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Günter Schlamp, Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e.V.
LIBREAS PODCAST # 11

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Spieldauer/Running Time: 33min 40sec

Interview mit Günter Schlamp

Kaum jemand hat sich in Deutschland so kontinuierlich mit Schulbibliotheken beschäftigt, wie Günter Schlamp, der unter anderem 1987 die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen mitbegründet und lange Zeit als Vorsitzender geführt hat. Dabei hat er als Schuldirektor keinen bibliothekarischen, sondern einen pädagogischen Blickwinkel eingenommen. LIBREAS hat sich mit Günter Schlamp über die Geschichte der Landesarbeitsgemeinschaft, über den unterrichtlichen Nutzen von Schulbibliotheken und über strukturelle Eigenheiten des Schul- und des Bibliothekswesens unterhalten.

 

Transkription zum Interview

LIBREAS PODCAST #11
Interview mit Günter Schlamp
Karsten Schuldt (Interview, Transliteration)
Sprache/Language: Deutsch
Spieldauer/Running Time: 33 min 40sec
Datei/File: mp3/19,3 mb
Bitrate: 80 kBit/s
Aufnahmedatum/Recorded: 18. Dezember 2008
Veröffentlicht/Published: 19. Februar 2009
Über: Schulbibliotheken, Schulkultur, Unterricht, Zusammenarbeit Bibliothekswesen und Schule

im Interview verwendete Abkürzungen:
dbi - Deutsches Bibliotheksinstitut
dbv - Deutscher Bibliotheksverband e.V.
IASL - International Association of School Librarianship
IFLA - International Federation of Library Associations and Institutions
LAG - Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e.V.
sba - schulbibliothekarische Arbeitsstelle

[00:15]
LIBREAS: Mein Name ist Karsten Schuldt und ich begrüße Sie zu dieser Ausgabe des LIBREAS-Podcast zum Thema Schulbibliotheken in Deutschland. Mein Gesprächspartner Günter Schlamp ist Schuldirektor im Ruhestand, hat 1987 die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen mitbegründet und war auch lange Zeit ihr Vorsitzender. Er veröffentlichte zudem zahlreiche Texte zu Schulbibliotheken und bloggt heute unter basedow1764.wordpress.com, ebenfalls über Schulbibliotheken. Im Laufe des Interviews benutzt Herr Schlamp mehrfach die Abkürzung sba für Schulbibliothekarische Arbeitstellen.

[00:46]
LIBREAS: Können Sie gleich einfach etwas zur Geschichte dieser Landesarbeitsgemeinschaft sagen? Weil, die ist ja schon relativ speziell, es ist die einzige in Deutschland, die einigermaßen funktioniert. Und Hessen gilt dann immer auch so als Leuchtturm der Schulbibliotheksland.

[01:01]
Günter Schlamp: Als wir entstanden sind, so in der zweiten Hälfte der 80er Jahre hatten wir im bibliothekarischen Bereich keine Ansprechpartner. Wir haben uns deswegen zusammengeschlossen zu einen Arbeitsgemeinschaft, zu einer Landesarbeitsgemeinschaft, zum eingetragenen Verein, weil wir, die wir an Schulbibliotheken interessiert waren, nicht sahen, wo wir uns Hilfe holen können. Die Fachstellen - das wir hatten wir entdeckt, in einer Fußnote des Haushaltsplans des Kultusministers - waren nicht zuständig, haben uns unter der Hand dann aber dennoch geholfen. Da erinnere ich mich heute noch dankbar, dass die stellvertretene Fachstellenleiterin von Darmstadt abends zu uns kam in die Schule und uns unter die Arme griff. Aber sie waren ffiziell nicht zuständig, auch personell überhaupt nicht zureichend ausgestattet. Das war also sehr, sehr schwierig und wir waren praktisch eine Selbsthilfeorganisation.

Wir haben dann genervt im Bereich des Schulwesens. Und wir haben Vorschläge gemacht. Wir haben den Kultusminister solange genervt, bis er eine Kommission einberufen hat, die ein Konzept zum Schulbibliothekswesen in Hessen erarbeiten sollte. Das wurde dann leider nichts, denn andere Vertreter in dieser Kommission, die hatten dann ein sehr bürokratisches Konzept gemacht: also in 27 Landkreisen 27 schulbibliothekarische Arbeitsstellen mit einer Leiterin BAT 4, einer Stellvertreterin BAT 5, einer Assistentin BAT 6, einer Hilfskraft BAT 7. 27 mal - was war das jetzt? - drei oder vier oder fünf. Da hat der Kultusminister nur die Augen verdreht und die Sache landete dann irgendwo im Archiv. Wir haben dass noch insofern gerettet, als wir den Vorschlag gemacht haben ein Beratungsmobil einzurichten. Das durfte ich dann bauen, war eine ganzspannende Sache, läuft heute noch als Kulturmobil in Hessen, als Beratungs- und Workshopinstrument für kulturelle Praxis. Die Schulbibliotheken sind da längst rausgeflogen. Was wir noch haben, ist eine halbe Stelle Beratung beim Kultusministerium.

