this volume is not only a source of information about the varied response to Böll's works in the Soviet Union, but allows additional insight into the formal regulation of literature under which otherwise first-class translators, in order to make a work officially palatable for public consumtion, had sometimes to resort to deletions, omission, and even mistranslations of certain passages of the original text, with complete disregard to Böll's style. But, as the author points out, without such revisions, it is doubtful whether some of Böll's works would have passed the censorship of cultural politics, which makes the reviewer wonder if it would not have been for the better.

Notwithstanding Böll's fluctuating evaluation at the hands of the Soviet cultural establishment, which ranged from warm to lukewarm, to cold, according to the official barometer, Böll's works have established a lasting relationship between the writer and the Soviet reader, especially the intelligentsia. Lev Kopelev was one of the first Soviet literary critics to point to Böll's spiritual affinity with Dostoevsky, and Henry Glade believes this spiritual kinship to be the major reason for the enthusiastic response Böll has received from Soviet readers.

Ironically, Böll lost favour with Soviet officialdom due to his outspoken criticism of Soviet infringement on human rights. His latest criticism was directed against the persecution of dissidents and the lack of creative freedom in the Soviet Union. Official Soviet reception to Böll grew cold and there have been no more works by Böll in Russian published in the USSR since 1974. In addition, very little secondary literature about Böll has apeared since that time.

The second part of this volume consists of Peter Bruhn's comprehensive bibliography, 367 entries in all. In addition, there is a chronological index of Böll's first editions in Russian between 1952-1979, German-Russian and Russian-German title concordances, as well as a journal and names index.

Bearing in mind Böll's thirty-year-long relationship with Soviet readership and his continuous appeal to a large segment of Soviet society, regardless of official policy-making, it would seem justifief to predict that the discussed volume is but the first step of more to come.

 Tamara Sommer
 University of Waterloo



[REZ. ÜBER:] Peter Bruhn, Henry Glade: Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1980. 176 S., 4 Bl. Abb.
In: OSTEUROPA. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens.  Hrsg. von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.
Stuttgart: Jg.32.1982, Heft 2, S.164-165.

Peter Bruhn und Henry Glade zeigen in ihrem Buch die Rezeption Heinrich Bölls in der Sowjetunion von zwei Seiten. Im ersten Teil gibt Glade einen chronologischen Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption, im zweiten Teil erfaßt Bruhn in einer Bibliographie die in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Böll.

Nur wenige zeitgenössische westliche Autoren haben nach dem Krieg eine solche Popularität bei den sowjetischen Lesern erreicht wie Böll. Glade belegt das mit den Auflagehöhen der einzelnen Werke Bölls ebenso wie mit Umfrageergebnissen, die zwar offiziell von der "Literaturnaja gazeta" in Auftrag gegeben worden waren, jedoch nur vom Samisdat publiziert wurden. Daneben führt er als weiteres, besonders aufschlußreiches Indiz an, "daß Böll als einziger bundesdeutscher Autor in den Lehrbüchern für Oberschulen mit einem eigenen Kapitel, zumindest aber Unterkapitel vertreten ist".

Zwar erschien die erste Kurzgeschichte Bölls noch zu Lebzeiten Stalins, wie Bruhn entdeckt hat, die eigentliche Rezeption wurde aber erst durch die Tauwetter-Periode ermöglicht. Glade zeigt, wie bestimmend Lew Kopelews Hinweis auf die enge Verwandtschaft Bölls und Dostojewskijs gerade in den ersten Jahren für die sowjetische Literaturkritik war.

Besonders ausführlich geht Glade auf die Rezeption der Romane "Ansichten eines Clowns" und "Gruppenbild mit Dame" ein. Der "Clown" erschien 1965 mit der höchsten Erstauflage (300.000 Exemplare) aller in der Sowjetunion publizierten Werke Bölls und erreichte u.a. auch durch seine dramatisierten Bearbeitungen sehr große Popularität. Die russische Übersetzung von "Gruppenbild mit Dame" bezeichnet Glade als eine "sorgfältig retouschierte Adaption der schlimmsten Sorte". Er verweist dabei auf 150 Streichungen und führt die eklatantesten Abweichungen vom Original an.

Nachdem Böll im Sommer 1973 die Repressalien gegen sowjetische Intellektuelle angegriffen hatte, ist zwar kein weiteres seiner Werke in russischer Sprache erschienen, jedoch in den Sprachen anderer Nationalitäten der Sowjetunion; ebenso ist der "Clown" weiterhin auf der Bühne zu sehen, und die deutsche Filmbearbeitung der "Katharina Blum" lief in synchronisierter Fassung allein in Moskau vom 16. bis 19.März 1977 in dreißig Kinos. Dies veranschaulicht das ambivalente Verhältnis der sowjetischen Kulturbürokratie gegenüber Böll in den letzten Jahren.

Gerade indem Glade auch den kleinsten Hinweisen auf Bölls Präsenz nachgegangen ist, gibt er einen umfassenden Einblick in das, was Böll in der Sowjetunion "an- oder gar ausgerichtet hat" - wie Böll selbst es in seinem Geleitwort bezeichnet. In welchem Maße Böll auch auf die Entwicklung der sowjetischen Prosaliteratur selbst gewirkt hat, muß weiteren Untersuchungen vorbehalten bleiben. Erste Hinweise darauf gibt Glade am Rande.

Peter Bruhn hat in seiner Arbeit 88 Hinweise für Veröffentlichungen von Werken Bölls und 279 Hinweise für Publikationen über Böll bibliographiert. Er bemerkt dazu, daß er sich auf Nachweise in russischer Sprache beschränken mußte, da die zentralen Bibliographien Zeitungs- und Zeitschriftenartikel in anderen Nationalsprachen nicht erfassen. Mit seinen beiden Bibliographien bietet Bruhn ein verläßliches Fundament für jede weitere Beschäftigung mit dem Thema von slawistischer Seite. Die Bibliographien werden ergänzt durch eine chronologische Übersicht der Erstveröffentlichungen von Schriften Bölls in russischer Übersetzung sowie durch eine russisch-deutsche und eine deutsch-russische Titelkonkordanz.
Peter Bukowski



[REZ. ÜBER:] Peter BRUHN und Henry GLADE. - Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. (Berlin, Erich Schmidt Verlag, 1980, 176p., DM 78).
In: ÉTUDES GERMANIQUES.
     Paris: Jg.37. 1982, Juli-September, S.379-381

Les bibliographies sur les auteurs contemporains restent un voeu de la recherche littéraire qui, malheureusement, est loin d'être toujours exaucé. Pourtant ce sont justement elles à qui il revient de combler les inévitables lacunes que présentent les bibliographies spécialisées éditées périodiquement et de permettre tout particulièrement de recenser de facon exhaustive les multiples aspects de l'influence d'une oeuvre dans sa perspective historique. C'est à un des aspects de ce processus, à svoir l'accueil réservé à un auteur ouest-allemand par la critique littéraire des pays socialistes - il s'agit ici de l'accueil réservé à Böll en U.R.S.S. - que se consacrent les auteurs à l'aide d'une documentation abondante et claire. Ce faisant, ils ne continuent pas seulement la série des bibliographies sur Böll parues à ce jour (W.Martin, 1975; W. Lengning, 1977; R.L. White, 1979), mais effectuent en outre un travail de pionnier en ce qui concerne l'étude de l'impact international de la littérature allemande contemporaine.

