| Wikipedia
– Offene Inhalte im kollaborativen Paradigma – eine
Herausforderung auch für Fachinformation [Fn1]
von Rainer Kuhlen (info)
Anfang August 2005 hat es sozusagen den Ritterschlag
für Wikipedia in Deutschland gegeben. Die Deutsche Bibliothek,
als nationale Archivbibliothek sicherlich das Seriöseste, was
es auf dem Gebiet der Sicherung publizierter Information gibt, teilte
mit, dass sie eine Vereinbarung mit Wikipedia eingegangen sei. Danach
wird den Personenartikeln von wikipedia.de – das sind derzeit
(Stand August 2005) gut 30.000 von den ca. 280.000 deutschsprachigen
Beiträgen (die englischsprachige Version hat über 600.000
Artikel) – ein Verweis beigegeben, der direkt zu dem entsprechenden
Eintrag der in der Deutschen Bibliothek gepflegten Personennamendatei
(PND) führt. Alle seit 1913 von oder über diese Person
veröffentlichten und archivierten Werke werden angezeigt (sofern
die Deutsche Bibliothek sie in ihrer PND vermerkt hat).
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"Around
the Globe" mit vielen Sprachen : Weltwissensbank Wikipedia |
Was ist Wikipedia?
Wikipedia ist eine im Internet,
in der Web-/Hypertext-Technologie entwickelte und genutzte elektronische
Enzyklopädie, vom Anspruch her die größte, das gesamte
Wissen der Welt anvisierende Enzyklopädie, die es je gegeben
hat. Was immer auch kritisch oder sogar abfällig über
Wikipedia geschrieben und geäußert wird (s. unten), eine
Erfolgsgeschichte ist Wikipedia im Internet allemal, vergleichbar
in der Breitenwirkung vielleicht nur mit der Suchmaschine Google
oder dem Online-Auktionshaus eBay oder – im gleichen offenen
Paradigma – mit dem Open/Free-Source-Betriebssystem Linux
oder früher der Musik-Tauschbörse Napster und ihren P2P-Nachfolgern,
im Deutschen vielleicht noch mit dem deutsch-englischen Wörterbuch
LEO, ein Online-Service der Informatik der Technischen Universität
München.
Die quantitative Erfolgsgeschichte
Die Zahlen sprechen erst einmal für
sich: Seit dem 15.1.2001, an dem die Adresse www.wikipedia.com ins
Netz ging, sind ca. 1,5 Millionen Artikel in über 130 Sprachen
entstanden. Pro Tag werden allein im deutschen Teil, der zweitgrößten
Wikipedia, zwischen 10.000 und 15.000 Beiträge bearbeitet,
d.h. entweder neu eingestellt oder modifiziert. Was die Nutzung
angeht, entsteht derzeit, so die vielleicht etwas zu radikale Einschätzung
des Autors, so gut wie keine studentische Arbeit mehr, ohne dass
Wikipedia (referenziert oder auch nicht) konsultiert würde.
Wikipedia ist eine Wikimania (so nannte sich übrigens selber
die Anfang August 2005 in Frankfurt veranstaltete letzte Wikipedia-Konferenz).
In Deutschland ist die Manie männlich und zwar nach der Online-Umfrage
vom Frühjahr 2005 zu 88%. Aber das sollte sich, wie bei vielen
früheren Internet-Anwendungen, mittelfristig ändern.
Die Provokation
Wikipedia ist eine Provokation
für jeden kommerziellen Verlag. Robert McHenry, früherer
Editor in Chief der Encyclopædia Britannica, spricht
von einer „faith-based encyclopedia“[Fn2],
die auf der Vermutung einer „quasi-Darwinschen” Evolution
zum immer Besseren beruhe. In Wirklichkeit führe das kollaborative
Prinzip und somit die für jedermann offene Teilnahme am Entstehungsprozess
von Artikeln zwangsläufig zum Mittelmaß. Nicht excellency
setze sich dann durch, sondern mediocracy.
