| Weltbibliothekarisch: Die
Kellysche Idee.
Ein paar quergeschriebene Gedanken zu
Kevin Kellys Essay „Und alle Bücher werden eins“[Fn1]
von Ben Kaden (info)
Zugegeben, es gibt die New York Times, die der Film EPIC2014[Fn2]
so um 2012 offline sieht, in persönlicher Reichweite, z.B.
im Zeitschriftenladen im Bahnhof Friedrichstraße. Da die deutsche
Auspreisung aus der Qualitätstageszeitung tatsächlich
vehement ein Blatt für die (ökonomische) Elite zu machen
scheint (eine Ausgabe kostet dort € 10), andererseits aber
die tiefschürfende „Inhouse“-Lektüre im Bahnhofsbuchhandel
bei den dortigen Mitarbeitern nicht unbedingt auf viel Gegenliebe
stößt, blättere ich die Bogen nicht regelmäßig
durch. Die Online-Ausgabe ist dagegen relativ präsenter, aber
eben nicht absolut und was ich heute nicht gelesen, les ich morgen
nimmer mehr, bzw. nehme es im Regelfall einfach nicht mehr wahr.
Daher ist mir auch der ausgesprochen interessante Artikel, den „Wired“-Gründer
und auch Cyberculture-Vordenker Kevin Kelly dort Mitte
Juni publizierte, entgangen.
In „Scan This Book!“ beschäftigt
er sich ausführlich und visionär mit der Zukunft von Bibliothek
und Buch. Glücklicherweise ergab sich – sozusagen „serendipitly“
– eine zweite Chance: Die Schweizer Wochenschrift „Weltwoche“,
hat in ihrer Ausgabe vom 6. Juli die deutsche Übersetzung des
Kellyschen Artikels im Angebot, wobei deren Betitelung das Original
an Originalität in guter Tradition des gehoben deutschsprachigen
Feuilletons übertrumpft: „Und alle Bücher werden
eins“. Dabei beschreibt die Überschrift recht exakt,
was sich im Herzen dieses webphilosophischen Zukunftsentwurfes verbirgt:
Ausgehend von den aktuellen Digitalisierungsoffensiven bei Google,
Amazon und einigen anderen Unternehmen, spannt er ein weites Netz
über das weite Feld der Digitalkopie. Denn was digital im WWW
vorliegt, kann auch vernetzt werden. Irgendwie geschieht das dann
auch.
Was am Ende stehen soll, ist dies:
„Alle Werke der Menschheit seit Beginn der Geschichtsschreibung
und in jeglicher Sprache sollten jederzeit jedem Menschen zugänglich
sein.“
„Alle Werke“ heißt:
alle Bücher (mindestens 32 Millionen), alle Zeitschriftenartikel
und Essays (um die 750 Millionen), alle aufgenommenen Musikstücke
(ca. 25 Millionen), ein paar Bilder (ca. 500 Millionen), alle Filme
(um die 500.000), die Videos, Fernsehsendungen etc. (etwa 3 Millionen)
und natürlich die öffentlich zugänglichen Webseiten
(etwa 100 Milliarden). Das „Alles“ technisch abzulegen
scheint gar nicht so problematisch zu sein und hier sehen wir auch
den Nutzen der Informationstheorie, mit der man den Speicherbedarf
irgendwie hätte berechnen können. Ob Kevin Kelly das getan
hat, weiß ich nicht. Er geht jedoch von 50 Petabyte Aufwand
aus, das in Festplatten verpackt, so sein Beispiel, „ein Gebäude
von der Größe einer Kleinstadtbibliothek“ füllen
würde. Vielleicht trifft es sich da gar nicht schlecht, dass
durch das Bibliothekssterben hierzulande einige solche Liegenschaften
vakant geworden sind…
Kelly beschreibt in der Folge sehr schön und
knapp, wie gescannt wird (z.B. mit einem Roboter: „Diese Maschine
von der Grösse eines Geländewagens blättert die Seiten
eines Buches automatisch um, und zwar tausend Seiten pro Stunde.“)
und wo gescannt wird („Scan-Fabriken in China, wo man mit
weniger strengen Vorstellungen von geistigem Eigentum zu Werke geht,…“).
