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Enthusiastisch direkt nach der Eröffnung ihrer Ausstellung (v.l.n.r.) Robert Liebscher, Tobias Mörike und Brigitte Krause.
Enthusiastisch direkt nach der Eröffnung ihrer Ausstellung (v.l.n.r.) Robert Liebscher, Tobias Mörike und Brigitte Krause. (Photo: Thomas Brünner)
LIBREAS PODCAST # 9

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Spieldauer/Running Time: 29min 04sec

Interview mit Brigitte Krause, Robert Liebscher und Tobias Mörike

Im Rahmen eines Projektseminars am Seminar für Afrikawissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin haben sich Brigitte Krause, Robert Liebscher und Tobias Mörike 2007/2008 mit Bibliotheken in Afrika beschäftigt und die Ausstellung "Wissensstädte – Bibliotheken in Afrika" erstellt. LIBREAS unterhielt sich mit ihnen über die Geschichte afrikanischer Bibliotheken, Herausforderungen der Mehrsprachigkeit und dem Streben, sich in Afrika dem kolonialen Erbe zu entledigen sowie die Realität in afrikanischen Bibliothekswesen jenseits des exotistischen Blicks auf Kamelbibliotheken.

 

Transkription zum Interview

LIBREAS PODCAST #9
Interview mit Brigitte Krause, Robert Liebscher und Tobias Mörike
Karsten Schuldt (Interview, Transliteration)
Sprache/Language: Deutsch
Spieldauer/Running Time: 29 min 04 sec
Datei/File: mp3/16,6 mb
Bitrate: 80 kBit/s
Aufnahmedatum/Recorded: 21. Oktober 2008
Veröffentlicht/Published: 12. November 2008
Über: Vorkoloniale Zeit in Afrika, Koloniale Bibliotheken, Mulitlingualität, Aufgaben afrikanischer Bibliotheken und Open Access

[00:42]
LIBREAS: Brigitte Krause, Robert Liebscher und Tobias Mörike studieren an der Humboldt-Universität zu Berlin Afrikanistik. Im Rahmen eines Projektseminars beschäftigten sie sich ein Jahr lang mit Bibliotheken in afrikanischen Städten. Ein Ergebnis ihrer Arbeit ist die Ausstellung "Wissensstädte - Bibliotheken in Afrika", die im Oktober 2008 an der Humboldt-Universität vorgestellt wurde. Ich traf mich nach der Eröffnung dieser Ausstellung mit den dreien zu einem Gespräch über Bibliotheken in Afrika. Wir haben in diesem Gespräch sehr unterschiedliche Themenbereiche angesprochen, was aufgrund des umfassenden Themas vorherzusehen war. Beständig stießen wir dabei auf das Problem, dass es bislang nur sehr wenige Arbeiten über afrikanische Bibliotheken und Bibliothekssysteme gibt und das deshalb jede Aussage mit großer Vorsicht behandelt werden muss.

Der folgende Podcast stellt einen Zusammenschnitten dieses Gespräches dar. Mein Name ist Karsten Schuldt und ich führte dieses Gespräch für die LIBREAS-Redaktion.

Vorkoloniale Zeit

[01:03]
Tobias Mörike: Bibliotheken gab es schon in vorkolonialer Zeit: Große Textsammlungen auf äthopisch, auf Ge′ez größtenteils. Aber auch in Timbuktu, dass seit dem 14. Jahrhundert ein sehr großes islamisches Lehrzentrum war, wo Theologie, Geschichte, arabische Grammatik unterrichtet wurde. Und aber nicht nur in arabisch geschrieben wurde und Texte auf arabisch gesammelt wurden, sondern auch afrikanisch Sprachen, wie Hausa und Fulani mit arabischer Schrift geschrieben wurden.

Was deine Frage anbetrifft: die Bedeutung der Schrift. Die arabische Schrift ist natürlich auch die Schrift und arabisch die Sprache des Koran. Das hat noch mal eine ganz besondere Bedeutung, in einem guten Hocharabisch zu schreiben. Das hat für die islamische Welt immer einen ganz besonderen Status gehabt, Wissensquelle zu sein und war auch noch mal eine Surplus, auch einen Mehrwert, in der heiligen Sprache zu schreiben.

