| Kommunikation und Austausch
Ein Workshop über Trends und Tendenzen (Nové Trendy
nová témata) in Bibliotheken mit deutschen, britischen
und tschechischen Bibliothekaren (23. Juni 2006, Prag)
von Elisabeth Simon
(info)
Im Sommerhaus von Albert Einstein in Caputh[Fn1]
gab es kein Telefon. Wenn ein wichtiger Anruf aus Berlin bei der
Nachbarin einging, erschien diese mit einer Kindertrompete auf dem
Balkon und rief den Wissenschaftler herbei. Dies lässt auf
die gewollte Einsamkeit eines Genies schließen, gäbe
es nicht das Gästebuch, das sich wie ein Kompendium zur Kultur-
und Geistesgeschichte dieser Jahre vor der Emigration der Geisteselite
aus Deutschland liest: Von Anna Seghers bis zu Max Planck, von Klaus
Wachsmann bis zu den Gefährten des Geigenspielers Einstein
haben die Geistesgrößen das – für heutige
Begriffe – kleine und bescheidene Haus bevölkert. Nach
der Einwanderung Einsteins in die Vereinigten Staaten und seiner
Arbeit an der Princeton University erwarb er den Ruf eines Sonderlings,
weil er in den Parks und unter den Alleen der als deutsch eingestuften
Gewohnheit langer Spaziergänge nachging. Diese Parks und Alleen
sind heute noch Treffpunkt von Gruppen und Diskussionsforen der
Universität, aber auch für externe Personen. Sie sind
Plätze der Kommunikation und des Austausches.
Bibliothekare sind heute oft ratlos: In den
neuen Aufgaben, u.a. der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz
durch Bibliotheken aller Sparten[Fn2],
der Digitalisierung in allen Schattierungen – von der Wahrung
des kulturellen Erbes[Fn3]
oder auch der Anwendung neuer Methoden, mit denen z.B. die kleine
Firma Semantics im Projekt Scan to Web heute alte jüdische
Zeitschriften direkt vom Scan im Web zugänglich
macht[Fn4]
, finden sich die Ansätze „moderner“
Bibliotheksarbeit. Auch hier gilt: Plätze für Kommunikation
und Austausch werden in der Auseinandersetzung mit bibliothekarischen
Themen gebraucht. Beliebt dafür sind Workshops, Tagungen und
Kolloquien.
Kommen Bibliothekare zusammen, möglichst
in nicht allzu großer Zahl, fällt auf, dass das Gespräch
gesucht wird und sogar in einer international gemütlichen Runde
überwiegen die professionellen Themen und Fragen, die man in
kleinem Kreise schneller stellt als auf wissenschaftlichen Tagungen.[Fn5]
Deshalb hatte Ivana Kadlecova[Fn6]
am 23. Juni 2006 kurzfristig zu einem Workshop in die Hauptbibliothek
der Akademie der Wissenschaften in Prag eingeladen. Weder eine geregelte
Tagesordnung war vorgegeben noch waren Referate eingeplant. Es wurden
lediglich einige Punkte für die Diskussionen festgelegt, die
dann auch kurz moderiert wurden.
In den Vereinigten Staaten finden Tagungen statt,
die ähnlich organisiert werden. Auf einer Leinwand werden Themen
angezeigt, mit denen sich dann die Teilnehmer im Gespräch auseinandersetzen.
Es gibt keine Vorträge, keine Vorsitzenden, die auf die Zeiten
achten müssen und es gibt natürlich auch keine Proceedings.
Es ist eine Veranstaltung, die nur den Teilnehmern gehört und
daher von deren Disziplin oder Kreativität abhängt. Wenn
Lawrence Lessig (USA), der berühmte Initiator und Verfechter
der Open Access-Bewegung, in seinem Vortrag über Free Culture
auf dem Kongress der ALA im Juli 2004 in Orlando, Florida, seine
Folien (weiß auf schwarz) mit je nur einem (key)Wort
bestückte, so ging sein Bestreben in die gleiche Richtung:
Die Zuhörer (!) sollten seinen Worten genau folgen und sich
damit die Leitlinie für eine lebendige Diskussion einprägen.[Fn7]
Der Workshop in Prag folgte einer ähnlichen
Struktur, konnte aber nicht so radikal organisiert werden. Der Runde
Tisch ist immer noch der politischen Diskussion vorbehalten und
findet in der professionellen Diskussion noch nicht so recht Eingang.
Auch eine Gruppendiskussion ohne feste Plätze für die
Teilnehmer wie die oben beschriebene wäre noch nicht möglich
gewesen. Dafür war die Besetzung der „Runde“ ideal.