La première partie de l'ouvrage de H. Glade, Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption (pp. 9 à 64) renseigne sur les tirages atteints par les traductions en langue russe des oeuvres de Böll, tirages qui oscillent entre 20.000 pour les Hörspiele (1968) et 300.000 exemplaires pour Ansichten eines Clowns (1965), il expose et commente des critiques de presse sur Haus ohne Hüter et Billard um halbzehn et analyse en outre diverses interprétations soviétiques (M.Bazan, V.Admoni, etc.) ainsi que l'accueil réservé à l'adaptation théatrale de Ansichten eines Clowns de 1964. Dans les chapitres suivants Glade analyse de facon critique les premières publications sur l'oeuvre (A.El'jasevic, I.Rodnjanskaja) et met l'accent sur la première et seule monographie existant à ce jour, celle de V.V. Roznovskij (1965); il oure une parenthèse sur la critique des structuralistes (L.Kopelev, R.Orlova) et cite toute une série d'extraits tirés de la version russe faussé Gruppenbild mit Dame (1973). Au terme de la partie consacrée à l'analyse de l'impact de l'oeuvre de Böll en U.R.S.S. l'auteurtente d'expliquer les difficultés grandissantes que Böll connut dans ses rapports avec la bureaucratie des services culturels soviétiques, difficultés qui commencérent en 1972 lorsque lui fut décerné le prix Nobel de littérature et qui finalement aboutirent à le faire rayer d'une anthologie d'auteurs ouest-allemands (voir no 336). Depuis, l'attitude de la critique officielle ne s'est en rien dodifiée. Bien que les oeuvres de Böll n'aient pas été mises à l'index, ses travaux ne paraissent plus en russe depuis 1974, mais par contre ils paraissent dans les langues des différentes autres nationalités de l'Union Soviétique (p.58).

La deuxième partie de l'ouvrage (pp.65 à 176) comprend la très remarquable et très complète Bibliographie de Peter Bruhn: elle procède d'une manière chronologique et comprend 88 références sur les sources ainsi que 279 titres de publications soviétiques exclusivement en langue russe. Les chapitres ayant trait à Böll dans les ouvrages plus importants s'histoire littéraire sont mentionnés ainsi que les publications universitaires, les articles à Böll de journaux, les comptes rendus et les articles de revues littéraires. Sont de même prises en compte les indications et mentions relatives à Böll lui-même, même lorsqu'elles sont très brèves. La liste bibliographique des titres présente une unité certaine et, eu égard à l'abondance des Informations fournies, apparaît exemplaire (même dans le cas des quotidiens le numéro des pages est indiqué!). Le titre original en écriture cyrillique est accompagné de sa transcription latine et sa traduction en allemand. Ainsi l'ouvrage constitue un outil de travail très précieux pour le germaniste ne possédent pas le russe. Dans nombre de cas, de brefs commentaires (en italiques) et des références à d'autres sources bibliographiques (en minuscules) complètent judicieusement les indications données; cette différence de typographie confère à ces indications, longues parfois de plus de 10 lignes, un surplus de clarté. Un index des revues utilisées ainsi qu'un répertoire des personnes citées (malheureusement les prénoms sont abrégés), permettent au lecteur de s'orienter rapidment. Pour la recherche consacrée à Böll, ce livre constitue une source d'informations indispensable et un ouvrage de référence qu'on attendait depuis longtemps. Il met d'autre part à la disposition du chercheur intéressé par l'étude empirique de l'accueil fait à une oeuvre littéraire des données extrêmement précieuses. Des bibliographies spécialisées de ce niveau sur d'autres auteurs seraient un gain inestimable pour la germanistique internationale. -
N. RIEDEL



[REZ. ÜBER:] Peter Bruhn , Henry Glade: Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979 - Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll, Berlin (Erich Schmidt Verlag) 1980, 176 S.
In: ARCADIA. Zeitschrift für vergleichende Literaturwissenschaft.
     Berlin, New York, Bd.17.1982, Heft 1, S.102-105.

Hat Heinrich Böll, dessen Vernachlässigung durch die westdeutsche Germanistik ebenso beklagens- wie bedenkenswert ist, in der Sowjetunion "mehr (und wohl auch intensivere) Leser" (66) als bei uns? Der Schriftsteller, der das Land nach dem Rußland-Feldzug seit 1962 noch sechsmal friedlich bereist hat, spricht im Geleitwort zu der hier anzuzeigenden Dokumentation den Wunsch aus, "die gegenseitige Eroberung durch Literatur möge weitergehen" (7). Doch welcher in der UdSSR lebende Gegenwartsautor hätte hier Auflagezahlen vorzuweisen wie Böll dort: 300.000 für ein Werk (Ansichten eines Clowns), drei Millionen insgesamt (11f.)? Zu erfahren, wie Böll in der Sowjetunion gelesen wird,1) erweist sich als anregend für die eigene Sicht auf das Werk des Nobelpreisträgers; gleichzeitig wird ein (exemplarischer?) informativer Einblick geboten in die vielfältigen Formen, die Haupt-, Neben-, Seiten- und Abwege marxistischer Adaption westdeutscher Gegenwartsliteratur. Die Arbeit besteht aus zwei Teilen, die sich gegenseitig stützen: Der "Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption 1952-1979" (9-64) von Henry Glade ist Deutung dessen, was Peter Bruhn in der "Bibliographie der 1952-1979 in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über ihn" (65-176) als Befund zusammenstellt. Die Bibliographie enthält 88 Nachweise zu Bölls Werken aus den Jahren 1952 bis 1973 (danach sind keine Werke Bölls mehr in russischer Sprache erschienen). Unter den 279 Titeln der Forschungsliteratur aus den Jahren 1955-79 finden sich sowohl monographische Darstellungen als auch Veröffentlichungen, die nur beiläufig auf Böll Bezug nehmen. Beide Teile der Bibliographie sind chronologisch geordnet und verzeichnen jeweils neben dem Originaltitel die lateinische Umschrift, die deutsche Übersetzung sowie bisweilen eine Kurzcharakteristik mit weiterführenden bibliographischen Hinweisen.

In acht Abschnitten und einem Nachtrag zeichnet Glade die Bekanntheitskurve Bölls nach, die, nach einer ersten Veröffentlichung 1952 noch unter Stalin (Mein teures Bein), seit 1956 parallel zur politischen "Tauwetterperiode" durch zunächst ständig wachsende Wertschätzung gekennzeichnet ist. Den Anknüpfungspunkt bildet Bölls "anthropozentrische Religiosität" (Kopelev, 18), das religiös fundierte Mitleiden des Autors mit den "Armen" seiner Erzählungen, das Bezüge ermöglicht zur russischen Literatur des XIX.Jahrhunderts (namentlich zu Dostoevskij, 17f.). Anerkennung gilt dem Antinazismus und Antimilitarismus in den Kurzgeschichten und - dies "der eigentliche Durchbruch" (17) - dem Roman "Und sagte kein einziges Wort" (1953, Übersetzung 1957), Werken, die dafür einstehen, daß sich ihr Verfasser "auf dem Wege der Friedensliebe und der Menschlichkeit" befindet (so der Titel einer Untersuchung von JU.S. Blank 1963, Bibliographie Nr.168). "Kritischer Realismus" (20, 128, 140) ist die passende Kategorie für solche Wertschätzung, die ein progressiver Bundesgenosse aus dem entgegengesetzten Lager erfahren kann. Belobigung findet das, was sein Werk abhebt von bloßem, "bürgerlichem Humanismus", etwa die Kritik der Ungerechtigkeiten des Kapitalismus am Beispiel des unterdrückten "kleinen Mannes" (aus dem Waschküchenmilieu, zu dem Böll sich ja ausdrücklich bekennt); so kann "Haus ohne Hüter" (1954/60) als "bestes Werk" Bölls gelten (19). Doch dieses Lob wird durch Tadel begrenzt. Eine Durchmusterung von Gesinnung und Taten der Hauptfiguren ergibt, daß dem geforderten positiven Helden die für Bölls Werk typischen Merkmale der Isolation, auch Passivität entgegenstehen. Die Grenze zum sozialistischen Realismus ist markiert durch die fehlende Perspektive, die "Unfähigkeit" des Autors, "seinen Romangestalten den richtigen Weg zu weisen" (20): weltanschauliche (und damit auch - mehr oder weniger thematisiert - künstlerisch-gestalterische Schwäche als Korrelat gesellschaftlicher Befindlichkeit des "Bürgers" Böll. Ideologiekritik ist wohl bestimmend für diese (von Glade so nicht herausgestellte) erste Phase der Auseinandersetzung mit Böll, der bekannte Vorbehalt, der Autor sei nur zu einer Kritik der sozialen Oberfläche gelangt, nicht aber zur Erkenntnis der tiefer liegenden wesenhaften Gesetzmäßigkeiten, der Gesellschaftsformationen (Faschismus, Kapitalismus) vorgestoßen. Immerhin reichen die "progressiven" Züge des Werks aus für eine stetig steigende Popularität; allein für 1964 verzeichnet Bruhns Bibliographie fünfzehn Übersetzungen von Werken Bölls, für 1965 27 Veröffentlichungen über ihn. "Ansichten eines Clowns" (1963/64), sein (nur in der Sowjetunion?) am weitesten verbreitetes und bekanntestes Buch (25), markiert den Höhepunkt der Beliebtheit des Autors, eines "Meister(s) der Kultur", dessen Werke - so weit geht die Anerkennung schließlich - als "kultureller Besitz der ganzen Menschheit" (14) "Perspektiven eröffnen, die weit über die Grenzen des kritischen Realismus hinausreichen" (32). Eine Bühnenfassung des Romans steht seit 1968 ununterbrochen auf dem Spielplan eines Moskauer Theaters (56). Freilich wird Böll hier "Lob des Mißverstandes" zuteil; Glade kritisiert die Schwarz-Weiß-Malerei der dramatischen Umsetzung, die holzschnittartige Vergröberung der herrschenden Bonner Figuren zu eindimensional-faschistoiden Revanchisten (27), eine Verkürzung, gegen die Böll selbst in Moskau nachdrücklich protestiert hat (28). Es geschehe "genau das, was Böll bzw. Hans Schnier in Erfurt ausdrücklich zu vermeiden bemüht war(en): Die unerfreulichen Seiten der gesellschaftlichen und kirchlichen Struktur der Bundesrepublik Deutschland von 1962 wurden dazu mißbraucht, sich in der nichtkapitalistischen Welt daran zu erbauen" (29).