Das war praktisch diese Sache, die fehlgeschlagene Sache: 27 schulbibliothekarische Arbeitsstellen - dass war einer unserer ersten Entwürfe. War sehr etatistisch. Im Schulbereich geht das nicht so, dass man so bürokratisch plant. Im Schulbereich werden Neuerungen eingeführt, indem man den Lehrern noch was aufs Auge drückt.

Wie gesagt: es gab an sich erstmal keine Zusammenarbeit, weil der Ansprechpartner fehlte. Der damalige dbv-Vorsitzende sagte: "Herr Schlamp, wenn Sie mit diesem Konzept Glück haben, dann haben Sie in diesen sba's mehr Diplom-Bibliothekarinnen, als es in Hessen in öffentlichen Bibliotheken gibt." Die Fachstellen, wie gesagt, waren sowohl gesetzlich als auch faktisch unzuständig. Wir haben das Problem, dass die Schulen in Hessen berwiegend auf der Grünen Wiese sind, also nicht mal in der Stadt sind. Und dann haben die wenigsten Städte, in den 80er Jahren ja noch mehr als heute, überhaupt eine Bibliothek gehabt, als Ansprechpartner.

Dazu kommt ja dieses Problem der Zuständigkeiten in Deutschland: Für Schule, für den inneren Schulbetrieb sind die Länder, ist der Staat zuständig - also Lehrer, Lehrerausbildung, Unterricht, Unterrichtsvorschriften. Für Bau und Unterhalt der Schule sind die Schulträger zuständig. Dass sind überwiegend die Landkreise, in einigen Fällen auch die kreisfreien Städte. So, dass ist der Schulbereich: eine geteilte Verantwortung, innere und äußere Schulverwaltung, praktisch Land und Schulträger/Landkreis. Dann gibt es das Bibliothekswesen. Bibliotheken sind eine freiwillige Aufgabe der Kommunen. Die Kommunen sind wiederum selten zuständig für die Schulen. Also dort, wo das klappt, wo eine größere Stadt, in der Regel sind es ja die Großstädte, die Zuständigkeit für das Schulwesen hat und für das Bibliothekswesen, in dem Moment gibt es eine Kooperation und dann sind auch erschiedene Formen möglichen, eine kombinierte Stadt- und Schulbibliothek zum Beispiel. Das ist aber die Ausnahme. Auch in Hessen.

Deswegen haben wir ja damals gesagt, wir akzeptieren die Situation wie sie ist. Aus bibliotheksfachlicher Sicht war das Wildwuchs. Es gibt also eigenlich überall in den Schulen im Keller oder unterm Dach eine Bücherei und wir haben gesagt: Okay, davon gehen wir aus. Wir lassen die 1000 Blumen blühen, wir kümmern uns jetzt nicht um IASL- oder IFLA-Standards oder dbv-Standards, sondern wir akzeptieren die Situation wie sie ist und versuchen diesen ehrenamtlichen Bibliotheken - ich habe die Barfußbibliotheken genannt, quasi als Bibliothek von unten -, zu helfen und die weiter zu entwickeln. In der Hoffnung, also irgendwann wird aus der Quantität auch eine neue Qualität.

In dem Zusammenhang gab es etwas, aber immer auf der Ebene der einzelnen Schule und auf Initiative Einzelner. Wir haben versucht, eben flächendeckend im Land, Projekte vor allem - mehr war nicht machbar im Schulbereich, also institutionell, planstellenmäßig - anzuregen, um diesen Barfußbibliotheken zu helfen. Wir haben im Bereich der hessischen Lehrerfortbildung zum Beispiel zehn Jahre lang Fortbildung gemacht. Und wir haben insgesamt 3- oder 400 Personen im Schulbereich fortgebildet zu Themen rund um die Schulbibliothek. Wobei wir sehr schnell erkannt haben, ganz wichtig ist die konzeptionelle Arbeit: Was mach ich mit den Schulbibliotheken? Das Verständnis ist ja zum Teil sehr antiquiert: man hat da irgendwo einen Raum, dann schiebt auch noch einen Lehrer ab, den man nicht auf Kinder loslassen will, der soll dann die Bibliothek noch leiten. Es gibt Oberstudienräte, die bauen sich dann da eine humanistische oder philosophische Bibliothek auf, die nur sie dann rekutieren, in die dann kein Schüler reingeht. Deshalb haben wir also gesagt, Schwerpunkt ist: wie nutze ich die Bibliotehk? Wie mache ich Unterricht in der Bibliothek? Wie veranstalte ich innerhalb der Schule bibliotheksnahe vents?

