| Beständiges Wissen?
Übersetzung zu "Stable
Knowledge - Paper presented at the Workshop: Knowledge for the Future
- Wissen für die Zukunft, Brandenburgische Technische Universität
Cottbus, Zentrum für Technik und Gesellschaft, March 19-21,
1997."[Fn1]
von Rafael Capurro (info)
Abstract
- Kurzfassung
Einleitung
I
Mythisches Vorspiel
II
Wie beständig sind Wissensobjekte?
III.
Wie beständig sind Wissenssubjekte?
IV.
Wie beständig sind Wissensmedien?
Fazit:
Nachhaltige Entwicklung von Information
Literatur

Abstract
How stable can knowledge be? This question
is deeply rooted in Western metaphysics. Stable knowledge can be
understood in the temporal sense of permanent presence
or in the sense of virtual presence, like knowledge in
electronic networks. Any kind of knowledge stability (including
its signs, meaning, and media) is based on a type of being, ourselves,
that has the ability to cast its own being and of being open to
the unforeseen. Is the question how stable can knowledge be? as
it arises from our present technological cast one that envisages
the foreclosure of our ability to cast our being and to remain open
to the unforeseen? Should we be committed to technologies that imply
this kind of challenge? The paper deals with these questions from
the point of view of the stability or instability of objects, subjects
and media of knowledge. It argues in favour of a sustainable development
of information on the basis of multimedia information cultures.
Kurzfassung
Wie beständig kann Wissen sein? Diese
Frage ist tief in der abendländischen Metaphysik verwurzelt.
Beständiges Wissen bedeutet zum einen ständige Anwesenheit,
wie zum Beispiel die der Bücher in einer realen Bibliothek,
und zum anderen virtuelle Anwesenheit, wie das Wissen in
elektronischen Netzwerken. Beständiges Wissen (Zeichen, Bedeutung,
Medien) ist aber stets unser Wissen, d.h. das Wissen eines Lebewesens,
dessen Existenz gestaltbar und das offen für das Unvorhersehbare
ist. Ist die Frage: Wie beständig kann unser Wissen sein?,
so wie sie aus unserer technologischen Zivilisation entsteht, eine
Frage, die diese Dimensionen ausschließt? Sollten wir Technologien
verpflichtet sein, die diese Art von Herausforderungen stellen?
Der Beitrag widmet sich diesen Fragen aus der Sicht der Beständigkeit
bzw. Unbeständigkeit von Wissensobjekten, Wissenssubjekten
und Wissensmedien. Der Autor plädiert für eine nachhaltige
Entwicklung von Information auf der Grundlage von multimedialen
Informationskulturen.
Einleitung
Wie beständig kann Wissen sein?
Der Hintergrund dieser Frage wurde an mich durch Klaus Kornwachs
im Rahmen seiner Einladung zu dem Workshop „Knowledge for
the Future – Wissen für die Zukunft“ (Technische
Universität Cottbus, Zentrum für Technik und Gesellschaft
1997) herangetragen. Sie lässt sich folgendermaßen skizzieren:
Die Folgen unseres gegenwärtigen technologischen Handelns,
besonders in Bereichen wie Kernenergie und Biotechnologie, können
gravierende negative Folgen für kommende Generationen haben.
Um ihnen unser aktuelles Wissen über diese Gefahren zu übermitteln,
müssen wir dieses Wissen semantisch und technisch nachhaltig
machen bzw. stabilisieren.
Wir sind uns heute besonders bewusst,
dass Kommunikation nicht etwas ist, was nebenbei zum Wissen gehört.
Es gibt kein Wissen an sich, sondern nur geteiltes Wissen (shared
knowledge). Wissen ist immer mehr oder weniger informiert oder desinformiert.
Mit anderen Worten, Wissen ist das Ergebnis eines Handelns durch
das wir auf der Grundlage des Gemeinsamen Unterschiede finden. Wir
sind in einem Netzwerk von Bedeutungs- und Verweisungszusammenhängen
eingebettet, das wir zunehmend aufgrund der Erfahrung von Anomalien
und Differenzen als relativ instabil erfahren.
War man in früheren Epochen der
Meinung, man hätte eine feste Grundlage für das Wissen
gefunden oder ging man zumindest von der Erreichbarkeit dieser Grundlage
aus – Descartes sah dieses Fundament im cogito sum
gegeben – so glauben wir heute, dass es eine solche Basis,
einen letzten Grund, nicht geben kann und dass nicht nur die Erkenntnisse
der Wissenschaft, sondern auch alle anderen Arten in unserer Gesellschaft
anerkannter Bedeutungsnetze prinzipiell instabil sind. Dieser Glaube
kulminiert in einem Kommunikationssystem, welches im Ephemeren oder
Kurzlebigen seinen Mittelpunkt hat und dessen Aufgabe ist, gegenwärtiges
Wissen zu teilen.
Diese Situation führt zu folgendem
Paradoxon: Unser elektronisch geprägtes Kommunikationssystem
führt einerseits zur Universalität eines übergreifenden
Forums für die Menschheit. Andererseits wird die Bewahrung
des Wissens für künftige Generationen immer schwieriger.