Als zeitlich versetzte Ergänzung (oder als Gegenbewegung?) zur Ideologiekritik scheint etwa seit dem Ende der sechziger Jahre eine zweite Phase der Beschäftigung mit Böll zu beginnen, die Strukturanalyse. Für die Wandlung des Erkenntnisinteresses, mindestens des Untersuchungsansatzes liefert das Literaturverzeichnis ein instruktives Beispiel, die Titel der beiden (einzigen) monographischen Abhandlungen über "Und sagte kein einziges Wort": Der Blick auf "die Odyssee eines 'kleinen Mannes'" (S. Macajtis 1961, Nr.130) wird abgelöst durch das Nachdenken "über die lexikalisch-phraseologischen Ausdrucksmittel der Dominante 'Furcht' im Roman 'Und sagte kein einziges Wort'" (E.E. Smirnova 1971, Nr.297). Glade fördert als Dolmetscher dieser Etappe sowjetischer Böll-Rezeption Erstaunliches zu Tage, nämlich den nicht aufgelösten Widerspruch zwischen zunehmend negativer Beurteilung des Inhalts und positiver Würdigung der Form. Die von außerliterarischen (politischen, weltanschaulichen, moralischen) Wertungsmaßstäben festgehaltenen Urteile über die "Aussage" der Böllschen Romane und Erzählungen folgen allzu oft starren mechanisch-materialistischen Deutungsmustern im Banne der Widerspiegelungsdoktrin ("Erinnerungen eines Königs" etwa werden als Kritik Bölls am Verhalten des ägyptischen Exkönigs Faruk aufgefaßt: 30). Anders die Stiluntersuchungen: So offiziös-streng, auch grobschlächtig-dogmatisch zuweilen die Inhaltskritik im großen, so undoktrinär-"schöpferisch" die - so scheint es fast - "vorurteilslose" Annäherung an formale Details, der "erste Blick" auf Einzelfragen der Erzählweise. Es sind befruchtend-neue Untersuchungsansätze, die neue Erkenntnisse über Bölls Kompositionsprinzipien fördern, etwa der ("filmtechnischen",31) Verräumlichung zeitlicher Beziehungsgefüge (32f.: I.B. Radnjanskaja 1966, Nr.234), der variierenden Wiederholung (33) als "Mittel der 'Übercharakterisierung'" (37: E.I. Teuli 1972, Nr.315) oder (wohl zentral) der verdeckten Satzverbindung (135): Para-taktische Reihung, die ("und" statt "aber": 37f.) hypo-taktische Abhängigkeiten ebenso andeutet wie versteckt, erzeugt die für Bölls Werk charakteristische "literarische Spannung" (4) zwischen Offenem und Verdecktem, Andeutung und Aussparung, glatter Oberfläche und verborgenen Widerhaken (jüngstes Beispiel die Vokabel "nett" in "Fürsorgliche Belagerung": nach Auskunft Bölls ein Knochen, der, vom Autor den Kritikern hingeworfen, von diesen humorlos verschlungen worden sei). Diese Spannung werde, so 1969 die Kritik von T.A. Ostudina (Nr.278-280) an russischen Übersetzungen der Werke Bölls, durch "'Korrigieren' und 'Ausbügeln' des Originals"(39), durch "wortreiche Umschreibung" (40), "das Hinzufügen von kausalen und temporalen Konjunktionen" oder "erklärenden Doppelpunkten" (39) gewaltsam offengelegt und damit aufgehoben.

Es kommt - aus dem Blickwinkel westdeutscher Germanistik - zu einer bemerkenswerten Umkehrung. Böll wird in der Sowjetunion Gegenstand von Untersuchungen, die ihm weitaus mehr an formaler Meisterschaft zusprechen, als ihm hier (meist ohne die entsprechenden Untersuchungen) eingeräumt wird: zwiespältig geduldet allenfalls als Weltverbesserer ob seiner inhaltlichen Anliegen, als Dichter-Stilist dagegen, in Hinsicht auf Formales gering geschätzt - dies wiederum in erstaunlicher Analogie zum Modernismus-Vorbehalt der orthodoxen Marxisten ("Ende einer Dienstfahrt" etwa als formales Durcheinander, entschuldbar allein durch den Katalog humanistisch-pazifistischer Themen: 35). Wie auch immer der Widerspruch innerhalb der sowjetischen Böll-Forschung aufzufassen sein mag zwischen Inhaltskritik und Formuntersuchung, immer weiter gehender Ablehnung und Anerkennung, ob als Arbeitsteilung (unter Suprematie des ideologiekritischen Parts, der potentiell Systemwidriges zu neutralisieren hat, in der Weise werkimmanenten "Methodenpluralismus" etwa) oder als Zwist (durch eine Tendenz der Formanalyse, in ihren Ergebnisse sich zu verselbständigen) - das widersprüchliche andere Ende der Praxis sowjetischer Germanistik verweist auf die Aufgabe, die sich aller Literaturwissenschaft immer neu stellt, Inhalt und Form einander zu vermitteln (vgl. nur die aporetische Formulierung im Titel einer Moskauer Dissertation von I.V. Mlecina 1972, Nr.317: "Der westdeutsche Roman der 60er Jahre - Soziale und moralische Problematik und genrebedingte Besonderheiten"). Mehr in die Nähe marxistischer Sprechweise gerückt: nicht behauptet werden muß, daß, sondern zu zeigen ist, wie gesellschaftliche Verhältnisse Wirklichkeit in Literatur (verwandelt!) wiederkehrt.

