| Rezension
Rezension zu: Architektur + Wettbewerbe. 209,
März 2007, „Bibliotheken und Archive“, Stuttgart:
Karl Krämer Verlag, € 19,50, ISSN: 0341-2784
von Ben Kaden (info)
Arne Barths Einstiegsfrage in sein Editorial zur Märzausgabe
der Architekturzeitschrift, „Ganz ehrlich: Wann waren Sie
eigentlich zum letzten Mal in einer Bibliothek?“, kann er
als Redakteur am Ende selbst nicht ganz ernst nehmen, vermutet er
doch einen großen Teil seiner Leserschaft im universitären
und daher auch im Universitätsbibliotheksmilieu. Siebzig Prozent,
so seine Angabe, der Bibliotheksbenutzer betreten Bibliotheken aufgrund
„eines Studiums, einer Aus- und Fortbildung oder ihres Berufs“,
30 Prozent aus „Vergnügen“ und Arne Barth schon
seit längerem nicht mehr oder bestenfalls als Neubau. Freundlicherweise
ist diese Aussage dann eher selbstkritisch gemeint und im Rest des
kleinen Textes räumt der Autor wohlwollend mit ein paar landläufigen
Bibliotheksklischees auf und stellt schließlich fest:
“Bibliotheksbauten boomen derzeit regelrecht;
viele veraltete Einrichtungen werden
durch zeitgemäße und dem aktuellen Bedarf entsprechende
Bauten ersetzt oder
ergänzt.“
Nun ja, in die Falle der verzerrten Wahrnehmung
bezüglich eines Bibliotheksbaubooms bin ich selbst schon einmal
im Editorial – und zwar der ersten LIBREAS- Ausgabe –
getapst. Blättert man nämlich tatsächlich einmal
unvoreingenommen durch die Jahrgänge der Fahrzeitschriften,
sowohl der bibliothekarischen wie auch der architektonischen, stellt
man fest, dass eigentlich seit 100+ Jahren permanent Bibliotheken
neu entstehen[Fn1].
Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn schließlich
„veralten“ die Einrichtungen ja zwangsläufig alle
20 bis 30 Jahre und zwar traditionell dadurch, dass sie für
die Bestände zu klein werden.
Die Frage zielt also nicht in Richtung des „Booms“,
d. h. der Quantität der neuen Bauten, sondern in Richtung des
„Zeitgemäßen“ und des „aktuellen Bedarfs“:
Wie muss eine Bibliothek, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts
geplant und gebaut wird, beschaffen sein, um die nächsten drei
Jahrzehnte aktuell und nutzbar zu sein? Entsprechend ist es spannender
auf die Trends und Einflussfaktoren zu schauen und die sind –
postmodern pluralistisch, wie die Welt sich nun mal heute darstellt
– ziemlich vielfältig. Es gibt nicht mehr die Stadtbibliothek,
es gibt nicht mehr die Universitätsbibliothek, es gibt jedoch
seit zwei Dekaden die Digitale Bibliothek.
Ursula Kleefisch-Jobst führt in ihrem kurzen
Einführungstext ein paar dieser Entwicklungslinien aus, darunter
am beliebten Beispiel des Cottbusser IKMZ den möglichen Grund,
warum Bibliotheksneubauten seit einigen Jahren eine stärkere
breitenwirksame Aufmerksamkeit erfahren: die Architektur von Cottbus
bis Alexandria, von Seattle bis Minsk wirkt „postfunktional“,
sie wird dort – wo der Bauheer mitspielt und eine entsprechende
„Leuchtturmarchitektur“ wünscht und finanziert
– zum ästhetischen Mehrwert, gern auch mit Wahrzeichencharakter.
Auch das ist keine neue Entwicklung – man denke nur an das
Gebäude der durch Scharoun konzipierten Staatsbibliothek –
am Beispiel Cottbus und den vielfältigen Interpretationen wurde
jedoch sehr deutlich, dass die „Geste“, die das Gebäude
darstellt auch in Hinblick auf die mediale Aufmerksamkeit von „archithese“
bis zur „Bild-Zeitung“ spekulieren konnte. Das ist insofern
am Ende sogar etwas sehr schönes für das Bibliothekswesen,
gelingt es so doch wenigstens punktuell mit einer ästhetischen
Öffentlichkeitsarbeit. Dass aus den schaulustigen Architekturtouristen
im IKMZ, Calatravas Rechtsbibliothek in Zürich oder auch im
Foster- Brain der Freien Universität Berlin auch dauerhafte
Bibliotheksnutzer werden, bleibt am Ende allerdings offen.
