| Editorial LIBREAS
4 (Winter 2006)
Philosophische Fragen in Bibliothek
und Bibliothekswissenschaft
Am Anfang war die Philosophie... bzw. die Philosophie
stand am Anfang der Wissenschaft als Ur- und Omniwissenschaft, als
die Suche nach Antworten auf die Letztfragen. Die Geschichte der
Wissenschaft ist ein Progress, bei dem sich aus den Antwortmöglichkeiten
auf spezifische Fragen spezifische Wissenschaften entwickelten,
d.h. eine Pluralisierung und Differenzierung der gestellten Fragen
und Bereiche auf die diese Fragen zu beziehen sind.
Diese Wissenschaften, ob Medizin, Astronomie,
Biologie, Philologie stellten und stellen ihre Fragen ergo immer
innerhalb eines spezifischen Bezugssystems, fragen also immer unter
bestimmten Bedingungen.
Gleiches gilt natürlich auch für
die Bibliothekswissenschaft, deren Bezugssystem vom Namen her die
Institution Bibliothek im weitesten Sinne ist. Dieses Bezugssystem
existiert nicht unabhängig von anderen Systemen, sondern steht
vielmehr mit diesen in Wechselwirkung - ein Faktum, welchem unter
den Stichworten "Inter-" bzw. "Transdisziplinarität"
seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt
Rechnung getragen wird. John Donnes "No man is an island"
lässt sich auch auf die Wissenschaft übertragen: "No
subject is an island".
Der Philosophie kommt in diesem System
der Bezugssysteme, welches unter der Bezeichnung "Wissenschaftssystem"
oder auch "die Wissenschaft" geführt
wird, eine besondere Bedeutung zu, fragt sie doch nach Dingen, die
als Ursprungs- oder Letztfragen prinzipiell in Bezug zu den elementaren
Seinsgegebenheiten stehen. Auch innerhalb der Philosophie haben
sich verschiedene eigene Bezugssysteme von der Ästhetik über
die Erkenntnistheorie, die Moralphilosophie oder die Ontologie bis
hin zu spezialisierten Formen wie z.B. Rechts- oder Staatsphilosophie
entwickelt, wobei immer nach dem Wesen bzw. den Seinsmöglichkeiten
der jeweiligen Bezugsobjekte gefragt wird.
Wir haben also etwas, auf das man
sich bezieht und dadurch, dass man sich auf dieses bezieht, postuliert
man dessen Existenz. Natürlich gab es auch Versuche sich auf
das Nicht-Sein zu beziehen (z.B. Barthes, 2002[Fn1]),
wobei sich dieses Nicht-Sein überzeugend nur über einen
Bezug zum Seienden, sei es durch Negation, Privation oder Noch-nicht-Sein
oder als Vorgrund des Seins, fassen lies.
Da nun alles, auf das man sich bezieht,
d.h. auch in der Wissenschaft fragend orientiert, existiert, lässt
sich auch jeder Bezugsgegenstand philosophisch angehen, in dem man
nach den Bedingungen seines "Seins" bzw. seiner "Seinsmöglichkeiten"
oder auch der Möglichkeiten der "Wahrnehmung dieses Seins"
durch den Wissenschaftler fragt.
Die etwas unselige Diskussion um die
Existenz einer Bibliothekswissenschaft erübrigt sich - jedenfalls
nach Meinung der LIBREAS-Redaktion - vor diesem Hintergrund: selbstverständlich
ist die Bibliothek - wie der Mensch (Anthropologie, Medizin, Psychologie...),
die Naturgesetze (Physik, Biologie, Chemie...), die Gesellschaft
und ihre Funktionsformen (Jura, Ökonomie, Soziologie, Politik...)
und besonders Resultate kultureller Entwicklung wie Literatur, Kunst,
Computertechnik und Landwirtschaft etc. - als Bezugssystem für
die Anwendung systematischer Fragestellungen und damit für
eine wissenschaftliche Beschäftigung geeignet.
Wie diese konkret ausgestaltet wird,
ist sicher eine andere Frage, wenn man jedoch die verschiedenen
Funktionszwecke der Bibliothek extrahiert, die da wären:
Sammlung der auf Datenträgern
verfügbaren Repräsentationen menschlicher Wahrnehmung
und Reflexion,
Erschließung, d.h. klassifikatorisch
Ordnung dieser Repräsentation, woraus sich als Nebeneffekt
eine Ordnung des Seins in seiner in dieser Form repräsentierten
Darstellung ergibt,
Verfügbarmachung dieser erschlossenen
Repräsentation der Welt
ergibt sich durchaus eine ausreichende Komplexität, um hier
die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Beschäftigung
mit dem Gegenstand als sinnvoll anzusehen. Setzt man dazu die
(Brockhaus-)Definition von Wissenschaft als "Inbegriff menschl.