Befremdlich, was Glade über Zensur zu berichten hat. Der Roman "Gruppenbild mit Dame" (1971) ist 1973 von L. Cernaja weniger übersetzt als "umgeschrieben" (41) worden - 150 Auslassungen (etwa 500 Zeilen) und etliche Veränderungen gegenüber dem Wortlaut des Originals hat Glade feststellen müssen. Ähnlich wie bereits bei der Übersetzung von "Ansichten eines Clowns" (40) - dort nur in weit geringerem Maße - sind es die beiden Bereiche Erotik und Politik, in denen Streichungen bzw. Um-Schreibungen erfolgen. So fehlt in der russischen "Adaption" (41) Lenis "Handauflegung" bei Boris ebenso wie Margrets "Barmherzigkeit" mit den Dorfjungen oder auch Schwester Rahels "Fäkalienmystik" (43f.). Nicht rückkehrwillige russische Kriegsgefangene sind aus dem Buch entfernt wie Hinweise auf die sowjetische Intervention in der CSSR; wenn Böll totalitäre Züge des Lebens in der Sowjetunion erwähnt, formuliert die "Übersetzung" kurzerhand um in Aussagen über den Hitler-Faschismus (44f.)! Glade, (manchmal allzu sehr) um sorgfältiges Abwägen bemüht, gibt zu bedenken (41): Nur solchermaßen Bearbeitetes habe überhaupt Aussicht gehabt, erscheinen zu dürfen. Doch kann das als Argument wohl kaum überzeugen angesichts von Eingriffen, welche die Essenz des zu Übermittelnden berühren.

Auch hier lohnt ein Blick auf das Titelverzeichnis der Bibliographie, die über das hinaus, was Glade herausgreift, reichhaltiges Anschauungsmaterial bereithält. Leseanweisungen per Untertitel fallen auf: "You enter Germany. Zur Frage des Anwachsens revanchistischer Strömungen in der BRD", Nr.61, oder, den gleichen Titel "erläuternd": "Zur Wiedergeburt des Militarismus in der BRD", Nr.65, aber auch Veränderungen des Titels selbst. Einige zeigen allein die sprachlichen Schwierigkeiten einer Übertragung an ("Mit den Augen eines Clowns", 164, "Bekenntnisse eines Clowns", 169; kurioses Beispiel: "Unberechenbare Gäste", die als "Unerwartete", "Ungerufene", "Unvorhergesehene", gar "Undenkbare" dem sowjetischen Leser präsentiert werden, 167). Andere verraten handfeste, politisch deutbare Akzentverschiebungen: "Was heute links sein könnte" wird forsch eindeutig gemacht: "Was links sein bedeutet" (171), die "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" vorsichtig neutralisiert: "Der Fang ist so gut..." (170), "Ein Fischer döst" ähnlich behutsam aktiviert: "Gespräch am Ufer" (169), das "Ende der Bescheidenheit" dagegen lautstark dramatisiert: "Die Ketten literarischer Knechtschaft" (171), die "Entfernung von der Truppe" heimlich-entrüstet beim Namen genannt: "Eigenmächtige Abwesenheit" (169).

Bölls Position in der Sowjetunion heute ist nicht mehr mit der Anerkennung früherer Jahre zu vergleichen. Seit 1973 etwa begegnet man mit zunehmender Reserve dem politischen Publizisten Böll, der "sich einmischt" in Fragen der Dissidentenverfolgung (50) und dafür auch "Lob von den falschen Leuten" (55) in Kauf nimmt und entsprechendes Echo darauf ("Wofür lobt 'Die Welt' Heinrich Böll? Aus Anlaß der Angriffe des deutschen Schriftstellers auf die Sowjetliteratur" (sic), 1973, Nr.325); der überdies den Nobelpreis erhalten hat (54), neuerdings gar bedenkliche Nähe zu den sogenannten "Ultra-Linken" (60) aufweist. Von all dem (noch) wenig berührt scheint die Anerkennung des "Dichters" Böll: "Wichtiger ist, was er schreibt, und weniger wichtig, was er sagt, heißt es 1979 (69) - ein Versuch, dasjenige zu trennen, was der Autor als Einheit betrachtet und praktiziert.

Glade kennt den Moskauer Kulturbetrieb aus eigener Anschauung. Seine Leistung als Übermittler ist bedeutend: durch Sichtung, Auswahl, Referieren von bisher Unbekanntem, durch seine Aufarbeitung des Materials, die (wenn auch streckenweise allzu zufällig-chronologisch) geordnete Präsentation und Deutung. Das Bild, das er von der sowjetischen Böll-Rezeption entwirft, weist wohl mehr Ähnlichkeit auf mit der westdeutschen als erhofft (oder befürchtet). Als Stein des Anstoßes stellt sich heraus, drüben wie hüben, Bölls poetologisches Selbstverständnis einer "Aesthetik des Humanen": Böll ist "weniger Analytiker sozialer Systeme oder Reformator, denn Poet-Humanist..., dessen humanitäre Ideale ständig mit der westdeutschen Wirklichkeit kollidieren" (59; M. Rudnickij 1979, Nr.363). In erstaunlicher Nähe zu vorgeschobenen Positionen westdeutscher Böll-Deutung (etwa Christian Linders Formulierung vom "Schreiben als Verteidigung der Kindheit": "Böll überträgt seine moralische Gewissenhaftigkeit auf die ästhetische Sphäre in Form seiner Vorliebe für reine Seelen und für die unschuldige Welt der Kinder und kindhafter Charaktere" (24; N.A. Selomova 1966, Nr.239) werden Versuche sichtbar, Bölls Werk zu begreifen als rückwärts gerichtete Utopie, als - wie es Adorno sah - "Verweigerung eines Einverständnisses mit der Gegenwart" in der immer neuen Mühe, gegenüber dem schlechten Aktuellen Wirklichkeit als Anstrengung der Phantasie entstehen zu lassen. Die "Frankfurter Vorlesungen" bleiben aufgegeben.
  Georg Guntermann



HEINRICH BÖLL UND SEINE SOWJETISCHEN LESER.
In: DER TAGESSPIEGEL. Unabhängige Berliner Morgenzeitung.
     Berlin, 38. Jahrgang / Nr.11051 vom 31.Januar 1982, S.55.

(Rez. über:) Peter Bruhn und Henry Glade: Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. Erich Schmidt Verlag, Berlin. 176 Seiten. 78 DM

