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LIBREAS Audio.


Alice Ströver, Mitglied des
Abgeordnetenhauses von Berlin,
Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen,
Vorsitzende des Ausschusses
für kulturelle Angelegenheiten

LIBREAS PODCAST # 12

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Spieldauer/Running Time: 27min 53sec

Interview mit Alice Ströver

Alice Ströver ist fraglos die Bibliotheksexpertin der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Dabei ist sie nicht nur eine Gesprächspartnerin der Bibliotheken, sondern ebenso eine Politikerin, die ihre eigenen Ansichten zu den Entwicklungen der Berliner Bibliothekspolitik hat und selbständig aktiv wird. Eine ihrer letzten Aktivitäten war die Formulierung eines Antrages, in welchem sie das Abgeordnetenhaus auffordert, den Berliner Senat anzuweisen, ein Bibliotheksgesetz für Berlin auszuarbeiten.

 

Transkription zum Interview

LIBREAS PODCAST #12
Interview mit Alice Ströver
Karsten Schuldt (Interview, Transliteration)
Sprache/Language: Deutsch
Spieldauer/Running Time: 27 min 53 sec
Datei/File: mp3/16mb // ogg/34,8mb
Bitrate: mp3/80 kBit/s // ogg/160 kBit/s
Aufnahmedatum/Recorded: 09. Juni 2009
Veröffentlicht/Published: 19. Juni 2009
Über: Bibliotheksgesetz, Öffentliche Bibliotheken, Berlin, Bibliothekspolitik


[00:11]
LIBREAS: Mein Name ist Karsten Schuldt und ich begrüße sie zu dieser Ausgabe des LIBREAS-Podcast. Wir sprechen heute mit Alice Ströver, die für Bündnis 90 / Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Im März 2009 brachte ihre Fraktion im Parlament, mit Bezug auf den Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland", den Antrag ein, ein Berliner Bibliotheksgesetz zu erarbeiten. In unserem Podcast legt Frau Ströver die Grundüberlegungen hinter diesem Antrag dar.

[00:34]
Alice Ströver: Mein Name ist Alice Ströver. Ich bin seit November 1995 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, war im Jahr 2001 Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und bin in der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen die Sprecherin für Kultur- und Medienpolitik und im Ausschuss für kulturelle Angelegenheiten die Vorsitzende desselbigen Ausschusses.

Bibliotheken sind für mich eine Kerneinrichtung der Kulturpolitik. Also: es wird ja von manchen gesagt, sie seien ausschließlich Bildungseinrichtungen. Ich sehe das nicht so, ich sehe Bibliotheken als Kultureinrichtungen, die im Grunde eine Kulturtechnik, nämlich das Lesen, das Umgehen mit Büchern, aber auch neuen Medien, vermitteln, lernen, ermöglichen sollen. Und von daher habe ich immer eine persönliche Beziehung zu Bibliotheken vor Ort gehabt und habe sie noch. Aber ich denke, sie sind eine ganz zentrale kulturpolitische Einrichtung in Berlin, die eigentlich als Basis unabdingbar ist.

[01:51]
LIBREAS: Weswegen ich heute mit Ihnen sprechen will ist ja eigentlich, weil Ihre Fraktion – in der Drucksache 16/2200 des Berliner Abgeordnetenhauses ist das dargelegt – den Vorschlag gemacht hat, ein Berliner Bibliotheksgesetz auszuarbeiten. Die Drucksache ist jetzt relativ kurz gefasst und sehr überblicksreich. Vielleicht können Sie nochmal schildern, was erstmal die Grundüberlegung Ihrer Fraktion war.