Aber auch aus der Sicht traditioneller
wissenschaftlicher Qualitätskontrolle wird der kollaborative
und offene Wiki-Prozess in der Regel für „unmöglich“
gehalten. Anders als im Open-Access-Ansatz der wissenschaftlichen
Publikation, wo nach wie vor das Peer-Review-Prinzip unverrückbar
gilt, wird bei Wikipedia Qualitätssicherung über Experten
(Peers) als Kontrolle, Reglementierung oder sogar als Zensur abgelehnt.
Die Öffentlichkeit, die Online-Community der Wikipedia, soll
entscheiden, was sich als Qualität dauerhaft durchsetzt.
Reviewing – auch
eine Herausforderung in der Fachinformation
Damit ist natürlich ein zentrales
Problem des Öffentlichmachens von Information angesprochen.
Kein Wunder, dass hier die Kritik der Fachwelt an Wikipedia ansetzt.
Wegen der (bewusst) fehlenden direkten Qualitätskontrolle ist
es nachvollziehbar, dass sich Wikipedia häufig dem Vorwurf
ausgesetzt sieht, dass ihre Informationen nicht verlässlich
seien. Wikipedia hat darauf mit den Mitteln reagiert, die ihr zur
Verfügung stehen, nämlich mit einem Artikel „Wikipedia:Non-Wikipedia
disclaimers“. Dort wird aus den entsprechenden „disclaimers“
u.a. der Encyclopaedia Britannica, der New York Times, des Wall
Street Journals, von CNN und des Oxford English Dictionary belegt,
dass es eigentlich ein Prinzip von elektronischen Mediendiensten
ist, dass die Anbieter keinerlei Garantie für die Richtigkeit
der vermittelten Information geben.
Bei CNN interactive müssen
die Benutzer erklären, dass sie keine Ansprüche an CNN
erheben werden: „... nor do they make any warranty as to
the results that may be obtained from use of CNN interactive,
or as to the accuracy, reliability or content of any information,
service, or merchandise provided through CNN interactive”.
Und sogar “Oxford University Press makes no warranties or
representations of any kind concerning the accuracy or suitability
of the information contained on this web site for any purpose.”
Auch die Wissenschaft ist sich
zunehmend unsicher ob des Wahrheits- oder nur des Richtigkeitswertes
der publizierten Information, selbst wenn publizierte Artikel dem
klassischen Review-Prozess unterzogen werden. So lassen die von
John P. A. Ioannidis in einem viel beachteten Artikel in PloS Medicine
(Vol 2, No. 8, August 2005) vorgelegten Gründe die Befürchtung
sehr real erscheinen, “that in modern research, false findings
may be the majority or even the vast majority of published research
claims”. [Fn3]
Exkurs: Alternativen zum klassischen
Reviewing
Nicht zuletzt deshalb wird auch
in wissenschaftlichen Zeitschriften zunehmend mit anderen Formen
der Qualitätskontrolle als dem klassischen Peer Reviewing
experimentiert. Dazu nur einige Beobachtungen (keine repräsentative
Analyse): Die Zeitschrift Journal of Interactive Media
in Education (JIME) lässt dem „privaten“ Review-Prozess,
bei dem die Reviewer-Einschätzung zunächst nur dem/den
Autor/en zu Kenntnis gegeben wird, einen Open peer review process
folgen (allerdings nur dann, wenn der erste Prozess zu einem prinzipiell
positiven Ergebnis geführt hat), bei dem die gesamte Fachöffentlichkeit
mitdiskutieren/“mitreviewen“ kann. Die Zeitschrift Atmospheric
Chemistry and Physic nennt diesen zweiten Prozess „Interactive
Discussion“. So verfährt auch z.B. Behavioral and
Brain Sciences, wo die zweite Stufe des sogenannten Peer
Commentary auch dann aktiviert werden kann, wenn das klassische
Peer Reviewing sozusagen grünes Licht gegeben hat.