Also das war ein ganz wichtiges Standbein, diese Fortbildung. Wir hatten das große Pech, nach zehn oder zwölf Jahren wurde die Lehrerfortbildung so umorganisiert, dass es keine landesweiten Lehrgänge mehr gab. Wir versuchen heute in den einzelnen Schulämtern die sogenannte Nachmittags- oder schulnahe Lehrerfortbildung zu beeinflussen und dort Angebote zu machen.

Wir haben Anfang der 90er Jahre dem Kultusminister vorgeschlagen, er soll eine Bibliothekssoftware kaufen. Und zwar eine Landeslizenz, damit die Schulen also hier schon mal einen gordischen Knoten durchschlagen und eine ganz starke Hilfe haben, über einen elektronischen Katalog. Die Schulen waren mit einem Schlag dieses Beschaffungsproblem los. Sie konnten zu einem mehr oder weniger symbolischen Preis eine Software kaufen. Sie hatten eine Beratung, der Kultusminister hat eine Servicestelle eingerichtet mit anderthalb Lehrern. Und wir haben eute elfhundert Schulen von 2.200 - also knapp mehr als die Hälfte -, die diese Software anwenden. Das war also sicher ein ganz großer Knaller, dass wir eine Landeslizenz hatten, Anfang der 90er, während eigentlich noch zehn Jahre weiter im bibliotharischen Raum Pflichtenhefte formuliert wurden und gefragt wurde, wer hat welche Software?

[09:18]
LIBREAS: Welche Unterstützung oder Position hätte man den gerne als Schulbibliotheksmensch?

[09:23]
Günter Schlamp: Also, bibographische Anmerkung: Wenn es ein öffentliches Schulbibliothekssystem in der Obhut einer Stadtbibliothek oder von Stadtbibliotheken gegeben hätte, dann würde ich heute hier nicht sitzen, dann hätte ich davon selbst profitiert. Aber ich habe eigentlich wesentliche Teile meines Lehrerdaseins damit verbracht ein Schulbibliothekswesen in Hessen voranzutreiben, mit dem man guten Unterricht machen kann. Eigentlich hätte ich gerne erst da angefangen, guten Unterricht zu machen, denn das ich meine Hauptaufgabe gewesen.

Eine stärkere Institutionalisierung ist ganz schwierig. Die Kommissionsgeschichte ist beerdigt. Wir haben dann wiederum unseren Schulen gesagt: geht in den Landkreisen an die Schuldezernenten. Ich hatte also in meinem Landkreis mit 50 Schulen im Haushalt des Landkreises anderthalb Bibliotheksstellen, Diplombibliothekarin und eine halbe Stelle, untergebracht. Und die war in der Ausschreibung, dann hat der Landrat das gestoppt. Der rief mich an und sagt halt: "Die Eltern sollen Bücher kaufen, Herr Schlamp, dass können wir doch nicht auch noch machen. Ich habe genug mit dem Krankenhaus und dem Abwasser und der Feuerwehr und der Abwasserversorgung." Also, wir waren oft dicht davor. Wir haben dem Städte- und Landkreistag ein Konzept vorgelegt, in dem drin stand, was im Einzelnen von den Landkreisen als Schulträgern für Schulbibliotheken gemacht werden sollte. Was hat der Landkreistag gemacht? Er hat die entsprechende Klausel im Schulgesetz gekippt bei einer Novellierung, die ihm das hätte einbrocken können. Es war ein zäher Kampf. Wir sind eigentlich bei der Geschichte nie weiter gekommen, dass hier die Öffentlichen Bibliotheken eine stärkere ... besser ausgestattet werden zum Beispiel, dass das stärker auf der Staatsseite im Kultusministerium verankert wird. Wir haben dem Kultusminister mal den Vorschlag gemacht: Wir wollen Internet in Schulbibliotheken erproben. Das war so Mitte der 90er, als das alles noch relativ neu war. Einen detaillierten Antrag: da hat der Kulturminister eigentlich überraschend - aber das war damals der neue Schulbiblioteksdezernent, der natürlich auch noch fünf andere Aufgaben hatte, ganz klar - der sagte: wir haben das als Antrag für die Bund-Länder-Kommission, also für die Bundesförderung von Länderkulturprojekten - haben wir ihren Antrag formuliert. Also, dass heißt, dass der Bund 250.000 Mark finanziert und wir finanzieren 250.000 Mark. Das war der Versuch, dass Internet in Schulbibliotheken zu erproben. Das Wissenschaftsministerium hat das gekippt. Die haben gesagt, die Gutachter: die Öffentlichen Bibliotheken arbeiten in diesem Bereich schon sehr intensiv - das war 1995.

