| Drei Tage in Tallinn
Bericht über das BOBCATSSS- Symposium 2006 vom 30.01. –
01.02.2006
von Jessica Euler (info),
Diana Marten (info),
Christin Mollenhauer (info)
und Matti Stöhr
(info)
Vier Studierende der Bibliotheks- und Informationswissenschaft aus
Berlin machten sich zum Ende des vergangenen Wintersemesters mit
ihrer Dozentin auf den Weg in den hohen Norden ins estnische Tallin,
um erstmals eine der wohl innovativsten Fachtagungen im LIS-Bereich
zu besuchen und selbst mit einem Vortrag vertreten zu sein: das
BOBCATSSS- Symposium 2006[Fn1].
Über die Themenschwerpunkte, Tagungsatmosphäre und Ereignisse
möchten wir im Folgenden berichten.
Über Land und Stadt
Mit dem Flugzeug ist es ein „Katzensprung“
bis zum kleinen baltischen Staat Estland. Gerade einmal anderthalb
Stunden dauert der Direktflug von Berlin gen Nordost nach Tallinn,
die direkt an der Ostsee gelegene Hauptstadt Estlands. Das an Lettland,
Russland und an Finnland, wenn man einen gewissen Meerbusen vernachlässigt,
grenzende Estland hat nicht ganz die Größe von Niedersachsen
und beheimatet fast 1,5 Mio. Menschen. Selbstverständlich bilden
die Esten die größte Bevölkerungsgruppe, aber auch
Russen sind zahlreich vertreten. Estland ist seit 2004 EU-Mitglied.
Die wechselvolle Geschichte und vielfältige Kultur
des Landes lässt sich vortrefflich an Tallinn, das bis 1918
Reval hieß, ablesen. Zahlreiche sowjetische Denkmäler
sind immer noch im Stadtbild präsent. Sie zeugen vom Zweiten
Weltkrieg und von der jüngeren Geschichte als Mitglied der
Sowjetunion. Vor der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre
1918 stand Estland neben der russischen auch unter schwedischer
und deutscher Herrschaft. Der Kern der 400.000 Einwohner zählenden
Stadt ist stark von der hanseatischen und mittelalterlichen Geschichte
geprägt. Nicht umsonst ist die Altstadt seit 1997 Weltkulturerbe
der UNESCO. Enge kopfsteingepflasterte Gassen, charakteristische
Giebelhäuser, zahlreiche Kirchen – vor allem die prächtige
Stadtmauer und der Domberg machen großen Eindruck. Die Stadt
gibt sich aber durchaus modern, besitzt mit internationalem Fähr-
und Flughafen sowie dem exzellenten Nahverkehr eine gut ausgebaute
Infrastruktur. Viele der Ausgeh- und Kulturmöglichkeiten sind
westlich ausgerichtet, die estnische Landeskultur bzw. Folklore
wird aber, wie wir während unseres Aufenthalts hautnah erfahren
konnten, weiterhin intensiv gepflegt.
BOBCATSSS
BOBCATSSS ist ein seit 1993 jährlich stattfindendes
Symposium von Universitäten und Fachhochschulen, an denen Bibliotheks-
und Informationswissenschaft gelehrt wird. Es steht unter der Schirmherrschaft
der European Association for Library & Information Education
and Research (EUCLID[Fn2]).
Budapest, Oslo, Barcelona, Kopenhagen, Amsterdam, Tampere, Stuttgart,
Szombately und Sheffield initiierten bereits das Symposium und standen
mit ihren Anfangsbuchstaben auch Pate für dessen Namen. Geplant,
organisiert und ausgeführt wird das gesamte Symposium jeweils
von Studierenden in Zusammenarbeit einer ost- und einer westeuropäischen
Hochschule, wobei der Veranstaltungsort die Heimatstadt der osteuropäischen
Institution ist.
Zu jedem Symposium finden sich etwa 300 Studierende
und Lehrende – mittlerweile aus der ganzen Welt – zusammen,
um gemeinsam über Probleme, Erfolge und Zukunftsperspektiven
des Bibliotheks- und Informationswesens zu referieren und zu diskutieren.
Neben der fachlichen Komponente bietet BOBCATSSS eine Plattform
für den Informations- und Kulturaustausch zwischen den ausländischen
Studierenden und damit die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen.
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BOBCATSSS 2006
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BOBCATSSS 2006 – eine estnisch-dänische
Kooperation
Das diesjährige BOBCATSSS- Symposium stand unter
dem Motto „Information, Innovation, Responsibility: The Information
Professional in the Network Society“. Es wurde in Zusammenarbeit
von Studenten der Royal School of Library and Information Science
in Dänemark und der Tallinn University in Estland
organisiert.