Andere Zeitschriften drehen das herum, lassen also erst die Öffentlichkeit
sich positionieren, und die letzte Entscheidung fällen dann
die auserwählten Experten-Reviewer. Das British
Medical Journal hatte eine Weile damit experimentiert, auf
das Experten-Reviewing ganz zu verzichten: Leser waren
eingeladen, Kommentare zu vorgelegten Artikeln einzuspeisen. Diese
Kommentare sollen dann Ersatz für das Reviewing sein.
Wenn die öffentlichen Stellungnahmen überwiegend positiv
waren, dann wurde das als Grundlage für eine formale Publikation
akzeptiert.
Harnad fasste diese Diskussion
in seinem berühmten Artikel „The Invisible Hand of Peer
Review“ von 2000 in die Alternativen „Expert Opinion
or Opinion Poll?“ und „Peer Commentary vs. Peer Review”[Fn4]
zusammen. Harnad selber wollte in diesem Artikel zumindest zwischen
einem „unrefereed preprint sector” und einem (unaufgebbaren)
“refereed, published, reprint sector” unterscheiden
– eine Variante, die auch Larry Sanger, einer der Väter
der Wikipedia, favorisierte. Wir kommen darauf zurück. Gehen
wir nach diesem Exkurs zur Qualitätskontrolle zum Wiki-Prinzip
bzw. zu Wikipedia zurück.
Der methodische Hintergrund
– das Wiki-Prinzip
Methodisch beruht Wikipedia auf
dem Wiki-Prinzip, für dessen softwaremäßige Realisierung
Ward Cunningham mit seiner 1995 bekannt gemachten Ur-Wiki-Version
der Kredit gegeben wird. Durch ein Wiki („wiki wiki“
ist die hawaiianische Bezeichnung für „schnell“)
sollte jedermann in die Lage versetzt werden, schnell und unkompliziert
Einträge für Websites zu machen und diese auch schnell
und unkompliziert durch andere modifizieren zu lassen, wobei über
eine Versionenkontrolle die Veränderungen transparent und damit
auch im Prinzip reversibel gehalten werden können. Wikis gibt
es zu Tausenden, wenn nicht Millionen. Öffentlich bekannt wurde
jüngst im politischen Bereich das Wiki der Grünen Partei,
wodurch die Grünen-Basis Gelegenheit bekam, an einem Teilbereich
(Informationsgesellschaft) des Programms für die Bundestagswahl
2005 mitzuschreiben. Wikipedia ist sicherlich die weltweit größte
Wiki-Anwendung mit vielen Software-Erweiterungen, die alle auf freiwilliger
und unentgeltlicher Tätigkeit beruhen.
Der Gründer
Als Gründer von Wikipedia
gilt Jimbo Wales[Fn5],
obgleich der Anstoß für die Anwendung des Wiki-Prinzips
auf das Vorgängersystem Nupedia und damit für die technische
Realisierung und Verselbständigung der dann so genannten Wikipedia
weitgehend auf Larry Sanger zurückging. Wales hatte das entscheidende
Kapital für den Anfangsbetrieb – $500.000 soll er aus
Eigenmitteln beigetragen haben. Sein Terminkalender gleicht inzwischen
eher dem des früheren Außenministers Genscher. Zwischen
Anfang August und Anfang Dezember 2005 sind es 16 Vortragsreisen
in Sachen Wikipedia rund um die Welt.
Das Prinzip
Wikipedia hat keinen Herausgeber
und kein Redaktionsteam. Jedermann, der sich für einen Sachverhalt
kompetent fühlt, kann diesen, ohne über größere
Web-Erfahrung verfügen zu müssen, in Wikipedia eingeben.
Das Geschriebene wird ohne weitere Kontrolle sofort öffentlich.