Die Bedeutung des Ephemeren gegenüber
dem Beständigen, des Vergänglichen gegenüber dem
Haltbaren, der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit und der
Zukunft, des Neuen gegenüber dem Redundanten wird überbetont.
Aber es gibt keine reine Kommunikation oder reine Redundanz. Etwas
wie reine Information oder reine Neuheit existiert nicht. Menschliches
Wissen ist ein endloser Interpretationsprozess, ein Prozess der
Suche nach neuem Wissen auf der Basis von scheinbar stabilen Bedeutungsnetzen.
Dies führt zur zweiten Argumentationslinie
im Einladungsbrief von Klaus Kornwachs. Es scheint, als würde
die Gestaltung unserer Kommunikationstechniken durch eine Zunahme
der elektronischen Möglichkeiten der Speicherung, Verarbeitung
und Übertragung von Information Hand in Hand mit einem Nachlassen
des Gedächtnisses gehen. Platons Mythos (Phaidros 274c-275c)
vom ägyptischen König, der vor einer Schwächung des
Gedächtnisses durch die Erfindung des Schrift warnte, könnte
nun für die gesamte Menschheit Realität werden.
Diese beiden Argumentationsansätze
können dahingehend zusammengefasst werden, dass wir im ersten
Fall nach der Beständigkeit der Wissensobjekte und im zweiten
nach der Beständigkeit der Wissensmedien fragen.
Wie beständig sind Wissensobjekte?
Mein erster Ansatz ist ein metaphysischer und bezieht sich auf verschiedene
Arten von Objekten als Quelle und Garantie von Stabilität oder
Instabilität ihrer Botschaften. Dieser objekt-orientierte Ansatz
wird in einem zweiten Schritt einem subjekt-orientierten gegenübergestellt.
Die Frage ist hier, wie dauerhaft der menschliche Träger der
Botschaften ist oder wie stabil die Wissenssubjekte als Quelle und
Ziel der Codierung und Decodierung von Nachrichten sind. Hier befinden
wir uns auf dem Gebiet der Hermeneutik. Schließlich stellt
sich die Frage, wie dauerhaft ein Wissensmedium sein kann. Wie stellt
sich dieses Problem vor der Annahme der Globalisierung und Computerisierung
und speziell vor der aktuellen Entwicklung von Kurzzeitspeichern
(short term memory devices) dar?
Das Streben nach Beständigkeit von
Wissen im Zusammenhang mit den Folgen unseres technischen Handelns
betrifft auf den ersten Blick auch die Sorge für künftige
Generationen. Aber richtet sich diese Sorge tatsächlich auf
die Freiheit dieser Generationen oder belasten wir sie vielleicht
einfach nicht nur mit den technischen, sondern auch mit den semantischen
Zwängen unserer Zivilisation? Das Streben nach Wissensbeständigkeit
entspringt vielleicht den unethischen Wirkungen unserer Technik
und wäre deshalb nur scheinbar Ergebnis ethischer Sorge.
Wie beständig kann Wissen sein?
Diese Frage stellt sich zwischen einer Utopie der reinen Nachricht,
die keine Einbindung in einen materiellen Prozesse oder ein Kommunikationsmedium
besitzt und einer Dystopie des reinen Mediums ohne Nachricht. In
der Sprache der platonischen Ontologie handelt es sich um die Frage
der Vermittlung zwischen den reinen Formen, also den „Ideen“,
und einem reinen Medium, der Chora. (Timaios, S. 49ff),
die als eine Art Urraum, in dem aller 'In-formation’ aufgegangen
ist, aufgefasst werden kann.
Zunächst wenden wir uns den metaphysischen
oder objekt-orientierten Fragen der Beständigkeit von Wissen
zu. Zum besseren Verständnis beginne ich mit einem mythischen
Vorspiel.
I Mythisches Vorspiel
In der Geschichte des abendländischen
Denkens gibt es eine Phase des Übergangs von der vertikalen
Struktur der göttlichen Botschaften (griech.: angelia),
deren Übermittlung Dichtern und Priestern oblag, hin zur horizontalen
Struktur des logos im Sinne einer philosophischen Wahrheitssuche
(Capurro, 1996).
Dieser Übergang (by-pass)
kann als Streben nach dem beständigen oder wahren Wissen interpretiert
werden. Dieses kann durch den Dia-log erreicht werden, d.h. durch
das wechselseitige Hinterfragen von logoi, den Objekten
des Wissens, die die Vermittler oder Empfänger von vergänglichen
Nachrichten, die dem unberechenbaren Willen von Göttern entspringen,
ersetzten. Die griechischen Philosophen waren Wahrheitssucher. Der
semantische Übergang von angelia zum logos
verdeutlicht diesen Perspektivenwechsel. Der logos des
Menschen entdeckt oder ent-birgt selbst dauerhafte oder
vergängliche Objekte. „Unverborgenheit“ ist die
Übersetzung des griechischen Wortes für Wahrheit (aletheia).
Lasst uns kurz den Charakter der mythischen Vergänglichkeit
analysieren, um seine Ersetzung durch die metaphysische Beständigkeit
besser zu verstehen.
