| Skurril, phantastisch, verrückt
Vision und
Wirklichkeit in Bibliotheken der Kinderliteratur
von Susanne Brandt (info)
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"Wir haben uns eine Bibi gemacht,
die ist für jedes Dorf gedacht.
In Fort de Hel kannst du sie sehen,
phantastisch ist's, dort hinzugehen.
Zum Lesen haben wir Maschinen dort,
die bringen uns Bücher immerfort.
Es ist nicht bequem, doch uns acht Kindern
kann das den Spaß am Lesen nicht mindern." [Fn1] |
Die junge Dichterin Caroline weiß, wovon sie spricht. Zusammen
mit sieben anderen Kindern aus der niederländischen Gemeinde
Moerdijk hatte sie bei strömendem Regen ihr Zelt nahe einer
verlassenen Festung aufgebaut, um mit einem Stapel Lieblingsbücher
im Gepäck dem „Abenteuer Lesen“ ganz praktisch
und erlebnisorientiert auf die Spur zu kommen. Am Ende dieser aufregenden
und spannenden Erfahrung von Wechselbeziehungen zwischen persönlichem
und gemeinschaftlichem „Leseleben“, Landschaft und Raum
stand die Aufgabe, aus den dabei entwickelten Phantasien und Ideen
eine Traumbibliothek zu planen und zu realisieren.
Das Ergebnis: „Die Bibliothek wird 2 m
breit und 3 m lang, aufgeteilt in eine Hügellandschaft und
eine Niederung. Der Fluss wird als Bücherstrom dargestellt,
der See als Büchersee. Eine Scheune wird zum Bücherdepot.
Die Widerstandsbücher liegen im Morast der Niederung versteckt.
Mit Stoß- , Schiebe- und Blasmaschinen und mit vielerlei Auffangbehältern,
Kränen und Seilbahnen werden die spannendsten Bücher zum
Leser transportiert, die man dann wunderbar entspannt auf einem
schaukelnden Wasserkissen lesen kann.“[Fn2]
Was für deutsche Bibliotheksplanerinnen und -verwalter
gewiss reichlich utopisch und verrückt klingen mag, wurde in
den Niederlanden tatsächlich Realität. Die durch Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter von „Zo & Zo – Museum von und für
Kinder“ sowie von der Öffentlichen Bibliothek Klundert
begleitete Aktion war Teil des Projektes „Bibliotheken 2040“,
das anlässlich des 40jährigen Bestehens der Bibliothekszentrale
der Provinz Nordbraband im Jahre 2000 durchgeführt wurde und
im freien Spiel von Gedanken und Visionen sieben Zukunftsbibliotheken
entstehen ließ. Dazu gehörte auch diese von und mit Kindern
entwickelte und geführte so genannte „Partisanen-Bibliothek“,
für die nicht zuletzt die Lieblingsbücher selbst zur Inspirationsquelle
wurden.
Nun lesen sich Positionspapiere und Bestandsaufnahmen zur Gegenwart
und Zukunft von Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland[Fn3],
speziell auch zu Kinderbibliotheken[Fn4]
, im Vergleich dazu meistens anders. Ihre Bedeutung als Lernort
wird betont, die Förderung von Lese- und Medienkompetenz „seit
PISA“ mit diversen Maßnahmen bedacht, die veränderten
Anforderungen durch ständig wachsende Informations- und Medienangebote
beschrieben und der Inszenierung von Kinderkultur durch Theater,
Feste und Lesungen eine große Bedeutung beigemessen.
Eher selten werden die Kinderbücher und die Kinder
mit ihrem „Leseleben“ selbst befragt, wenn es darum
geht, Visionen und Bilder für eine kindgerechte Bibliothekskultur
entstehen zu lassen – zunächst in der Phantasie und dann
auch in der Realität. Die Entdeckerinnen und Entdecker der
literarischen Kinderexpedition beim Projekt „Bibliotheken
2040“ sind da einen ungewöhnlichen und bisher vermutlich
einzigartigen Weg gegangen: Sie haben sich bewusst von ihren Lieblingsbüchern
und den damit verbundenen Leseerlebnissen inspirieren lassen: neugierig,
bewegt, forschend, solidarisch und individuell, abenteuerlustig,
kreativ und offen für überraschende Entdeckungen. Und
sie haben diese Erfahrungen in ihre Traumbibliothek einfließen
lassen und sich damit zu Mitgestalterinnen und Mitgestaltern einer
eigenen Kinderbibliothekskultur gemacht, mit der sie in gleicher
Weise umzugehen verstehen: eben neugierig, bewegt, forschend, solidarisch
und individuell, abenteuerlustig, kreativ und offen für überraschende
Entdeckungen.