Wikipedia-Artikel werden ohne Vorgaben geschrieben – es sei
denn, man sieht das allgemeine Wikipedia-Prinzip als Vorgabe an,
dass alle Artikel aus einer neutralen, also alle Sichten und vor
allem Fakten berücksichtigenden Perspektive geschrieben werden
sollen (Neutral Point Of View Policy - NPOVP). Jeder Leser
entscheidet, ob er das, was er liest, verändern soll, wenn
er den aktuellen Stand für falsch oder verbesserungs-/erweiterungsfähig
hält. Im Extremfall kann er den Beitrag sogar löschen.
Allerdings bleiben die alten Versionen zugänglich, so dass
der alte Zustand wieder hergestellt werden kann, wenn das jemand
will. Das kann bei hartnäckigen Kontrahenten zu anstrengenden
Editierungskriegen (edit wars) des wechselseitigen Löschens
und Erneuerns führen. Zu jedem Zeitpunkt gilt die jeweils aktuelle
Version des Eintrags. Wikipedia ist eine im Prinzip offene Enzyklopädie.
Die Nutzung von Wikipedia ist kostenlos
(und damit auch mit dem Open-Access-Ansatz konform). Jeder
kann jeden Artikel nutzen, wofür er will, wenn die Bedingung
der Referenzierung erfüllt ist und wenn anerkannt wird, dass
die entstandenen neuen Formen wieder frei für jedermann zugänglich
und nutzbar sind. Vorbild waren hier natürlich die freien Lizenzen
aus der Free-Software-Bewegung.
Betriebsmodell – kein
Geschäftsmodell
Formell wird Wikipedia seit Juni 2003
von der Wikipedia Foundation in Florida organisiert. Jimmy
Wales ist ihr Präsident und Chairman of the Board.
Für Deutschland gibt es den gemeinnützigen Verein „Wikimedia
Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens
e.V.“ Wikipedia ist vollständig abhängig von Spenden.
Zum Betrieb benötigt Wikipedia derzeit ca. $200.000 pro Quartal
(und kann das bislang auch mühelos eintreiben), davon $140.000
allein für den Hostbetrieb. Personalkosten machen noch nicht
einmal 10% aus: pro Monat $4000 für den Chief Technical
Officer, $500 für einen Hardware-Assistenten und ca. $1700
für einen Executive Assistant (natürlich keinerlei
Aufwand für Autorenhonorare). Der Rest für Reisen und
Büromaterial. Das ist es. Andere Einnahmen gibt es nicht, auch
keine verdeckten. Alle Seiten sind frei von Werbung.
Wenn man so will, hat Wikipedia kein
Geschäftsmodell, anders als z.B. Google. Auch dort ist die
Nutzung für jedermann kostenlos, aber Google macht Milliardenumsätze
und Gewinne mit dem Verkauf von Information, die für Werbung
benötigt wird. Wikipedia ist das Gegenmodell zum kommerziellen
Primat der Verfügung über Wissen und Information, und
das ist die politische Sprengkraft der Wiki-Enzyklopädie.
Wikipedia – Aufklärung
revisited?
Wikis sehen sich als legitime Nachfolger
der französischen Enzyklopädisten bzw. der Aufklärung
allgemein:
“The Encyclopedia of
the French philosophers was not just a knowledge base project,
but it was also a political project designed to propagate the
ideas of the Enlightenement and to establish the reign of "Reason"
as the basis of modern public debate.” (Jean-Baptiste Soufron)
[Fn6]
Entsprechend ist das enzyklopädische
politische Ziel von Wikipedia: „freedom over content and information”[Fn7].
Wissen ist nicht neutral, interessenfrei, sondern hat die pragmatische
Kraft der Veränderung. Wer Zugriff zum vorhandenen Wissen hat,
kann selbstbestimmt handeln und sich von fremdbestimmter Macht und
Kontrolle befreien. Wie sich, entsprechend Hegel, die bürgerliche
Gesellschaft als Gesellschaft der Freiheit Weniger, Vieler und schließlich
Aller entwickelt habe, müsse das Ziel der Informationsgesellschaft
die freie Verfügung über Wissen und Information für
alle sein.