Die Rezeption ausländischer Schriftsteller kennzeichnet das Lesepublikum und die geistige Situation eines Landes. Das zeigt die von Peter Bruhn und Henry Glade veröffentlichte Studie "Heinrich Böll in der Sowjetunion". In dem ersten, von Henry Glade verfaßten Teil, "Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption 1952-1979", erhält der Leser interessante Aufschlüsse über die sowjetische literarische Szene, die Prinzipien der Forschung führender Germanisten sowie die gängigen Vorstellungen über die Bundesrepublik. Als erste Übersetzung eines Werkes Bölls erschien 1952 die Erzählung "Mein teures Bein". Bis 1973 wurden alle übrigen Schriften Bölls übertragen und erreichten in der deutschen Originalfassung und in Übersetzungen in das Russische sowie andere Sprachen der Sowjetunion eine Verkaufsziffer von ungefähr drei Millionen Exemplaren. Bei einer 1968 unter den Lesern der "Literaturnaja gaseta" veranstalteten Umfrage nach der Popularität ausländischer Autoren stand Böll hinter Hemingway an zweiter Stelle; es folgten Green, Remarque, Salinger, Steinbeck. Befragte Hochschulstudenten gaben Böll hinter Remarque, Hemingway, Bradbury den vierten Rang, während der seit langem publizierte Heinrich Mann oder Schriftsteller der DDR wie Anna Seghers oder Johannes R. Becher nicht genannt wurden. Bölls Beliebtheit bei dem sowjetischen Lesepublikum erklärt sich aus seiner Thematik, die die Russen von jeher ansprach: der Betonung des Humanen, der Darstellung des existenziell leidenden Menschen. Die verschiedenen Stellungnahmen der sowjetischen Kritiker zum Werk Bölls geben einen interessanten Einblick in ihre Arbeitsmethoden. Eines der wichtigsten Kriterien bei der Bewertung von Literatur ist die Frage, ob sich in ihr genügend "Perspektive" findet, das heißt der Glaube und die Hoffnung auf eine positive Weiterentwicklung der Gesellschaft. Antihelden, die diese negieren, werden abgelehnt. Böll wurde von den sowjetischen Kritikern gelobt und der Tradition Döblins, Falladas, Borcherts zugeordnet, solange er das Schicksal des kleinen Mannes behandelte, der unter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung leidet. Als er jedoch in den Frankfurter Vorlesungen 1968 das Gewissen des Schriftstellers zur ästhetischen Kategorie erklärte, dementsprechend nicht nur auf Mißstände in der Bundesrepublik, sondern auch in der Sowjetunion hinwies und sich für Dissidenten einsetzte, sank seine offizielle Wertschätzung rapide. Außerdem wurden ihm die an Proust, Joyce und Kafka erinnernden "realitätsfremden" stilistischen Experimente der späteren Arbeiten verübelt. Von der Verleihung des Nobelpreises an Böll 1972 nahm die Presse kaum noch Notiz; die Zahl der Veröffentlichungen ging stark zurück. Seit 1973 wurden heftige Attacken gegen ihn gerichtet. Eine Übersetzung der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" ließ Böll nicht mehr zu, da er befürchten mußte, daß seine Vorwürfe gegen die "Bild-Zeitung" durch willkürliche Streichungen, wie es bereits bei "Gruppenbild mit Dame" geschehen war, verzerrt als Verunglimpfung der gesamten bundesdeutschen Presse erscheinen würden.
In dem zweiten, von Peter Bruhn erstellten bibliographischen Teil der Studie sind alle Erstveröffentlichungen der Schriften Bölls in der Sowjetunion sowie alle in russischer Sprache erschienenen Arbeiten über ihn mit den russischen Titeln und der deutschen Übersetzung verzeichnet. Die Studie ist eine wertvolle Dokumentation. Sie zeigt die Möglichkeiten geistiger Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion - und ihre Grenzen. Darüber hinaus vermittelt sie dem des Russischen Kundigen sorgfältig erarbeitetes Material, um durch den noch ausstehenden Vergleich der Ergebnisse sowjetischer und westlicher Interpreten ihre verschiedenen geistigen Voraussetzungen und Positionen näher zu analysieren, vielleicht auch Ansätze zu einer künftigen besseren Verständigung zu finden.
Gabriele Leech-Anspach



[REZ. ÜBER:] BRUHN, PETER and GLADE, HENRY, Heinrich Böll in der Sowjetunion (1952-1979). Erich Schmidt: Berlin (1980). 176 S.
In: THE GERMAN QUARTERLY. Published by the American  Association of Teachers of German.
     Princeton, New Jersey: Jg.1982, S.284-285.

Die vorliegende Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll zeigt, daß eine Rezeptionsstudie dieser Art nicht nur an sich interessant sein kann, sondern auch handfeste Informationen und bibliographische Grundvoraussetzungen für den Forscher liefern kann.

Den westlichen Kritiker wird interessieren, daß Böll bei der allgemeinen Leserschaft nach Hemingway an zweiter Stelle unter den nichtsozialistischen Schriftstellern auf der sowjetischen Bestsellerliste stand. Von den Hochschul- und Universitätsstudenten wurde Böll allerdings nach Remarque, Hemingway und Ray Bradbury auf den vierten Platz eingestuft. Die Autoren Bruhn und Glade berufen sich auf Auswertungen aus den sechziger Jahren, die sie in ihrer Übersicht über die Rezeptionsverhältnisse in abgerundeter Form zusammengetragen haben.

Neben den statistischen Informationen zu den in russischer Sprache chronologisch erfaßten Schriften Bölls und neben der deutsch-russischen und russisch-deutschen Titelkonkordanz und dem separaten Periodika- und Personenregister, bietet dieses Buch aufschlußreiche Auswertungen. So nimmt es nicht wunder, daß die sozialistische Kritik einerseits Bölls Kampf gegen die bundesrepublikanischen "militaristischen und revanchistischen" Tendenzen hervorhebt, andererseits aber Betroffenheit zeigt, daß Bölls Gesellschaftskritik nicht an den Grenzen seines Landes haltmacht und er auch mit kritischen Äußerungen zu bestimmten Erscheinungen in der UdSSR nicht zurückhält. Diese Tatsache hat besonders in den letzten Jahren zu einem Versiegen des sowjetischen Böll-Schrifttums Anlaß gegeben.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Problem der Übersetzungen. Freilich sind literarische Übersetzungen das Ergebnis künstlerischen Nachempfindens. Daß es in einem Ausnahmefall ("Gruppenbild mit Übersetzerin") zu großzügigen Streichungen, ideologischer Anpassung, ja selbst zu groben Verfälschungen kommen konnte, weisen die Autoren mit großer Akribie nach. So ersteht ein abgeänderter, gemilderter oder verstümmelter Böll schließlich vor dem nichtsahnenden sowjetischen Leser. Nicht verwundern wird es, daß es besonders drei Gebiete waren, die dem Rotstift des Zensors in der Gestalt einer Übersetzerin zum Opfer fielen: Sex, Religion und Politik.

Heinrich Böll selbst, der dieses Buch mit einem Geleitwort (S.7) versehen hat, fühlt sich fast überwältigt von dem, was "ein Autor" in der Sowjetunion "an- oder gar ausgerichtet hat". Er habe das, was Henry Glade und Peter Bruhn erarbeitet haben, "mit einer Art Spannung gelesen, die fast nichts mehr mit meiner Person zu tun hatte". Von dem was hier vorgelegt wurde, fühle er sich sozusagen erobert: "Jahrelang habe ich, als meine Bücher schon in der Sowjetunion erschienen, immer nur 'Gerüchte' über diese Tatsache gehört, nie Genaueres; ...jetzt erst, mit dieser Publikation, sind alle 'Gerüchte' mit fast kartographischer Genauigkeit erfaßt."

Nicht von ungefähr erhebt sich die Frage, wie sie auch von Peter Bruhn gestellt wird, ob es in Zukunft zu einer Wiederbelebung des Interesses an Bölls Schrifttum in der UdSSR kommen wird. Dem müßte wohl eine Aussöhnung zwischen Böll und der officiellen Kulturbürokratie zuvorkommen. Eine der ersten Abbildungen dieses Buches zeigt Heinrich Böll neben dem mit ihm befreundeten Übersetzer und Germanisten Lev Kopelev. Bekanntlich wurde Kopelev vor nicht zu langer Zeit aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebt jetzt in der BRD. Wenn man sich diesen Tatbestand vor Augen führt, wird deutlich, daß sich so bald kein Bedarf für eine zeitliche Fortführung der vorliegenden Bibliographie abzeichnen wird.

University of Waterloo

Manfred Kuxdorf


[REZ. ÜBER:] Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979: Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. By Peter Bruhn and Henry Glade. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1980. 176 pp.+ 8 pp. plates. Paper.
In: SLAVIC REVIEW. American Quarterly of Soviet and East  European Studies.
     Urbana,Illinois: 41.1982, Nr.2, S.398.

Both authors of this study treat the subject of Heinrich Böll in the Soviet Union but in inverse order of sequence, importance, and space in the volume. Henry Glade writes the body of the work, but his discussion is allotted only a third of its pages. He links it to Peter Bruhn's bibliography, which occupies the latter two-thirds of the book, by an elaborate numbering system in the footnotes. Each part has its own index and integrity.

