Studierende des Instituts für Bibliothekswissenschaft
bei der IFLA-Konferenz 2005 in Oslo

von Andrea Kaufmann und Ben Kaden unter Mitarbeit
von Maxi Kindling und Jana Grünewald
In diesem Jahr fand die 71. IFLA
Generalkonferenz und Ratsversammlung vom 14. -18. August in Oslo
statt.
Die norwegische Hauptstadt sollte anlässlich des Weltkongresses
Bibliothek und Information der Treffpunkt von mehr als 3000 Bibliothekaren
und Information Professionals werden. Darunter auch wir - sechs
neugierige Studierende des Instituts für Bibliothekswissenschaft
der Humboldt-Universität in Berlin.
Zwei aus unserem Team hatten sich
als freiwillige Helfer zur Mitarbeit bei der IFLA-Konferenz gemeldet
und waren für die anderen entsprechend ein Draht hinter die
Kulissen.
Wir vier anderen sind mit der Absicht nach Oslo gefahren, dort
mittels eines Vortrags zum Thema "Library Science - quo vadis?
(Re)discovering Bibliothekswissenschaft" für die Situation
dieses Fachs und unseres Instituts in Deutschland zu sensibilisieren.
Eingebunden wurde unser zuvor eingereichtes
und akzeptiertes Paper für die Präsentation in der gemeinsamen
Session der beiden IFLA-Sektionen Education and Training und Library
Theory and Research.
Einige von uns hatten zwar schon Besuchs- und Arbeitserfahrungen
auf der IFLA-Konferenz in Berlin gesammelt, aber einen englischsprachigen
Vortrag auf einem internationalen Kongress zu halten war bisher
noch niemandem vergönnt. Dementsprechend waren wir vorher
doch ein bisschen aufgeregt.
Am 11. August abends begann dann
ganz nach dem Motto „Sechse kommen durch die Welt“
unsere kleine Reise ins Nordische. Schon im Abflugwartebereich
des Flughafens in Berlin Schönefeld trafen wir zwischen Duty-Free-Shop
und Fast-Food-Lokal die zukünftige IFLA-Präsidentin
Frau Dr. Claudia Lux. So hatten wir gleich einen positiven Einstieg
in die Welt der "Stars und Sternchen" des internationalen
Bibliothekskosmos.
Da wir glücklicherweise schon
zwei Tage vor dem offiziellen Beginn der Konferenz in Oslo waren,
konnten wir den 12. August nutzen, um die Stadt zu erkunden, wobei
für die Innenstadt zwei Tage auch wirklich ausreichen. Oslo
im Sommer ist eine schöne, attraktive Metropole des Nordens
und wenn man die übliche Berlin-Perspektive („Haben
wir alles auch, nur größer“) nicht allzu verinnerlicht
hat, kann man zwischen Damien-Hirst-Ausstellung, Schlosspark,
Flussufer und dem Szenestadtteil Grünerløkka viel
entdecken und erleben.
Das Touristische war für uns
natürlich wichtig, aber angesichts unseres Reisezwecks dann
doch sekundär. Am 13. August gab es dann schon die ersten
Sitzungen der IFLA-Sektionen. Mutig stürzten wir uns in die
englischsprachige Bibliotheksarena.
Nach einer Weile ließ die
erste Nervosität auch etwas nach, weil zu merken war, dass
auch die anderen Teilnehmer nicht alle perfekt Englisch sprachen
und wir auch als Studenten eigentlich überall als gleichberechtigt
angesehen wurden. Nur mit Mühe konnten wir z.B. verhindern,
dass wir Leitungspositionen in einem der Standing Committees übernehmen
mussten, was aber, wie wir auf der Newcomer Session erfahren durften,
ein ganz gängiges Verfahren ist.Insofern ähnelt die
IFLA ein wenig dem Institut für Bibliothekswissenschaft,
mit dem wir alle bereits einschlägige Erfahrungen haben:
wenn man im passenden Moment am rechten Ort ist, geht man gleich
mit viel Arbeit und Verantwortung heim. Im Gegensatz z.B. zum
Bibliothekartag scheinen die Berührungsängste gegenüber
dem Kollegen neben sich weitaus geringer, die Neugier viel größer.