Die Argumentation ist auf den ersten Blick wunderbar einleuchtend
und vermittelt ein ganzes Spektrum interessanter Gedanken. So wird
ein Direktor von Adobe mit den Worten zitiert:
„Die grössten Auswirkungen werden die digitalen Bibliotheken
nicht auf uns, die Gutbetuchten, haben, sondern auf die Milliarden
Menschen, denen gewöhnliche Bücher aus Papier nur sehr
schwer zugänglich sind.“ Das Digitalisat dagegen sei
günstig bis gratis zu haben und dank WWW schnell und einfach
„transportierbar“.
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Die Weltbibliothek schön und gut
- aber man braucht auch die Mittel zum Zugang.
20 Jahre alt ist die "Konfigurierbare Datenstation K8915"
von Robotron. Sie besaß 64 Kilobyte Arbeitsspeicher
und ist damit wohl nur bedingt www-geeignet.
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Das gedruckte Buch sieht der Autor, etwas als Randthema
im Text abgefertigt, durchaus noch als Modell der Zukunft, wobei
er einfach beides berechtigt und nebeneinander zulässt: das
Lesen auf Bildschirm und Display und das Lesen „unserer Taschenbücher
am Strand“. Die Druckwerke seien auf haltbarerem Material
und daher als „Backup“ prima geeignet. Dass Bibliotheken
allerdings „alles andere als begierig sind, ihre auf Papier
gedruckten Ausgaben loszuwerden“ ist einerseits im Einzelfall
nicht ganz korrekt (denn häufig wird gern und üppig aus
gutem oder vermeintlich gutem Grunde ausgesondert, man frage nur
mal bei Nicholson Baker nach) und andererseits auch ein Stückchen
zu trivial: Warum sollten sie denn auch begierig darauf sein? Spannender
als die Überlegung, ob die Regale nun systematisch ausgeräumt
werden, ist doch die Frage, welche Publikationsform die Bibliotheken
in Zukunft erwerben wollen: Print oder Digital? Irgendwie meint
man bei fortschreitender Lektüre zu spüren, dass Kellys
Herz dem Bildschirm geneigter ist.
Das Digitale Buch selbst sei zwar ganz nett, aber
bei Kelly nicht der Klimax dessen, was möglich sein soll und
möglich sein wird. Denn die digitale Weltbibliothek ist durch
die „Entinselung“ des Einzelbuches geprägt und
erst dann erreicht, „wenn jedes Wort vernetzt, mit anderen
gebündelt, zitiert, extrahiert, indexiert, analysiert, annotiert,
neu gemischt, neu zusammengesetzt und tiefer in die Kultur verwoben
wird als je zuvor.“ Das klingt stilistisch nun ein wenig so,
als wären hier die Pferde des Programmatischen durchgegangen,
ist von der Idee aber natürlich brillant: Ein Textrhizom, besser
vielleicht noch ein Datenrhizom – wie auch Claudia Lux jüngst
öffentlich mutmaßte, wird das Zeitalter des „Textes“
womöglich bald vergangen sein, worüber man sicher noch
diskutieren sollte – in welchem wir, je nach Erkenntnisinteresse,
von Knoten zu Knoten rauschen. Wer die Knoten knüpfen soll?
