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Die library@esplanade in Singapur

von Bernhard Mittermaier (info)

 

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Der Stadtstaat Singapur zählt zu den produktivsten Industriestandorten weltweit; die IT-Branche und die biotechnologische Forschung sind herausragende Beispiele singapurischer Exzellenz. Auch auf bibliothekarischem Gebiet ist das Land führend: Durch die Umsetzung des sehr ambitionierten Bibliotheksentwicklungsplanes Library 2000[Fn1] entstand das „zur Zeit sicherlich modernste Bibliothekswesen der Welt“[Fn2]. Dies gilt für wissenschaftliche Bibliotheken allerdings nur sehr eingeschränkt.[Fn3]

Auf kulturellem Gebiet hatte Singapur lange Zeit keine Infrastruktur, die internationalen Maßstäben entspricht.[Fn4] Um diese Lücke zu schließen, wurde nach dem landesüblichen Motto „Klotzen statt Kleckern“ mit Esplanade – Theatres on the Bay[Fn5] für rund 600 Millionen Singapur-Dollar (300 Millionen Euro) am Singapore River auf einem sechs Hektar großen Gelände ein Kunst- und Kulturzentrum errichtet.[Fn6] In unmittelbarer Nähe befinden sich Tagungszentren, Shopping-Center und renommierte Hotels[Fn7]. Schon von weitem fällt es durch seine außergewöhnliche Architektur auf, die der Dorianfrucht („Stinkefrucht“) nachempfunden ist.

Esplanade in Singapur - für größere Ansicht klicken
Abb. 1 Die "Esplanade"

Das im Oktober 2002 eröffnete Esplanade bietet das ganze Jahr über eine breite Palette von Veranstaltungen: Tradition und Moderne, Klassik und Avantgarde finden in zahlreichen Musik-, Tanz- und Theatervorstellungen der unterschiedlichsten Stilrichtungen gleichberechtigt ihren Platz. Der Veranstaltungskalender berücksichtigt mit ethnischen Festivals die multi-kulturellen Wurzeln der Bevölkerung Singapurs, bietet Raum für zeitgenössische asiatische Kunstformen und ist gleichzeitig ein Treffpunkt für Spitzenkünstler aus aller Welt.

Das Esplanade beherbergt einen mit vielen technischen Raffinessen ausgestatteten Konzertsaal mit 1800 Plätzen, indem sich unter anderem eine Orgel mit 3 Manualen, 61 Registern und 4740 Pfeifen befindet[Fn8]. Der Konzertsaal verfügt über eine variable Akustik: Nachhallkammern, die den gesamten Konzertsaal umgeben, können über große Betontüren zugeschaltet werden, wodurch die Akustik von einer Konzertsaalakustik bis hin zu einer Kathedralakustik verändert werden kann. Das Theater mit 2000 Plätzen, das gleichermaßen den Anforderungen der darstellenden Künste Asiens, als auch denen des Westens genügt, beherbergt eine Hauptbühne, zwei Nebenbühnen und mehrere Proberäume. Darüber hinaus stehen im Freien Aktionsflächen zur Verfügung; Restaurants, ausgesuchte Geschäfte und – last but not least – die library@esplanade runden das Angebot ab.

Im Projekt Library 2000 gab es ein eigenes Sub-Committee on the Arts, das die Errichtung einer zentralen Kunstbibliothek vorschlug. Bis dato waren die einschlägigen Sammlungen in den verschiedenen Bibliotheken „ziemlich bescheiden“[Fn9] und bestanden vorwiegend aus gedruckten Medien. In der Regel enthielten die Bestände neben Medien von allgemeinem Interesse vor allem ein auf die jeweilige Einrichtung zugeschnittenes Angebot. Das waren zum Beispiel die Bestände zur Architektur an der National University of Singapore, die Sammlung zu Film und Musik an der Bibliothek der Singapore Broadcasting Corporation und die Sammlung zum Design der Design Centre and Temasek Polytechnic Libraries. Die neu zu errichtende Zentralbibliothek für Kunst sollte Medien aus und über die darstellende Kunst und die Musik sammeln, unter besonderer Berücksichtigung von Kunst aus Singapur und der Region. Ein großer Teil der Medien sollte originalsprachig sein. Die übrigen Bibliotheken mit Sammlungen zu Einzelgebieten der Kunst sollten ihre Erwerbungsaktivitäten auf die jeweiligen Spezialgebiete konzentrieren. Zwar war zunächst geplant, die zentrale Kunstbibliothek im neu zu errichtenden Gebäude der Nationalbibliothek unterzubringen, doch wurde schon im Bericht Library 2000 die Unterbringung im damals geplanten Singapore Arts Centre als Möglichkeit beschrieben, welche letztlich realisiert wurde.

Abb.2 Esplanade - Innenansicht

 

Die library@esplanade empfängt den Besucher[Fn10] mit einem langen Relief. Es enthält in Stein gehauene Begriffe aus der Welt der darstellenden Künsten (Abb. 2). Als Hommage an das klassische chinesische Theater wird Reispapier mit Kalligraphien zur Verzierung von Glassäulen im Eingangsbereich verwendet. In mehreren Glasvitrinen sind traditionelle thailändische Puppen ausgestellt.