Bruhn seems uncertain of his audience. He apparently assumes his readers, though seeking Russian articles, will be unable to read Russian, for he both transliterates and translates every title. For a nonscholarly readership, a selective list would have saved space for a summary of content and evaluation, both of which are lacking here. His list is nevertheless impeccable in detail and his title concordance truly valuable.

Glade unmistakably addresses scholars, at least once relegating dramatic information to a footnote. He indicates the rise and fall of Böll's work by conforming to puritan Soviet standards. Soviet adherence to the international copyright convention in 1973, making possible the stipulation of textual exactitude, the ended further translation of Böll, though not his ascendancy with the intelligentsia, nor the persistence of "Clown" on the stage of the Mossoviet Theater, nor a brief run of the film "Katharina Blum" in Moscow.

For all its inherent interest, Glade's treatment suffers from academic understatement, from its conclusion as long ago as 1978, and from the lack of unified development - parts have been published separately as articles. Only a third of the illustrations relate to Böll. The rest, photographs of his translators and critics, largely resemble the handbills in U.S. post offices of people wanted for crimes. Glade's undoubtedly authoritative and interesting material deserves more fortunate presentation than the one given here.
  Marjorie L.Hoover
  New York City


[REZ. ÜBER:] BRUHN, PETER, und GLADE, HENRY: Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienen Schriften von und über Heinrich Böll. Berlin, Erich Schmidt 1980, 176 S.
In: ZEITSCHRIFT FÜR SLAVISCHE PHILOLOGIE.
     Heidelberg, Bd 43.1983, H.1, S.223-227.

Die Popularität Heinrich Bölls in der Sowjetunion ist ein erstaunliches Phänomen eigener Art. Ihre Wurzeln liegen nicht nur in Bölls hoher erzählerischer Kunst, sondern vor allem in seiner kompromißlosen Gesellschaftskritik und seiner skeptischen Loyalität als Staatsbürger und katholischer Christ. Diese letzteren Faktoren vor allem dürften seinen ungewöhnlichen Erfolg und seine auch gegenwärtig noch unangefochtene Position in den Deutschlehrplänen der sowjetischen Schulen 1) erklären. Diese beherrschende Stellung konnte auch durch sein bekanntes Eintreten für oppositionelle Sowjetschriftsteller und seine persönliche Freundschaft mit einigen von ihnen nicht grundsätzlich beseitigt werden. Der Vorwurf, den offizielle sowjetische Kreise gern (und mit Recht) dem deutschen Lesepublikum und deutschen Verlegern machen, ein sowjetischer Autor sei für sie erst interessant, wenn er zur politischen Opposition gehöre, kann hier durchaus auch in umgekehrter Richtung erhoben werden.

Um zu späterer Zeit eine ausführliche Bewertung des erstaunlichen Umfangs der sowjetischen Böllrezeption vornehmen zu können, mußte erst einmal das bisher vorliegende Material gesichtet und für ein solches Unternehmen aufbereitet werden. Dieser Aufgabe haben sich in einem schmalen, aber faktenreichen Büchlein Henry Glade und Peter Bruhn unterzogen. Der eine, Germanist und Rußlandkenner, steuerte eine kurze Geschichte des Rezeptionsverlaufs, der andere Slavist und erfahrener, durch zahlreiche Publikationen ausgewiesener Bibliograph, annotierte Bibliographien der russischsprachigen Primär- und Sekundärliteratur bei.

Hinter Glades zuweilen etwas reißerisch anmutenden Kapitelüberschriften (Der Clown in Moskau, Gruppenbild mit Übersetzerin, Der gute Mensch aus Köln 2) u.ä.) verbirgt sich eine solide Bewältigung des schwierigen Stoffes und seines häufig irrationalen Hintergrundes, und der Leser gewinnt dabei überraschende Einsichten. Sehr bedeutsam für eine offizielle Anerkennung und Förderung von Bölls frühen Werken waren dabei inhaltliche Merkmale, die für die sowjetische Kritik den Tatbestand des "kritischen Realismus" erfüllten 3). Hierbei heben mehrere Autoren "Haus ohne Hüter" und "Billard um halbzehn" als die beiden Werke hervor, die den für diese literarische Richtung erhobenen Forderungen am meisten entsprächen, und auch sog. formale "Modernismen" konnten damals diese positive Bewertung nicht beeinträchtigen. Diese Bewertung erfolgte während der sich über mehrere Jahre erstreckenden Realismusdiskussionen, die ihren Höhepunkt Anfang der sechziger Jahre erreichten. Die erste von den Autoren ermittelte Böll-Übersetzung war dagegen bereits ein Jahrzehnt früher, noch zu Lebzeiten Stalins, erschienen 4).

Um so größer freilich war die Enttäuschung bei der sowjetischen Kritik, als Böll in den siebziger Jahren - vor allem unter dem Eindruck der verschärften Verfolgung und Ächtung Solzenicyns - auch jetzt seine unabhängige Position als kritischer Beobachter seiner Zeit und Verteidiger seines schriftstellerischen Auftrages beibehielt. Der Umschlag in der sowjetischen Bewertung läßt sich gut an einem Artikel der Literaturnaja gazeta vom 8.8.1973 u.d.T. "Za cto 'Vel't' chvalit Genricha Bellja" belegen 5). Ende 1974 kennzeichnet ein weiterer Zeitungsartikel u.d.T. "Predel moral'nogo padenija" 6) die inzwischen entstandene tiefe Kluft, und Bruhn dokumentiert anschaulich, wie zwei in den wöchentlich erscheinenden annotierten Vorankündigungen "Novye knigi" ausdrücklich angekündigte Beiträge in den hierfür vorgesehenen Sammelbänden schließlich fehlten 7). Das Jahr 1977 bildet dann einen gewissen Höhepunkt in der zunehmenden Distanz zu Böll, denn als einzigen Nachweis einer Erwähnung Bölls in der gesamten sowjetischen Kritik führt Bruhn ein in Kiev erschienenes Buch 8) an, das im Personenindex Böll zweimal nennt. Da auf den beiden im Index genannten Seiten Böll jedoch nicht erwähnt wird, entsteht der peinliche Verdacht, man habe vergessen, nach der Eliminierung Bölls aus dem Text das Personenregister zu korrigieren.

Die Rezeption verläuft seit 1974 überhaupt recht eigenartig: Nach Glades Information 9) wird Böll seitdem nicht mehr in Russisch, wohl aber noch in anderen Sprachen der UdSSR verlegt 10). Bedauerlicherweise gibt Glade die Gründe bzw. seine Vermutungen für diese nicht an. Handelt es sich dabei wohl um eine Art "Kulturhoheit der Länder" oder schlicht um einen Informationsrückstand in den betreffenden Republiken?

Besonders evident wird die Problematik der offiziellen Böllrezeption im russischen Sprachgebiet angesichts einer Bewertung der vorliegenden Übersetzungen. Selbstverständlich liefert der schmale Band keine ausführliche Analyse sämtlicher existierender russischen Fassungen, und auch in der Sowjetunion gibt es dazu nur einige Vorarbeiten aus jüngerer Zeit 11). Es geht hier auch nicht um die Variationsbreite einzelner Passagen oder auch nur der deutschen Originaltitel, so reizvoll der letztere Vergleich dank Bruhns ausgezeichneter Bibliographie auch wäre 12). Es geht vielmehr um nicht weniger als um eine Redigierung des Bölltextes für den sowjetischen Leser, deren Skala von einer puristischen Paraphrasierung ad usum Delphini bis zu einer eindeutig politischen Bevormundung des Lesers reicht. Diese nicht durch übersetzerische Unkenntnis oder durch zu große strukturelle Unterschiede zwischen beiden Sprachen entstandenen, sondern als planmäßige Anpassung an die eigenen ideologischen Wünsche und Bedürfnisse zu wertenden mutwilligen Entstellungen des Originals betreffen allerdings ausschließlich Bölls letztes größeres in der UdSSR erschienenes Werk, den Roman "Gruppenbild mit Dame". Glades Beispiele 13) sprechen eine deutliche Sprache und entlasten gewissermaßen die Übersetzerin, die durch Weisungen gebunden gewesen sein muß. Die schlimmste derartige Entstellung, nämlich statt des Satzanfanges "Es gibt nämlich eine sehr einfache Methode..." dessen Umwandlung in das Präteritum mit dem Zusatz "in Deutschland" 14) kann einem Übersetzer, selbst im Zustand von Geistesverwirrung, nun wirklich nicht aus Versehen passieren, auch wenn das Übersetzungswesen in der Sowjetunion nicht den in der ganzen Welt bekannten hohen Standard besäße. - Selbstverständlich war man damals, vor dem Beitritt zum Welturheberrechtsabkommen, berechtigt, Bölls Werke nach eignem Gutdünken zu ändern, doch will es der Brauch, daß man dann nicht von einer "geringfügig gekürzten" Fassung 15), sondern etwa von einer freien Bearbeitung spricht.