[02:13]
Alice Ströver: Also, fast die gesamte Zeit meiner parlamentarischen Tätigkeit beschäftigen wir uns mit den Strukturen der Öffentlichen Bibliotheken in Berlin. Das hängt zum Einen damit zusammen, dass dies hier auf mehreren Ebenen verantwortet ist. Einmal sind da die wichtigen Wissenschaftlichen Bibliotheken in den Hochschulen, dann natürlich die Besonderheit der Staatsbibliothek unter dem Dach des Preußischen Kulturbesitzes, dann eben in der Zuständigkeit des Landes Berlin die Stiftung Zentral- und Landesbibliothek und dann eben in der Verantwortung der Bezirke die öffentlichen, bezirklichen Bibliotheken. Das alles zeigt schon, es ist extrem zersplittert und es ist eigentlich keine gesamte Konzeption für Berlin und seine Bibliotheken da. Und daran argumentieren, diskutieren verantwortliche Kulturpolitiker seit vielen, vielen Jahren und auch die jeweilig verantwortlichen Senatoren doktern eigentlich an diesem Problem herum. Warum doktern sie herum? Sie sehen natürlich, dass in der Verantwortung der Bezirke die Öffentlichen Bibliotheken massiv zusammen gekürzt worden sind. Die Standorte: ungefähr die Hälfte der Standorte haben wir seit der Wiedervereinigung verloren. Und es gibt aber keine wirklich klare Strukturplanung: Was wollen wir? Wie sollen sie ausgestattet sein?

Was ist das Problem? Das hängt damit zusammen, dass Bibliotheken zu den sogenannten freiwilligen Leistung gehören, der Bezirke. Und das heißt, jeder Bezirk entscheidet selbst, in welchem Umfang er Bibliotheken anbietet, welche Standorte er anbietet und vor allem, wie die Ausstattung sein soll und damit vor allem auch der Erwerbs- und Personaletat in den jeweiligen Einrichtungen. Wenn man das jetzt analytisch betrachtet, dann sieht man, dass wir in Berlin ein extremes Auseinanderfallen haben in der qualitativen Ausstattung vor Ort. Das ist nicht etwa geschuldet, dass man sagt: Wir brauchen nicht so viele Bibliotheken, beispielsweise, in einem gut situierten Bezirk wie Steglitz-Zehlendorf oder so. Sondern es ist eigentlich mehr ein Willkürakt. Wir haben kein Geld, also geben wir dafür, wofür wir freiwillig was ausgeben sollen, Nichts aus. Das ist einfach eine Problemanalyse, die sich aus meiner Sicht eigentlich inzwischen für die ganze Stadt stellt.

Dass heißt, wir haben keinen klaren Bibliotheksentwicklungsplan im Jahre 2009. Der letzte Bibliotheksentwicklungsplan ist vom Jahre – glaube ich – '95 und da sind bestimmte qualitative Anforderungen formuliert, die aber niemals eingehalten worden sind. Und das ist wirklich für ein ganz schwieriges Problem. Und ich sehe einfach, dass man eine Tendenz erkennen kann – wohlgemerkt, man muss jetzt differenzieren, nicht in allen Bezirken –, aber man kann eine Tendenz erkennen, dass Bibliotheken in ihrer personellen, finanziellen Ausstattung wirklich ausgetrocknet werden und ich pflege immer zu sagen: die Gefahr besteht wirklich, dass Bibliotheken im Grunde zu Antiquariaten werden. Also wenn nicht genügend Mittel bereitgestellt werden um tatsächlich Neuanschaffungen, neue Medien und klassische Medien, tatsächlich wieder "aufzufrischen", dann ist die Attraktivität von Bibliotheken über kurz oder lang nicht mehr da und dann haben wir meines Erachtens ein richtiges Problem. Und darum gehts.

Der Antrag, um das nochmal zu sagen, der versucht jetzt, dieses in eine gesetzliche Form zu bringen. Dass heißt, das ist der Versuch an den Senat, diesen sozusagen zu zwingen, in einer gesetzlichen Vorlage diese Mindeststandards zu formulieren, die wir brauchen, um eine Art von Grundausstattung in den bezirklich Bibliotheksstandorten zu haben. Er versucht aber überhaupt zu definieren, wozu sollen Bibliotheken künftig da sein: als kommunikative Stadtteilzentren, als Lernorte für Kinder, als aber eben auch Beratungs- und Informationszentren für Erwachsene. Ich glaube, darin besteht die Zukunft der Bibliotheken in Berlin.