Wissensaustausch hat zwischen Nord- und Westafrika ab dem 10. Jahrhundert stattgefunden. Also so wie es uns die Histographie vorschlägt, dass es ab dem 10. Jahrhundert Handelsbeziehungen gab, Leute, die um Salzhandel zu machen, Menschenhandel, Sklaverei, Gold die Wüste überquert haben. Und in der Zeit ging es halt nicht nur um Handelsgüter, sondern Menschen fingen an, sich auch für ihre Gäste zu interessieren, den Glauben zu übernehmen, der natürlich mehr als eine Religion, sondern auch ein Rechtsstatus war. Wenn man eben sichere Handelsbeziehungen haben wollte, dann war islamisches Recht, eben selber Moslem zu sein, auch eine gute Bedingung, um miteinander Handel zu treiben.

Bis in die Zeit geht auch der islamische Wissensaustausch, die islamische Philosophie zurück. Was zum Beispiel sehr interessant ist, ist dass die griechischen Texte, Aristoteles, Plato, die Philosophen über das Arabische, über die arabische Übersetzung nach Europa, nach Italien gekommen sind und unsere Renaissance begründet haben.

Die koloniale Bibliothek

[03:23]
Robert Liebscher: Es gibt ja nach wie vor noch die Vorstellung, dass Bibliotheken in unserem, im europäischen Sinne, mit den Kolonialmächten selbst gekommen sind. Diese Sicht ist halt nur richtig, wenn man unter Bibliothek das versteht, was wir unter einer Bibliothek verstehen, als die Bibliothek oder die Bibliotheken, die in der Kolonialzeit in Afrika entstanden sind, letztlich nicht nur die Bibliotheken, die gebaut wurden, sondern letztlich die Bibliotheken, die in den Köpfen funktionierten: Sprich, die koloniale Bibliothek ist vor allem erstmal ein Diskurs derjenigen, die von außen kamen über die, die kolonisiert werden sollten. Sprich: die koloniale Bibliothek stand nicht nur in der Kolonie selbst, sondern vor allen Dingen im sogenannten Mutterland der jeweiligen Kolonie. Sprich: außerhalb der Kolonie wurde bestimmt, was in der Bibliothek in der Kolonie stehen soll, welches Wissen rezitiert werden soll, welche Bücher übersetzt werden und vor allen Dingen, welche nicht. Was dazu geführt hat, dass das Modell oder die Vorstellung von Bibliothek sozusagen tief in einen begonnenen Modernisierungsprozess eingepflanzt wurde.

Ein Modernisierungsprozess, mit dem zwar öffentlich nach der Unabhängigkeit bewusst gebrochen wurde, um sich natürlich vom Kolonialismus zu lösen, der aber dennoch strukturell bis heute nachwirkt. Denn auch wenn in den 60er Jahren viele afrikanische Länder ihre politische Unabhängigkeit erlangten, so sind doch Strukturen, insbesondere Informationsstrukturen, über die Zeiten hinweg eher geblieben und wirken eben auch bis heute noch nach. Was letztlich all die Fragen betrifft: Was ist sammelnswert? Was nicht? Welche Systeme, welche Katalogsysteme, welche Ordnungsprinzipien werden angewandt? Und was macht quasi auch die klassische Ausbildung eines Bibliothekars aus?

Und da sollten wir vielleicht auch einmal weniger über die, die kolonisiert haben, sondern über die, die kolonisiert wurden, reden. Dass das Ganze nicht so dichotomisch da steht: der eine gibt, der andere nimmt. Die koloniale Bibliothek war einfach auch attraktiv, sicherlich auf eine andere Weise. Weil sie eben genau das Wissen anbot, was in der Kolonialzeit die Möglichkeit gab, sozialen Aufstieg – sprich Jobs und Geld – zu verdienen. Und das hat sich auch nach der politischen Unabhängigkeit sicherlich fortgesetzt, weil die wirtschaftlichen Strukturen im Grunde eher gleich geblieben sind.