Nichts ist weniger vorhersehbar als
der Wille der Götter und nichts ist ungewisser als das Schicksal
(moira, tyche). Die Moiren sind die drei Töchter
des Zeus und der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit. Die
erste, Klotho, webt den Lebensfaden, die zweite, Lachesis, teilt
das Lebenslos zu; Atropos die dritte, die Unvermeidliche, trennt
den Lebensfaden ab. Nichts ist für die Griechen tragischer
als die uns gegebenen Möglichkeiten, über das Gesetz des
Schicksals hinausgehen zu können, ohne klares Wissen über
unser Tun, ausgenommen im Falle eines Willens, der das Schicksal
herausfordert (hybris).
Die Ungewissheit in Bezug auf das von den Moiren
gesponnene Schicksalsnetz beginnt und endet mit unserem Wissen über
den Tod, welches allem anderen Wissen den Charakter von Vergänglichkeit
und Nichtentrinnbarkeit verleiht. Unser Wissen vom Tod ist ein paradoxes
Wissen. Es ist beständig und unbeständig zugleich. Es
ist Wissen und Nicht-Wissen. Es ist Teil unserer Lebenszeit und
markiert gleichzeitig ihre Grenze. Der inflationäre Gebrauch
von Netzwerkmetaphern, der uns heute begegnet, findet seinen mythischen
Widerpart in der Vorstellung von Göttinnen, die unser Schicksal
weben. Lebensdesign ähnelt dem Design von Wolle. Die Fäden
des Glücks sind miteinander verknüpft. Sie haben keine
Möglichkeit, das Gewebe als Ganzes zu beherrschen. Der Hauptaspekt,
nämlich die Zeit als das, was unvermeidlich während des
Prozesses des Spinnens geschieht, reicht immer über das Dasein
der einzelnen Fäden und ihres aktuellen Designs im Sinne eines
Möglichkeitsrahmens hinaus. Glück und Unglück lassen
sich nur bis zu einem bestimmten Grad vorhersagen oder berechnen.
Ein Element des Unbestimmbaren gehört immer zum menschlichen
Wissen und seiner Übertragung.
II Wie beständig sind Wissensobjekte?
Die Geburt der griechischen Philosophie
kann als Gegenmittel zur Begrenztheit des menschlichen Lebens in
seiner Abhängigkeit vom Schicksal und dem Willen der Götter
aufgefasst werden. Platon und Aristoteles versuchten, den Unterschied
zwischen unserem Wissen vom Vergänglichen – von den vergänglichen
und endlichen Dingen (ta phthora) – und unserem Wissen
von einem Seienden, das immer existiert (aei on), rational
zu begreifen.
Die griechische Auffassung eines beständigen
Seienden und eines beständigen oder wahren Wissens ist unmittelbar
mit Zeit, Dauer und Anwesenheit verbunden. Diese Erkenntnis ist
einer von Heideggers epochalen Schlüsseln seiner Interpretation
der abendländischen Metaphysik. In den Vorlesungen über
Platon und Aristoteles aus den Jahren 1924/25 zeigt er auf, dass
für Aristoteles der menschliche logos eine Ent-deckung
(a-letheia) der Wahrheit entweder durch die Ausbildung
der idea des Vergehenden oder durch die episteme (Wissenschaft)
und sophia (Weisheit) als dem Begreifen dessen, was dauerhaft
ist, darstellt (Heidegger, 1992).
Eine Besonderheit des Wissens, welches
Aristoteles als episteme, und mutadis mutandis
als techne bezeichnet, ist das Wissen z.B. von der Herstellung
künstlicher Dinge, welches weitergegeben oder kommuniziert
werden kann. Wissenschaftliches oder epistemisches Wissen (episteme)
verfügt über das Ent-borgene – zum Beispiel
im Falle mathematischer Axiome – derart, dass wir uns nicht
dauerhaft davor aufhalten müssen (Heidegger 1992, 35-38). Hier
liegt der Unterschied zur sophia als einer dauerhaften,
reinen Einsicht (theorein) in das „ewig“ Seiende.
„Ewig“ ist in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen
gesetzt, da, wie Heidegger anmerkt (Heidegger 1992, 34), die griechischen
Begriffe aion und aidia nicht mit dem christlich
geprägten Begriff der Transzendenz verwechselt werden sollten,
sondern sich eher auf eine Art des Gegebenen beziehen, welches nicht
gezählt oder gemessen werden kann. Damit ist ein „für
immer“ oder sempiternitas und nicht die transzendente
Ewigkeit (aeternitas) gemeint.
Heidegger betont ferner, dass für
Aristoteles dieses Verhalten des permanenten Bei-Seins, beständiges
Wissen im Sinne einer dauerhaften Präsenz, die sich dem Dauerhaften
gegenübersieht, das höchste Ziel des Menschen sei, welches
aber unerreichbar bleiben muss, da die menschliche Existenz immer
von dem abhängig bleibt, was auch anders sein könnte.
Hierin liegt für Aristoteles der Grund, warum die Rückkopplung
zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten (praxis)
relevanter für uns ist als göttliches Verhalten oder sophia.