So haben wir jede Menge Rückschläge gehabt, bei dem Bereich. Also, wie gesagt, nochmal: wenn es dieses System kombinierte Schul- und Stadtteilbibliothek gegeben hätte, flächendeckend, gäbe es uns heute eigentlich gar nicht. Wir haben halt versucht, in den Schulen die Leute zu qualifizieren, auch durch unsere Lehrgänge - ich sagte ja, 3-/400 Leute haben wir sicher in Hessen erreicht; wir haben alle zwei Jahre eine Tagung, eine Kongress nenne ich es inzwischen, da kommen 4-/500 Kollegen und Kolleginnen aus den Schulen zusammen - da kooperieren wir eben mit der Frankfurter sba - wo wir sagen: ihr müsst in den Schulen ran, in die Institutionen; ihr müsst gucken, dass ihr in den Konferenzen drin seid; ihr müsst gucken, dass ihr im Schulhaushalt drin seid; ihr müsst gucken, dass ihr in die Fortbildung beim Schulamt reinkommt.

Wir haben aber im Schulbereich - und dass ist eigentlich auch das schöne im Lehrerberuf: wenn Sie was erreichen wollen, sie haben unheimlich viele Spielräume. Als Schulleiter können Sie mit Ihrem Bürgermeister - der ja nicht ihr Dienstvorgesetzter ist, der auch kaum für Sie zuständig ist - können Sie eine ganze Menge machen. Sie können auch - also ich habe in einer Gemeinde, habe ich der Stadt ein Leseförderkonzept geschrieben und die Stadt hat 30.000 Mark eingesetzt und damit konnte die Stadtbücherei Lesungen organisieren und ich brauchte selbst in der Schule kein Geld mehr, sondern die Stadtbücherei hat diese Lesungen gemacht und wir haben gesagt: gut, die eine macht ihr vormittags in der Bibliothek, die andere machen wir nachmittags in der Schule; die hatten eine Honorarkraft eingestellt, die ich in der Schule dann hatte, die hat dann neue Bücher besprochen. Also, so haben wir versucht von der Schulseite aus, wo wir eben viele Freiheiten haben, als Schulleiter, als Lehrer, das zu bewegen. Aber jetzt wirklich institutionell, jetzt in dem Sinne, dass es da jetzt neue Dienststellen und Planstellen gegeben hätte, hat sich in Hessen nichts - auch in Hessen nicht getan, obwohl wir dort den Schulministern eigentlich immer beigebracht haben, die Schulbibliothek ist eine wichtige Sache. Dass ist mit jedem Minister wieder neu von unten aufzubauen.

[14:38]
LIBREAS: Okay. Aus einer anderen Perspektive ist mir aufgefallen, dass in vielen Texten zu Schulbibliotheken es ungefähr so aussieht: da gibt es einmal eine langweilige Schule, die auf Frontalunterricht ausgerichtet ist, wo die Schülerinnen und Schüler sich quasi zu Tode langweilen und nie etwas lernen, weil sie da gewissermaßen gezwungen sind. Und dann gibt es diesen hellen, flexiblen Lernort Schulbibliothek, wo die Schülerinnen und Schüler reingehen und ganz viel unterschiedliche Medien nutzen und da ist alles bunt. Also so ein Schwarz/Weiß-Bild. Ich habe mich immer gefragt, hat das denn überhaupt noch mit der Realität der heutigen Schule zu tun?

[15:11]
Günter Schlamp: Die Schulforscher sagen, dass es vielleicht 5.000 von 35.000 Schulen gibt - also dass sind keine 20%-, die wirklich da sind, wo sie sein sollten, dass heißt also Institutionen, die sich selbst weiterentwickeln, die sich selbst optimieren, die sich selbst evaluieren, die weg sind von dem starren Schema ein Lehrer-eine Stunde-eine Klasse. Also, ich bin da sehr zurückhaltend. Ich denke, vorherrschend ist doch ganz stark ein Unterricht, der mehr oder weniger frontal durchgeführt wird. Es gibt zunehmend Schulen, die sich da verändert haben. Aber ich brauch dann eben aber auch die entsprechenden Schulbibliotheken, die eben diesem veränderten Lernen entgegen kommen. Wir haben nicht nur die Situation, dass die Bibliotheken selbst da eigentlich auch noch eher ein bisschen dem Gestern verhaftet sind, die Lehrer ja auch. Natürlich haben wir ein Problem auch bei den Lehrern.