Das ist der sozusagen politische
Unterbau der Wikipedia. Ohne Zweifel ist die Wikipedia zusammen
mit der Free-Software-Bewegung das international größte
und vielleicht auch spannendste Experiment für den kollaborativen
Umgang der Erzeugung von Wissen und Information und der freien (nicht
nur unzensierten, sondern tatsächlich auch gebührenfreien)
Nutzung der öffentlich gemachten Information.
Erfolg und Motivation
Das Zwischenergebnis ist verblüffend
genug. Vor 5 Jahren war es kaum vorstellbar, dass ein offensichtlich
anarchistisches Konzept ohne Qualitätskontrolle, d.h. ohne
redaktionelle oder Peer-Review-Überprüfung der
Inhalte und ein durchgängig kollaborativer Ansatz, der im Prinzip
auch jedem die Möglichkeit der destruktiven Vernichtung oder
Manipulation von Inhalten gibt, sowie ein weltweites „Unternehmen“,
das kaum Management-Strukturen oder intensiven Kapitaleinsatz benötigt,
zu Ergebnissen führen und damit zum Erfolg werden kann.
Was aber ist der Erfolg?
In der Praxis ist die Wikipedia
zumindest ein erfolgreicher Protest gegen die exklusive Gültigkeit
des homo-oeconomicus-Arguments. Offensichtlich ist es für
viele tausend Wikis reizvoll genug, ihr Wissen (oft sind es nur
Einsichten in das Wissen anderer) ohne jede monetäre Anerkennung
frei anderen zur Verfügung zu stellen. Anders als beim Free-Software-Modell
können sie auch nicht damit rechnen, dass sich ihre in der
Wikipedia dokumentierte Expertise auch in professioneller und damit
oft genug dann auch in monetärer Anerkennung niederschlagen
wird. Offenbar ist reputative Anerkennung Anreiz genug. Der Wikipedia-Gründer
hält den Spaß der Wikis für den entscheidenden Erfolgsfaktor.
Wiki-„arbeit“ betreibe man wie Sport in der Freizeit.
Aktive Wikibearbeiter, so haben es Würzburger Psychologen in
einer Umfrage herausbekommen[Fn8],
arbeiten durchschnittlich zwei Stunden pro Tag in ihrer Freizeit.
Motiviert werden sie durch das Interesse, die Qualität der
Wikipedia zu verbessern und aus der Überzeugung, dass Information
frei sein solle sowie die Freude am Schreiben.
Die Wikipedia-Artikel selber werden
nicht mit Namen gekennzeichnet. Unter der Rubrik „Versionen/Autoren“
oder „History“ werden allerdings, beginnend mit dem
denjenigen, der den Artikel zuerst angelegt hat, alle Beitragenden
(sie werden „Benutzer“, nicht Autoren, genannt) aufgeführt
– oft genug allerdings nur mit dem selbst gewählten anonymen
Namen.
Qualitätssicherung
in einer kollaborativ organisierten Online-Community
Erstaunlich, dass die Offenheit
des zunächst unkontrollierten Editierens kaum zu offensichtlichem
Missbrauch (Unsinn oder Vandalismus) führt. Woran liegt das?
Wikipedia ist nicht nur ein System zur Produktion enzyklopädischen
Wissens, sondern auch eine selbstorganisierende Online-Community.
Marco Kalz wies in seinem Beitrag für die Wikimania-Konferenz
(08/2005 in Frankfurt) auf diesen Doppelaspekt hin, dass
„jeder Artikel in der
Wikipedia (...) nicht nur das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses
über die neutrale Darstellung des Wissens zu einem bestimmten
Thema [ist], sondern auch das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses
über die Regeln und Ressourcen, die in der Wikipedia zur
Anwendung kommen: Die Mitglieder der Wikipedia (und auch die anonymen
Beitragenden) wirken ständig an einem Prozess der Selbstorganisation
dieser Regeln und Ressourcen mit, die sich über die Zeit
institutionalisieren“.[Fn9]
Wie jede Online-Community
hat auch Wikipedia ein System von Regeln und Verhaltensformen entwickelt[Fn10]:
Im Vordergrund steht das Neutralitätsprinzip und die Beachtung
des Respekts gegenüber allen Beitragenden, die ja ihre Beiträge
aus sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen anfertigen.