Da sich die Dinge, die Zeit und die Menschen immer verändern,
zielt der Prozess der vorsichtigen Beratung (phronesis),
des Abwägens von Alternativen, nicht auf ein beständiges,
dauerhaft gültiges Wissen, sondern auf eine jeweils adäquate
Entscheidung in einer konkreten Situation. Ein solcher vorsichtiger
Diskurs ist ursprünglich instabil.
Ethik ist nicht als Wissenschaft (episteme),
sondern nur als techne möglich. Sophia, das Wissen
vom Beständigen in Gestalt einer dauerhaften und reinen Einsicht,
und phronesis als das Wissen vom Veränderlichen, haben scheinbar
nichts gemein. Aber tatsächlich, wie Heidegger weiter ausführt,
sehen wir uns in beiden Fällen mit etwas Einfachem oder Gegebenem,
ob ewig bleibend oder sich ewig ändernd, konfrontiert, das
nur ohne logos, also einzig durch reine Einsicht (nous)
oder durch sinnliche Wahrnehmung (aisthesis) erfasst werden
kann. Mit anderen Worten: Wir müssen die Dinge erst auf uns
zukommen lassen, bevor wir über sie reden können.
Dies bezieht sich z.B. auf die Einzelaspekte
einer bestimmten Situation im Rahmen der vorsichtigen Beratung oder
auf die Grundannahme, dass medizinische Versorgung dem Ziel der
Heilung diene. Zugleich ist die Art des Wahrnehmens, die die vorsichtige
Beratung voraussetzt, nicht eine schlichte Wahrnehmung dessen, was
sich verändert, sondern schöpft ihre Grundausrichtung
aus der sophia (Weisheit) als der höchsten, aber in einer Lebensspanne
nur beschränkt erreichbaren Erfüllung des geglückten
menschlichen Handelns (eudaimonia).
In dieser Interpretation von Platons Sophistes befasst sich Heidegger
mit der platonischen Argumentation für die Legitimität
von unbeständigem oder sophistischem Wissen. Platons Gegenspieler
ist primär nicht der Sophist im Allgemeinen, sondern Parmenides,
der die These vertritt, dass es nur beständiges Wissen von
dem gibt, was ist, und kein Wissen über das existiert, was
nicht ist, d.h. über das sich Verändernde.
Der Sophist ist die absolute Personifikation des Sichverändernden,
denn er produziert ununterbrochen Argumente und Gegenargumente zu
Allem. Um zu demonstrieren, dass Parmenides’ Definition dessen,
„was sich ändert“ und dessen, „was sich nicht
ändert“ keineswegs stichhaltig ist – da es sowohl
sich ändernde Gegenstände (natürliche und artifizielle)
als auch das von den Sophisten verkörperte sich verändernde
Wissen gibt –, führt Platon eine neue Interpretation
des Seins ein, die es erlaubt, zu sagen, dass Veränderliches
Seiendes ist, wenn auch nicht im Sinne einer ständigen Anwesenheit.
Dementsprechend kann es ein Wissen von dem geben, was sich verändert,
das unwahr (falsch, verschleiernd, vorgebend, täuschend,...)
ist (logos pseudes) – jeweils in Abhängigkeit
der mimetischen Beziehung zu den Ideen. Veränderliches Wissen
kann also wahr oder falsch sein. Seine Seinsart wird von der Möglichkeit
einer wirklichen gegenüber einer bloß simulierten Unverborgenheit
bestimmt. Heidegger nimmt an, dass dieser späte platonische
Dialog unter dem Einfluss von Platons Diskussionen mit Aristoteles
über dem Begriff der Möglichkeit (dynamis) stand.
Wie beständig kann Wissen sein? Vom Standpunkt der platonischen
und aristotelischen Metaphysik kann die Antwort auf diese Frage
nicht in der Beständigkeit des wissenden Subjekts, sondern
in der Beständigkeit der möglichen Wissensobjekte gefunden
werden. Anders gesagt, es handelt sich um eine prämoderne Antwort.
Ihr gegenüber steht die Instabilität der Postmoderne.
Aber die Extreme treffen sich. Irgendwo dazwischen befindet sich
die moderne Suche nach der Beständigkeit des unbeständigen
oder historischen Subjekts (Descartes, Kant, Hegel).
In einem Beitrag (vom 24. Juli 1996) zu einer Online-Discussion-Group
über Heidegger führte der australische Philosoph Michael
Eldred aus, dass es ein Unterschied ist, ob wir Phänomene als
in einer permanenten oder beständigen Anwesenheit ansprechen,
wie z.B. einen Stapel Bücher, und der Art von Beständigkeit,
die wir uns vorstellen, wenn wir z.B. von einem Standing Committee
oder von der schnell in elektronischen Netzen zirkulierenden Information
sprechen. Daraus können wir die Unterscheidung zwischen faktischer
oder konstanter Anwesenheit einerseits und virtueller oder dauernder
andererseits ableiten. Hierin liegt der Grund, warum das Ideal der
prämodernen Beständigkeit des Wissens in der Nähe
der postmodernen Instabilität von Information zu vermuten ist,
da wir es in beiden Fällen mit Anwesenheit zu tun haben.