Wissens einer Epoche, das systematisch gesammelt, aufbewahrt,
gelehrt und tradiert wird" (Brockhaus, 2001, Bd. 24, S. 291),
so ist es schon schwer, die Parallelen zwischen dem in der Wissenschaft
an sich gegebenen Funktionszweck und den in der Bibliothek anzutreffenden
Funktionszwecken zu übersehen. Man kann im Prinzip "Repräsentationen..."
und "Wissen" in der jeweiligen Beschreibung austauschen
und erhält eine interessante Übereinstimmung.
Letztlich, so lässt sich als These formulieren, ist nach
den oben aufgeführten grundlegenden Funktionszwecken der
Bibliothek diese grundsätzlich "wissenschaftlich"
und eine Bibliothekswissenschaft ließe sich zweifellos auch
als Untergebiet einer Wissenschaftswissenschaft verorten.
Von den Schwerpunktbeiträgen der
vorliegenden Ausgabe von LIBREAS stößt der Beitrag
von Søren Brier sicherlich am konkretesten und tiefsten in
den Existenzgrund des Faches.
Der dänische Wissenschaftstheoretiker beschäftigt sich
sehr ausführlich mit dem Grundkonflikt zwischen der informationalen
bzw. informationstheoretischen und dem zeichen- bzw. kommunikationstheoretischen
semiotischen Paradigma um die Definitionshoheit des Faches, wobei
seine Lösungsempfehlung zugunsten eines nach Peircschen Überlegungen
geprägten Konzeptes ausfällt.
Der stark kognitionswissenschaftlich
ausgerichtete Beitrag des Sprach-, Informations- und Kommunikationswissenschaftlers
Algirdas Budrevicius von der Universität in Vilnius, den wir
als Übersetzung eines 2002 in der litauischen Zeitschrift Informacijos
Mokslai erschienenen Artikels bringen, beschäftigt sich
ebenfalls mit einem zeichenbasierten Ansatz, der "Semognostik",
in welchem das Phänomen des Bedeutungs-Wissens (meaning-knowledge)
und eine bedeutungsorientierte Sicht auf das Phänomen "Information"
vor dem Hintergrund der Entwicklung von technischen datenverarbeitenden
Systemen zentral sind.
Auch Rafael Capurro setzt sich in seinem
Text, den wir hier als Übersetzung eines Papers aus
dem Jahr 1997 vorlegen, mit dem Phänomen des "Wissens"
auseinander. Seine Frage zielt nach der Beständigkeit und Vergänglich-
bzw. Veränderlichkeit vom Wissen, was vor dem Hintergrund der
zunehmenden Virtualisierung der Repräsentationsflächen
für Wissen durch die Entwicklung elektronischer Kommunikationsmöglichkeiten
nach wie vor von zunehmender Aktualität ist.
Eine sehr schöne Reflexion
über die moralische Dimension der Anreicherung von Katalogisaten
mit Zusatzinformationen wie Leserrezensionen, dem so genannten "Catalogue
Enrichment" stellt der Beitrag von Joachim Eberhardt dar. Er
kommt zu dem Ergebnis, dass eine solche Praxis angesichts der im
Normalfall eher weniger zu erwartenden Negativeffekte vermutlich
moralisch wenig problematisch ist. Allerdings kommt der Bibliothek
eine gewisse Sorgfaltspflicht zu.[Fn2]
In virtuellen Kommunikationskontexten
werden Wissensrepräsentationen nicht nur gesammelt und verfügbar
gehalten, sondern auch erzeugt. Einen sehr erfolgversprechenden
Ansatz stellen dabei so genannte Wiki-Systeme dar, in denen unmittelbar
am Bildschirm kollaborativ Texte verfasst werden können. Die
bekannteste Variante stellt sicherlich die Wikipedia dar, in der
es allerdings weniger um Erkenntnisgewinn und mehr um die Sammlung
von Fakten geht, die aber dennoch auch das Potential (nicht zuletzt
über das neue Phänomen der Wikimetrics [Fn3]
) besitzt, mittelbar selbst als Erkenntnisgegenstand zu dienen und
unmittelbar durch dynamische Hypertextualisierungen von Wissenselementen
neue Wissenszusammenhänge zugänglich zu machen. Rainer
Kuhlen stellt in seinem Text zur Wikipedia Entwicklung, Funktionsweise
und Potential des Angebots in Bezug auf die Fachinformation dar.