Also Bibliotheken, und auch vor allem die koloniale Bibliothek, haben im Grunde ein sehr ambivalentes Verhältnis gespielt: einerseits hat die koloniale Bibliothek immerfort betont, dass nur der gebildet ist, der auch Schrift beherrscht und schreiben kann und Bücher lesen kann – und jeder, der das nicht kann, automatisch als ungebildet im europäischen Sinne galt. Auf der anderen Seite haben sie dadurch, dass sie das Wissen der Kolonisierenden angeboten haben, letztlich auch die Möglichkeiten bereitgestellt, sich sozusagen das Vorgehen sich bewusst zu machen, derer die kolonisieren, um so Lösungen zu finden, den Kolonialismus auch zu überwinden.

[06:32]
LIBREAS: Gab es denn signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Kolonialmächten, wie Bibliotheken benutzt wurden? Es gibt ja die Erzählung, dass zum Beispiel das britische Empire mehr darauf geachtet hat, sich mit der jeweiligen lokalen Kultur einigermaßen gut zu stellen, im Gegensatz zum Beispiel zum belgischen König, der den Kongo größtenteils ausgebeutet hat. Hat sich das auch in der Bibliothekslandschaft widergespiegelt, in dem Anspruch, den Bibliotheken hatten?

[06:59]
Robert Liebscher: Da Bibliotheken ein nicht zu unterschätzender Teil des kolonialen Systems, also sprich der Verwaltung und der wirtschaftlichen Strukturen waren, spiegelte sich natürlich ganz klar die jeweilige koloniale Verwaltungspolitik der einzelnen Kolonialmächte im Bibliothekswesen nieder. Du hast gerade eben auch zwei extreme Beispiele genannt. Auf der einen Seite der belgische König, dessen wirklich rein primäres Interesse es war, seinen persönlichen absolutistischen Haushalt durch die Ausplünderung des heutigen Kongo zu fühlen, was letztlich grandios gescheitert ist und sehr viel Brutalität mit sich brachte. Auf der anderen Seite das englische Kolonialsystem, was erstmal natürlich auch ein Fremdbeherrschungssystem war, aber dennoch im Vergleich zum Beispiel auch zum französischen, mehr auf indirekte Herrschaft setzte; sprich, sich selbst viel stärker von lokalen Herrschern abhängig machte. Gerade in den englischen Kolonien haben wir durchaus Tendenzen, lokales Wissen soweit zumindest auch mit aufzunehmen, wie es für die eigene koloniale Verwaltung der Kolonie dienlich gemacht werden kann.

Eine anderes Beispiel sind Sprach- oder Regierungsschulen in den deutschen Kolonien, zum Beispiel im ehemaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, wurden gezielt in Tanga, Tabora oder Dār as-Salām Regierungsschulen eingerichtet, um die Kolonialbeamten vor Ort in der gängigen Landesverkehrssprache Swahili zu unterrichten. Und dafür wurden zum Beispiel das bisher nur in arabischen Schriftzeichen verfasste Swahili-Vokabular bewusst auf lateinische Buchstaben transkribiert, um eben so eine lokale Sprache für die koloniale Verwaltung nützlich zu machen.

Anders sah es eher in den französischen Kolonien aus. Die Franzosen haben eher eine Politik der direkten Verwaltung gesucht und haben vor allen Dingen ihr Konzept von Franzose-Sein zu einem elementaren Fundament ihrer Kolonialpolitik gemacht. Sprich: über das Erlangen der französischen Sprache hat man automatisch einen sozialen Aufstieg bekommen und hat sozusagen sich anfangs sogar das Recht erarbeitet, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Das ist durchaus je nach Kolonialmacht in unterschiedlichen Tendenzen sichtbar geworden, weil eben Bibliotheken ein ganz zentraler Teil der Kolonialverwaltung waren. Größer sind dennoch die Gemeinsamkeit, als die Unterschiede. Der tiefe Wandel, der durch den Kolonialismus einsetzte war weniger in den verschiedenen Nuancen der jeweiligen Kolonialpolitik bedingt, sondern natürlich erst einmal grundsätzlich in dem Fakt, dass hier etwas Fremdes von Außen transportiert wurde und dies natürlich zu vielen Brüchen und Veränderungen von Identitäten und auch Informations- und Wissensstrukturen in afrikanischen Gesellschaften führte.

Man muss im Grunde immer das Gegenbeispiel vorhalten, wie es wäre, wenn eine Gesandtschaft von Wissenschaftlern aus der Elfenbeinküste jetzt hier nach Deutschland, Berlin kommen würde und hier gezielt versuchen würde, eine oral-Bibliothek aufzubauen. Inwieweit würde man da jetzt hier gleich erstmal ein Verständnis voraussetzen können, dass das eine sinnvolle Sache sein müsste?