Meine Erfahrung ist also die, dass, wenn sie in der Schule eine Bibliothek aufmachen, dann dauert das zehn bis fünfzehn Jahre, bis auch der letzte Lehrer begriffen hat, es gibt eine Bibliothek in der Schule. Dass heißt, sie sind ja als Lehrer gewöhnt, dass sie eigentlich alles selbst machen: sie planen den Unterricht alleine, sie haben auch alles da und sie schleppen das in die Schule. Sie kommen mit zwei dicken Taschen, da haben sie zehn Literaturlexika, wenn sie im zehnten Schuljahr in der Realschule mal so Literaturgeschichte, mal einen Überblick machen - das schleppen sie von zuhause mit. Und ich hab also Jahre gebraucht, bis Lehrer erkannten: "Ja sag mal, du hast die Bücher ja in der Bibliothek. Ich schlepp' die immer von zuhause mit. Das wusste ich ja gar nicht." Also, dass ist ein Lernprozess, auch für Kollegen, weil Lehrer irgendwie Einzelkämpfer sind und allein sind. Sie haben nicht gelernt im Team zu arbeiten, gemeinsam zu planen. Und sie haben es eigentlich auch nicht erfahren, dass es in ihrer Schule eine Bibliothek gibt, die das ja eigentlich alles hat, was sie brauchen, was sie sich wünschen. Also, dass ist sicher ein Veränderungsprozess, auch mental, der stattfinden muss.

Das geht sogar noch mehr ans Eingemachte: Sie planen als Lehrer ja relativ locker einen Unterricht, in dem sie sich hinstellen und dozieren. Und ein Unterricht, in dem sie die Schüler was tun lassen und die Schüler selbst zu Erkenntnissen kommen lassen ist ja ungleich schwieriger. Da könnte die Bibliothek hilfreich sein, wenn sie diesen Unterricht planen, der eben davon ausgeht, dass ich die Schüler eigentlich los lasse, dass ich den Lernprozess für die Schüler organisiere und denen nicht nur das an die Tafel schreibe, was sie auswendig lernen sollen. So ist Unterricht aber eben vielfach doch noch nicht. Und für so einen starren, frontalen Unterricht brauche ich keine Bibliothek. Bibliothek brauche ich für einen projektorientierten Unterricht, für Unterricht in arbeitsteiligen Gruppen, für Unterricht, in dem die Schüler selbstständig recherchieren sollen. Und das ist noch nicht die Regel.

Dass ist also in der USA ein Stück weit anders, allerdings inzwischen auch leider sehr formalisiert. Dort müssen die Schüler praktisch jede Woche irgendein Referat abliefern, die tigern in die Bibliothek, die Bibliothekarin sagt: "guck in den Katalog", dann liefern sie ihr Referat ab - also die amerikanischen Schüler hassen Schulbibliotheken. Da sollten wir uns nichts vormachen, weil das eben ein dunkler, toter Raum ist, in dem sie ein Referat erarbeiten müssen und möglichst jede Woche eins. Während wir da schon eine andere Vorstellung haben im alten Europa, dass das ein Raum ist, wo Lernen mehr Spaß macht, als im Klassenraum.

Ich stell mir auch vor, dass die Bibliothek stärker noch sich lernpsychologisch öffnet. Es gibt ja da Theorien von Lernpsychologen, so [Howard] Gardner mit multiplen Intelligenzen - und das liegt ja auf der Hand: die einen lernen durch Sehen schneller und mehr, die anderen, wenn sie Hören, die dritten, wenn sie beides machen. Ich denke die Bibliothek muss auch gucken, dass sie Bestände so organisiert, dass unterschiedliche Lerntypen angesprochen werden.

[19:30]
LIBREAS: Die Schulbibliotheken, die ich besucht habe, waren eher so, dass sie jede für sich eine eigene Insellösung hatten. Also: Wer sucht wie Medien aus? Wie werden die finanziert? Wie werden die bearbeitet? Sind das alles Insellösungen oder würden Sie sagen, dass es da schon eine Vereinheitlichung gibt oder Trends?