Wikipedia stellt zwar jeden Inhalt
zur offenen Nutzung frei, achtet aber streng auf die Einhaltung
von Urheberrechten. Zu Unrecht eingebrachte Beiträge, z.B.
auch Abbildungen, die nicht ausdrücklich als gemeinfrei deklariert
sind, werden – sofern erkannt – entfernt. Ob sich hier
als Kennzeichnungsmöglichkeit die Creative-Commons-Lizenzen
anbieten und durchsetzen werden, ist nach den jüngsten Angriffen
auf Creative Commons von Richard Stallman, dem Gründer
und Chef der Free-Software-Foundation, ungewiss.
Konfliktlösung
Für die Lösung von Konflikten,
vor allem bei unterschiedlichen Positionen in Artikeln, gibt es
eine Deeskalationsstrategie: Zuerst wird auf die Kontrahenten eingewirkt,
in einen sogenannten dispute resolution process einzutreten.
Gelingt das nicht, kann ein neutraler Vermittler eingeschaltet werden.
Wird das konfliktäre Verhalten trotzdem fortgesetzt, können
die Administratoren darauf dringen, dass der Artikel für eine
Weile (cool down period) sozusagen eingefroren wird, also
nicht mehr editiert werden kann. Ohnehin gilt das Prinzip, dass
man eine einzelne Wikipedia-Seite nicht mehr als dreimal pro Tag
editieren soll.
Bei fortbestehenden Konflikten
kann auch eine Begutachtung (survey) durchgeführt
werden, die alle Facetten der Kontroverse ausleuchten soll und deren
Ergebnis dann in dem Artikel zugeordnet wird. Nutzt alles nichts,
muss die Wikipedia-Schiedsinstanz (arbitration) eingeschaltet
werden. Diese letzte Autorität, über schwerwiegende Konfliktfälle
(z.B. bei hartnäckigen edit wars) zu entscheiden,
wurde bis vor kurzem alleine Jimmy Wales zugestanden. Seit 2004
leistet diese Arbeit ein sogenanntes Arbitration Committee,
dessen Mitglieder auf Grund ihrer Vertrauenswürdigkeit benannt
oder gewählt werden.[Fn11]
Entwicklungsperspektive
Der Erfolg von Wikipedia ist auch
durch die einfach zu bedienende Benutzeroberfläche zu erklären.
Viele unentgeltlich arbeitende Software-Entwickler sind dabei, die
Qualität des Systems weiter zu verbessern. Es steht die Einführung
typisierter, d.h. semantisch spezifizierter Verknüpfungen nach
dem Semantic Web-Ansatz an. Ontologien zur semantischen
Beschreibung der Wikipedia-Inhalte werden entwickelt. Die noch schwache
Retrieval-Komponente wird über Data-Mining-Techniken
verbessert. Die Integration der verschiedenen, bislang selbstständigen
sprachabhängigen Wikipedia-Versionen (mehr als hundert) über
automatische Übersetzung ist derzeit wohl die größte
Herausforderung, um den Anspruch der Universal-Enzyklopädie
einlösen zu können.
Ausweitung
Wohin das weiterhin explosionsartige
Wachstum von Wikipedia führen wird, ist ungewiss. Das Wiki(pedia)-Prinzip
weitet sich aus. Ergänzend zur und im Austausch mit der „neutralen“
Wikipedia sind in Wikinfo ausdrücklich Artikel von profilierten
Individuen (Intellektuelle, Akademiker) mit eigenen Positionen erwünscht.
