| Rezension
Janich, Peter (2006) Was ist Information? Kritik einer
Legende. Frankfurt/ Main: Suhrkamp Verlag, 181 S., €
14,80, ISBN 978-3-518-58470-5
von Walther Umstätter (info)
Nach zahlreichen Büchern wie „Was ist Wahrheit?“,
„Was ist Erkenntnis?“, „Die Protophysik der Zeit“,
„Das Maß der Dinge. Protophysik von Raum, Zeit und Materie“
u. v. m. erscheint hier ein weiteres gut und auch leicht lesbares
Werk des Autors. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sich das Büchlein
rasch und problemlos konsumieren lässt. Denn dahinter steht
ein Denker (Jg. 1942) der „Protophysik“, den Wikipedia
als Philosophen der Universität Marburg und Vertreter des „Methodischen
Kulturalismus als Weiterentwicklung des [...] Erlanger Konstruktivismus“
ausweist. Damit lässt sich die Betrachtungsweise des Begriffs
„Information“ für den Eingeweihten leicht abschätzen
und für alle anderen aus dem Zusatztitel „Kritik einer
Legende“ schon ahnen.
Wenn man also erwartet, dass dieses Buch die Frage
des Titels, “Was ist Information?“, beantwortet, so
wird man insofern enttäuscht, da die Quintessenz vielmehr darin
zu finden ist, dass viele Aussagen darüber, was Information
sei, eben in den Bereich des Legendären und Ikonenhaften gehört.
Der Autor bezieht sich hierbei sowohl auf die Information in der
Alltagssprache als auch auf die „Pfade des Irrtums“
in den Naturwissenschaften. Sicher gibt es bezüglich des Begriffs
„Information“ viel Abwegiges und Pseudowissenschaftliches
in dieser Welt, was es zu kritisieren gilt, denn das ist bei einem
Begriff, der das letzte Jahrhundert so stark geprägt hat wie
kein anderer, auch kaum anders zu erwarten.
Die Informationstheorie von Claude Elwood Shannon,
Warren Weaver, Ludwig Boltzmann, Ralph Hartley, Harry Nyquist, Ronald
Fisher, Norbert Wiener, Erwin Schrödinger u. a. hat die Computer,
die Nachrichtentechnik, die Erbinformation der Lebewesen, die allgemeine
Digitalisierung u. v. m. erst verständlich gemacht. Hinzu kommt,
dass diese Theorie keine leichte geistige Kost ist. Schon die einfache
Frage: „Hat Information eine Bedeutung?“ ist sozusagen
der Lackmustest, ob jemand diese Theorie verstanden hat oder nicht,
da die meisten Menschen spontan mit „ja, selbstverständlich“
antworten. Nur jene, die den Satz von Weaver, „information
must not be confused with meaning“ begriffen haben, wissen,
dass erst die Informationstheorie die Konfusion von Information
und Interpretation aufdeckte.
Insofern ist es sehr erfreulich, dass Peter
Janich auf den höchst wichtigen Zusammenhang von Information
und Semiotik im Sinne von Charles Morris hinweist. Wobei allerdings
die Trennungslinie zwischen Information und Semiotik und damit die
Tatsache, dass die Informationstheorie eine unverzichtbare Basis
zum Verständnis der Semiotik wurde, nicht deutlich wird. Darin
liegt auch der Grund, dass „Morris bei Shannon und Weaver
nirgends erwähnt“ wird, wie Janich auf S. 40 bemerkt.
Diese beiden Autoren bauten ja nicht auf Morris auf, sondern schufen
vielmehr eine neue Grundlage für die Semiotik. Janich hat aber
völlig recht, dass die „Beziehung von Morris und Weaver“
„bisher in der Literatur nicht bemerkt worden zu sein“
scheint, auch wenn der Rezensent dieser Zeilen selbst wiederholt
darauf hingewiesen hat, dass die Unterscheidung von Charles Morris,
semantics sind die "relations of signs to the
objects to which the signs are applicable" und pragmatics
die "relation of signs to interpreters"[Fn1],
eine deutliche Korrespondenz zu Shannon und Weaver zeigt, weil sich
Semantik vorwiegend auf der Senderseite und Pragmatik auf der Empfängerseite
(dem Interpreten einer empfangenen Nachricht) abspielt. Das Modewort
Semantik macht deutlich, dass in weiten Bereichen nur wenig bekannt
ist, dass diese, ohne die Pragmatik, gar keinen Sinn hat.