Thailändische Puppen in der "Esplanade" - für größere Ansicht klicken
Abb.3 Thailändische Puppen in der "Esplanade"

Im Mittelpunkt der 2300m² großen Bibliothek steht ein „Arts Central“ genannter Bereich, der Zeitschriften, Nachschlagewerke sowie den Auskunftsbereich beherbergt und der darüber hinaus Freiflächen für die „Innovation Gallery“ zur Verfügung stellt. Ausstellungen sollen dort die Bibliotheksbesucher dazu animieren, die Welt durch Vermittlung der darstellenden Künste neu zu entdecken. Dieser Teil der Bibliothek kann auch für verschiedene Veranstaltungen genutzt werden, von denen nach Angaben des Bibliotheksdirektors David Wei Lie jährlich ca. 80 stattfinden. Im Eingangsbereich befinden sich auch eine Bühne, mehrere Selbstverbuchungsterminals sowie außerhalb des Eingangs der Medienrückgabeautomat, der täglich von 7-2 Uhr zugänglich ist. Die Bibliothek selbst öffnet an Wochentagen von 11 bis 21 Uhr, am Wochenende von 11 bis 20 Uhr.

Beiderseits von arts central befinden sich die Bereiche Theater, Film, Musik und Tanz, die in einzelnen „villages“ voneinander abgegrenzt sind, die sich innenarchitektonisch deutlich unterscheiden (Bodenbelag, Materialien der Regale und der übrigen Inneneinrichtung, Farbgebung). MusicVillage bietet Zugang zu den Werken klassischer und zeitgenössischer Künstler und Komponisten in Form von Noten, Büchern, CDs und Videos/ DVDs. Die Werke können ausgeliehen oder an Hörstationen vor Ort abgehört werden mit der Möglichkeit, gleichzeitig die Noten mitzulesen. Hier wie in der ganzen Bibliothek sind die zu einem Werk gehörenden Medien unabhängig von der Medienart gemeinsam aufgestellt. Dies soll zu einer möglichst ganzheitlichen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Kunstwerk anregen. Das Angebot wird durch einen PianoPracticingRoom abgerundet. In diesem schalldichten Raum stehen ein Klavier und ein Keyboard zur Verfügung. Der MusicVillage benachbart ist die ReadingLounge, die mit Ledersesseln geradezu luxuriös ausgestattet ist.

Abb.4 Der "PianoPracticingRoom" in der "Esplanade"
Abb.4 Der "PianoPracticingRoom" in der "Esplanade"

Das DanceVillage ist mit Parkettboden, Spiegeln und Stangen wie ein Ballettsaal gestaltet. Angeboten werden Bücher, Tanznotationen und Videos/ DVDs von Aufführungen. Letztere können auf einem Plasmabildschirm auch direkt vor Ort betrachtet werden. Zusammen mit dem Goethe-Institut Singapur, dem Deutschen Tanzfilminstitut Bremen und der Universität Bremen wird im Projekt Dance on Demand zeitgenössischer deutscher Tanz nach Singapur gebracht[Fn11]. Es bietet einen einfachen Zugang zu einzelnen Aufführungen, zur Arbeit von Choreographen und Tänzern und beleuchtet deren individuellen Stil. Dazu gehören über 100 Filme mit modernem Tanz sowie Aufführungen vom klassischen Ballett bis zur Avantgarde. Darüber hinaus werden einzelne deutsche Künstler und Tanzkompanien präsentiert.

Im TheaterVillage gibt es von Theaterstücken Primär- und Sekundärliteratur in Buchform und Videos/DVDs von Theateraufführungen. Beeindruckend war die große Zahl originalsprachiger Stücke auch jenseits der vier singapurischen Amtssprachen. Beispielsweise sind in deutscher Sprache sowohl die Klassiker als auch die wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts im Angebot.

Das FilmVillage ist schließlich einem abgedunkelten Filmstudio nachempfunden, bei dem die Beleuchtung durch Filmscheinwerfer erfolgt. Neben Büchern über Schauspieler und Filme sowie Drehbüchern erhält man hier eine reiche Auswahl an Filmen auf VHS-Kassetten und DVDs. Diese können auch in den zwei geschmackvoll und technisch hochwertig ausgestatteten ScreeningRooms betrachtet werden. Die ScreeningRooms können zum Preis von 6 Singapur-Dollar für vier Stunden gemietet werden. Nach Aussage des Bibliotheksdirektors David Wei Lie werden die mit vier bzw. acht Plätzen ausgestatteten Räume sowohl von Paaren als auch von Familien rege genutzt.