In ihrem Kielwasser werden meist weniger durch ihre
Form als durch ihre funktionale Idee glänzende kleinere Projekte
wie die schöne Doktorandenbibliothek der Universität Lausanne,
die weiße Biblioteca Municipal de Alvito oder der
rosè-farbene Diskus der San Sisto Bibliothek in Perugia ab
und an ebenfalls in den Architekturmagazinen berücksichtigt.
Es dominieren aber in der Regel die großen, eindrucksvollen
Bauten der großen, das Spektakuläre versprechenden Namen
der Architekten und so tauchen die üblichen Verdächtigen
Sir Norman Fostar, Herzog & DeMeuron, OMA und Santiago Calatrava
natürlich in leichter Permutation in all den Architekturzeitschriften
von „A10“ bis „werk“, „bauen und wohnen“
auf. Und so ein bisschen ist das natürlich auch in der vorliegenden
Sonderausgabe von „Architektur + Wettbewerbe“ der Fall,
wobei letztlich aber eine ganz gute Mischung aus medialen Überfliegern
wie dem IKMZ in Cottbus, den „Standards“ wie dem
Idea Store Whitechapel und nicht ganz so intensiv im Licht
der Öffentlichkeit stehenden Projekten, wie z.B. der Bibliothek
der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden gelang.
Sowohl geographisch (viermal Deutschland, zweimal
Spanien, je einmal Finnland, Großbritannien, Irland, Niederlande,
Portugal, USA) wie auch von den Objekttypen (fünf Hochschulbibliotheken,
vier Stadtbibliotheken, eine Dokumentationszentrum, ein Archiv,
ein Kulturzentrum mit öffentlicher Bibliothek) ist eine große
Bandbreite von Einrichtungen vorgestellt. Dass dabei nicht zwangsläufig
die verschiedenen Bibliothekskulturen und eine differenzierte Auseinandersetzung
mit den unterschiedlichen Entwicklungen in den jeweiligen Bereichen
im Zentrum der Beschreibungen stehen, ist angesichts der Tatsache,
dass wir es hier mit einer architektonischen Fachzeitschrift zu
tun haben, zu erwarten.
Entsprechend beziehen sich die durchweg leider sehr
knappen und manchmal eher zu kurzen Texte auf die grobe Gebäudebeschreibung,
wobei die Brücke zur Funktion bestenfalls am Rand geschlagen
wird. Interessanter als die Kurzbeschreibungen, die man zumeist
so ähnlich auch schon an anderer Stelle lesen konnte, sind
sicher für den Außenstehenden die Wettbewerbsdokumentationen,
in denen die Wettbewerbsaufgaben und die Preisgerichtsbeurteilungen
zur Erweiterung und Sanierung der Oberösterreichischen Landesbibliothek
in Linz, zum Neubau der Universitäts- und Landesbibliothek
in Darmstadt und zur neuen Mittelpunktbibliothek in Berlin- Köpenick,
zusammengefasst werden.
Insgesamt stellt dieses Themenheft eine nette, knappe,
nicht repräsentative Dokumentation zu aktuellen Entwicklungen
im Bibliotheksbau dar, die allein genommen keine Grundlage für
die Beschäftigung mit dem Thema sein kann, sich als Ergänzung
oder für einen kurzen Überblick, besonders aufgrund der
hier zusammengestellten Fotografien, Schnitte und Grundrisse aber
durchaus anbietet.
Einen vertiefenden Eindruck gewinnt man natürlich
nur, wenn man zusätzlich Arne Barths Ratschlag beherzigt und
sich bei Gelegenheit einmal tatsächlich in eines der Gebäude
begibt – idealerweise natürlich in einer Nutzungssituation.
Fußnoten
[Fn 1]
Michael Brawne stellt beispielsweise in
seinem Buch „Bibliothek – Architektur und Einrichtung“
aus dem Jahr 1970 mehr als zwei Dutzend z. T. sehr beeindruckende
Neubauten der 1950er und 1960er Jahre vor. Auch in den 1970ern entstand
von der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover oder
der Universitätsbibliothek in Bremen bis hin zur – architektonisch
nicht gerade zurückhaltenden – John P. Robarts Research
Library in Toronto einiges an Neubauten. (zurück)
|