Interessanterweise deckt sich diese Beobachtung in
vielerlei Hinsicht mit jenem Bild, das durch Bilderbücher und
erzählende Kinderbücher von Bibliotheken literarisch vermittelt
wird. Denn in nicht wenigen Büchern für junge Leserinnen
und Leser werden Bibliotheken zum Ausgangsort von Spannung und Abenteuer,
laden ein zu seltsamen Begegnungen oder erweisen sich als Rettung
und Zuflucht bei Gefahr. Die Kinderbücher selbst taugen also,
so möchte man meinen, durchaus als Impulsgeber und Planungshelfer
für eine Kinderbibliothekskultur, wie sie den wirklichen Wünschen
und Phantasien der Kinder offenbar sehr nahe kommt.
Die fünf nachfolgend formulierten und mit entsprechenden
Kinderbuchtiteln belegten Thesen sind als ein Versuch anzusehen,
die wichtigsten kinderliterarischen Bibliotheksbeschreibungen nach
den darin enthaltenen Botschaften zu systematisieren, um sie so
für ein Nachdenken und Diskutieren über Vision und Wirklichkeit
von Kinderbibliothekskultur zu erschließen.
Nicht zuletzt trägt ein solcher Streifzug durch
literarische Kinderbibliotheksorte auch der Leidenschaft vieler
Bibliothekarinnen und Bibliothekare Rechnung, sich der Bedeutung
und esonderheit der eigenen beruflichen Identität zu vergewissern
– um diese im nächsten Moment vielleicht selbstkritisch
zu hinterfragen. Schließlich fordert das Schöpferische,
das jedem kulturellen Handeln innewohnt, immer auch die eigene Wandlungs-
und Innovationsbereitschaft heraus. Und wer könnte das den
Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besser beibringen, als die
Bücher selbst?
These 1: Die Bibliothek ist ein magischer
Ort - und die Bibliothekarin ist eine Zauberin
„Eines Tages tauchte ein geheimnisvolles
Baumhaus im Wald von Pepper Hill in Pennsylvania auf“ wird
rückblickend am Anfang eines jeden Bandes der populären
Serie „Das magische Baumhaus"[Fn5]
der amerikanischen Autorin Mary Pope Osborne berichtet. „Das
Baumhaus gehörte Morgan, einer Zauberin und Bibliothekarin,
die durch Zeit und Raum reiste, um Bücher für die Bibliothek
am Hof des Königs Artus zu sammeln“, heißt es dann
weiter. Bald werden die Geschwister Phillipp und Anne von Morgan
selbst zu Meister-Bibliothekaren ernannt. Denn angeregt durch die
Bücher, die sie im Baumhaus finden, lösen sie viele Rätsel
und begeben sich auf abenteuerliche Reisen in die Vergangenheit.
So simpel und bei aller Spannung durchaus belehrend das Handlungsmuster
dieser populären Buchreihe gestrickt ist, so erstaunlich ist
der Erfolg, den die Bände bei Kindern genießen: Ein Baumhaus
voller Bücher, das in magischer Weise durch Zeit und Raum saust
und eine verzauberte Bibliothekarin, in deren Gegenwart das Unmögliche
möglich scheint, ergeben in einer Zeit der weltweiten Vernetzung
durch das Internet ein eher antiquiert anmutendes Bild – und
verfehlen doch ihre magische Wirkung nicht. So sind es neben den
virtuellen Wissensräumen, die am PC täglich in vielfältiger
Weise besucht werden können, doch offenbar auch und gerade
sinnlich erfahrbare Räume wie eben dieses Baumhaus, von denen
eine große Faszination ausgeht.
Das gilt auch für „Bibbi Bokkens
magische Bibliothek"[Fn6],
die von dem norwegischen Autor Jostein Gaarder mit geradezu sinnlicher
Liebe zur Ästhetik des „schönen Buches“ beschrieben
wird: „Alle vier Wände waren mit Büchern bedeckt
und es gab nicht nur Bücherregale. Ich sah auch Bücherkisten
in unterschiedlichen Farben. Zwischen den Regalen standen außerdem
prachtvolle Bücherschränke mit Glastüren. Ich sah
nicht ein einziges Paperback oder Taschenbuch. Viele Bücher
waren sehr alt, aber es gab auch allerlei neue.