Die beständigen Wissensobjekte wie Platon und Aristoteles sie
sich dachten, erscheinen uns heute entweder (meistens) virtuell,
nämlich in der Form von Vorannahmen der Wissenschaft (episteme)
oder (seltener) als eine beständige Anwesenheit für einen
weisen Wissenden oder Beobachter. Dieser vermag aber nicht dauerhaft
in diesem Zustand zu verbleiben, da er auch immer selbst ein Handelnder
ist, als jemand der zwischen Handlungsmöglichkeiten abwägen
muss.
Die Art und Weise wie heute elektronische
Information existiert, entspricht einer bestimmten Struktur, die
in Anschluss an Heidegger „Informations-Gestell“ genannt
werden kann und deren ständige Verfügbarkeit von der Art
einer virtuellen Anwesenheit ist.
Aber im Gegensatz zu den Objekten der Metaphysik gibt es hier keine
ewige göttliche Anwesenheit, die sich hinter dem „Informations-Gestell“
befindet.
Noch grundlegender als die zeitliche Beständigkeit in Rückgriff
auf das griechische Konzept des Anwesendseins erscheint, nach Heideggers
und Eldreds Interpretation, der Begriff der Grenze. Anwesenheit
bedeutet demnach in erster Linie nicht bloß die virtuelle
oder reale Dauerhaftigkeit in der Zeit, sondern eine beständige
Form, die eine solche Dauerhaftigkeit zulässt. Es ist diese
Form der Begrenzung, die Platon als idea und Aristoteles als morphé
bezeichnen. Wir nennen sie Information. Es war Carl-Friedrich von
Weizsäcker der schon sehr früh eine Verbindung zwischen
den klassischen philosophischen Begriffen von idea bzw. morphé
und dem modernen Informationsbegriff annahm (Weizsäcker 1974:
51; Capurro 1978).
Beständiges Wissen basiert auf einer
'idealen’ Begrenzung dessen, was geschieht. Ideen sind ewig
und stabil, da sie reine Begrenzungen darstellen. Sie können
sowohl virtuell als auch real entborgen werden. Ihre zeitliche An-
oder Abwesenheit bezieht sich dann nicht bloß auf die Beständigkeit
oder Vergänglichkeit des menschlichen Subjektes als eines Wissenden.
Es ist nicht der Wissende, der ihnen Halt gibt, sondern die Erfüllung
des eigenen Seins, das endgültig zu einem Ende oder zur Perfektion
(telos) angekommen ist. Ideen sind ewig und endgültig, weil
ihre Begrenztheit eine endgültige ist. Als Entsprechung können
wir annehmen, dass die Beständigkeit von Information in ihrer
digitalen Begrenzung gründet.
Die ideale Begrenzung ist aber, wie wir sehen werden, abhängig
von dem jeweiligen technischen Medium.
III. Wie beständig
sind Wissenssubjekte?
Wie beständig sind Wissenssubjekte?
Wie bereits gezeigt wurde, ist menschliche Existenz durch ihre Vergänglichkeit
charakterisiert. Das ist nicht nur in Bezug auf unsere Sterblichkeit
wahr, sondern auch auf unsere Seinsweise selbst. Wir sehen uns und
die Dinge um uns herum unter veränderlichen und wechselnden
Bedingungen oder Definitionen. Vilém Flusser spricht von
der menschlichen Existenz als einem Projekt anstelle eines Subjekts,
d.h. als etwas, das einem vorbestimmten Plan oder Regel unterworfen
wird. Nach Flusser macht die Erfahrung existentieller Instabilität
den Unterschied zwischen der Suche nach einer stabilen Subjektivität
in der Moderne und in der Postmoderne aus (Flusser, 1994).
Aber die menschliche Existenz ist nicht
bloß instabil, denn sie gründet in soziokulturellen Zusammenhängen,
die ein gewisses Maß an Beständigkeit ermöglichen,
was die Griechen ethos nannten, d.h. ein Leben innerhalb gegebener
Normen und Traditionen. Ethische Projekte implizieren Regeln, nach
denen etwas als seiend oder nicht seiend angesehen wird. Diese metaphysischen
Regeln bleiben meistens unthematisch. Sie sind das Resultat von
mehr oder weniger gravierenden Anpassungen über einen langen
Zeitraum hinweg, mit komplexen Ursachen und Motivationslinien –
ähnlich dem Kuhnschen „paradigm shift“ bzw. revolutionären
Wandel (im Falle wissenschaftlicher Theorien).
In der bereits erwähnten Internet-Diskussion
wurde von Michael Eldred der englische Ausdruck casting
(Entwurf) anstelle von Projekt in die Diskussion eingebracht. Gemeint
ist unsere Fähigkeit zum Gestalten oder, besser, zum Entbergen
von verschiedenen Seinsregeln. Damit haben wir die Möglichkeit,
metaphysische Netzwerke zu schaffen, mit denen wir nicht nur die
Dinge begreifen, sondern auch uns selbst entwerfen.