Den jungen, meist mit neuen Technologien befassten Bibliotheksmitarbeitern
der ehrwürdigen und traditionsreichen Akademie stand auf deutscher
Seite die Direktorin einer Universitätsbibliothek gegenüber,
die nach harten Jahren der Umstrukturierung und Neuorganisation
nebst mehreren Umzügen ihre Bibliothek heute im Bibliotheksindex
der Bundesrepublik zu der drittbesten Bibliothek wörtlich hochgestemmt
hat. Wendy Axford aus Großbritannien konnte dank finanzieller
Hilfe von CILIP[Fn8]
in dieser Runde die politische Rolle übernehmen.
Themen
Die Themen boten ein weites Spektrum: Freedom
of Information (Axford), Digitalisierung (Martin Lhotak, Berankova),
Informationsressourcen (Meixner, Buresova Tomanova, Ahnis), Open
Acess (Burgetova, Dolezelova,), die Bibliothek als Raum (Burgetova,
Simon).
Wendy Axford führte in das Gesetz Freedom
of Information Act (FOIA) mit besonderer Berücksichtigung
der Situation in Schottland ein.[Fn9]
Sie berichtete besonders über die FOIA Records Management
Audit Essentials und unterstrich die wichtige Rolle der Bibliotheken
in allen Facetten und für alle Institutionen, die durch dieses
Gesetz angesprochen sind. Dazu gehört in erster Linie auch
die Fortbildung der Mitarbeiter und dies ist nur auf Grund einer
Continuing Training Policy möglich. Durch erneute
Vorlage in diesem Jahr soll das Gesetz auf seine Zuständigkeit
und Umsetzung überprüft werden.[Fn10]
Das Digitalisierungszentrum der Hauptbibliothek
der Akademie der Wissenschaften in Prag ist in erster Linie eingerichtet
worden, um die durch die Jahrhundertflut zerstörten wertvollen
Bücher digitalisieren zu können. Mittlerweile ist das
Zentrum auch eine Dienstleistungseinrichtung für andere Bibliotheken
in Prag und der Tschechischen Republik geworden. Martin Lhotak,
Leiter des Digitalisierungszentrums, und seine Kollegen/innen demonstrierten
die Kompetenzen, die in dieser Einrichtung entwickelt wurden.[Fn11]
Die Digitalisierung mit dem System „Kramerius“ beruht
auf einer engen Zusammenarbeit mit der tschechischen Nationalbibliothek.
Als besonders ehrgeiziges Projekt innerhalb dieser Kooperation wurde
die „Czech Digitalmathematics Library“[Fn12]
vorgestellt.[Fn13]
„Tradition in Bewegung“ nannte Gabriele
Ahnis (Universitätsbibliothek der Fachhochschule Lausitz) ihren
Beitrag[Fn14]
und eröffnete mit der Frage nach der realistischen Nutzung
der Datenbanken eine stürmische Diskussion. Das Problem, dass
der Zugang zu Datenbanken zwar von den Wissenschaftlern gefordert
und auch zu einer modernen Bibliothek als Dienstleistung gehört,
aber oft nicht entsprechend genutzt wird, ist recht alt und auch
international bekannt. Man kann aber behaupten, dass dieses Problem
auf Tagungen nicht oft thematisiert wird. Mit zunehmendem Kostendruck
erhöht sich das Dilemma der Bibliotheken, die Datenbanken zwar
zur Verfügung stellen wollen, aber dafür einen für
die Nutzung unverhältnismäßig hohen Anteil ihres
Etats ausgeben müssen. Selbst eine finanziell verhältnismäßig
gut ausgestattete Bibliothek wie die des Wissenschaftszentrums für
Sozialforschung in Berlin stand vor diesem Dilemma und damit vor
der Forderung, einen Teil dieser kostspieligen Datenbanken, die
besonders teuer und weniger genutzt waren, im Rahmen eines Konsortiums
zu erwerben. Auch die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften
in Prag hat eine Reihe von Datenbanken im Konsortium erworben und
diese den anderen Bibliotheken in der Tschechischen Republik ebenfalls
zur Verfügung gestellt. Bei dieser Strategie half die direkte
Teilnahme der Regierung durch die Übernahme eines Anteils der
Kosten.[Fn15]
Dies ist in einem föderalen System mit der Übernahme der
Kosten durch die Landesregierungen, wie in Deutschland, wohl nicht
möglich. Damit entfällt eine Strategie, die viel zum Aufbau
des Bibliothekswesens in der Tschechischen Republik beigetragen
hat. So erwarb auch die Akademie der Wissenschaften in Prag das
Web of Science für die ganze Republik.