Und alle Bücher waren unglaublich schön.
Ich musste an die Glasmalereien großer Kathedralen denken
– an Mosaiken, die nichts besonderes darstellen sollen, die
aber ein schönes Bild ergeben, weil die Farben so gut zusammenpassen.
Ungefähr so kam es mir vor, als ich in Bibbi Bokkens Bibliothek
stand.“[Fn7]
Ohne Magie kommt natürlich auch diese Reise in eine unterirdische
Bibliothek nicht aus. Bücher brauchen also geheime Orte, die
gern auch etwas unheimlich sein dürfen. Dabei scheinen Bücher
wie ein Zaubermittel gegen Angst zu wirken. Was mit der folgenden
These noch in ganz anderer Weise Bestätigung findet:
These 2: Die Bibliothek bietet den Kleinen
und Schwachen Zuflucht und Schutz – und aus ihren Büchern
und Geschichten erwächst Mut und Rettung
„Lesen ist wie fliegen“, meint die
kleine Lillimaus in Willi Fährmanns Tierfabel „Der überaus
starke Willibald"[Fn8].
Dabei ist das aufmüpfige Mäuschen gewiss nicht in die
Bibliothek verbannt worden, um dort ein so großes Gefühl
von Freiheit zu erleben. Für Lillimaus aber ist die Verbannung
alles andere als eine Strafe: „In der Bibliothek ist es wie
in einer verwunschenen Schatzhöhle. Tausend verschlossene Schatzkisten
und ich habe den Zauberschlüssel dazu (...)Tausend Bücher
und in jedem Geschichten, Geschichten, Geschichten"[Fn9],
versucht Lillimaus die anderen Mäuse von der Kraft des Lesens
zu überzeugen. Bald merkt sie: Wer liest, der weiß mehr.
Und wer mehr weiß, hat weniger Angst und lässt sich nicht
mehr so leicht einschüchtern. Schlechte Zeiten für den
tyrannischen Willibald!
Schlechte Zeiten ebenso für Kater Kasimir
in dem Bilderbuch „Bertram und Kasimir"[Fn10]
. Der hätte den Mausejungen Bertram längst gefressen,
wären da nicht die vielen Geschichten, die dieser zu erzählen
weiß. Scheherasade lässt grüßen, wenn Bertram
am Ende sich und anderen mit seiner Erzähllust das Leben rettet.
Woher er all die Geschichten kennt? Aus der Bibliothek natürlich!
Die bleibt auch dann ein heimeliger Ort, wenn
sich die Kinder unfreiwillig in der bibliothekseigenen Toilette
einsperren. Glaubt man dem Bilderbuch „Abgeschlossen"[Fn11]
von Marjan De Smet und Marja Meijer, so verliert selbst eine solche
Gefängniszelle ihren Schrecken, wenn nur genug Lesestoff bereit
liegt. Auch für den ängstlichen kleinen Richie aus dem
Buch „Der Herr der Worte"[Fn12],
frei nach dem Steven Spielberg Film „Pagemaster“, wird
die Bibliothek mit all ihren Geschichten zur Retterin in der Not.
Mit den Helden der Jugendbuchklassiker lernt er hier eine Menge
Abenteuer zu meistern und merkt am Ende: Erst eine kräftige
Portion Entdeckergeist und Mut zum Risiko nimmt der Angst die Macht
und lässt den eigenen verborgenen Fähigkeiten Flügel
wachsen. Da fliegt die Phantasie gern mit!
These 3: Die Bibliothek ist das Tor zu
mehr Phantasie – und in der Phantasie ist alles möglich
In der „Geisterbibliothek"[Fn13]
von David Melling fehlt es nicht an Platz für Bücher in
den Regalen, wohl aber an eben dieser so nötigen Phantasie,
um die Bibliotheksregale mit Leben und Geschichten zu füllen.
