| Soziale Bibliotheksarbeit:
soziale Inklusion und soziale Anerkennung
von Hans Elbeshausen (info)
Soziale Bibliotheksarbeit – dieser
Begriff öffnet ein weites Feld und führt in unwegsames
terminologisches Gelände. Eine These oder – besser gesagt
– eine Übertreibung könnte die Orientierung in dem
Terrain terminologischer Unwegsamkeiten etwas erleichtern:
Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft, die ihr
soziales Kapital schneller verbraucht als sie es produziert.
Begründen ließe sich diese These wie folgt:
Erstens: Der amerikanische Politologe
Robert Putnam hat 1995 einen Aufsatz mit dem Titel: „Bowling
Alone: America's Declining Social Capital“ veröffentlicht
und die These vertreten, dass sich die US-Bürger in den letzten
40 Jahren mehr für sich selbst als für ihre Nachbarn
und für die sozialen Einrichtungen in ihren Gemeinden interessiert
haben. Bedenkliche Konsequenz: Vereinsamung, wachsende Angst und
gated communities.
Zweitens: Der Bamberger Soziologe
Ulrich Beck stellt in dem Buch „Risikogesellschaft“
fest, dass Gemeinschaftsbindungen zerfallen, und sich die spätmoderne
Gesellschaft Individualisierungsprozessen nicht gekannten Ausmaßes
gegenübersieht – mit Freiheits- und Wahlmöglichkeiten
auf der einen Seite, dem Verfall von gewachsenen sozialen Milieus
und Lebensformen auf der anderen – beides birgt Unsicherheits-
und Risikomomente in sich.
Drittens: Der Bremer Soziologe Stefan Luft hat 2006
ein Buch zum Einwanderungsland Bundesrepublik Deutschland mit der
spektakulären Überschrift „Abschied von Multikulti
– Wege aus der Integrationskrise“ vorgelegt. Lufts nicht
ganz so spektakuläre Zeitdiagnose zeigt auf, dass sich die
deutsche Gesellschaft in den vergangenen 40 Jahren zu einer Parallelgesellschaft
gewandelt hat – eine Entwicklung, die keiner wollte, die man
aber billigend in Kauf genommen hat, weil, so meine Vermutung, die
soziokulturellen Probleme in einer multikulturellen Gesellschaft
nicht ernst genommen wurden.
Viertens: Wilhelm Heitmeyer, Professor für Pädagogik
an der Universität Bielefeld, hat 1997 eine kritische Bestandsaufnahme
moderner und hoch differenzierter Gesellschaften vorgenommen und
einen Sammelband unter der Überschrift „Was treibt die
Gesellschaft auseinander?“ veröffentlicht. Die soziale
Polarisierung – so seine These – habe sowohl national
und global zugenommen und zur Desorganisation der Gesellschaft und
Desorientierung der Menschen geführt. Konflikte, die sich aus
sozialen, ethnischen und kulturellen Unterschieden herleiten, können
heute institutionell kaum abgefedert werden und würden auf
lange Sicht die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft begünstigen.
Fünftens: Dann ist noch der Armuts- und Reichtumsbericht
der Bundesregierung mit dem Titel „Lebenslagen in Deutschland“
zu nennen. Dem Bericht zufolge hat das Armutsrisiko in Deutschland
zugenommen und lag im Jahre 2003 bei 13,5 % - ungleich verteilt
zwischen Männern und Frauen, Neuen und Alten Ländern,
jungen und älteren Mitbürgern. Die Schere zwischen Arm
und Reich ist größer, manche sagen, gefährlich groß
geworden. 11 Millionen Bürger sind in Deutschland vom Armutsrisiko
bedroht.
Diese Beispiele zeigen, dass in spätmodernen
Gesellschaften eine wirtschaftliche, soziale und politische Gemengelage
entstanden ist, die andere Anforderungen und Erwartungen an soziale
Inkorporation, an Sozialarbeit und Soziale Bibliotheksarbeit stellt.
Es geht nicht mehr ausschließlich darum, soziale oder kulturelle
Randgruppen zu integrieren oder vom sozialen Leben Ausgeschlossene
zu unterstützen. Sozialpolitik und Sozialarbeit sehen sich
vor neue Aufgaben gestellt. In einer individualisierten und konkurrenzorientierten
Gesellschaft, in der wirtschaftliche Verhältnisse kaum langfristig
kalkulierbar sind, soziale Beziehungen sich schnell verflüchtigen
und die individuelle Planungssicherheit abgenommen hat, muss sowohl
die soziale Inklusion gefördert als auch die Autonomie der
Menschen gesichert werden.
