| Studierende, Google, die Welt
der Bibliotheken und deren kulturelle Bedeutung
Ein Essay
zu einem Aufsatz von Amy Bruckman.
von Thomas Hapke (info)
Zusammenfassung
Amy S. Bruckman skizziert
in ihrem Artikel "Student research and the internet" die
Welt der Information für Studierende und weist auf die Notwendigkeit
einer ernsthaften Reflexion über Information sowie die erkenntnistheoretische
Problematik der Bewertung und Gültigkeit von Wissen und damit
über die soziale Konstruktion von Wissen und Wissenschaft hin.
Informationskompetenz umfasst – mehr als Recherchekompetenz
– vor allem Kreativität, den eigenen Informationsprozess
bewusst und bedarfsgerecht zu gestalten. In einem Exkurs werden
Aktivitäten der Suchmaschine Google hinsichtlich ihrer Bedeutung
für den Informationsprozess beleuchtet und der bleibende kulturelle
Einfluss von Bibliotheken betont. Über Informationskompetenz
hinaus sollten wissenschaftstheoretische und wissenschaftsgeschichtliche
Aspekte von Wissenschaft aber auch Methoden und Techniken wissenschaftlichen
Arbeitens verpflichtender Teil jedes Studiums sein. Ein Teil, der
durchaus auch zur Informationskompetenz-Förderung durch Bibliotheken
gehören kann.
Die Welt der Information heute und ein Aufsatz
Die Komplexität und Vielfalt
der Welt der Information und Datenbankangebote wird für Forschende
und Lehrende, also für die Kunden von Bibliotheken, immer größer.
Unsicherheiten über die Qualität von Rechercheergebnissen,
über die Qualität der Information an sich, den Besitz
von Wissen, die Begrenzung des Zugriffs und die Delegation an technische
oder humane „Informationsassistenten“[Fn1]
werden nicht von jedem wahrgenommen, insbesondere im Umgang mit
elektronischen Informationssystemen. Gerade zu Beginn des Studiums
ist als primäre Informationsquelle für Studierende die
Suchmaschine Google schon fast ein Synonym für das Internet.
Google und zusammenfassende Portalangebote unterstützen die
Orientierung, ohne aufgrund der vorhandenen Diversität jemals
alle Angebote des so genannten „Deep Web“ erfassen zu
können.
Die oben beschriebene Problematik wird auch
in einem Beitrag von Amy S. Bruckman mit dem Titel "Student
Research and the Internet" aufgezeigt.[Fn2]
Aus Sicht einer Lehrenden des College of Computing an der
Universität Georgia Tech ist das Thema Informationskompetenz
und die Problematik „Bibliothek und Internet“ treffend
charakterisiert. Nicht immer ist das Bewusstsein der Bedeutung von
Informationskompetenz deutlich genug ausgeprägt, besonders
wenn z.B. Informationskompetenz nur mit Recherchekompetenz oder
„computer literacy“ gleichgesetzt wird. Bruckman ist
allerdings diesbezüglich keine typische Vertreterin der „harten“
Computerwissenschaften: Ihre Dissertation hat sie in der „Epistemology
and Learning Group“ am MIT Media Lab geschrieben.[Fn3]
Die von ihr im Text erwähnte durchgeführte Lehrveranstaltung
trägt den Titel „Computers, Society, and Professionalism“.
Zur Informationskompetenz aus Bibliothekssicht[Fn4]
Über effiziente Recherche- und Navigationsstrategien
hinaus umfasst Informationskompetenz vor allem die Kreativität,
den eigenen Informationsprozess bewusst und bedarfsgerecht zu gestalten.
Pädagogisch-didaktische Aktivitäten zu ihrer Förderung
ermöglichen den Lernenden, ihr Repertoire an Erfahrungen beim
Suchen und Finden von Informationen auszuweiten und zu verändern.
Jeder Einzelne nutzt ein Informationssystem auf seine spezielle,
individuelle Art und Weise. Relevant sind Beratung (Consulting)
zur selbstgesteuerten Optimierung der Informationskompetenz, verbunden
mit der Anregung zur Reflexion über den eigenen Lern- und Informationsprozess
und dessen Fortschritte. Informationskompetenz ist nur kontext-
und fachspezifisch als Lernerfahrung vermittelbar. Für die
letzte These ist gerade auch Bruckmans Aufsatz ein Indiz.