Die Moderne suchte eine allgemeingültige
Struktur des wissenden Subjekts hervorzubringen, zum Beispiel durch
originäre a priori Kategorien (Kant), nach denen wir
unwiderruflich die Seienden und uns selbst von einer beständigen
Perspektive betrachten können. Dieser philosophische Entwurf
war eng verknüpft mit dem Newtonschen Entwurf der Natur. Der
gegenwärtig technisch geprägte Entwurf ist nicht weniger
ein Ergebnis des langen und komplexen Prozesses, der bis zu Platons
idea, über die Leibnizsche characteristica universalis,
die moderne formale Logik, Turings Maschine usw. reicht und zu dem
führt, was wir als den elektronischen oder digitalen Entwurf
(digital casting) bezeichnen können. Michael Heim
hat einige dieser historischen Wegmarken analysiert (Heim 1994).
In Abwandlung des „esse is percipi“
des Bischof Berkeley lässt sich formulieren: „esse ist
computari“. Diese Aussage bedeutet nicht, dass wir nicht an
der Existenz materieller Dinge glauben. Esse ist computari bedeutet,
dass wir das Sein des Seienden als etwas verstehen, das digital
entworfen ("cast") und übertragen („broadcast“)
werden kann. „Bits are Bits“ und nicht Atome, schreibt
Nicholas Negroponte (Negroponte 1995), aber Atome können in
ihrem Sein als Bits entworfen werden „Being digital“
(Negroponte) ist in der Tat eine Sache des Seins in einem doppelten
Sinne: Sein ist eine Sache der Bits und Bits sind die Sache des
Seins. Dies bedeutet auch, dass der Wissende selbst digital wird.
Die Frage nach der Beständigkeit des Wissenden wird zu einer
Frage der Beständigkeit des Mediums, in dem sich die Bits befinden.
Laut Negroponte sind alle Medien digital. Diese digitale Ontologie
ist so allgegenwärtig oder durch den Rundfunk weit verbreitet
(„broadcast“), dass sie in der Regel als selbstverständlich
angesehen wird.
IV. Wie beständig sind
Wissensmedien?
Information ist die Art und Weise, wie
Realität auf der Grundlage des digitalen Seinsentwurfs präsent
wird. In diesem Realitätsentwurf befindet sich ein gigantisches
Reservoir von virtueller digitaler Anwesenheit. Information existiert,
im Gegensatz zur Negentropie bei der Energie, im Überfluss.
Michael Benedikt zufolge wird die virtuelle
Realität einige Objekte, die wir für die Speicherung und
Übertragung von Wissen an künftige Generationen verwenden,
nicht ersetzen („replace“), wohl aber verschieben („displace“).
Sie wird den „Ballast der Materialität“ („ballast
of materiality“) als die letzte Stufe von Poppers „Welt
3“ wegwerfen („cast away“) (Benedikt 1994: 4).
Mit anderen Worten, die Metaphysik der
virtuellen Realität basiert auf dem digitalen Seinsentwurf,
der eine neue, immaterielle Form der Informationsverbreitung („information
broadcasting“) ermöglicht. Platon und der Cyberspace.
Die Extreme berühren sich.
Der nach Wahrheit strebende metaphysische Dialog hat die göttlichen
Botschaften (angelia), ebenso wie die heiligen Geschichten (hieros
logos) über die durch mündliche und/oder schriftliche
Erzählungen der Priester übertragenen (paradosis)
Mysterien, ersetzt (Burkert, 1990: 58-61).
Die griechischen Philosophen suchten
nach einer idealen Beständigkeit und einer Beständigkeit
eines idealen Mediums. Dieses Medium war für Platon nicht die
geschriebene, sondern die gesprochene Sprache. Das ist, besonders
nach Gutenberg, eine etwas eigenwillige Sicht! Für Platon war
nur der lebendige logos das adäquate Medium, in welchem
der höchste oder beständige Inhalt des Wissens (ta
timiotera) übermittelt werden konnte und sollte. Ein Grund
für seine Ablehnung der Schrift als ein beständiges Medium
kann in der Diskrepanz zwischen der Form einer durch das Schreiben
gegebenen virtuellen Anwesenheit und der ewigen Anwesenheit der
Ideen gefunden werden.
Nur der lebendige logos, d.h.
der Dia-log kann den reinen Definitionen oder Ideen entsprechen
und „ent-sprechen“. Wir sind in der Lage, auf
der „logischen“ Grundlage von lebendigen logoi
die Differenz (dia) oder das fremde Medium zwischen dem Wissenden
und dem Objekt zu überwinden. Aufgrund der unmittelbaren Anwesenheit
des lebendigen logos zu seinem „logischen“
oder idealen Objekt sind wir nicht durch eine vergängliche
Substanz von diesem getrennt, sondern in einer gemeinsamen logischen
Form mit ihm vereinigt. Das ist das Ideal der Platonischen in-formation,
d.h. des reinen logischen Mediums. Dieses ideale Medium ist für
Platon die Botschaft. Angelia ist logos.