Aus diesem Grund war man auch schon nach dem ersten Konferenztag
mit zahlreichen Visitenkarten aus aller Welt versorgt, die man
dann später nicht mehr unbedingt alle ganz richtig zuordnen
kann. Es bewährte sich hier die Taktik, auf der jeweiligen
Karte Ort und Anlass der Übergabe zu vermerken. Als essentiell
erwies es sich jedoch, eigene Visitenkarten mitzuführen –
ansonsten ist man kommunikativ schon etwas benachteiligt.
In den folgenden Tagen haben wir
fleißig Vorträge bis zur Grenze der Aufnahmefähigkeit
besucht und wurden ausführlich über Trends und Entwicklungen
in allen denkbaren Bereichen und Facetten der Bibliothekswelt
informiert.
Da die Paper zu den Präsentationen
fast alle unter www.ifla.org/IV/ifla71/Programme.htm
zum Nachlesen verfügbar sind, werden wir hier die Inhalte
nicht detailliert wiedergeben.
Auch das Paper zu unser eigenen Präsentation, die wir leider
nicht im Bankettsaal Sonia Henie des Radisson SAS, sondern in
einem normalen, überfüllten Seminarraum des Oslo University
College hielten, findet sich dort. Allerdings ist die gehaltene
Version nicht ganz mit der geschriebenen identisch. Die noch am
Vorabend im Herbergszimmer vorgenommenen Optimierungen führten
dann zu einer gewissen Spontaneität im Vortrag, die augenscheinlich
ziemlich gut ankam. Wir und Frau Hauke, der wir die Teilnahme
an dieser Session verdanken und die mit uns gemeinsam referierte,
wurden schließlich viel gelobt und geherzt, so dass wir
direkt ein wenig verlegen wurden.
Auch das Norwegische Organisationskomitee
hat ein großes Kompliment für die Ausgestaltung dieses
Weltkongresses verdient: Es wurde wirklich alles dafür getan,
dass sich die Konferenzteilnehmer wohl fühlen. Neben dem
fachlichen Programm gab es ein sehr abwechslungsreiches Abendprogramm,
welches uns die Gelegenheit bot, einiges über die norwegische
Kultur zu erfahren.
Zahlreiche Größen der norwegischen Politik haben an
der Gestaltung des Rahmenprogramms teilgenommen und wir konnten
einige der bekanntesten norwegischen Künstler (wie z. B.
Jostein Gaarder, Jan Garbarek oder Trygve Seim) erleben. Selbst
der norwegische König hat an der Eröffnungsveranstaltung
– wenn auch nur beobachtend – teilgenommen, was zeigt,
dass diesem Kongress in Norwegen eine hohe Aufmerksamkeit beigemessen
wurde.
Ein weiteres Highlight war die Eröffnungsfeier
der Nationalbibliothek, die für die Konferenzteilnehmer ein
großartiges Picknick bereithielt. Der kulturelle Höhepunkt
(und angesichts der 3000 zu befördernden Bibliothekare sicherlich
auch eine logistische Meisterleistung) war die Besichtigung eines
großen Areals mit historischen norwegischen Häusern
in einem Freilichtmuseum vor den Toren der Stadt mit ausgesprochen
hochwertiger musikalischer Unterhaltung verschiedener Stilrichtungen
von norwegischer Folklore bis zu einem Trommelfeuerwerk. Die vielen
weiteren Empfänge, waren in dem ansonsten sehr teuren Oslo
zur grundlegenden Nahrungsversorgung auch ganz hilfreich ? man
fand immer eine Gelegenheit, mal einen kostenlosen Snack zu sich
zu nehmen, beim Wein hätte man allerdings doch einigen Kollegen
manchmal etwas mehr Mut zur Zurückhaltung gewünscht.
Ein besonders netter Empfang war
sicherlich der im Goethe-Institut, nicht zuletzt vielleicht dadurch
ein Erfolg, dass die meisten Teilnehmer nach einigen Tagen englischsprachiger
Konferenz froh waren, sich unter den deutschsprachigen Gästen
mal wieder seiner Muttersprache bedienen zu können.