Eine große Bandbreite von Aktivitäten
zur Informationskompetenz-Förderung und im Auskunfts-Service
der Bibliothek ist nötig, um die Kunden in ihrem aufnahmefähigen
(teachable) Moment zu erreichen bzw. diesen zu nutzen. Dazu gehören
u.a. die Integration von Modulen und Tutorials zur Förderung
der Informationskompetenz in fachspezifischen Lehrveranstaltungen,
aber auch außerhalb von Lehrveranstaltungen stattfindende
Präsentationen oder eigene Lehrveranstaltungen der Bibliothek,
das Angebot eines Online-Tutorials, die „just-in-time“-Beratung
am Auskunftsplatz oder im Chat sowie Newsletter per Email, Plakate,
Lesezeichen, Broschüren, usw. Eine zusätzliche Möglichkeit,
das Bewusstsein über das eigene Informationsverhalten zu schärfen,
könnten auch Kapitel und Anhänge zum Thema fachspezifischer
Informationskompetenz in gängigen Lehrbüchern für
Studierende sein.[Fn5]
Informationskompetenz ist mehr als Recherchekompetenz
Letztendlich aber können nur die Lehrenden die
Informationskompetenz ihrer Studierenden wirklich beeinflussen.
Optimal ist es, wenn diese agieren wie Amy Bruckman. Entscheidend
sind nicht Extra-Kurse zur Vermittlung von Informationskompetenz,
sondern der „subtile“ Zwang, sich diese in projekt-ähnlichen
Studienteilen erarbeiten zu müssen. Zeit und Ort der Vermittlung
von Informationskompetenz müssen so in das Curriculum integriert
werden, dass die Studierenden aus ihrer Eigenverantwortung und aus
ihrer Studienaufgabe heraus die Kompetenz des Umganges mit elektronischer
Fachinformation selbststeuernd erlernen.
Der Aufsatz von Bruckman trifft den Kern, worum
es beim Thema Informationskompetenz – auch über die Aktivitäten
von Bibliotheken hinaus – primär gehen muss: um das ernsthafte
Reflektieren über Information und deren Zuverlässigkeit
und Seriosität im Rahmen des Studiums. Ein Bewusstsein über
die soziale Konstruktion von Wissen und Wissenschaft ist nach Bruckman
notwendig.
Fragen des geistigen Eigentums wachsen in einer „Copy-and-paste“-Umgebung.
Die Bedeutung und Form des Zitierens von Informationsquellen als
Problem der Informationsethik (Plagiarismus) und auch ein Bewusstsein
von Themen der Informationspolitik (Urheberrecht, Zugang, Datenschutz)
werden immer wichtiger.
Ein Verständnis von Wissenschaft als Diskurs im Laufe der Zeit
wird ausgehend vom eigenen Hintergrund und dessen Bedeutung für
das eigene Lernen erreicht, wenn Studierende selbst zur Forschung
beitragen, ihr Wissen mit ihrer Studiengemeinschaft teilen und über
ihre Lern- und Informationsprozesse reflektieren.[Fn6]
Bruckman berichtet von Problemen von Studierenden,
zuverlässige und glaubwürdige Informationsquellen für
ihre Hausarbeiten zu finden bzw. gefundene Quellen diesbezüglich
zu bewerten. Tatsächlich wurde sie sogar schon gefragt, „where
would I find a book?“. Angesichts der vorhandenen Quantität
und Komplexität an Informationsquellen müsse gelehrt werden,
wie Informationsquellen zu bewerten und zu nutzen sind. Studierende,
so die Feststellung der Autorin, nehmen sich bei der Bearbeitung
ihrer Studien- oder Abschlussarbeit selten Zeit, sich gründlich
mit allen Informationsmöglichkeiten vertraut zu machen.
Ein Exkurs zum Thema „Google und Bibliotheken"
Die Ankündigung von Google im November
2004, die Bücher von fünf großen anglo-amerikanischen
Bibliotheken zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, hat nicht
nur im Bibliotheksbereich viele neue Diskussionen ausgelöst.[Fn7]
Zu diesbezüglichen Google-Aktivitäten gehört auch
das Projekt Google Scholar mit dem ein großer Teil des „Deep
Web“ in Google integriert werden soll. Schon zuvor hat die
einfache „Google-Zeile“ den Bibliotheken einerseits
als Vorbild gedient, andererseits wurde aber die Tatsache, dass
Google den Suchmaschinen-Markt dominiert, auch als potentielle Gefahr
gesehen.[Fn8]
Die Tendenz, das Internet nur durch Google als Informationsmonopol
zu sehen, korreliert mit der Gefahr, das Internet als einziges Tor
zur Informationswelt zu nutzen.