Um die Ausführungen Janichs zu verstehen, muss
man erkennen, welche Bedeutung Worte wie Sprache, Information und
Kommunikation bei ihm haben, denn für Janich ist Sprache nicht,
wie man erwarten sollte, der Oberbegriff von Körpersprache,
menschlicher Sprache, Sprache der Bienen, Sprache der Delphine,
Sprache der Urmenschen oder Zeichensprache, sondern das Synonym
für menschliche Sprache. Das ist durchaus legitim, da menschliche
Sprache sich signifikant von allen anderen durch den Bedeutungsgrad
der Worte und durch das dahinter stehende menschliche Bewusstsein
unterscheidet. In diese Denkstruktur Janichs passt dann auch die
zwangsläufig folgende Vorstellung, das Information und Redundanz
in einer solchen Sprache immer bedeutungstragend sein muss. Das
erfordert aber dann einen anderen aussagekräftigen Oberbegriff
für die syntaktische Kommunikation.
Unabhängig davon muss man auch erkennen, dass
Zeichen von Computern verarbeitet werden können, ohne dass
es bereits um Semiotik geht, und das ist die tiefgreifende Erkenntnis,
die sich aus der Informationstheorie ergab. Syntaktisch strukturierte
Nachrichten können auch außerhalb menschlicher Kommunikation
erzeugt übertagen und empfangen werden. Ob wir das Sprache
nennen, Kommunikation, Nachrichten-, Zeichen- oder Informationsübertagung,
ist nicht ganz gleichgültig, da Worte ihre Bedeutung möglichst
leicht erkennbar machen sollten. Entscheidend ist aber die möglichst
eindeutige Abgrenzung dieser Begrifflichkeit und damit deren Definition.
Insofern lässt sich Janich gar nicht erst auf
diese Informationstheorie ein, wenn er sie zur Legende erklärt.
In dem von ihm kritisierten Verständnis, Information als „Bedeutung
und Geltung für jeden, der sie sucht oder gibt.“ (S.
19), diskutiert er grundsätzlich nur bedeutungstragende Information
auf der Ebene der Semiotik von Morris. Auch dies ist selbstverständlich
legitim, zumal neben Janich viele andere, und nicht nur Philosophen,
mit dem sehr scharf begrenzten Informationsbegriff der Informationstheorie
große Schwierigkeiten haben. Wenn man aber die Benennung „Information“
aus dieser Theorie zu verbannen versucht, muss man eine bessere
Namensgebung anbieten können, und das fehlt.
Janichs Kritik fokussiert auf das, was er „die
Information als Naturgegenstand“ oder als „Gegenstand
der Naturwissenschaften“ (S. 13) bezeichnet, von der er richtigerweise
wiederholt feststellt, dass sie sozusagen die Bedingungen der Semiotik
nicht erfüllt. Über diese Theorie im eigentlichen Sinne
erfährt man daher in dieser Publikation wenig Erhellendes,
weil sich der Autor mehr auf sein eigenes Metier, die Probleme der
menschlichen Sprache aus philosophischer Sicht, konzentriert.
Die Informationstheorie im Eta-Theorem[Fn2]
Boltzmanns lieferte zweifelsfrei tiefgreifende Erkenntnisse über
die Messbarkeit von Ordnung. Auch die Entdeckung, dass Information
und Wissen grundsätzlich Fragen der bedingten Wahrscheinlichkeit
sind, und es somit weder bei Informationen noch beim Wissen eine
absolute Sicherheit geben kann, hat das Denken vieler Menschen hinsichtlich
des Laplaceschen Dämons und des Determinismus im letzten Jahrhundert
stark revolutioniert. Die Erkenntnis Shannons, dass Entropie in
Form von Information und Redundanz weitaus mehr mit Syntax, Ordnung
und Geisteswissenschaft zu tun hat, als mit Physik, Energie oder
Materie (Wiener), hat zahlreiche Geistes- und Sozialwissenschaftler
provoziert, etwas über die Frage der Emergenzen (Konrad Lorenz.),
die zwei Kulturen von Charles Percy Snow und vieles andere auf den
181 Seiten sehr schön nachzulesen ist.
Zweifellos hat die „Mathematical Theory of Communication“
den Begriff Information aus dem unscharfen Kontext menschlicher
Alltagssprache und auch aus ihrem historischen Sprachwandel heraus
in eine sehr präzise und wissenschaftlich begründete Festlegung
überführt. Gerade dadurch wird sie überhaupt erst
angreifbar, weil undefinierte Begriffe wie Kommunikation, unter
der einige die Unterhaltung von zwei oder mehreren Menschen verstehen,
andere kommunizierende Röhren, wieder andere die Interaktion
von Tieren oder Pflanzen etc., fast nicht falsifizierbar sind. Dagegen
definiert die Informationstheorie eindeutig den Fluss einer Nachricht
vom Sender über einen Kanal zum Empfänger schon als Kommunikation,
da die Rückkopplung vom Empfänger zum Sender einerseits
nur die Umkehrung dieser Kommunikation ist, andererseits aber eine
Vielzahl völlig neuer Probleme aufwirft, die damit bereits
in den Bereich der Kybernetik gehören. Insofern ist natürlich
die Informationstheorie auch die unverzichtbare Basis der Kybernetik.