Die Konferenztage, die mit insgesamt fünf Sessions,
drei Workshops, Posterpräsentationen und diversen Kaffeepausen
gut ausgefüllt waren, begannen jeweils mit Plenarsitzungen,
Die Schlüsselvorträge der Plenarsitzungen
beschäftigten sich mit Professionalism and LIS: (Re)constructing
the Librarian and the User. (Olof Sundin, Institute of Library
and Information Science, University College of Borås, Sweden)
und From Building & books to bites. Why not put the library
on the shelf? (Niels Ole Finnemann, University of Aarhus, Denmark).
Sektionsthemen wie Education and Research: The
Ongoing Professionalism, Development of Library and Information
Services, Library and Information Support und Information
Literacy unterstrichen die zentrale Stellung des fachwissenschaftlichen
Nachwuchses dieser Tagung: Stand und Qualität der Ausbildung,
die notwendigen Kompetenzen, Wirkungsfelder und die Perspektiven
der Information Professionals wurden in Vorträgen und Workshops
wie Internationalisation of European LIS education vorgestellt und
diskutiert. Einige Vorträge, die interessante Ansatzpunkte
lieferten, sollen im Folgenden kurz dargestellt werden.
„Medien- bzw. Informationskompetenz“
ist im heutigen digitalen Zeitalter eine Grundvoraussetzung für
ein erfolgreiches Studium und darüber hinaus unabdinglich für
das spätere Berufsleben. Dabei versteht sich Medienkompetenz
nicht nur als bloßes Auffinden und Nutzen von Informationen
und Informationsmitteln, sondern schließt eine kritische Betrachtung
und Bewertung dieser mit ein. Linda Ashcroft stellte in ihrem Vortrag
Information Literacy in Higher Education die Entwicklung und die
Vermittlung von Informationskompetenz in der universitären
Ausbildung vor. Dabei erläuterte sie u.a. das „SCONUL:seven
pillars of wisdom‘ model“[Fn3],
das in einigen Universitätsbibliotheken in Großbritannien
Anwendung findet .
Die Vorstellung moderner, innovativer und praxisnaher
Lehr- und Lernmethoden in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft
bot der Vortrag von Kari Frodesen und Tor Sveum von der Universität
Oslo in Norwegen. Unter dem Titel Students of excellence? Can library
students match experienced librarians in reference work? The professionalism
of library education in Norway wurden drei Projekte von LIS-Studierenden
vorgestellt:
Ein Internetauskunftsdienst (Ask the Library) in Zusammenarbeit
mit der Osloer Öffentlichen Bibliothek und die Vermittlung
von Suchstrategien und Informationskompetenz an Schüler (The
Engbraten School project) und Studienanfänger. Lehrveranstaltungen
solcher Art werden sowohl von Studierenden als auch Lehrenden als
besonders gewinnbringend für das spätere Berufsleben bewertet.
Aus einer anderen Perspektive wurden Bibliotheken
von Elena Corradini in ihrer Präsentation Public Libraries
analysed by teenagers: expectations and perspectives about information
and innovation issues: results from a study betrachtet. In ihre
Studie beschreibt sie, wie Jugendliche Bibliotheken wahrnehmen und
bewerten. Dieser Bereich wurde nach Elena Corradini bisher in der
Forschung vernachlässigt, da die meisten Studien über
Jugendliche sich eher auf deren Leseverhalten konzentrieren. Die
Studie ergab unter anderem, dass die Verknüpfung von Schule
und Bibliothek vonseiten der Jugendlichen sehr eng sei und man daher
seine Freizeit nicht auch noch in der Bibliothek verbringen möchte.
Andere Aussagen gaben dagegen ein entgegengesetztes Bild wieder.
Hier gilt gerade die Bibliothek als sozialer Ort, an dem man Freunde
zu treffen oder neue Freundschaften schließt.
Die Closing Ceremony mit Dankesworten
von Prof. Ragnar Audunson rundete die gesamte Veranstaltung ab.
Der Preis für die beste Posterpräsentation wurde verliehen,
eine Fotoshow von den Ereignissen der letzten Tage als Resümee
gezeigt und einen Ausblick auf BOBCATSSS 2007[Fn4]
in Prag gegeben.