Überhaupt bildet Glades kleine Studie mit ihren interessanten Beobachtungen der sich häufig wandelnden Reaktion von seiten der Literaturkritik eine Art Seismograph der sowjetischen Kulturpolitik im allgemeinen, dessen Richterskala ebenso empfindlich wie auf eine Erwähnung des Prager Frühlings (S.45) auch auf das Fehlen der nun plötzlich erwünschten modernistischen Tendenzen in Bölls Erzähltechnik (S.35) ausschlug.

Peter Bruhns bibliographische Dokumentation ist, besonders angesichts des schwer zugänglichen Materials, ein Musterbeispiel an Präzision und bibliographischer Verantwortung. Man liest sich in den mehr als hundert Seiten seines Beitrages fest und wird stellenweise von den nüchtern vorgelegten Fakten sogar innerlich bewegt, was gewiß nur wenigen bibliographischen Publikationen gelingen dürfte. Fehler wird man in dem außerordentlich sorgfältig redigierten Satz vergeblich suchen, und lediglich bei wenigen Übersetzungen könnte man anderer Meinung sein 16). - Übrigens wirken auch manche russischen Titelfassungen bemerkenswert neutral: So träfe m.E. das Fremdwort "biznes" besser den Sinn von "Geschäft ist Geschäft" als das farblose "torgovlja", und statt Bölls bildkräftigem, ironiegeladenem Titel "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" wählen gleich zwei Übersetzer (Fridljand und Kravcenko) für ihre beiden Fassungen die wenig aussagende Übersetzung "Molcanie doktora Murke".

Noch manches ließe sich zu Glades Rezeptionschronik sagen, und noch manche Entdeckung bergen Bruhns scheinbar dürre Fakten. Fest steht gleichwohl, daß jede künftige ausführliche Untersuchung des "russischen Böll", gleichgültig ob aus deutscher oder aus sowjetischer Sicht oder aus dem Blickwinkel eines Dritten, an dieser fleißigen und sachkundigen Arbeit nicht vorbeigehen kann.

Münster i.W.,  Wolfgang Busch

1)Als der Rezensent im Herbst 1980 in der UdSSR eine Schule mit erweitertem Deutschunterricht besuchte, wurde dort als einziger für die Lektüre vorgeschriebener Autor aus der Bundesrepublik (deren Autoren selbstverständlich von denen aus der DDR streng getrennt aufgeführt waren) Böll genannt. Auf die Frage, weshalb nicht noch einige andere Namen als Alternative erwähnt seien, hieß es, das wisse man natürlich nicht. Es komme "von oben".

2)Nach dem Titel eines Aufsatzes von L.Ginzburg a.d.J.1965 (s.Nr.220 in Bruhns Sekundärbibliographie auf S.122)

3)Über das Verhältnis Bölls zum kritischen Realismus vgl.den Artikel "Realizm" von T.L. Motyleva in der KLE, t.6 (1971), 215-225, und Bruhns Notiz unter Nr.303 (S.140).

4)Nämlich 1952, als der Autor fälschlich "Genrich Boll'" transliteriert worden war, während noch bis in die siebziger Jahre die Schreibweisen "Bel'" und "Bell'" miteinander konkurrierten. Erst in den letzten Jahren hat sich die Namensform "Bell'" (so Lev Kopelev im 1962 erschienenen ersten Band der KLE, Sp.512) durchgesetzt, die dem deutschen Original graphisch am ehesten entspricht.

5)s.Nr.325 (S.144) der Bibliographie.

6)s.Nr.338 (S.147-148).

7)Nrn.336 und 337 (S.147).

8)Nr.356 (S.152).

9)S.58.

10)Die erwähnte "Anordnung von oben" (ibid.) wird leider nicht näher präzisiert.

11)Vgl.Nrn.264 (Brandes), 278, 279, 280, 287 (alle Ostudina), 297 (Smirnova), 300 (Brandes) und 318 (Ostudina).

12)Als Beispiel genannt seien hier nur die divergierenden Titelübersetzungen von "Unberechenbare Gäste" als "unerwartete, ungerufene, unvorhergesehene" und schließlich sogar "undenkbare" Gäste!

13)Auf den S.41-47.

14)S.44.

15)So auf Anm.1 der Übersetzung, zitiert bei Glade, S.41.

16)So taucht etwa (S.111 u.137) das - freilich seit Jahrzehnten sanktionierte - Wortungetüm "Allunionsbibliothek" auf, und in der Kommentierung hätte (S.103) das unschöne Adjektiv "bundesdeutsch" vermieden werden sollen, zumal es auch im Russ. kein Äquivalent aufweist. (Vgl. Bol'soj nemecko-russkij slovar'. Pod ruk. O.I. Moskal'skoj. T.1. M.1969, 299, s.v. "bundesdeutsch = nachodjascijsja v FRG.") - "Dve nedeli u literatorov FRG" (S.140) ist wohl besser ohne bestimmten Artikel wiederzugeben.



[REZ. ÜBER:] Peter Bruhn und Henry Glade. - Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979. (Berlin, Erich Schmidt Verlag, 1980, 176 p., DM 78,-)
In: COLLOQUIA GERMANICA. Internationale Zeitschrift für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft, published  for the University of Kentucky.
     Bern: Band 16.1983, S.85-87

Personalbibliographien zu Gegenwartsautoren sind leider immer noch ein Desiderat in der literaturwissenschaftlichen Forschung, dabei schließen gerade sie die unvermeidlichen Lücken in den periodischen Fachbibliographien und ermöglichen allererst eine gesicherte Bestandsaufnahme der vielschichtigen Wirkungsgeschichte eines Autors. Ein Teilaspekt eines solchen Prozesses, die Rezeption eines westdeutschen Autors in der sozialistischen Literaturkritik, wird am Beispiel Heinrich Bölls in der Sowjetunion verständlich und materialreich dokumentiert: damit setzen die Verfasser nicht nur die Reihe der verdienstvollen Böll-Bibliographien (Werner Martin, 1975; Walter Lengning, 5.Aufl. 1977; Ray Lewis White, 1979) fort, sondern leisten damit gleichzeitig Pionierarbeit für die Erforschung der internationalen Rezeption neuerer deutscher Literatur.