Die Moderne hat diesen metaphysischen
Entwurf durch den Ansatz eines wissenden Subjekts als stabiles Medium
ersetzt. Die Informationstechnologie verwandelt das moderne Subjekt
in ein Objekt der in-formation. Diese Entwicklung führt nicht
zwangsläufig zu einer Dominanz der Informationstechnologie
über die Menschheit. Sie ermöglicht ebenfalls die Transformation
des modernen Subjekts in ein Projekt (Flusser). Das Medium unserer
Projektionen ist ein digitaler Entwurf. Sein logos ist
nicht primär auf ein stabiles Objekt orientiert, sondern besteht
aus instabilen Nachrichten. Die angelia verschiebt den logos.
Die Informationstechnologien stellen
ein hochgradig instabiles Medium dar, durch das wir von einer Fülle
virtueller Nachrichten umgeben sind. Diese Fülle führt
einerseits zu einer neuen Form von Stabilität. Eine dezentrale
Netzwerkarchitektur, wie z.B. das Internet, bietet mehr Stabilität
bei Aus- oder Störfällen. Wir haben es hier mit eine brillanten
Idee, die ihren Ursprung im Militärischen hat, zu tun. Innerhalb
dieser Fülle sehen wir uns jedoch zunehmend mit dem Problem
einer Spaltung zwischen den Informationsarmen und -reichen konfrontiert
(Capurro 1996a).
Wie beständig ist der digitale
Entwurf von Information?, fragt Nicholas Negroponte in einem gedruckten
Buch (!). „Digitale Bücher sind niemals vergriffen. Sie
sind immer da.“ (Negroponte 1995: 13) Sind sie das wirklich?
Natürlich sind sie es, wenn wir diese Aussage als eine metaphysische
Aussage verstehen. Sie postuliert eine übergeordnete (virtuelle)
Stabilität, die der eines materiellen Mediums wie dem realen
Buch entspricht. Aber tatsächlich gibt es weder eine reine
Botschaft noch ein reines Medium. Beides, Medium und Botschaft,
sind unwiderruflich auf den menschlichen Entwurf bezogen. Menschliches
Gedächtnis, Steine, Papier, elektronische Geräte …
Hinter der technischen Frage der Haltbarkeit eines spezifischen
Mediums steht unsere Frage: Was heißt es eigentlich, Wissen
zu archivieren? Die metaphysische Frage ergibt sich aus einer existentiellen
heraus.
Vor diesem Hintergrund nähern wir
uns einem Problem, welches Jacques Derrida als „mal d’archive”
(„das Böse/die Krankheit des Archivs”) bezeichnet
(Derrida 1995). Nach Derrida ist das Prinzip der Archivierung –
und „Archivierung“ ist, wie das Wort arche schon ausdrückt,
ein Grundprinzip – gleichzeitig entgegengesetzt und eng verbunden
zu dem, was Sigmund Freud als „Todestrieb“ bezeichnet.
Etwas archivieren bedeutet auf der einen Seite, den Tod und das
Vergessen abzuwehren. Archive sind Werkzeuge des Erinnerns bzw.
des Wiedererinnerns, wie es das griechische Wort hypomnema
ausdrückt. Der griechische Begriff mneme (Speicherung)
verhält sich komplementär zum Prozess des Wiedererinnerns
(anamnesis).
Speicherung und Wiedererinnerung basieren auf einer Verkündung
(angelia), die diesen vorausgeht. Der Tod ist, so Derrida,
ein anarchischer Engel, der sowohl die Botschaft wie auch deren
Archiv zerstört. Andererseits sind Archive der Vernichtung
durch den Tod, dem mal d’archive, ausgeliefert.
Derrida zeigt auf, dass der klassische philosophische Wissenschaftsbegriff
(epistme, theoria) unabhängig von der Frage
nach der Archivierung stand. Unser gegenwärtiger Begriff von
Technowissenschaft hat sich davon entfernt. Er ist grundlegend
mit allen Formen von Archivierungstechniken verbunden. Das Medium
ist die Botschaft. In der Tat. Aber welches Medium? Wir sehen uns
mit einer Pluralität von Medien konfrontiert, wie auch mit
einer Pluralität von Botschaften. Die Medien sind die Botschaften.
Uns fehlt aber noch immer eine Theorie der Botschaft, die alle möglichen
Formen in Wissenschaft, Mythologie, Kunst usw. einschließt.
Wie Wolfgang Welsch anmerkt (Welsch 1996:
317), können Medien universell sein, aber sie sind niemals
absolut. Sie können alles enthalten, wie im Falle unseres digitalen
Selbstentwurfes, aber nur in einer jeweiligen Hinsicht. Jedes Medium
hat seine eigene Spezifität. Der Wunsch zu Archivieren, als
Gegenstück zum Vergessen und zum Tod, durch das mal d’archive
hat zu vielen technischen Werkzeugen geführt, aber er ist,
so Derrida, der Freud interpretiert (Derrida 1995: 59), grundsätzlich
sowohl in einem genetischen als auch in einem kulturellen transgenerationellen
Gedächtnis begründet. Die Frage der Archivierung ist eine
Frage nach unserer Sorge für künftige Generationen. Aber
was wissen wir tatsächlich über die Zukunft?