Bis das Mädchen Bo samt Lieblingsbuch von den Geistern etwas
unsanft aus dem heimischen Bett gezerrt wird, um kurze Zeit später
zwischen den tristen Regalen mit der ersten Lektion der „Geschichtenerfindekunst“
zu beginnen. Und die Geister erweisen sich durchaus als lernfähig.
Bald wandelt sich die große Leere in eine reiche Fülle
von Büchern und Ideen.
Wohin es führen kann, wenn sich in der
Bibliothek alle Türen ins Reich der Phantasie öffnen,
erleben auch Ulla und Bruno in dem von Nikolaus Heidelbach erdachten
und illustrierten Bilderbuch „Ein Buch für Bruno"[Fn14]
auf recht dramatische Weise: Sie schlagen in der Bibliothek die
Seiten eines geheimnisvollen Bildbandes auf – und schon geraten
sie mitten hinein in nie gesehene Landschaften mit sonderbaren Fabelwesen.
Doch in so entlegene Welten muss die Phantasiereise
gar nicht immer führen. Bei dem großen Altmeister der
Phantasie, Hans Christian Andersen, erinnern bereits die vertrauten
Straßen eines kleinen Städtchens an den unerschöpflichen
Geschichtenschatz von Bibliotheken: „Wenn ich durch die Straßen
der Stadt gehe, kommt es mir vor, als ginge ich durch eine große
Bibliothek; die Häuser sind die Bücherregale, jede Etage
ein Brett mit Büchern. Hier steht eine Alltagsgeschichte, dort
eine gute alte Komödie, wissenschaftliche Werke aus allen Gebieten,
hier Schundliteratur und gute Lektüre. Ich kann über all
diese Bücher philosophieren und phantasieren“, lässt
er einen Dichter in seinem Märchen "Tante Zahnweh"
erzählen[Fn15].
Gern malt man sich beim Lesen aus, welche Menschen die Wohnungen
und Zimmer bevölkern und welche Begegnungen sich dort ereignen.
Sie sind es, die Leben und Farbe in die Geschichten bringen –
und in die Bibliotheken natürlich auch!
These 4: Die Bibliothek ist einladend
und offen für (sonderbare) Begegnungen - und bei aller Ordnung
immer auch ein bisschen ver-rückt
Unter den Begegnungen in Bibliotheken ist vor
allem die mit der Bibliothekarin oder dem Bibliothekar von nicht
zu unterschätzender Bedeutung. Das wissen auch die Brüder
Tim und Marty in dem Buch „Tim und das Geheimnis von Knolle
Murphy"[Fn16]
des irischen Autors Eoin Colfer. Die haben vor eben dieser Begegnung
schreckliche Angst und würden um die Bibliothek am liebsten
einen großen Bogen machen. Denn Knolle Murphy, die Herrscherin
im Reich der Bücher, regiert mit unbarmherziger Härte
und schießt schon gern mal mit Kartoffeln, wenn die Kinder
sich nicht an die strengen Vorschriften in der Bibliothek halten.
Weil Tim und Marty sich aber nicht vor einem Bibliotheksbesuch drücken
können, nehmen sie die unheimliche Begegnung der bibliothekarischen
Art wie ein Abenteuer auf sich – und lernen den rauen, unverwechselbaren
Charme ihrer Kontrahentin am Ende von einer durchaus sympathischen
Seite kennen.
Auch in dem Buch „Winn-Dixie"[Fn17]
der amerikanischen Autorin Kate DiCamillo geben Bibliothek und Bibliothekarin
keineswegs ein perfektes Bild ab: Die Herman-W.-Block-Gedenkbibliothek
wirkt eher klein und unscheinbar und über die dort tätige
Miss Franny lässt sich kaum etwas anderes sagen. Umso stärker
ist ihre Gabe, Geschichten zu erzählen und die Kinder mit einer
faszinierenden Mischung aus Spannung, Warmherzigkeit und Phantasie
daran teilhaben zu lassen. Da fällt es schon beim Lesen nicht
schwer, sich vorzustellen, wie sich einst ein Bär in dieser
Bibliothek verirrte und mit einem Buch unterm Arm wieder abzog.