Gerechtigkeit bei der Verteilung von Lebenschancen
und soziale Inklusion auf der einen, Identitätspolitik und
gegenseitige soziale Anerkennung auf der anderen Seite machen den
Gegenstand einer sozial ausgerichteten Kulturarbeit oder kulturell
ausgerichteten Sozialarbeit aus. Stärkung sozialer Verantwortung,
Förderung von Gemeinschaftsbindungen und Hilfe in sozialen
Konflikt- und Notlagen durch den Aufbau tragfähiger sozialer
Netzwerke würden den Aufgabenbereich der sozialen Inklusion
umfassen.
Eine selbstständige, widerstandsfähige und selbstverständliche
Identität entwickeln und behaupten zu können, stellt einen
zweiten umfassenden Komplex dar. Identitätsarbeit geschieht
nach dem Konzept der wechselseitigen sozialen Anerkennung. Der Sozialphilosoph
Axel Honneth[Fn1]
stellt drei Bereiche der Anerkennung mit ihren jeweiligen Organisationsformen
heraus: die emotionale Anerkennung, die rechtliche Anerkennung und
die soziale Wertschätzung.
Die Sicherung des sozialen Kerns der Gesellschaft
und die Förderung von Identitäts- und Anerkennungsprojekten
wären für mich der Punkt, an dem Sozialarbeit und Bibliotheksarbeit
„verklammert“ werden könnten.
Es bleibt jedoch die Frage, wodurch sich Soziale
Bibliotheksarbeit von Sozialarbeit unterscheidet. Vielleicht wäre
es hilfreich, zwischen materieller und symbolischer Beziehungs-
und Lebensgestaltung zu unterscheiden. Hilfe bei der materiellen
Lebensgestaltung wäre eine Aufgabe der Sozial-, nicht der Kulturarbeit.
Einen kompetenten Begleiter auf dem Weg in eine fremde Gesellschaft
zu haben, in dieser Gesellschaft eine Heimat zu finden[Fn2],
ein Gesicht und eine Stimme zu haben, eine individuelle, soziale
und kulturelle Identität auszubilden – dies könnten
Inhalt und Funktion einer symbolischen, einer kulturorientierten
„Bibliothekssozialarbeit“ sein. Hier lägen ein
Betätigungsfeld und eine Verpflichtung für öffentliche
Bibliotheken, gemeinsam mit anderen kulturellen und sozialen Institutionen
partizipatorische Gleichheit und Entfaltung von Subjektivität
zu ermöglichen.
An dieser Stelle seien exemplarisch zwei dänische
Integrationsprojekte genannt, um die Bandbreite sozial-kultureller
Bibliotheksarbeit zu illustrieren.
Das erste ist ein Gemeinschaftsprojekt eines Fußballvereins,
eines Jugendfreizeitheims und einer Bibliotheksfiliale in Kopenhagen
mit dem Projekttitel „Fair Play“.
Inhaltlich ging es darum, potentiell gewaltbereite Jugendliche im
Alter zwischen 10 und 15 Jahren besser in den Sozialraum der Nahgesellschaft
einzubinden, die gegenseitige soziale Anerkennung verschiedener
ethnischer Gruppen zu fördern und stabilere Ich-Identitäten
aufbauen zu helfen. Die örtliche Bibliothek war an drei Tagen
in der Woche eine Art Wissenszentrum und Stammtisch, wo man über
Fußball gefachsimpelt, wo man Karriere- und Ausbildungsplanung
betrieben und über Konflikte in Schule und Elternhaus gesprochen
hat – das Personal hat sich außerdem aktiv am Fußballgeschehen
beteiligt, indem sie Heimspiele ihrer Jungs besuchte oder selber
die Stollen anzog.
Das zweite Projekt ist ein Multimediaangebot für Kinder und
Jugendliche in Århus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks
„Circel Computer Club“, so der Name des Projektes, ist
Teil der städtischen Kulturpolitik für Kinder und Jugendliche
und wird an Schulen und Bibliotheken durchgeführt. Kinder und
Jugendliche eignen sich in Workshop-ähnlichen Veranstaltungen
mediale Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen an, damit
sie ihre Lebensgeschichte, ihre individuellen Erfahrungen und altersspezifischen
Bedürfnisse auszudrücken und zu vermitteln lernen. Kreative
Fertigkeiten gehen Hand in Hand mit sozialen Faktoren. Sich mitteilen
zu können setzt Sprach- und Ausdrucksfähigkeit voraus
und ist eine wichtige Voraussetzung für Gemeinschaftsbindungen.
Die Bibliotheken übernehmen die Rolle eines „Fazilitators“
und informationellen Beraters.