Wenn man nun noch das Problem der Semiotik hinzunimmt, bei dem es
nicht nur um den rückgekoppelten Austausch von Nachrichten,
sondern auch noch um die begriffliche Bedeutung dieser im menschlichen
Verständnis geht, dann braucht man darüber hinaus noch
die Komplexität neuronaler Netze, in denen wir innere Modelle
unserer Umwelt schaffen. Auf einfachster Ebene betrachtet sind für
die Erzeugung von Wortbedeutungen semiotische Thesauri notwendig,
die festlegen, welches Wort in welchem Kontext welche Bedeutung
trägt – welche Komplexität dahinter steht, wird
heute, bei den Bemühungen der Informatiker um die ontologies
immer deutlicher.
Dass ein so einfacher Informationsbegriff, wie er
in der Informationstheorie definiert ist, all die Menschen stört,
die diesen Begriff weiterhin dort anwenden möchten, wo sie
es gewohnt sind, ist selbstverständlich. Es ist aber hier ebenso
wenig zulässig, wie in allen anderen Bereichen der Wissenschaft,
Begriffe definitorisch aus Gewohnheit unscharf zu lassen. So sind
Philosophen nicht selten über den gedankenlosen Umgang mit
Worten verärgert, und das ist auch der eigentliche Gegenstand
der Betrachtung dieses Büchleins, die Bemühung um die
Eindämmung sprachlichen Wildwuchses. „Hier geht es [...]
um Aufklärung im Sinne einer Kritik an falschen Philosophien“,
heißt es auf S. 178. Der Autor beklagt, wie viele andere auch,
den starken Gebrauch von Metaphern in den heutigen Wissenschaften,
wenn beispielsweise Moleküle eine „Schlüssel-Schloß-Funktion“
(S. 94) haben oder vom „Alphabet des entschlüsselten
Erbguts“ (S. 95) die Rede ist. Diese bildhafte Darstellung
ist in der (Sprache der) Wissenschaft modern geworden, weil sie
im Wettbewerb um die Geldgeber immer stärker gezwungen ist,
diese allgemein verständlich dort abzuholen, wo sie geistig
stehen, was nicht selten auf Kosten der Wissenschaftlichkeit geht.
Darum bedient sich aber auch gerade dieses Büchlein selbst
sehr stark einer allgemeinen Verständlichkeit, indem es beispielsweise
das Bild vom Hotel mit dem perfekt funktionierenden Schließsystem
(S. 93) betrachtet, das zeigen soll: „Schlüssel irren
sich nie, und »erkennen« deshalb keine Schlösser
– wie Moleküle.“
Für Janich ist die Kommunikation von Molekülen
zwangsläufig eine Metapher, und dazu noch eine abwegige, weil
es für ihn keine sprachliche Kommunikation außerhalb
der Menschheit gibt; und das ist klar, Moleküle können
nicht wie Menschen kommunizieren. Wenn man aber menschliche Sprache
als Unterbegriff von Sprache versteht, was sie sprachlich zweifellos
ist, dann sind diese Sprachformen keine Metaphern der menschlichen
Sprache mehr, sondern nur Varianten der Gemeinsamkeit dessen, was
man Sprache nennt.
Gerade Janich kritisiert ja weniger die Alltagssprache
der Laien, als vielmehr die der Naturwissenschaftler, denen er nachzuweisen
versucht, dass sie sich auf Irrwegen befinden. In dieser Fachsprache
geht es aber über die Bedeutung von Worten, wie sie sich aus
dem Konstruktivismus heraus ergeben, hinaus, zusätzlich um
die fundierte Begründung einer bestimmten Wortwahl. Missverständnisse
liegen nicht selten auch darin, dass unsere menschliche Sprache
durch das von George Kingsley Zipf erkannte „principle
of least effort“ zum radikalen Reduktionismus gezwungen
ist. Denn die komplexen neuronalen Vorstellungen und Begrifflichkeiten,
die unser Gehirn von dieser Welt zu erzeugen vermag, in einfache
Worte und deren syntaktische Satzkonstruktionen zu fassen, bedeutet
zwangsläufig Reduktionismus und Metaphernbildung – und
von dieser interessanten Frage handelt dieses Büchlein eigentlich.
Fußnoten
[Fn 1] Morris,
C.W. (1938): Foundations of the theory of signs. Chicago: University
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[Fn 2] „H-Funktion“
bei Janich S. 60, da H für das griech. Eta der Entropie steht
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