Diverse „Social Events“ im Rahmenprogramm
boten Gelegenheit des Austausches in einer lockeren Atmosphäre:
Auf die Opening Ceremony folgte ein Empfang mit diversen Köstlichkeiten
begleitet von traditioneller Musik, bei dem sich alle Teilnehmer
zum ersten Mal zusammenfanden und „beschnuppern“ oder
wieder treffen konnten. Der darauf folgende Tag war gesäumt
von einem estnischen Themenabend mit typisch estnischer Musik, Essen
und Temperament. Für die Unermüdlichsten gab es hiernach
noch ein nächtliches Treffen im offiziellen BOBCATSSS-Pub,
dem „Lost Continent“. Zudem, allerdings am Tage, wurde
eine Führung durch die National Library of Estonia veranstaltet.
Ausführlichere Informationen zum Programmablauf
und den Vorträgen lassen sich aus dem bereits erschienenen
Tagungsband[Fn5]
entnehmen, der schon bei der Registrierung an alle Beteiligten verteilt
wurde. So war es jedem möglich sich gezielt auf einen Vortrag
vorzubereiten bzw. das Gehörte nachzuarbeiten und im persönlichen
Gespräch bei einem der genannten „Social Events“
zu vertiefen.
Das Berliner Team und sein Tagungsbeitrag
Seit 2002 haben die Studierenden des Instituts
für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-
Universität zu Berlin die Möglichkeit der Teilnahme am
Proseminar: „Von der Idee zum Buch – Durchführung
eines Publikationsprojektes einschließlich DTP“. Aus
diesen jeweils im Sommersemester stattfindenden Seminaren sind bereits
vier Publikationen mit bibliothekwissenschaftlichen, bzw. -fachrelevanten
Themen hervorgegangen[Fn6]:
„RAK versus AACR“ (2002); „Ehrensache?!“
(2003); „Bibliothekswissenschaft – quo vadis?“
(2004); „With a little help from my friends: Freundeskreise
und Fördervereine für Bibliotheken“ (2005). Auf
dem Symposium stellte die für das Seminar verantwortliche Dozentin
Petra Hauke mit vier früheren Seminarteilnehmern (gleichzeitig
allesamt Autoren dieses Berichts) die Kerninhalte der Publikationen
sowie das Seminarprinzip vor.
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BOBCATSSS 2006
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Gut aufgehoben in der großen „BOBCATSSS-
Familie“ – ein Resümee
Die Themen „Informationskompetenz“ bzw.
„Information literacy“ standen im Mittelpunkt der Veranstaltung.
Welche Rolle Bibliotheks- und Informationswissenschaft und Bibliotheken
bei der Forschung, Entwicklung und Vermittlung dieses Themas spielen
wurde sowohl an Studien als auch an konkreten Projekten aufgezeigt.
BOBCATSSS 2006 war für alle Teilnehmer
des Instituts das erste Symposium dieser Art und wird nicht das
Letzte gewesen sein: Das Besondere machte für uns die komplette
studentische Organisation und die hohe Zahl der studentischen Teilnehmer
aus. Schon nach dem ersten Tagungstag fühlten wir uns in die
große „BOBCATSSS- Familie“ aufgenommen und gut
aufgehoben. Aus unserer Sicht bietet BOBCATSSS als Symposium von
Studierenden für Studierende eine hervorragende Plattform für
den fachlichen und kulturellen Austausch unter LIS-Studierenden
weltweit.
Zudem wird diesen die Möglichkeit gegeben,
ihre eigenen Seminare oder Projekte zu präsentieren und damit
wichtige Erfahrungen für das spätere Berufsleben zu sammeln.
Nach einer derart gelungenen Veranstaltung sind die Erwartungen
an das nächste Symposium natürlich hoch. Zum Thema „Marketing
of Information Services“ laden 2007 das Institute of Information
Studies and Librarianship, Charles University, Prag, die Hochschule
der Medien, Stuttgart und die Fachhochschule Konstanz nach Prag
ein.
Fußnoten
[Fn 1]
Siehe www.bobcatsss.nu
(zurück)
[Fn
2]
Siehe www.jbi.hio.no/bibin/euclid/
(zurück)
[Fn
3]
www.sconul.ac.uk
(zurück)
[Fn
4]
Siehe: http://www.bobcatsss.org
(zurück)
[Fn
5]
Information, Innovation, Responsibility : The Information Professional
in the Network Society : proceedings of the 14th BOBCATSSS Symposium,
30. January- 1. February 2006 in Tallin, Estonia / Hrsg. Jane Kjertmann
Jensen [u.a.]. - Kopenhagen : Royal School of Library and Information
Science, 2006. - ISBN: 87-7415-294-7
(zurück)
[Fn
6]
Siehe: www.ib.hu-berlin.de/buchidee/index.html
(zurück)
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