Soziale Bibliotheksarbeit würde sich anhand der
Projekte wie folgt bestimmen lassen:
Die Entfaltung der Gemeinschaft und der Individuen
lassen sich nicht voneinander trennen – soziale Anerkennung
ist immer auch die Anerkennung des kulturell Fremden und sozial
Anderen. Gemeinwesenarbeit darf nicht die Unterordnung des Einzelnen
unter die Zwänge sozialer Systeme oder kultureller Traditionen
begünstigen.
Funktionale Subjektivität orientiert sich in
hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften am Modell der Selbstbehauptung
und Konkurrenz. Soziale Bibliotheksarbeit wird daher Fertigkeiten
und Fähigkeiten vermitteln müssen, die die Selbstdurchsetzung
des Einzelnen sichern.
Soziale Beziehungen sind nicht rein funktionaler Natur.
Ich-Identität funktioniert nach dem Modell wechselseitiger
Anerkennung und hat soziale sowie kulturelle Selbstbestimmung zum
Ziel.
Soziale Bibliotheksarbeit besteht wie jede Arbeit
aus Interaktion und Inhalt. Es stellt sich die Frage, ob der geänderte
Inhalt des Sozialen neue Formen der sozialen Interaktion notwendig
macht: z.B. Teilnahme an Bürgerforen, Stadtteilarbeit, eine
dialogische Beratung oder systematische Wissensvermittlung durch
Unterricht.
Soziale Bibliotheksarbeit hat sich mit dem Paradox
auseinanderzusetzen, auf der einen Seite Veränderungen für
sozial schwache Gruppen initiieren zu wollen, auf der anderen Seite
ihre Benutzer, Klienten usw. nicht instrumentalisieren zu dürfen.
Grundlage der sozialen Bibliotheksarbeit muss Selbständigkeit
und Selbstbestimmung sein: „für und mit dem Benutzer“
könnte ihr Motto sein.
Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass
soziale Bibliotheksarbeit – verstanden als soziale Inklusion
und die Förderung gegenseitiger sozialer Anerkennung –
aus folgenden Aufgabenbereichen bestehen könnte:
- Begrenzung sozialer Ungerechtigkeit in konkurrenzorientierten
Gesellschaften,
- Sicherung und Ausbau tragfähiger sozialer und kultureller
Netzwerke,
- Förderung des Vertrauens in und Stärkung der gemeinsamen
Verantwortung für die Normen
und Werte sozialer Gemeinschaften,
- Förderung der Selbstverantwortung, Selbstentfaltung und Selbstbehauptung
der Einzelnen in
der Gesellschaft,
- Verbesserung partizipatorischer Gleichheit und Entfaltung von
selbstbestimmter Individualität.
Literatur:
Beck, Ulrich (1986) Risikogesellschaft. Auf
dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp
Bundesminister Bundesministerium für
Arbeit und Soziales: Lebenslagen in Deutschland. Der 2. Armuts-
und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bericht April 2005 elektronische
Ausgabe: www.bmas.bund.de/BMAS/Redaktion/Pdf/Lebenslagen-in-Deutschland...de
Cappai, Gabriele (2005) Im migratorischen Dreieck.
Eine empirische Untersuchung über Migrantenorganisationen und
ihre Stellung zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft. Stuttgart:
Lucius & Lucius
Fraser, Nancy und Honneth, Axel (2003) Umverteilung
oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt/Main:
Suhrkamp
Glick-Schiller, Nina u. a. (2006) Jenseits der
„ethnischen Gruppe“ als Objekt des Wissens: Lokalität,
Globalität und Inkorparationsmuster von Migranten. In: Berking,
Helmuth (Hrsg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen.
Frankfurt/New York: Campus-Verlag
Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (1997) Was treibt
die Gesellschaft auseinander? Frankfurt/Main: Suhrkamp
Honneth, Axel (1992) Kampf um Anerkennung. Zur
moralischen Grammatik sozialer Konflikte Frankfurt/Main: Suhrkamp
Luft, Stefan (2006) Abschied von Mulitkulti.
Wege aus der Integrationskrise. Gräfelfing: Resch
Meueler, Erhard (1993) Die Türen des Käfigs. Wege zum
Subjekt in der Erwachsenenbildung. Stuttgart: Klett-Cotta
Putnam, Robert (1995) Bowling Alone. America’s
Declining Social Capital. In: Journal of Democracy; Vol. 6 (1995)
1
Fußnoten
[Fn 1] Honneth
1992; Fraser/Honneth 2003 (zurück)
[Fn
2] Glick-Schiller 2006 (zurück)
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