| Anmerkungen
zu Birger Hjørland und Jeppe Nicolaisen: Bradford’s
Law of Scattering: Ambiguities in the Concept of "Subject"
*
von Walther Umstätter
Es hat zahlreiche Versuche gegeben,
Bradford’s Law of Scattering (BLS) zu korrigieren, zu präzisieren
oder auch zu falsifizieren. Diese Versuche sind teilweise zum Scheitern
verurteilt, wenn man das BLS als das nimmt, was es ist, eine Regelhaftigkeit,
die die alte 80:20 Regel der Bibliotheken (etwa 80% der Nachfrage
können mit etwa 20% des Bestandes abgedeckt werden) auf die
dokumentarischen Belange der Zeitschriftennutzung erweiterte. Garfield
hat dieses Postulat für seinen Science Citation Index (SCI)
als „Garfield’s Law of Concentration“ erfolgreich
eingesetzt, als er nach eigenen Angaben herausfand, dass 25 Zeitschriften
im SCI etwa 20-25% der 4 Mio. Zitationen 1969 abdeckten.[->01]
Bemerkenswerterweise fehlt
dieses Zitat in der Arbeit von Hjørland und Nicolaisen.
Die Grundaussage
im BLS war, dass sich eine immer gleiche Menge an Literatur auf
verschiedene, thematisch geordnete Zeitschriften wie n0:n1:n2:n3
... verteilt. Schon an dieser Schreibweise ist erkennbar, dass es
sich lediglich um eine Präzisierung der 80:20 Regel handelt.
Wenn wir somit in einer thematisch zentralen Zeitschrift z.B. pro
Jahr 50 für uns relevante Aufsätze finden (z.B. „Origin
of Life“[->02]), und etwa 30 Kernzeitschriften brauchen
um 100 zu finden, sowie etwa 27.000 um 200 zu finden, so wäre
das BLS erfüllt.
Bei jeder natürlichen Beobachtung in
der Fachliteratur würde ein Streit darüber, ob man beispielsweise
mit 1:30:900:27000 oder 1:31:931:27.931 rechnen müsste, schon
allein durch die auftretenden Streuungen ad absurdum geführt.
Hier gilt wie so oft: „Der Mangel an mathematischer Bildung
gibt sich durch nichts so auffallend zu erkennen, wie durch maßlose
Schärfe im Zahlenrechnen.“[->03]
Es gibt bekanntlich
schon in Bradfords Buch leicht abgewandelte Angaben zu seiner Beobachtung.
Insbesondere im Kernbereich wurde über den Groos droop
diskutiert. Solche Detaildiskussionen sind aber angesichts realer
Erfahrungen auf diesem Gebiet abwegig, denn sie sind bekanntlich
stark abhängig von der Recherchestrategie und der Relevanzbewertung.
Das BLS lässt
sich in der Formel p=k((a / c) – 1) fassen[->04],
wobei p=Anzahl der zu untersuchenden Periodika, a=Anzahl der Aufsätze
in diesen Periodika, c=Anzahl der Aufsätze im 1. Periodikum
(Zentralzeitschrift) und k=Anzahl der Kernzeitschriften ist, die
wieder c Aufsätze enthalten. Damit sind c und k Konstanten,
die die Funktion bestimmen. Diese beiden Konstanten sind ein Ausdruck
dafür, ob sich ein Thema (concept, problem, subject, word,
etc.[->05])
mehr oder weniger flach über die Zeitschriftentitel verteilt.
Damit wird der eigentliche Gegenstand der Betrachtung bei Hjørland
and Nicolaisen gegenstandslos, weil die Funktion entsprechend anpassungsfähig
ist. Dies ist auch der Grund, warum Garfield das BLS für
„single disciplines“ auch auf „science as a whole“
ausweiten konnte. Umgeformt ergibt sich a=c((ln p/ln k) +1). Für
eine Spezialbibliothek mit 900 laufenden Zeitschriften (Beispiel
s. „Origin of Life“) lässt sich ausrechnen, dass
in 20%=180 Zeitschriften 126=50*(ln 180/ln 30) +1) Aufsätze,
d.h.126/150 (150 Aufsätze in den 900 Zeitschriften) =84% abgedeckt
werden könnten. Mit nur 30 Zeitschriften würden 20%=6
Zeitschriften 76 Prozent abdecken.[->06]
Verallgemeinert
man diese Überlegung dahingehend, dass man für immer breitere
bzw. engere Themen entsprechende Verteilungen nach dem BLS konstruiert,
so ergibt sich [->07]
für beispielsweise 10.000 Publikationen, dass für die
„Zentralzeitschrift“ nicht eine, sondern 100 Zeitschriften
(für n0) anzunehmen sind, und dass entsprechend alle weiteren
folgenden Ränge durch 100 geteilt werden müssen.