Die Google-Digitalisierungs-Initiative führte
schon zu interessanten Forschungsergebnissen, die manch euphorische
aber auch kritische Sicht auf das Projekt relativieren. So führten
statistische Untersuchungen von OCLC, dem Betreiber des amerikanischen
Verbundkataloges WorldCat, zu folgenden Aussagen[Fn9]:
Nur 33% des gesamten Bestandes vom WorldCat ist in den fünf
Google (G5)-Bibliotheken vorhanden. Genauere Untersuchungen ergaben,
dass nur 3 % der Bücher der G5-Bibliotheken in allen diesen
vorhanden sind, 61 % nur in jeweils einer der fünf. Global
gesehen stellte man fest: Nur 33% aller Medien im WorldCat sind
in mehr als fünf Bibliotheken des WorldCat, 37% gar nur in
einer enthalten.[Fn10]
Das Fazit „Rareness is common“ wirft
ein eindeutiges Licht auf die Bedeutung der Bibliotheken für
die kulturelle Überlieferung: Diese dürfte eher größer
werden als kleiner, wenn schon im weltweit größten Verbundsystem
mit überwiegend amerikanischen Bibliotheken ein großer
Teil der Medien nur mit sehr wenigen Exemplaren vertreten ist. Die
„Gefahr“ einer verstärkten Dominanz des Englischen
durch die Google-Aktivitäten andererseits sollte nicht überbewertet
werden. Gerade die großen amerikanischen Universalbibliotheken
besitzen oft große fremdsprachige Bestände, die z.B.
im deutschsprachigen Bereich durchaus den Beständen einer kleinen
Universitätsbibliothek entsprechen können.[Fn11]
Von der Informationskompetenz zur Reflexion
über wissenschaftliches Arbeiten
Der Aufsatz von Bruckman weist auf die Notwendigkeit
einer generellen Reflexion über den Wissenschaftsprozess hin.
Die Autorin thematisiert in ihren Kursen die erkenntnistheoretische
Frage der Wahrheit: Was ist wahres Wissen? Wie entsteht wahres Wissen?
Bruckman erwähnt den frz. Wissenschaftssoziologen Latour[Fn12],
für den jede Wahrheit sozial konstruiert ist: Je mehr Personen
eine bestimmte Annahme akzeptieren, umso mehr kommt diese der Wahrheit
nahe. Das Bewusstsein über die Existenz von konkurrierenden
Theorien zur Wahrheit und generell zur Wahrheit von Erkenntnissen
in jedem existierenden Wissensgebiet steht dabei im Vordergrund.
Dazu gehören auch die Funktion des Peer-Review-Prozesses und
damit die Bewertung von Informationen und Publikationen.
Bruckmans Auffassung trifft sich aus meiner
Sicht mit dem „domain”-analytischen Ansatz des dänischen
Informationswissenschaftlers Birger Hjoerland[Fn13],
der die Nutzer als Teil einer fachlichen Diskussions- und Diskurs-Gemeinschaft
mit eigenen kulturellen und sozialen Strukturen begreift, die ein
gemeinsames Vokabular und eine typische Informationspraxis teilt.
Diese „sozio-kognitive” Sicht betont die Bedeutung der
historischen Entwicklung dieser Gemeinschaften und ihrer Kommunikationsprozesse
sowie ihrer Strukturen, Dokumenttypen und Institutionen wissenschaftlicher
Kommunikation und Information.
Gerade auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften
sollten Veranstaltungen zur Wissenschaftstheorie sowie Wissenschafts-
und Technikgeschichte verpflichtender Teil eines jeden Studiums
sein. Beispiele sind ein Einführungskurs „Wissenschaftliche
Erfahrung, Experiment, Beobachtung“ an der Universität
Bern oder Kurse mit dem Titel „Research Methodology and Theory
of Science“ am Royal Institute of Technology in Stockholm.[Fn14]
Hier können u.a. Arbeits- und Studientechniken
bzw. Techniken oder Methoden wissenschaftlichen Arbeitens (Informations-
und Literatursuche, Lesemethoden, Exzerpieren, wissenschaftliches
Schreiben und Zitieren sowie Präsentation) reflektiert und
praktisch geübt werden. Aber auch ein Hauptseminar „Wandel
der Wissenschaftskommunikation“, das mit den Themen Publikation,
Wissenschaftssystem, Zitation und wissenschaftliche Reputation,
Digitalisierung, Open Access und Urheberrecht an der Universität
Göttingen stattfindet, gehört zu immer wichtiger werdenden
Lehrangeboten.[Fn15]
Diese Veranstaltungen könnten dann von
Bibliotheken zusammen mit den Lehrenden genutzt werden, um Elemente
der Informationskompetenz und die kulturelle Bedeutung der Überlieferung
von Wissen und damit die Funktion von Bibliotheken bewusst zu machen.