Und warum machen wir das? Es gibt zwei Gründe. Zum einen, weil wir versucht haben, den sogenannten Enquetebericht des Deutschen Bundestages, der – ich glaube – vier Jahre über die Zukunft der Kultur der Deutschland beraten hat und ausdrücklich als eine Empfehlung Bibliotheksgesetze vorgesehen hat, um Bibliotheken eben langfristig zu sichern – um dies umzusetzen. Zum anderen aber, weil wir sehen, dass hier nichts, aber auch gar nichts seit der Gründung des VÖBBs [1995] zur Verbesserung der Berliner Bibliotheken passiert. Und das fängt an mit der Standortdebatte für die Zentral- und Landesbibliothek und endet aber, wie ich sagte, in den einzelnen Standorten und -filialen der bezirklichen Bibliotheken.

[07:27]
LIBREAS: Was mir auffällt in ihrem Antrag ist, dass gerade die Standards nicht definiert sind. Also, mir scheint der Antrag ja eher so eine Empfehlung zu sein, dass man sich darüber Gedanken macht. Und wenn man in die Bibliotheksentwicklungspläne – da gibt es mehrere, auch in anderen Ländern und auch schon vor '95 - schaut, da werden eigentlich immer sehr harte Zahlen genannt. Auch wenn nicht so richtig klar ist, wo diese Zahlen genau herkommen, was sie bedeuten und was sie eigentlich über die Qualität aussagen. Ist das gewollt?

[07:53]
Alice Ströver: Ja, das ist gewollt, weil wir es eigentlich dem Senat möglich machen wollten, dieses in einem diskursiven Prozess selbst zu bestimmen. Es ist ja so: wenn ich als Oppositionsabgeordnete solch einen Antrag formuliere, dann ist natürlich, wenn ich jetzt sage, du sollst jetzt pro Einwohner diese Summe aufbringen, um jetzt mal ein Beispiel zu bringen – dann sagt der Senat natürlich und die Kollegen in den anderen Fraktionen, in den Mehrheitsfraktionen: können wir nicht aufbringen, machen wir nicht. Dass heißt, es ist wirklich der Versuch, endlich noch einmal auf der Grundlage auch von zahlreichen Gutachten, die wir in Berlin haben erstellen lassen, diese Standards festzuschreiben in einem gemeinsamen, diskursiven Prozess. Wir haben das extra nicht gemacht, wir hätten natürlich das abschreiben können. Aber was nützt es denn, wenn wir zum Beispiel den alten Bibliotheksentwicklungsplan, der – finde ich – sehr gute Planzahlen enthält, von '95 hernehmen und sagen: so erfüllt wenigstens das mal und der Senat sagt, haben wir keine Möglichkeit, können wir nicht und die Bezirke sagen, die spinnen doch, die Grünen, ja? Also, dass möchte ich gerade nicht. Sondern ich möchte einen konsensualen Prozess, der aber tatsächlich dann in einer gesetzlichen Form einfließt. Und ich glaube, der Senat kann sich nicht länger drücken, dass zu tun, muss ich ganz ehrlich sagen. Also, wenn er den Bibliotheken langfristig und nachhaltig eine Bedeutung zumessen will, dann muss er sie qualitativ so ausstatten, dass sie eben gegenüber den anderen Kommunikationsformen – eben übers Internet oder sonst wie – standhalten. Und das ist eben eine qualitative Seite, die muss erfüllt sein.

[09:33]
LIBREAS: Aber, sie haben schon angedeutet, dass das noch nicht so richtig geklappt hat, bisher. Können Sie vielleicht noch mal den Stand schildern? Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der in die Ausschüsse gegangen, der Antrag.