In der Geschichte „Mama Muh in der Bücherei"[Fn18]
der Autoren Jujja und Thomas Wieslander, illustriert vom „Pettersson-und-Findus-Schöpfer“
Sven Nordqvist, geht es kaum weniger verrückt zu. Anstelle
eines Bären macht es sich dort eine Kuh zwischen den Regalen
gemütlich. Und wieder gibt sich die Bibliothekarin tolerant,
lässt sich davon kaum aus der Fassung bringen und drückt
sogar bei der fehlenden Unterschrift des Erziehungsberechtigten
für die Kuh ein Auge zu. Ganz nach der Devise: Ein bisschen
ver-rückt ist erlaubt, auch und gerade in der sonst so peniblen
Ordnung einer Bibliothek.
Dumm nur, wenn durch kleinere oder größere
Verrücktheiten dann wirklich mal ein begehrtes Buch auf unerklärliche
Weise verschwindet. So geschehen in dem Bilderbuch „Tom Tapir
Bücherdetektiv“[Fn19].
In diesem Fall führt die Spur zur Elster, die beim Anblick
des goldenen Buchrückens im Regal einfach nicht widerstehen
konnte. Am Ende gilt auch hier: Das Schönste und Wichtigste
in der Bibliothek bleiben die Geschichten, die mit Phantasie und
Leidenschaft gelesen, vor allem aber lebendig erzählt sein
wollen!
Dass sich vor allem vergessliche Leserinnen und Leser die Kunst
des Geschichtenerzählens zu Nutze machen können, verrät
das Buch „Tut mir leid!“[Fn20]
. Da muss sich der kleine Kunde einer Kinderbücherei ein ganzes
Jahr lang etliche Geschichten einfallen lassen, um zu erklären,
warum er das entliehene Buch nicht pünktlich zurückgeben
kann. Das „Fräulein“ in der Bibliothek trägt
die Sache mit einer Mischung aus Groll, Humor und Staunen –
so bunt wie ihr wechselndes Outfit und findet das vermisste Stück
am Ende mit lieben Grüßen unterm heimischen Tannenbaum
wieder.
These 5: Die Bibliothek
ist niemals statisch – und steckt immer voller Überraschungen
und Möglichkeiten der Verwandlung und Mitgestaltung
Langweilig und gleichförmig wirken Bibliotheken
in Kinderbüchern nie. Vor allem dann nicht, wenn anstelle von
„Fräuleins“ oder auch betagteren Wächterinnen
und Wächtern im Zauberreich der Worte die Kinder selbst die
Planung, Verwaltung und Leitung in die Hand nehmen.
Der polnische Kinderarzt, Waisenheimleiter und
Buchautor Janusz Korczak (1878-1942) beschreibt eine solche Klassenbibliothek
unter der Regie eines Schülers in seinem Kinderroman „Der
Bankrott des kleinen Jack“ so: „Die ganze Klasse fing
an zu lesen, dass es nur so surrte. Früher hatten nur James
und Harry ab und zu über Bücher gesprochen, jetzt sprachen
fast alle davon. Jack kaufte noch ein sehr nützliches Buch,
nach dessen Anleitung man mit den Händen Schattenspiele an
die Wand zaubern kann (...) Die Lehrerin versuchte sogar zu erklären,
wieso sich der Schatten bildet, aber das konnten nicht alle verstehen
(...) Dann wieder dachten sich die Jungen Zahlenrätsel aus
und machten Scharaden. Morris zeichnete ein von ihm selbst erfundenes
Bilderrätsel. Phil schrieb zusammen mit Sill ein Gedicht und
Barnum komponierte eine Melodie dazu, so daß man es singen
konnte. Sie redeten oft darüber, welches Buch schön und
welches langweilig war, wer lieber historische und wer lieber phantastische
Romane las. Gade war begeistert, weil er nach den Anleitungen aus
dem Buch ’Blumen- und Tierzucht’ seinen Hund beigebracht
hatte zu bitten, zu wachen, zu apportieren und sogar den Buchstaben
A zu erkennen. ’Wenn ich dem Hund lesen beigebracht habe,
bringe ich ihn mit in die Schule.’ Mit einem Wort, in der
dritten Klasse entwickelte sich eine rege geistige Bewegung.“[Fn21]
Ganz auf sich allein gestellt scheint dagegen
der kleine Kunz, der in Albert Wendts Buch „Das Hexenhaus“[Fn22]
vom Bürgermeister höchstpersönlich beauftragt wird,
in eben jenem kleinen gruseligen Gemäuer eine Bibliothek einzurichten.