Vergleicht
man damit idealtypisch die Abnahme der Publikationen pro Zeitschriftentitel,
im Sinne des BLS über einen weiten Bereich von etwa 8 bis 200.000
Publikationen pro Jahr und Thema (Abb.1 gestrichelte Linien), so
zeigt sich, dass bei etwa 200 Publikationen pro Jahr (hervorgehobenen
Kurve) eine neue Zeitschrift entsteht. Dies entspricht dem beobachteten
Fall, der bereits 1984 [->08]
bei der Entstehung der Zeitschrift „Origin of Life“
beschrieben wurde. Wir können somit zusammenfassen, dass ein
neues Spezialgebiet bei etwa 200–300 Publikationen pro Jahr
beginnt, wenn sich damit auch eine neue Zentralzeitschrift bildet.
Unter dieser
Betrachtung haben wir es heute mit ~100.000 Zeitschriften und ebensoviel
Spezialgebieten, die von 10 Mio. Wissenschaftlern betreut werden,
zu tun. Wenn rein rechnerisch jede wissenschaftliche Person eine
Zentralzeitschrift und rund 100 Kernzeitschriften regelmäßig
sichtet, dann werden diese im Durchschnitt von 10.000 Wissenschaftlern
weltweit gesichtet. In der Realität folgt aber diese Nutzung
auch einer schiefen Verteilung, weil auch jeder einzelne Wissenschaftler
unbewusst, aber aus eigener Erfahrung dem BLS folgt. Während
also beispielsweise „Nature“ oder „Science“
von fast allen Naturwissenschaftlern frequentiert werden, gibt es
zahlreiche Zeitschriften, die nur wenige Leser haben.
Die Abbildung
1 macht auch deutlich, dass das BLS weniger dem Potenzgesetz (power
law) folgt, wie es seit 1960[->09] immer wieder behauptet wird, sondern einer logarithmischen
Funktion, da sich die Geraden aus einer halblogarithmischen Darstellung
und nicht aus einer Logarithmierung von x- und y-Achse ergeben.
Dies ist aber eine Frage der Rangbildung.

Abb. 1: Vergleich der idealtypischen Abnahme
der Publikationen pro Zeitschriftentitel im Sinne des Bradford’s
Law of Scattering über einen weiten Bereich von etwa 8
bis 200.000 Publikationen pro Jahr (gestrichelte Linien).Bei etwa
200 Publikationen/J (hervorgehobenen Linie) entsteht eine neue Zeitschrift.
Im Prinzip
ist das BLS damit eine funktionale Darstellung der Interdisziplinarität
bzw. der „unity of science“ [->10], das durch die beiden Konstanten c und k, der Größe
und der Vernetzung eines Themas in der Gesamtwissenschaft Rechnung
trägt. Wenn in diesem Zusammenhang Hjørland und Nicolaisen
meinen, dass „the social sciences are generally considered
very interdisciplinary“, und dass BLS dem nicht genügend
Rechnung trägt, so ist dies zweifellos eine Fehleinschätzung
des BLS, weil dieses nicht a priori eine endgültige Festlegung
trifft, sondern gerade durch c und k an die jeweilige Thematik,
Problematik, Fragestellung, Recherche, etc. angepasst wird.
Es war zweifellos
ein großer Erfolg der Bibliotheks- bzw. Dokumentationswissenschaft
eine Formel für die Interdisziplinarität aller Wissenschaftsbereiche
gefunden zu haben. Um so bedauerlicher ist es, dass die eigene Fachwelt
über diese grundlegende Bedeutung des BLS so wenig Kenntnis
genommen hat, wie es in diesem Aufsatz erneut deutlich wird. Ansonsten
sollte man nicht übersehen, wie interdisziplinär
- Bibliothekswissenschaft
ist, da es Bibliotheken in allen Fachgebieten gibt;
- Mathematik
ist, da sie in fast allen Fachgebieten nutzbar ist;
- Jura
ist, da es kaum eine Disziplin im rechtsfreien Raum gibt;
- Physik,
Philosophie, Linguistik, Kunst, Chemie, Biologie, Astronomie sind,
...