Bibliotheken im modernen Afrika

[10:52]
LIBREAS: Bibliotheken, zumindest westliche Bibliotheken, nehmen für sich ja in Anspruch, mehrere Aufgaben zu erfüllen, innerhalb einer Gesellschaft. Sie wollen zum Beispiel Bildungseinrichtungen sein, sie wollen kulturelle Einrichtungen sein und sie wollen auch oft eine Einrichtung sein, die dazu beiträgt, dass die demokratische Gesellschaft als demokratische Gesellschaft funktioniert. Deshalb die Frage: funktioniert das in afrikanischen Bibliothekswesen auch? Waren Bibliotheken auf dem Weg der Befreiung der einzelnen afrikanischen Staaten, Träger demokratischer Gedanken? Sind sie heute Stützpfeiler einer Zivilgesellschaft?

[10:59]
Brigitte Krause: Also ich denk mal, die großen Projekte schon. Zum Beispiel in Marokko die riesige Universitätsbibliothek, die selber auch Forschung betreibt und nach außen trägt. Das denke ich schon, dass Demokratisierung von der Bibliothek an die Leser sozusagen vermittelt wird. Aber vielleicht sollte man eher andersherum fragen, wie viel Demokratisierung wird an die Bibliotheken herangetragen, vom Staat, von der Regierung? Also, ich denk mal, die Rolle ist in jedem Land anders. Eine schwierige Frage, eigentlich. Aber auf jeden Fall: Wissen zur Verfügung zu stellen, gibt den Menschen die Möglichkeit, sich zu bilden und sich eigene Gedanken zu machen. Und ich denke mal, das macht jede Bibliothek, je nachdem wie sie auf die Bedürfnisse der Nutzer eingeht.

[12:04]
Robert Liebscher: Also einerseits folgte leider auf viele Unabhängigkeitserklärungen, Unabhängigkeitsbewegungen oder allgemein auf den großen politischen Wandel der 60er Jahre in wenigen Fällen direkt eine Demokratisierung der vorher Kolonisierten. Auf der anderen Seite gibt es nach wie vor zahlreiche, auch sehr positive Entwicklungen für Demokratie in Afrika selbst. Ich glaube für diese Frage, wo da letztlich Bibliotheken zu verorten sind, in diesem Spannungsfeld aus Bevölkerung und Staat, ist einerseits die Frage von Öffentlichkeit wichtig, inwieweit in der Öffentlichkeit selbst Bibliotheken als Träger, als Akteur von Demokratisierung anerkannt sind und gesehen werden – denn nur dann werden sie auch mit diesem Wissen, diesem Empfinden auch genutzt. Auf der anderen Seite ist es auch hier wiederum die Frage, wie viel Mühe gibt sich der Staat seine Bibliotheken dahingehend zu ordnen, dass sie eben der Demokratisierung, der Pluralisierung der Gesellschaften dienlich sind. Also auch da sehe ich noch eher eine nach wie vor herrschende Spaltung in wenige, gut ausgebaute Bibliotheken, die doch eher Wissenseliten kreieren und auf der anderen Seite einen breiten, aber finanziell unheimlich schwach ausgestatteten Sektor Öffentlicher Bibliotheken, die im Grunde Jahr für Jahr um ihr Bestehen kämpfen und mit den wenigen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, unglaublich viele verschiedene Bedürfnisse zu befriedigen suchen.

Multilingualität

[13:34]
LIBREAS: Vielleicht könnt ihr was zum Thema der Vielsprachigkeit in Afrika sagen, weil: das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, meineserachtens, für die bibliothekarische Arbeit.