Die Bibliotheken nahmen die Anregung ihrer deutschen
Kollegen, den virtuellen Besucher in ihre Benutzerstatistik aufzunehmen,
dankbar auf. Es wurde aber ersichtlich, dass der Rechtfertigungsdruck
der relativ kleinen deutschen Hochschulbibliothek, auch statistisch
ihre Notwendigkeit zu beweisen, wesentlich größer zu
sein scheint als in den Bibliotheken der Akademie der Wissenschaften
in Prag.
Vergnüglich wurde die Diskussion um das
Thema „Die Bibliothek als Ort“ an diesem Tagungsort,
der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften mit ihrem wunderschönen
Lesesaal, einer gelungenen Mischung von Kundenservice mit dem Einsatz
aller verfügbaren Technik und traditionellem Aussehen.[Fn16]
Hier stießen die verschiedensten Meinungen aufeinander,
wobei man sich vor Augen halten muss, dass es noch gar nicht lange
her ist, als generell der Bibliotheksbesuch sehr strengen Verhaltensregeln
unterworfen war. Das ist vorbei, aber es geht immer noch um die
Lautstärke der eventuell geführten Diskussion und um die
Bibliothek zwischen den Polen: Die Bibliothek als Lernort und Ort
der Wissenschaft oder als Treffpunkt und Ort lockerer Kommunikation.
Wenn auch die Hauptbibliothek der Akademie der Wissenschaften allein
durch ihr Aussehen verbietet, dass man die Füße auf den
Tisch legt, so wurde uns doch von dem heißen Kampf erzählt,
der bei der Einrichtung des Lesesaals vor einigen Jahren um die
Aufstellung von Sofas entbrannte. Heute sind die Gegner dieser Sofa-Aufstellung
von dieser Einrichtung völlig überzeugt und sehen selber,
dass die Bibliothek dadurch besser angenommen wird und neue Besuchergruppen
erschlossen hat – was auch für die Rechtfertigung der
Bibliothek der Akademie der Wissenschaften mit ihrer langen Tradition
gegenwärtig notwendig ist. Abgesehen davon, dass auch Bibliothekare
beginnen, die entspannte Atmosphäre einer solchen Bibliothek
zu genießen.
Verständigung/Sprache/Terminologie
Die jungen Bibliotheksmitarbeiter bevorzugten die
englische Sprache als Verständigungsmittel. Sie ist die akademische
lingua franca. Als Vertreter einer kleinen Nation sind sie oft zwei-
und dreisprachig und konnten Deutsch ebenfalls verstehen, so dass
man sich in beiden Sprachen sehr gut verständigen konnte. Trotzdem
bleibt es nicht aus, darüber nachzudenken, warum die deutsche
Sprache auf dem Gebiet des Bibliothekswesens in den letzten Jahren
so an Bedeutung verloren hat. Das ist nicht nur in der Tschechischen
Republik der Fall, sondern auch in Polen und den baltischen Ländern,
einige Nationen sind unmittelbare Nachbarn von Deutschland. Die
Erklärung mag in dem großen Angebot von Großbritannien
und verschiedener US-amerikanischer Stiftungen liegen, Möglichkeiten
zum Studium und Weiterbildung anzubieten. Das wurde u.a. deutlich
in der Begegnung mit Wendy Axford. Es hatte sich herumgesprochen,
dass sie in Prag war und so tauchten in den Pausen diverse Studenten
auf, um sich nach Studien- und Fortbildungsmöglichkeiten in
Großbritannien zu erkundigen.
Tschechische Teilnehmer dieses Workshops waren anfänglich
nicht überaus begeistert. Man hatte der Versicherung, dass
es sich hier um einen Austausch von Erfahrungen, an den alle Seiten
gleich interessiert waren, nicht so recht geglaubt und wohl mehr
offizielle Reden und Referate erwartet (und befürchtet). Sie
waren überrascht und erfreut über die Form, in der dieses
Treffen stattfand. Deshalb zum Schluss noch eine kleine Anmerkung.
Wir waren übereingekommen, dass es keine Powerpoint-Präsentationen
geben sollte. Einer der Teilnehmer hatte sich nicht daran gehalten,
was verständlich war, denn seine Präsentation war umfassend
und deshalb zumindest für die Gäste mitunter schwierig.
Aber gerade diesen Teilnehmer hielt es auch bei der Diskussion nicht
im Kreis, er verschwand hinter seinem PC. Das ist wahrscheinlich
einfach eine Gewohnheit, der wir mehr oder weniger alle verfallen
sind. Wir können uns denken, dass Einstein von dieser Art Kommunikation
nicht begeistert gewesen wäre. Es kann aber sein, dass sich
in Zukunft die Erkenntnis durchsetzen wird, dass leider auch Maschinen
nicht beim oft so bedrückenden Zeitmanagement helfen. Gutes
Zuhören kann aber der Speicherung im Gehirn behilflich sein.