In der Bibliothek sind vier Bibliothekare beschäftigt, die alle neben der bibliothekarischen Ausbildung auch eine Ausbildung in einem der vier Schwerpunkte der Bibliothek absolviert haben. Angesichts der fachlichen Kompetenz der Bibliotheksmitarbeiter, des breiten und augenscheinlich qualitativ hochwertigen Medienangebotes, der großzügigen Öffnungszeiten von wöchentlich 68 Stunden und nicht zuletzt auch der überaus beeindruckenden Inneneinrichtung ist es kein Wunder, dass die Bibliothek sowohl von der breiten Öffentlichkeit als auch von Studierenden und Künstlern rege genutzt wird. Der Anteil der Performing-Arts-Medien an allen Ausleihen in den öffentlichen Bibliotheken stieg von 2,7% vor der Eröffnung der library@esplanade auf jetzt 18,9%.[Fn12] Das Ziel, der breiten Bevölkerung die Schwellenangst zu nehmen und Kunst aus einer Nische herauszubringen, ist augenscheinlich glänzend erreicht.

Bildnachweis

Abb. 1: Wikipedia-User http://en.wikipedia.org/wiki/ Image:The_Esplanade%2C_Singapore%2C_Dec_05.JPG
Abb. 2: Wikipedia-User Sengkang
http://en.wikipedia.org/wiki/Image:Library%40Esplanade%2C_Dec_05.JPG
Abb. 3: Bernhard Mittermaier
Abb. 4: Bernhard Mittermaier

Literatur

Ball, Rafael; Mittermaier, Bernhard (2005) Bericht über die bibliothekarische Studienreise nach Singapur vom 28.02.-06.03.2005, www.goethe.de/mmo/priv/702519-STANDARD.pdf

Ball, Rafael; Mittermaier, Bernhard (2006) Die Kehrseite der Medaille. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, S. 120-123

Bertelsmann-Stiftung und Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände e.V. (2004) Bibliothek 2007. Internationale Best-Practice-Recherche, Gütersloh

Creamer, Ruth (2003) Singapore's first performing arts library: library@esplanade. In: Art Libraries Journal, Heft 4, S. 34-38

Kong, Lily (2000) Cultural policy in Singapore: negotiating economic and socio-cultural agendas.In: Geoforum, Heft 4, S. 409-424

Library 2000 Review Committee (1994) Library 2000: Investing in a learning nation. Singapore: SNP Publishers Pte Ltd.

Mittermaier, Bernhard (2006a) Bibliotheken in Singapur. Verlag des Forschungszentrums Jülich

Mittermaier, Bernhard (2006b) Libraries in Singapore. Verlag des Forschungszentrums Jülich

Neue Zürcher Zeitung (25.10.2002) Neues Wahrzeichen für Singapur, S. 58

Ratzek, Wolfgang (2006) Singapur – Eine „Schatzinsel“ in der Welt der Bibliotheken. In: B.I.T. online, Heft 9, S. 238-242

Süddeutsche Zeitung (25.10.2002) Inszenierung aus Glas und Stahl; Singapur präsentiert sich künftig als Wirtschaftsmetropole und zugleich als bedeutende Kulturstadt. In: Zentrum Esplanade, Ausgabe 51

Wieldraaijer, Eimer (2005) David Wei Lie: entertainment als breekijzer. In: Bibliotheek, Heft 2, S. 26-28

 

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Fußnoten

[Fn 1]
Library 2000, Review Committee, 1994. (zurück)

[Fn 2]
Bertelsmann-Stiftung und Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände e.V. 2004 (zurück)

[Fn 3]
Ball und Mittermaier 2006; Mittermaier 2006a, 2006b (zurück)

[Fn 4]
Kong 2000 (zurück)

[Fn 5]
siehe
www.esplanade.com. (zurück)

[Fn 6]
Süddeutsche Zeitung vom 25.10.2002 (
zurück)

[Fn 7]
Neue Zürcher Zeitung vom 25.10.2002 (zurück)

[Fn 8]
Creamer 2003 (zurück)

[Fn 9]
Library 2000 Review Committee, 1994
(zurück)

[Fn 10]
Ball und Mittermaier 2005 (zurück)

[Fn 11]
Ratzek 2006 (zurück)

[Fn12]
Wieldraaijer 2005
(zurück)

 

 

Inhalt 04/2006
Editorial
Schwerpunkt
Bibliothekswesen International
 
Bibliotheken in Japan: Stephanie Kaiser
Bemerkungen Süd-Korea: Andreas Müller-Lee
Kam.sa-ham.ni.da Seoul - IFLA WLIC 2006
library@esplanade.: Bernhard Mittermaier
Bibliothekswesen Polen.. : Stephanie Funk
Wenn Maschinen lächeln könnten..:
Elke Greifeneder
Island: Alte Literaturtradition..: Anika Bäcker
Beiträge
Short Cuts: Myoung Wilson
"Nur noch Digitale Bibliothek.." - Walther Umstätter im Interview
Medienvielfalt, Medieneinfalt..: Ben Kaden
Die Bibliothek für Musik..: Elisabeth Simon
Rezensionen
Tom Alby: Web 2.0
Susan C. Awe: The Entrepreneur's Information Sourcebook
André Spiegel: Die Befreiung der Information
Kevin Strauss: Tales with Tails
Internationale Tendenzen, nationale Probleme..: Elisabeth Simon

Text & Bild

Bildersammlung Seoul
2 Bibliotheksgedichte - Susanne Brandt
 
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