| Das Beste aus
beiden Welten [Fn1]
von Boris Jacob (info)
und Jin Tan (info)
Der durch die Digitalisierung der Medien
und die fortschreitende Vernetzung der Kommunikationswege eingeleitete
Paradigmenwechsel im Umgang mit Medien[Fn2]
stellt die Institution Bibliothek schon seit einiger Zeit vor neue
Herausforderungen. Dabei ist die derzeitige Medienrevolution bei
weitem nicht die erste, die eine Evolution der Bibliothek bewirkt.
Einer der zentralen Aspekte dieses Prozesses, der Übergang
vom Realen ins Virtuelle, führt einerseits zu Veränderungen
unter der Fragestellung inwieweit die Bibliothek bei der Vermittlung
ihrer Dienstleistungen noch an ein Gebäude gebunden ist. Andererseits
wird die Diskussion nun um den Aspekt der veränderten Kommunikationsmöglichkeiten
erweitert.
Während viele Medienproduzenten zu spät
auf die veränderten Bedingungen der Internetökonomie reagiert
haben, sind die Bibliotheken schon länger damit beschäftigt,
ihre Angebote auf das Internet auszuweiten. Dazu wurden Kataloge
digitalisiert, Zugang zu Datenbanken angeboten, digitale Bibliotheken
aufgebaut und zunehmend beginnen auch deutsche Bibliotheken Bücher
im großen Maßstab zu digitalisieren – mit dem
Ziel, die Position der Bibliothek, die sie als Informationseinrichtung
lange Zeit in der Mitte der Gesellschaft einnahm, zu verteidigen.
Libraries are in the heart of the information
society, so drückte es die ehemalige
IFLA Präsidentin Kay Raseroka bei der IFLA- Konferenz in Berlin
aus. Damit die Bibliothek dieser vielfältigen Anforderungen
auch weiterhin gerecht wird, ist eine Anpassung an die sich ständig
verändernde Umwelt notwendig. Festzuhalten ist, dass die Bibliothek
nicht länger nur Das Buch und sein Haus
ist[Fn3].
T. Scott Plutchak ist sogar der Meinung, dass ihre Bedeutung als
zentrale Medien- und Informationseinrichtung in der Zukunft weiter
abnehmen wird:
"In the print world, the library
building was the center of the librarian's universe; now, it
may be a home base, but it is no longer where we necessarily
do our most vital work." [Fn4]
Wenn sich das Betätigungsfeld der Bibliotheken
aber in den virtuellen Raum ausweitet, muss sie sich nicht nur der
sich immer schneller wandelnden technischen Möglichkeiten bewusst
sein, sondern auch ihrer Konkurrenz. Im Internet haben sich längst
Gatekeeper etabliert, deren Kerngeschäft das Annotieren und
Anzeigen digitaler Information ist, Google ist ein Beispiel dafür.
Den Kampf gegen diese Konkurrenz auf ihrem eigenen Territorium aufzunehmen,
so wie es Jean-Noël Jeanneney vorgeschlagen hatte[Fn5],
wäre zwar eine Möglichkeit, die finanziellen Mittel, die
für Personal, Reorganisation und Technik, aufgebracht werden
müssten aber wären enorm. Eine andere Möglichkeit
ist es, von der Konkurrenz zu lernen und da, wo es möglich
ist, mit ihr zu kooperieren. Dabei hat gerade die Bibliothek die
Chance, Angebote zu entwickeln und anzubieten, die langfristig,
sicher und öffentlich zugänglich und jenseits des Perpetual
Beta sind, und gleichzeitig neue Wege zu finden, um ihre traditionellen
Dienstleistungen den technischen Gegebenheiten anzupassen und so
attraktiver zu machen.