Bibliotheken bieten ein Abbild der Vielfalt der Welt der Information.
Sie fördern Reflexion über und Bewusstheit
beim Umgang mit dem „Informationsdschungel“, ohne die
eine „informationelle Autonomie“ (Kuhlen) lebenslang
Lernender und mündiger Bürger nicht möglich ist.
Fußnoten
[Fn 1]
Vgl. Kuhlen, Rainer: Informationsethik. Umgang mit Wissen und Information
in elektronischen Räumen. Konstanz 2004. S. 169ff. (zurück)
[Fn
2]
Vgl. Bruckman, Amy S.: Student
research and the internet. In: Communications of the ACM 48(2005)12,
S. 35-37. Online bei Subskription verfügbar: http://www.acm.org/pubs/cacm/
Aufmerksam wurde ich auf diesen Beitrag durch eine Mail vom 12.12.2005
in der Liste ILI-L (Information Literacy Instruction List) mit dem
Subject "A faculty advocate for information literacy"
von Susan K. Boyd, siehe
http://lists.ala.org/wws/arc/ili-l/2005-12/msg00039.html
(zurück)
[Fn
3]
Siehe www.cc.gatech.edu/~asb/
(zurück)
[Fn
4]
Zum folgenden siehe auch Bieler,
Detlev; Hapke, Thomas und Marahrens, Oliver: Lernen, Informationskompetenz
und Visualisierung - Das Online-Tutorial DISCUS (Developing Information
Skills & Competence for University Students) der Universitätsbibliothek
der TU Hamburg-Harburg. In: ABI -Technik 25 (2005) 3, S. 162-181.
(zurück)
[Fn
5]
Dem Autor gelang es einen solchen
Text, mit dem Titel "The world of biotechnology information
- 8 points for reflecting on your information behavior", für
ein Lehrbuch zur Biotechnologie anzuregen: Buchholz, Klaus; Kasche,
Volker und Bornscheuer, Uwe Th.: Biocatalysts and enzyme technology.
Weinheim 2005. Appendix I, S. 419- 426. Für eine ausführlichere
Online-Version siehe www.tub.tu-harburg.de/2552.html
(zurück)
[Fn
6]
So z.B. nachvollziehbar demonstriert im College-Buch von Margit
Misangyi Watts: College: We make the road by walking (Upper Saddle
River, N.J.: Prentice Hall, 2003), das aufgeteilt in fünf „Journeys”
Studierende durch das Studium begleitet. (zurück)
[Fn
7]
Google Book Search unter http://books.google.com/
(zurück)
[Fn
8]
vgl. die Aktivitäten von SUMA, Gemeinnütziger Verein zur
Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszugangs
e.V. http://suma-ev.de/
(zurück)
[Fn
9]
vgl. Brian Lavoie, Lynn Silipigni Connaway, Lorcan Dempsey: Anatomy
of Aggregate Collections. The Example of Google Print for Libraries.
D-Lib Magazine 11(2005)9. www.dlib.org/dlib/september05/lavoie/09lavoie.html
(zurück)
[Fn
10]
Vgl. Schonfeld, R. and Lavoie, B. (2005) "Characterizing the
System-Wide Collection" (noch nicht veröffentlicht). Vorläufige
Resultate wurden unter dem Titel „A System-Wide View of Library
Collections“ auf dem Spring 2005 CNI Task Force Meeting vorgestellt.
Präsentation unter www.oclc.org/research/presentations/lavoie/cni2005.ppt
(zurück)
[Fn
11]
So sind von den G5-Beständen nur 49% englischsprachig, 10%
deutsch (das entspricht ca. 1,8 Millionen Bänden!), 8% Französisch,
5% Spanisch, 4% Chinesisch bzw. Russisch, 3% Italienisch und 2%
Japanisch. (zurück)
[Fn12]
Siehe u.a.: Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen
zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002. (zurück)
[Fn
13]
vgl. Hjoerland, Birger: Domain analysis.
A socio-cognitive orientation for information science research.
In: Bulletin of the American Society for Information Science and
Technology 30 (2004), 3. S. 17-21. (zurück)
[Fn
14]
vgl. Grasshoff, Gerd: www.philoscience.unibe.ch/lehre/winter99/experimente/index.html
und www.kth.se/student/studiehandbok/Kurs.asp?Code=1N1304&Lang=1.
Prof. Volker Kasche danke ich für die Anregung und den Hinweis
auf diese Kurse. (zurück)
[Fn
15]
Vgl. Mittler, Elmar ; Wittke,
Volker u.a. www.mediaconomy.de/index.php?type=veranst_br
(zurück)
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