Nun die Bibliothekare oder die Information Professionals
sieht Kelly nicht als Triebkraft. Sondern Jedermann:
„In den letzten Jahren haben Hunderttausende
begeisterter Amateure eine komplette Online-Enzyklopädie geschrieben
und mit Querverweisen verwiesen. Von diesem Erfolg beflügelt,
glauben viele Computerfreaks, Abermillionen von Leserinnen und Lesern
könnten mit Hilfe von Hyperlinks auch die Seiten alter Bücher
verlässlich miteinander verweben.“
Wäre man pingelig, würde man sich hier fragen,
warum eigentlich nur die Seiten alter Bücher verwoben
werden sollen und warum man im Deutschen eigentlich „Nerd“
immer mit dem unsäglichen „Computerfreak“ übersetzen
muss. Auch wenn man nicht pingelig ist, vermisst man hier die Vorsicht
beim Umgang mit der durchaus auch mit Nachteilen verhafteten Jeder-Kann-Mitmachen-Und-Alles-Regelt-Sich-Schon-Von-Selbst-Devise
der Wikipedia und deren Anwendung auf eine „Alles“ erfassende
Weltbibliothek, welche „unsere Art zu Wissen und zu Denken“
in den Grundfesten umkrempeln soll.
Aber vielleicht ist dieses Querfeldeinrennen
eine Notwendigkeit für radikales Nach-Vorn-Denken und wie das
alles konkret daherkommen wird, ist sicher von etlichen Faktoren
abhängig, die uns bis heute womöglich gerade einmal zur
Hälfte bekannt sind. Eine wichtige Rolle werden dabei, soviel
kann man auch heute schon prophezeien, die so genannten Folksonomies
bzw. das, was auf diese folgt, spielen: das Tagging als Verschlagwortverfahren
des Alltagssurfers. Für uns Web 2.0-Liebhaber ist die Weltwochen-Zwischenüberschrift
„Nutze den 'tag’ “ in jedem Fall etwas, dass das
Zeug zum geflügelten Wort mitbringt. Solch eine Headline klingt
doch weitaus frischer als das „What happens when books connect“
der New York Times. Die Beschreibung zum Phänomen des „tags“
selbst ist allerdings für meinen Geschmack jedoch etwas zu
wässrig formuliert und auch hier werden die damit verbundenen
Alltags- und Anwendungsproblemchen (besonders beim Tag-basierten
Retrieval) nonchalant weggelassen. Dies ärgert dahingehend
ein bisschen, da sie als „zweckdienlicher als veraltete Einteilungen
wie die vom amerikanischen Bibliothekar Dewey entworfene Dezimalklassifikation“
angepriesen werden. Leider handelt es sich hier aber um durchaus
verschiedene Sachen, selbst wenn bei „del.icio.us“[Fn3]
ab und an eine Dezimalsignatur zur Linkerschließung auftaucht.
Für’s WWW und die Cyberkultur
sicher richtig, allgemein aber auch ein wenig forsch formuliert,
ist die Aussage: „Der Link und das ’tag’ dürften
zwei der wichtigsten Erfindungen der letzten fünfzig Jahre
sein.“ Die Herztransplantation, der Hybridmotor, der Homecomputer
und die bemannte Raumfahrt sind solche nämlich vielleicht auch.
Wie dem auch sei: Die vernetzten Bücher führen laut Kelly
zu einer „kollektiven Intelligenz“ (Version Weltwoche)
oder wenigstens zu „liquid books“ (New York Times-Version).
Denn nun fließen die Bücher und damit unser „Buchwissen“
ineinander und der Mausklick auf den Buntbarsch im Aquaristenhandbuch
führt im Idealszenario auch gleich zu aller existierenden Buntbarschliteratur.
Und von dort zu Texten über den Malawisee. Und dann zur Geschichte
Tansanias usw. usf. Die „Fishbase“[Fn4]
, so üppig ihr Datenbestand auch ist, liefert so etwas
bislang noch nicht.