Einen Workshop mit einer guten Kommunikation bescheinigte
abschließend auch der stellvertretende Vorsitzende des Akademierats
Dr. Steiner, der am gesamten Workshop teilnahm. Ein Austausch von
Erfahrungen und Meinungen in beiden Ländern, der neugierig
aufeinander und auf die kommende Entwicklung gemacht hat. Das beste
Resultat liegt in dem kollegialen, angstfreien Austausch der Erfahrungen,
der notwendig ist, wenn die Bibliothekare nicht den Kopf verlieren
wollen, den sie für die Entwicklung zukünftiger Strategien
frei haben sollten.
Fußnoten
[Fn 1]
Das Sommerhaus, in Caputh (bei Potsdam) ist wieder in der ursprünglichen
Form, ein Holzhaus im Bauhausstil, restauriert worden. (zurück)
[Fn
2]
dazu u.a. Prof. Dr. Claudia Lux
in ihrer Antrittsvorlesung am 4. Juli 2006 an der Humboldt-Universität
zu Berlin. (zurück)
[Fn
3]
U.a Globalization, Digitization, and Preservation of Cultural
Heritage, eine internationale Konferenz in Sofia vom 8.-10.
November 2006, veranstaltet von der ALA und der University of Sofia,
Bulgarien. (zurück)
[Fn
4]
Projekt (www.semantics.de)
wurde bei einem Workshop am 28. Juni 2006 in Hamburg vorgestellt.
(zurück)
[Fn
5]
Eine solche Runde bieten die jährlich stattfindenden ABDOS
Konferenzen, die in diesem Jahr in Bautzen stattfand. Sah man die
Teilnehmer aus vielen Ländern Mittel-, Süd- und Osteuropas,
die sich in den vergangenen Jahren während der Pausen auf die
ausgelegten Informationen stürzen, so konnten die Kaffeepausen
in diesem Jahr nicht lang genug sein. (zurück)
[Fn
6]
Ivana Kadlecova, Direktorin der Bibliotheken der Akademie der Wissenschaften
in Prag. Die Akademie hat über 100 Institute, die meisten mit
einer eigenen Bibliothek, siehe dazu www.lib.cas.cz
(zurück)
[Fn
7]
Lessig, Lawrence (2004) Free culture.
How big media uses technology and the law to lock down culture and
control creativity. New York. (zurück)
[Fn
8]
Institute of Library and Information Professionals, www.cilip.org.uk/default.cilip
(zurück)
[Fn
9]
siehe dazu den Beitrag “Freedom of Information in Scotland.
Expectations and the situation one year after the situation came
into force in January 2005” von Wendy Axford in dieser LIBREAS-Ausgabe.
(zurück)
[Fn
10]
siehe dazu: UK Information Commissioner www.ico.gov.uk, Scottisch
Information Commissioner www.itspublicknowledge.com,
CILIP www.cilip.org.uk/professionalguidance/foi,
CILIPS www.slainte.org.uk/CILIPS/cpdfoisay05.htm,
National Archive Service GB www.nationalarchives.uk,
Campaign for Freedom of Information www.cfoi.uk,
Irish Information Commissioner www.oic.gov.ie/default.htm
(zurück)
[Fn
11]
http://digit.lib.cas.cz
(zurück)
[Fn12]
http://dml.muni.cz/index.html
http://dml.muni.cz/index.html (zurück)
[Fn
13]
weitere Informationen siehe in „Libraries
and Librarianship in the Czech Republic”, erhältlich
bei der Nationalbibliothek tschechischen „Narodni knihovna
Ceske republiky – Knihovnicky institut Klementinum. (zurück)
[Fn
14]
Bibliothek als moderner Bewahrer,
Bibliothek im kooperativen Umfeld, Bibliothek als Dienstleister
(zurück)
[Fn
15]
siehe dazu Ivana Kadlecova,
Elisabeth Simon (2003) Elektronische Informationen. Möglichkeiten
und Formen der Wissensorganisation am Beispiel von Konsortien. Berlin:
BibSpider (zurück)
[Fn
16]
Ein Lieblingsort aller angelsächsischer
Besucher, die ja oft in ihrer Bibliotheksausstattung der gleichen
Strategie folgen. Das schönste Beispiel dafür ist wohl
die Folger Shakespeare Library in Washington, DC (www.folger.edu)(zurück)
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