Die Nutzung
und das Verständnis des BLS ist keine Frage eines „naïve
realism“[->11]
sondern, weil die Frage nach der Semiotik eines zu betrachtenden
Gegenstandes, eines Wortes oder auch einer komplexen Problematik
auf einer weit höheren Ebene liegt, eine Frage der wissenschaftlichen
Konzentration von Themen (Garfield’s Law of Concentration).
Sie beruht auf der Wahrscheinlichkeit, dass Wissenschaftler bei
gemeinsamen Problemlösungen bestimmte Zeitschriften bevorzugen.
Das BLS ist so gesehen ein Maß für die collaboration
in der Wissenschaft. Es hat insofern mit „axiological arguments“
nur sehr indirekt zu tun.
Wenn beispielsweise festgestellt
wird, “ Bradford multipliers vary from zone to zone”
[->12], so müssen zwei Fragen unterschieden
werden:
1. Ist die inhaltliche Festlegung beim „subject“
konstant, oder variiert sie von Zone zu Zone?
2. Ist die Variation ein systematischer Fehler oder eine zufällige
Streuung?
Grundsätzlich
geht es bei jeder Verteilung im Sinne Bradfords um inhaltliche Fragen,
wie „Applied Geophysics“ oder „Lubrication“.
Insofern ist es eine Fehleinschätzung, wenn es beim „lexical
scattering“ heißt, es müsse dem „Zip’s
law“ folgen, weil sozusagen Worte gesucht werden. Das Zipfsche
Gesetz gilt aber nur in einem Text mit der entsprechenden Syntax
und dem darin enthaltenen principle of least effort. Beim
BLS geht es aber grundsätzlich um die Verteilung von Begrifflichkeiten
auf Dokumente. Darin liegt auch die bereits erwähnte Fehleinschätzung,
dass das BLS ein Potenzgesetz sei.
Am Schluss
sei noch darauf hingewiesen, dass die Aussage „nobody have
thus far tried to outline the consequences of different conceptions
of ’subjects’ for Bradford’s law“[->13]
die wichtige Diskussion vieler Rechercheure über Relevanz,
Precision, Recall, Noise und Pertinenz völlig vernachlässigt.
Bei diesen „Onlinern“ wird das „Bradfordizing“
vermutlich weitaus häufiger eingesetzt, als Hjørland
und Nicolaisen vermuten. Denn es erleichtert nicht nur das Auffinden
von Aufsätzen und hilft Anfängern rasch zu erkennen, welche
Zeitschriften für sie besonders wichtig sind, es erhöht
auch die Wahrscheinlichkeit, gerade in diesen Quellen noch weitere
wichtige Publikationen zu finden, was dann allerdings den Groos
droop durchaus beeinflussen kann.
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-> 01] Garfield, E. "The
Mystery of the Transposed Journal Lists -- Wherein Bradford's Law
of Scattering is generalized. According to Garfield's Law of Concentration,"
Essays of an Information Scientist, Vol:1, p.222, 1962-73. "http://www.garfield.library.upenn.edu/essays/V1p222y1962-73.pdf
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-> 02] Umstätter, W.
und Rehm, M.: Einführung in die Literaturdokumentation und
Informationsvermittlung. K.G. Saur Verl. München (1981)
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03] nach C.F.Gauss
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04] Umstätter, W. und Rehm, M.:
Einführung in die Literaturdokumentation und Informationsvermittlung.
K.G. Saur Verl. München (1981)
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-> 05] Hjørland,
B. and Nicolaisen, J.: Bradford’s Law of Scattering: Ambiguities
in the Concept of "Subject". 2005, S.103
- http://www.db.dk/bh/Bradford_Colis5.pdf
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06] vgl. Umstätter, W.: Szientometrische
Verfahren. In: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation
/ Rainer Kuhlen u.a. (Hrsg.) 5., vollst. neu gefasste Aufl. München:
Saur, 2004. S. 237-243
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-> 07]
Umstätter, W.: Was ist und was kann
eine wissenschaftliche Zeitschrift heute und morgen leisten.
http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/pub2001f/JB02_143-166.pdf
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->08] Umstätter, W. und Rehm,
M.: Bibliothek und Evolution. Nachr. f. Dok., 35, 1984. S.237-249
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->09] Kendall, M.: The bibliography
of operational research. Oper Res. Quart. (1/2), 1960. S. 31-36
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->10] Hjørland, B. and Nicolaisen, J., 2005. S.100
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->11] vgl. ebd., S.101
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->12] vgl. ebd., S. 96
[zurück
->13] vgl. ebd., S. 97
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