Zwar kommt etwas Hilfe von der einen oder anderen Seite, so dass
die Ausleihe bald beginnen kann – doch dann bleiben die Leser
aus. Da werden die Büchergeister in den Regalen selbst aktiv
und sorgen für ziemlich viel literarischen Wirbel in der Stadt.
Literarische Bibliothekswelten versus reale
Bibliothekswirklichkeit
Vielleicht kommt irgendwann ein Autor oder eine Autorin
auf die Idee, den Traum der niederländischen Kinder von einer
„Partisanen-Bibliothek“ in einem Kinderbuch zu verarbeiten.
Genug Spannung, Phantasie und Abenteuerlust steckt in dem außergewöhnlichen
Projekt allemal.
Was aber ließe sich aus den „ganz normalen“
Kinderbibliotheken in Städten und Gemeinden berichten? Ist
in ihnen etwas von jener Phantasie und Magie, Skurrilität und
Verrücktheit lebendig und spürbar oder sind all diese
Eigenschaften den Bibliotheken in der Literatur eher „angedichtet“
und fern der realen bibliothekarischen Wirklichkeit? Hat ein modernes
Bibliotheksmanagement alle Unberechenbarkeiten und Kuriositäten
aus dem Alltag einer Kinderbibliothek verbannt oder haben sich die
kleinen Überraschungen und Wunder doch noch das eine oder andere
Schlupfloch bewahrt, um immer mal wieder zur Freude der Kinder die
allzu glatten Abläufe zu durchkreuzen?
Warum dreht sich selbst in den neueren literarischen
Schilderungen von Bibliotheken alles nur um Geschichten und Bücher,
während andere Bibliotheksmedien wie Computer, Tonträger
oder Filme dort praktisch keine Rolle spielen? Hält sich das
alte Bild von der traditionellen Bibliothek, die ausschließlich
Bücher im Angebot hat, so hartnäckig in den Köpfen
der Autoren oder eignen sich Internet und Datenträger einfach
nicht in gleicher Weise zum Erfinden und Erzählen von so phantastischen
Bibliotheksabenteuern? Haben dort, wo das weltweite Netz scheinbar
unbegrenzt zu virtuellen Reisen auf der Datenautobahn einlädt,
die Phantasiereisen aus der Bücherwelt ihren Zauber verloren
oder ist diese Facette möglicher medialer Bibliotheksabenteuer
einfach noch nicht für die Literatur entdeckt worden?
Und wie kommt es, dass die Bibliothekshelden der Kinderliteratur
mehrheitlich männlich sind, während die Jungen in realen
Bibliotheken bekanntlich eine Minderheit ausmachen? Belegt diese
Beobachtung einmal mehr, dass Jungen sich eher durch spannende Erlebniswelten
locken lassen, die in den Bibliotheken der Literatur ja durchaus
gegeben sind, während es realen Bibliotheken oft gerade an
diesen Erlebnis- und Spannungsmomenten fehlt?
Viele Fragen tun sich bei einer Betrachtung
von literarischen Kinderbibliothekswelten versus realer Kinderbibliothekswirklichkeit
auf. Vielleicht sind die Antworten auf einem Weg der Integration
zu suchen, der Vision und Wirklichkeit nicht auf getrennte Bahnen
führt, sondern die Spannungen und Widersprüche zwischen
beiden als positive Energie zu nutzen weiß. Etwa so, wie es
Rafael Capurro in seinem Aufsatz über Medienwirklichkeit versus
Bibliothekskultur[Fn23]
am Ende auf den Punkt bringt: Wie er das Miteinander von neuen Technologien
und einem ausgereiften Hightech-Niveau in weltweit vernetzten Bibliotheken
einerseits und der wachsenden Bedeutung ihres musischen und lokalen
Charakters andererseits als Herausforderung für eine integrierende
Bibliothekskultur beschreibt, in der beides miteinander verzahnt
ist, so mag sich am Schluss dieses Aufsatzes auch über eine
zeitgemäße Kinderbibliothekskultur sagen lassen:
Traumbibliotheken wie die der Kinder von Moerdijk
oder die phantasievollen und abenteuerlichen Bibliotheken der Kinderliteratur
taugen gewiss nicht als alleinige Antwort auf die Frage, welche
Bibliothekskultur Kinder wollen und brauchen. Doch sollten sie einem
als Denkanstoß, Spielart oder Korrektiv nicht aus dem Sinn
gehen. Eine davon inspirierte Kinderbibliothekskultur kann sich
in kreativer, lebendiger und kommunikativer Weise den phantastischen
Möglichkeiten der neuen Medien öffnen und im Bewusstsein
ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ein eigenes Leitbild entwickeln.