[09:44]
Alice Ströver: Ja. Der Versuch meinerseits war natürlich, zu sagen, dieser Antrag soll vor den Haushaltsberatungen für das Haushaltsjahr 2010/2011 behandelt werden. Bisher ist er noch nicht Beraten im Kulturausschuss. Er ist überwiesen an den Kulturausschuss. Und ich gehe davon aus, dass wir das jetzt im Zusammenhang mit den Haushaltsberatungen dann machen. Die beginnen Ende August und ziehen sich dann bis Ende Oktober hin. Und dort werden wir den Antrag, denke ich, an der entsprechenden Stelle dann beraten und besprechen. Und ich würde mir sehr wünschen, dass die Koalition nicht einfach sagt, dass wischen wir weg, sondern sich echt Gedanken macht, wie sie Bibliotheken in Berlin endlich so sachgerecht ausstatten will, dass sie auch eine Überlebenschance haben.

[10:33]
LIBREAS: Es gibt ja nicht nur in Berlin die Diskussion um Bibliotheksgesetze. Es gibt das Thüringer Bibliotheksgesetz, dass schon eingeführt ist. Es gibt andere Bundesländer, in denen das diskutiert wird. Und es gibt natürlich auch Diskussionen, vor allem im Bibliotheksverband, aber auch in anderen bibliothekarischen Zusammenhängen. Eine Hauptkritik am Thüringen Bibliotheksgesetz war, dass es quasi zu einfach und zu unstandardisiert geschrieben ist, so dass – so ein bekanntes Wort –, dass quasi der Hinterraum beim Bürgermeister, wenn der mit Büchern ausgestattet ist, schon das erfüllt, was im Gesetz steht. Kann man daraus lernen? Wie wird man das verhindern wollen? Oder ist es erstmal wichtiger – was ja tatsächlich auch die Idee war, beim Thüringer Bibliotheksgesetz – erstmal ein Gesetz zu haben und dann, in den nächsten Jahren, darauf aufzubauen?

[11:15]
Alice Ströver: Also ich nehme mal das Beispiel der Musikschulen. Bei den Musikschulen, die ja – da ist dann auch die Trennlinie, weil eben auch ein Curriculum haben – zu den Bildungseinrichtungen gerechnet werden im Land Berlin, die sind im Berliner Schulgesetz verankert. Und obwohl sie auch unter finanziellen Ausstattungsmängeln durch die Bezirke genauso zu leiden haben, wie die Bibliotheken, ist es so, dass alleine durch die Gesetzesverankerung doch die Bezirke es nicht wagen, die Musikschulen abzuschaffen – um es mal ganz krass zu sagen. Und das ist für mich das, was das Thüringer Gesetz erfüllt, also überhaupt eine Sicherung von Bibliotheken, flächendeckend. Ich glaube persönlich – und das habe ich versucht herauszuarbeiten, in unserem Antrag –, dass das nicht reicht. Es ist zwar eine Festlegung, dass man Bibliotheken haben will, aber wie Sie zurecht sagen: man muss Qualitätsstandards mit benennen. Ohne Qualitätsstandards, glaube ich, ist ein Gesetz nicht sehr viel wert. Und das wird natürlich die höchste Hürde sein. Also alles was ich weiß ist ja, dass in Schleswig-Holstein diskutiert wird, über einen Gesetzentwurf, der einige etwas konkretere Formulierungen enthält. Für mich ist das klar, dass in Berlin ein Gesetzentwurf nur dann Sinn macht, wenn er tatsächlich qualitative Daten mit erfasst. Also das ist, denke ich, das A und O.

Darüber hinaus haben wir sonst keine Möglichkeiten, also auch von Seiten des Landes --- Es ist ja immer ein bisschen die Schwierigkeit, wir haben in Berlin die Zweistufigkeit der Verwaltung – das verstehen viele andere nicht, aber wir haben ja sozusagen Land und Kommune jeweils in Einem – und deswegen ist eben das Problem: Das Land muss mit diesem Gesetz im Grund der kommunalen, also der bezirklichen Ebene diese Maßstäbe festlegen oder ... aufoktroyieren will ich jetzt gar nicht so bösartig sagen. Aber Fakt ist, dass das natürlich nur geht, wenn man Bibliotheken zu einer verlässlichen Größe machen will, dass dann das auch heißt, das Land muss in finanzielle Unterstützung für diese Aufgabe gehen. Es kann nicht sein, dass man sagt, macht mal, aber ihr kriegt kein Geld dafür. Das wäre nicht glaubwürdig. Und das ist eben der Versuch, hier den Senat im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten des Landes zu zwingen, zu sagen: ihr sollt die Qualitätsstandards benennen und dies in Verbindung mit einer Finanzausstattung, die sich über die Globalsumme dann zugunsten der Bibliotheken in den Haushalten der Bezirke wiederfindet.