[13:43]
Robert Liebscher: Vielsprachigkeit ist weniger Konzept, sondern mehr Tatsache in Afrika. Dies bedeutet, wenn wir uns anschauen, dass es grob 3000 Sprachen auf der Welt gibt, so werden etwas um die 1500 allein davon auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen. Was nicht nur heißt, dass viele Gesellschaften viele eigene Sprachen haben, sondern vielmehr, dass Menschen auf dem afrikanischen Kontinent grundsätzlich mehrsprachig sind, also mehrere Sprachen sprechen. Sprich: man wacht zu hause im Bett auf, spricht seine Muttersprache, fährt dann mit dem Bus zur Schule, unterhält sich dort in einer geläufigen Verkehrssprache im Bus, während wiederum in der Schule in Englisch oder der offiziellen Nationalsprache des Landes unterrichtet wird. Also, man ist ganz einfach im Alltag mit mehreren Sprachen konfrontiert und ist aber auch in diese Situation hinein gewachsen. Das ist nichts, was als Problem wahrgenommen wird. Aus unserer Sicht klingt es umständlich: in Europa gibt es seit 200 Jahren die Idee, dass sozusagen ein Staat, ein Volk eben auch nur eine Sprache spricht, während die Existenz mehrerer Sprachen im Alltag im Grunde afrikanische Realität und einfach auch eine Tatsache ist.

Dies bedeutet letztlich, dass die Sprachen, in denen Bibliotheken zu der Gesellschaft sprechen, die Sprachen, in denen die Dinge gesammelt werden die in einer Bibliothek sich dann befinden, pluralistisch angelegt sein müssen. Dass bedeutet aber auch, dass eine Bibliothek dadurch distanzierter sein kann. Denn wenn eben in einer Bibliothek nur eine oder nur einige wenige offizielle Sprachen vorherrschen, dann ist eine Bibliothek gefühlt auch weiter weg von einem selbst.

[15:18]
Brigitte Krause: Also an dem Beispiel von Südafrika möchte ich kurz noch etwas erzählen. Südafrika hat ja ab 1994 in der Verfassung festgelegt --- mit Nelson Mandelas Politik, gab es eben auch einen Wandel in der Sprachpolitik und dort wurde festgelegt, dass die neun größten afrikanischen Sprachen im südafrikanischen Raum als nationale Sprachen festgelegt werden. [isiNdebele, isiXhosa, isiZulu, Sesotho sa Leboa, Sesotho, Setswana, Siswati, Tshivenda, Xitsonga, zudem Englisch und Afrikaans] Dabei fällt auch den Bibliotheken die Rolle zu, oder ein Teil der Mitverantwortung, wie sich dieses nation-building weiter entwickeln wird. Also, wie es verankert wird in der Bevölkerung, dass bedeutet: Welche Auswahl haben sie an Büchern? Welche Kinderbücher bieten sie an, in welchen Sprachen? Welchen Einfluss nehmen sie darauf?

[16:13]
Robert Liebscher: Für die praktische Bibliotheksarbeit vielleicht noch zwei Punkte. Einen aus der Sicht des Bibliothekars selbst, einen aus der Sicht des Benutzers. Für den Bibliothekar stellt unter anderem die Vielsprachigkeit afrikanischer Gesellschaften das Problem zum Beispiel die Namen von Autoren richtig zu katalogisieren, richtig zu ordnen. Sprich: Namen sind auf dem afrikanischen Kontinent immer noch viel stärker Bedeutungsträger von der Herkunft, von der Familie, aber auch von Ereignissen bei der Geburt des jeweiligen Menschen. Andererseits gibt es – wie wahrscheinlich überall – auch sehr populäre, sehr geläufige Namen, deren sozusagen individuelle Nuancen sich dem Katalogisierenden nicht sofort immer erschließen. Sprich: für die Katalogisierung von Büchern allein ist im Grunde schon ein Mehr an Arbeit notwendig und letztlich auch eine größere Verantwortung zu entscheiden, nach welchem Muster, nach welchem Modell letztlich Bücher Katalogisiert werden.

Ein zweiter Punkt, der die Vielsprachigkeit berührt, ist sicherlich auch die praktische Arbeit, die Kommunikation zwischen Nutzer und Bibliothekar in der Bibliothek selbst. Ein afrikanischer Bibliothekar ist im Grunde oder muss idealerweise immer auch ein Dolmetscher sein, in diesem Sinne. Sprich: Er ist der, der die Bücher dem Nutzer bringen muss oder ihm zugänglich machen muss – von Mensch zu Mensch, runtergedacht – und somit muss er selbst im Grunde Kenntnis haben über alle Sprachen, die die Bibliothek anbietet, was eine zusätzliche Herausforderung ist für Bibliothekarsarbeit in Afrika.