Trotz aller Virtualisierung von Lebens-
und Wissenszusammenhängen kommt der Bibliothek als physischem
Ort nach wie vor eine hohe Bedeutung zu, wobei zukünftig vermutlich
die Transformation der Bedeutung als Zugangsort zu physischen Medien
hin zum Arbeitsraum weiter an Bedeutung gewinnen wird. Die Rolle
des Zugangsortes bezieht sich zunehmend auf über elektronische
Netzwerke verfügbare, zugangsbeschränkte Informationsbestände,
zu denen die Bibliothek Nutzungslizenzen erwirbt und die sie entsprechend
in einem als "Bibliothek" gekennzeichneten physischen
Raum begrenzt und kontrolliert zur Verfügung stellt. Allerdings
stehen diese Entwicklungen noch relativ am Anfang, so ist kaum absehbar,
wie sich die technischen Möglichkeiten der Zugangskontrolle
in 5-10 Jahren darstellen. Sicher ist, dass auch hier der Trend
in Richtung einer räumlichen Flexibilisierung weist. So tritt
eine andere Funktion zusätzlich ins Zentrum: die der Bibliothek
als Repräsentationsort.
Dieser in den letzten Jahren scheinbar zunehmende Trend manifestiert
sich zunächst besonders in Bibliotheken von nationaler Bedeutung,
wie der BnF in Paris, dem "Schwarzen Diamanten" in Kopenhagen,
der British Library oder auch der neuen Bibliothek in Alexandria.
Die Bibliothek wird ganz bewusst zum architektonischen Ereignis
stilisiert. Auch Universitäten scheinen die Möglichkeit
der Bibliothek als bauliches Aushängeschild zunehmend zu erkennen
und greifen, wie z.B. die Beispiele Dresden oder Cottbus zeigen,
auf auffälligere Entwürfe zurück, die weit über
das für das Funktionieren einer Bibliothek Notwendige herausreichen.
Entsprechend entwickeln sich Bibliothek zum beliebten Betätigungsfeld
für die "Größen" unter den Architekten.
Einer dieser ist Sir Norman Forster, dessen Büro die Freie
Universität in Berlin den Entwurf für ihre neue philologische
Bibliothek verdankt. Dem Entwurf kommt zusätzlich eine besondere
Rolle zu, da er in einen anderen, architektonisch sehr speziellen
und ambitionierten Gebäudekomplex integriert (bzw. "implantiert")
wurde: die so genannte "Rostlaube". Christoph Tempel beleuchtet
in seinem Text aus architekturtheoretischer Perspektive einerseits
die Frage, inwieweit diese Allianz gelungen ist und andererseits
den Bibliotheksneubau selbst.
Eine dieser Repräsentationsbibliotheken,
die BnF von Dominique Perrault in Paris, könnte für Anne
Christophe, angehende Kuratorin und Studentin an der École
nationale de Chartes in der Rue de Sorbonne, potentieller Arbeitsplatz
sein. Ob sie das tatsächlich möchte, wissen wir nicht,
aber immerhin wissen wir nun, dass die Ausbildung dieser Kuratorin
etwas ganz Spezielles ist, denn Anne hat uns einen schönen
Text zur ihrer Schule und ihrem Ausbildungsgang in Französisch
und Englisch geschickt, den wir zusätzlich auch noch ins Deutsche
übertrugen.
Libriana sind sicherlich höchstens
zufällig Gegenstände der Arbeit der Kuratoren von der
École, jedoch unter Umständen für bibliotheksorientierte
Menschen mit ausgeprägtem Sammeltrieb Lebensinhalt. Ganz so
schlimm ist es bei der LIBREAS-Redaktion noch nicht. Dennoch
freut sie sich, ein kleines postalisches Bibliotheksartefakt zu
präsentieren und aufzuzeigen, welche (bibliothekshistorischen)
Anschlussmöglichkeiten sich hieraus ergeben können.
Um schließlich nicht nur die
Ansprüche an die cognitio intellectiva, sondern auch
die cognitio sensitiva unserer Leser zu bedienen, gibt
es in dieser Ausgabe zusätzlich zwei kleine künstlerisch-kreative
Arbeiten, die das Thema Buch und Bibliothek visuell offensiv variieren.
Abschließend bleiben nur noch der
Dank an die Autoren für die wirklich ausnahmslos vorzügliche
Zusammenarbeit und der Ausblick auf unsere Frühjahrsausgabe,
die den Schwerpunkt „Bibliothekskultur“ verfolgen soll.
Über Beiträge, gern auch assoziativ-kreativer Art freuen
wir uns sehr.
[Fn 1]
Barthes, Roland (2002) Le neutre : notes de cours au Collège
de France, 1977-1978.Paris : Éd. du Seuil (zurück)
[Fn
2]
Wobei man allerdings quasi analog dazu
überlegen könnte, wie sich die Risiken bei negativen Rezensionen
in kommerziellen Kontexten, wie z.B. dem Angebot von Amazon, auswirken,
wenn hier u.U. eine Kaufentscheidung und damit eine Einkommensmöglichkeit
für Verlag und Händler direkt unterbunden wird und inwieweit
ein Relativierungselement wie die "War diese Rezension für
Sie hilfreich?"-Funktion als
Kontrollinstanz wirken kann. (zurück)
[Fn
3]
vgl. z.B. URL < http://wm.sieheauch.de/
> (zurück)
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