Dass Kinder in Bibliotheken immer auch einen
sinnlich und sozial erfahrbaren Erlebnisraum suchen, dass von diesem
Raum schöpferische Impulse ausgehen, dass sie sich dort als
Persönlichkeiten geschützt, geachtet und unterstützt
fühlen dürfen, dass Begegnungen mit Menschen dabei eine
wichtige Rolle spielen und dass mit zauberhaften und überraschenden
Momenten stets zu rechnen ist, solange die Phantasie und die Freude
an Geschichten nicht aus den Bibliotheksräumen verschwindet
– daran mögen die Kinderbücher immer wieder erinnern.
Fußnoten
[Fn 1]
Rob Bruijnzeels, Nicoline van Tiggelen: Bibliotheken 2040. Die Zukunft
neu entwerfen. Aus dem Niederländischen von Ute Klaasen. Bad
Honnef 2001. S.47. (zurück)
[Fn
2]
Ebd. S.46. (zurück)
[Fn
3]
Umlauf, Konrad: Die Öffentliche Bibliothek als Lernort. Bestandsaufnahme
und Perspektiven. Berliner Handreichung zur Bibliothekswissenschaft
76. Berlin 2001. (zurück)
[Fn
4]
Bibliotheksarbeit für Kinder.
Ein Positionspapier. Hrsg. von der Kommission des DBI für Kinder-
und Jugendbibliotheken. Berlin 1997. (zurück)
[Fn
5]
Mary Pope Osborne: Das magische Baumhaus. Bindlach 2004. (zurück)
[Fn
6]
Jostein Gaarder, Klaus Hagerup: Bibbi Bokkens magische Bibliothek.
München 2001. (zurück)
[Fn
7]
Ebd. S.145. (zurück)
[Fn
8]
Willi Fährmann: Der überaus
starke Willibald. Würzburg 1983. (zurück)
[Fn
9]
Ebd. 16. Aufl. 2004, S.70. (zurück)
[Fn
10]
Anne Jonas, Francois Crozat: Bertram
und Kasimir. Vom Abenteuer Lesen. Esslingen 1999. (zurück)
[Fn
11]
Marjan de Smet, Marja Meijer: Abgeschlossen.
Oldenburg 2001. (zurück)
[Fn12]
David Kirschner, Ernie Contreras: Der Herr der Worte. Richies fantastische
Reise durch das Land des Lesens. München 1993. (zurück)
[Fn
13]
David Melling: Die Geisterbibliothek.
Hamburg 2005. (zurück)
[Fn
14]
Nikolaus Heidelbach: Ein
Buch für Bruno. Weinheim 1997. (zurück)
[Fn
15]
Hans Christian Andersen:
Tante Zahnweh. In: Sämtliche Märchen und Geschichten Bd.
2. Leipzig 1990. S.525. (zurück)
[Fn
16]
Eoin Colfer: Tim und das
Geheimnis von Knolle Murphy. Weinheim 2005. (zurück)
[Fn
17]
Kate DiCamillo: Winn-Dixie.
München 2000. (zurück)
[Fn
18]
Jujja und Thomas Wieslander,
Sven Nordqvist: Mama Muh in der Bücherei. In: Mama Muh und
die Krähe. Hamburg 1995. (zurück)
[Fn
19]
Laurence L., Jean-Baptiste
Baronian: Tom Tapir Bücherdetektiv. München 1996.
(zurück)
[Fn
20]
Jo Furtado, Frédéric
Joos: Tut mir leid! 12 fabelhafte Ausreden für vergeßliche
Kinder. Hamburg 1988. (zurück)
[Fn
21]
Janusz Korczak: Der Bankrott
des kleinen Jack. In: Sämtliche Werke, Bd.12. Gütersloh
1998 ff. S. 62-63. (zurück)
[Fn
22]
Albert Wendt: Das Hexenhaus. Berlin 1999 .(zurück)
[Fn
23]
Rafael Capurro: Medienwirklichkeit
versus Bibliothekskultur. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 20
(1996) 2. S. 245-252. (zurück)
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