Um dieser Aufgabe nachzukommen, reicht es aber
für Bibliotheken inzwischen nicht mehr aus, nur auf die „Portalsmentalität“
zurückzugreifen, die sich sowohl auf das Gebäude Bibliothek
als auch auf deren Internetangebot bezieht. Denn wenn der Nutzer
nicht zum Portal kommt...:
"One of the things I am concerned
about is when I hear people talking about ’What can we
do in order to get people into the library?’ As if the
goal is to get people into the library. And I think that’s
the wrong goal. The goal is to connect people with knowledge
and information, ideas and the work that other people have done."[Fn6]
Entscheidend ist aus diesem Blickwinkel nicht
mehr das physische Gebäude, in dem Bibliothekare arbeiten,
entscheidend ist letztendlich die kreative Arbeit der Bibliothekare
selbst. Um möglichst kundenorientiert zu sein, wird sich die
Bibliothek dabei von einer Just-In-Case- zu einer Just-In-Time-
Bibliothek entwickeln müssen[Fn7]
und dabei sowohl ihre physische als auch ihre digitale Form neu
überdenken. Indem sich das WWW unter der Bezeichnung Web 2.0
langsam zu dem entwickelt, als das es ursprünglich von Tim
Berners-Lee konzipiert wurde, nämlich zu einem Kommunikations-
und Kollaborationsmedium[Fn8],
können die Konsumenten von Information gleichzeitig als Produzenten
in Erscheinung treten. So kürte das Time Magazine
im letzten Jahr den Internetnutzer auch als Person des Jahres: Yes,
you. You control the Information Age. Welcome to your world.[Fn9]
Der Begriff Bibliothek 2.0 ist in diesem
Zusammenhang Mittel zum Zweck: die Bibliothek, die bibliothekarische
Kompetenz und die bibliothekarischen Konzepte unter diesen veränderten
Bedingungen zu diskutieren. Sicherlich kann man wie Signy Irene
Karlsen fragen, ob es sich dabei um "Same shit, new wrapping?"[Fn10]
handelt, eine differenzierte Betrachtung ist dennoch notwendig.
Ob das allerdings ausreicht, den Platz in der Mitte der Wissensgesellschaft
zu verteidigen, ist fraglich. Die große Chance der Bibliothek
besteht darin, zukunftsweisende Services zu entwickeln.
Dies muss auf der Basis des bibliothekarischen Wissens im Umgang
mit Information und im Zusammenwirken mit den immer neuen Technologien
und den dadurch entstehenden Möglichkeiten geschehen. Technisch
ist viel mehr möglich, als bisher umgesetzt wurde. Dorthin
zu gehen, wo die Benutzer sind, ist einer von vielen Vorschlägen
von Laura B. Cohen[Fn11]:
Bibliothekare müssen einerseits ihre traditionelle Arbeit als
Informationsspezialisten oder -vermittler im Hinblick der technischen
Entwicklung wie z. B. des Web 2.0 verbessern und andererseits ihr
Umfeld beobachten, um den Bibliotheksservice an die Bedürfnisse
ihrer Kunden anzupassen. Michael Stephens beschreibt dies in seinen
zehn Trends zur Bibliotheksarbeit im Jahr 2007: Conversations,
Convergence, Content, Redefining LIS Jobs, Citizen Journalism, We’re
Human, Openess & Sharing, Participation, Experience, Play.[Fn12]
Trotzdem ist zu hinterfragen, bis zu welchem
Grad T. Scott Plutchak These über den Bedeutungsverlust der
physischen Bibliothek zutreffend ist, denn die Dependancen einiger
Bibliotheken in der kommerziellen virtuellen Welt Second Life[Fn13]
oder Buchbetrachtungsprogramme wie Turning the Page 2.0[Fn14]
, als Beispiele für die virtuelle Ordnung und Darstellung von
Wissen, werden die Bibliothek als realen, öffentlichen und
kulturellen Ort nicht so einfach ersetzen können. Jürgen
Seefeldt drückt diese Idee passend aus:
Als Kontrapunkt zur virtuellen Welt, dem Cyberspace,
könnte die neue, reale Bibliothek von morgen an jedem Ort
der Welt den Bezugspunkt mit Wissenszugang, persönlicher
Betreuung und Chancengleichheit aller darstellen, sozusagen
einen gemeinsamen Identifikationsrahmen bieten und so dem seit
alters her bestehenden und weiterhin wachsenden Bedürfnis
nach Gemeinschaft entsprechen […]. [Fn15]
Die Verwendung des Wortes „könnte“
impliziert, dass sich Bibliotheken im Real Life nicht so
wahrnehmen. Ein Umdenken und eine kreative Auseinandersetzung findet
aber auch unter diesem Aspekt statt. Beispiel dafür, dass sich
die Bibliothek neu in die Stadtgesellschaft einordnet sind die Ideastores
in England[Fn16],
die einerseits bibliothekarische Dienste unter einem anderen Image
anbieten, andererseits neben Büchern aber auch Cafés,
Trainingsräume und andere Räume und Möglichkeiten
für das öffentliche Leben bereithalten. Ein abstrakteres
und schwer zu realisierendes Beispiel ist die Brabant-Bibliothek,
ein Turm, bestehend aus einer spiralisch in die Höhe ragenden
Aneinanderreihung von Bücherregalen. Dieses Gebäude, vielleicht
ist es passender von einem Weg zu sprechen, hat die Funktion einer
Zentralbibliothek, die für die Literaturversorgung einer Vielzahl
von verschiedenen Einrichtungen aller Art verantwortlich ist.[Fn17]
Denkbar sind Schulen, Cafés oder Kultureinrichtungen.