[17:49]
Tobias Mörike: Zuletzt ist, glaube ich, ein entscheidender oder ein sehr wichtiger Punkt für Bibliotheken in Afrika, in welchen Sprachen man überhaupt sammelt. Entscheidet man sich eher für europäische Sprache oder für einheimische Sprachen? Oder versucht man eine Mischform zu finden? Wie systematisiert man überhaupt die verschiedenen Sprachen? Das ist eine sehr wichtige Frage für Bibliotheken in Afrika.

[18:10]
LIBREAS: Notwendig ist für Bibliotheken natürlich auch, auf einen gewissen Buchmarkt zurückgreifen zu können oder auf einen Markt von Medien, aus dem überhaupt ausgesucht werden kann, um einen Bestand aufzubauen. Es wird immer wieder erwähnt, dass das Verlagswesen in Afrika auch nicht so funktioniert und ausgebaut ist, wie in westlichen Staaten. Könnt ihr dazu noch mal was sagen?

[18:31]
Brigitte Krause: Naja, also früher war es eben so, dass auch die Bibliotheken in Afrika den Buchmarkt in England mit angekurbelt haben. Jetzt --- der Buchmarkt in Afrika muss sich natürlich auch jetzt den neuen Gegebenheiten anpassen und – wie zum Beispiel für südafrikanische Schüler, wie es ja in der Verfassung festgelegt wurde, in elf verschiedenen Sprachen diese Schulbücher auch produzieren. Also entwickelt sich ein neuer --- oder nicht ein neuer, aber dieser Arbeitsmarkt vergrößert sich, was weiß ich: Dolmetscher, Sprachlehrer. Also das ist ein ganz eigener Zweig, der sich eben durch diese Sprachen auch entwickelt. Und dann erst kann natürlich die Bibliothek auch Bücher ankaufen, in verschiedenen Sprachen.

[19:21]
LIBREAS: Helfen sich da Bibliotheken auch selbst aus? Sind sie da selbst Medienproduzenten? Also produzieren sie selber – keine Ahnung – Lehrmedien, Hörbücher oder Übersetzungen?

[19:32]
Brigitte Krause: Also, ich weiß das es Alphabetisierungsprogramme gibt, wo eben bewusst Menschen, die jetzt gar nicht lesen können oder sehr schlecht, ans Lesen herangeführt werden. Und auch dieses: was ist das Wichtige, das Schöne am Lesen beigebracht bekommen. Ob jetzt Bibliotheken Bücher selber produzieren, weiß ich nicht, könnte ich mir aber fast vorstellen.

[19:56]
Tobias Mörike: Es gibt in Marokko die Bibliothek des Königs Abdul-Aziz, dass ist eine Bibliothek, die von Saudi-Arabien gesponsert wurde, weil ein saudischer Prinz in Casablanca studiert hat. Und die Bibliothek dort versteht sich als Forschungszentrum, die Bücher sammelt zu Sozialwissenschaften, islamischer Theologie, Geisteswissenschaften, die selber Bücher herausgibt, Forschungen macht und dann eine große Bibliothek mit 600.000 Bänden anbieten, zur Forschung und auch selber publiziert. Ganz ähnlich in Alexandria. An die Bibliothek sind sechs Forschungsinstitute angegliedert, die natürlich auch publizieren.

[20:40]
Robert Liebscher: Zwei Beobachtungen haben wir machen können, bezüglich der Frage Verlagswesen, Bibliotheken und letztlich die Bevölkerung als Nutzer von schriftlichem Wissen. Erste Beobachtung ist, dass diese drei genannten Akteure eines Buchmarktes, also Produzent, Agent und Konsument, dass die sehr stark geschieden scheinen, aus unserer Perspektive, aber in Afrika im Grunde viel enger aneinander gebunden sind, eben zum Beispiel durch die Vielsprachigkeit und der zusätzlichen Kommunikation, die nötig ist. Man ist gewillt es --- oder man ist an vielen Punkten zu der Erkenntnis gekommen, dass man versucht, es ganzheitlich zu regeln, indem letztlich die drei getrennten Akteure zusammen gebracht werden müssen, letztlich Verlage die Arbeit von Bibliotheken mit erledigen und andersherum. Und wo auch gerade diesen Literarisierungskampagnen einerseits sicherlich viele soziale Aufgaben zukommen, die über Beibringen von Sprache und Lesen hinausgehen, andererseits aber auch hier erstmal der eigene Bedarf geschaffen werden muss für eine Lesekultur. Oder sozusagen: man erzeugt mit dem, was man unterstützen will, selbst erst einmal den Markt für Bücher, fürs Lesen.