[14:15]
LIBREAS: Okay. Was mich immer wieder erstaunt und wo ich mich immer wieder frage, ist: Wo sollen diese Standards herkommen? Ich höre das immer wieder mal, dass Standards definiert werden müssen, dass sie benannt werden müssen. Ich kenne die auch aus den Bibliotheksentwicklungsplänen. Mir ist nicht so richtig klar, wer soll die definieren? Ist das ein politischer Prozess? Wird das einer von bibliotheksfachlicher Seite sein, also wir der dbv [Deutscher Bibliotheksverband] das sagen können? Werden, was mich auch interessiert, die Nutzerinnen und Nutzer, also die Gesellschaft mit einbezogen in die Definition der Standards?

[14:43]
Alice Ströver: Also ich denke, es gibt durchaus Fachleute, auch internationaler Art, die aus Erfahrungen aus anderen Ländern eine Menge beitragen können. Dass ist sozusagen die erste Ebene. Warum sage ich das? Weil ich immer denke, der Blick von außen ist oft ein klarerer, als der von innen. Das Zweite ist, dass ich denke, sowohl mit den öffentlichen Beschäftigten als auch mit der politischen Ebene muss eine Lösung gefunden werden. Das ist nicht so einfach, dass weiß ich schon. Aber ich glaube schon, es gibt bestimmte Kriterien, also die können auch unterschiedliche sein, je nach Zielgruppe. Also für Kinder und Jugendliche muss ich sicher, zum Beispiel was die Frage des Standorts und der Erreichbarkeit anbetrifft, andere Kriterien anlegen, als klassische Erwachsenenzentral- oder Mittelpunktbibliotheken und so weiter. Dann finde ich, sind Kriterien durchaus das demografische Umfeld: Was für eine Bevölkerungsstruktur habe ich da, in dem Bezirk? Welche Altersschicht habe ich da? -- Da glaube ich schon, dass man sehr qualitative Standards, die eben möglichst differenziert sein sollen --- also ich brauche eben in Nord-Neukölln sicher ein anderes Bibliotheksangebot, als sagen wir mal, in Dahlem oder so. Also das ist etwas, was wichtig ist. Was ich nicht will – und das ist ein bisschen die Entwicklung, wie ich sie kritisiere –, dass jeder Bezirk sein eigenes Süppchen kocht. Und das ist nämlich momentan so.

Das heißt, es werden Standorte geschlossen, die zum Beispiel bis dato ganz dicht beieinander lagen, wo aber eine Bezirksgrenze dazwischen war. Dann wird aber nicht etwa ein Standort geschlossen, sondern dann werden plötzlich zwei geschlossen. Aber die Bevölkerung Berlins, die guckt nicht nach Bezirken, sondern sie geht dahin: Wo ist der nächste gut ausgestattete Bibliotheksort? Und diese Dinge, meine ich, müssen von Seiten des Landes definiert werden und können nicht nur von jedem Bezirk einzeln betrachtet werden. Also das ist einfach Quatsch, weil sich Bevölkerungsstrukturen eben überlagern. Und nehmen wir mal den klassischen Bezirk Mitte in Berlin, der hat eben im Wedding eine völlig andere Situation, als im Bezirk Mitte/Alt-Mitte. Das erfordert eben eine ganz andere Ausstattung und eine ganz andere Dichte.

[17:10]
LIBREAS: Was mir auch aufgefallen ist an Ihrem Antrag, dass – wie in eigentlich allen Vorschlägen zu Bibliotheksgesetzen – Schulbibliotheken überhaupt nicht vorkommen.