Wikinfo versteht sich zudem auch als Lexikon, was ja Wikipedia
als Enzyklopädie dezidiert nicht sein will. WikiSource
sammelt Originalbeiträge von Autoren, die auch sonst schon
publiziert sind, Übersetzungen von Texten, historische Dokumente,
Bibliographien von Wikipedia-Autoren, auch Source Code
von Programmen, .... Wikibooks als Lehrbücher werden
entstehen, ...
Die Konkurrenz
Vermutlich wird die klassische, auf
Expertenwissen und redaktioneller Betreuung beruhende Wörterbuch-
und Enzyklopädieinformation nicht obsolet werden. Wikipedia
konkurriert nicht mit Wissensprodukten im klassischen wissenschaftlichen
Paradigma. Wikipedia bietet (bislang), entsprechend dem Neutralitätsprinzip,
keinen Platz für originale Forschung. Im Internet gibt es hunderte
(freie und kommerzielle) Online-Wörterbücher und Enzyklopädien,
aber die an der kommerziellen Verwertung interessierten Verlage
werden sich, zumindest mittelfristig, einiges einfallen lassen müssen,
damit ihre Produkte, wie z.B. Encarta, Brockhaus, Encyclopaedia
Britannica oder die vielen Fach-Enzyklopädien (wie die des
Elsevier Verlages), weiterhin genutzt werden bzw. damit Nutzer bereit
sein werden, auch weiter dafür zu bezahlen.
Wikipedia in der Wissenschaft
– verdeckte Zurückhaltung
Bislang ist die Bereitschaft auf
dem Markt wohl noch vorhanden, für Information mit eingespielter
Qualitätssicherung über anerkannte Experten und mit redaktioneller
Absicherung zu bezahlen. In der Wissenschaft wird das Verhalten,
Information ohne Gütesiegel und ohne etablierte Qualitätskontrolle
(Peer Review) zu trauen, als Risikofaktor eingeschätzt.
Schon Pre-prints wird kaum mehr als ein vorläufiger
Informationswert zugestanden. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen
wird bis dato eine Referenz auf einen Wikipedia-Artikel kaum akzeptiert.
Eine Wikipedia-Veröffentlichung wird bislang kaum auf den Publikationslisten
bei Bewerbungen zu finden sein. Viele (etablierte) Wissenschaftler
tragen zur Wikipedia nur unter anonymem Namen bei. Dies mag sich
ändern. Die Vermutung, dass Wikipedia eher nur Hobbyisten,
Generalisten oder Studierende anzöge, stimmt schon lange nicht
mehr. Ein Wikipedia-Artikel zur eigenen Person wird nicht mehr schamhaft
versteckt.
Wikipedia in der Ausbildung
– Bedarf nach Informationskompetenz
Bei studentischen Haus- oder Abschlussarbeiten
gegen eine Referenzierung auf Wikipedia-Artikel angehen zu wollen,
gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Soll man es? Natürlich
nicht. Aber man wird an der Bildung von Informationskompetenz arbeiten
und die Rahmenbedingungen dafür schaffen müssen. Die fortschreitende
Kommerzialisierung von Wissen und Information wird es insbesondere
Studierenden immer schwerer machen, an abgesicherte Fachinformation
heranzukommen. Freier Zugriff und freie Nutzung sind da willkommen.
„Lack of respect?“
Wikipedia ist derzeit eine Universal-Enzyklopädie
für den Alltagsgebrauch von Wissen, kein Ersatz für Fachwissen.
Larry Sanger, der die Wikipedia vorangehende, auf Peer-Review-Prinzipien
basierende, allerdings kaum über wenige Artikel hinausgehende
Online-Nupedia mitgegründet hatte, versuchte das klassische
Qualitätssicherungsprinzip mit Wikipedia zu verbinden.[Fn12]
Die besonders guten Wikipedia-Artikel sollten noch nachträglich
von Experten begutachtet werden und im positiven Fall in die Nupedia
eingespeist werden. Damit, darauf habe ich hingewiesen, wird derzeit
auch in der Fachinformation bei wissenschaftlichen Zeitschriften
experimentiert.