[19:48]
Günter Schlamp: Das ist das generelle Problem. Also ich denke, wir haben so seit den 30er Jahren des letzten Jahrhundert in Deutschland eigentlich keinen wesentlichen Fortschritt im Schulbibliothekswesen gemacht. Aber es blühen 1000 Blumen. Ich staune wie, wo überall sich etwas tut im Bereich Schulbibliothek. Es verdient dann jetzt nicht unbedingt den Namen Schulbibliothek, aber die Aufmerksamkeit ist da. Sie haben Recht mit ihrer Beschreibung. Wir haben bewusst eigentlich in den 90ern und bis heute, also nahezu zwanzig Jahre lang, gesagt: wir müssen klar machen die unterrichtliche Bedeutung, die pädagogische Bedeutung der Schulbibliothek. Denn wir müssen ja überzeugen: die Bildungspolitik, wir müssen überzeugen: die Schulleiter, wir müssen überzeugen: die Lehrerinnen und Lehrer. Es ist ja nicht so, dass die Lehrer freiwillig in die Bibliothek kommen. Unterricht mit Sachbüchern ist sehr viel schwieriger als mit Lehrbüchern. Und wir haben in Deutschland, verglichen mit anderen Staaten, hervorragende Lehrbücher. Auch wenn die Stiftung Warentest mal irgendwas anderes herausgefunden haben will. Dass heißt, es gibt kaum ein Land der Erde, dass eigentlich für jedes Fach bis hin zu Musik und Töpfern hervorragende Lehrbücher hat, sondern sie müssen sich in anderen Staaten sehr viel mehr Bücher aus der Bibliothek für den Unterricht zusammen suchen. Also insofern war das für uns eigentlich wichtig, aus Gründen der Propagierung von Schulbibliotheken, erstmal zu sagen, wir müssen die Lehrer und die Politik und die Eltern dafür gewinnen. Und wir haben nicht jetzt gesagt, so legt man einen Katalog an und so verwaltet man einen Bestand. Also, die engeren bibliotheksfachlichen Geschichten, mit denen wir angefangen hatten, übrigens, '87, '88, die haben wir sofort gekippt - weil wir auch gesagt haben, da packt keiner den Koffer und lässt sich drei Tage beurlauben, um in die Lehrerfortbildung zu fahren.

Wir haben [in Hessen] Hauptschul- und Realschulabschlussprüfungen in der Mittelstufe, neuerdings. Und da wird erwartet, dass Schüler im Team ein Thema präsentieren. Und nachdem ich das also auch in der eigenen Schule organisatorisch vorbereitet habe und mir die Ergebnisse angeguckt habe - ich sitze dann ja in der Prüfung auch drin - habe ich mich gefragt: Wie macht eine Schule so was ohne Bibliothek? Denn da gehen auch die Hauptschüler und Realschüler - die sitzen praktisch eine Woche in der Bibliothek, in Gruppen und bearbeiten ein Thema. Das hat noch mehr Rückwirkungen, nicht nur für die Bibliothek: die Lehrer müssen mit ihren Schülern sehr viel stärker teamorientierten arbeiten, Gruppenarbeit machen. Denn wenn die eine Teamarbeit erst im Examen machen, dann ist es eigentlich schon zu spät. Deswegen wird das jetzt schon ins achte Schuljahr vorgelagert und ins neunte Schuljahr, also ein Jahr vorher, schon mal quasi so im Stil von mock-exams wie in England wird das schon mal geübt, so dass die Schüler also nicht zum allerersten Mal in die Bibliothek gehen, wenn sie dann die Abschlussarbeit machen.

Das läuft ganz großartig, die machen ihre Vorbereitung, die wird betreut vom Fachlehrer oder Klassenlehrer. Und sie gehen dann praktisch in der Endphase dieser Arbeit mehrere Tage in die Schulbibliothek und arbeiten mit den Medien der Schulbibliothek an ihrer Präsentation. Und das läuft dann darauf hinaus, dass diese Präsentation dann mehr oder weniger digital ist - also Powerpoint, oder ... im Wesentlichen also Powerpoint. Und von daher ist das also eine phantastische Entwicklung, die wirklich ausstrahlt, weil die Bibliothek jetzt hier benutzt wird von ganzen Klassen und die Bibliothek auch dann eben diese Ausstattung braucht. Dass heißt, die Bibliothek - ein Kollege von mir benutzt dieses Wort häufig, der sagt auch: Schulbibliothek ist eine Lernwerkstatt. Dass heißt, ich brauche dort Räume, eine Ausstattung, so dass eine ganze Klasse arbeiten kann - das ist ja auch nicht überall der Fall.