Der digitale Text der Zukunft ist unendlich
und alle Bücher zusammen werden zu „dem einzigen Buch
der Welt“. Da wird es dann bei Kelly wirklich ein wenig tagträumerisch-naiv
und wer glaubt, dass allein die digitale Verfügbarkeit von
Texten „am Rand des allgemeinen Interesses“ mehr Leser
zuführt, kann sich gern mal die Nutzungsstatistiken einer durchschnittlichen,
gut erschlossenen Website anschauen.
Die Aufmerksamkeitsmärkte auch in der vernetzten Welt funktionieren
über „lautstarkes Bemerkbarmachen“ und das Mitglied
der Webgesellschaft, welches sich in seiner Social Networking
Community[Fn5]
zurückhält und/oder selten gefragte Kompetenzen aufweist,
wird auch nicht automatisch gleich einen immens erweiterten Bekanntenkreis
erfahren. Dass beispielsweise Open Access (OA)-Literatur
generell momentan mehr gelesen bzw. zitiert wird, liegt sicherlich
auch daran, dass sie gut erschlossen und – der Hauptvorteil
gegenüber der traditionellen Zeitschriftenliteratur –
frei zugänglich ist. Wie das jedoch für die einzelnen
Beiträge aussehen würde, wenn auf einmal alle Beiträge
frei zugänglich wären und ob sich an dieser Stelle nicht
wieder ähnliche Aufmerksamkeitshierarchien entwickeln würden,
in denen ein „Rich get richer“-Prinzip dominiert, ist
meiner Meinung nach etwas, was bei allem OA-Argumentationsenthusiasmus
noch ein stückweit stärker durchdacht werden sollte.
Zurück zum Text, wobei die eher abwartende Haltung auch für
die zweite Entwicklungsthese des Kellyschen Entwurfes gilt: „Die
Weltbibliothek wird unser Geschichtsverständnis dadurch vertiefen,
dass jedes Originaldokument der menschlichen Zivilisation gescannt
und verlinkt wird.“
Neben dem allgemeinen Zweifel, ob tatsächlich jede Geheimdienstakte
dort auftauchen wird und der Frage nach den vernichteten Menschheitsdokumenten,
deren Zahl die der erhaltenen bei weitem übertreffen dürfte,
fällt auf, dass die zitierte Entwicklung auch voraussetzt,
dass die Menschheit in Form ihrer allgemeinen Mitglieder an der
Vertiefung des Geschichtsverständnisses interessiert sei. Dieses
Interesse ist nach meiner Auffassung ein wenig zu optimistisch in
den Durchschnittsbürger von Nebenan hineingedacht, der besonders
in diesen Sommerwochen lieber die Bruzzler grillt und die Fahne
zum Fußball zur Sonne schwenkte als sich intensiv mit der
Weltgeschichte zu befassen. Ein paar Milliarden Akten zu lesen –
danach steht ihm, nicht zuletzt in Anbetracht seiner allgemeinen
informationellen Auslastung im mitteleuropäischen Erlebnisumfeld,
weniger der Sinn. So ist jedenfalls meine Gegenthese.
Auch das dritte Argument bezwingt mich nicht unbedingt:
„Die Bibliothek aller Bücher der Welt wird
ein neues Gefühl für Autorität kultivieren. Wenn
man alle Texte zu einem bestimmten Thema – aus Vergangenheit
und Gegenwart und aus jeder Sprache – zusammentragen kann,
dann wird man auch eine klarere Vorstellung davon haben, was wir
als Zivilisation und Spezies wissen und nicht wissen.“
Jeder, der einmal – aus welchem Grund auch immer
– versucht hat, in Rückgriff auf das wissenschaftliche
Kriterium der Vollständigkeit ein halbwegs komplexes Thema
zu bearbeiten, weiß wie eng man den zu erringenden Erkenntnisausschnitt
eingrenzen muss, um nicht gleich schon vor dem Handbestand zum Thema
in einer durchschnittlichen wissenschaftlichen Bibliothek in die
Knie zu gehen. Eine solche Erfahrung reicht meist durchaus, um sich
seines eigenen „Nicht-Wissens“ bewusst zu werden. Die
Texte zugänglich haben entspricht noch nicht der Lektüre,
die u.U. tatsächlich noch mehr als bloßes „Browsen“
darstellen muss. Die Aussage, dass „Autorität dieses
Ausmasses heute bestenfalls bei Gelehrten“, zukünftig
allerdings „zu etwas Alltäglichem werden“ wird,
erscheint mir, der ich mich an einer Universität befinde und
hoffe, daher wenigstens ein bisschen Einblick in die Welt von Gelehrten
gewinnen zu können, völlig wissenschaftsfremd. Die gepriesene
„Alltags-Autorität“ wird sich bestenfalls auf Wer-wird-Millionär-Faktenwissen
beschränken. Wissen um die Zusammenhänge jedoch bzw. das
berühmte „Verstehen“ brauchen jedoch Zeit und sind
so auch nicht textuell reproduzierbar, sondern nur individuell konstruier-
bzw. erwerbbar.