Sanger versprach sich davon die
akademische und bibliothekarische Anerkennung und somit die Integration
einer offenen, freien Enzyklopädie in die Fachkommunikation.
Es gelang nicht. Der Vorwurf, „Wikipedia lacks the habit or
tradition of respect for expertise“[Fn13],
wurde als das, was er sein wollte, nämlich elitär, von
der Wikipedia-Community nicht mehr akzeptiert – zu attraktiv
ist für sie die Idee der sich selbst-optimierenden kollaborativen
Produktion.
Nur ein Anfang?
Ob Fachwissen auch über das
Wiki-Prinzip organisiert werden kann, bleibt eine offene Frage.
Wer kann schon sicher in einer weiteren Perspektive prognostizieren,
welchen Einfluss das kollaborative Prinzip und die fortschreitende
Vernetzung auch auf die originale Produktion von Wissen und damit
auf das individuelle Autorenverständnis, auf die Qualitätskontrolle,
auf die Publikationsformen in der Wissenschaft und auch auf die
enzyklopädische und lexikalische Repräsentation von Wissen
haben werden? Das Experiment geht weiter. Vielleicht ist Wikipedia
nur der Anfang.
Fußnoten
[Fn 1]
Eine kürzere Version dieses Artikels wurde veröffentlicht
in „Forschung & Lehre“ 10/2005, 546-548. (zurück)
[Fn
2]
Vgl. Robert McHenry: The faith-based
encyclopedia (2004 -http://www.techcentralstation.com/111504A.html)
(zurück)
[Fn
3]
http://medicine.plosjournals.org/perlserv/?request=get-document&doi=10.1371/journal.pmed.0020124;
vgl. auch Erik Sandewall: Publishing and Reviewing in the ETAI -
Electronic Transactions on Artificial Intelligence, ETAI Vol. 1
(1997): 1-12 - http://www.fou.uib.no/konf98/abstract/sandewall.htm
(zurück)
[Fn
4]
Stevan Harnad: The Invisible Hand
of Peer Review", Exploit Interactive, issue 5, April 2000
URL: http://www.exploit-lib.org/issue5/peer-review/
(zurück)
[Fn
5]
Website:http://en.wikipedia.org/wiki/User:Jimbo_Wales
(zurück)
[Fn
6]
Jean-Baptiste Soufron: The political
importance of the Wikipedia Project : the only true Encyclopedia
of our days. Wikipedia : towards a new electronic Enlightenment
Era? (2004 - http://soufron.free.fr/soufron-spip/article.php3?id_article=71)
(zurück)
[Fn
7]
Formuliert wurde die grundlegende
politische Idee einer Web-Enzyklopädie u.a. in: Richard Stallman:
The Free Universal Encyclopedia and Learning Resource (zuerst 1999
- http://www.gnu.org/encyclopedia/free-encyclopedia.html).
(zurück)
[Fn
8]
Vgl. Würzburger Studie “Motivation
of Contributors to Wikipedia”:http://www.psychologie.uni-wuerzburg.de/ao/research/wikipedia.php
(zurück)
[Fn
9]
Vgl. http://en.wikibooks.org/wiki/Wikimania05/Paper-MK3
(zurück)
[Fn
10]
Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Policies_and_guidelines
(zurück)
[Fn
11]
Vgl.http://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Arbitration_Committee=
(zurück)
[Fn
12]
Vgl. Larry Sanger: Britannica or
Nupedia? The future of free encyclopaedia (2001 - http://www.kuro5hin.org/story/2001/7/25/103136/121)
(zurück)
[Fn
13]
Vgl. auch seinen letzten Vorstoß:
Larry Sanger: Why Wikipedia must jettison its anti-elitism (2004
- http://www.kuro5hin.org/story/2004/12/30/142458/25)
(zurück)
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