[17:21]
Alice Ströver: Ja, wir haben es aber gemerkt. Also, wir hatten einen Anstrich zu den Schulbibliotheken da drin und das haben wir dann wieder raus genommen, weil wir gesagt haben: das ist ein so eigenes Feld, was sich natürlich miteinander verbindet – aber, wenn man sagt, wir wollen Schulbibliotheken haben und zwar jede Schule eine Bibliothek, die auch angemessen ausgestattet ist, dann ist das eine solche Dimension, die – und da kann man eben auch nicht bei der Sekundarstufe anfangen, sondern da muss man in der Grundschule anfangen, muss im Grunde jede Schule ausstatten mit entsprechenden Lesematerialien – und da haben wir gesagt, dass ist eigentlich ein ganz eigenes Feld, nochmal darüber hinaus, über das man sich verständigen muss. Und das ist ja, also soweit ich das weiß, ja Willkür will ich nicht sagen, sondern so ein gewachsenes Chaos. Manche Schulen in Berlin halten sich ja noch ihre Bibliotheken und ihre Büchereien, was auch gut ist. Aber eben andere überhaupt nicht. Und daran sich ranzuwagen und da jetzt eine systematische Erfassung und eine systematische Ausstattung mit Stellen, bei achthundert Schulen in Berlin – da muss ich sagen, da habe ich so ein bisschen vor kapituliert, vor dieser Aufgabe.

[18:47]
LIBREAS: Noch was, was mir aufgefallen ist, was nicht drinsteht, ist tatsächlich – oder nur angedeutet ist – ist, was ich Innovationsrahmen nennen würde. Also ich hab – jetzt meine Position: Ich denke schon, dass es notwendig ist, auch für Öffentliche Bibliotheken, öfter Dinge neu auszuprobieren, zu schauen, ob sie funktionieren, ob sie notwendig sind. Und es ist auch egal erstmal, was. Also ob es jetzt tatsächlich elektronische Angebote sind oder einfach nur Angebote für andere Leseförderung. Und ich denke, dass ist heutzutage in Öffentlichen Bibliotheken in Berlin nicht möglich, so was zu machen, einfach weil es nicht als Produkt abrechenbar ist. Ich hab mich gefragt, ist das zufällig raus genommen? Ist das nur etwas, was mir immer auffällt?

[19:29]
Alice Ströver: Also, dass weiß ich ehrlich gesagt nicht. Das das nicht als Produkt... Ja, also die Schwierigkeit stellt sich natürlich sofort: wenn es nicht als Produkt identifizierbar und abrechenbar ist, geht es eben nicht, kann es eben nicht auf diese Weise in das Budget einfließen. Aber es ist eigentlich schwachsinnig, es nicht zu tun. Das sehe ich genauso wie Sie. Ja, also ... da muss man in der Beratung nochmal drauf aus gehen. Weil ohne innovative technische Geschichten, das ist ja klar, sind die Bibliotheken überhaupt nicht überlebensfähig.

[20:03]
LIBREAS: In Berlin gibt es quasi die Streitigkeit zwischen dem ewigen Thema Zentralisierung oder Denzentralisierung. Wir hatten ja, um das zusammenzufassen, auch Proteste vor zwei Jahren, wegen drei Bibliotheken, die geschlossen werden sollten. Eine davon wird jetzt ehrenamtlich geführt, einfach weil die Leute, die dort waren, gesagt haben, okay, wir wollen nicht, dass diese Bibliothek geschlossen wird, wir machen das lieber selber. Darüber gab es auch heftige Debatten, die nicht ausgestanden sind, bisher. Aber mir scheint es schon so, dass es einerseits im Bibliothekswesen die Idee gibt, dass es für ein zukunftsträchtiges Bibliothekssystem notwendig wäre, zu zentralisieren, um bestimmte Angebote auch zentral anzubieten und überhaupt zu erhalten; dass es aber ein gesellschaftliches Interesse daran gibt, zumindest bei einem Teil der Bevölkerung, auch viele, viele kleine Öffentliche Bibliotheken zu haben, die vielleicht auch gar nicht alle großen Angebote haben. Positioniert sich Ihre Fraktion dazu? Siehst man das als Problem – sieht man das bestimmt auch, sie haben ja Veranstaltungen dazu gemacht. Aber gibt es eine Position?