[22:07]
LIBREAS: Ich würde gerne noch mal auf ein Thema, was vorhin schon mal angesprochen wurde, zurückkommen. Nämlich, dass die Trennung von Bibliothek, Archiv, Museum, Informationseinrichtung in Afrika nicht so strikt vorgenommen wird, wie in westlichen Staaten und dass dadurch die Funktion von Bibliothek in der Gesellschaft sich ändert.

[22:24]
Robert Liebscher: Diese Arbeitsteilung in Museum, Archiv, Bibliothek, Informationseinrichtung war einerseits von außen exportiert, ist also erstmal nichts, was aus der afrikanischen Gesellschaft heraus gewachsen ist. Und dementsprechend hat sich die Entwicklung von Bibliotheken insbesondere im öffentlichen Sektor, im kommunalen Sektor letztlich auch in den letzten Jahrzehnten viel stärker an den Bedürfnissen der Nutzer selbst orientieren müssen. Was dazu geführt hat, das diese Arbeitsteilung immer mehr verschmolzen ist, verschmolzen werden musste, um überhaupt das eigene Überleben zu sichern, um überhaupt durch die wenigen Ressourcen, die zur Verfügung gestellt werden, eine Art von Informationssystem aufrecht zu erhalten. Was dazu geführt hat, das in vielen Bibliotheken nicht das Bücherregal im Vordergrund steht, sondern letztlich heute schon der PC, dass die Bibliothek für viele Menschen die einzige Möglichkeit ist, kostenlos ins Internet zu kommen. Und dort letztlich auch alles genutzt wird, was das Internet anbietet. Also nicht nur das Recherchieren primär von Informationen, sondern vor allem das Selbst-Produzieren, das Schreiben von Hausaufgaben, Seminararbeiten, von Bewerbungen, von Kommunikation mit anderen Menschen über das Internet. Hinzu kommt, dass möglichst alle Arten von Informationen in einer Bibliothek, die eben mehr Informationszentrum sein soll, verfügbar sein sollen und müssen. Und damit rückt dann auch mehr ins Interesse, was die Informationen letztlich sind, die die Menschen interessieren. Dadurch sind ganz verschiedenen Formen von Spezialbibliotheken entstanden: Agrabibliotheken, wo gezielt das landwirtschaftliche Wissen der Menschen vor Ort gesammelt wird und versucht wird, dieses in Beziehung zu setzen mit Wissen von anderen Regionen, anderen Orten. Auch da zeigen sich sicherlich noch viele Missverhältnisse über den Kontinent und auf der ganzen Welt hinweg. Andere Beispiele sind Wasserbibliotheken oder kleinere Bibliotheken, die ganz speziell sozusagen lokale Archivalien einer Region versuchen zu sammeln.

Die Bibliothek als Informationszentrum ist vor allem auch etwas, was natürlich besonders im städtischen Raum anzutreffen ist, da hier einfach eine größere Zahl von Nutzern und dadurch letztlich auch eine größere Vielfalt an Interessen und Bedürfnissen vorherrschen, die eine Bibliothek als Informationseinrichtung zu befriedigen sucht.

[24:51]
LIBREAS: Ich bin bei meinen Recherchen auf einige Projekte gestoßen, bei denen Bibliotheken in Afrika, oder Informationseinrichtungen, eher pro-aktiv waren, also rausgegangen sind zu den Nutzerinnen und Nutzern oder zu der jeweiligen Gruppen, die sie irgendwie mit Informationen versorgen sollten, zum Beispiel Fischer. Ist das allgemein so in Afrika, nach eurem Eindruck, dass die Arbeit eher pro-aktiv ist, also: Rausgehen aus der Institution? Oder war das nur Zufall, dass ich gerade diese Beispiele gefunden habe?