Das versuchen wir aber auch immer wieder den Schulträgern, die Bibliotheken bauen, klar zu machen und auch den Schulen: ich brauche den Platz, ich brauche die Ausstattung, ich brauche also Scheren und Laptops und Uhu und Altpapier und ich brauche eben dann auch den Drucker und ich brauche sechs oder sieben Workstations, an den die Schüler arbeiten können. Ich brauche also einen attachierten Computerraum, mindestens. Ich brauche einen elektronischen Katalog, in dem die Schüler nach einem Schlagwort suchen können.

Also diese Abschlussprüfung in der Mittelstufe, die haben das Schulbibliothekswesen in Hessen ein Stück weit vorangebracht, weil die Schulen merken, dass ist ja die Geschichte: da kann ich ja das zehnte Schuljahr rein setzen, die schreiben da in Teams, in Gruppen ihre Arbeit und sie haben alles, was sie brauchen: sie haben die Lexika, sie haben die Rechtschreibduden, sie haben das Internet und sie haben die Themenpakete. Der Bestand ist dann natürlich auch entsprechend orientiert aufgebaut. Das versuche ich auch unserem dbv-Vorsitzenden immer deutlich zu machen: wir sind keine kleine Stadtbibliothek, ich brauche 40 Bücher zum Thema Schmetterlinge, wenn da der achte Jahrgang kommt.

Ich sehe schon in der Bibliothek nicht nur ein Instrument, um jetzt also PISA-Ergebnisse zu verbessern, als so ein Unterrichtsinstrument, wie das eigentlich in den USA weitgehend gelöst wird: "die Bibliothek ist ein Raum, in dem wird studiert und sonst nichts." Ich sehe die Bibliothek schon als Raum, in dem man sich gerne aufhält, in dem auch Schulkultur stattfindet. In dem also Autorenbegegnungen stattfinden, in dem Lesungen stattfinden, in dem man Zeitung lesen kann und Zeitschriften lesen kann. Also das sollte schon gewährleistet sein, dass Schüler sich da auch gerne aufhalten und dass Schüler - und das ist für mich das Allerwichtigste - dass Schüler erkennen, die Bibliothek bringt mir was. Es ist auch gefährlich, diese Tendenzen sind ja dann da, wenn's regnet gehen die nicht auf den Schulhof, sondern dann stehen sie in den Bibliothek rum. Ich weiß also von Öffentlichen Zweigstellen in Schulen, wo die Bibliotheksassistentin in der Pause schließt, weil sie sagt: "Da kommen 60 Rabauken rein, ich kann das gar nicht überblicken." Also da muss auch schon wieder Acht geben, muss organisatorische Vorkehrungen treffen, dass geht ja vom Stellen der Regale bis hin zur Lehreraufsicht - da gibt's Lösungen. Also da sehe ich schon, dass die Bibliothek auch eine schulkulturelle Aufgabe hat; auch eine kommunikative Aufgabe hat. Sie braucht aber dann eben auch eine bestimmte Größe um diese Funktionen dann eben auch erfüllen zu können.

[27:24]
LIBREAS: Okay. Was sich immer wieder gefragt wird - also auch im Bibliotheksbereich - ist: Warum klappt so was in Hessen, einigermaßen? Und warum nicht woanders?

[27:33]
Günter Schlamp: Es hängt sehr stark eigentlich von Personen ab, auch von der zeitlichen Situation. Es muss also Menschen geben, die sich in dem Bereich engagieren. Dass ist gerade im Schulbibliotheksbereich schwierig. Es gibt sehr viele engagierte Menschen, also Lehrer und Eltern, die was bewegen, die aber selten eigentlich über den Tellerrand hinaus blicken, die das auch von der zeitlich Belastung her gar nicht können. Wir sind im LAG-Vorstand mit einer Ausnahme alles Schulleitungsmitglieder, also Schulleiter, Stellvertreter, Zweigleiter - dass heißt, wir sind also in der Lage auch organisatorisch hier schon im Lauf der Arbeit in der Schule mal ein Schulgespräch zu führen oder mal ein Treffen zu vereinbaren oder mal einen externen Termin wahrzunehmen, was für einen normalen Lehrer eigentlich nicht möglich ist. Das erschwert das. Gut, wir hatten auch in Hessen politisch eine günstige Situation, Anfang der 90er, wir sind nämlich praktisch mit dem Wort Schulbibliotheken oder mit Ideen in den Koalitionsvertrag der Rot-/Grünen-Regierungskoalition reingekommen und hatten gute, sehr gute Gesprächskontakte und haben damals also sehr viel erreicht in so einer vorinstitutionellen Phase. Wir bekamen also im Kultusministerium einen Ansprechpartner. Wir haben gesagt, es muss im Ministerium jemand sein, der die Zuständigkeit für Schulbibliotheken hat, dass wurde gemacht. Also wir haben in Hessen einen der wenigen Schulbibliotheksreferenten in einem Kultusministerium. Wir haben dafür gesorgt, im parlamentarischen Raum, dass es Haushaltsmittel gab. Auch dieses Mobil, dass gebaut wurde, dass war - ich das jetzt mal umrechnen, ich denke das waren 400.000 Euro, die der Landtag dem Kultusminister bewilligt hatte, die dann verbaut wurden, allerdings mit der Maßgabe, dass da auch noch Kunst und Musik und Video, also Medienpädagogik mit aufgenommen wurde. Aber es gibt also bis heute bescheidene, schrumpfende Haushaltsmittel im Kultushaushalt. Das war eine Situation, wo wir eben im Politikraum, im Verwaltungsraum Ansprechpartner hatten, die bereit waren, auf unsere Vorschläge einzugehen, die uns eigentlich auch bis heute ernst nehmen. Und das ist der Bonus, von dem wir zehren.