Letztendlich wird es darum gehen, die Vorteile aus Virtualität
und Realität in der Bibliothek zu vereinen. Und so spielt beim
Projekt Second Library 2.0 auch die Realität eine
Rolle:
The goal of these projects is to put
the library where the user is - on the Internet - to provide
vital services there and also to promote the local library.[Fn18]
Dafür gibt es bereits viele gute Ideen
und erfolgreich funktionierende Konzepte. Dank dem technologischen
Fortschritt war es noch nie so einfach, diese fruchtbar zu vernetzen.
Fußnoten
[Fn 1] Die
wörtliche Übersetzung des Titels der Star Trek Serie TNG
74 u. 75: „The Best of Both Worlds“. Die deutschen Titel
„In den Händen der Borg“ und „Angriffsziel
Erde“ hätten den Inhalt unseres Artikels nicht ganz getroffen.
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[Fn
2] Eine Studie zeigt bspw. dass die Nutzung des Internets von amerikanischen
Erwachsenen in den letzten zehn Jahren von 16 % auf 70 % angestiegen
ist:
http://online.wsj.com
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[Fn
3] Schöne Beispiele für
„Das Buch und sein Haus“ finden sich auf:www.bibliotheksbauten.de
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[Fn
4] http://tscott.typepad.com/tsp/2007/01/what_do_you_cal.html
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[Fn
5] Siehe dazu das Plädoyer des ehemaligen Präsidenten
der Bibliothèque National de France: Jeanneney, Jean-Noël
(2006): Googles Herausforderung : Für eine europäische
Bibliothek (zurück)
[Fn
6] The Library 2.0 Gang talk about changing library buildings: http://talk.talis.com/archives/2007/01/the_library_20_7.html
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[Fn
7] Danowski, Patrick; Heller, Lambert
(2006) Bibliothek 2.0 - Die Zukunft der Bibliothek? Zitiert nach:
Hobohm, Hans-Christoph (1997) Auf dem Weg zur lernenden Organisation.
In: Bibliothek, Heft 21, S. 293. – URL: http://eprints.rclis.org/archive/00007618/
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[Fn
8] www-128.ibm.com/developerworks/podcast/dwi/cm-int082206txt.html
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[Fn
9] www.time.com/time/covers/0,16641,20061225,00.html
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[Fn
10] Karlsen, Signy Irene (2006) The Public Library. A New Version.
In: Scandinavian Public Library Quarterly 3, S. 4-6
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[Fn
11] http://bibliothek2.wordpress.com/2006/11/13/manifest-des-bibliothekars-20-dt-ubersetzung/
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[Fn12]
http://tametheweb.com/2007/02/ten_tech_trends_for_librarians_1.html
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[Fn
13] Jin Tan listet solche in seinem Blog: http://jintan.wordpress.com/2007/03/21/bibliotheken-in-second-life/
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[Fn
14] Das Programm entstand in Zusammenarbeit der British Library
mit Microsoft: www.bl.uk/ttp2/ttp2.html.
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[Fn
15] Seefeldt, Jürgen:
Zukunftsvisionen : Die Bibliothek von morgen – URL: www.b-i-t-online.de/archiv/2005-01/fach1.htm
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[Fn
16]Ein Konzeptpapier dazu gibt es auf: www.ideastore.co.uk/downloads/A_Library_and_Lifelong_Learning_Development_
Strategy_for_Tower_Hamlets.pdf
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[Fn
17] Bibliotheken 2040: Die Zukunft neu entwerfen / Red. Rob Bruinzeels
und Nicole van Tiggelen. Übers.
von Uta Klaassen. - Bad Honnef: Bock + Herchen, 2003, S. 16ff
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[Fn
18] www.talis.com/tdn/node/1506
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