[25:18]
Robert Liebscher: Also wie so vieles sollte man sicherlich nichts im ersten Schritt gleich verallgemeinern. Da muss man natürlich immer von Fall zu Fall schauen, wie die Situation in einer Region oder in einem Land selbst ist. Es ist nicht ganz falsch, dass hier der Eindruck entsteht, dass dieses zum-Nutzer-gehen, nicht der-Leser-kommt-in-die-Bibliothek, etwas scheinbar typisch Afrikanisches zu sein scheint. Das ist eine, sicherlich alternative Erkenntnis, die sich bei vielen neueren Überlegungen eine Stimme verschafft hat: was muss man anderes tun, um sich vom kolonialen Erbe zu lösen und das System oder diese Vorstellung "Bibliothek" sozusagen in die nächste Generation hinein zu tragen. Dennoch würde ich Abstand davon nehmen, jetzt zu sagen, dass es etwas sei, was jetzt typisch für das afrikanische Bibliothekswesen ist, weil auch einfach dafür die Beispiel doch nicht so zahlreich sind, dass man das auch statistische in irgendeiner Weise quantitativ oder so belegen könnte.

Es sind natürlich meist auch immer die exotischsten Beispiele die dann bei solchen Darstellungen immer nach Vorne gerückt werden, wie das bekannte Camel Library Project, wo eben kamelbepackte Bibliotheken zu den Dörfern selbst gehen. Aber auch da noch mal der Verweis auf Vorhergesagtes: Inwieweit wird letztlich da auch der Markt geschaffen, den man glaubt, bedienen zu müssen?

Open Access

[26:39]
LIBREAS: In eurer Ausstellung seid ihr auch auf den Themenkomplex Open Access eingegangen und habt ihn auch als Möglichkeit beschrieben, für die afrikanische Wissenschaft sich quasi im internationalen Kontext zu verorten. Könnt ihr das vielleicht noch mal ausführen?

[26:52]
Robert Liebscher: Ich denke, Open Access --- Die Frage, inwieweit Open Access den Zugang afrikanischer Wissenschaftler zur globalisierten Wissenslandschaft erleichtern kann, ist weniger eine Frage von USA und Europa gegen den Rest der Welt, sondern eher eine Frage von Verlagen und Forschenden selbst und eben dem Bedarf eines Wissenschaftsmarktes. Wenn man hier den – glaube ich durchaus sinnfälligen – Vergleich macht zu Musiktauschbörsen, so ist es ja etwas Ähnliches: ein Produkt, Wissen als Produkt wird sozusagen frei zugänglich für jedermann gemacht und deswegen beklagt sich ja die Musikindustrie, letztlich, dass dieses Produkt dafür sozusagen kein Geld mehr einnimmt. Und hier ist eben der Vergleich auch an der Stelle angekommen, wo er hinkt. Nämlich inwieweit Wissen eben nur Produkt ist oder eben auch mehr als ein Produkt, zum Beispiel gerade bei der Frage der AIDS-Bekämpfung weltweit. Inwieweit da das natürliche Eigenstreben eines Verlages durch Wissen letztlich auch das eigene Bestehen und die finanzielle Sicherheit zu gewährleisten, inwieweit das neu vielleicht bewertet werden muss, angesichts durchaus auch globalisierter Probleme, deren Lösung durch Open Access sicherlich auch erleichtert werden könnte. Also, es ist weniger der Kampf zwischen USA und Europa gegen Afrika und den Rest der Welt, sondern hier ist es vor allen Dingen die Frage, ist Wissen eher mehr ein Produkt oder ist es eher mehr etwas, was frei zugänglich für jederman sein sollte?

Entscheidend wird dafür sicherlich sein, inwieweit man Möglichkeiten findet, dass das eine sicherlich das andere nicht ausschließt. Noch wird das Ganze sicherlich sehr konträr aufgefasst, dass das eine, das Neue - Open Access - unweigerlich zum Ende des anderen, des bisherigen Systems führen müsste – vielleicht auch ein Grund dafür, dass mehr drüber geredet wird, als praktisch passiert. Denn in dieser ganzen Debatte bewegt man sich doch nach wie vor eher in einem Diskurs mit akademischen Charakter und einen sehr theoretischen Charakter. Also praktische Beispiele lassen noch grob auf sich warten und es ist sicherlich auch etwas, was sich eher in Jahrzehnten entwickeln wird, als in eins-zwei Jahren.

[29:04 Minuten]

 


 
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