Wir haben ja heute, in den letzten Jahren eigentlich eine veränderte Situation. Wenn es also das im bibliothekarischen Raum, was es heute gibt, Ende der 80er gegeben hätte an Konzepten, an Strategien, auch an Personen, wären wir wahrscheinlich nie entstanden. Wenn sie Ende der 80er Jahre das Thema Schulbibliotheken suchten - ich hab das gemacht, auch beim dbi; auch noch Mitte der 90er im Internet recherchiert haben - die Treffermeldungen waren also absolut gering. Allein die Zahl der Weblogs, die es im bibliothekarischen Raum gibt, von denen viele unheimlich spannend sind, also von LIBREAS ganz zu schweigen --- das gab's alles Ende der 80er Jahre nicht. Es gibt also im bibliothekarischen Raum viele, auch jüngere Wissenschaftler und Menschen, die sehr viel stärker konzeptionell denken und moderner denken. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, also aus meiner Wahrnehmung - dass interessiert Sie ja sicher auch - war dass Öffentliche Bibliothekswesen noch in den 80ern relativ verschlafen. Es gab ein Buch "Die Stadtbibliothek als Kommunikationsort" hieß das glaube ich, [Schwencke, Olaf ; Dankert, Birgit (Hrsg.) / Kommunikationsort Stadtbibliothek : Dokumentation einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum vom 6. bis 8. September 1991 in Kooperation mit dem Verein der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken e.V. (VBB) und der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. - Rehburg-Loccum : Evangelische Akademie Loccum, 1991] in dem das deutlich beschrieben wurde, dass die kulturpolitischen Entwicklungen so Ende der 80er, 90er Jahre in den Öffentlichen Bibliotheken verschlafen wurden. Also so Stadtteilkulturzentren, später entstanden die kommunalen Kinos, es entstanden Literaturhäuser - das ging an den Öffentlichen Bibliotheken alles vorbei. Das hat sich heute geändert. Ich hab eigentlich erst im Ausland moderne Bibliothekskonzepte kennen gelernt. Also Lissabon, Stadtbibliothek, da war ich fasziniert; Amsterdam, Malmö - sowohl vom Gebäude her ansprechend und vom bibliotheksfachlichen Konzept sehr viel kundenorientierter als das Ende der 80er war. So, dass wir damals relativ alleine standen.

Wobei heute, also um noch einen aktuellen Schlenker zu machen - inwieweit dass für die Schulbibliotheken hilfreich ist, was jetzt als Strategie verfolgt wird, Kooperationsvereinbarungen zum Beispiel, da bin ich etwas skeptisch, weil das Wort Schulbibliothek da so gut wie nicht vorkommt. Ich habe mir alle sechs oder acht Kooperationstexte angeguckt. Also substantiell und nicht nur als Floskel kommt die Schulbibliothek nur in Hessen vor. Und in Hessen eigentlich nur, weil das Kultusministerium Wert darauf gelegt hat, dass die LAG auch nach Abschluss des Kooperationsvertrages noch Ansprechpartner ist. Das ist also: in keinem anderen Kooperationsvertrag gibt es noch eine weitere Gruppierung, überall hat der dbv ein Alleinstellungsmerkmal. In Hessen hat der Kultusminister ausdrücklich Wert drauf gelegt, dass die LAG weiterhin Ansprechpartner und Mitwirkender ist. Allerdings hat das jetzt eine sehr veränderte Qualität.

[33:40 Minuten]

 

 


 
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