Und auch das vierte Positivargument des Autors, dass
„alle Gegenstände, Ereignisse oder Orte der Welt 'wissen’
könnten, was in jeglichem Buch, jeglicher Sprache und jeglicher
Epoche über sie geschrieben wurde“ erscheint mir eher
dünn. Denn in einer komplexen Welt würde dies bedeuten,
dass für ein solches „Allwissen“ überhaupt
Bedarf bestände. Dass „daraus eine neue Kultur der Interaktion
und Partizipation erwüchse“, würde – wieder
die Totschlagentgegnung der Komplexität – das Vorhandensein
anderer kognitiver/intellektueller Grundfähigkeiten erfordern,
die ich trotz aller frühzeitigen Adaption der aktuellen Kinder
und Jugendlichen an die computerisierte Lebenswelt so noch nicht
kommen sehe.
Die digitale Weltbibliothek schön und gut –
aber dann bitte als Möglichkeitsraum und nicht als normativ
durchsetztes Weltverbesserungskonzept. Nicht alles, was gedruckt
wird, muss für alle Zeit und jeden zugänglich verfügbar
sein. Ich denke, man muss, um Raum für Entwicklung zu schaffen,
den Dingen zugestehen, dass sie u.U. vergehen. Nicht alles muss
als digitale Kopie konserviert werden. Das Gedächtnis der Menschheit
sind die Menschen selbst. Das was sie sehen, erfahren, lesen und
verstehen bleibt in ihnen als Spur zurück. Diese Spuren sind
Fragmente, Relikte, Ausschnitte oder Schatten – wie man es
auch nennen möchte, fast nie sind es exakte, memorierbare Abbilder.
Ich bin der Ansicht, dass genau in dieser Unschärfe
des Memorierens das Potential für die Entstehung von Neuem
liegt. Wenn die skizzierte schöne neue Weltbibliothekswelt
dieses Element berücksichtigt (was sie ja über das in
der Regel etwas unpräzise Tagging tut), dann bietet sie vermutlich
den Spielraum. Wenn die Möglichkeit aber zur Obligation wird,
wir also gezwungen sind – da wir es ja können –
jede Information, jedes Ereignis, alle relevanten Daten just
in time abzufragen, dann wird hier der Mensch in dem, was er
ist, einer Petabyte-Maschinerie unterworfen. Dann bekommt der im
vorliegenden Text skizzierte Entwurf derart totalitäre Züge,
dass diese „weltweite Bibliothek“ geradewegs zur Dystopie
wird.
Die Aufgabe von (uns) Bibliotheks- und Informationswissenschaftlern
muss es nun weniger sein, die „Omnidigitalisierung“
mit voranzutreiben – dies geschieht schon ganz von selbst
bzw. durch entsprechend große Akteure. Unsere Aufgabe muss
es sein, hier nicht allein beschreibend-beobachtend (wenn überhaupt),
sondern begleitend zu wirken. Es gilt, die auftretenden Phänomene
zu reflektieren, die Akteure zu beraten und Lösungen zu konzeptionieren,
um dieses schöne neue Informationsuniversum auf der Basis unserer
Expertise – die sehr wohl vorhanden ist – mitzugestalten.