Der erste Teil des Bandes von Henry Glade, Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption 1952-1979 (S.9-64), gibt Auskunft über die Auflagenhöhen der Übersetzungen in russischer Sprache, die zwischen 20.000 (Hörspiele, 1968) und 300.000 Exemplaren (Ansichten eines Clowns, 1965) liegen, referiert und kommentiert kritische Pressestimmen zu "Haus ohne Hüter" und "Billard um halbzehn" aus dem Zeitraum 1956 bis 1963, setzt sich aber auch mit sowjetischen Interpretationen (P. Toper, M. Bazan, V. Admoni) und der Aufnahme der Bühnenfassung der "Ansichten eines Clowns" von 1964 auseinander. In den folgenden Kapiteln untersucht Glade methodenkritisch die ersten Darstellungen zu Bölls Gesamtwerk (A. El'jasovic, I. Rodnjanskaja) und weist auf die erste und bislang einzige Monographie von S.V. Roznovskij (1965) hin, geht exkursorisch auf die Kritik aus dem strukturalistischen Lager ein (L. Kopelev, R. Orlova etc) und zitiert eine Reihe von Textbeispielen aus der verfälschten russischen Fassung von "Gruppenbild mit Dame" (1973). Der Rezeptionsanalytische Teil schließt mit einem Begründungsversuch für Bölls zunehmende Schwierigkeiten mit der Kulturbürokratie, die im Jahre 1972 mit der Verleihung des Nobel-Preises für Literatur ihren Anfang nahmen und schließlich 1976 zu einer Streichung aus einer Anthologie westdeutscher Autoren führten (vgl.Nr.336): an diesem Trend der offiziellen Kritik habe sich seither nichts geändert. Obwohl Bölls Werke nicht auf den Index gesetzt worden sind, erscheinen seine Arbeiten seit 1974 nicht mehr in russischer Sprache, wohl aber in der Sprache anderer Nationalitäten der UdSSR (S.58).

Die hervorragende und Vollständigkeit anstrebende Bibliographie von Peter Bruhn bildet den zweiten Hauptteil des Buches (S.65-176): sie verfährt chronologisch und enthält 88 Nachweise für Quellen und 279 Titel russischer Publikationen über Böll; die einschlägigen Böll-Kapitel in größeren literaturgeschichtlichen Darstellungen werden ebenso erfaßt wie Hochschulschriften, Zeitungsartikel, Rezensionen und Aufsätze in kulturellen Periodika; selbst kürzere Hinweise und Erwähnungen Bölls werden berücksichtigt. Die bibliographische Titelaufnahme ist einheitlich und kann angesichts der dargebotenen Faktenfülle als vorbildlich gelten (auch bei Tageszeitungen werden stets Seitenangaben gemacht): Neben dem kyrillischen Originaltitel werden sowohl dessen lateinische Transkription als auch eine deutsche Übersetzung gegeben; dadurch wird das Buch auch für den der russischen Sprache nicht mächtigen Germanisten zu einem wertvollen Hilfsmittel. In vielen Fällen werden die Angaben durch stichwortartige Kommentare (in Kursivsatz) und Hinweise auf andere bibliographische Fundstellen (in Petitsatz) sinnvoll ergänzt; diese typographische Differenzierung schafft Übersichtlichkeit innerhalb der oft mehr als zehnzeiligen Angaben. Eine deutsch-russische und eine russisch-deutsche Titelkonkordanz, ein Register der ausgewerteten Periodika und ein Personenverzeichnis (Vornamen leider nur abgekürzt!) gewährleisten eine rasche Orientierung und eine arbeitsökonomische Handhabung der Bibliographie.

Für die Böll-Forschung ist dieses Buch eine unentbehrliche Informationsquelle und ein willkommenes Nachschlagewerk, für die empirische Rezeptionsforschung stellt es aufschlußreiches Datenmaterial zur Verfügung. Spezialbibliographien dieses Formats über andere Autoren wären ein unschätzbarer Gewinn für die internationale Germanistik!
Nicolai Riedel, Passau



[REZ. ÜBER:] Heinrich Böll in der Sowjetunion 1952-1979: Einführung in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. Von Peter Bruhn und Henry Glade. Berlin: Erich Schmidt, 1980. 176 Seiten + 15 Abbildungen. DM 78,-.
In: MONATSHEFTE.
    Madison,Wisconsin, 1984, Nr.2, S.241-242.

Böll's success in the Soviet Union has become a legend. In this volume one can pursue its foundation in fact. Glade's introductory essay (9-64) is followed by Bruhn's bibliography (65-176). They open up the range of Russian Böll criticism to the Germanist and also provide a case study in Soviet cultural politics.

Böll sold ca. three million books in the USSR (12). He found special resonance in the 'Intelligentsia', who share his outlook on life (13, 56) and see in him a 'relative' of Dostoyevsky (10, 57). His early novels received official blessing as examples of Critical Realism (19). The 'Clown', although lacking in 'perspective', probably is the most popular and inspired successful drama productions which stress its antifascist elements (23-29). Scholarly reaction to Böll was initially very positive, later more critical and more formally oriented (30-38). 'Gruppenbild' brought (the first) serious problems with a translation that expurgated sex, politics, and religion (39-47) Critical reaction to 'Gruppenbild' was mixed (48-51). 'Katharina Blum' was not published in the USSR because Böll discouraged it (to avoid cheap propaganda), but the film was shown (52). Böll's attacks on Soviet cultural politics have brought him disfavor and an end to the publication of his works in Russian in 1974 (58). He is not banned, though, and the critical debate among specialists is still balanced (58f.). There seems to be hope in the USSR hierarchy that Böll may be reclaimed later, and thus no bridges have been burned yet (60).

In addition to the listings promised in the title of the book, the bibliography contains a table of first-publication years in Russian, title concordances in Russian and German (with transliterations and translations of Russian titles throughout), and an index of periodicals cited. The secondary sources range from a monograph to entry No.356: the mention of Böll in the index of a 1977 book from whose text references to him were eliminated. Such an item obviously says more about the USSR than Böll, but it attests to the desired completeness of the bibliography. The entries contain ample information, including reference to other Böll bibliographies (e.g.Lengning). Both parts of the book contain independent indexes.

Although the volume is not completely free of misprints and stylistic oddities, it has been written and proofread with care; also the (soft cover) binding is of decent quality. On the whole, and in its limited scope, this is an enjoyable study.

Columbia University   - K. Eckhard Kuhn-Osius



[REZ. ÜBER:] Bruhn, Peter; Glade, Henry: Heinrich Böll in der Sowjetunion. 1952-1979. Einf. in die sowjetische Böll-Rezeption und Bibliographie der in der UdSSR in russischer Sprache erschienenen Schriften von und über Heinrich Böll. - (Berlin:) E. Schmidt (1980). 176S. 8° Br. DM 78,-

In: GERMANISTIK. Internationales Referateorgan mit bibliographischen Hinweisen. Schriftleitung: Tilman Krömer
     Tübingen, Jg.28.1987, Nr.2/3, Pos.4573

XXXI. Vom Naturalismus bis zur Gegenwart
 Einzelne Dichter
 Böll, Heinrich

Zitat von S.611:
Die Arbeit besteht aus zwei Hauptteilen: einem "Abriß der sowjetischen Böll-Rezeption 1952-1979" und der Bibl. der russ. Übersetzungen von B.s Werken sowie der Sekundärlit. Übersetzungen und Schriften in anderen Sprachen der SU zu verzeichnen, ist nicht gelungen. Die Rezeption des Werkes B.s bewegt sich zwischen zwei Polen. Einerseits gibt es freundliche und oft feinfühlige Besprechungen und Analysen, andererseits, besonders von der konservativen Seite, wird auf die Unzulänglichkeit der ideologisch-politischen Positionen B.s hingewiesen und somit B. in die Tradition des "kritischen Realismus" eingeordnet. Der unbestrittene Erfolg B.s beim sowjet. Leser wird von der russ. Kritik auf eine vermeintliche Ähnlichkeit mit Dostoevskij (Sympathie mit dem leidenden Menschen) und Gogol' (Humor) zurückgeführt. Nach der Verleihung des Nobelpreises und B.s offenen Ausdrücken von Sympathie mit den linksradikalen Elementen in Westdeutschland ändert sich die offizielle Haltung. B.s Werke werden nicht mehr übersetzt, und Erwähnungen seines Namens beschränken sich auf die Gesamtdarstellungen der westdt. oder europ. Lit.

  Roman S. Struc,
  Calgary/Alberta


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