Fazit:
Nachhaltige Entwicklung von Information
Unter den Bedingungen
der Technowissenschaft ist das Primat der klassischen (griechischen)
Auffassung von Wissenschaft im Sinne einer archiv-unabhängigen
Überlieferung nicht mehr haltbar. Die Konsequenz dieses klassischen
Ansatzes war die Idee eines reinen Archivs, wie es z.B. Leibniz
in seiner lingua universalis erträumte und die in
etwas, was wie heute als Computer kennen, implementiert wurde. Der
Computer ist aus dieser Perspektive ein metaphysisches Medium.
Wenn wir uns fragen,
was ein Archiv ist, dann tun wir dies, weil wir, so Derrida, am
mal d’archive leiden. Gegen die Unendlichkeit der
Destruktion können wir nur unsere endlichen Botschaften und
spezifischen Medien stellen. Die Frage des Archivierens führt
nicht zu einer endgültigen Antwort, sondern zu einem Aufgehen
in der Pluralität der Medien und dessen, was wir Informationskulturen
(„information cultures“) nennen können.
Die Preisgabe der metaphysischen Ideo-logien bedeutet nicht,
dass wir Rationalität oder logische Konsistenz oder gar die
moderne Technik über Bord werfen sollten, sondern sie sollte
uns unsere Entwurfsmöglichkeiten und die der künftigen
Generationen bewusst machen.
Menschliche Seinsentwürfe
basieren auf einer Pluralität von Sprachen, auf verschiedene
Weisen der Kommunikation, auf religiösen Traditionen –
als einem der ältesten Muster einer die Generationen übergreifenden
Vermittlung von Kultur –, auf historischen und politischen
Prozessen usw. Die Instabilität von Medien ist gleichzeitig
eine Bedrohung und eine Chance für kommende Generationen, sich
über die Möglichkeit ihrer eigenen Seinsentwürfe
zu informieren. Wir sollten ihnen nicht die Möglichkeit für
eigene Entwürfe vorenthalten wollen oder, was noch schlimmer
wäre, ihnen die Möglichkeit nehmen, unsere Entwürfe
zu verwerfen, falls diese Preisgabe zugleich ihre eigene Auflösung
bedeuten würde. In einem solchen Fall wären die von uns
erzeugten Archive Archive des Todes („archives of death“)
und unsere Botschaft wäre eine apokalyptische.
Logoi sind entweder wahr oder falsch – mit vielen
Möglichkeiten dazwischen. Botschaften sind relevant oder irrelevant
– ebenfalls mit vielen Möglichkeiten dazwischen. Es gibt
keine Relevanz an sich. Botschaften sind relevant in Bezug auf Situationen
und Umstände. Eine Theorie der Botschaft (eine Angeletik)
berücksichtigt die situationsbezogene (linguistische, kulturelle,
historische, politische,...) Relevanz der logoi. Sorge
für die logoi zu tragen, bedeutet nicht nur, sich
über die Relativität ihrer Wahrheit bzw. Stabilität
innerhalb einer Pluralität von Objekten, Projekten und Medien
wahrzunehmen, sondern sich vorrangig über die Instabilität
ihrer Übertragung bewusst zu werden. An diese Vergänglichkeit
im Kontext einer Pluralität von Objekten, Projekten und Medien
zu erinnern, ist die Aufgabe einer nachhaltigen Entwicklung von
Information. Sie schließt ein, mit anderen Worten, die Möglichkeit
verschiedener Seinsentwürfe für künftige Generationen
abzusichern.
Wie beständig kann Wissen sein? Entspringt diese Frage unserem
aktuellen technologischen Entwurf, der den Ausschluss unserer Fähigkeit,
unser Leben zu entwerfen und die Offenheit gegenüber dem Nichtvorhersagbaren
ins Auge fasst? Sollten wir uns für Technologien einsetzen,
die diese Herausforderung implizieren? Eine Alternative zu dieser
Perspektive ist nicht nur die Eindeutigkeit und Beständigkeit
der Metaphysik, sondern auch die Vieldeutigkeit und Instabilität
von Objekten, Projekten und Medien, d.h. der Begriff von Informationskulturen,
der auf der Grundlage einer Theorie der Botschaft untersucht werden
kann und eine Ähnlichkeit zu dem aufweist, was Flusser „Kommunikologie“
nennt (Flusser 1996).
Literaturverzeichnis
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Fußnoten
[Fn 1]
Vortrag im Rahmens des Workshops „Knowledge for the Future
– Wissen für die Zukunft“ an der Brandenburgischen
Technischen Universität in Cottbus, Zentrum für Technik
und Gesellschaft, 19.-21. März 1997. Der Originaltext wurde
ursprünglich in Englisch verfasst und ist online zugänglich
unter:
< http://www.capurro.de/cottbus.htm
>.
Für die deutsche Übersetzung wurden geringfügige
Änderungen vorgenommen. Der Autor hat in den darauffolgenden
Jahren Beiträge zu den hier aufgeworfenen Fragen geliefert.
Siehe:< http://www.capurro.de/publi.htm
>
Deutsche Übersetzung: Ben Kaden in Zusammenarbeit
mit der LIBREAS-Redaktion.
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