Wir können nicht alle Faktoren, die eine Ausgestaltung
des Prozesses auf das menschliche Maß hin beeinflussen, überblicken
und bewerten, aber wir können unser Scherflein dazu beitragen
und zwar in unseren Kernkompetenzen der Gestaltung der spezifischen
Auswahl, Erschließung und Vermittlung sowie der Bewertung
von Information hinsichtlich der jeweiligen Informationsqualität.
Gerade im „Googleversum“ (oder wie auch immer es in
10 Jahren heißen wird) eröffnet sich im Bereich der auf
Menschen und menschlicher Fachkenntnis (human expertise)
beruhenden Unterstützung der Nutzer (user assistance)
ein ganz großes Aktionsfeld für die Bibliotheken, die
Bibliothekswissenschaft und die Information Professionals.
Ein solches wird nicht allein als Ergänzung oder Nachverwertung
der Produkte aus den Digitalisierungslaboratorien der Big Player
bearbeitbar sein. Vielmehr scheint es dringend angebracht, als wissenschaftliche
Disziplin hier Wissen, Erfahrung und Kenntnis in einem aktiven Dialog
auszutauschen. Dies geschieht bislang zu rudimentär.
Was ich also aus der Reflektion der Kellyschen Vision
als Konsequenzen für Bibliotheken und Bibliotheks-/Informationswissenschaft
ableite, ist die Notwendigkeit einer stärkeren gestaltenden
Partizipation an den Prozessen (beispielsweise durch die Entwicklung
von Konzepten und einen aktiveren übergreifenden Fachdiskurs)
in Hinblick auf die optimale Verwertbarkeit dieser Übermenge
an Information durch den Informationsrezipienten. Neben die Interface
Usability muss eine Content Usability treten und genau
hierfür Lösungen zu entwickeln sehe ich als Aufgabe einer
postdeskriptiven Bibliotheks- und Informationswissenschaft.
Denn in der Schlusspassage Kevin Kellys:
„Beim Kampf zwischen den Konventionen
des Buchs und den Protokollen des Bildschirms wird der Bildschirm
die Oberhand behalten. Dank ihm, zu dem mittlerweile eine Milliarde
Menschen Zugang haben, wird die Suchtechnik tatsächlich in
nicht allzu ferner Zukunft aus isolierten Büchern die weltweite
Bibliothek allen menschlichen Wissens schaffen.“
steckt sicher eine richtige Vorhersage der Entwicklung. Dabei sind
jedoch bei einer Weltbevölkerung von sechs Milliarden Menschen
immer noch fünf Sechstel der Erdbewohner vom digital gefassten
Wissensschatz der Menschheit ausgeschlossen. So ambitioniert die
Konzeption des Kellyschen Bildschirmwissensparadieses auch ist:
eine weltweite Bibliothek hat man in diesem Supernetzwerk noch nicht.
Fußnoten
[Fn 1]
vgl.: in: Die Weltwoche. Nr. 27 (74) vom 6. Juli 2006, S. 48-55
bzw. im Original: Scan This Book! In: New York Times Magazine, May
14, 2006. online:
www.nytimes.com/2006/05/14/magazine/14publishing.html?
ex=1305259200&en=c07443d368771bb8&ei=5090&partner=rssuserland&emc=rss
(zurück)
[Fn
2]
vgl. www.robinsloan.com/epic/
(zurück)
[Fn
3]
http://del.icio.us;
z.B. http://del.icio.us/guyalsfere
(zurück)
[Fn
4]
www.fishbase.org
(zurück)
[Fn
5]
z.B. Open BC, https://www.openbc.com
(zurück)
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