Vielleicht ist die IFLA-Konferenz
nicht unbedingt die erste Adresse, wenn man auf der Suche nach
den neuesten Forschungshöchstleistungen der internationalen
Library and Information Science ist. Aber sie ist auf jeden Fall
eine gute Adresse, um den Blick zu weiten, von anderen Kulturen
zu lernen, sich über bibliothekarische Lösungen in aller
Welt zu informieren, internationale Kontakte zu knüpfen und
um gemeinsame Projekte rund um die Welt in Angriff zu nehmen.
Besonders beeindruckend war für uns die Erkenntnis, dass
Bibliotheksarbeit in ärmeren Ländern und Krisengebieten
ganz selbstverständlich auch Sozialarbeit bedeutet und mit
welchem Engagement sich die Bibliothekare vor Ort trotz zum Teil
sehr ungünstigen Vorraussetzungen in ihre Arbeit einbringen.
Diesem sozialen Gedanken müssten im manchmal etwas zu satten
deutschen Bibliothekssystem vielleicht doch hin und wieder auch
ein paar neue Flügel verliehen werden. Dafür war die
IFLA-Konferenz auf jeden Fall eine gute Gelegenheit.
Was haben wir nun persönlich
von der IFLA-Konferenz mitgenommen?
Wir haben einen ganzen Stapel Visitenkarten im Gepäck, sehr
viele internationale Kontakte geknüpft, die sich auch für
die weitere Gestaltung von LIBREAS hoffentlich positiv auswirken
werden. Ansonsten haben wir viel Neues kennen gelernt, das norwegische
Bibliothekssystem beschnuppert, unzählige neue Ideen gesammelt,
die wir z. B. auch für die Gestaltung der neuen Studiengänge
an unserem eigenen Institut einbringen werden und nicht zuletzt
haben wir jede Menge Arbeit mitgenommen. Einige von uns haben
nach der IFLA bereits für verschiedene Sektionen Übersetzungen
angefertigt. Außerdem werden wir für die Sektion Education
and Training unter der Leitung von Frau Hauke zukünftig das
Bulletin herausgeben.
Für uns wird die IFLA also auf jeden Fall auch noch nach
der Konferenz sehr lange präsent sein.
Dass unser Vortrag so gut ankam,
hat uns natürlich sehr gefreut. Dies war unserer Meinung
nach aber auch ein Indiz dafür, dass die IFLA ein Problem
hat – ein Nachwuchsproblem.
Laut Statistik sollten 79 Studierende als Besucher bei der IFLA
sein. Effektiv hat man aber außer uns wohl selten mal jemanden
gesehen, der jünger als 35 war.
Dieses Problem ist auch in der Sektionsarbeit
der IFLA sichtbar. Die Arbeit in den Sektionen scheint doch zum
großen Teil immer nur auf den Schultern einiger weniger
zu liegen, während einige Stühle zu den Standing Committee-Sitzungen
frei blieben. Leider scheinen nicht alle Abgeordneten ihr Ehrenamt
bei der IFLA so ernst zu nehmen. Dies ist zwar menschlich durchaus
verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass in diesen
Standing Committees viele Personen sitzen, die sowieso schon arbeitsmäßig
überlastet sind. Dennoch wirkt sich dies, unserer Wahrnehmung
nach, auf die Arbeit innerhalb der IFLA teilweise doch ziemlich
negativ aus. Die IFLA könnte wohl durchaus noch ein paar
kreative Geister brauchen, die auch ihre Energie und Zeit für
die wirklich gute Idee der IFLA einsetzen.
Die IFLA täte sicherlich gut
daran, sich der gezielten Förderung zur Gewinnung von jungen
Menschen zu widmen, welche naturgemäß meist noch nicht
so viele Ämter haben und sich deshalb eventuell besser auf
diese konzentrieren können. Dies würden wir gern der
zukünftigen IFLA-Präsidentin Claudia Lux auch als Anregung
mit auf den Weg geben … wenn wir sie das nächste Mal
auf dem Flughafen treffen.
Wir möchten uns an dieser
Stelle noch einmal bei BI International ganz herzlich bedanken
für die Übernahme unserer Tagungsgebühr bzw. der
Reisekosten. Ohne diese Förderung wäre uns eine Teilnahme
an diesem für uns sehr inspirierenden Kongress nicht möglich
gewesen.
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