[21:01]
Alice Ströver: Ich glaube Bibliotheken haben nur dann eine Überlebenschance, wenn sie wirklich als eine Dienstleistungseinrichtung für die gesamte Bevölkerung leicht zugänglich und kostengünstig bereit sind. Und das erfordert schon, dass man ein bestimmtes wohnortnahes Angebot hat. Also alles zu Zentralisieren wäre nicht meine Meinung. Wir haben natürlich schon eine Menge konzentriert, möchte ich mal sagen. Ich würde immer sagen, für Kinder muss unbedingt die Fußläufigkeit das A und O sein, eigentlich. Also, dass ist, was ich mir vorstellen würde, im Idealfall, dass man Kindern ermöglicht, zu Fuß einen Bibliotheksstandort zu erreichen. Und danach, finde ich, könnte es gehen. Erwachsene können sich natürlich auch, klar, mit Öffentlichen Verkehrsmitteln oder so, irgendwohin bewegen. Aber ich würde mir wünschen, dass man tatsächlich ein flächendeckendes Standortangebot im Bereich Kinder- und Jugendliteratur hat, dass tatsächlich so ist, dass jedes Kind das fußläufig erreichen kann.

[22:13]
LIBREAS: Aber ich kenne – um das einzuwerfen – auch sehr viele Menschen, die jetzt nicht Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind, deren großes Interesse an der Öffentlichen Bibliothek es tatsächlich ist, da hinzugehen und Freizeitmedien auszuleihen. Also tatsächlich Krimis oder Dinge, die sie halt in ihrer Freizeit brauchen, gar nicht zum Lernen, sondern tatsächlich nur, um ihre Freizeit rumzubringen. Und ich habe mich immer wieder gefragt, ob das nicht eigentlich auch ein gesellschaftlichen Interesse ist, was man trotzdem bedienen muss, auch wenn man gerne Bibliotheken als Bildungseinrichtungen sieht oder so.

[22:41]
Alice Ströver: Da bin ich total auf Ihrer Seite. Also das ist für mich ein Ort, wo man Informations- und Unterhaltungsmedien leicht zugänglich ohne finanzielle Hürden für die Breite der Bevölkerung zur Verfügung stellt. Das ist ja bei mir genauso: Zum Glück muss ich ja sagen, muss ich jetzt kein Lernmaterial oder so haben und da leistet das Internet ja im Grund auch eine Menge, wo ich die Sachen nicht aus der Bibliothek unbedingt holen muss. Aber einfach das haptische Empfinden: ich habe ein Buch in der Hand und lese das auf dem Sofa sitzend und eben nicht vor dem Computer, soweit die Bestände da im Netz sind, dass finde ich ist immer noch eine Technik, einen Kulturtechnik, die bedient werden muss. Und das heißt Freizeitverhalten: Im Gegenteil, ja, also ich finde, dass ist eigentlich ein Zukunftsangebot, was gemacht werden muss, damit eben die Leute nicht nur weder kommunizieren noch eben ausschließlich vor dem Kasten sitzen. Also das finde ich, wird eine Aufgabe, die wird wichtiger den je sein.

[23:56]
LIBREAS: Okay, aber ich möchte trotzdem in dieses Thema kurz reinstechen: Und zwar gibt es vor allem in Wissenschaftlichen Bibliotheken die Debatte um die Invisible Library, also die Idee, dass die Bibliothek mehr und mehr – also zumindest die Wissenschaftlichen Bibliotheken – mehr und mehr nicht der Ort ist, wo die Medien stehen, sondern die Infrastruktur ist, die dann auch elektronische Angebote organisiert, die Zeitschriften organisiert, die Diskussionsprozesse also als Informationsprozesse organisiert. Und auch das fehlt, also das ist nicht so richtig in Ihrem Antrag so richtig erwähnt. Gibt es dazu eine Debatte? Denken Sie, die Öffentlichen Bibliotheken müssen sich erstmal mit anderen Problemen erstmal auseinandersetzen, als damit?

[24:36]
Alice Ströver: Ja! Ehrlich gesagt, so schlicht würde ich das sagen. Da sind Basisprobleme, die sind überhaupt nicht gelöst. Das wird aber zukünftig, gerade im Bereich der Wissenschaftlichen Bibliotheken – aber darum ging es uns ja jetzt nicht, uns geht es ja wirklich um die Bevölkerungsbibliotheken –. dass das zukünftig auch ein ganz wichtiger Faktor sein muss. Trotzdem: jeder Wissenschaftler sagt, es ist einfach ein Unterschied, ob ich einen digitalen Inhalt kommuniziere oder ob ich ein klassisches Buch mit allen seinen, weiß ich, Dingen in der Hand habe. Das werden Sie selber wissen, dass das ein wahrnehmbarer Unterschied ist.

[25:17]
LIBREAS: Mich würde auch noch die Bundesebene interessieren oder vielleicht auch die EU. Die Bibliotheksgesetze, über die jetzt diskutiert wird, beziehen sich immer auf Bundesländer. Das hat auch damit zu tun, dass einfach die Kulturhoheit in Deutschland bei den Bundesländern liegt. Mich würde aber schon interessieren, ob zumindest in Ihrer Partei es da auch eine Diskussion quasi auf Bundesebene, vielleicht auch auf Ebene der EU mit Ihren Schwesterparteien, gibt, ob es da eine gemeinsame Bibliothekspolitik gibt oder geben soll?

[25:44]
Alice Ströver: Also, nicht wirklich ausformuliert. Wir diskutieren das immer wieder in der Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass es in den letzten Jahren wirklich mal ein abgestimmtes, generelles Papier von Bundesseite gegeben hat, aus Grüner Sicht, was die Zukunft der Bibliotheken angeht. Da, sag ich ja, haben wir uns bezogen auf die – und das kommt ja jetzt vom Bund, parteiübergreifend – Ergebnisse der Enquetekommission. Und da sind einige, denke ich, ganz wichtige Aussagen gemacht. Aber es ist immer das Problem, wenn diese Themen, eigentlich wie kulturpolitische Themen überhaupt, dann natürlich in der Landesveranwortung sind, koordiniert werden müssen zwischen den Vertretern der Ländern. Und oft ist es ja so, dass dann die Bundesebene übersprungen wird und es dann gleich über Europa geht. Es ist schwierig, aber ich sehe da, dass wir da zwar Diskussionen führen, aber jetzt nicht klar positioniert sind. Das gilt aber für andere Parteien, glaube ich, genauso.

[26:57]
LIBREAS: Einer der wichtigen Punkte Ihrer Partei, auch auf Bundesebene, ist ja die Idee des Bürgerhaushalts. Können Sie das kurz ausführen – ohne Wahlwerbung unbedingt zu machen – und sagen ob und wenn ja, welchen Einfluss das auf die Öffentliche Bibliothek haben könnte?

[27:11]
Alice Ströver: Bürgerhaushalt: einfach eine stärkere Definition dessen, was die Bürger selbst wollen, vor allem Dingen eben Bürgerhaushalt in den Bezirken, nicht auf Landesebene. Und das meint eben, dass die Bürger viel stärker partizipieren sollen an dem, was die echten Bedarfe sind vor Ort. Ich denke schon, wenn man es richtig kommuniziert und auch die Bürgerbeteiligten fragt, dass dann die Bibliotheken einen sehr hohen Stellenwert haben. Vielleicht sogar, was jetzt das Kulturportfolio, was man so im Bezirk haben kann, angeht, den höchsten Stellenwert bekommen würden.

[27:47]
LIBREAS: Okay. Gut. Ja, dann danke ich Ihnen für das Interview. Und wir werden beobachten, was rauskommt.


 
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